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Um die Kaiserstadt

: Um die Kaiserstadt - Kapitel 14
Quellenangabe
type
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleUm die Kaiserstadt
publisherVerlag von Abel & Müller
year1913
illustratorHugo L. Braune
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160614
projectid6fce1c34
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Dreizehntes Kapitel

Während man die Masse der gefangenen Franken in den Kellern der Arena und der Stadtmauer, sogar in den Verließen des Kaiserpalastes untergebracht hatte, lagen die Edlen und Führer, vor allem Merogais und Askarich, in den festesten Zellen des städtischen Gefängnisses.

Als Konstantin, nur von Eumenius begleitet, sich den dreifach verschlossenen und verriegelten Raum aufschließen ließ, erblickte er zunächst nichts als das goldene Haar über der zusammengekauerten Gestalt des kettenbeladenen Gefangenen, alles andere, Gesichtszüge, Augen und Mund war unsichtbar im trüben Dämmer.

Askarich blieb liegen, wie er lag.

Der Anblick war so jämmerlich, daß Konstantin ein paar spöttische Worte, die er sagen wollte, verschluckte und nach einer Weile, als Askarich schwieg, zu reden begann: »Askarich, der römische Kaiser fragt dich, hast du einen Wunsch?«

Askarich schwieg, er schüttelte den Kopf.

»Dein Schicksal ist furchtbar!«

»Nicht so furchtbar, als ich es verdiene, Konstantin!«

Eumenius und Konstantin blickten sich an, dann fragte der Kaiser kurz: »Wie meinst du das?«

Askarich blieb stumm, der Kaiser zuckte die Achseln, dann sagte er plötzlich leichthin: »Wenn du deine Freiheit wiederfinden willst, so wäre der beste Weg, wenn du mein Führer sein würdest in die fränkischen Lande unten an Rhein und Maas.«

Der Gefesselte murmelte vor sich hin: »Ein Verrat, meinst du, wäre auch noch einen zweiten wert.«

Die Ketten rasselten, Askarich warf den Kopf in die Hände und blieb so.

Konstantin, dem die Kellerluft den Atem benahm, sagte rasch und unwirsch, um zum Ende zu kommen: »Manchem deiner Volksgenossen, der jetzt in meinem Heer ein Feldherr ist, ging es ähnlich wie dir, wir ehren Kraft und Tapferkeit!«

Scharf und schneidend schrie Askarich: »Ehrt, wen ihr wollt, nicht mich. Sucht euch andere Führer!«

Aus Konstantins Gesicht zeigte sich das gefährliche Grinsen, beinahe wie ein feilschender Handelsmann sprach er kurz: »Ich will aus deine Führerdienste verzichten, du magst so in mein Heer treten, es ist schade um solch einen Schwertarm,« fügte er, als wolle er sich entschuldigen, zu Eumenius gewendet hinzu.

»Niemals,« stieß Askarich hervor, »ich will meine Schande tragen und büßen.«

Konstantin gab dem Redner ein Zeichen, dann begann er wieder: »Merogaisus, dein Leidensgenosse, denkt anders darüber, er hat für die Erlaubnis, der letzte meiner germanischen Reiter werden zu dürfen, den Saum meines Gewandes geküßt.«

»Das lügst du,« rief Askarich fast so hell wie in früheren Tagen, und Konstantin wagte nicht, dem kurzen Blick des elenden Gefangenen standzuhalten.

»Gut, wie du willst,« sagte er kalt und bestimmt, »du hast damals in der Arena soviel Mitgefühl mit den Häuptlingen der Pikten geäußert, ihr Schicksal wird das deine sein.«

Einen Augenblick sah Askarich auf, dann sank sein Kopf wieder in die Hände, und Konstantin mußte die Zelle verlassen, ohne noch einen Laut von ihm gehört zu haben.

* * *

Der Pförtner der städtischen Villa des Attulius hing sich geschwätzig an Eumenius und erzählte ihm im Fluge alles, daß Regia von der Gefahr noch ganz erschöpft sei, daß Romanus täglich bei ihr weile, daß man das Brautfest vorbereite.

Aber der Redner schüttelte den Alten ab und stieg schnell zum ersten Stockwerk hinauf, wo das Empfangszimmer der Herrin war.

Schwere Vorhänge aus persischem Gewebe, reich verziert, ließen nur wenig von dem hellen Herbstlicht hinein.

In einem tiefen Lehnsessel lag Regia, sie erhob sich müde und begrüßte den alten Gast des Hauses mit matter Stimme.

Eumenius wünschte Glück zu der Ernennung des Romanus zum Legaten.

Kaum, daß Regia dankte.

»Mein Töchterchen ist noch nicht im Gleichgewicht nach den Schrecknissen der letzten Zeit!«

Regia antwortete nur durch ein leichtes Nicken, sie biß ihre Unterlippe, in ihren Augen standen Tränen.

»Es muß entsetzlich gewesen sein, so in den Händen von Barbaren!«

»Sie haben mir kein Leid angetan; wir armen Frauen, wir kommen immer in die Hände von Barbaren!« entgegnete Regia kaum hörbar.

»Gleichwohl,« sagte Eumenius eifrig, »sie haben ihre Strafe, eben komme ich vom Kaiser, der verordnet hat, daß sie bei den nächsten Spielen in der Arena ...«

Er konnte den Satz nicht vollenden.

»Entsetzlich,« stieß Regia Donilla hervor.

»Aber weshalb denn, mein Töchterchen,« fragte der Redner verändert.

»All die Tausende werden mit Fingern auf ihn zeigen und sagen: »Das ist der Räuber der Regia Donilla, und das Volk wird flüstern, ich sehe tausend grinsende Fratzen mich anstarren, entsetzlich ist es, daran zu denken. Das darf nicht sein! Und bin ich nicht dort, ist es noch schlimmer.«

Eumenius sah die Erregte gespannt an und sagte vorsichtig: »Der Kaiser hat es so bestimmt!«

»Der Kaiser ist nichts, Eumenius, gar nichts, ich will nicht, es darf nicht sein, ich habe dir deine Bitte erfüllt vor drei Wochen in Neumagen, jetzt erfülle du die meine, ich fordere es von dir, bei allem, was dir heilig ist, beim Andenken meiner Mutter, du mußt es tun, Askarich darf nicht in die Arena!«

Eumenius, der zuerst gelächelt hatte, wurde ernst und sogar gedrückt, als er merkte, was in Regia vorging.

Er ließ sich schweigend in einen Sessel nieder und deckte die Hand über die Augen.

Dann sprach er leise: »Ich sehe dich leiden, mein Töchterchen, und wenn ich auch deine Not nicht ganz verstehe,« er strich sich über das glatte Kinn, »so ist doch ein Dienst des andern wert, an dem einen Manne liegt schließlich nichts.«

Ein dankbarer Blick Regias traf ihn.

»Aber wie?« fuhr er fort. »Bittet man den Kaiser, so heißt das bei Konstantin, es gerade tun, fremde Hilfe suchen, ist zu gefährlich und hilft nichts. Ich weiß nur einen Weg; du weißt, das Gefängnis steht unter dem Stadtbefehlshaber, wir müssen Romanus fragen!«

Regia war lebhaft aufgesprungen und stand neben dem Redner: »Geh, Eumenius,« rief sie, »sprich du mit ihm, deine Klugheit muß helfen.«

»Ich will es versuchen,« lächelte Eumenius und nahm eilig Abschied, »die Frauen sind wie die Götter, man weiß nichts Genaues von ihnen, sie sind immer anders, als man denkt,« murmelte er vor sich hin.

Kaum hatte sich der Vorhang hinter Eumenius geschlossen, als Regia nach Svanhild und den anderen Dienerinnen ries: »Schmückt mich, alles, was ich habe, bräutlich!«

Geschäftiges Huschen der Mädchen, die eine hielt den Spiegel, eine andere flocht das Haar, eine dritte band goldgewirkte Schuhe an, Duft köstlicher Essenzen erfüllte das Gemach.

Regia selbst wand sich seltenen Schmuck um Arm, Stirn und Brust. Die grünen, ägyptischen Edelsteine, mit geheimnisvollen Zeichen bedeckt, Perlen von Sidon und Smaragden aus den Tälern Ciliziens.

Als der Stadtoberst gemeldet wurde, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Svanhild, als die letzte, verschwand.

Romanus schloß Regia vorsichtig in die Arme und küßte ihren kalten Mund: »Sieh an, in Schmuck und Prunk, die Tage der Erschöpfung sind vorüber. Eumenius war bei mir, weshalb sagtest du mir deinen Wunsch nicht selbst?« Einen Augenblick hielt er inne und sah Regia prüfend an, dann fuhr er, als sie schwieg, fort: »Gut, wenn dich Askarich stört, bringen wir ihn im Gefängnis um, kein Mensch wird sich wundern, wenn wir ihm, wie es die Germanen wohl tun, den Strick um den Hals legen, als wenn er sich selbst erdrosselt habe.«

Regia lachte gellend, als habe sie eben das Lustigste von der Welt gehört, sie bekam plötzlich Leben, sie, die bisher des Romanus Werben kühl geduldet hatte, schmiegte sich an ihn, strich zaghaft über sein Haar und sprach schnell: »Du Kluger, merkst du denn nicht, daß sie dann erst recht auf dich und mich mit Fingern zeigen werden, das ganze Volk von Trier! Seht, werden sie sagen, Romanus fürchtet den Askarich noch in Ketten, er läßt ihn meuchlings erdrosseln ... Denn das glaubt dir ja keiner mit der Selbstentleibung ... Nein!«

Romanus genoß die Zärtlichkeit der Schönen und fragte: »Was willst du aber denn?«

»Ich will den Menschen nicht mehr sehen!«

»Ja, aber der Kaiser!«

»Ach, Romanus fürchtet sich vor dem Kaiser, Romanus, der einmal Regia erzählte, daß er in seinen Träumen mit Diademen spiele ... der fürchtet sich vor dem einen!«

Romanus saß auf der schweren Bronzebank; Regia, neben ihm, schlüpfte mit ihrer Hand in seinen gebogenen Arm, legte spielerisch seinen Mantel in Falten und beobachtete mit kokett schiefgelegtem Köpfchen die Wirkung, als ob ihr dies das Wichtigste von der Welt sei.

Plötzlich fragte Romanus unvermittelt: »Weshalb sorgst du dich überhaupt so um diesen jungen Barbaren?«

Regia antwortete langsam und tonlos, ihr Gesicht wurde maskenartig, ausdruckslos: »Er hatte mich in seiner Gewalt, dieser Barbar, er schonte mich, ich kann ihn nicht tot wissen, lebend kann ich ihn nicht ertragen. Schaff ihn mir fort, in seine Heimat. Aber besudele dich nicht mit seinem Blute, er war Gastfreund unseres Hauses!«

Dann warf sie sich hin in die Kissen, ein Schluchzen erschütterte sie und als Romanus sich über sie beugte, um sie zu beruhigen, faßte sie plötzlich seinen Kopf mit beiden Händen, sah ihm strahlend ins Auge und flüsterte: »Immer habe ich gezögert, ins Brautfest einzuwilligen, wisse, Marcus Julius Romanus, am Tage, da Askarich, den die Götter verfluchen mögen, aus Trier entwichen ist, wird Regia Donilla deine Gattin, nicht eher!«

Ein stilles Leuchten schien von der Gestalt des Mädchens auszugehen, wie sie groß und doch mit einem unbeschreiblichen Ausdruck schicksalgebeugter Ergebenheit vor dem Legaten stand.

Der bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und sprach leise: »Morgen wird Askarich entwichen sein, Regia, du Schöne!« Dann eilte er entschlossen in seine nahe Wohnung.

Sakruna wußte Rat; er nahm Geld, viel Geld, verschaffte sich Wein und ging, als die Nacht hereingebrochen war, an sein Werk.

* * *

Als Regia allein war, sank sie wie eine verlöschende Flamme zusammen, sie riß sich den Schmuck aus dem Haar und trat darauf, dann lag sie regungslos, als sei auch sie mit schweren Ketten belastet, auf ihrem Lager.

Endlich schickte sie Svanhild nach dem Stadtgefängnis, ob sie dem Gefangenen Nachricht geben könne.

Aber diese fand überall Wachen, die sie nicht anzusprechen wagte.

Doch plötzlich fuhr sie zusammen, ein Bettler zupfte sie am Mantel, mit schnarrender Stimme bat er um ein Almosen.

Dann aber sagte er auf fränkisch: »Es ist unmöglich, ihm Zeichen zu geben!«

»Ihr Götter, Theuderich, fliehe!«

»Unheil war über uns, Svanhild, Unheil!«

»Askarich wird morgen zur Flucht verholfen. Regia hat's gewirkt!«

»Morgen? Wann?«

»Wir wissen es nicht, Theuderich, hilf du nicht bei seiner Flucht! Fliehe du selbst!«

»Halt aus, Svanhild, ich werde dich holen kommen, die nächsten Tage, ich gebe Zeichen!«

Dann hinkte er eilig fort, da sich ein Wachtposten dem auffallenden Paare neugierig näherte.

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