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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 33
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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33. Nach der Schlacht

Die Schlacht bei Gwalior war geschlagen worden und zugunsten der Engländer ausgefallen, aber ungeheure Opfer hatte der Sieg gekostet.

Vom Morgen bis zum Abend wütete der Kampf, oder vielmehr das furchtbare Handgemenge – denn ein solches war es – und die dabei beteiligten Rebellen waren fast buchstäblich bis zum letzten Mann niedergemacht worden.

Die Engländer hatten einen schweren Stand gehabt. Am Nachmittag war ihre Sache fast verloren. Die Rebellen hatten in den Seitenflügeln gesiegt, das Zentrum war umzingelt, darunter auch der Generalstab.

Die Begum von Dschansi war es, die ihre Krieger zu immer kühneren Taten entflammte.

Wie eine Kriegsgöttin schwang sie ihr Schwert vom schwarzen Roß herab, die Häupter wie Mohnköpfe abmähend; wo der Streit am heißesten entbrannte, da flatterte ihr wehender Helmschmuck; wo die gepanzerte Gestalt erschien, da wich alles zurück, und wer ihrem herabgelassenen Visir gegenüberstand, der sank im nächsten Augenblick von ihrem Schwert getroffen zusammen. Keine Waffe, keine Kugel schien ihr etwas anhaben zu können.

Unaufhaltsam drang sie gegen den Hügel vor, den General Rose mit seinem Stabe besetzt hielt. Erst standen diese Offiziere außerhalb des Kugelregens, jetzt mitten drin, und so beteiligten sie sich lieber selbst am Kampf. Ein Leiten der Schlacht war nicht mehr möglich; jeder schoß und stach, soviel er konnte, und lieber wollte Sir Rose sterben, ehe er diese Entscheidungsschlacht für England verloren gehen sah.

Da änderte sich das Schicksal; zweierlei trug dazu bei.

Plötzlich war der hohe Helm der Begum verschwunden, man sah ihn auch nicht wieder.

War sie gefallen? Lag sie unter ihrem gestürzten Rosse begraben? Die Indier schwuren, daß sie unverwundbar sei. Sie mußte wieder auftauchen, aber sie kam nicht.

Die Rebellen stockten in ihrem siegreichen Vordringen.

Da erscholl auf dem rechten Flügel ein gellender Kampfesruf, eine unabsehbare Reiterschar von Indiern stürmte mit geschwungenem Pallasch herbei – eine neue Truppe, die noch gar nicht im Kampf gestanden hatte – und an ihrer Spitze jagte Radscha Sirbhanga.

Gleichzeitig führte auf dem linken Flügel Dollamore seine Gurgghas von neuem gegen die Feinde vor; aber die Dschansinesen waren frisch und ausgeruht, sie brannten vor Kampfbegierde, sie entschieden die Schlacht.

Jetzt sind die Rebellen die Eingeschlossenen – und die Begum hat sie verlassen.

Sir Rose hat den geeigneten Moment erkannt, der Einzelkampf muß aufhören. Aber vergebens blickt er sich nach einem Trompeter um, der seinen Befehl der ganzen Linie mitteilt.

Da sieht er einen kleinen Burschen, der sich gegen einen riesigen Indier verteidigt. Er hat einen Yatagan aufgerafft, so lang wie er selbst, er muß ihn in beiden Händen halten, und kaum kann er die wütenden Streiche des Riesen parieren. Es ist ein Kampf zwischen Goliath und David. Der Kleine ist ein Trommeljunge, auf dem Rücken hängt noch die Trompete.

Jetzt bückt er sich blitzschnell, er hat einen Revolver aufgehoben. Nicht wissend, ob er geladen, drückt er ab, ein Knall, und mit zerschmetterter Stirn stürzt der Riese.

Sir Rose ruft ihn, gibt ihm einen Befehl, und laut erschallt das Signal, das von allen Trompeten wiederholt wird, die es hören. Der Kleine ist zum Stabstrompeter avanciert, er verläßt den General nicht mehr.

Die einzelnen Truppen sammeln sich, sie stehen scheinbar vom Kampfe ab, um sich dann mit vereinten Kräften auf die Feinde zu werfen. Die Rebellen stehen, wanken, wenden sich zur Flucht – aber sie sind eingeschlossen.

Als die Sonne sinkt, erschallt der brausende Siegesruf der Engländer. Das Schlachtfeld gehört ihnen. Suwanreka heißt der Fluß, an dem Gwalior liegt; seine Ufer sind mit dichtem Gebüsch besetzt, und auch in diesem hatte der Kampf Mann gegen Mann gewogt, wie die niedergetretenen Büsche, die zahlreichen Toten und Verwundeten bewiesen.

Schon zogen die Krankenträger mit Bahren über das Schlachtfeld, die Verwundeten, die der notwendigsten Hilfe bedurften, nach Gwalior in das improvisierte Lazarett zu bringen.

Eine Sektion befand sich in diesen Büschen. Ein Arzt kniete mit zwei Gehilfen neben einem Offizier, dessen Bein durch eine Kugel zerschmettert war, und legte ihm einen Notverband an, um ihn wenigstens transportfähig zu machen.

Daneben stand ein in rotes Leder gekleideter Mann und ließ sich von einem der Bahrenträger den Verlauf des Kampfes erzählen. Dick wetterte und fluchte, daß er so spät hier eingetroffen sei, am meisten aber darüber, daß die Begum von Dschansi, auf die er es besonders abgesehen hatte, ihm entgangen war.

»Sie ist tot, darüber ist kein Zweifel,« sagte der Krankenträger. »Viele haben sie samt ihrem Pferde stürzen sehen. Wahrscheinlich liegt sie unter diesem begraben, denn man hat ihren Leichnam bis jetzt noch nicht finden können.«

Ein Indier, dessen Eingeweide aus dem Leibe heraushingen, richtete sich bei diesen Worten auf und brach in ein heiseres Lachen aus.

»Tot ist die Begum von Dschansi? Hahaha, ihr Narren, wie könnt ihr einen Geist töten? In die Nirwana ist sie zurückgegangen, woher sie gekommen ist! Fluch den Verrätern! Aber sie wird wiederkommen, und dann wehe euch!«

Der Mann sank ohnmächtig zurück.

»So sagen sie alle,« erklärte der Krankenträger. »Niemand glaubt an den Tod der Begum.

Es ist eine hinterlistige Bande, sogar die Sterbenden schießen noch auf die Krankenträger.

Man muß sich vorsehen.«

»Schlagt ihnen den Schädel ein!«

»Jawohl, wenn die Unsrigen verpflegt sind, dann kommen auch diese Canaillen ins Lazarett. So lautet der Befehl. Es ist ein gar nicht angebrachtes Mitleid.«

In der Nähe zeigte sich ein Reitertrupp. Die Krankenpfleger gaben sich mit Eifer ihrer Beschäftigung hin, denn an der Spitze ritt Lord Canning, das Schlachtfeld musternd.

Nur Dick hatte kein Auge für den sich nähernden Trupp; wie ein Raubtier hatte er sich zusammengeduckt und blickte nach einem Busch, dann schnellte er vorwärts, verschwand in dem Gestrüpp, und gleich darauf erfolgte darinnen ein heftiges, stummes Ringen.

Verblüfft schauten die Leute von ihrer Arbeit auf. Was ging da in den Büschen vor sich? Es war, als ob zwei Bären miteinander rängen Dann trat Dick wieder heraus, und entsetzt sprangen die Männer auf. Er führte eine in Stahlschuppen gepanzerte Gestalt mit sich, deren Arme auf dem Rücken zusammengebunden waren. Es war ein Indier, aber war das ein Weib oder ein Mann? Die Figur war die eines Weibes, schlank, mit breiten Hüften, das Panzerhemd schmiegte sich eng an einen zartgewölbten Busen.

Aber das Gesicht war das eines Mannes – oder aber das eines alten Weibes, faltig, scharfmarkiert und mit hervorstehendem Kinn. Die schwarzen Haare waren halblang, eine Kopfbedeckung fehlte.

Dick keuchte vor Anstrengung, das Mannweib dagegen war sehr ruhig, die Lider lagen halbgeschlossen über den kleinen Augen.

»Die Begum von Dschansi!« riefen alle erschrocken.

»Die Begum von Dschansi!« erklang es von den Lippen der herankommenden Reiter, Lord Canning sprang vom Pferde.

»Was? Das ist also die Begum von Dschansi?« staunte Dick.

»Das ist ja ein Kerl, vielleicht auch ein altes Weib, aber kein Mädchen. Zu schaffen hat er mir allerdings genug gemacht. Und das wäre wirklich die Begum von Dschansi?« Der Gepanzerte stieß ein verächtliches Lachen aus.

Canning war vor ihn hingetreten.

»Nennst du dich die Begum von Dschansi?«

Der andere lachte nur wieder höhnisch, ohne ihn anzusehen. Er hatte die Augen geschlossen.

»Oder bist du Timur Dhar, der Minister Bahadurs und der König aller Gaukler?«

»Ich bin Timur, du sagst es!«

»Und gabst dich für die Begum von Dschansi aus?«

»Bah, wie kann ich die Begum sein! Sie ist aus Zorn über den Verrat Sirbhangas in die Nirwana gegangen und wird wiederkommen, wenn die Indier einig sind, euch zu vernichten.«

»Wir glauben nicht an solchen Unsinn. Du selbst stelltest die Begum vor. Gibst du dir doch ein weibisches Aussehen.«

»Timur Dhar, der König der Gaukler, kann sich das Aussehen geben, welches er will.

Wäre ich aber die Begum, ihr hättet mich nicht gefangen. Timur Dhar ist zwar unverwundbar wie sie, aber er kann gefangen werden.«

»Am Galgen kannst du deine Unsterblichkeit beweisen!«

»Und du auf der Stelle!« schrie Timur Dhar. Seine Hände, ebenfalls mit Stahl bedeckt, waren plötzlich frei, ein Dolch funkelte in seiner Rechten und sauste nach dem Herzen des ahnungslosen Canning.

Dieser wäre verloren gewesen, wenn nicht Dick mit blitzschnellem Griff die mörderische Hand so fest gepackt hätte, daß sie den Dolch fallen lassen mußte; zugleich aber stieß er sein Bowiemesser in die Brust des Gauklers. So gut war der Stahl des Messers und so wuchtig der Stoß, daß der Schuppenpanzer keinen Schutz bieten konnte – bis zum Heft grub sich das Messer in die Brust.

»Nun zeige deine Unverwundbarkeit!« rief Dick dabei.

Der Gaukler war wohl zurückgeprallt, aber er stürzte nicht. Ein verächtliches Lächeln umspielte vielmehr seine Lippen.

»Weder Stahl noch Blei vermag den Körper des Königs der Gaukler zu verletzen. So wahr ich unverwundet bin, so wahr werdet Ihr mich und die Begum von Dschansi wiedersehen.«

Damit zog er das Messer aus seiner Brust, schleuderte es Dick vor die Füße und verschwand in den Büschen, der Richtung des Flusses zueilend.

Niemand dachte daran, ihn aufzuhalten, ihm zu folgen – alle waren vor Staunen starr, am meisten Dick selbst.

»Der Kerl steht, weiß Gott, mit dem Satan im Bunde!« brachte er endlich hervor. »Der läuft mit acht Zoll kaltem Eisen noch wie ein Hirsch davon.«

Ein verwundeter Indier brach in ein triumphierendes Gelächter aus. Dick hob sein Messer auf.

»Aber er ist doch verwundet, an dem Messer klebt Blut. Ihm nach, wir finden ihn doch verendet!«

Dick verfolgte die Spur, die anderen schlossen sich ihm mit gespannter Neugier an. Timur hatte den Weg nach dem Flusse genommen; bis dicht an das Ufer führte die Spur. Wollte er denn hinüberschwimmen? War er wirklich nicht verwundet worden? Hier lag ein Rätsel vor.

Dicht am Ufer war ein fast undurchdringliches Gebüsch. In diesem verschwand die Spur und kam auf der anderen Seite, wo sich schon der Wasserspiegel des Flusses befand, nicht wieder heraus. Dick kroch hinein und erschien mit dem entseelten Körper Timur Dhars im Arm.

»Er hat uns ein Märchen aufbinden wollen, solch einen Messerstich kann niemand ertragen.«

»Ich errate seine Absicht,« sagte Lord Canning, »er wollte seinen Tod im Wasser des Flusses vor menschlichen Augen verbergen, damit niemand seinen Leichnam fände und es hieße, er sei überhaupt nicht getötet worden. Eins hat er jedenfalls erreicht, nimmermehr werden wir die Indier überzeugen können, daß die Begum von Dschansi tot ist; denn dieser Mann hier gab sich für sie aus, den Leichnam der Begum werden wir also nicht finden, und dies hier ist Timur Dhar.«

Dick befreite den Leichnam von seiner Stahlumhüllung. Zuerst zeigte es sich, daß die linke Hand überhaupt fehlte, ein eiserner Handschuh vertrat sie, der mittels einer Vorrichtung geöffnet und geschlossen werden und wohl auch recht gut ein Schwert führen konnte. Dann zeigte es sich, daß der Körper ausgestopft war, um ihm die Gestalt eines Weibes zu geben.

Mitten in der Brust war die tiefe, blutende Wunde von Dicks Messer, es hatte edle Teile verletzt, und dennoch hatte Timur die Kraft gehabt. aufrechten Ganges fortzugehen und fast noch den hundert Meter entfernten Fluß zu erreichen. Dazu gehörte eine fabelhafte Energie.

Daß er nicht unverwundbar war, verriet sein ganzer Körper. Dieser war über und über mit Narben bedeckt, einige davon mußten von furchtbaren Wunden herrühren. Der Körper war förmlich zerfetzt, Kugeln hatten ihn durchlöchert, Schwerter zerschnitten und zerstochen.

In stummer Bewunderung, auf seinen Schwertgriff gestützt, schaute Canning auf den nackten Leichnam herab.

»Dieser Mann war ein Held, wie es in Indien keinen zweiten gibt, noch geben wird,« sagte er dann erschüttert; »er war an Kraft und Klugheit, an List und Schlauheit, an Mut und an Energie ein Phänomen. Er hat sein Vaterland geliebt wie kein zweiter. Daß er uns als die Feinde seines Vaterlandes haßte und bekämpfte, können wir ihm nicht verargen. In seinem Sinne hat er ganz recht gehandelt. Er ist ein Held gewesen, ist wie ein Held gestorben und soll auch wie ein Held mit allen Ehren bestattet werden.« – – Die Nacht hatte sich herabgesenkt und hüllte das grausige Schlachtfeld in Finsternis ein.

Mit Fackeln suchten die Krankenträger nach Verwundeten; aber ach, es waren deren so unermeßlich viele, daß die Bahren nur langsam vorrückten, und gar mancher starb unterdessen, der noch gerettet worden wäre, wenn ihn die Samariter zeitig genug erreicht hätten, um ihm die Blutung zu stillen. Selbst vor Wassermangel verschmachteten viele.

Da, wo sich die Leichen zu Bergen aufgetürmt hatten, wo es ringsum stöhnte und wimmerte, hielt General Rose zu Pferde, umgeben von einigen Begleitern.

»Hier war es, wo ich die Wendung der Schlacht erfuhr, hier ließ ich zum Sammeln blasen.

Was für ein Kampf hier gewütet hat, können Sie an den hinterlassenen Spuren sehen. Wir standen uns Auge in Auge gegenüber.«

Er sah sich um; sein Ruf und seine Hand lenkten die Blicke der Offiziere auf einen der Verwundeten, einen jungen Burschen, fast noch einen Knaben, der in einer Blutlache lag, in der einen Hand den indischen Jatagan, in der anderen die Trompete fest umklammert. Sein totenblasses Haupt ruhte auf einer anderen Leiche; aus der Brust sickerte Blut, aber er lebte; denn seine Lippen bewegten sich, seine starren Augen schienen auf die Reiter zu sehen.

»Da ist der Brave,« sagte der General, »dessentwegen ich hauptsächlich hierherkam. Der Junge wurde mein Stabstrompeter; aber nicht nur die Trompete, auch seinen Jatagan wußte er zu handhaben. Mehrmals lenkte er meine Angreifer auf sich ab, wir fochten gemeinschaftlich, zuletzt warf er sich einem Häuptling entgegen und empfing den Schuß, der mir gegolten hatte.

Er verließ mich nicht, jetzt will auch ich ihn nicht verlassen.«

»Soll ich eine Bahre holen?« fragte dienstbereit ein Offizier.

Die Fackeln der Krankenträger tanzten noch in weiter Ferne.

»Nein, auch andere bedürfen ebenso der Pflege, es darf kein Unterschied gemacht werden.

Sehen Sie zu, ob er noch lebt!«

Der Leutnant sprang ab und beugte sich über den Kleinen, seinen Abzeichen nach ein Trommeljunge.

»Er verlangt Wasser; mehr verstehe ich nicht.«

»Reichen Sie ihn mir herauf, in ein paar Minuten kann ich im Lazarett sein.« Zwei Männer hoben ihn hinauf, General Rose schlang die Arme um den blutigen Körper und ließ seinen edlen Hengst in weit ausgreifendem Trabe der erleuchteten Stadt zueilen. Die wiegende Gangart des Pferdes brachte weniger Erschütterungen hervor, als dies eine Tragbahre getan hätte.

Man nahm dem General im Lazarett den Verwundeten ab, im geheimen sich wundernd, daß er gerade einen Trommeljungen gebracht hatte, und trug ihn einem der verbindenden, schneidenden und sägenden Ärzte zu. Die Reihe der Hilfsbedürftigen wurde unterbrochen, der vom General gerettete Trommeljunge wurde zuerst auf den Tisch gehoben. Während des Rittes war er ohnmächtig geworden.

»Ein kleiner Held, für den ich mich interessiere,« sagte Rose, »bitte, Doktor, offenbaren Sie mir wenigstens, wie es mit ihm steht.«

Der Arzt knöpfte dem Verwundeten Rock und Weste auf, das Hemd zerschnitt er mit dem Messer und schlug die Hälften zurück. Eine von Blut befleckte, sonst schneeweiße Brust zeigte sich den Blicken.

Erstaunt ließ der sonst so kaltblütige Arzt das Messer sinken, erstaunt blickten alle auf die entblößte Brust.

»Ein Weib – ein Mädchen!« erklang es von allen Lippen.

»Ein Mädchen!« wiederholte General Rose, der erst seinen Augen nicht glauben wollte.

Ein am Kopfe verbundener Offizier – Kolonel Atkins – war hinzugetreten.

»Das ist Bob, der Trommeljunge, der übermütige Bob – – und ein Mädchen! Nun kann ich mir sein Betragen, seine Scham und Furcht vor der Prügelstrafe, wobei er sich entblößen muß, erklären.«

»Darum liebte er Kandiszucker mehr als Kautabak,« fügte ein graubärtiger Soldat hinzu, s' ist ein Frauenzimmer, daher also!«

Der Arzt hatte sich gesammelt. Gleichgültig, ob Weib oder Mann, er untersuchte Bob – oder vielmehr Nelly.

»Die Wunde hat nicht viel zu sagen, aber ein starker Blutverlust hat die Ohnmacht herbeigeführt. Die Kugel ist oberhalb des Herzens in die Brust gegangen und hinten wieder heraus, edle Teile sind nicht verletzt, der Schlüsselbeinknochen ist zerschmettert. In ein paar Wochen ist sie wieder auf den Beinen.«

Er wusch die Wunde, befeuchtete sie mit einer scharfen, zusammenziehenden Flüssigkeit, und durch den dabei entstehenden Schmerz erwachte Nelly aus ihrer Ohnmacht.

»Jim – wo ist Jim?« flüsterte sie. »Wasser!«

»Wer ist Jim?« fragte der General, während der Arzt dem Mädchen das Glas an den Mund führte.

»Das ist Jim Green, Bobs bester Freund,« erklärte ein Soldat; »die beiden halten wie Kitt und Kleister zusammen.«

»Jim liegt nebenan,« fügte ein anderer hinzu.

»Was fehlt ihm?«

»Jim – Jim!« schrie in diesem Augenblick Nelly unter den Händen der Ärzte.

Der Soldat flüsterte es dem General zu, einen scheuen Blick nach Nelly werfend. Rose entfernte sich mit trauriger Miene, nachdem er das tapfere Mädchen der besonderen Obhut des Arztes empfohlen hatte.

Er ahnte, daß zwischen Jim und Nelly ein inniges Verhältnis vorlag, vielleicht hatte sie ihn nur aus Liebe in das Kriegsgetümmel begleitet. – – – – Es war einige Wochen später, der Aufstand niedergeworfen, die Ruhe wiederhergestellt.

Nur in den Bergen wurden die einzelnen Rebellenhäuptlinge und ihr Anhang noch immer gejagt. Gar mancher, der in den Lazaretten zu Gwalior Befindlichen war gestorben, mancher genesen, mancher verließ es ohne Arm und Bein, einzelne schwebten noch zwischen Tod und Leben.

An der Seite des Kolonels Atkins, dessen Schädelbruch zu verwachsen begann, schritt ein Mädchen durch die mit Krankenbetten angefüllten Säle des größten Hauses zu Gwalior. Sie trug die Kleider der Krankenwärterinnen, welche meist aus Offiziersdamen bestanden, aber sie selbst war eine Kranke gewesen.

Ihr Antlitz hatte schon die braune Farbe etwas verloren, es sah blaß aus, aber eitel Sonnenschein lag darauf.

Wohin sie kam, flüsterten die barmherzigen Schwestern ihren Pflegebefohlenen etwas zu, aller Köpfe drehten sich dem Mädchen zu und folgten ihm mit den Blicken, so lange sie konnten. Manchmal blieb das Mädchen auch stehen und schüttelte dem und jenem die Hand.

»Das ist sie – die Nelly – sie hat als Bob, der Trommeljunge, den ganzen Feldzug mitgemacht,« ging es von Mund zu Mund, »sie ist heute zum ersten Male auf – jetzt geht sie zu ihrem Jim. Weißt du noch, Kamerad, wie sie damals mit der Trommel Fußball spielte? Wie sie aus dem Arrest entwischte? Wie sie auf den Händen das große Alarmsignal blies und dadurch die englische Besatzung Delhis vor dem Untergang rettete?«

Man hätte in den Weiberkleidern nicht gleich Bob, den Trommeljungen, wiedererkannt.

Jetzt erschien sie größer, mädchenhafter. Wie hatte man sich von ihr nur so täuschen lassen können? Doch Nelly hatte keine Zeit, solche Fragen zu beantworten, sie mußte zu ihrem Jim. Heute erlaubte man ihr zum ersten Male, ihn zu besuchen; all ihr Flehen und ihre Tränen hatten nicht vermocht, vorher diese Erlaubnis zu erlangen.

Jim war schwer verwundet worden und war auf dem Wege der Besserung, das hatte man ihr gesagt, weiter nichts.

Er lebte, was wollte sie denn mehr! Nun aber mußte sie ihn sehen, sich in seine Arme werfen, oder das Herz brach ihr vor Sehnsucht.

Sie eilte dem Kolonel voraus in das Zimmer für Schwerverwundete. Dort sah sie ihn liegen, nur das Gesicht sah hervor, bleich und abgezehrt; aber er lächelte glücklich, denn er hatte Nelly sofort erkannt.

Schluchzend und lachend zugleich umhalste sie ihn und küßte ihn wieder und wieder, sie dachte gar nicht daran, ihn zu fragen, was seine Verwundung wäre, sie war ja nur froh, ihn lebend zu finden.

General Rose war anwesend; er trat hinter die beiden und beobachtete sie mit Atkins und einem Arzt.

»Und du bist wiederhergestellt, Nelly?« fragte Jim schließlich.

»Ganz und gar; ich könnte gleich wieder von vorn anfangen. Aber 's ist doch besser, ich höre auf und werde – werde – nun, du weißt schon, Jim. Denn nach England gehen wir doch nun, und Sergeant wirst du auch, vielleicht gar noch mehr – aber warum weinst du eigentlich, Jim? Komm, gib mir deine Hand, du hast sie mir noch nicht einmal gegeben.«

Eine magere, blasse Hand kam unter der Decke hervor und ergriff die ihre.

»Ach Gott, bist du aber abgemagert, armer Jimmy! Wohin bist du denn eigentlich geschossen? Warum gibst du mir die linke Hand? Die andere will ich haben. Ach so, du hast wohl eine Kugel in den Arm bekommen?«

»Ich habe keine rechte Hand mehr,« sagte Jim wehmütig, und Tränen entstürzten seinen Augen.

Nur einen Moment war Nelly bestürzt, dann sagte sie ganz ruhig: »Das ist freilich hart für dich, aber was macht's? Es laufen viele nur mit einer Hand herum. Das kann man verschmerzen. Zeig mir den Arm einmal.«

Er wehrte vergebens ab, sie zog die Bettdecke herab und – fuhr erschrocken zurück. Jim besaß überhaupt keinen rechten Arm mehr, dicht an der Achsel lag ein dicker Verband.

Wieder schossen dem Unglücklichen die Tränen in die Augen.

»Glatt ab!« seufzte er. »Was sagst du nun?«

Sie drückte den Kopf an seine Brust.

»Wenn du nur lebst, weiter nichts!«

»Und das Bein –«

»Das Bein?«

»Ist auch weg, ganz weg!«

Diesmal erschrak sie nicht, sie nahm den Kopf des Weinenden in ihre Arme und küßte ihn. Mit Macht drängte sie ihre Tränen zurück, sie zwang sich zu einem Lächeln.

»Hast du noch Schmerzen, Jim?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nun, dann ist ja alles gut! Du bleibst am Leben; die Ärzte versichern es, du könntest noch hundert Jahre alt werden.«

»Nur einen Arm, nur ein Bein!« schluchzte er. »O, Nelly, ich bin ein Krüppel.«

»Warum nimmst du dir das so zu Herzen, mein Jimmy? Sieh, die Sache ist ganz einfach, jetzt legen wir zusammen, was wir haben. Du hast eins, ich zwei, da haben wir zusammen drei Arme und drei Beine, damit läßt sich schon arbeiten und laufen. Na, habe ich nicht recht?«

Jim lächelte unter Tränen.

»Du wolltest – du könntest wirklich noch ...«

»Was könnte ich noch?«

»Mich liebhaben?«

»Aber, Jimmy,« sagte Nelly, sich entrüstet stellend, »das ist eine Beleidigung! Nun heiraten wir uns erst recht, oder vielmehr ich dich, wenn du auch nicht willst. Paß auf, Jimmy, was wir mit unseren drei Armen und drei Beinen für ein herrliches Paar abgeben! Sie werden uns alle beneiden. Vielleicht ist's auch ganz gut; nun bist du kein Soldat mehr und bleibst hübsch zu Hause bei mir, und daß es dir da gefällt, dafür will ich schon sorgen. Weißt du, 's ist doch eigentlich nichts mit der Soldatenspielerei. Das habe ich schon damals gedacht, als ich die Trommel dem Leutnant vor die Füße warf. Am liebsten hätte ich den Atkins ohrfeigen mögen, weil er uns gar so drillte. Nein, mein lieber Jimmy, so ist es am allerbesten. Und wenn wir nur beide leben, das andere hat alles nichts zu sagen.«

So tröstete sie ihn; lächelnd hörte Jim auf ihr Schwatzen und kam sich zuletzt selbst wie der glücklichste Mensch vor.

Eine Hand klopfte auf Nellys Schulter. Sich umschauend sah sie Sir Rose vor sich stehen.

»Sie wollen diesen braven Korporal also heiraten, Miß?«

»Ganz gewiß, und Sie geben doch Ihre Einwilligung dazu, Exzellenz?« entgegnete das kecke Mädchen.

»Mehr noch als das. Nur eins bedaure ich.«

»O, wir sind nicht zu bedauern, im Gegenteil.«

»Das meine ich nicht. Ich bedauere nur, daß durch diese Heirat England einen solch tüchtigen Trommeljungen verliert.«

Nelly hatte sich vom Bette, auf dem sie gesessen erhoben.

»Exzellenz,« rief sie mit blitzenden Augen, »ich bin kein Soldat mehr. Wenn Sie aber einmal Soldaten brauchen, und es fehlt England an Männern, dann sagen Sie's mir. Dann hänge ich die Werbetrommel um und ziehe durch Großbritannien – und ich werde ein ganzes Regiment von Mädchen zusammenbringen. Denn solcher Mädchen, wie ich bin, gibt es in England noch Tausende.« Diese Worte sind historisch. Sie wurden von Nelly Hutton, einer Irländerin, gesprochen, welche als Trommeljunge den indischen Aufstand mitmachte, bei Gwalior verwundet und im Lazarett als Mädchen erkannt wurde.

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