Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/kraftr/kaiserk4/kaiserk4.xml
typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
correctorreuters@abc.de
senderGeorges Huberty
created20121203
Schließen

Navigation:

9. Mittel und Zweck

Als Nana Sahib dem aromatisch duftenden Wasser entstieg, fühlte er sich wie neugeboren, und nachdem er den vom Diener gereichten Trank geleert hatte, rann sein Blut feuriger durch die Adern. Schon sah er alles in freundlichem Lichte, aber noch diese Nacht zu Bahadur zu gehen, paßte ihm nicht, etwas anderes fiel ihm ein. Während er sich die frischen Kleider überwarf, gedachte er Isabels, wie schön sie noch war, wie verführerisch sie in der Toilette ausgesehen hatte, und sein Entschluß stand fest, nach langen Kriegsstrapazen den Genuß des Wiedersehens völlig zu kosten.

Er kannte die Räumlichkeiten hier; ohne zu fragen, fand er den Weg zum Schlafkabinett seines Weibes. Die Tür war nur angelehnt, es brannte Licht darin. Ohne sich durch ein Geräusch anzumelden, trat er ein.

Isabel saß in einem Lehnstuhle vor dem eleganten Pfeilerspiegel und machte Nachttoilette, und zwar allein, ohne fremde Hilfe. Eine Dienerin war nicht anwesend.

Das prächtige, schwarze Haar fiel entfesselt über die entblößten Schultern mit ihren runden, vollen Linien, der Pudermantel von weißer Wolle hing zurückgeschlagen um die volle, kräftig-üppige Gestalt.

Sie sah den Eintretenden im Spiegel und fuhr hastig herum.

»Ach – du bist es,« rief sie gleichgültig, »ich glaubte dich schon schlafend. Ich finde es übrigens sehr unschicklich, ohne anzuklopfen, mein Gemach zu betreten.«

Der Radscha machte, ihr im Spiegel bemerkbar, ein spöttisches Gesicht.

»Ich dächte, ich hätte das Recht, dich jederzeit und auch unangemeldet zu besuchen.«

»So, meinst du?«

»Denkst du anders, Ayda?«

»Nun, meinetwegen, obgleich ich seinerzeit mit dir ausgemacht hatte, daß du ohne meine Erlaubnis mein Schlafgemach nicht betreten darfst. Ich habe meine Dienerin zu Bett geschickt, sie klagte über Kopfschmerzen, und du hast immer Anlage zur Kammerzofe gehabt. So vertritt du sie denn.«

»Sehr schmeichelhaft! Seit wann bist du denn so zartfühlend gegen deine Dienerinnen geworden?«

»Ich bin's eben geworden.«

»Auch gegen mich?«

»Das kommt auf dein Betragen an. Ich hoffe, du weigerst dich nicht, die Kammerzofe zu vertreten.«

»Ich bin mit Vergnügen dazu bereit.«

»So schnüre meine Stiefel auf«

Sie hob nachlässig den mit einem gelben Schnürstiefelchen bekleideten kleinen Fuß und legte ihn auf ein nebenstehendes Taburett. Dabei fiel der gestickte Rand des kurzen Nachtrockes über die schöngeformte, kräftige Wade zurück.

Isabel kannte Nana Sahib ganz genau. Sie wußte, daß sie, wenn sie seine Sinnlichkeit reizte und ihm zugleich widerstand, alles, ja das Unmögliche erlangen, ihm seine wichtigsten Geheimnisse entreißen konnte. In den langen Jahren ihrer Ehe hatte sie nie davon Gebrauch gemacht, weil es nicht nötig gewesen. Sie verachtete diesen Mann übrigens im tiefsten Grunde ihres Herzens, sie ekelte sich sogar vor ihm.

Heute aber galt es, ihn zu benutzen.

Sie hatte sich auch nicht verrechnet, Nana Sahib war noch immer der alte, der sich als Kammerzofe gebrauchen und mit sich spielen ließ.

Seine Augen leuchteten beim Anblick des Fußes auf; wie elektrisiert stürzte er vor ihr auf die Knie und begann mit zitternden Fingern die Knoten der Bänder aufzulösen, die den kleinen Fuß bis hoch hinauf an die Wade einzwängten.

»Meine liebe Ayda!« murmelte er berauscht.

»O, das dauert lange, bist du ungeschickt! Mach schnell!«

Sie stieß ihn mit dem Fuß ins Gesicht.

Er sprang nicht wütend über diese Behandlung auf, nein, der stolze Radscha nahm den Stoß wie eine Liebkosung hin und preßte den Fuß an seine Lippen, ihn mit Küssen bedeckend. Er merkte daher auch nicht, welch ein Ausdruck von Verachtung und Widerwillen in dem schönen Gesicht lag, das sich über ihn beugte. »Bist du endlich fertig? So, nun den anderen. Tue doch nicht, als führtest du mich erst heute ins Brautgemach. Wir sind so lange schon verheiratet, und die letzten Jahre haben wir uns höchstens einmal in Gesellschaft gesehen.«

»Eben darum!«

»Ach was, sei kein Tor. Das ist längst vorüber. Ziehe den Strumpf aus! O, so ungeschickt! Du mußt doch erst das Band lösen.«

Kokett hob sie den Rock und ließ ihn das Samtband aufknüpfen, das nach französischer Art den seidenen, durchbrochenen Strumpf oberhalb des Knies umschloß.

Nana Sahibs Gesicht war mit einer dunklen Röte bedeckt, seine kleinen, stechenden Augen flammten, sein Körper wurde wie vom Fieber geschüttelt. Stürmisch umklammerte er plötzlich ihre Knie und drückte sie an sich.

Mit einer raschen Bewegung machte sie sich frei und schob den Stuhl so schnell zurück, daß er fast zu Boden gestürzt wäre.

»Ruhig Blut, edler Radscha, ruhig Blut!« scherzte sie. »Ich möchte dich noch immer darauf aufmerksam machen, daß wir über die Jugendtorheiten hinaus sind. Gib mir die arabischen Pantoffeln dort.«

»O, Ayda, ich mache wahrhaftig Ernst.«

»Unsinn, du treibst dein Spiel mit mir.«

»Ich schwöre dir ...«

»Was?«

»Ich liebe dich!«

»Hahaha, köstlich! Wie ein zwanzigjähriger Jüngling!«

»Ayda, du bist mein Weib!«

»Noch einmal: ruhig Blut! Zunächst habe ich mit dir ausgemacht, daß du mich nicht wie ein Haremsweib zu behandeln hast, sondern wie eine Engländerin, und dann weißt du, daß mit mir im Bösen nichts anzufangen ist.«

»Nicht im Bösen. Ich meine es gut!«

»Als englische Frau habe ich das Recht, dir die Tür zu weisen.«

»Das wirst du nicht tun!«

»Je nachdem du dich beträgst. Kammerzofe, stecke mir die Pantoffeln an die Füße!«

Gehorsam tat er es. Dann sprang er auf und begann mit funkelnden Augen im Zimmer umherzulaufen, während sie ihr Korsett aufnestelte.

»Himmel und Hölle!« stieß er hervor. »Was für alberne Gedanken mache ich mir? Ich, Radscha Nana Sahib, soll Bahadur fürchten? Lächerlich! Morgen will ich mit ihm reden; ich werde doch noch Siege erringen; heute aber will ich dich haben!«

Er wollte sie umarmen, doch gewandt wich sie ihm aus, schlüpfte ihm unter dem Arm hindurch und drückte ihm dabei das Korsett in die Hand.

»Nicht so hitzig, mein Freund!« lachte sie. »Wickle das säuberlich zusammen und lege es dort auf den Tisch. So ist es schön, so bist du artig. Erst mußt du dich selbst besiegen lernen, ehe du andere besiegen kannst!«

Sie hüllte sich in den Nachtmantel und wickelte sich fest ein, daß sich das weiche Gewebe eng an ihren Körper anschmiegte. Sie ließ sich wieder in den Lehnstuhl sinken und wippte mit dem kleinen, nackten Fuße den zierlichen Pantoffel.

»Nun laß uns noch etwas plaudern. Setze dich dorthin auf das Taburett, lieber Freund.

Halt, keinen Schritt weiter!« sagte sie plötzlich mit eisiger Strenge. »Du kennst mich, ich erlaube keine Übergriffe, wenn ich dich nicht selbst dazu auffordere. Ich bin noch wie früher.«

Er taumelte auf das Taburett nieder. »Weib, du marterst mich!« stöhnte er.

»Findest du mich denn wirklich so schön?«

»Schön wie eine Houri im siebenten Himmel«

»Das hast du mir lange nicht mehr gesagt.« »Weil ich mit Blindheit geschlagen war.«

»Sei artig, ich bin nicht so grausam. Da – fang!«

Wie ein Knabe fing Nana Sahib den ihm zugeschleuderten Pantoffel auf und steckte ihn an den Fuß zurück, immer wieder, und traf er ihn derb ins Gesicht, so lachte er mit ihr.

Trunken hingen seine Augen an der verführerischen Gestalt, die sich schäkernd im Stuhle hin und her bewegte.

»Ayda, wenn du wolltest – du könntest von mir verlangen was du willst! Nur kürze meine Qual, mein Blut kocht! Teufelin, du hast kein Herz!«

Er wollte näher rücken – ihre Hand wies ihn gebieterisch zurück, und er gehorchte.

»Eine Gefälligkeit ist der anderen wert,« sagte sie. »Wenn du gefügig bist, bin ich es auch!«

»Was willst du? Sprich!« stieß er hervor, ohne seine Blicke von ihr abwenden zu können.

»Willst du mir eine Bitte erfüllen?«

»Alles, alles!«

»Ich habe den Priestern Wischnus versprochen, ihnen ein Mädchen auszuliefern, eine Bajadere, die sich der verdienten Strafe durch Flucht entzogen hat.«

»Weiter nichts? Wo ist sie?«

»Sie steht unter dem Schutze Bahadurs oder der Begum.«

»O, verdammt!«

»Nun zauderst du wohl?« sagte sie achselzuckend. »Ja, mein lieber Freund ...«

»Nein, ich zaudere nicht! Aber wenn sie unter Bahadurs Schutz steht?«

»Sie wird nur von seinen Leuten bewacht. Dein Befehl würde genügen.«

»Wie heißt sie?«

»Sakuntala.«

»Sakuntala? Ah so, ich verstehe!«

Wild funkelten seine Augen. Er wußte, daß Dollamore einst der Geliebte seines Weibes gewesen. Damals war es ihm gleichgültig, jetzt wurde er sofort eifersüchtig. Er kannte auch die Umstände der Rettung Dollamores.

»Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein, du weißt, du hast gar keinen Grund dazu. Nun, wenn du nicht willst.«

Ayda hüllte sich fester in den Mantel, lehnte sich zurück und wippte mit dem Fuße.

»Teufel, ja, ich will es tun!« rief er heftig und sprang auf. »Was verlangst du?«

Sofort war auch sie aufgestanden, und es war vielleicht Zufall, daß sie nicht daran dachte, den Mantel festzuhalten, so daß er auf den Stuhl niederfiel.

»Nichts weiter als einen mit deinem Namen unterschriebenen Befehl, dem Vorzeiger desselben Sakuntala auszuliefern.«

Ayda eilte nach dem kleinen Damenschreibtisch, und mechanisch folgte ihr Nana Sahib, als würde er von einem Magneten mit unwiderstehlicher Kraft angezogen.

Papier wurde ausgebreitet, die Feder ihm in die Hand gedrückt.

»Was soll ich schreiben?«

»Dem Vorzeiger dieses wird Sakuntala ausgeliefert! Dein Name und Stempel darunter, und fertig!«

»Sie ist die Gefangene der Begum,« murmelte Nana Sahib. »Nein, es ist zu gefährlich!«

Da lehnte sich Isabel an ihn und stützte sich auf seine Schulter – die erste Vertraulichkeit heute abend.

»Willst du mir nicht den Gefallen tun?«

Schon kratzte die Feder über das Papier.

»Nun noch den Stempel.«

Er nahm von der Brust ein an goldenem Kettchen hängendes Petschaft und drückte sein Wappen unter die Schrift.

»Danke, dies war meine erste Bitte.« Sie verschloß das Schreiben.

»Deine erste?« fragte Nana Sahib zweifelnd.

»Nun ja, ich habe noch mehr mit dir zu sprechen.«

Sie ging zu dem Lehnstuhl zurück, wickelte sich wieder in den Mantel und ließ sich nieder. Nana Sahib sah, daß er jetzt ebensoweit war wie zuvor.

»Weib, du machst mich rasend!«

»Kann ich dafür? Ich habe dir nicht geheißen, mein Zimmer zu betreten. Entferne dich!«

»Ich fordere jetzt meine Belohnung!«

»Welche?«

»Dich!«

»Ah so! Für was?«

»Für den Befehl!«

»Hahaha, du bist reizend. Du forderst für die paar lumpigen Federstriche einen enormen Preis! Nein, nein, Nana Sahib, so billig bin ich nicht.«

»Du hast es mir versprochen.«

»Ich habe dir nichts versprochen. Ein andermal mußt du das vorher mit mir ausmachen – und mein Wort halte ich stets. Sieh, Nana Sahib, du hast dir wieder einen Sieg entgehen lassen. Ich sage es ja immer, ihr Indier versteht nie, die Gelegenheit nach besten Kräften auszunützen!«

Jetzt nahm Nana Sahib seine Zuflucht zum Zorn.

»Ayda, du bist mein Weib. Ich habe Rechte auf dich.«

»Gemach, mein Lieber, diesmal ist das Recht auf meiner Seite, nämlich das Recht des Stärkeren.«

»Oho!«

»Du würdest nichts mit Gewalt ausrichten.«

»Das käme darauf an.«

»Aber du würdest nichts erreichen. Blicke dich nicht um, du siehst keine Waffen, ich werde mich auch keiner bedienen wie damals, als ich dich nach einem Streit aus meinem Schlafzimmer jagte. Ich habe eine stärkere Waffe.«

»Und die wäre?« fragte er höhnisch.

»In dem Augenblick, da du dich mir handgreiflich näherst, rufe ich um Hilfe; man wird kommen und Nana Sahib, den Schlachtenlenker von Khanpur, auf den in Delhi jetzt alles wartet, bei mir finden.«

»Schlange!« zischte der Radscha.

»Nicht doch, mein Lieber! Setze dich und höre mir zu. Ich habe nur noch ein Verlangen, dann bin ich dein Weib und werde dir einen Rat geben, wie du Bahadurs Zorn bemeisterst.«

»Bah, Bahadur! Jetzt denke ich nur an dich.«

»Eben deswegen. Setze dich und höre mich an.«

Sie blendete ihn förmlich in ihrer Schönheit, und der Widerstand Nana Sahibs war gebrochen. Seufzend, das Gesicht vor Leidenschaft förmlich entstellt, ließ er sich auf dem Taburett zu ihren Füßen nieder. Sie duldete diesmal, daß er sich dicht an ihre Knie setzte.

»Ich will mich kurz fassen, um dein Warten abzukürzen. Im ersten Stock dieses Schlosses, nicht weit von den früheren Gemächern der Bajaderen, befindet sich ein Zimmer, in dem du Raritäten gesammelt hast. Kennst du es?«

Mißtrauisch blickte Nana Sahib auf.

»Ich verstehe dich nicht.«

»Verstelle dich nicht. Nur du besitzt den Schlüssel dazu, vielleicht auch noch Bahadur.«

»Welchen Schlüssel?«

»Du trägst ihn auf der Brust.«

Immer schwerer atmete Nana Sahib.

»Ayda, was weißt du von diesem Zimmer?« brachte er dann mühsam hervor. »Das laß mein Geheimnis bleiben. Genug, ich weiß, daß es Raritäten enthält, und von solchen bin ich ein großer Liebhaber. Besonders zweierlei hat's mir angetan: das eine ist ein Tigerfell, das andere ein in Spiritus gesetzter Arm.«

Der Schrecken überwog diesmal die Begierde. Er sprang auf und durchmaß hastig das Zimmer.

»Weib, woher kennst du dieses Geheimnis?«

»Ist eins damit verknüpft? Das wußte ich noch gar nicht. Was denn für eins?«

»Verstelle dich nicht! Was hast du vor?«

»Nun, wenn du glaubst, ich habe etwas damit vor, so vernimm auch, daß ich es dir nicht verraten werde. Nur das eine schwöre ich dir zu, daß ich nichts zu deinem Schaden tun werde.

Kurz und gut: verschaffe mir diese beiden Gegenstände, überlaß sie mir, und ich bin die Deine.«

»Nimmermehr!« keuchte Nana Sahib.

»Ah, du willst nicht? Das hättest du gleich sagen können. Dann bitte ich dich, mein Zimmer zu verlassen, ich will schlafen gehen.«

Sie erhob sich, warf den Mantel ab, trat vor den Spiegel und begann das aufgelöste Haar in einen Knoten zu schlingen.

»Wenn ich nur wüßte, wozu!« stöhnte Nana Sahib. »Wozu willst du sie haben, liebe Ayda?«

»Verlasse mein Zimmer!«

»Ayda!«

»Du willst bleiben? Dann spiele meinetwegen die Kammerzofe weiter. Aber beim ersten Übergriff schreie ich, daß der Ruf an das Ohr Bahadurs dringt. Ganz Delhi soll dann erfahren, daß Nana Sahib in meinem Schlafkabinett ist. Reich mir den Turban dort, den roten.«

Nana Sahib rang die Hände, während Isabel fortfuhr, sich zu entkleiden.

»Es ist unser wichtigstes Geheimnis!«

»Das ist mir gleichgültig. Ich liebe solche Raritäten.«

»Du weißt, was damit zusammenhängt. Wenn Bahadur die fehlenden Gegenstände vermißt!«

»Immer und immer Bahadur. Geh, du bist ein Hasenherz; es muß Havelock sehr leicht geworden sein, dich zu zwingen, ihm den Rücken zu kehren.«

Nana Sahib war jetzt gegen Beleidigungen völlig unempfindlich, Isabel hätte ihm noch etwas ganz anderes sagen können. In ihm kämpfte nur die sinnliche Begierde mit der Angst vor den Folgen, wenn er die Gegenstände – der Leser kennt sie – diesem ränkesüchtigen Weibe übergab.

»Ich kann nicht, Ayda, ich kann nicht!«

»Warum nicht?«

»Meine Sicherheit hängt davon ab.«

»Siehst du, wie du dich fängst? Wenn die Gegenstände fehlen, so glaubt Bahadur natürlich am allerwenigsten, daß du sie genommen hast. Es hat irgend einem anderen daran gelegen, diese Sachen zu stehlen.«

»Aber was bezweckst du damit?«

»Das geht dich nichts an. Jedenfalls nichts zu deinem Schaden – das schwöre ich dir.

Jetzt geh; du siehst, ich will mich ins Bett begeben.«

Nana Sahibs Augen verschlangen die Gestalt seiner Frau.

»Geh jetzt, ich befehle es dir, oder ich rufe alle Bewohner des Schlosses zusammen!«

»Hölle und Teufel, ja, ich gehe!« rief Nana Sahib und stürzte hinaus.

Aber Isabel stieg nicht ins Bett, vielmehr warf sie einen leichten, verführerischen Schlafrock über, der sie jedoch vollkommen verhüllte; denn sie wußte, daß Nana Sahib nur gegangen war, um mit dem Verlangten wiederzukommen.

Ach, wenn jeder Nana Sahib so gut gekannt hätte wie sie! Vorher jedoch ließ sie eine Klingel kurz ertönen.

Bald kam Nana Sahib auch zurück, in den Armen ein aus einer Decke hergestelltes Bündel tragend.

»Hier ist es, nun sei zufrieden! Verbirg es, und tu damit, was du willst.«

Sie beachtete den vor Verlangen Zitternden nicht, sie breitete erst die Decke auseinander.

Sie enthielt ein Tigerfell, in dessen Rücken die indischen Buchstaben N. S. eingebrannt waren, ferner ein Glas mit einem in Spiritus eingesetzten, menschlichen Arm, der am oberen Teile die Tätowierung Sirbhanga Brahma trug.

»Ich bin mit dir zufrieden, du sollst es nun auch mit mir sein,« sagte sie und verschloß die Gegenstände in dem unteren Hohlraum ihres Schreibtisches, wobei sie, zur größten Verzweiflung des Mannes, mit der äußersten Langsamkeit verfuhr.

Auch dann kam er noch lange nicht zum Ziel; doch er empfand keine Qual mehr, nur ein Anwachsen seiner Begierde. Sie scherzte und tändelte mit ihm und hielt ihn von Minute zu Minute hin.

Als er endlich energisch darauf bestand, seine Belohnung zu empfangen, suchte sie ihm schüchtern zu entfliehen, sie spielte mit ihm und wußte ihm immer wieder zu entkommen.

Schließlich konnte sie sich seiner nicht mehr erwehren. Als er sie mit zitternden Händen packte, bemerkte er nicht, wie sie fast angstvoll lauschte, welchen Abscheu vor seiner Berührung ihr Gesicht ausdrückte, er sah nicht den dämonischen Blick ihres Auges, dem des Panthers vergleichbar.

Da ertönte auf dem Korridor ein schneller Schritt, die Tür, welche Isabel anscheinend zu schließen vergessen hatte, wurde aufgerissen, und ein weiß-bärtiger Mann trat ein.

Isabel fuhr mit einem leisen Schrei auf und flüchtete sich in das Nebenzimmer, Nana Sahib aber stand wie vom Donner gerührt da. Der Eintretende war Bahadur.

»Du bist hier, Nana Sahib?« sagte er, halb erstaunt, halb drohend. »Du hast Zeit, mit einem Weibe zu tändeln, während ich mit Schmerzen auf dich warte? Was bedeutet das?«

Nana Sahib fand vor Bestürzung keine Antwort.

»Folge mir, ich will deinen Bericht hören! Ich ahne, was du mir bringst.«

Nana Sahib biß die Zähne zusammen, raffte sich auf und folgte mit trotzigem Gesicht dem Vorausschreitenden. Er durchschaute alles – Isabel selbst hatte Bahadur rufen lassen, sie hatte ihn geprellt. Doch jetzt war es zu spät.

Als einige Minuten später Isabel ihr Boudoir betrat, in welchem sie Besuche anzunehmen pflegte, befand sie sich schon wieder in empfangsfähiger Abendtoilette. Nur das unfrisierte Haar war von dem roten Turban bedeckt, der ihr aber vorzüglich stand.

Eine kurze Besprechung mit Babur, ein Briefchen, die dringende Ermahnung, sich unter keinen Umständen abweisen zu lassen, Babur ging, und Isabel war ihrer Sache sicher. Der geheimnisvollen, eindringlichen Einladung konnte ein junger Mann nicht widerstehen.

Sie hatte sich nicht getäuscht.

Nach einer Viertelstunde stand der Erwartete vor ihr, ein Jüngling mit edler Haltung und Physiognomie, in ein leichtes, faltiges Gewand gekleidet, am Gürtel den krummen, indischen Dolch.

»Radscha Sirbhanga, ich danke dir, daß du meiner Einladung Folge geleistet hast,« sagte Isabel und verneigte sich, wie sie es ehrfürchtiger nie vor Bahadur getan hatte.

»Dein Diener fand mich schon schlafend,« entgegnete Sirbhanga – oder, wie wir ihn noch nennen wollen, Eugen, »und ich bin gespannt, welch wichtiges Rätsel, von dem du schriebst, mir enthüllt werden soll. Wir kennen uns bereits, Ayda Nena Sahibs ...«

»Ich bitte, nicht so!« unterbrach ihn Isabel in einer Weise, als setze die Nennung dieses Namens sie in Zorn. »Ich wurde Duchesse genannt und bitte dich, diesen Namen beizubehalten. Warum, dies eben möchte ich dir erzählen.« Beide nahmen Platz. Eugen kannte dieses Weib, er war schon mit Mißtrauen hergekommen, und sein Argwohn wuchs von Sekunde zu Sekunde. Bestricken konnte Isabel ihn nicht durch ihre Reize, denn das Bild einer anderen war tief in sein Herz gegraben.

»Ja, ich bin das Weib Nana Sahibs,« begann Isabel, »leider bin ich an diesen Mann durch die Ketten der Ehe gefesselt, leider, denn ich verachte ihn unaussprechlich.«

Eugen machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich habe keinen Grund, Nana Sahib zu verachten, möchte ihn auch nicht verkleinert, haben, wenigstens nicht, wenn er nicht selbst dabei ist und sich verteidigen kann. In diesem Falle wird er an mir seinen Verteidiger haben.«

»Sehr edel gesprochen, Radscha, doch du verteidigst einen Unwürdigen.«

»Das müßte erst erwiesen werden.«

»Dies zu tun, habe ich dich rufen lassen.«

Ich habe keine Ursache, ihn verdächtigen zu hören.«

»Doch, du hast sie. Sirbhanga, dein edler Vater, fiel im Zweikampfe mit Nana Sahib.«

»Eben darum ist es meine Pflicht, diesen zu achten. Im anderen Falle müßte ich niedrig von meinem Vater denken, weil er sich mit einem Unwürdigen eingelassen hat.«

»Das hat er auch, allerdings unbewußt.«

»Wie, du schmähst meinen Vater?«

»Unbewußt, sage ich. Dein Vater, dessen Namen du führst, Sirbhanga Brahma, fiel nicht im Zweikampfe mit Nana Sahib; denn wie hätte sich dieser mit einem Krieger, wie Sirbhanga einer war, messen können?«

»Er fiel nicht im Zweikampfe?« staunte Eugen. »Was sonst?«

Langsam, jedes Wort mit Nachdruck betonend, entgegnete Isabel: »Nein, Nana Sahib hat ihn hinterlistig ermordet.«

Sprachlos saß Eugen da und starrte die Sprecherin an.

»Das ist nicht möglich,« brachte er dann hervor. »Du hast etwas vor, willst mir Haß gegen Nana Sahib einflößen, mich zum Werkzeug deiner Pläne machen.«

»Ich werde dir die Beweise der Wahrheit meiner Behauptung bringen.«

Sie holte das Tigerfell und den Arm herbei.

»Dieses Fell gehörte dem Tiger, den Nana Sahib auf Sirbhanga hetzte. Hier das eingebrannte Zeichen N. S. Hier der Arm Sirbhangas mit der Tätowierung. Wenn du die Geschichte des Zweikampfes gehört hast, so wirst du wissen, daß der linke Arm Sirbhangas nicht gefunden werden konnte – hier ist er, Nana Sahib war so unvorsichtig, ihn nicht zu vernichten, auch nicht dieses Fell.«

»Nein, ich kann es noch nicht glauben,« stieß Eugen hervor, »dies alles beweist mir noch gar nichts. Die Buchstaben können ...«

»In ein anderes Fell eingebrannt worden sein, natürlich,« unterbrach ihn Isabel spöttisch; »dann habe ich jemandem den Arm abgeschnitten und den Namen eintätowiert, ihn in Spiritus gesetzt – das ist auch ganz natürlich. Glaubst du, Sirbhanga, ich würde dir ein Märchen aufbinden, wo du doch vor Nana Sahib treten und Rechenschaft fordern kannst?«

»Das werde ich tun.«

»Du wirst es nicht. Bist du nicht begierig zu erfahren, warum dies alles geschehen ist?«

»Ja, warum? Ich kann es nicht begreifen.«

»So lerne es begreifen!«

Sie begann zu erzählen und holte weit aus. Dabei zeigte sich, daß sie sehr gut unterrichtet war.

Sie erzählte alles, schonungslos, von der auf eine Königin von Indien hinzielenden Prophezeiung, wie dazu nötig war, den Radscha von Dschansi zu beseitigen, weil eine Begum von Dschansi den leeren Thron einnehmen sollte – so lautete die Prophezeiung, wie Nana Sahib eine gezähmte Tigerin auf Sirbhanga hetzte, wie er floh, wie Reihenfels dazu kam, den Arm, die tote Tigerin und den halbtoten Sirbhanga fand, wie er jedenfalls ganz richtige Schlüsse zog und das Gefundene aufbewahrte, wie ihm dieses im Hause seines Vaters wieder entwendet wurde, und so weiter, und so weiter.

Daß sich Isabel eine solch komplizierte Reihenfolge von Tatsachen, Listen und Folgerungen zurechtlügen konnte, war ganz unmöglich. Eugen mußte an die Wahrheit glauben. Er war außer sich.

»Ich werde Nana Sahib zur Rede stellen, er soll seinen Mord zugeben, dann kläre ich Bahadur über seinen Charakter auf und werde den Mörder meines Vaters bestrafen.«

»Tu es nicht, Sirbhanga, es würde dir nichts nützen. Dies alles geschah auf Bahadurs Befehl, Timur Dhar lieh ihm die Hand dazu.«

»Was?«

»So ist es. Du bist ein Werkzeug der indischen Großen, deine Erziehung schon war geplant. Du bist von Timur Dhar geraubt und nach England entführt worden. Man ließ dich zum englischen Offizier erziehen, und als du reif warst und man dich brauchen konnte, machte man dich den Engländern wieder abtrünnig.«

»Ja, ich glaube dir,« stöhnte Eugen. »Es ist unerhört, schändlich. Was soll ich tun?«

»Sieh, ich teile dir dies alles mit, weil ich, obgleich anscheinend zur indischen Sache haltend, im Herzen doch eine Engländerin bin. Ich will dich, der guten Sache wegen, den Engländern wiedergewinnen.«

Selbst dies zu glauben, war Eugen jetzt geneigt. Finster brütend blickte er vor sich hin.

»Und Bega, wußte sie auch darum?«

»Welche Bega?«

»Die Begum.«

»Auch sie ist nur ein willenloses Werkzeug. Nein sie weiß nichts davon, nicht einmal, daß du sie liebst.« Betroffen blickte Eugen auf.

»Du sprichst in Rätseln.«

»Ich spreche von der Begum von Dschansi.«

»Sie ist – ich darf wohl sagen, meine Braut.«

»So?« erklang es spöttisch zurück. »Ich sage dir, die Begum kennt dich gar nicht, wie du nicht sie.«

Mit einem Zischen sprang Eugen auf, seine Hand fuhr an den Dolch.

»Genug nun, sprich nicht mehr davon!«

»Armer junger Mann, verzeihe mir, wenn ich dich so nenne,« sagte Isabel wie mitleidig, »hast du noch nie bemerkt, daß dich die Begum, wenn sie auf den Wällen steht, gar nicht beachtet?«

»Wohl, dann ist sie eine andere, dann muß sie ihr Ansehen als die kriegerische Führerin wahren. Das haben wir ausgemacht.«

»Nein, sie ist überhaupt eine andere. Die, welche du liebst, gibt sich mit Wissen der Fürsten für die Begum aus, sie sieht dieser ähnlich, das begünstigt die Täuschung. Sie ist indes nur eine Bajadere.«

Eugen war erstarrt.

»Was sagst du?«

»Armer junger Mann,« wiederholte Isabel mitleidig, »welch schändliches Spiel treibt man mit dir! Man hat dir Bega versprochen, oder sie verspricht dir vielmehr sich selbst, und sie ist doch nur eine Bajadere namens Kalidasa.«

Es dauerte lange, ehe Eugen eine Antwort fand.

»Sprichst du die Wahrheit?«

»Frage sie selbst! Gehe hin, frage sie, ob sie wirklich die Begum ist, oder ob sie Kalidasa, eine Bajadere Wischnus ist, und dann urteile!«

Zoll für Zoll sank Eugen zusammen, schlug die Hände vors Gesicht und fiel wie gebrochen auf den Stuhl zurück. Er bemerkte nicht den diabolischen Gesichtsausdruck des Weibes. Isabel hatte den ersten Teil ihres Planes erreicht, das andere spielte sich nun ohne ihr Zutun ab.

Plötzlich sprang Eugen auf und stürzte aus dem Zimmer, ohne Isabel noch eines Blickes zu würdigen.

»Gelungen!« triumphierte sie ihm nach. »Nun zerbrich Bahadurs Plan, junger Radscha – ich habe mich gerächt. Erst Bahadur, dann Dollamore, dann Nana Sahib – Schlag auf Schlag!«

Eugen eilte unterdes durch die erleuchteten Korridore nach jenem Viertel des Schlosses, in welchem er mit seiner Braut, der vermeintlichen Bega, so manche Kosestunde verlebt hatte.

Noch wußte er nicht, was er denken sollte. Noch war sein Herz nicht mit Zorn erfüllt – Klarheit wollte er haben, dann wollte er richten. Jetzt kämpfte er noch mit Zweifeln.

Er weckte einen Diener aus dem Schlafe, befahl diesem wieder, die Zofe zu wecken, und verlangte unverzüglich die Begum zu sprechen.

Schon betrachtete er finster die beiden Diener. Wehe ihnen, wenn sie wußten, was für ein Spiel mit ihm getrieben worden war.

Die vermeintliche Bega erschien im leichten Nachtgewand; verwundert betrachtete sie den mit verstörtem Gesicht vor ihr Stehenden, dann warf sie sich. an seine Brust.

»Was ist geschehen, Sirbhanga?« fragte sie ängstlich. »O, teile es mir mit, damit ich dir beistehen kann!«

Er drängte sie von sich und hielt sie auf Armeslänge ab.

»Nur einige Worte, eine kurze Erklärung!«

»Was hast du?« fragte sie verwundert, aber schon begann ihr Gesicht einen ängstlichen Ausdruck anzunehmen.

»Bist du das Mädchen, welches mich gepflegt hat, als ich verwundet lag?«

»Ja, warum ...«

»Bist du die Begum von Dschansi?«

Ein Zittern ging durch ihren schlanken Körper. »Man nennt mich so,« lispelte sie.

»Oder bist du Kalidasa, eine Bajadere Wischnus?«

Da war es vorbei. Mit einem Schreckensschrei wollte sie zusammenbrechen, doch Eugen fing sie auf und hielt sie.

»Noch eins,« fuhr er furchtbar drohend fort, und die Adern schwollen. »Was ist dir für deinen Betrug versprochen worden?«

»Sirbhanga!« schrie sie auf.

Er zog den Dolch aus der Scheide und zückte ihn auf sie. Da trat sie einen Schritt zurück, riß das Brusttuch auf und schaute ihn furchtlos an.

»Stoß zu, ich habe den Tod verdient!«

Er stieß nicht zu, sondern wandte sich verächtlich ab und verließ das Zimmer. Sein Herz war mit einem unsagbaren Haß erfüllt, doch nicht gegen diese, welche dem Befehle Bahadurs und der anderen gehorcht hatte. Ohne sich umzusehen, ging er seinem Zimmer zu.

»Sirbhanga!« tönte es ihm da nach. Jammer und Verzweiflung lagen in diesem einen Wort.

Einen Augenblick zögerte er, dann schritt er weiter.

Drinnen aber lag am Boden die Bajadere, schluchzte, jammerte und raufte sich die Haare.

Als sich nach langer Zeit der Verzweiflungsausbruch gelegt hatte, erhob sie sich. Ihr Gesicht war jetzt wie aus Marmor.

»Vorbei!« flüsterte sie.

»Die Priester klagen,« fuhr sie dann leise fort, den Blick ins Leere gerichtet, »daß Wischnu ihnen zürnt, weil er eines Opfers beraubt worden ist. Ich sehe, auch mir zürnt er, und was können wir armen Menschen tun, wenn die Götter nicht mit uns sind? Noch steht der Scheiterhaufen, seines Opfers wartend – ich will die Priester mit Wischnu versöhnen. Es war so schön, ach, ich träumte von einer noch schöneren Zukunft – vorbei!«

Sie horchte. Alles war still im Schloß. Da warf sie einen Mantel über und schlüpfte hinaus.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.