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Um die Kaiserstadt

: Um die Kaiserstadt - Kapitel 15
Quellenangabe
type
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleUm die Kaiserstadt
publisherVerlag von Abel & Müller
year1913
illustratorHugo L. Braune
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160614
projectid6fce1c34
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Vierzehntes Kapitel.

Es war ein leuchtender Oktobermorgen, die Sonne flimmerte milchweiß auf das Marmorgesims und die schlanken Säulen der städtischen Villa des Attulius. – Die Bäume und Büsche des Gartens prangten in gelb und rot, dazwischen zogen sich überall die schweren Rebengehänge von Stab zu Stab, zwischen den verfärbten Blättern drängten sich reich und prächtig die dunklen Trauben.

Auf der Straße stand Sakruna und hielt sein eigenes Pferd und das seines Herrn.

Er übte sein Gedächtnis, das ganz andere Dinge gewohnt war, am Taufbekenntnis der Christianer, das nicht in seinen Kopf hinein wollte; immer wieder begann er mit dem ersten Spruch, um kopfschüttelnd bei dem vierten oder fünften stecken zu bleiben.

Schlecht paßte zu den frommen Sprüchen eine frische Schramme und mehrere Beulen, die sein Gesicht verunzierten.

Er schwitzte Angst bei dem Gedanken, diesen Nachmittag beim Aufsagen vor dem unterrichtenden Diakon stecken zu bleiben. Ein gehöriger Zweikampf in der Arena war eigentlich doch noch leichter als die Gebete der Christen.

Im Empfangssaal des Hauses weilte Romanus bei Regia Donilla.

Regia blickte ihm gespannt in die Augen, er aber schien bester Laune, sprach vom Wetter, von der guten Aussicht des Weinbaues, von dem herrlichen Apfelschimmelgespann, das Konstantin aus Anlaß des Sieges seinem einzigen Sohn Krispus geschenkt hatte.

Aber Regia fragte nicht, sie hörte ihm nur aufmerksam zu und antwortete einsilbig.

»Nun, Regia, gestern redetest du nur von dem gefangenen Barbaren und heute fragst du nicht einmal danach?«

»Was soll ich fragen, da du doch gekommen bist, mir Nachricht zu bringen?«

»Also höre die Fügung der Götter: Askarich, der Frankenherzog, ist im Laufe dieser Nacht, vielleicht auch am Morgen ausgebrochen, die Schlösser sind zerschmettert, seine Ketten durchgefeilt, die Wächter lagen gefesselt und geknebelt in einer Ecke des Gefängnisses. Als die Ablösung kam und sie befreite, schnappten sie zunächst eine halbe Stunde nach Luft, dann erzählten sie, ein jeder für sich, daß sie nachts ein haariger Unhold überfallen, sie trotz kräftiger Gegenwehr überwältigt, gefesselt und geknebelt habe, dann gemächlich an das Öffnen der Zellentür gegangen sei, wie man aus dem leisen Schnurren und Pfeifen der Feile schließen konnte. Ein ruhiger, vierschrötiger Kerl sei's gewesen. Das Volk weiß schon davon,« fügte Romanus lächelnd bei, »es glaubt, daß Donar oder sonst einer der Germanengötter selbst gekommen sei, um Askarich zu befreien.«

Regias gefaltete Hände lagen in ihrem Schoße, ein rührender Ausdruck der Ergebenheit in das Schicksal prägte sich in ihrem blassen Gesicht aus.

Sanft legte sie ihren Arm um den Nacken des Legaten und sagte einfach: »Ich danke dir! So wollen wir heute abend, Marcus Julius Romanus, das Brautfest auf heimische Weise begehen, lade du deine Freunde, ich will Boten an die Freunde unseres Hauses senden!«

Die weiche, zarte Hingabe ihrer Bewegungen und ihres Wesens ließ die Schönheit Regias doppelt begehrenswert erscheinen, Romanus erschauerte vor seinem Glück, schloß das holde Wesen in die Arme und nahm Abschied bis zum Abend.

In Gedanken versunken schwang er sich aufs Pferd, das Sakruna hielt, in scharfem Trabe gings in die innere Stadt hinein, in der Richtung auf den Kaiserpalast zu.

Aber allmählich entsanken dem Sinnenden die Zügel, verwundert schaute ihm Sakruna zu, immer langsamer ertönte das Klappern der Hufe auf den großen Pflastersteinen der Straße.

Endlich hielt Romanus sein Pferd ganz an, schaute seinen Diener mit einem flüchtigen, unsicheren Blick an und sagte kurz: »Bringe auch mein Pferd in den Stall, ich habe noch einen Weg zu gehen!«

Wie ein Trunkener, der von inneren Stimmen und Gesichten weiter getrieben wird, wandelte Romanus weiter, bald blieb er stehen, bald ging er schneller, seine Hand streifte die herbstlichen Blätter der Buchenbüsche ab, die hier und da über die Zäune hingen.

So kam er bis vor das Haus des Bischof Agritius.

Der weißgekleidete Pförtner fuhr entsetzt zurück, als er den Krieger von hohem Rang durch die Fensterspalte erblickte.

Aber als der Ankömmling seinen Namen nannte, wurde er unter Entschuldigungen mit freundlichem Gruß eingelassen.

Der enge, schmucklose Empfangsraum nahm ihn auf; kahle Wände, nur dem Eingang gegenüber mit unerfahrener, stümperhafter Hand ein Spruch hingemalt, den starrte Romanus an und las: »Die Welt vergehet mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der lebt in Ewigkeit!«

Er richtete sich auf, zog die Brauen zusammen, stemmte die Hand in die Seite und ging mit großen Schritten hin und her, so daß das enge Zimmer vom Klang seiner Soldatenstiefel tönte.

Als Agritius eintrat und dem Freunde die schmale Hand entgegenstreckte, lächelte Romanus seltsam gezwungen.

Der Bischof hieß ihn sich auf die Steinbank setzen und sprach: »Der Ruhm deines Sieges ist bis in mein armes Haus gedrungen, Romanus!«

Der hob den Kopf und sagte fest: »Ja, ich habe viel erreicht, seitdem wir uns nicht mehr sahen.«

»Du weißt,« sagte Agritius einfach, »wie sehr ich Anteil an dir nehme.«

»Der Kaiser hat mich zum Legaten ernannt.«

»Siehe, Romanus, man kann dir unaufhörlich Glück wünschen!«

Beinahe scheu sagte Romanus: »Des Attulius Reichtümer sind mein!«

»Wie das?«

»Ich feiere heute mit Regia Donilla das Brautfest!«

Ernst entgegnete der Bischof, indem er vor sich niederblickte: »Auf dir liegt des Glückes schwere Hand, du weißt nun, was volles Glück ist!«

Da vollzog sich plötzlich in Romanus eine heftige Veränderung, er sprang auf, ging ein paar Schritte, blieb stehen und sagte dann hastig: »Nein, ich weiß es nicht, nichts weiß ich vom Glück! Ich war unterwegs zum Kaiser, um ihn zum Brautfest zu laden, da zählte ich mir, wie eben dir, mein Glück auf, da kam die grenzenlose Leere über mich, da kam ich mir arm und verlassen und hilflos vor. Bin ich nicht dicht vor dem Ziel, habe ich nicht alles, was mir den Weg öffnet, den ich gehen wollte, und doch, ich habe ja nur eine leere Hand, Agritius, Freund, was ist das doch, das uns so entrinnt, wenn wir es zu halten glauben?«

Agritius sah den Erregten mit strahlenden Augen an: »Lernten wir nicht bei unserem Lehrer Plotinus in Alexandrien das Irdische hier, das die Menge Glück nennt, als das Unwirkliche anzusehen und zu verachten?«

»Aber was tun, wie weiterleben mit dieser heimlichen, heimtückischen Wunde?«

»Heimlich mag sie sein, heimtückisch ist sie nicht, und deine Wunde wird deine Heilung sein. Mir ist es auch einmal so gewesen, bei Lärm und Tanz und Saitenspiel zu Bubastis; ich ging meinen Weg weiter, bis die Erleuchtung kam, das innere Glück läßt sich noch weniger zwingen als das äußere, es kommt eines Tages jedem Suchenden von selbst. Wer weiß, wie nahe du mir noch einmal sein wirst. Ich hoffe auf meinen Herrn!«

Romanus hielt versunken die Hand des Freundes, dann sagte er leise: »Komm du zu meinem Brautfest.«

Da antwortete Agritius kopfschüttelnd sanft: »Es ist mir versagt, an Festen teilzunehmen, aus denen man den Dämonen opfert. Aber ich wünsche dir den Frieden, gehe hin und finde dich, finde dich zu meinem Herrn.«

* * *

Wie eine Lichtinsel tauchte das Haus des Attulius aus den vom Herbstabend überdunkelten Gärten auf; das schaulustige Volk stand am Gitter auf der Straße und bewunderte die Last der Blumengewinde und die verschwenderischen, goldenen Verzierungen des Dachfirstes, die im Feuer der Fackeln und brennenden Pechkörbe doppelt hell ausleuchteten.

Diener gingen mit kostbarem Gerät geschäftig hin und her, und als Regia mit Romanus die Stufen hinabschritt, schwenkte man die Hüte und rief: »Du sollst glücklich sein!«

Im Haustempel war alles zum feierlichen Opfer hergerichtet, die Bilder der Götter geschmückt, die Geschenke bereit, das Kohlenfeuer für die Räucherung angeblasen.

In einer halben Stunde wurden die Gäste erwartet, Attulius, der seine Rührung kaum verbergen konnte, machte sich eifrig mit der Auswahl der Weine zu schaffen, er kostete, ließ das köstliche Naß auf der Zunge rollen, stellte diesen Jahrgang zurück, ließ den anderen herbeibringen und gab genaueste Anweisung über die Reihenfolge.

Romanus hielt seine Braut umschlungen, und so verloren sich die beiden in die entfernteren Gänge des Gartens, der weiße Kies schimmerte hier nur matt, tiefe Schatten breiteten sich, und oft mußte Regia den richtigen Weg weisen, wenn allzugroßes Dunkel sie an die zugestutzten Wände der Gebüsche anstoßen ließ.

Romanus hatte ein paar Gläser Wein getrunken, seine schweren Gedanken zurückgedämmt und genoß Regias anmutvolles, scheues Wesen.

Das war nicht die kecke, stolze Tochter des Attulius, die auf jedes Wort eine scharfe, lustige Antwort hatte, der leise Hauch leidvoller Ergebenheit, das Gefühl, ihrer Liebe das größte Opfer gebracht zu haben, machte ihre Stimme sanft und klar. Romanus erklärte sich diese Wandlung auf seine Weise und freute sich darüber.

Noch nie hatte auf den verwöhnten Römer eine Frau solchen Eindruck gemacht, als dieses wechselvolle Mädchen, das Glut und Eis in einer Gestalt zu sein schien.

Von seiner Unterredung mit Agritius, von seiner zerbrochenen Stimmung sagte er nichts, fühlte sie auch kaum mehr, mit übertriebener Lustigkeit sprach er auf Regia ein: »Wir werden nicht lange hier in Trier bleiben, nicht lange werde ich Legat sein, Höheres soll mir gelingen, Regia!«

»Ich möchte in den stillen Hainen von Noviomagus hausen, Romanus, fern von allem Ringen nach Ruhm und Macht!«

»Das sagst du, Regia, die du dich nach den Festen des Hofes sehntest, nach Prunk und Sieg?«

Und als die Tochter des Attulius schwieg, fuhr Romanus mit eindringlicher Stimme fort: »Nein, unsere Ernte reift nicht hier in Gallien, wenn ich erst Feldherr bin und ein Heer ergeben auf meinen Wink wartet, dann will ich zeigen, daß meine Pläne nicht eitles Gerede waren, dann will ich nach Rom, Maxentius, der Kaiser in Rom, ist ein elender Schlemmer, ein Urenkel von Kaisern wird ihm seine unverdiente Würde nehmen, eine starke Hand wird ihm das Diadem von der Stirn reißen, und die Hand ist es, die deine holde Wange streichelt, Regia!«

Da brach es durch die Büsche und auf dem runden Schmuckplatz, auf dem die beiden standen, zeigte sich eine hochgewachsene Gestalt, das goldene Haar schimmerte durch die Nacht, die breiten Schultern, die bleichen, versteinerten Züge Askarichs.

Eine Weile standen die drei regungslos.

Dann brach Regia Donilla in die Knie und jammerte mit hochgehobenen Armen: »O, ihr Götter, ihr Götter!«

Jetzt erst erkannte Romanus den Gegner, er machte eine Bewegung, um ihn mit dem Schwerte anzugreifen, nur ein dumpfer, knirschender Laut kam über seine Lippen.

Regia warf sich zwischen die beiden, Romanus, fluchend, drängte sie hart zurück.

Aber nun wollte Askarich auf ihn los, Romanus hob wieder das Schwert.

Da rief plötzlich Regia mit zischender Stimme: »Ich verachte dich, wenn du den Waffenlosen mit dem Schwert angreifst!«

Romanus warf das Schwert weg und als zwei Ringer suchten sich die beiden Gegner zu fassen.

Regia, bleich und bebend, lehnte an der rauhen Rinde einer Ulme und starrte aus das Verhängnis.

Jetzt scharfes Stöhnen der Männer, jetzt hatte der Franke seinen Gegner gefaßt, Romanus strauchelte, fiel, lag auf dem Rücken.

Regia wollte etwas rufen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt.

Da schrie Romanus gellend: »Hilfe, Hilfe!«

Askarich kniete auf seinem Feind, er machte eine Bewegung zu Regia hinüber, als er diese aber zusammengesunken am Wurzelwerk der Ulme kauern sah, zögerte er.

Nun irrten Fackeln aus den Wegen herbei, Sklaven drängten heran, sie warfen sich in Übermacht aus den Franken, der sich willig fesseln ließ.

Mit starker Bedeckung brachte man Askarich wieder zum Gefängnis.

Unterdessen strömten die Gäste in die Villa des Attulius. Das Brautfest begann, Regia und Romanus, die beiden Bleichen, vom Schicksal Berührten empfingen die Glückwünsche der Freunde des Hauses, die Eumenius, der Redner führte.

Den Dienern und Sklaven war Schweigen über den Vorfall im Garten eingeschärft, doch verbreitete sich bald die Nachricht, daß der entflohene Franke wieder eingefangen sei.

Laut, so daß Regia es hören konnte, erzählte einer der Gäste: »Nun wird er uns nicht mehr entgehen, dieser Hund Askarich, nun wird er und sein Genosse Merogais, und werden tausend Franken das Siegesfest des göttlichen Cäsar Konstantin in der Arena schmücken, die Bestien werden nicht wissen, wohin bei so vielem Fleisch!«

Da hob Regia den Becher, trank ihn aus und rief mit schrillem Lachen: »Ja, er ist wieder gefangen, nun will ich, das hat mir Romanus versprochen, in der Loge des Kaisers seiner Hinrichtung in der Arena beiwohnen!«

Romanus sah sie scheu von der Seite an, seine Schultern, auf die der Franke ihn geworfen hatte, brannten ihn, als wäre ein entehrendes Zeichen hineingeglüht, und als er beim Mahle Regias Hand ergriff, war es wieder die kalte, leblose Marmorhand.

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