Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/kraftr/kaiserk4/kaiserk4.xml
typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
correctorreuters@abc.de
senderGeorges Huberty
created20121203
Schließen

Navigation:

30. Die Erfüllung

Die Leute sollten sich nach heißem Ritt nicht lange der Ruhe erfreuen können. Noch hockten sie dicht gedrängt um die spärlichen Feuer und wärmten die erstarrten Glieder – die Nächte in der Provinz Pandschab sind durch eisige Kälte ausgezeichnet – als ein weit vorgerückter Posten in das Lager geeilt kam und die Aufregung hervorrufende Nachricht brachte, eine starke Abteilung von bewaffneten Leuten nähere sich der zerfallenen Stadt.

Er hätte in der Ferne Rosse wiehern und Waffen klirren gehört; wer die Krieger und wieviel es seien, könne er nicht sagen. Nach seiner Instruktion durfte er nicht anrufen, sondern mußte nur die Meldung sofort nach dem Lager bringen.

Nun war es die Frage, ob Feinde oder Freunde im Anzug seien. Schnell wurden die Feuer gelöscht, alles in Kampfbereitschaft gesetzt, und zehn der gewandtesten Indier, von Sirbhanga selbst angeführt, machten sich auf, um sich über den Charakter der Anrückenden Aufklärung zu verschaffen.

Flüsternd erteilte Sirbhanga seine Befehle. Die zehn Männer mußten eine langgestreckte Kette bilden und ihm in einer Entfernung von hundert Metern folgen. Er selbst wollte spionieren, die anderen waren nur zu seiner Unterstützung da, falls er solche brauchen solle.

Ein Pfiff rief sie zu sich, der Kriegsruf führte alle übrigen in den Kampf.

Schlangengleich glitt der geschmeidige Sirbhanga, Revolver und Yatagan im Gürtel, den Dolch in der Faust, über den sandigen Boden. Wie sehr er indes auch die scharfen Augen anstrengte, er konnte die Finsternis nur bis auf wenige Schritte vor sich durchdringen. Nichts war zu sehen, nichts zu hören. Eine halbe Stunde war er schon so vorwärtsgekrochen, und er gewann die Meinung, der Posten müsse sich getäuscht haben.

Aber der junge Krieger hatte seine Gewandtheit und List überschätzt, ein Schlauerer kam ihm zuvor.

Ohne daß Sirbhanga es wußte, war er an einer menschlichen Gestalt vorübergekommen, aber diese hatte ihn gesehen. Allerdings trug der Fremde einen dem Sande gleichfarbenen Anzug, Sirbhanga dagegen war in dunkle Gewänder gehüllt.

Plötzlich fiel auf den am Boden liegenden Indier ein schweres Gewicht, im Nu war ihm der Dolch aus der Hand gerungen, das Gesicht wurde ihm in den Sand gedrückt. Sirbhanga war unfähig, sich zu bewegen, er konnte nicht mehr die Genossen herbeirufen.

»Rebell oder Anglisi?« flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr.

Sirbhanga konnte ja nicht antworten, und der Gegner sah dies schnell ein.

»Rebell? Bewege den Kopf!«

Er schüttelte ihn, so gut es gehen wollte.

»Hältst du zu den Anglisi?«

Sirbhanga nickte, die Last löste sich von ihm, er sprang auf und stand einer Gestalt gegenüber, blickte zugleich aber auch in die Mündung eines blitzenden Revolvers.

»Eugen – Sirbhanga,« sagte da der Fremde überrascht.

»Mister Reihenfels,« flüsterte der Indier erstaunt, jetzt den Mann erkennend.

Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte man sehen können, wie eine dunkle Blutwelle über sein Gesicht schoß. Er war von seinem ehemaligen Lehrer, den er einst als einen Bücherwurm verspottet hatte, wie ein Kind überwältigt worden – er, Radscha Sirbhanga, der Häuptling eines Kriegervolkes.

Einige Worte verschafften Aufklärung, Reihenfels gab ein Signal, plötzlich tauchten überall dunkle Gestalten auf und eilten herbei. Es waren abgesessene Dragoner unter Kolonel Atkins. Von der anderen Seite erschienen die Gefährten Sirbhangas. Diese freuten sich, statt auf Feinde auf Freunde gestoßen zu sein; letztere ärgerten sich. Sie hatten erfahren, daß in der Ruine Rebellen versteckt lägen, hatten vor Begierde gebrannt, sie anzugreifen und zu vernichten, und nun erfuhren sie, daß ihnen schon andere zuvorgekommen waren.

Reihenfels meldete Atkins kurz, daß er den anschleichenden Sirbhanga sofort erkannt habe. Sirbhanga wußte ihm Dank für diese Lüge, konnte aber ein Schamgefühl nicht überwinden, das ihn zwang, die Wahrheit zu gestehen.

»Mister Reihenfels kam mir zuvor, und wäre er mein Feind gewesen, so wäre es mir übel ergangen.«

Man achtete nicht auf die Erklärung, sondern ließ sich Aufschluß über das stattgefundene Gefecht geben. Eine starke Abteilung Dragoner erschien, die im Hintergrund sich versteckt gehalten hatte, und begleitete Sirbhanga nach der Stadt.

Nana Sahib war entkommen, desgleichen sein Weib, Tipperah war erschossen gefunden worden, Dick hatte Gholab gefangen und auf brutale Weise zu Tode gemartert.

Dann vernahm Reihenfels, daß auch die Begum sich in den Händen Sirbhangas als Gefangene befände. Sirbhanga erzählte dies nicht mit Stolz, sondern mit gesenkten Augen.

Der, dem er es erzählte, war der Geliebte der Begum.

»Bega?« schrie Reihenfels auf. »Den Himmel sei Dank, sie ist gefangen, sie lebt!«

Er flog mehr, als er ging, der Stadt zu und nötigte auch Sirbhanga zur Eile. Morrison folgte ihnen. Sirbhanga erfuhr zu seinem Erstaunen, daß Bega recht gehabt hatte. Sie war nicht jene Begum von Dschansi, diese focht vielmehr noch jetzt auf den Kampfplätzen Indiens, Bega aber wurde nicht verfolgt, sondern gesucht, damit man ihr verzeihen könnte.

Havelock hatte von diesen Umständen ebenfalls keine Ahnung gehabt.

Reihenfels hörte nicht mehr auf die Erklärung, wie sich Dick mit der Truppe der Dschansinesen vereinigt hatte, weil er Gholab suchte, er dachte nur an Bega. Endlich bezeichnete Sirbhanga ein Haus, in dem diese gefangengehalten würde, aber das Gemach, wo er sie verlassen, war leer. Der Radscha erschrak, als ihm einfiel, wie er vergessen hatte, bei der Gefangenen wieder Wächter anzustellen. Die Handfesseln konnten sie an der Flucht nicht hindern.

»Wo ist Bega?« fragte Reihenfels mit gepreßter Stimme und wollte Sirbhanga mit seinen Augen durchbohren.

»Sie scheint fort zu sein,« stammelte dieser.

»Fort?« schrie Reihenfels. »Was soll das heißen?«

Wächter waren nicht da, niemand wollte etwas von einer Flucht wissen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht, die Begum sei entflohen, durch das Lager. Alle Dschansinesen glaubten aber noch, dies sei für Sirbhanga, der sie als Feindin gefangen, ein unersetzlicher Verlust.

Die zitternden Wächter beriefen sich darauf, von Sirbhanga keinen Befehl erhalten zu haben, bei der Begum zu bleiben, und ohne diesen hätten sie das Gemach der Gefangenen nicht zu betreten gewagt. Niemand hatte das leicht erkennbare Mädchen durch die Straßen gehen sehen; die Handfesseln und die langen Haare, auch das Panzerhemd, hätten es sofort verraten müssen, eine Verkleidung besaß es nicht. Höchstens blieb die Vermutung übrig, daß es sich versteckt hielt und eine Gelegenheit, etwa die Mitte der Nacht, zur Flucht abwartete.

»Gebt euch keine Mühe,« sagte der in diesem Augenblick eintretende Dick, »die Begum ist fort, und wenn sie es nicht nötig gehabt, zu entfliehen, so hättet ihr das ein bißchen eher sagen müssen. Fliehen war das Gescheiteste, was sie so tun konnte.«

Ein Sturm der Entrüstung erhob sich, als Dick offen sagte, daß er die Begum befreit und ihr die Mittel zur Flucht verschafft habe. Ruhig wartete er, bis die Ruhe wieder eintrat und er sich verteidigen konnte.

»Der da ist daran schuld, daß sie floh,« sagte er, auf Sirbhanga deutend; »seinen Reden mußte sie entnehmen, daß sie sofort aufgehängt würde, man erwarte nur ihr Todesurteil. Eine Närrin wäre sie gewesen, wenn sie nicht geflohen wäre, und ein Schuft wäre ich gewesen, wenn ich ihr dabei nicht geholfen hätte. Sie sagte, sie sei unschuldig, ich hielt sie auch dafür, und so einem helfe ich immer, wenn ihn andere, die seine Richter zu sein sich anmaßen, auch zehnmal verurteilen. Das ist meine Ansicht, so werde ich immer handeln; wem es nicht paßt, der mag es mir sagen und mit mir anbinden, und ich werde ihm zu antworten wissen.«

»Dick, wir wissen ja, daß sie unschuldig ist!« rief Reihenfels verzweifelt. »Ich komme, um ihr die Verzeihung und noch viel mehr zu bringen, und nun erfahre ich, daß sie wieder entflohen ist! Du weißt, wie wir zusammen stehen. Wann ist sie fort? Gibt es keine Möglichkeit, sie noch einzuholen?«

Dick legte dem Frager die Hand auf die Schulter und sah ihm bedauernd ins Auge.

»Es tut mir herzlich leid, gerade Euch einen solchen Streich gespielt zu haben. Aber Flennen hilft nichts, bringt sie nicht wieder her. Ich bin schuld daran, daß sie entkommen ist – ich will auch mein möglichstes tun, sie Euch wiederzuschaffen.«

Das war ein Trost; Reihenfels beruhigte sich. Beim ersten Morgenstrahl wollte Dick mit dem Aufsuchen von Begas Spur beginnen, und dem Trapper war wohl zuzutrauen, daß er sie fand und zu verfolgen vermochte, zumal, da jetzt die regenlose Zeit herrschte.

Reihenfels und Morrison suchten ihr gemeinsames Lager auf.

»Die Zeit ist noch nicht erfüllt, Doktor,« seufzte ersterer, »aber es ist wunderbar, wie alles zutrifft. Konnte ich sie jetzt nicht finden? Nein, es stimmte nicht mit der Prophezeiung des Fakirs überein. Wolle Gott, jene Zeit sei nicht mehr weit entfernt, und dann – was werde ich dann erleben, wenn ich mit gerungenen Händen neben Bega knie? Herr, erbarme dich ihrer und meiner!«

Feierlich wiederholte Morrison die letzten Worte. Auch der Amerikaner und August waren mit bei den Dragonern. Letzterer hatte Dick getroffen, es gab viel zu erzählen. Der Amerikaner hielt sich, wie gewöhnlich, schweigend, hatte keine Aufmerksamkeit für seine Umgebung, aber wie ein Panther sprang er auf einen Indier zu, der sein zweites, einst gestohlenes Winchestergewehr in den Händen hielt und damit prunkte.

Es war der Begum abgenommen worden, als man sie, halb verschmachtet, im Sande liegend gefunden hatte.

Der Amerikaner legitimierte sich als Besitzer, August mußte ›das Buchs‹ sofort einer gründlichen Reinigung unterziehen, während der Yankee sich eingehend nach der Begum von Dschansi, deren Namen er von den Indiern hatte nennen hören, erkundigte. Die Leute glaubten noch immer, die Begum habe sich ihrer Strafe durch die Flucht entzogen, man fahnde auf sie, und so erfuhr es auch der Yankee. Dann hörte er auch noch von August, daß die Begum die Besitzerin der Büchse gewesen sei, also mußte sie dieselbe auch gestohlen haben.

August glaubte ganz sicher, sein Herr wisse, daß man die Begum jetzt nicht mehr als Feind verfolge, sondern sie einzuholen gedenke, um sie als Freund zu schützen und ihr Verzeihung zu verkünden. Dem war aber nicht so, der Yankee hielt sie für vogelfrei.

»Well,« sagte er zu sich selbst und rieb sich vergnügt die Hände, »die Begum von Dschansi sein eine ganz gefährliche Ueib, ich uerde es schießen tot, uenn ick sie uerde sehen.

Die Anakonda hat ein anderer gemackt tot, ick uerde die Begum fangen und habe noch mehr Ruhm. Goddam, ick uerde sie schießen.«

Mit dem Entschluß, morgen sich zur Jagd auf dieses edle Wild aufzumachen, legte er sich schlafen. Wie gewöhnlich, so teilte er auch diesmal niemandem etwas von seinem Vorhaben mit.

––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Einige Tage später finden wir Reihenfels, Morrison und Dick in einer gebirgigen und zugleich bewaldeten Gegend wieder. Überall liegen mächtige Felsblöcke verstreut umher; tiefe und breite Erdspalten durchziehen den Grund.

Bis hierher hatte Dick die Spur Begas oder vielmehr die ihres Pferdes verfolgt. Wie ihm dies möglich gewesen, konnten sich die beiden Freunde nicht erklären; sie hatten wohl im Sande der Wüste unzählige Pferdehufe abgedrückt gesehen, aber nicht mehr hier auf dem felsigen Boden. Wie konnte Dick überhaupt wissen, daß auf dem Pferde, dem er folgte, gerade ein Mädchen, die Begum, gesessen hatte? Er behauptete es und wiederholte es, als er die ersten Bäume erreichte und die untersten Zweige aufmerksam geprüft hatte, und dann konnten sich auch einmal die beiden anderen von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugen.

Auf einem grasigen Platze waren Abdrücke eines kleinen Fußes wahrzunehmen, an einem Busche hing ein kleiner Fetzen eines feinen indischen Gewandes, nicht von dem groben Stoff, wie die Krieger ihn trugen, und man glaubte Dick, als er sagte, der Fetzen gehöre zu jenem Gewand, dessen Reste Bega über ihrem Stahlhemd getragen habe. Der Abdruck des kleinen Fußes war für alle sichtbar.

Ferner erzählte der Platz noch in seiner stummen Sprache, daß Bega hier an einem Feuerchen einen Vogel gebraten habe, dessen Federn noch umherlagen.

Dick berechnete aus verschiedenen Anzeichen, daß Bega am Morgen nach der Flucht hiergewesen sei.

Am zweiten Tage gegen Mittag erreichten die drei berittenen Männer eine Gegend, in welcher es für die Pferde nicht möglich war, fortzukommen, so zerrissen war der Boden. Die vielen kleinen Löcher, von spitzen Steinen eingefaßt, boten für die Hufe förmliche Fallen.

Schon vorher hatte Dick gesagt, daß Begas Pferd hinke, und daß sie sich ihr von Stunde zu Stunde näherten. Woraus er dies schließen wollte, war den anderen ein Rätsel, aber Dick behauptete es ganz bestimmt. Am Ausgang dieser zerklüfteten Gegend verlangte Dick, man sollte vorläufig die Pferde verlassen und den Weg zu Fuß fortsetzen. Man wollte den Grund hierfür wissen.

»Das Pferd des Mädchens kann hier nicht durchkommen, kaum ein gesundes und starkes, und jenes hinkt, es ist überhaupt ein elendes Tier. Wetten wir, Mister Reihenfels, daß wir es mit gebrochenem Fuße hier auffinden?«

Das war mit solcher Sicherheit gesprochen, daß man daran kaum zweifelte.

»Aber warum sollen wir unsere Tiere zurücklassen?«

»Weil wir zu langsam vorwärtskommen. Untersuchen wir erst einmal, wie lange der schlechte Weg dauert! Ist Bega zu Fuß weitergeflohen, so müssen wir das auch tun, wenn der Weg sich nicht bessert.«

Man mußte seinem Rate folgen, Dick war eigensinnig. Die Pferde wurden an Bäume gebunden, es ging zu Fuß weiter. Der Weg wurde immer schlechter, er war nur mit dem Weg zu einem Krater zu vergleichen, welcher mit erkalteter Lava bedeckt ist. Wer über solch eine Lavamasse schon einmal geschritten ist, verlangt nicht zum zweiten Male darnach. Die Lava bildet unregelmäßige Löcher und Erhöhungen; es ist, als ginge man auf Messerschneiden und Dolchspitzen, und ein gewöhnlicher Schuh fällt schon nach wenigen Minuten zerfetzt vom Fuße.

So war die Beschaffenheit des Bodens auch hier, ein Pferd hätte nur Schritt für Schritt, jeden Moment der Gefahr ausgesetzt, den Fuß zu brechen oder sich die Hufe zu verletzen, gehen können. Dick zeigte auf glänzende Striche, welche hier und da an den Steinspitzen funkelten – sie waren von den Hufeisen des Pferdes erzeugt worden.

»Das Pferd ist hin,« sagte Dick, »hier sind Blutstropfen. Es hat sich den weichen Huf verletzt.«

»Und die Blutstropfen sind noch ganz frisch,« rief Reihenfels, »sie sind noch rot und feucht.«

»Natürlich; habe ich denn nicht gesagt, daß wir dem Mädchen ganz nahe sind. Paßt gut auf, in ein paar Minuten können wir es sehen, wahrscheinlich steht es neben dem zusammengebrochenen Pferde.«

Wahrhaftig, dort in der Ferne lag ein großer Gegenstand am Boden. Die Männer eilten so schnell darauf zu, als der Weg ihnen erlaubte, und fanden ein verendetes Pferd.

Ein Hinterhuf steckte festgeklemmt in einem Loche, der Fuß war geknickt, im Halse zeigte das Tier eine tiefe Stichwunde, welche, am richtigen Orte angebracht, den schnellen Tod herbeigeführt hatte.

Das Tier war noch warm, das Blut rauchte noch.

»Vor fünf Minuten hat sie dem Tiere erst den Gnadenstoß gegeben,« sagte Dick; »jetzt schnell, daß wir sie einholen. Nicht laut sein, sonst könnte sie uns für Verfolger halten und mit Aufbietung aller ihrer Kraft fliehen. Weiber können verdammt schnell sein, wenn sie wollen.«

Stumm eilten sie über den unebenen Boden hin, voraus Reihenfels. Sein Gesicht war dunkel gerötet, seine Brust keuchte, ruhelos irrten die Augen in die Ferne, sahen aber nicht die fliehende Geliebte.

Jetzt trat ihnen ein mächtiger Felsen entgegen, den Weg teilend. Links und rechts führte je einer entlang.

Ratlos blieb Reihenfels stehen und erwartete Dick.

»Verdammt!« knurrte dieser, die Augen am Boden suchen lassend. »Auf den Steinen kann ich wohl die Spuren der Hufeisen erkennen, aber nicht die eines flüchtigen Mädchenfußes.

Kein Aufenthalt! Ihr beide rennt links hinauf, ich rechts. Wer sie sieht, der schießt, und der andere geht zurück. Schnell, kein Wenn, kein Aber, jede Sekunde ist kostbar!«

Schon rannte er den rechten Weg hinauf, Reihenfels und Morrison schlugen den linken ein. Wortlos eilten sie nebeneinanderher. Noch war nichts zu sehen. Bald änderte sich die Gegend. Die Felsen traten zurück; nur Steingeröll lag noch herum; der Boden wurde erdiger; es kam wieder Vegetation; zuletzt sah man auch Büsche und Bäume. Die Felswand zur rechten Hand setzte sich noch fort; aus einer Spalte sprang ein munterer Quell und floß murmelnd über die Steine.

Eine unheilvolle Ahnung ergriff Reihenfels beim Anblick dieses Landschaftsbildes; kräftig drängte er sie zurück. Jetzt galt es, nicht zu ahnen und zu träumen, sondern zu handeln.

Plötzlich prallten die beiden erschrocken zurück – hinter einem Felsblock war ein Mann mit großkariertem Überrock, im Arm das Gewehr, hüben und drüben im Gesicht einen Bart, getreten – Mister Bulwer. Gleich darauf erschien auch August, seinen früheren Herrn mit einem Jubelruf begrüßend.

»Mister Bulwer,« stieß Reihenfels hervor, »wie kommen Sie hierher?«

»Yes, ick sein auf der Jagd.«

»Haben Sie ein Mädchen gesehen?« war jetzt die wichtigste Frage.

»No, was für eine Mädchen?«

»Sie trug wahrscheinlich eine Stahlrüstung, die Begum von Dschansi, wenn Sie dieselbe kennen.«

Der Yankee zog die Augenbrauen hoch.

»Ah, die Begum von Dschansi! Ick sie auch suchen, ick uerde Ihnen helfen.«

»Da – da ist sie,« schrie August, die Hand ausstreckend.

Dort, auf einer Erhöhung stand sie wirklich.

Halb abgewendet hielt sie wie abwehrend die Hand vor sich hin, zur Flucht bereit, aber sie floh nicht, wie gebannt hing ihr Auge an Reihenfels.

»Bega, meine Bega!« jauchzte dieser auf und stürzte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.

Sie floh nicht; ein unsägliches Glück verklärte ihre Züge, auch sie breitete ihre Arme dem in großen Sprüngen auf sie Zustürmenden entgegen.

Da krachte hinter ihm ein Schuß, ein Fluch, ein dumpfer Fall folgten. Begas linke Hand griff nach dem Herzen, lautlos glitt sie zu Boden, mit der Rechten noch einmal Reihenfels einen Abschiedsgruß zuwinkend.

Reihenfels stieß ein Brüllen aus wie der verwundete Tiger. Jetzt hatte er Bega erreicht.

Lang ausgestreckt lag sie im Gras, die Hand auf dem Herzen, und zwischen den Fingern drang ein dunkler Blutstrom hervor.

Jammernd stürzte der Unglückliche neben ihr auf die Knie und rang die Hände. Er untersuchte sie nicht, hier gab es keine Rettung mehr – die Kugel war ihr ins Herz gegangen.

Verwirrt schaute Reihenfels auf, auch sein Herzschlag wollte stocken.

Dort stand August, die Hände entsetzt zum Himmel aufhebend, dort lag der Amerikaner am Boden, Beine und Arme weit von sich gestreckt, und neben ihm stand Morrison, die Faust, mit der er den Yankee niedergeschlagen, noch aufgehoben.

Der Fakir hatte die Zukunft richtig gesehen und geschildert.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.