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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 5
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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senderGeorges Huberty
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5. Der Falschspieler

Bombay war der Sammelpunkt vieler, die während des Aufstandes von den Ihrigen abgeschnitten worden waren. Todkrank, halb verhungert, zerfetzt trafen sie in den vorgeschobenen Garnisonen ein und wurden entweder an Ort und Stelle gepflegt oder, wenn sie noch marschfähig waren, nach Bombay geschickt.

Selten einmal waren solche darunter, die neugekleidet und ausgerüstet werden konnten, um den Feldzug mitzumachen, das heißt, selten gab es unter den Versprengten noch kräftige Leute. Märsche durch Wildnisse, Verfolgungen, Hunger und Hitze hatten meist aus den blühenden Soldaten Skelette gemacht.

Einmal kamen zwei an, die ein ganz anderes Aussehen hatten als die übrigen. Sie waren nicht nur gesund, wohlgenährt und gut bewaffnet, sondern sogar auch beritten und bei trefflicher Laune.

Es waren Jim und Bob, die ihren Einzug in Bombay hielten. Ersterer thronte auf einem Pferde, letzterer tummelte einen Esel. Woher sie die beiden Reittiere hatten, weiß der liebe Leser. Sie hatten einst Gholab und seinem Diener gehört, die vor dem roten Dick geflohen waren, während Bob seine ganze Wut an Mirzi ausließ.

Jims Vorschlag, das hinterlistige Weib als Gefangene mitzunehmen und vor das Kriegsgericht zu stellen, fand bei Bob keinen Anklang, denn bei dem Verhör wäre Bobs wahres Geschlecht sicher verraten worden, und dieser hatte noch immer keine Lust, seine Rolle aufzugeben.

So wurde denn beschlossen, die noch schlimmer als das vorige mal zugerichtete Mirzi ihrem Schicksal zu überlassen. Sie warteten noch einen Tag, währenddessen sie das hinterlistige Weib nicht aus den Augen ließen. Als Dick nicht zurückkam, bestiegen sie die beiden vorgefundenen Reittiere und machten sich in beschleunigtem Tempo auf den Weg nach der Küste.

Dabei vermieden sie alle Städte, und womöglich auch alle größeren Ortschaften, denn sie wußten nie, ob sie dort Rebellen oder Engländer fanden. In den kleinen Dörfern kauften sie Nahrungsmittel, und dies wurde ihnen sehr leicht, da Jim Dicks goldgespickten Beutel besaß.

Sie hatten sich, ohne nur an Aneignung zu denken, den Inhalt geteilt, denn sie konnten einmal getrennt werden.

Es war fast ein Wunder zu nennen, daß sie ohne jede Behelligung Bombay erreichten.

»Hei, ist das nicht Bob, der mit seiner Trommel Fußball spielte?« lautete der erste Gruß, als sie in eine weit vorgerückte Garnison einritten.

»Wahrhaftig, Bob, der zu Delhi das große Alarmsignal auf den Händen blies, ohne den wir wie die Kälber abgeschlachtet worden wären,« fügte ein Offizier hinzu und streckte dem Jungen die Hand entgegen.

»Jim, der Korporal von der Nachhut! Er lebt wirklich noch!« jubelte ein anderer. Im Triumph hielten die beiden ihren Einzug, wurden nach Bombay gebracht, im Büro des Hauptquartiers vernommen, und als sie, gefragt, ob sie zum Dienst fähig wären, bejahend antworteten, der Armee von Sir Rose zugeteilt und sofort neu eingekleidet.

Schon am Nachmittag wanderten die beiden Freunde in funkelnagelneuer Uniform, Arm in Arm, den Spazierstock zwischen den Fingern drehend, das winzige Käppi links auf dem Hinterkopfe, unternehmungslustig durch die Straßen Bombays.

Dies hier entworfene Bild klingt für einen deutschen Soldaten vielleicht unglaublich, es ist aber das bei Tommy Atkins – so wird, wie schon erwähnt, der englische Soldat genannt – gewöhnliche Bild, und so sieht man ihn immer, wenn er nicht im Dienst ist. Tommy Atkins trägt außer Dienst kein Seitengewehr, sondern ohne Ausnahme einen Spazierstock – in der Brusttasche natürlich noch ein tüchtiges Messer – darf die Hände in die Hosentaschen stecken und mit seinen Kameraden Arm in Arm gehen.

Es war Jim und Bob einfach selig zumute. Nach den Märschen durch unendliche Wildnisse, nach mageren Tagen in Festungen wieder in einer Stadt, in der es wie auf einem Jahrmarkt zuging! Überall erscholl Musik, hier wurde geboxt, dort getanzt, auf jenem freien Platze ließ man Hunde um die Wette laufen, dort fand ein Hahnenkampf statt, hier traten Sängerinnen auf, das Schild an diesem Hause verkündete mit riesengroßen Lettern Beefsteaks frisch von der Pfanne, ein anderes gebratenen Speck und Eier – alles Dinge, ohne welche Tommy Atkins sich ein Paradies nicht denken mag, und durch welche man ihm in Bombay die vorgeschossene Löhnung ablockte.

Was wollte man auch im Kriege damit? Sollten die indischen Leichenplünderer das Gold den Toten und Verwundeten aus den Taschen nehmen? Jim und Bob drängten sich durch die meist aus englischen und indischen Soldaten bestehende Masse, aber sie hielten sich nicht lange bei den Schaustellungen auf, denn ihr knurrender Magen schob sie förmlich nach einem Speisehaus hin.

Nachdem sie viele, viele Tage nur von Brotfladen, Käse und etwas magerem Gemüse gelebt, hatten sie heute auch noch die Kasernenkost verschmäht, um einmal mit Wollust die Delikatessen eines Hotels kosten zu können.

So gingen sie denn in das erste hinein, das einen pompösen Namen trug und als Gäste nur Offiziere oder vornehme Zivilisten aufzuweisen hatte, saßen bald vor silbernen Platten, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätten sie die Speisekarte von Anfang bis zu Ende abgegessen.

Als der Hunger endlich gestillt war, wurde ihnen freilich etwas beklommen ums Herz, denn jetzt kam der heikelste Punkt – das Bezahlen.

Und siehe da, welch gute Rechenmeister sie waren! Der Kellner bewies ihnen mit Bleistift und Papier haarscharf, daß die Rechnung ebensoviel betrug wie ihre vorgeschossene Löhnung; nur einige Pennies blieben übrig, die Bob dem befrackten Geist großmütig überließ.

Draußen erklang die Musik, das Zusammenschlagen der Becken, das Jauchzen der Menge; drinnen im Spiegelsaal des Hotels saßen die jungen Freunde und schauten sich mit wehmütigen Gesichtern an.

»Jim, wir sind Schafsköpfe!« sagte Bob mit aus dem Herzen kommender Stimme.

Jim nickte zum Zeichen, daß er damit vollkommen einverstanden war.

»Wir hätten uns in der Kaserne satt essen sollen,« fuhr Bob fort, »dann wäre der Magen vollgewesen, und das Herz hätte auch noch etwas bekommen können.«

»So geht's in der Welt,« philosophierte Jim, »wenn man sich nur vorher alles recht überlegen wollte! Das Essen war überhaupt unverschämt teuer. Ich möchte mich ohrfeigen, daß ich gerade in so ein Hotel gegangen bin.«

»Ohrfeigen möchte ich mich nun gerade nicht. Was meinst du, Jim, ob uns jemand etwas borgt?«

»Kein Mensch. Wer etwas hat, bringt es so schnell wie möglich selbst durch. Und Durst habe ich auch noch.« »Ich auch. Ob der Wirt uns wohl pumpt?«

»Jawohl, der und pumpen; und noch dazu einem Soldaten, der in den Krieg geht!«

»Nun, wir kämpfen doch auch für ihn, um sein Hab und Gut zu schützen!«

»Sag ihm das einmal!« lachte Jim. Ein Kuli trat ein, der indische Süßigkeiten zum Verkauf anbot.

»Ach,« seufzte Bob schmerzlich, die Leckereien betrachtend, »danach habe ich mich schon so lange gesehnt! Ich glaubte manchmal, das Herz müßte mir brechen, wenn ich nur an Kandiszucker dachte. Und keinen Penny mehr in der Tasche! Ich bin imstande und fordere vom Kellner mein Trinkgeld zurück.«

»Es ist doch merkwürdig, daß ihr – ihr –.«

»Bst!« machte Bob.

»Daß ihr Trommeljungen Kandiszucker so sehr liebt!« fuhr Jim lachend fort. »Wenn ich aber wenigstens noch etwas zu rauchen bei mir hätte.«

Er wühlte in den Taschen; plötzlich nahm sein Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck an.

»Donnerwetter, Geld hätten wir eigentlich!« flüsterte er und brachte einen strotzenden Beutel zum Vorschein.

»Hei, daran habe ich noch gar nicht gedacht!« rief Bob mit glänzenden Augen und zog einen ebensolchen Beutel hervor. »Wie dumm! Wir haben ja Geld in Hülle und Fülle!«

»Halt, Bob, das ist nicht unser!«

»Freilich, es gehört Dick! Aber was meinst du, Jim?«

Dieser schüttelte energisch den Kopf.

»Was, du hast Bedenken?«

»Es gehört Dick.«

»Er hat es uns geliehen«

»Wenn auch, wir könnten es nie zurückzahlen.«

»Das ist Dick egal, dem kommt's überhaupt nicht darauf an. Glaubst du, er würde uns sonst gleich den ganzen Beutel mit Gold gegeben haben, um einige Nahrungsmittel zu holen?«

»Das ist freilich wahr.«

»Dick ist überhaupt wahrscheinlich reich.«

»Aber dennoch!«

Eine lange Pause trat ein. Bob schien ärgerlich über seinen vorsichtigen Freund zu sein, Jim lauschte der Musik und kämpfte einen innerlichen Kampf durch.

»Na, etwas könnten wir ja vielleicht davon borgen,« meinte er dann.

»Weiter wollte ich ja auch nichts,« stimmte Bob bei. »Dachtest du etwa, das Ganze müßte gleich verjubelt sein?«

Nachdem sie so in ihrem Entschlusse übereingekommen waren, einige Goldstücke springen zu lassen, wollten sie sich erst überzeugen, wie groß denn ihr Schatz sei. Aber wie erstaunten sie, als sie auf den Tisch über hundert gute, englische Pfundstücke hinzählten.

»Diese hundert heben wir auf,« sagte Jim, »das beste ist, wir geben sie auf dem Büro ab, und in diese acht teilen wir uns. Damit können wir wie der liebe Gott in Frankreich leben.«

Sie strichen das Geld wieder ein und bemerkten dabei nicht, wie gierig die Augen eines feingekleideten Herrn am Nachbartische aufleuchteten, als er die blanken Goldstücke sah und klingen hörte.

Jim verbarg die ganze Summe in seiner innersten Rocktasche, dann brachen beide auf, um das Geld im Büro ihrer Kompanie gegen Quittung abzugeben.

Auf dem Wege dorthin kamen sie aber an den Vergnügungshäusern vorüber, und die leichtsinnigen jungen Leutchen konnten der Versuchung nicht widerstehen, schon jetzt einmal die Freuden der Zivilisation kennen zu lernen. Ehe sie es sich versahen, war es Abend geworden. Jetzt drängte Bob zum Aufbruch, aber als sie das Büro erreichten, fanden sie dasselbe geschlossen.

»So tun wir's morgen,« entschied Jim, und Bob gab nach, »bei mir ist es auch sicher aufgehoben. Was kann uns denn hier weiter passieren?«

Sie stürzten sich von neuem in den Strudel der Vergnügungen, und da Bob für Jim gleich einem Talisman wirkte, der ihn hinderte, sich mit den zahlreich vorhandenen Vertretern des schönen Geschlechts einzulassen, so nahm das geliehene Geld nicht zu schnell ab. Denn auch dem Soldaten sind die Weiber der mächtigste Magnet für seine Tasche.

Zuletzt aber ließen sie sich verleiten, eine Glücksbude zu betreten, wie solche etwas außerhalb Bombays in Menge aufgeschlagen waren. Die Polizei verhinderte nur grobe Exzesse, sonst ließ sie dem Spieldurst der bald ins Feld ziehenden Krieger freien Lauf.

Es war eine bessere Spielhalle, in die Jim und Bob geraten waren, wenigstens insofern besser, als die Spieler meist feingekleidete Herren waren – auch viele junge Offiziere in Zivil, meist aber zweifelhafte Elemente.

Das Hasardspiel war das einfachste, was man sich denken konnte. Ein Spiel Karten wurde Blatt für Blatt aufgedeckt, links und rechts abwechselnd; die Zahlen verloren, die Figuren gewannen für den Setzenden, der, wenn er gewonnen, den gesetzten Betrag doppelt herausbekam, im anderen Falle ihn verlor. Natürlich wurde nur die Hälfte des Kartenspiels aufgedeckt, da sonst ein guter Kopf berechnen konnte, ob die letzten Karten gewannen oder verloren.

Unsere beiden Freunde sahen an einigen Tischen erst zu; der kleine Bob mußte sich aber dabei auf die Fußspitzen stellen.

Da wurde ein neuer Tisch arrangiert, und ohne daß sie es eigentlich wollten, wurden sie von anderen sofort dahingedrängt.

Wie eine Mauer standen die Umstehenden um sie herum. Sie dachten aber auch gar nicht ans Fortgehen, denn der Engländer ist nun einmal fürs Spiel ungeheuer eingenommen, viel mehr als der heißblütige Südländer – sonderbarerweise! Schon die Lust am Wetten zeugt davon.

Ein Herr nahm als Bankier Platz, und das Spiel begann. Vorläufig schauten Jim und Bob zu und sahen, wie der Bankier einen Schilling nach dem anderen verlor. Das Glück war offenbar nicht auf seiner Seite. Ohne eine Miene zu verziehen, zahlte er das Geld aus seiner unerschöpflich scheinenden Tasche aus.

Schließlich konnten sich auch Jim und Bob nicht mehr beherrschen, sie begannen mit ihrem übriggebliebenen Gelde zu setzen, verloren es zuerst fast völlig, gewannen es dann wieder, spielten mit abwechselndem Glück, gewannen abermals eine bedeutende Summe und verloren diese schließlich wieder bis auf die letzte Kupfermünze.

Das Zelt hatte sich unterdes geleert bis auf diesen Tisch, der noch von einigen Herren umdrängt wurde.

»Alles weg,« sagte Bob, »wir müssen gehen. Es ist jammerschade!«

Schon aber hielt Jim, dessen Augen zu glühen begannen, ein Goldstück von dem bisher noch nicht angerissenen Schatz in der Hand. Er hatte gesehen, daß man bei diesem Spiel, wenn man nicht unvernünftig spielt, eigentlich weder gewinnen noch verspielen kann, besonders wenn man den Einsatz verdoppelt und wieder von klein anfängt, d. h., wenn man aushalten kann.

Bob wußte, daß sein Gefährte mit Dicks Geld weiterspielen wollte, und sein englisches Blut vermochte der Versuchung nicht zu widerstehen.

»Nur das Verlorene müssen wir wiedergewinnen,« flüsterte er Jim zu, »dann hören wir auf.«

Jim gewann wohl anfangs mehr, als er verloren, dann verlor er aber bedeutend mehr.

»Verdoppeln Sie doch,« raunte ihm ein Herr zu, »immer den Verlust verdoppeln, dann können Sie ja gar nicht verlieren. Verstehen Sie das nicht?« Dieselbe Aufforderung ging ihm von Bob zu.

Er hatte gesehen, wie jener Herr oftmals ganze Haufen von Silberstücken verlor, sie aber stets verdoppelte, und immer wieder verdoppelte, bis er schließlich gewann, wonach er natürlich den ursprünglichen Einsatz stets gewinnen mußte.

Jetzt machte es Jim, besonders auf Bobs Zurede hin, ebenso.

Er verlor permanent, erst ein, dann zwei, dann vier, dann acht Goldstücke und so weiter, und mit Schrecken nahm er wahr, wie schnell sein Beutel leichter wurde. Da, als er zweiunddreißig Pfund stehen hatte, gewann er endlich. Er erhielt das doppelte.

Nun waren beide in dem leicht begreiflichen Irrtum, zweiunddreißig Pfund, das sind etwas über vierhundertsechzig Mark, gewonnen zu haben, während sie doch nur ein Pfund gewonnen hatten.

Durch diesen Irrtum richten sich die unerfahrenen Spieler stets zugrunde.

Das Spiel begann von neuem; diesmal verlor Jim kaltblütig und verdoppelte stets den Verlust, bis er mit Schrecken wahrnahm, daß er diesmal den ganzen Inhalt des Beutels setzen mußte, wollte er nicht verlieren.

Er teilte dies Bob mit.

»Setze!« flüsterte dieser erregt zurück. »Diesmal muß die rechte Karte gewinnen, sie hat jetzt sechsmal hintereinander verloren, und alle Gewinne sind noch drin.«

»Bitte, setzen!« sagte der Bankier.

Jim schüttete den Inhalt des Beutels, über fünfzig Pfund, auf die rechte Karte. Bob hatte seine Augen unverwandt auf die Hände des Bankiers geheftet.

Dieser zog die oberste Karte gewandt ab und deckte sie auf – es war eine acht.

»Verloren,« sagte er und griff nach dem Gelde.

Doch blitzschnell griff eine andere Hand auf den Goldhaufen, eine zweite auf das Kartenspiel des Bankhalters, und dieser, erschrocken aufblickend, sah in das vor Zorn dunkelgerötete Antlitz des Trommeljungen.

»Sie haben eine Karte von unten heraufgezogen, ich habe es wohl gesehen,« stieß er hervor, »zeigen Sie her; da – Coeur-Aß, die Karte hatte gewonnen. Wissen Sie, was Sie sind?«

Der Bankhalter war mit bleichem Gesicht und mit rollenden Augen aufgesprungen; seine Hand fuhr in die Brusttasche.

»Gentlemen, Sie sind Zeugen ...«

»Natürlich, selbstverständlich!« klang es sofort von allen Seiten. »Was will der Bursche überhaupt hier? Hinaus mit ihm!«

»Polizei!« überschrie Bobs helle Stimme den entstehenden Tumult. »Polizei, das ist ein Falschspieler!«

»Hinaus mit dem frechen Burschen!«

Ehe sie sich's versahen, waren Jim und Bob gepackt und wurden trotz verzweifelter Gegenwehr dem Ausgange zugeschleppt.

»Halt, nicht mit Gewalt!« mischte sich der Bankier selbst dazwischen. »Ich brauche die Gentlemen als Zeugen, daß alles ehrlich zugegangen ist. Ich bin beleidigt worden.«

»Wir alle sind Zeugen, hinaus mit dem Gesindel! Will noch Krakeel anfangen, wenn es seine paar Pennies verloren hat.«

Im Nu waren beide, wie man sagt, an die frische Luft gesetzt.

Zähneknirschend und mit geballten Fäusten standen sie draußen. Im ersten Augenblick hatten sie Lust, die hinter ihnen wieder geschlossene Tür mit Gewalt auszubrechen, aber glücklicherweise besannen sie sich noch, daß sie allein gegen die Überzahl von Gaunern – denn jetzt sahen sie ein daß es nur solche waren – nichts ausrichten konnten.

»Diese Schufte!« rief Bob empört, dabei von Tränen der Wut halb erstickt.

»Und es war nicht einmal unser.«

»Wir holen es wieder.« »Ja, aber wie. Mit der Polizei?«

»Unsinn, die Kerls stecken alle unter einer Decke.«

»Wie denn sonst?«

»Er muß es wieder herausgeben.«

»Wir lauern ihm auf.«

»Ja, aber nicht allein. Du bleibst hier, Jim, und wenn sie herauskommen, so läufst du ihnen heimlich nach. Wenn du nur wenigstens einen dabei nicht verlierst. Womöglich aber faßt du den aufs Korn, der die Bank gehalten hat.«

»Und du?«

»Ich laufe nach Bombay und trommele alle Soldaten zusammen, die ich treffe.«

»Werden sie dir auch folgen?«

»Wenn sie mich kennen, kommen sie auch mit mir. Dann gibt es einen Sturm auf diese Spelunke.«

Damit rannte Bob schon spornstreichs davon, und Jim nahm seinen Lauscherposten ein.

Er fand in der Holzwand ein Astloch, durch das er den ganzen Raum übersehen konnte. Ein Gebüsch schützte ihn vollkommen vor fremden Augen. Er sah die feingekleideten Gauner, die vom Spiel lebten, sich unterhalten. Zwar entfernte sich einer nach dem anderen, aber der, welcher ihnen das Geld abgenommen hatte, blieb; es schien, als erwarte er jemanden.

Als Bob in vollem Laufe um die erste Straßenecke bog, rannte er mit einem Manne zusammen, von dessen mächtiger Gestalt er wie ein Federball abprallte, während der andere wie angewurzelt stehen blieb und nur unwillig brummte.

Im nächsten Augenblick aber schon stieß Bob einen hellen Jubelschrei aus.

»Hallo, Charly, dich sendet der Himmel. Kennst du mich denn nicht mehr?«

»Nicht daß ich wüßte! Oder sind wir schon einmal irgendwo so gemütlich zusammengerannt?«

»Das nicht, aber in Moores Hütte haben wir uns gesehen.«

»Bei meinem Vater in Wanstead? Ach was, kann mich gar nicht entsinnen.«

»Na, bleibt sich auch gleich. Aber den Jim kennst du doch, weißt du, den Jim Green.«

»Der die kleine Nelly poussierte. Ja, den kenne ich.«

»Dann ist's gut. Du mußt uns helfen.«

Mit fliegenden Worten teilte Bob dem Riesen mit, was ihnen passiert war.

»Dicks Geld war es also!« brummte Charly. »Na, darum macht euch keine Sorge! Der denkt gar nicht mehr daran, wenn er's euch gegeben hat. Dick hat schon manchmal mehr als hundert Pfund auf einen Schuß gesetzt und hat es verloren.«

»Aber diese Schurkerei, dieser Falschspieler! Ich habe ganz deutlich gesehen, wie er eine Karte von unten herauszog, die er schon bereithielt. Er machte es auch noch ganz plump.

Sollen wir dem das Geld lassen?«

»Nein, das dürfen wir natürlich nicht. Wir nehmen es ihm wieder ab, aber womöglich ohne viel Lärm dabei zu machen.

Beide gingen zurück, und Charlys scharfe Jägeraugen hatten bald das Versteck Jims gefunden, ehe dieser sie gesehen hatte.

Er legte den Finger auf den Mund und winkte ihnen, heranzukommen, schüttelte Charly die Hand und teilte flüsternd eine Neuigkeit mit.

»Gut, daß ihr jetzt kommt! Sie wollen eben gehen. Blicke hier durch, Bob, wer mag das sein?«

Bob sah nur noch einige Herren vor Spirituosen an Tischen sitzen. An dem improvisierten Schenktische stand der Bankhalter und unterhielt sich mit einem Indier, der gar nicht in dieses Lokal paßte, viel eher in die Wüste oder in den Wald.

Es war eine wilde, kriegerische Gestalt, sein Gürtel mit Waffen gespickt, das Gesicht von einer furchtbaren Narbe entstellt. Heftig gestikulierend, anscheinend erzürnt, aber leise, sprach er auf den Herrn ein, der sich abweisend verhielt und oft mit den Achseln zuckte, was den anderen nur noch mehr reizte.

Deutlich konnte Bob durch das Astloch sehen, daß des Indiers linkes Ohr ein großes Loch hatte, als wäre es von einer Kugel durchbohrt worden, und dieses Zeichen, vereint mit der gewaltigen Narbe quer über dem Gesicht, brachte ihn sofort auf eine Vermutung.

»Jim, sollte das nicht der Mann sein, von welchem jener Franz oder jene Franzy schrieb?«

»Er ist es,« nickte Jim, »und schon, daß er von dem Falschspieler etwas zu fordern hat, wirft Verdacht auf ihn.«

Eilends teilten sie Charly ihre Erlebnisse in dem Dorfe mit, wenigstens insofern, als sie das vorgefundene Schreiben betrafen. Charly entwarf seinen Plan.

Die beiden drinnen schienen doch handelseinig zu werden. Des Indiers finsteres Gesicht hellte sich etwas auf, er folgte dem vorangehenden Herrn nach der Tür.

»Jetzt aufgepaßt!« flüsterte Charly. »Erst schleiche ich ihnen nach, ihr folgt mir, und am ersten dunklen und abgelegenen Ort überwältigen wir sie. Ihr nehmt den Engländer, ich den Indier. Mit einem Griffe muß alles geschehen sein.«

Seine Vorsicht war gar nicht nötig.

Die Herauskommenden entfernten sich nicht weit von dem Hause, sondern blieben gerade vor dem Gebüsch stehen, welches die drei verbarg. Die Unterhaltung fand in englischer Sprache statt, welche von dem Indier nur geradebrecht wurde.

»Ihr stellt ein unsinniges Verlangen,« sagte der Engländer mit unterdrückter Stimme, »das doppelte habe ich gezahlt, was Euch versprochen worden ist, und jetzt wollt Ihr schon wieder Geld haben. Was fällt Euch übrigens ein, mich hier aufzusuchen?«

»Ich wußte, daß Ihr hier seid.«

»Sieht man uns zusammen, so fällt Verdacht auf mich.«

»Ich bin kein größerer Spitzbube als Ihr.«

»Hütet Eure Zunge!«

»Bah, Euch fürchte ich nicht. Wollt Ihr mir Geld geben oder nicht?«

»Was tut Ihr, wenn ich es Euch verweigere?«

»Dann sage ich, daß Ihr ein Mädchenräuber seid.«

»Und was seid Ihr denn?« lachte der Engländer höhnisch.

»Ich tat es auf Eure Veranlassung.«

Der Weiße knirschte mit den Zähnen.

»Wieviel wollt Ihr haben?«

»Fünfzig von den großen Goldstücken.«

»Ihr seid wahnsinnig. Gestern wolltet Ihr zwanzig, heute fünfzig, und morgen verlangt Ihr hundert.«

»Morgen früh verlassen wir Bombay.«

»Das habt Ihr schon einmal gesagt.«

»Ich schwöre es Euch bei der heiligen Kali, daß uns die morgige Sonne nicht mehr in Bombay erblickt.«

»Wo ist denn das übrige Geld, was Ihr schon bekommen habt?«

»Verspielt!«

Der Engländer überlegte. Da er heute einen guten Gewinn gemacht hatte, konnte er wohl zahlen. Es ging ja überhaupt auf Rechnung eines anderen.

»Nun gut, ich werde Euch noch einmal fünfzig Pfund geben, ein enormer Preis für Eure Dienste. Schwört mir indes, nie wiederzukommen.«

»Ich schwöre Euch bei der heiligen Spitzaxt der Kali, nie wieder von Euch Geld zu verlangen.«

Der Engländer war unvorsichtig genug, den vollen Geldbeutel zu ziehen. Dabei wandte er sein Auge von dem Indier ab. In diesem Augenblick sah Charly, wie letzterer mit der einen Hand nach dem Geldbeutel griff, mit der anderen den Dolch aus dem Gürtel riß und ihn dem Manne in die Brust stieß.

Mit einem Wehrufe stürzte der Engländer zu Boden. Dem Indier sollte der Raubmord indes nicht gelingen. Schon hatte sich Charly auf ihn gestürzt, ihn niedergeschlagen, und in der nächsten Minute lag er hilflos gebunden da.

Dies alles war nicht ohne Lärm vor sich gegangen. Doch nicht die Genossen des Verwundeten eilten herbei, diese verschwanden vielmehr schnell, dagegen nahte sich eine Patrouille Soldaten, und diesem Umstande war es zu verdanken, daß die dunklen Gestalten sich zurückzogen, welche vorhin aufgetaucht waren.

Es waren die Puharris gewesen, die zum Schutze ihres Führers sich in der Nähe befunden hatten.

Der jammernde Verwundete wurde die kurze Strecke nach Bombay getragen, ebenso der sich ganz teilnahmslos verhaltende Indier.

Nachdem die Polizei geholt worden war, legte der Engländer, dessen Leben nicht mehr gerettet werden konnte, ein unumwundenes Geständnis ab.

Er war der Vertraute Lord Westerlys und mußt für ein geraubtes Mädchen Unterkunft in Bombay besorgen, ebenso für Westerly selbst, und alle dessen Geschäfte erledigen, also auch die Ablohnung der Puharris, welche im Auftrage des Lords Franziska geraubt hatten.

Er erklärte ferner, daß diese die Braut Lord Cannings sei, und daß Westerly die Absicht habe, sie nach Konstantinopel zu entführen, einmal, um an Canning Rache zu nehmen, und dann, um der Strafe zu entgehen, denn Westerly sei sowohl ein Verräter an den Engländern, als auch an den Indiern, auf deren Seite er immer gestanden habe.

Daß er in letzter Zeit viel vom falschen Spiele gelebt habe, gab er zu, und als er Bob neben sich stehen sah, nannte er die Summe von 110 Pfund, die er diesem heute abgenommen habe.

Nachdem er noch Westerlys und Franziskas Wohnung beschrieben hatte, verschied er mit einem Fluche auf Westerly, Gott und die ganze Welt.

Der Indier verhielt sich wie die meisten seiner Landsleute. Als er sich überführt sah, tat er den Mund nicht mehr auf. Wegen Mädchenraubs, begangen an einer Engländerin, wartete seiner lebenslängliche Zwangsarbeit.

Charly sagte aus, wie Bob in den Besitz einer solch großen Summe gekommen wäre, dann begaben sie sich alle nach der bezeichneten Wohnung, wo sie Franziska lebend, Westerly tot fanden. Er hatte sich dem Anscheine nach selbst das Leben genommen.

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