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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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8. Nana Sahibs Weib

Wie schon erwähnt, galt als sicherster Platz Delhis während der feindlichen Kanonade der Residenzpalast des Großmoguls, weil sich in die winkligen Gänge, geschützt von einer dicken Mauer, nicht so leicht eine Granate verirren konnte. So bewohnte auch die Duchesse einige Gemächer desselben, und als die Kanonade der Engländer für einige Tage schwieg, weil die Breschen geschossen waren, verließ sie doch das sichere Haus nicht, denn jede Stunde konnte der Sturm und damit wieder die Bombardierung der Stadt beginnen.

Man wartete sehnsüchtig auf eine Meldung Nana Sahibs, daß er einen Sieg über die Engländer erfochten hätte, aber der Radscha ließ nichts von sich hören.

Isabel kümmerte sich nicht viel darum, ob Siegesnachrichten eintrafen oder nicht. Es war ihr überhaupt ganz gleichgültig, wie es mit der Sache der Rebellen stand.

Sie beschäftigte sich vielmehr ganz allein mit ihren Privatinteressen; sie konnte vor Zorn rasen, wenn sie daran dachte, daß Emily durch den Tod, den sie selbst verschuldet, ihrer Rache entgangen war, denn ganz hatte sie diese noch nicht gestillt. Sie hatte es sich viel schöner ausgemalt, wie sie die verhaßte Schwester demütigen wollte.

Ferner kochte Isabel vor innerlicher Wut, weil sie bemerkte, daß man sie von Tag zu Tag mehr als einen überflüssigen Gegenstand behandelte. Weder die Begum, noch Timur Dhar, noch Bahadur kümmerten sich jetzt um sie. Man fragte sie nicht mehr wie früher um Rat; man brauchte sie während der Belagerung nicht, sie schien einfach Luft zu sein.

Das ränkevolle Weib, das überdies an einer Krankheit litt, die ihre Nerven bis zum Wahnsinn aufregte, brauchte Zerstreuung, die Befriedigung ihres Rachegelüstes war bei ihr zur Sucht geworden, sie dürstete nach etwas, sie sehnte eine Person herbei, an der sie ihre maßlose Wut auslassen konnte.

Ihre Diener liefen sämtlich davon, weil sie dieselben unbarmherzig schlug; ja, sie konnte sich nicht einmal beherrschen, ihre Wut nicht an toten Gegenständen auszulassen.

Solchen Ausbrüchen folgten Zeiten tiefster Abspannung.

Mußte sie nach dem Mittel greifen, sich aus der tödlichen Lethargie aufzuraffen, so brach auch sofort wieder die Leidenschaft hervor, ihren Haß an irgend etwas zu befriedigen.

Ha, wenn sie an Dollamore dachte! Diesen Mann hatte sie geliebt und er sie verschmäht, eine andere ihr vorgezogen, eine Bajadere! Sie wußte, daß diese Bajadere, Sakuntala, auf Befehl der Begum gefangengehalten, sonst aber gut gepflegt und behandelt wurde. Ihr Kerker befand sich ebenfalls in diesem Palaste.

Wenn Isabel diese in ihre Hände bekommen könnte! Wie wollte sie ihren Haß an der auslassen, derentwegen sie von Dollamore verschmäht worden war.

Isabel wußte ferner, daß Sakuntala streng bewacht wurde; denn die Priester Wischnus hatten einmal den Versuch gemacht, sich ihrer zu bemächtigen, um die Bajadere dem Scheiterhaufen zu überliefern, weil sie ihr Herz an einen Mann gehängt hatte. Das mußte mit dem Feuertode bestraft werden.

Die rachedurstige Frau hätte Sakuntala also gar zu gern in ihrem Besitz gesehen, aber wie sollte sie das machen? Die Begum darum zu bitten, war natürlich nicht angängig, ebensowenig Timur Dhar; denn dieser hatte mit jener einen Willen.

Sie dachte an Bahadur, bei diesem wollte sie einmal ihr Glück versuchen. Das früher so angesehene Weib durfte nicht mehr unangemeldet bei dem Peischwah eintreten, sie mußte um eine Audienz bitten, und es dauerte einige Tage, ehe sie vorgelassen wurde.

Der fast neunzigjährige Großmogul unterhielt sich mit Francoeur, als Isabel eintrat. Er hielt es nicht für nötig, dem Weibe seines Neffen irgendwelche Beachtung zu schenken; er ließ sie stehen, drehte ihr nach kurzem Nicken den Rücken wieder zu und sprach weiter mit Francoeur, der Isabel ebensowenig zu bemerken schien.

Eine Blutwelle übergoß Isabels Gesicht; sie grub die Zähne in ihre Unterlippe, bis rote Tropfen hervorsickerten.

Was die beiden besprachen, drehte sich um die Person Eugens, der jetzt aber Sirbhanga genannt wurde und den Titel Radscha von Dschansi führte. Isabel war mit allem bekannt. Eugen war für die indische Sache gewonnen worden, er hielt die Begum für seine Geliebte und wußte nicht, daß Kalidafa, die der Begum sehr ähnlich sah, deren Stelle vertrat.

Es war ein gefährliches Spiel, das man mit Eugen trieb, aber es führte zum Ziele.

Die Dschansinesen bildeten in Delhi eine bedeutende Macht, Eugen war von ihnen anerkannt worden, sie hatten ihm Treue geschworen und hingen ihm an. Er sollte einst König von Indien werden, ein Grund, daß sich die Dschansinesen als Elitetruppe fühlten und sich Mühe gaben, durch Tapferkeit ihr Ansehen aufrecht zu halten.

»Welchen Platz teilst du Sirbhanga zu?« fragte eben Bahadur den Befehlshaber der Festung.

»Die südlichen Wälle,« entgegnete Francoeur. »Denn stürmen die Engländer, so rücken sie jedenfalls dort zuerst vor. Dort sind die meisten und größten Breschen, dort werden die tüchtigsten Leute gebraucht, und Sirbhanga hat englische Schule genossen. Die Dschansinesen gehen für den Sohn ihres ehemaligen, geliebten Fürsten durchs Feuer.«

Als die Unterhaltung kein Ende nehmen wollte, hustete Isabel vernehmlich.

Bahadur wendete den Kopf. »Nun?« fragte er kurz.

»Du gewährtest mir eine Audienz,« sagte Isabel, ihren Zorn kaum noch beherrschen könnend.

»Ja. Aber siehst du nicht, daß wir jetzt Wichtigeres zu tun haben, als die Bitten von Weibern anzuhören?«

»Bahadur, ich bin die Gattin Nana Sahibs!«

»So gehörst du in seinen Harem!«

»Du hast mir eine Audienz gewährt, ich bin vorgelassen worden und bitte jetzt um Gehör.«

»Was willst du?«

»Ich habe eine Bitte ...«

»Sprich schnell!«

»Früher, als ich gebraucht wurde, behandelte man mich ganz anders.«

»Die Zeiten ändern sich eben.«

»Ich werde kaum noch beachtet.«

»Das ist mit noch manchem anderen der Fall. Nur der, der etwas leistet, findet Beachtung.

Nun, also?«

Isabel sah das höhnische Zucken um die Mundwinkel Francoeurs, und furchtbarer Grimm schnürte ihr Herz zusammen. Sie zerknitterte nervös das Spitzentuch in der Hand.

»Ehe ich dir mein Anliegen mitteile, bitte ich, daß dieser Mann sich entfernt.«

»Wen meinst du?«

»Diesen da.«

»Sahib Francoeur? Sprich mit mehr Achtung von ihm!«

»Laß ihn sich entfernen.«

»Warum? Er bleibt.«

»Ich möchte mit dir allein sprechen.«

»Er bleibt, ich habe kein Geheimnis vor ihm. Sprich schnell oder verlasse das Gemach!«

Isabel bebte vor Wut; sie sah Francoeur jetzt sogar höhnisch lächeln. Er gab sich nicht einmal mehr Mühe, es ihr zu verbergen.

Doch was half's? Sie mußte nachgeben oder unverrichteter Sache wieder abziehen.

»Ich bitte um eine Person, welche du gefangen hältst!«

»Schon wieder einmal? Du hast eine merkwürdige Vorliebe für Gefangene.«

»Ich interessiere mich für sie.«

»Also abermals ein Weib? Nein, Ayda, die Gefangenen gehören als Geiseln Indien, nicht mir! Ich habe sie nicht zu verschenken.« »Du irrst, es ist keine Geisel!«

»Wer ist es?«

»Sakuntala.«

»Ah, nun ist mir alles klar! Nein, Ayda, du erhältst die Geliebte Dollamores nicht.«

»Warum verweigerst du sie mir?«

Drohend, mit gerunzelter Stirn trat Bahadur einen Schritt auf sie zu.

»Warum? Das wagst du zu fragen? Weil ich nicht will! Verstehst du mich?«

Isabel setzte alle Willenskraft daran, sich zu beherrschen. Es gelang ihr nicht ganz.

»Ich glaube das Recht zu besitzen, eine solche Bitte zu stellen,« entgegnete sie mit vor Zorn bebender Stimme.

»Womit willst du dir dieses Recht verdient haben?«

»Durch meine Dienste. Ich war es, die hauptsächlich den Aufstand vorbereiten half.«

»Und bist du nicht belohnt worden?«

»Mit was?«

»Dir wurde Lady Carter ausgeliefert, damit du deine Rache an ihr befriedigen konntest.«

»Sie starb mir zu zeitig.«

»Durch deine Schuld, dafür kann ich nicht. Genug davon! Hast du sonst noch eine Frage?«

»Du willst mir Sakuntala nicht überlassen?«

»Nein, sage ich,« rief Bahadur heftig und deutete dabei mit nicht mißzuverstehender Handbewegung nach der Tür.

Isabel entfernte sich ohne Gruß; sie zitterte, ihr Gesicht war feuerrot. Im Weggehen sah sie noch einmal die schadenfrohe Miene Francoeurs.

Auf ihrem Zimmer angekommen, brach ihre lange zurückgehaltene Wut mit maßloser Heftigkeit aus. Sie glich einer Wahnsinnigen. Sie drückte die Nägel ins eigene Fleisch, spie aus, knirschte mit den Zähnen, durchstach die Polster mit einem Dolche, zerschlug einige Marmorbüsten, riß die Bilder von den Wänden und trat mit den Füßen darauf.

Dann rief sie nach den Dienern, aber sie mußte lange rufen, ehe eine junge Indierin mit ängstlichem Gesicht erschien. Sie schlug das arme Geschöpf mit Fäusten, riß es an den Haaren und mißhandelte es sonst noch auf grausame Art, bis sich das Mädchen ihr durch Flucht entzog, um nie wiederzukommen.

Lieber wollte es sich draußen auf den Schanzen den indischen Soldaten hingeben, als hier solche Behandlung erleiden.

Endlich machte sich bei Isabel die tiefste Abspannung geltend. Sie fiel plötzlich zu Boden und lag wie leblos da. Ihr Busen hob sich kaum noch, alle Farbe hatte sie verloren.

Dann änderte sich abermals ihr Zustand. Zuckungen traten ein; in Krämpfen wälzte sie sich am Boden, und dabei stieß sie ein markerschütterndes Jammergeschrei aus. Es war, als würde sie von den fürchterlichsten Schmerzen gepeinigt. Sie wollte sich erheben, vermochte es aber nicht.

Diesmal rief ihr Geschrei Babur, ihren alten Diener, herbei. Auf ihr Rufen wäre er nicht gekommen.

Jedenfalls bot sich keine ihm neue Szene dar.

Er hob seine Herrin, die hilflos wie eine Puppe war, auf den Diwan und entnahm dem Toilettentischen das, wonach die krampfhaft verdrehten Augen Isabels schon lange blickten:

eine kleine Glasspritze und ein Fläschchen.

Während ihr Jammern fortwährte, entblößte er ihr den Arm und bohrte die Spitze der Glasröhre, die er zuvor mit der dunkelbraunen Flüssigkeit des Fläschchens gefüllt hatte, in der Nähe des Handgelenks unter die Haut.

Als sich die Spritze entleert, hörte Isabels Jammern auf, die Brust wurde vom Krampf befreit, sie atmete ruhiger, und etwas Rot kehrte auf ihren Wangen wieder; auch die Augen begannen etwas zu glänzen. »Danke dir, Babur,« sagte sie mit einem aus dem Herzen kommenden Seufzer, »es war wieder einmal die höchste Zeit. Ich hatte die Stunde verpaßt.«

»Das Morphium wird alle,« murmelte Babur.

»Es gibt noch genug in Delhi. Schicke mir die Zofe zum Umkleiden für die Nacht.«

Babur zog die Fenstervorhänge zu, brannte die Ampel an und entfernte sich. An seine Stelle trat eine Indierin, welche der Herrin beim Umkleiden behilflich war.

Es galt nicht etwa, Bett-Toilette zu machen, sondern nur ein anderes Kleid anzulegen. In allen heißen Gegenden zieht man sich zu verschiedenen Tageszeiten vom Kopf bis zu den Füßen um; in Indien wechseln die Damen oft fünfmal und noch öfter ihre Toiletten, viele bringen ihre ganze Zeit damit zu. Auch die Männer kleiden sich oft am Tage um, weil die frischen Sachen kühlend wirken.

Isabel legte eine leichte und bequeme Abendtoilette an, für das Haus berechnet, aber dennoch elegant genug, um jeden Besuch empfangen zu können.

Durch die Morphiumeinspritzung waren ihre Lebenskräfte wiederhergestellt, ihr Geist klar geworden. Die zaghafte Dienerin wunderte sich fast, heute weder gescholten noch geschlagen zu werden. Isabels Gedanken waren eben mit etwas anderem beschäftigt.

Zwar war ihr Herz noch immer mit Haß und Gram erfüllt über die Behandlung, die ihr, der stolzen Isabel, der Gattin des Maharadschas Nana Sahib, zuteil geworden war, aber sie ließ ihre Wut nicht mehr an anderen Personen aus, sondern brütete darüber nach, wie sie Rache nehmen könnte, ja, sie schwelgte schon in Rachebildern, und finster runzelte sich die weiße Stirn zusammen, wenn sie daran dachte, daß sie fast gar keine Möglichkeit hatte, an Bahadur jemals Vergeltung üben zu können.

Nach einer Stunde war die Toilette beendet, das Haar in anderer Form frisiert.

Vor dem Spiegel mußte sich Isabel selbst sagen, daß sie noch immer schön, sogar sehr schön war. Das in allen Farben schillernde, lila Seidenkleid umwallte in unzähligen Falten ihre volle Gestalt, der silberne Schuppengürtel umschloß die dennoch schlanke Taille, das tiefausgeschnittene Brustteil ließ den hochgewölbten, blendendweißen Busen sehen, und als sie sich anschickte, einen Diamantschmuck im Haar zu ordnen, entblößten die weiten Ärmel die runden, schneeigen Arme.

Aber für wen schmückte sie sich? Was hatte diese Toilette für einen Zweck? Jetzt, in dem belagerten Delhi, gab es keine Männer zu betören! Isabel hätte es auch nicht getan, wenn sie nicht einen besonderen Zweck dabei gehabt, und der wäre gewesen, ein Werkzeug zur Rache an Bahadur zu gewinnen.

Wer aber wäre dazu geeignet? Sie wußte niemanden. Stunde nach Stunde durchschritt sie das Gemach, musterte sich ab und zu im Spiegel und brütete über Rachegedanken. Sie fand keine.

Es wurde spät. Isabel konnte bald daran denken, sich abermals umkleiden zu lassen, diesmal für die Nachtruhe. Da trat nach schüchternem Anklopfen Babur herein.

»Ein Mann ist draußen, er wünscht dir vorgeführt zu werden, Herrin,« meldete er.

»Ein Mann? Wer ist es?«

»Er nennt nicht seinen Namen.«

»Wie sieht er aus?«

»Er ist sehr, sehr ärmlich gekleidet, fast wie ein Bettelfakir. Das Gesicht hat er verhüllt.«

Derartige Besuche waren jetzt im Kriege nichts Außergewöhnliches. Doch Isabel hatte keine Lust, sich mit solchen heimlichen Besuchen einzulassen.

Da sah sie im Gesicht Baburs einen seltsamen Ausdruck. Sie trat auf ihn zu.

»Du weißt, wer es ist,« sagte sie streng, »sprich, Babur.«

»Nein, Herrin, ich weiß es nicht,« entgegnete Babur befangen, was seine Worte Lügen strafte.

»Doch, du weißt es. Belüge mich nicht!«

»Ja, ich weiß es.« »Wer ist es?«

»Das – das darf ich nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Ich darf es nicht – er will nicht erkannt sein, Herrin.«

Es war also kein gewöhnlicher Besucher.

»Führe ihn herein!« entschied Isabel.

Vor ihr stand ein kleiner Mann in schmutziger Bettlerkleidung, das Gesicht mit einem Lappen bedeckt. Der Mann benahm sich, als wäre er hier zu Hause, er ließ sich auf einen Diwan fallen, wobei ein dumpfes Stöhnen hinter dem Tuche hervordrang.

»Wer bist du?« fragte Isabel, die noch keine Ahnung hatte, wer es sei, bestürzt.

Das Tuch sank herab; sie erblickte ein häßliches Gesicht.

»Nana Sahib!« flüsterte sie erstaunt. Ihn hatte sie am allerwenigsten hier vermutet.

»Ja, Nana Sahib!« ächzte der Radscha. »Alles, alles ist vorbei; verflucht sei Allah und sein Prophet!«

»Nana Sahib,« wiederholte Isabel, noch immer fassungslos, »ich denke, du bist auf den Schlachtfeldern von Khanpur?«

»Verflucht, daß ich auf Bahadurs Rat gehört habe und so viel Reiterei mitnahm. Verflucht seien die Magazingewehre der Engländer!«

»Du bist geschlagen? Nun, tröste dich; es haben schon andere Männer als du Schlachten verloren! Aber wie kommst du hierher? Du als Bettler? Wo steht jetzt dein Heer?«

»Mein Heer?« lachte Nana Sahib grimmig, »ich habe keins mehr!«

»Was?«

»Zersprengt, getötet – alles in Staub getreten! Verflucht sei dieser Havelock!«

Isabel hatte sich gesammelt. Sie wußte jetzt, wie es mit Nana Sahib stand, und sein Schicksal berührte ihr Herz gar nicht.

»Laß dein Fluchen,« sagte sie kalt, »es nützt dir gar nichts. Wo bist du geschlagen worden?«

»Auf der Straße nach Khanpur,« ächzte der geschlagene Fürst. »Havelock griff uns mit Übermacht an; meine Reiterei erwies sich als nutzlos, sie fiel unter dem Schnellfeuer, darauf ein Bajonettangriff, dann brach die englische Kavallerie vor.«

»Und dann?«

»Dann war alles vorbei.«

»Ihr zogt euch zurück?«

»Verflucht! Weib, reize mich nicht!« fuhr er auf. »Wir zogen uns nicht zurück.«

»Ihr floht.«

»Ja, wir flohen. Zerrissen wurden wir, versprengt, zerstäubt – nicht fünf Mann blieben beisammen.«

»Kein Sammeln?«

»Nichts, nichts. Ich weiß nicht, wo sie sind. Der eine floh dahin, der andere dorthin – selbst ich, der Führer, war allein. Ich floh nach Delhi zu; als Bettler verkleidet, schlich ich mich heute Nacht durch das englische Lager in die Stadt. Ich wurde nicht erkannt, auch hier noch nicht. Ah, ich bin dem Tode nahe!«

Erschöpft ließ er sich zurücksinken.

Isabel mußte tun, als interessiere sie sich doch für das Schicksal des Aufstandes, während sie schon wieder ränkevolle Pläne schmiedete.

»Bah, nimm dir's nicht zu sehr zu Herzen. Das ist einmal Unglück. Der Krieg hat erst begonnen, wir haben tüchtige Kräfte, die noch nicht ins Feuer geführt worden sind.«

»Wen?«

»Den König oder vielmehr Exkönig von Audh.«

»Ali-Khan?« rief Nana Sahib verächtlich. »Das ist ein Weib.« »Dafür rechnet mit seiner Mutter, der Begum von Audh, welche Heynat Mahal, der einzige Mann ihrer Familie genannt wird. Wählt tüchtige Führer, aber keine Indier, sondern Faringis, Franzosen!«

»So wie Francoeur!«

»Bah, Francoeur ist kein Feldherr, sondern ein Schuster, der etwas von Geschützkunde versteht. Am Hofe von Audh lebt Ventura, ein alter Napoleonide. Wählt ihn zum Führer, dann wird sich das Waffenglück bald ändern. Du mußt einsehen, Nana Sahib, daß ihr Indier als Feldherren den englischen Generälen nicht gewachsen seid. Du sagst, du hättest dich unerkannt in Delhi eingeschlichen?«

»Niemand hat mich erkannt, höchstens Babur. Das Losungswort am Tore war das alte. Du bist die erste, die den Untergang meines Heeres erfährt.«

»Wie? Auch mit Bahadur hast du noch nicht gesprochen?«

Nana Sahib, der stolze Radscha, schämte sich nicht, sein Gesicht in den Händen zu verbergen und tief aufzustöhnen.

»Ich kann mir denken,« fuhr Isabel fort, »wie schwer es dir fällt, dich ihm zu offenbaren.

Aber es muß geschehen.«

»Nicht jetzt, nicht diese Nacht. Ich bedarf der Erholung. Diese Kämpfe, diese Strapazen!«

»Daher auch diese vielen Wunden.«

Wütend fuhr er auf. Er fühlte den Spott; denn er sah wohl aus wie ein Flüchtling, mit Staub und Kot bedeckt, aber nicht wie ein Krieger, denn er zeigte nicht eine einzige Wunde.

»Weib, willst du mich verhöhnen?«

»Durchaus nicht – verzeih mir! Wann willst du dich Bahadur entdecken?«

»Morgen, nur nicht diese Nacht noch! Ich muß ruhen und überlegen, wie ich mein Unglück wende. Ayda, du bist klug, du wirst mir raten.«

»Gut, morgen früh sprechen wir darüber,« entgegnete sie, die vorhin angegebene Stellung vor dem Spiegel noch einmal annehmend, das heißt die Arme hochhebend, wodurch ihre prächtige Gestalt ins beste Licht kam. »Ich lasse dir jetzt ein Bad bereiten, dir bequeme Kleider bringen und ein Nachtzimmer zurecht machen. Nach einem gesunden Schlafe wird dir deine Lage weniger verzweifelt erscheinen.«

Sie begab sich in ein anderes Zimmer, nahm aus einem Wandschranke zwei Fläschchen und rief Babur.

»Weißt du, wer der Fremde ist?« forschte sie.

»Ja, Herrin.«

»Gut! Bereite ihm ein Bad und sorge für seine Bequemlichkeit. Dies gießt du in das Bad, dies in das Sorbett, das er nach dem Baden zu trinken pflegt. Er braucht es nicht zu sehen.

»Verstehst du?«

Babur blinzelte nur mit den Augen und nahm die beiden Mixturen. Isabel ging zu Nana Sahib zurück, den sie in Brüten versunken noch auf dem Diwan sitzend fand.

»Soll ich dir noch Gesellschaft leisten, mein Freund?« fragte sie schmeichelnd und strich mit ihrer weichen Hand über seine Stirn, als wolle sie die tiefen Falten verscheuchen.

»Tu, was dir gefällt!« entgegnete er rauh.

»Puh, bist du kurz! Nun denn, gute Nacht mein Freund, ich bin müde.«

Damit verließ sie das Zimmer, hatte aber, ehe sie ihr Schlafkabinett betrat, noch eine längere Unterredung mit Babur.

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