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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 6
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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6. Gefährliche Stunden

Finstere Nacht lag über Delhi, kein Stern war am Himmel zu sehen, ängstlich schnürte sich das Herz jedes Bewohners der belagerten Stadt zusammen, nicht nur infolge des in der Atmosphäre schwebenden Druckes, sondern auch in Erwartung des Kommenden.

Die Kanonen schwiegen, denn die Breschen waren geschossen. Die Indier versuchten nicht mehr, sie zu vermauern – einige wohlgezielte Kanonenschüsse zerschmetterten das frische Mauerwerk doch wieder.

Jeden Tag, jede Stunde konnte der furchtbare Sturm beginnen, welcher entweder den Rebellen einen festen Stützpunkt nahm oder ihnen diesen erhielt. In ersterem Falle hatten sie keinen Zentralpunkt mehr, von dem der Aufstand geleitet wurde.

Aber wann begann dieser Sturm? Die Maschinerie des indischen Spionagedienstes versagte plötzlich vollkommen; die Anführer der Engländer hüllten sich in undurchdringliches Schweigen.

Wenn nun auch noch Delhi fiel, wohin zogen sich dann die geschlagenen Heere, die jetzt dieser Stadt zuflohen? Nana Sahib war von General Havelock zweimal blutig aufs Haupt geschlagen worden, einmal bei Fattipur, dann auf der Straße nach Khanpur. In wilder Flucht jagten der stolze Maharattenfürst und sein ausgelöstes Heer nach Delhi zu, hinter ihm her Havelock wie der edle Jagdhund auf der Fährte des Wolfes.

In anderen Teilen des Landes zerstreuten Brigadegeneral Jakob, die Generäle Lloyd, Grant, Broke und andere die Rebellen nach allen Richtungen.

Delhi und die Provinz Gwalior waren noch die Hoffnung der Rebellen; ersteres unter dem Befehl von Radscha Skindhia – der noch immer als Freund der Engländer galt – und Tantia Topi.

Delhi sollte gehalten werden können. – Auf dem freien Platz, auf dem einst August seine Amazonengarde exerzieren ließ, erscholl ein leichtes Geräusch. Es klang fast, als würden mit der größten Vorsicht Steine losgebrochen, auch hörte man manchmal ein Flüstern.

Die Nacht war zu dunkel, als daß jemand gesehen werden konnte, und der Ort, wo die heimliche Arbeit verrichtet wurde, lag, obwohl dicht an einem Haus, doch zu einsam, daß sie ruhig weniger vorsichtig sein durften.

Zwei Gestalten waren es, die mit Stemmeisen und Brechstange das schon vorhandene Loch in der Wand erweiterten, durch das einst Reihenfels verwundert dem Exerzieren der Amazonen unter dem Oberbefehl Augusts zusah.

Die eine Gestalt ließ die Brechstange sinken und stützte sich darauf.

»Wenn Sie sich aber nun in den unterirdischen Gängen nicht zurechtfinden?« fragte eine Männerstimme. »Sie sagten selbst, da unten wäre ein förmliches Labyrinth, oder wie das Ding heißt.«

»Ich habe den Plan dieser Gänge bei mir, wir können uns nicht verlaufen,« entgegnete eine Mädchenstimme, »ich habe nichts mitzunehmen vergessen.«

»Gemütlicher wäre es doch eigentlich gewesen, wenn wir durch den Schacht im Hause der Duchesse hinuntergeklettert wären,« fuhr der Mann fort, der keine Lust mehr zum Arbeiten hatte.

»Dann hätte unser Vorhaben entdeckt werden können. Halte aus, August, nur noch eine Viertelstunde, dann ist das Loch groß genug! Vergiß nicht, daß es deinem Herrn gilt, und was ich dir versprochen habe, wenn du mir beistehst.«

»Na, dann wollen wir noch einmal in die Hände spucken,« sagte August, tat also und fuhr in der Arbeit fort, die das Mädchen nicht eine Sekunde unterbrochen hatte, obgleich dicke Schweißtropfen von ihrer Stirn perlten. Sie arbeitete mit fieberhafter Hast, als hinge von jeder Sekunde ihr Leben ab.

»Wie sich der Mensch doch manchmal verändert!« begann August nach einer Pause wieder. »Vor einigen Wochen noch war ich dekorierter General mit Schleppsäbel, Sporen und Federhut, und jetzt arbeite ich mit der Brechstange. Na, Abwechslung muß nun einmal sein im Leben, das geht immer rauf und runter!«

»Und ich erst!«

»Freilich, Sie sind schrecklich tief gesunken, Fräulein – das heißt, ich meine nur dem Range nach, daß Sie nicht etwa denken tun, ich tu etwas Schlechtes von Sie denken.«

»Arbeit schändet nicht.«

»Das sagte auch der Spitzbube, als er beim reichen Bankier einbrach. Es ist hier überhaupt eine ganz gute Vorübung dazu. Sind Sie schon einmal eingebrochen, Fräulein?«

»Du scherzest! Doch recht so, bleibe nur bei gutem Mut.«

»Nicht? Ich bin schon mehrere Male eingebrochen.«

»Was?«

Das Mädchen blickte doch etwas mißtrauisch auf.

»Natürlich, ich bin schon mehrmals eingebrochen,« wiederholte August kaltblütig.

»Und bist bestraft worden?« »Aber feste!«

»Als Dieb?«

»Nee, als Junge.«

»Ich meine, du bist eingebrochen, um zu stehlen?«

»I Gott bewahre, wer spricht denn davon? Als Junge bin ich ein paarmal ins Eis eingebrochen, und dann gab's zu Hause tüchtig die Jacke voll. Ist Ihnen das auch schon einmal passiert? Hurrjeh, das ist eine Wonne und hinterher die Ehre – die Tracht Prügel selbstverständlich abgerechnet.«

»Hier gibt es kein Eis.«

»Aber auf's Eis wollen sie einen doch manchmal führen. Na, wollen wir's nun probieren?« Sie legten die Brechstange hin, Bega fand, daß das Loch groß genug war, einen menschlichen Körper durchzulassen.

»Ich gehe voran,« sagte sie, »du reichst mir zuerst dieses Bündel. Es enthält alles, was wir brauchen. Dann gibst du mir die Brechstange, die wir mitnehmen, falls uns ein Hindernis in den Weg stößt. Zuletzt schaufelst du die Spuren unserer Arbeit auf dieses Tuch und wirfst es herab, damit möglichst wenig davon zu sehen ist.«

Sie schickte sich an, mit dem Kopf voran durchs Loch zu kriechen, wurde aber von August zurückgehalten.

»Halt, Fräulein, dabei gibt's noch etwas zu bedenken!«

»Was? Sprich schnell!«

»Das Loch liegt hoch über dem Boden.«

»Höchstens etwas über einen Meter.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich behaupte, daß Sie noch niemals in ein Kellerloch eingestiegen sind, um Äpfel zu mausen. Sonst müßten Sie wissen, was ich meine. Wenn Sie nämlich mit dem Kopfe zuerst durch das Loch kriechen, dann kommen Sie auch mit dem Kopfe zuerst unten an, und Ihre Beine baumeln einstweilen oben, bis Sie sich entschließen, einen sogenannten Kegelpurzel zu machen. Das ist ein Faktum, wie mein Bruder sagt. Mit den Beinen müssen Sie voran.«

Bega sah die Richtigkeit dieser Meinung ein und schlüpfte wie angegeben hindurch.

August tat, wie ihm geheißen, und folgte dann nach.

Undurchdringliche Finsternis umgab sie.

»Ist dein Revolver in Ordnung?« flüsterte Bega.

»Brauche bloß zu knipsen, dann knallt's.«

»Und dein Messer?«

»Fix und fertig zum Stechen. Es kann losgehen.«

Das Mädchen entnahm dem Bündel einige Gegenstände, steckte sie zu sich und hieß August noch seine Brechstange nehmen. Beide hatten Stricke um ihre Hüften geschlungen.

»Jetzt müssen wir vorsichtig sein, denn dem Plane nach kommen wir bald an eine Treppe.

Daß wir nicht hinabstürzen! Erst wenn wir weit genug unten sind, so daß es von außen nicht mehr gesehen werden kann, will ich Licht anzünden.«

»Bitte, ich kann auch ohne Licht die Treppe hinunterfallen.«

»Das sollst du eben nicht.«

»Wie Sie wünschen.«

Vorsichtig, die mit Filzsohlen belegten Schuhe schlürfend über den Boden setzend, bewegten sie sich Hand in Hand vorwärts und kamen bald an eine Treppe. Nachdem sie einige Meter hinabgestiegen waren, schlug Bega Licht und entzündete eine Laterne.

Es war eine Art Diebeslaterne. Je nachdem die Reflektoren, aus Spiegeln bestehend, gewendet oder niedergeschlagen wurden, verbreitete die Lampe entweder ein ganz schwaches Licht, eben nur die nächste Umgebung beleuchtend, oder ein ganz dünner Strahl fiel auf den Punkt, den man sehen wollte, während der Träger fast in Dunkelheit stand, oder aber ein sich stark verbreiternder Strahl ging von dem Licht aus. Noch war alles dunkel rings um sie her, nur ein ganz dünner Lichtstrahl, nach unten fallend, beleuchtete einen auf Pergament gezeichneten Plan in der Hand Begas.

Die Zeichnung, die unterirdischen Gänge darstellend, mußte dem Aussehen nach uralt sein.

»Die Treppe ist richtig angegeben. So wollen wir hoffen, daß auch alles andere noch erhalten ist. Neuerungen sind wohl nicht eingeführt worden. An der Hand dieses Planes können wir uns jedenfalls unmöglich verirren.«

»Na, schließlich verirren wir uns auch wieder raus. Denn man zu!«

Ohne die Gegend, welcher sie zustrebten, zu erleuchten, höchstens ab und zu die Seitenwände, schritten sie vorwärts, erst die tiefe Treppe hinab, dann auf ebenem Boden weiter.

Bega mußte den Plan vollkommen im Kopfe haben, denn ohne zu zögern schritt sie geradeaus, bog links und rechts ab und wußte die Kanäle auch im Dunkeln anzugeben, die übersprungen werden mußten. Jedenfalls zählte sie die Schritte.

Unterhielten sich die beiden einmal; so geschah es flüsternd; besonders war es August, dem das lange Schweigen nicht behagte. Im übrigen vertraute er sich sorglos seiner Führerin an, obgleich er es an Räsonieren nicht fehlen ließ, besonders über die nassen und kalten Füße, die er sich auf dem feuchten Boden holte, und über den in Erwartung stehenden Stockschnupfen.

Nach langer Wanderung blieb August plötzlich stehen, sagte nichts und ließ sich auch nicht fortziehen.

Als Bega ein eigentümliches Geräusch hörte, von ihm ausgehend, leuchtete sie ihm ins Gesicht.

August stand mit erhobener Nase da und schnoberte in der Luft.

»Was gibt's, August?«

»Ei, hier riecht's aber gut. Gerade wie – wie- na, nach was denn nur gleich? Warten Sie mal! Gerade, als wenn meine Mutter früher Fische in ranzigem Fett briet.«

»Torheit! Wer sollte hier Fische braten?«

»Es riecht aber hier so,« behauptete August. »Ich sehe die Fische ordentlich in der Pfanne liegen. Schnüffeln Sie nur einmal!«

Bega sog aufmerksam die Luft ein und mußte bestürzt denselben Geruch bemerken.

»Wahrhaftig, du hast nicht unrecht.«

»Nein, recht habe ich. Meine Mutter sagte immer, ich hätte eine feine Nase für alles, was gut schmeckt. Da werden Fische in ranzigem Fett gebraten.«

»Es werden vermoderte Fische sein.«

»Vermoderte Fische gebraten? Brrr!«

Sie gingen weiter, und zur äußersten Bestürzung Begas nahm der Geruch immer mehr zu.

»Wer aber könnte hier Fische braten?«

»Jemand, der sie gern ißt.«

»In diesen Gängen kann kein Mensch existieren.«

»Na, bei gebratenen Fischen kann man schon eine Weile exerzieren.«

Plötzlich blieben die beiden wie angewurzelt stehen. Menschliche Töne drangen an ihr Ohr, zusammenhängend, eine zauberhafte Melodie.

Es war ein trauriger, schwermütiger Gesang, sie hörten Worte, diese waren aber beiden fremd. Überhaupt klangen sie seltsam, als würden sie hinten in der Kehle gesungen, wie zum Beispiel die Araber zu singen pflegen, aber nicht rauh, sondern tremolierend und schmelzend.

Sie sahen nichts, kein Licht, vermochten auch den Ort nicht zu bestimmen, woher die herzergreifende Melodie kam, denn die Akustik der Gänge konnte gewaltig täuschen.

»Sehen Sie, ich hatte recht,« flüsterte August, der ebensowenig wie Bega besondere Furcht verriet. »Da ist ein Mensch, der sich Fische brät und dabei singt!«

»Es ist eine Mädchenstimme.« »Aber sonst eine richtige Bierstimme.«

»Nein, es sind nur Kehllaute. Aber was für eine Sprache ist das? Es ist nicht Indisch, auch nicht Arabisch, noch weniger eine moderne Sprache. Und diese klagende Weise.«

»Es klingt gerade wie Jeremiä Klagelieder,« meinte August spöttisch. »Wahrhaftig,« sagte Bega erstaunt, »du hast wieder recht. Jetzt erkenne ich die Melodie.

Es ist das Klagelied der Kinder Israels: Sie saßen an den Wässern Babylons und weinten. Es ist Hebräisch, wenn ich es auch nicht verstehe.«

»Dann muß es eine Jüdin sein.«

»Es kann nicht anders sein. Wie kommt sie aber hierher? Was hat sie hier zu suchen?«

»Wir können sie ja fragen.«

Einen einzigen Lichtstrahl ließ Bega vorausfallen, und als sich der endlose Gang, durch den ein Kanal floß, leer zeigte, schritten sie noch vorsichtiger als vorher weiter.

Das Lied klang fort, die Töne wurden immer stärker, und als die beiden an eine Ecke kamen, strahlte seitwärts, höchstens zwanzig Meter entfernt, ein helles Feuer ihnen entgegen.

Ob der seltsamen Szene, die sich ihren Augen darbot, blieben sie wie versteinert stehen, zogen sich dann schnell hinter die Ecke zurück und lugten von da hervor.

Gesehen konnten sie so unmöglich werden, ebensowenig gehört, wenn sie sich flüsternd unterhielten; sie dagegen konnten alles beobachten und hören.

Der Schein eines Holzfeuers beleuchtete Mirja und die beiden Mißgestalten von Kulwa und Phangil.

Mirja briet nicht mehr wie früher die Fische, dies besorgte jetzt Kulwa.

Sein Gesicht war finsterer und starrer als sonst, ab und zu warf er einen besorgten Blick auf Mirja, welche, den Kopf auf den Arm gestützt, an dem Kanal auf einer Decke lag und mit schwermütiger Stimme das Klagelied ihres Volkes in der Gefangenschaft sang.

Wie bleich sah sie aus, wie abgezehrt, obgleich dies alles nichts von ihrer Schönheit rauben konnte und ach, wie gut paßte das Lied auf ihre Lage! Welch unnennbare Sehnsucht lag in diesen Augen! Es war derselbe Ausdruck, den man in denen des Albatros, des Kondors, des Adlers liest, wenn sie den sonndurchschwängerten Äther verlassen haben und matt und müde am Boden des düsteren Käfighauses im Tiergarten hocken. ›Gebt uns die Freiheit, gebt uns wenigstens Sonne‹, flehen sie jeden an, ›oder seid mitleidig und tötet uns!‹ Glücklich noch der kleine Sänger, der auch in der Gefangenschaft bei guter Pflege sein Los vergessen und singen kann.

Ja, Mirja verschmachtete vor Sehnsucht nach der Sonne, und was sie sang, war nur die Klage ihrer Seele.

Phangil rauchte wie gewöhnlich die kurze Holzpfeife. Seinem haarigen Gesicht konnte man zwar das Behagen nicht ansehen, wohl aber seiner bequemen Stellung, wie seine Augen nach der Pfanne mit Fischen blinzelten.

»Gottssapperlot!« brachte August endlich hervor. »Sagen Sie, Fräulein, sehen Sie denn dasselbe wie ich oder spuken mir meine Augen nur etwas vor?«

»Auch ich sehe Wunderbares.«

»Der Kerl da am Feuer.«

»Es ist eine Mißgeburt.«

»Schon mehr als eine Mißgeburt. Wenn man dem seine Beine Spazierhölzer nennt, darf er sich nicht beleidigt fühlen. Und dieses Maul! Herrjeh!«

»Er ist halb Frosch, halb Mensch.«

»Vom Menschlichen ist gar nicht viel zu merken. Wenn ich den nach Berlin mitnehmen könnte, wäre ich in einem halben Jahre ein reicher Mann. Ob der wohl auf den dünnen Stelzen auch gehen kann?«

»Was für Geschöpfe sind denn das?« flüsterte Bega mehr für sich. »Wohnen sie hier unten? Was machen sie?« »Sie haben sich ganz häuslich niedergelassen, haben Töpfe, Pfannen, Decken und so weiter. Und da hinten liegen sogar alte Stiefel, Röcke, eingetriebene Zylinder und Gott weiß was. Der reine Trödlerladen! Sogar eine Frau hat diese Mißgeburt, und was für eine schöne!«

»Und wie traurig sie aussieht! So, wie ihr Lied klingt.«

»Die wird er wohl auch nicht auf ehrlichem Wege bekommen haben. Am Ende gar eine verwunschene Prinzessin.«

»Es ist eine Jüdin.«

»Na ja, eine jüdische Prinzessin. Na, sagen Sie mal, ist denn das nur wirklich alles möglich?«

»Es ist keine Täuschung. Auch ich bin vor Staunen fast außer mir.«

»Daß aber so etwas in unserem aufgeklärten Jahrhundert möglich ist! So was lebt nicht und wackelt doch mit dem Schwanze. Solch ein Kerl sollte eigentlich polizeilich gar nicht erlaubt sein.«

»Und was ist denn das?«

Phangil hatte sich erhoben und lief auf allen vieren zu Mirja hinüber.

»Gottstrambach, nun bleibt mir mein bißchen Verstand bald stehen. Das ist ja ein junger Bär mit einem Menschenkopfe! Und hat der Kerl Haare! Und diese Arme, diese Beine! Herrjeh, daß so etwas erlaubt ist!«

Mirja schüttelte traurig den Kopf, und Phangil lief zurück.

Unterdessen waren die Fische fertig geworden. Kulwa füllte einen Zinnteller damit und schleifte sich, jetzt sich nur einer Hand zum Fortziehen bedienend, zu Mirja hin.

Dies erregte neues Erstaunen bei den beiden Beobachtern.

»Iß, mein Liebling,« hörten sie es quakend aus dem Froschmaule kommen. »Du stirbst, wenn du nicht ißt.«

»Ach, wäre ich doch schon tot!« seufzte das Mädchen.

»Sprich nicht so, du zermarterst mein Herz!«

»Hättest du eins, du würdest mich nicht hier schmachten lassen.«

»Lasse ich dich schmachten? Ich bringe alles, was du nur verlangst. Ich gehe dann, und komme ich wieder, so bringe ich dir Brot und Früchte mit.«

»Bringe mir nur einen goldenen Sonnenstrahl mit, und ich will nicht mehr klagen.«

»Du verlangst Unmögliches von mir.«

»Und du von mir.«

»Gabst du mir nicht freiwillig dein Wort, bei mir als Weib zu bleiben und mich in Liebe zu pflegen?«

»Du siehst, wie schwach ich bin. Nur die Sonne könnte mich wieder gesund machen.«

»Das meine ich nicht. Gern will ich auf dich warten, doch du sollst nicht klagen, daß dir dies Leben eine Last ist.«

»Ich klage nicht.«

»Doch!«

»Nur wenn du mich fragst, und ich darf es auch, denn du hast dein Wort nicht gehalten.«

»Ich tat, was du verlangst.«

»Du begannst es, aber vollendetest es nicht.«

»Dieser Reihenfels war ein Lügner und Verräter. Er wollte sich nur in Delhi einschleichen. Timur Dhar hat es mir gesagt.«

»Nein, er meinte es ehrlich,« rief das Mädchen heftig, »er wollte Franziska wirklich befreien. Aber Timur Dhar hat ihn zum Verräter gemacht und dich benutzt, um seiner habhaft zu werden.«

»Was tut's?« entgegnete Kulwa gleichgültig. »Jedenfalls war er daran schuld, daß unser Hiersein entdeckt wurde. Seitdem bekommen wir Besuche, man stellt an uns allerlei Verlangen, und das stört mich. Ich mag nicht mit Menschen verkehren. Mirja, ich habe dir ein großes Opfer gebracht, als ich Lord Canning aufsuchen ging. Hätte ich es doch nicht getan!« »Ach, Kulwa, du bist grausam und denkst nur an dich. Aber ich muß es dir verzeihen, denn du weißt nicht, wie es in den Herzen von Menschen aussieht, die unter der Sonne leben.«

»Wohl mir, daß ich dies nie kennen gelernt habe!«

»Und ich muß darunter leiden.«

»Ich kann nicht begreifen, was dich hinaufzieht wo dich die Menschen, wie du selbst sagst, geschmäht und verhöhnt haben.«

»Das ist es eben, du kannst es nicht begreifen.«

»Und warum sehnst du dich nach der Sonne zurück?«

»Ohne sie muß ich sterben, ich fühle es.«

»Und ich kann das nicht glauben. Weil du nicht ißt, wirst du krank. Sieh, du kannst nicht einmal unverwandt in dieses helle Feuer blicken, du mußt die Augen schließen, weil sie dich schmerzen. Wie denn kannst du den Feuerball am Himmel lieben, welcher die Augen erblinden läßt, wenn man ihn anzuschauen wagt?«

»Du hast andere Ideen, andere Empfindungen als wir unter der Sonne geborenen Menschenkinder. Lassen wir das. Weißt du nun, wo Reihenfels ist?«

»Sprich nicht von ihm!«

»Er leidet unschuldig. Ach, ich bin schuld an seinem Elend wie auch an dem seiner Schwester und an dem Lord Cannings! O, ich Unglückliche, wäre ich doch tot!«

Weinend verbarg sie das Gesicht in den Händen. Betrübt stand oder lag vielmehr Kulwa vor ihr, die Schüssel noch immer in der Hand.

»Iß, meine Liebe!« bat er sanft.

»Nicht eher, als bis du Reihenfels befreit hast.«

»Ich kann es nicht. Timur Dhar hält ihn gefangen.«

»Fürchtest du diesen kleinen Mann, du, der du doch die Kraft eines Riesen hast?«

»Er sagt mir nicht, wo er sich befindet. Und wie darf ich mich überhaupt unter Menschen wagen? Sie würden mich wie ein wildes Tier mit Keulen erschlagen. Iß, Mirja!«

»Nicht eher rühre ich einen Bissen an, als bis du Reihenfels befreit und hierhergebracht hast.«

Halb mit finsterem, halb mit traurigem Gesicht schleppte sich Kulwa an das Feuer zurück.

Er mochte den Tag verfluchen, da er sich mit den Menschen eingelassen. Sie hatten Unfrieden in sein Stilleben gebracht.

Mit namenlosem Erstaunen hatte Bega diese Unterredung angehört. Auch hier unten kannte man die Namen Reihenfels, Franziska und Timur Dhar, und das Schicksal dieser unterirdischen Bewohner war mit dem Schicksal jener verknüpft.

Auch August war verwundert, mußte seinen Gedanken aber erst anderen Ausdruck geben.

»Mir scheint,« flüsterte er seiner Begleiterin zu, »die leben in nicht eben glücklicher Ehe, oder es hat nur so einen kleinen Zwist gegeben, wie er auch in der besten Familie mitunter vorkommen soll. Gott bewahre mich, ist das aber ein ungeschlachter Gatte solch einem reizenden Weibchen gegenüber! Hurrjeh, wenn das meine Frau wäre, keine Bitte würde ich abschlagen, das heißt, wir dürften nicht schon einige Jahre zusammen verheiratet sein, und so wird's hier wohl auch sein.«

»Sie sprechen von Reihenfels,« sagte Bega, dadurch an ihre Aufgabe sich wieder erinnernd, »wir dürfen ihn nicht vergessen. Die Zeit drängt.«

»Natürlich, erst holen wir den heraus, dann aber hole ich mir dieses Mädchen und heirate es. Nee, aber so ein hübsches Kindchen! Das heißt, wenn das haarige Wesen da meine Schwiegermutter ist, die kommt mir nicht ins Haus. Ich glaube, die hat sogar Haare auf den Zähnen und ist imstande mir den Hausschlüssel zu verweigern. Höchstens ausstellen könnte ich sie. Na, wollen wir gehen?«

»Der Weg nach unserem Ziele führt hier durch.« »Machen wir! Da schlage ich diesem Froschscheusale gleich den Schädel ein. Aber freilich – gibt's denn keinen anderen Weg nach dortenhin?«

»Doch, ein furchtbarer Umweg, und leicht können wir uns dabei verirren. Auch steht zu erwarten, daß die meisten Gänge verschüttet sind.«

»Hm, das ist freilich fatal.«

»Wir müssen uns mit diesen Leuten verständigen.«

»Hm, sehr unangenehm! Der Kerl soll Kräfte wie ein Riese haben – sagte seine Frau selbst, und die muß es doch wissen.«

»Fürchtest du dich?«

»Fürchten? Gibt's nicht bei uns. Wir Deutschen fürchten Gott und die Schwiegermutter, sonst nicht's auf der Welt. Aber freilich, mit Riesen soll nicht gut Kirschenessen sein – das hat schon David gesagt, bevor er Goliath erschlug.«

»Sie machen keinen gefährlichen Eindruck.«

»Ist mir auch ganz egal. Wenn der Kerl beißen will, gebe ich ihm ein Brechmittel ein. Ich stoße ihm die Brechstange durch den Rachen in die Luftröhre, bis sie hinten wieder rauskommt. Übrigens ist ja auch das Mädchen da. Wenn die mich sieht, dann wird sie ganz futsch sein und mir beistehen. Nicht wahr, in Indien ist es doch auch so, daß die Frauen die Herren im Hause sind?«

»Ich weiß nicht. Wir gehen friedlich vor, zeigen keine Waffen, halten sie aber bereit. Die Eisen nehmen wir mit. Jedenfalls hat dieses Mädchen gleiche Absichten wie wir. Wir können ihr helfen, sie vielleicht uns.«

»Das wird das reine Abenteuer,« sagte August, während er sich den Revolver handbereit steckte, »gerade wie Siegfried, als er den Drachen erschlug und die Prinzessin befreite. Wenn die Geschichte nur erst glücklich vorüber wäre!«

Offen traten sie hervor und gingen direkt auf das Feuer zu.

Der Empfang war ein ganz anderer, als den sie erwartet hatten. Sie brauchten sich nicht zu fürchten, denn sie jagten Furcht ein.

Der erste, der sie sah, war Phangil.

Er stieß einen gellenden Schrei aus und wandte sich zur Flucht. Wie schützend sprang Kulwa vor Mirja, die mit erschrockenen Augen die Ankommenden anblickte und sich schnell aufrichtete. Kulwa rief Phangil einige Worte in einer fremden Gurgelsprache zu, der Maulwurf sprang zu Mirja hin und riß sie mit sich fort. Im Nu waren beide in der Finsternis verschwunden.

Noch einen Augenblick starrte Kulwa die beiden mit weit aufgerissenen Augen an, dann glitt er geräuschlos wie ein Schatten in das trübe Wasser, welches dabei kaum eine Bewegung zeigte.

Noch ehe Bega ein Zeichen des Friedens geben oder ein Wort sagen konnte, war alles verschwunden.

Nur das Feuer brannte noch und beleuchtete die Überreste des Essens und das alte Gerümpel.

Bestürzt sahen sich die beiden an.

»Donnerwetter,« brach August zuerst das Schweigen, »wo ist denn die Bande mit einem Male hin? Ich glaube gar, der Kerl mit dem Froschkopf hat sich aus Schrecken gleich ersoffen.«

Er blickte in das dunkle Wasser.

»He, Herr Kulwa,« rief er hinab, »kommen Sie nur wieder zum Vorschein. Wir wollen Ihnen wahrhaftig nichts tun. Ne, aber so ein Kerlchen, hupft vor Schrecken mir nichts dir nichts gleich ins kalte Wasser rein! Pfui Deibel, was ist denn das nun wieder?«

Er hatte einen Satz rückwärts gemacht, denn aus dem Wasser vor ihm tauchte ein ungeheurer, beschuppter Kopf auf. Der geöffnete Rachen starrte non spitzen Zähnen.

»Ein Krokodil,« sagte Bega. »Dies Gewässer steht mit der Dschamna in Verbindung.« »Na na, nun halte ich alles für möglich. Am Ende ist es ein Mensch mit einem Krokodilskopf.«

»Gleichgültig, der Weg ist frei und wir wollen ihn benutzen. Jetzt gilt es, Reihenfels zu befreien. Vielleicht fügt es das Schicksal, daß wir uns später einmal über diese rätselhaften, unterirdischen Geschöpfe Aufklärung verschaffen.«

»Und die soll euch gleich jetzt verschafft werden,« ertönte hinter ihnen eine quakende Stimme, und ehe sie sich noch umdrehen konnten, wurden sie schon von hinten gepackt und gleichzeitig zu Boden gerissen.

An den Gebrauch einer Waffe war nicht zu denken.

Ein schwerer Körper lag auf Augusts Brust ihm die Arme wuchtig niederdrückend, so daß er sich nicht zu rühren vermochte, selbst der Mund war ihm verstopft. Er fühlte nacktes Fleisch auf seinem Gesicht.

Inzwischen wurde Bega mit zauberhafter Schnelligkeit an Händen und Füßen gebunden, und dann kam August an die Reihe.

Kaum war ihm der Mund frei, als es mit dem Räsonieren los ging. Daß sich über ihn ein scheußliches Froschgesicht beugte, flößte ihm weniger Grausen als Entrüstung ein.

»Nee, aber so eine Gemeinheit,« wetterte er. »Drückt mir das Rabenvieh, fast die Kehle ab! Kerl willst du runter mit deinem Kadaver? Was, du wagst, einen dekorierten General an Händen und Füßen zu binden? Der Deibel soll dich holen!«

Dies alles konnte nicht verhindern, daß August gebunden wurde, und aus den sonst ausdruckslosen Augen des Frosches leuchtete es wie dämonische Wut.

»Kommt auch ihr, unsere Ruhe zu stören?« heulte er. »Ho, ihr denkt, weil euch Timur Dhar geschickt hat, habt ihr das Recht, unvermutet bei uns einzudringen. Habt ihr gelauscht? Wohl, ihr könnt es den Krokodilen wiedererzählen, was ihr gehört habt. Erst werde ich euch vernichten, dann suche ich mir einen anderen Schlupfwinkel, wo mich niemand finden wird.«

August brüllte laut auf, als ihn das Ungeheuer an einem Fuß faßte und dem Wasser zuzuschleifen begann.

»Halte ein, Kulwa,« rief jetzt auch Bega, »du irrst, mein Freund, wenn du glaubst, Timur Dhar, den du nicht leiden magst, sende uns hierher. Wir kommen eben, um uns mit dir gegen Timur Dhar zu verbinden.«

Bega schien das richtige getroffen zu haben. Der Froschmensch hielt wenigstens mit dem Fortschleifen Augusts ein.

»Was wollt ihr von mir?«

»Den befreien, welchen Timur Dhar gefangen hält.«

Aber Bega täuschte sich doch.

»Ist es das? Hohoho, ich lasse mich nicht wieder belügen. Ich habe einmal jemandem getraut, tue es aber nie wieder. Wie habt ihr den Weg in diese Gänge gefunden?«

»Wir haben einen Eingang gesucht.«

»Timur Dhar hat euch in das Geheimnis eingeweiht! Ins Wasser mit euch, und stört mich Timur Dhar in meinem neuen Versteck, so ist sein Los dasselbe.«

Wieder wollte er August dem Kanal zuschleifen, als er abermals daran gehindert wurde.

Die mit Phangil zurückkehrte Mirja war es, die sich ins Mittel legte.

Sie waren alle geflohen, weil sie nicht anders glaubten, als jene unheimlichen Wesen erschienen ihnen, die schon mehrere Male ihre Ruhe gestört hatten, bis jetzt allerdings sich immer nur durch Laute bemerkbar machend.

Phangil und Mirja suchten ihr Heil in der Flucht auf dem Lande, Kulwa, dessen Element das Wasser war, in diesem, versäumte aber dabei nicht, die Erscheinung zu beobachten.

Das Gespräch der beiden verriet ihm, daß er es nur mit ihm verhaßten Menschen zu tun hatte, und er überwältigte sie.

Die beiden anderen hatten von der Ferne aus das Geschehene beobachtet und kehrten jetzt zurück. »Du wirst sie nicht töten, Kulwa,« sagte Mirja mit Nachdruck, »nicht eher wenigstens, als bis du erfahren hast, was sie hier wollen.«

Die zarte Hand übte auf den herkulischen Arm doch eine gewaltige Wirkung aus. Er ließ ihn sinken.

»Dich sendet Brahma,« rief Bega sofort, »stehe uns bei, denn wir beabsichtigen nur, deinen Wunsch auszuführen, einen Mann namens Reihenfels zu befreien. Wir kennen auch seinen Aufenthaltsort.«

»Schweig!« herrschte Kulwa sie an und forderte Mirja auf, sich mit ihm etwas abseits zu begeben.

Sie machte zu Bega hin eine ermutigende Handbewegung und folgte Kulwa. Ihnen schloß sich Phangil an, der über die Ruhestörung äußerst unwillig schien.

Fortwährend warf er den Gefangenen finstere Blicke zu, er sprach eifrig auf Kulwa ein, unterbrach Mirja immer, und es war, als ob er auf den Tod der Gefangenen dringe, und Kulwa ihm beistimmte.

»Wir sind in eine schlimme Lage gekommen,« seufzte Bega, »nur die Jüdin ist für unser Leben.«

»Hoffentlich hat sie ihren Mann unter dem Pantoffel, sonst steht's faul mit uns. So ein Scheusal, quetscht mir der Kerl fast die Kehle ab!«

»Du Glücklicher, daß du noch scherzen kannst!«

»Mir ist durchaus nicht scherzhaft zumute. Aber was hilft denn das Jammern und Heulen? Jetzt müssen wir die Suppe aufessen, die wir uns eingebrockt haben.«

»Und die Zeit, die kostbare Zeit,« klagte Bega, »sie verrinnt, und wir müssen untätig hier liegen!«

»Warten Sie mal, da naht die Entscheidung. Sehen Sie, das Mädchen hat die Oberhand behalten – wie gewöhnlich. Freilich trägt sie ein Messer, und es fragt sich nun, ob sie damit unsere Kehle oder unsere Stricke durchschneiden will.«

Mirja kam auf sie zu, begleitet von den finsteren Blicken Kulwas. Sie hatte ein Messer in der Hand, mit welchem sie die Banden der Gefangenen zerschnitt.

»Steht auf und folgt mir ans Feuer!« sagte sie sanft. »Solange ich noch am Leben bin, werde ich nicht dulden, daß euch etwas Üble widerfährt.«

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