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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 35
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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35. Schluss

Gegen Ende des Jahres 1858 war der indische Aufstand, welcher England außer ungezählten Menschenleben noch die Summe von 24 Millionen Pfund Sterling gekostet hatte, als niedergeschlagen zu bezeichnen.

Die sich im Gebirge versteckt haltenden Rebellen waren aufgerieben, von den Kanonen ›weggeblasen‹ oder gehenkt worden, so zum Beispiel auch Tantia Topi, Verrat hatte die Schlupfwinkel der Anführer preisgegeben; alle Radschas wie auch Sepoy-Offiziere hatten ihren Treubruch mit dem Leben büßen müssen; oft genug fand man in Höhlen Verhungerte.

Bahadur war zu lebenslänglichem Gefängnis in Rangun verurteilt; die königlichen Prinzen, die Baburiden, waren ohne Ausnahme erschossen worden, was aber aus Nana Sahib wurde, konnte man damals und kann man auch jetzt noch nicht sagen. Über seinen Verbleib herrscht ein geheimnisvolles Dunkel.

Die einen sagen, er sei vor der Mündung der Kanone, die anderen, er sei zu Heidarabad in Gefangenschaft als alter Mann gestorben.

Der Königin von Audh gewährte man in Paris eine Zuflucht; von der Begum von Dschansi wurde nichts wieder gehört. Man fand ihren Leichnam nicht, obgleich die Sepoys eifrigst darnach suchten; es hieß, ihre göttliche Mutter habe sie der Schlacht entrückt und wieder zu sich genommen, aus Zorn darüber, daß die Indier uneinig und verräterisch gewesen seien, aber sie würde wiederkommen und den Kampf gegen die Engländer von neuem aufnehmen, und seien die Indier dann einig, dann würde ihr Land frei von der englischen Herrschaft werden.

So hofft der Indier noch jetzt auf das Wiedererscheinen der Begum von Dschansi; der niedrigstehende Kuli glaubt an ihr persönliches Kommen, der hochgebildete Hindu sieht in ihr eine Allegorie, wie wir Deutschen etwa an das Erwachen des Kaisers Barbarossa glaubten. Allerdings wird der Engländer Indien einst räumen müssen. Entweder erwürgt der asiatische Bär, Rußland, den britischen Löwen in furchtbarer Umarmung, oder China und Japan können die Waffen nach Indien tragen, dann aber wird die Zeit kommen, wo ein internationales Schiedsgericht das schöne Land frei von aller Fremdherrschaft erklärt.

Die aber, welche von den Anführern des Aufstandes zur Rolle der Begum bestimmt gewesen, das fremde Mädchen ohne irdische Heimat und Eltern, wird sich nicht mehr an diesen Kämpfen beteiligen. Sie hat ihre Eltern und Heimat wiedergefunden in den Wirren des Aufstandes und noch etwas anderes, das schönste auf Erden – ein treues Herz. – Es war Winter. Graue Wolken hingen über London und drohten mit Schnee. Vor demselben stattlichen Hause, in welchem einst Timur Dhar, der König der Gaukler, seine Vorstellung gab und das kleine, rosige Mädchen mit dem braunen, indischen Knaben vertauschte, stand ein Mann, hielt die Hand des einzigen Armes, den er noch besaß, über die Augen und spähte die wenig belebte Straße des vornehmen Häuserviertels hinab. Dieser einzige Arm stützte sich zugleich auf eine Krücke, welche das fehlende Bein ersetzen mußte.

War der Mann auch ein Krüppel, so war in seinem pausbäckigen Gesicht doch nichts zu lesen, daß er darüber besonderen Kummer empfand, vielmehr eine behagliche Zufriedenheit, ein stilles Glück.

Ein Parterrefenster öffnete sich; das hübsche, vor Anstrengung hochrote Gesicht einer jungen Dame sah heraus. Ihre Haarfrisur war eine ganz seltsame. Wie die Borsten eines Stachelschweins stand das halblange, schwarze Haar nach allen Richtungen vom Kopfe ab und war von Papierwickeln durchflochten.

»Noch nichts zu sehen, Jim?« fragte sie in breitem irischem Dialekt.

»Noch nichts zu sehen und zu hören, Miss Green;« entgegnete der Gefragte.

»Das ist gut, bin auch noch nicht ganz fertig der Plumpudding ...«

Das andere verlor sich schon im Innern des Zimmers.

»Nelly!«

Sie erschien nochmals am Fenster.

»Vergiß die Papierwickel nicht.«

Die junge Frau fuhr erschrocken mit der Hand nach den Haaren.

»Jesus Christus und General Jackson,« kreischte sie auf, »die hätte ich bald vergessen!«

Das Fenster wurde zugeworfen; das Rennen und Hasten im Hause, das schon den ganzen Morgen, ja, seit einigen Tagen gewährt hatte, vermehrte sich noch. Für Missis Nelly Green, der Wirtschafterin im Hause Sir Carters, war heute ein heißer Tag. Wie gut hatte es dagegen ihr Mann, der nur die männlichen Diener anzustellen brauchte! Sie glaubte seiner Behauptung nicht, daß solche Kopfarbeit mehr anstrenge als alles andere.

Jetzt bog um die ferne Ecke ein zweispänniger Wagen, ein zweiter, ein dritter – mit einem Satze stand Jim am Fenster und klopfte daran, daß die Scheibe zu springen drohte, dann war er schon im Hofe, rief mit Kommandostimme die uniformierten Stalldiener zusammen und baute sie vor dem Tore in doppelter Reihe auf, mit seiner Krücke wie ein Feldherr winkend, wobei er stets auf einem Beine balanzieren mußte.

Ein Wagen nach dem anderen fuhr vor; die Insassen stiegen aus und betraten das Haus.

Die erste war eine alte Frau in weißer Haube, sie trug ein weißes Bündel sorgsam unter den Armen, das noch mit einem Gazeschleier umhüllt war, und da das Bündel eine viereckige Form hatte und mit Spitzen besetzt war, so lag die Vermutung nicht ferne, daß es ein Wickelbett mit menschlichem Inhalt war.

Hinterher folgten Arm in Arm der freudestrahlende Oskar Reihenfels und die glücklich lächelnde Eugenie; die Mutter des Neugetauften, dann Sir Carter und Emily, der alte Reihenfels mit der Großmutter, Lord Canning mit der ihm erst vor einigen Wochen angetrauten Franziska, Kolonel Atkins mit seiner Familie, darunter Doktor Morrison mit Susan als ein Ehepaar, Kätchen und Otto Reihenfels, letzterer in der Uniform der englischen Volunteers, und noch viele andere, mit denen man Freundschaft in Indien geschlossen oder die man in England als Freunde zurückgelassen hatte, so der Leutnant Mac Sulivan, der unterdessen Kapitän gewordene Russell und der alte, pensionierte Detektiv Wilkens.

Die Hand an der Mütze, ließ Jim die Gesellschaft an sich vorüberziehen; nur ab und zu einem säumigen Diener einen wohlgemeinten Stoß mit der Krücke gebend.

Dann aber kümmerte er sich nicht um das Abspannen der Pferde, sondern eilte ins Haus, überholte die letzten und erreichte atemlos das Zimmer, in welches die Amme mit dem Kindchen und die Eltern eingetreten waren.

Dort hatte Nelly, im schöngelockten Haare prangend und so bunt wie möglich gekleidet, sie erwartet.

Sie schlug die Schleier zurück und betrachtete den schlafenden Knaben.

»Sieht er nicht aus wie ein kleines, weißes Schäfchen, Jim?« sagte sie.

»Ganz wie der Vater!« bestätigte dieser zum Ergötzen der Eltern.

»Darf ich?«

Eugenie nickte lächelnd.

»Nelly!« wollte Jim erschrocken rufen, aber es war schon geschehen – Nelly hatte das Kind geküßt.

Entsetzt betrachtete sie das ebenso engelgleiche Gesichtchen – jetzt zeigte es an Stirn und Backen große Rußflecken.

Einen Blick nur warf Nelly in den Spiegel, dann stürzte sie schamdurchglüht hinaus. Ihr Unstern hatte gewollt, daß ihre kleine Stulpnase noch im letzten Augenblick mit einem rußigen Topfe oder mit sonst einem schwarzen, abfärbenden Gegenstand in Berührung gekommen war.

Das schlafende Kind, auf den Namen Eugen Frank getauft, wurde der Obhut der Wärterin übergeben. Kein Gaukler sollte wiederkommen und es vertauschen; dafür wollten schon Hira Singh und Kiong Jang sorgen. Dem kleinen Chinesen war ein stattlicher Zopf gewachsen; er hatte sich eine andere Porzellanfigur angeschafft, die er je nach Laune küßte, anbetete oder an die Wand warf und mit Füßen trat. Seine Magerkeit war verschwunden. Er teilte das Schicksal aller seiner Landsleute, das heißt, in Kürze konnte er über einen stattlichen Schmerbauch verfügen.

Die Gäste sammelten sich um die Tafeln, zu Ehren des getauften Kindes unter Nellys Aufsicht hergerichtet. Oskar Reihenfels, der zukünftige Direktor des britischen Museums, war der Gastgeber. Er und Eugenie teilten der Eltern Haus; im Sommer zog man wieder hinaus nach Wansteads grünen Wäldern, begleitet von des alten Reihenfels' Familie. Welch glückliche Zukunft lachte ihnen entgegen! Zahlreiche Glückwünsche in Telegrammen und Briefen liefen ein, hauptsächlich aus Indien. Ihre Absender bildeten das Gesprächsthema bei Tisch.

Da war Dollamore. Der junge Nabob, von der Königin zum Baronet ernannt, verwaltete an der Seite seiner Sakuntala, die ihn einst von der Kanone losgeschnitten, die unermeßlichen Besitzungen seines Vaters. Eine ernste Stimmung ergriff alle, als auf langen Umwegen ein Glückwunsch, aber für die Geburt des Kindes bestimmt, aus der Provinz Dschansi ankam.

Dort herrschte Radscha Sirbhanga Brahma, Kalidasa teilte den Thron mit ihm. Eugen hatte man das Kind genannt, nicht nur nach der Mutter, sondern auch nach ihm, der seine Jugend im Hause Carters verbracht hatte.

Ein Kuvert mit mehreren Briefen stammte aus den eisigen Gefilden Kanadas, von Mister und Miß Woodfield, von Dick und Charly. Der alte Mann hatte sich über den Tod seiner geliebten Tochter getröstet; bei seiner Rückkunft fand er in den Armen seiner Schwiegertochter ein Kind, an dem er jetzt mit ganzem Herzen hing.

Charlys Eltern in England waren gestorben, er nahm das Töchterchen seiner Schwester mit sich, er wollte ihm der Vater sein. Dick hatte August nach Deutschland begleitet, die Mutter in die Arme geschlossen, ihr gegeben, was er sich in so langen Jahren erworben, und war dann seinem geliebten Herrn wieder nach Amerika gefolgt.

Von Mister Bulwer hörte man nichts mehr; er mochte es einmal an sich selbst studiert haben, wie das Sterben schmeckt.

Halb freudig, halb wehmütig las Oskar einen aus Potsdam erhaltenen, unorthographisch geschriebenen Brief – er kam von August, der als ehrsamer Strumpfwirkermeister sein Handwerk betrieb.

Er hatte der Exportfirma die Lage der Höhle angegeben, wo das Gepäck der von afghanischen Räubern überfallenen Karawane verborgen lag, und zur Belohnung die Hälfte des Wertes erhalten.

Eugenie sandte ihrem einstigen General der Amazonengarde einen Glückwunsch ins ferne Deutschland.

Gar mancher Person wurde noch im stillen gedacht; man wechselte leise Worte und stieß unter sich auf ihr Wohl an. Einer erinnerten sich Lord Canning und Franziska wehmutsvoll – Mirja.

Die Kronleuchter wurden angezündet, und noch immer war der Sitz neben Lord Canning frei. Ein Gast fehlte, Lord Cannings Freund. Heute war Versammlung des Unterhauses, der Fehlende wohnte dieser bei.

Etwas Wichtiges wurde heute im Parlament besprochen, etwas, das die ganze Welt in Aufregung bringen würde. Und Lord Canning blickte oft sinnend vor sich hin.

Endlich erschien der Erwartete, ein kleiner, alter Mann mit scharfer Habichtsnase, der Schatzkanzler Disraeli.

Schnell begrüßte er die Anwesenden, beglückwünschte die Eltern des Taufkindes und begab sich an seinen Platz.

Lord Canning merkte, daß er eine Ansprache halten wollte, er winkte ihm abwehrend zu, aber der kleine Mann schüttelte den Kopf.

»Meine Damen und Herren,« begann er, »noch zwei Stunden trennen uns von dem morgenden Tag, und da niemand dieses Haus vorher verlassen wird, jetzt nicht mehr darf, so kann ich mein Geheimnis preisgeben. Morgen wird eine inhaltsschwere Depesche die Erde umlaufen: die ostindische Kompanie ist aufgelöst, morgen wird sich Ihre Majestät Viktoria von Großbritannien und Irland zur Kaiserin von Indien proklamieren. Die Indier haben sich einen König und eine Königin gewünscht, sie haben sie bekommen. Erheben Sie sich, meine Damen und Herren, denn unter uns weilen zwei königliche Majestäten. Seine Herrlichkeit, der Lord John Canning, der Vicekönig von Indien, und seine hohe Gemahlin – sie leben hoch!«

Die Gläser erklangen, jubelnd umringte man das neue Herrscherpaar – Lord Canning und Franziska.

Eugenie aber schmiegte sich an Oskar, und er schlang beide Arme um sie und schaute sie leuchtenden Auges an.

»Du hast den Thron verloren, Eugenie, der für dich bestimmt war,« flüsterte er zärtlich, »aber ich will dir einen anderen geben – du sollst die Königin meines Herzens sein.«

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