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Um die Kaiserstadt

: Um die Kaiserstadt - Kapitel 13
Quellenangabe
type
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleUm die Kaiserstadt
publisherVerlag von Abel & Müller
year1913
illustratorHugo L. Braune
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160614
projectid6fce1c34
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Zwölftes Kapitel.

Romanus lag, ermattet von einer sechsstündigen Besichtigung der Stadtmauer, deren Verteidigung durch die städtischen Kohorten und die Bürgerwehr er sorgfältig vorbereitet hatte, auf der Lagerbank im Speisezimmer seiner Amtswohnung am Forum, als Sakruna eintrat.

Romanus hatte sein müdes Auge zwischen den Säulen hindurch über die zugestutzten Büsche und die weißen Kieswege des Gärtchens schweifen lassen. Nun schaute er den Boten an.

»Allein?« fragte er finster.

Sakruna überbrachte die Nachricht des Unheils, das in Neumagen geschehen war.

Der Stadtoberst fuhr mit heftiger, unbeherrschter Bewegung aus, als wolle er dem Fechter an die Kehle, ein wilder Fluch entfuhr dem Wütenden.

Sakruna hielt ruhig, ohne zu zucken, stand.

»Weshalb hast du sie nicht fortgetragen aus dein Pferd, Mensch?«

»Der Dolch, Herr.«

»Ach, Sakruna fürchtet sich vor einem Dolch in Händen einer Frau?«

»Sie sah wie eine Furie aus, sie hätte sich selbst getroffen, wenn ich sie angerührt hätte; würde ich dir eine Tote gebracht haben, du würdest mich erschlagen haben!«

Da schwieg Romanus, ging mit hallendem Schritt bis zu den Pfosten der Tür, griff in den Vorhang, der halb zurückgezogen dahing, mit beiden Händen hinein und zerriß mit einem jähen Ruck das feine Gewebe. Als habe ihn der helle Ton zur Besinnung gebracht, wandte er sich nun beruhigt zu Sakruna und fragte mit gedämpfter Stimme: »Wie groß ist der Schwarm?«

Der Fechter gab feine Schätzung: »Etwa dreitausend Mann.«

»Eile! Laß durch unsere Diener alle Befehlshaber und Hauptleute ins Stadthaus rufen, auch den Senat.«

Im Sitzungssaal drängten sich die Väter der Stadt, Sekundinus Sekurius und die höchsten Beamten, die Oberpriester, die Hauptleute; es war schon etwas von der neuen Frankengefahr im Volk ruchbar geworden.

Als Romanus unter sie trat, war kaum mehr als eine Stunde vergangen, und doch hatte er schon die städtischen Kohorten in Marschbereitschaft setzen lassen und die mannigfachen Abteilungen der Hilfsvölker in Bewegung gebracht.

Der Stadtoberst stand auf der erhöhten Steinplatte der Redner.

»Hoher Senat,« begann er, »Bürger von Trier, Befehlshaber! Während unser Cäsar, den der Gott schützen möge, im Felde steht, hat ein Schwarm der gottlosen Franken in heftigem Vorstoß sich unserer offenen Landstadt Noviomagus bemächtigt und ist aus dem Wege nach Trier. Wir dürfen die Schande nicht erleben, daß Konstantin ruhmvoll aus dem Kampfe heimkehrt und eine zerstörte Hauptstadt vorfindet. Die Franken sind, wie sichere Boten melden, schon nicht mehr gar so fern von unserer Stadt. Wollt Ihr, daß Euere Frauen und Kinder in die unwegsamen Wälder und Sümpfe verschleppt, schmähliches Sklavenwerk tun müssen, wie damals, als die Alemannen in Trier hausten? Wollt Ihr, daß Euere Häuser eingeäschert. Euere Hausgötter verhöhnt und zerschlagen, Euer Reichtum fortgetragen, die Stätte Eures Wirkens den Wölfen zum Wohnplatz gegeben werde?«

»Schmach über den, der das will,« riefen Senatoren und Hauptleute durcheinander.

»Euch Senatoren rufe ich auf, geht Eurem Volk mit dem Beispiel voran, nehmt das Schwert und den Schild und stellt Euch mit den Euren aus die Mauer.«

»Wir wollen es!« riesen Grauköpfe und Junge.

Romanus warf einen kurzen Blick auf ihre verweichlichten Arme und ihre Schwerfälligkeit.

»Ich weiß es; ich werde, während Ihr die Mauer haltet, mit den Kohorten dem Feind entgegengehen. Die Reiter sollen ihn fassen und nicht loslassen, hinter der Ruwer will ich selbst ihn erwarten, aber der Ungewißheit einer Schlacht will ich dort nicht vertrauen, es wird nicht Feigheit sein, wenn ich mich von dort unter Abbrechung des Kampfes zurückziehe, bis unter die Mauern will ich die Franken locken, hier vor Euren Augen unter den Türmen unseres Stadttors will ich die Franken vernichten. Euere Pfeile werden sie treffen, das Geschütz aus der Torburg wird ihre Leiber zerschmettern!«

»So soll es sein,« riesen die Versammelten.

»Ja noch mehr, ich will versuchen, ihre Führer, die besten ihrer Sippe, in den Hofraum zwischen dem äußeren und inneren Gatter der Torburg zu locken.«

Ein alter, schmächtiger Getreidehändler beugte sich vor und klatschte begeistert Beifall, tosend fielen die anderen ein, als ob es sich um ein gelungenes Schauspiel im Theater handele.

Romanus wandte sich halb ab, als habe er einen schmählichen Streich empfangen, so sehr widerte ihn der plötzliche Kampfmut der Schwächlinge an, dann aber raffte er sich zusammen. Er gab bestimmte Weisung, wie jeder Turm und die Mauer selbst zu besetzen seien, wie das Nordtor in Verteidigungszustand gebracht, die Ballisten und andere Wurfmaschinen nachgesehen, geprüft und die Bedienungsmannschaft eingeschlossen werden müsse.

Den Senatoren empfahl er, das Volk für den Kampf zu begeistern und Getreide zu verteilen. Im Augenblick ersann er für einen jeden das richtige Amt.

Als er mit seiner Heeresmacht aus der Mainzer Straße auszog, war die ganze Kaiserstadt aufgewühlt und in Waffen. Aber nicht allzu viele nahmen das Schwert, die meisten standen müßig und schwätzend dabei, strömten zum Tor und wetteten, wie weit die Schüsse der Schleudermaschinen gehen würden und ob sie das vorgezeichnete Ziel träfen.

* * *

Auf den Rebenhügeln südlich der Ruwer bezogen die Kohorten von Trier abends ein Lager; die Reitergeschwader hatten den Feind von Noviomagus her begleitet und seine Stärke erkundet; sie meldeten jetzt, daß er Rigodulum überfallen und angezündet habe und daß er herannahe.

Romanus gab den Befehl, den Straßenübergang breit nach beiden Seiten hin zu besetzen und den Franken zwar entgegenzutreten, beim entschlossenen, letzten Angriff aber zurückzuweichen, um sie nach Trier zu ziehen.

In geschickter Weise breitete er seine Macht aus, so daß sie doppelt so groß erschien, als sie war.

Es war eine jener Nächte, die voll Licht zu schwimmen scheinen, obwohl kein Mond und keine Sterne leuchten.

Die Vorhut des Feindes traf nach einer Stunde auf die Posten der römischen Macht, da hielten die Franken an und lagerten sich auf dem anderen Ufer.

Romanus ließ sie unaufhörlich beunruhigen, bald im Rücken, bald von der Seite, bald ließ er Hörner blasen, als ob seine Kohorten zum Angriff schritten.

Er fühlte sich ganz ruhig und schaute wie verwundert in seine eigene Seele. Es war ihm, als ob er mit einem Gegner am Brettspiel sitze und Zug um Zug tue, als sähe er aus irgend einer Ferne auf diese Vorgänge hinab, sähe ganz von ferne, wie bei einem Schauspiel, Regia in Händen eines germanischen Schwarms, sich selbst in der nächsten Stunde vielleicht als Sieger, oder überrannt blutend in einer Feldfurche liegen.

Er fürchtete sich nicht dabei, er fragte sich nur, wofür kämpfst du, was tust du, wozu rettest du die Stadt dieser Barbaren vor einem noch barbarischeren Feind? Es kam so stark über ihn, daß er, nicht aus Feigheit, am liebsten sein Pferd angetrieben hätte, um fortzureiten, irgendwohin in eine Fremde, in eine Stille, in ein abgeschlossenes Tal, fort von allen Menschen. Aber dann stellte er sich wieder spöttische Gesichter vor, des Kaisers, des Eumenius, der anderen Heerführer, der Senatoren, des Agritius. »Er ist ein Feigling, große Pläne und ein klägliches Ende.«

Er haderte mit sich, er entsetzte sich vor dieser müden Schlaffheit, die ihn befallen hatte, mehr, als vor dem Tone der rauhen, fränkischen Gesänge, die über das Tal klangen.

Endlich, ein paar Stunden nach Mitternacht, erfolgte der erste Angriff der Feinde, er wurde abgeschlagen, aber Romanus hatte dabei seine ganze Macht zeigen müssen, darum zog er sich, als er Umgehungsbewegungen bemerkte, zurück und wußte als ein meisterhafter Feldherr die Franken an seine Fersen zu heften, ohne daß es zum Endkampf kam.

Wie die Sonne sich erhob, lag die Kaiserstadt mit ihren roten und schieferblauen Dächern unten im Tal, doch auch das Nachdrängen der Franken wurde immer heftiger.

Einen schmalen Waldstrich benutzte Romanus, um die größere Hälfte seiner Macht in dieser gedeckten Stellung seitwärts an den Berghang zu schieben, mit der Weisung, erst hervorzubrechen, wenn am Tor der Kampf im Gange sei.

Dann sandte er Sakruna zur Torburg, daß alles bereit gehalten und beide Tore, das äußere und das innere, weit geöffnet würden.

Schon sah man Askarichs schimmernde Helmzier, seinen flatternden roten Mantel, Romanus hörte seinen gellenden Ruf, wie er in der Mitte des Heerhausens rief: »Dort, Regia Donilla, Attulius' Tochter, steht der Tapfere, der nur fliehen und weichen kann, er wird mein Gefangener, dort ist Trier, die Kaiserstadt, jetzt freue dich des fränkischen Angriffs.«

Das brannte Romanus ins Herz, seine nächtlichen Gedanken waren verwischt, er biß die Zähne zusammen und murmelte: »Warte, du Hund!«

Da sah man Askarich mit weitausholender Gebärde den Keil der Edlen ordnen.

In dichtem Schwarm hatte Romanus die Seinen um das Tor gestellt, nun ließ er unvermerkt einen Zug nach dem anderen hindurch in die Stadt rücken.

Jetzt erhob sich der Schwertgesang der Franken und die keilförmige Rotte stürmte an, sie fand wenig Widerstand, in scheinbarer Flucht warfen sich die römischen Scharen entweder ins Innere der Torburg oder stoben zur Seite.

Nun stand auch Romanus im ersten Torbogen und gab ein Zeichen. Da begannen die Katapulten zu knirschen und sausend donnerten zentnerschwere Steine auf die Angreifer.

Aber Askarich drang mit den ersten durch das offene Tor in den Vorhof, das Gebrüll der Andringenden verdoppelte sich, als plötzlich Romanus und seine Begleiter verschwunden waren, zugleich aber rumpelte zwischen die in dichtem Strome stürmenden Franken das Fallgatter des ersten Tores nieder, einige Krieger wurden gequetscht, die Spitze des Keils aber abgeschnitten und in dem engen inneren Hof des Tores eingeschlossen.

Askarich blickte rundum, vorne die eisenbeschlagenen ragenden Flügel des inneren Tores, im Rücken das äußere Gatter und rechts und links überall oben Schießscharten, unten glatte Mauer.

Pfeilhagel und Steine prasselten von oben, die meisten der mit Eingedrungenen fielen, der Führer, der in rasender Wut das Gatter mit dem Beil bearbeitete, wurde von den in Masse eindringenden römischen Söldnern überwältigt und gefesselt in die Stadt geschleppt.

Romanus war durch ein Ausfallpförtchen wieder nach außen geeilt, die Franken, von dem mörderischen Steinhagel der großen Schleudern überschüttet, zogen sich langsam zurück, der Verlust ihres Führers verwirrte sie.

Nun drängen durchs neugeöffnete Tor die Mannschaften wieder heraus auf den Kampfplatz, andere Scharen brachen hinter dem Waldstreif her den Franken in den Rücken, die Reitergeschwader bedrängen sie von allen Seiten.

Romanus selbst an der Spitze seiner besten Kohorten sprengt den Rest auseinander, wenige verbargen sich waffenlos in den Wäldern, die meisten lagen erschlagen auf dem Kampfplatz, ein letzter Haufe ergab sich dem Sieger.

In ihrer Mitte hielten sie den Raub aus den Landstädten und die Sänfte mit den beiden Frauen.

Romanus mit blutigem Schwert, stand vor Regia Donilla.

Svanhild lag am Boden zu ihren Füßen und weinte schluchzend; Regia hatte sich stolz aufgerichtet, ein unbegreifliches Lächeln spielte um ihre bebenden, schmalgepreßten Lippen, ihre Augen schienen erloschen.

»Nun hat dich,« begann Romanus unsicher, »da du Sakruna nicht folgen wolltest, der rohe Barbar hierher gebracht. Weshalb der Dolch?« fragte er finster.

Regia schloß die Augen und legte den Kopf in den Nacken: »Wärst du selbst gekommen, ich wäre mit dir geflohen, aber der Fechter? Nein!«

»Du Herrische!« sagte Romanus leise.

»Der rohe Barbar ...« hauchte Regia fast unhörbar, »ist er gefallen?«

»Gefallen nicht, Regia, gefangen, fürchte dich nicht mehr!«

»Nein, ich fürchte mich nicht, Romanus, ich werde mich niemals mehr fürchten,« sprach Regia wie abwesend, dann schloß sie die Augen und wäre zu Boden gefallen, wenn Romanus sie nicht mit starkem Arm gehalten hätte.

Da öffnete sie die Augen: »Ich bin müde, Romanus, ich will ruhen,« sagte sie mit einer hilflosen Kinderstimme.

Das müßige Volk von Trier sammelte die Waffen der erschlagenen Franken, versuchte ihre Schwerter zu schwingen und hing sich die riesigen Holzschilde auf die saftlosen Arme.

Wein floß in Strömen, vor den Häusern der Reichen konnte trinken, wer wollte, die Kneipen wurden die ganze Nacht nicht leer, überall Tänzerinnen, Saitenspiel und trunkene Lieder.

Aber Romanus hielt seine Mannschaften zusammen und bewachte die Stadt bis zum Morgen, bis Konstantins Eilbote die Nachricht vom Sieg bei Ausava brachte.

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