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Um die Kaiserstadt

: Um die Kaiserstadt - Kapitel 16
Quellenangabe
type
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleUm die Kaiserstadt
publisherVerlag von Abel & Müller
year1913
illustratorHugo L. Braune
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160614
projectid6fce1c34
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Fünfzehntes Kapitel.

Der Kaiser Konstantin feierte seinen Sieg durch prunkvolle Spiele in der Arena. Die Anschläge auf dem Forum versprachen ein Schauspiel, wie es in Trier noch nicht gesehen worden war.

Hunderte von den gefangenen Franken, die nicht geeignet schienen, als hörige Bauern auf dem Lande zu arbeiten oder im Heer als Knechte zu frohnen, sollten den wilden Tieren vorgeworfen und spanischen Scharfschützen als Ziel ihrer Pfeile dienen.

Vor allem aber Merogais und Askarich, die Frankenherzöge.

Blauer Sonnendunst spann sich über das Amphitheater und kleidete alles in sein mildes Licht.

Wie ein dichtgewebter, bunter, indischer Teppich sah der Zuschauerraum des Theaters aus, Kopf an Kopf die Männer, gedunsen und schlaff von dem Prassen der letzten Tage, zitternde Hände und stiere Augen, die Frauen grell geschminkt, Tücher durch das kunstvoll aufgetürmte Haar geschlungen.

Gedämpftes Stimmengewirr. Die kaiserliche Loge wurde bewundert, der Thronsessel war mit frischen Blumen und goldenen Bandstreifen geschmückt. Hinter dem Cäsar hielten wie Standbilder von Erz zwei gebräunte Adlerträger mit blinkenden Feldzeichen.

Der rundliche Kopf des Kaisers mit dem glatten Mädchengesicht, das jetzt wieder heiter und furchenlos erschien, war mit dem Lorbeer des Siegers bekränzt. Neben dem Kaiser die jugendschöne Minervina, Crispus, das Söhnchen, die Hofbeamten, Eumenius, die Legaten und Obersten, endlich auch Romanus und Regia Donilla. Sie hatte ihren Willen durchgesetzt, während Budus Attulius mit seinen Söhnen drüben in seiner eigenen Loge saß und mit einer Art andächtiger Scheu nach seiner schönen Tochter hinübersah.

Regia, blaß und streng, überstrahlte mit ihrer Gewandung selbst Minervina; ihr Haar funkelte von Edelsteinen; eine rote Rose, von nagelgroßen Karfunkelsteinen gebildet, glühte wie ein Blutfleck im elfenbeinfarbenen Stirnband. Ihr Obergewand war ein Gewebe von Goldfäden, in das mit schwarzer und roter Seide die Szene eingestickt war, wie Medea ihren Bruder zerstückelt, um ihren Geliebten und sich zu retten.

Der Kaiser hob die Hand, die Orgel änderte ihre Weise, das Fest begann, ein Rudel Rehe flog in die Arena, von blutgierigen, thrazischen Gebirgshunden verfolgt, ein geweihbewehrter Bock stellte sich seinem Feind, vergeblich, er wurde niedergerissen und bald lag das flüchtige Wild der Wälder zerfleischt im Sande.

Es folgten einige Strauße, denen von libyschen Lanzenwerfern mit Speeren, die vorne statt der Spitze eine halbmondförmige Sichel trugen, die Köpfe vom Halse in geschicktem Wurfe abgemäht wurden.

Regia sah sich um, in ihrer grenzenlosen Vereinsamung und Verlassenheit wollte sie noch einmal die Hand Svanhilds drücken, die gute, treue, ein wenig schwere Hand, aber Svanhild war nicht zu erblicken, sie mußte sich leise davongeschlichen haben.

Als nun Tierkämpfer im enganschließenden Lederkoller eingelassen werden sollten, um ihre altbekannten Fechterkünste mit abgerichteten Tieren zu zeigen, erhob sich wie eine Sturmflut die Ungeduld des Volkes, die höchsten Galerien waren nicht mehr zu bändigen, man rief, man schrie, man brüllte nach den Herzögen der Franken.

Einer der lautesten Schreier war Varusius, der Lederhändler. Er hatte sich, als die Spiele angezeigt wurden, eine dringende Geschäftsreise ins Land der Menapier vorgenommen, aber Konstantin, der ihn mit vernichtender, höhnischer Nachsicht behandelte, hatte ihn aufgefordert, nur ja nicht das Schauspiel zu versäumen. Nun thronte der begnadigte Empörer in seiner Loge gerade gegenüber der kaiserlichen inmitten seiner Familie zwischen Söhnen und Töchtern.

Er hatte sich in der vergangenen Woche schon wieder einen Weg geöffnet, um einen Teil seines Vermögens zu retten, darum wölbte jetzt eine freche Siegeslaune seine Lippen.

Dem bedrohlichen Willen des Volkes beugte sich Konstantin, er befahl, Merogais in die Arena zu bringen.

Plötzlich hob sich an einer Stelle in der Mitte der Sand und aus einer Versenkung stieg der Gefangene aus.

Donnernder Applaus belohnte diese Überraschung.

Merogais, die stämmige Gestalt ungebrochen, wenn auch kerkerblaß, schüttelte sich einmal, ging dann ein paar Schritte und spießte das schlechte, kurze Schwert, das man ihm mitgegeben, verächtlich senkrecht in den Sand.

Er blickte mit Ruhe und Gleichmut auf die drei Löwen, die mit vorgeschobenen Tatzen aus ihrem Käfig hervorschlichen und den Kopf nach ihm wendeten.

Höhnisches Hetzen und Gebrüll des feilen Pöbels hagelte auf ihn herunter, der Gefangene stand regungslos und blickte aufmerksam hin und her, als suche er einen guten Freund.

Eumenius warf Romanus einen Blick zu, der sich in die Augen des Legaten bohrte und flüsterte dann: »Wer von uns würde so stehen?«

Romanus nickte zerstreut, er sah Regias holde Gestalt an und wußte keine Brücke zu finden zwischen ihrer glühenden Lustigkeit beim Brautfest gestern und ihrem verhaltenen, verschlossenen Wesen heute.

Wäre das alles erst vorüber, dachte er, und die Worte des Agritius sanken bei ihm in die Tiefe wie ein Stein ins Wasser.

Unterdessen hatten sich die drei Löwen näher an den einzelnen Mann herangedrückt, ihr knurrender Hunger trieb sie weiter.

Da begann Merogais wieder zu gehen, er hatte ein paar schwere Steinplatten erblickt, die da mitten im Kampfplatz neben der Versenkung lagen. Die schwerste ergriff er und wiegte sie prüfend hin und her.

Mit dem schlangenhaften Schweif die Flanken peitschend, folgten ihm die Löwen.

Die Zuschauer murmelten Beifall; es verspricht das ein spannendes Schauspiel zu werden, der Frankenherzog will sich mit den Steinplatten verteidigen, es ist doch mehr an diesem Franken, als man denkt, wie er die schwere Platte hebt, als ob sie ein dünnes Brett wäre!

Merogais schritt an den Rand der Arena, bedächtig ging er die Mauer entlang, die Löwen immer in gemessener Entfernung hinter ihm her. Nun befand er sich auf der anderen Seite gerade der kaiserlicher Loge gegenüber.

Dort saß der gute Freund, den er gesucht und gefunden hatte.

Plötzlich sprang der Franke mit seinem Stein ein paar Schritte der Mitte zu, wendete sich um, ein gewaltiger Schwung, ein Stoß, der Stein flog durch die Luft auf die Logen zu, ein Aufkreischen des ganzen Theaters, Varusius, der Lederhändler, sank unter der niedersausenden Steinlast ineinander wie ein schlecht geratenes Tonbild, das der Künstler mit einem Faustschlag zusammenhaut.

Niemand saß mehr, alles stand auf den Bänken, die Arena war vergessen, alles starrte nach der Loge des Lederhändlers.

Nur der Kaiser hielt unbeweglich mit seinem leeren, glatten Lächeln auf dem geschmückten Thron.

Da ein Ruf: »Wo ist der Franke, wo ist er, er verkriecht sich. Der Erbärmliche hat sich in dem Löwenzwinger versteckt, treibt ihn heraus!«

Eine Anzahl Fechter sprangen vor, während die Löwen sich zurückzogen; aber die Gladiatoren schleppten einen Toten heraus, Merogais hatte sich mit einem Fetzen seines kärglichen Gewandes in der Tiefe des Zwingers erdrosselt.

Konstantins Miene verzog sich, als habe er einen Löffel Essig geschluckt, das Volk brüllte, es war um sein Schauspiel betrogen, es heulte nach dem zweiten.

Der Kaiser winkte, wieder schnurrte die Versenkung, und Askarich tauchte aus, ungebeugt, schlank, nur mit einem Lendentuch bedeckt.

Jetzt war wieder Stille in dem weiten Raum.

Ob er die drei Tiere mit seinen sehnigen Armen angreifen wird? Coisis, der Verwalter von Fontium, der auch in der ersten Reihe saß, schien zufällig irgend etwas verloren zu haben, denn er bückte sich und tauchte hinter die Brustwehr und blieb für die Augen Askarichs unsichtbar.

Konstantin hatte das bemerkt und wollte gerade einen Boten absenden mit einer boshaften Bestellung, da geschah etwas Unerhörtes in der kaiserlichen Loge.

Regia Donilla war aufgesprungen, hatte sich vor dem Kaiser niedergeworfen und flehte ihn an um das Leben Askarichs.

So etwas war niemals geschehen, das war ein unfaßbarer Begehr, Romanus totenblaß, lehnte in seinen Sessel zurück, Eumenius war vorgesprungen und stand hinter dem Kaiser, die Legaten und Obersten, zuerst gleichfalls erstarrt, begannen zu grinsen und deuteten mit einer Schulterbewegung auf Romanus.

Der Kaiser schaute über Regia hinweg und sagte: »Du bist krank, Regia Donilla, geh nach Hause!«

Da reckte sich die Kniende glühenden Auges auf und ries: »Ich habe ihn dir gegeben, Cäsar, dort Eumenius weiß es, ich will ihn wieder haben, er ist mein, mein Eigentum, gib ihn mir!«

Konstantin streifte sie kurz mit einem kalten Blick, sah zu Eumenius hinüber und sprach dann kurz und bestimmt: »Man führe dies wahnsinnige Weib fort!«

Da schnellte Regia Donilla wie eine Pantherkatze in die Höhe, auf den Kaiser zu, in ihrer Hand blitzte der kleine Dolch, Eumenius und die Leibwache sprangen vor, der scharfe Stahl ritzte nur das Knie des Kaisers, die Rasende rang mit der Leibwache, stach einen, der sie hielt, in den Arm, Sessel und Bänke stürzten um, das Ringen ging bis an das marmorne Gesims, Regia schwang sich mit gellendem Schrei hinüber und fiel unten schwer auf den Sand des Kampfplatzes nieder.

Attulius heulte auf: »Mein Kind, mein Kind!«

Er bot jedem, der sie rettete, Säcke voll Gold, seinen ganzen Besitz; er stieß Flüche gegen den Kaiser aus, aber sogleich drangen Bewaffnete in seine Loge und führten ihn mit seinen Söhnen fort.

Schon stand Askarich neben der Gestürzten, er ergriff vorsichtig, schonend wie eine Mutter, seine liebe Beute, trug sie in eine Nische und schlang seinen Arm um sie. Was er raunte, hat keiner gehört als Regia Donilla. Die überwand ihren verzweifelten Schmerz, ein göttliches Leuchten strömte aus ihren Augen und sie bot ihre bebenden Lippen dem jungen Germanen zu einem langen Abschiedskusse.

Die Löwen, durch das Toben oben und die bleierne Stille jetzt verwirrt, hatten sich in ihren Zwinger zurückgezogen. Aber nun stürmten mit dumpfem Brüllen, durch scharfe Eisenstacheln gereizt, vier Bären in die Arena, unter ihnen aufrechten Ganges Murmula, die dunkelzottige Riesin aus den königlichen Wäldern an der Lesura. Mit geraden, langsamen Schritten ging sie aus die beiden Umschlungenen zu.

Wohl krampften sich Askarichs Arme um den braunen Pelz, aber die mörderischen Tatzen legten sich auf den keuchenden Leib, bis die Wirbel krachend voneinander sprangen.

Brüllend und grollend verteidigte Murmula ihre Beute gegen die anderen Bären.

Das war das Ende von Regia Donilla und Askarich.

Romanus starrte blöde um sich, alle Blicke wandten sich von dem Schauspiel unten wieder zu ihm, er wollte auf, er war wie gelähmt, er sah Eumenius mit verhülltem Gesicht auf die Brüstung gebeugt.

Da traf ihn das schneidende Wort des Kaisers: »Sie scheint viel von dir gelernt zu haben, Marcus Julius Romanus, mein Bruder Galerius hatte wohl Grund, dich zu fürchten!«

Romanus erhob sich schwankend, er ging unangefochten die breite, leere Treppe draußen hinunter, durch eins der großen Tore hinaus, über die menschenleeren Straßen, er ging zu Agritius, dem Bischof.

In die Wüste, seine Erlösung zu suchen.

Aber vorher schon hatte sich ein blinder Bettler, auf ein junges, blondes Germanenweib gestützt, aus dem Theater hinaus ins Freie getastet. Immer mehr richtete sich der Blinde aus, als ein starker, junger Held schritt er, seine blinzelnden Augen weiteten sich, fest und klar schaute er nach Norden, in die Heimat.

Durch die stille, verlassene Kaiserstadt schritten die beiden, über die Brücke kamen sie, ohne daß jemand sie anhielt.

Svanhild und Theuderich sahen nichts mehr von dem Greuel, das hinter ihnen geschah, sie hörten nicht mehr die Todesschreie von Hunderten von Franken, die von Tier und Mensch in der Arena vernichtet wurden.

Der blinde Bettler war sehender als alle anderen um ihn, er und sein Weib schritten nach Norden, als Eltern von Söhnen und Enkeln, die berufen waren, die germanische Brandfackel in das morsche, römische Trier zu werfen.

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