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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 3
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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3. Die zweite Erscheinung

Obgleich nun Westerly diesen Tag vollauf beschäftigt war, mit seinem Vertrauten, der die Fahrt als Helfer in der Not mitmachen sollte, die Reiseangelegenheit zu ordnen, so kam ihm die nächtliche Erscheinung doch nicht aus dem Sinn.

Wohin er auch blicken mochte, überall glaubte er die schwarze Maske zu sehen, die stets sofort schnell wie ein Schatten verschwand. Sie grinste hinter dem Kleiderschrank hervor, sie blickte ihm aus jedem Papier entgegen, und als sein Freund ihm einmal vorschlug, den Weg von hier zum Dampfer in schwarzen Masken zurückzulegen, prallte er förmlich entsetzt zurück.

Um diese Gespensterfurcht, die ihn beherrschte, so sehr er sie auch wegzuleugnen suchte, noch zu vermehren, kam noch verschiedenerlei hinzu.

Zuerst bei der Begrüßung Franziskas. Das Mädchen klagte, sie hätte vor Furcht die ganze Nacht nicht schlafen können, denn es hätte neben ihr in einem fort ganz schrecklich gestöhnt, geseufzt und gejammert.

Daneben stand die Alte und blinzelte Westerly verständnisvoll an.

»Ja ja, das kommt manchmal in diesem Hause vor,« sagte sie, »und dann mußte jedesmal – das ist es schon.«

Durch die Straße wurde eine leere Totenbahre getragen, was Westerlys Gemüt wieder niederdrückte.

»Ich habe es schon oft erlebt,« fuhr die Alte fort, »wenn es in diesem Hause so seufzt und wimmert, dann muß jedesmal einer in der Gasse sterben. Als mein seliger Mann zum Beispiel ...«

Der klugen Frau Ansicht wurde zwar nicht widersprochen, das Geräusch, welches Franziska gehört, fand aber auch Erklärung – die Bahre verschwand in dem benachbarten, bewohntem Hause, und das Todesröcheln des Sterbenden war also durch die Scheidewand an des Mädchens Ohr gedrungen.

Nachdem Franziska gegangen war, legte die Alte ihren Finger warnend auf den Mund und schaute Westerly an.

»Nun, was gibt's? Hast du Unglücksrabe vielleicht wieder ein Gespenst gesehen?«

»Es gibt keine. Aber es war heute nacht bei mir.«

»Wer? Er?«

»Mein seliger Mann«

»Verdammt sei dein seliger Mann!« knurrte Westerly. »Verschone mich mit solchen Ammenmärchen!«

»Er war aber bei mir, und diesmal habe ich ihn sogar gesehen. Das bedeutet für mich immer Glück.«

»So? Wie sah er denn aus?«

»Erst hörte ich an meinem Bette ein Klopfen und Kratzen, dann zupfte es an meiner Bettdecke, zog mir das Kissen unter dem Kopfe hervor, und plötzlich wurde es ganz hell im Zimmer. Da sah ich einen kleinen, roten Frosch herumhüpfen, der leuchtete wie die liebe Sonne. Ich hätte ihn gern angesprochen, aber ich getraute es mir nicht, denn dann wäre er vielleicht nie wiedergekommen.«

»Und du meinst, dieser rote Frosch war dein seliger Mann?«

»Wer denn sonst?«

»Du glaubst wohl an die Theorie der Seelenwanderung?«

»Es war mein seliger Mann,« beharrte die Alte.

»Nun, und was tat denn dieser kleine, liebe, rote, feurige, selige Frosch?«

»Er kletterte die Wand hinauf, bis er an seine Lieblingspfeife kam, aus der er im Leben so gern rauchte, machte den Deckel auf und kroch hinein, kam auch nicht wieder heraus, wenigstens sah ich es nicht mehr, denn ich schlief darüber ein. Und was meint Ihr, was ich in dem Pfeifenkopfe fand, als ich heute morgen nachsah?«

»Froscheier?«

»Spottet nicht! Der Kommodenschlüssel war drin, den ich seit dem Tode meines Mannes vergeblich gesucht habe. Die gute Seele wußte, wo er lag, und hat mir seinen Versteck gezeigt.«

»Ein wunderbarer Frosch, dein seliger Mann! Wenn er dir wieder erscheint, so sage ihm, er soll mir mein verlorengegangenes Notizbuch wiederbeschaffen; ich würde auch für seine selige Froschseele beten. So, nun verschone mich heute mit deinen Froschgeschichten!« Die Alte schien noch mehr beichten zu wollen, aber Westerly« gab ihr keine Gelegenheit dazu.

Dies alles, die Totenbahre, der Sterbende nebenan und die Gespenstergeschichte des Weibes, vermochte Westerlys aufgeregte Phantasie nicht zu beruhigen. Selbst die Anwesenheit eines Freundes konnte nicht hindern, daß er überall ein schwarzes Gesicht hervorblicken sah, obgleich er sich vollkommen überzeugt hielt, daß ihn noch immer keine Gespensterfurcht anwandeln könne.

Was der Vogel Strauß in der Sage tut, bei einer Gefahr den Kopf in den Sand stecken, um die Gefahr nicht zu sehen, wodurch er der Gefahr zu entrinnen glaubt – das tat Westerly im Geiste.

Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß ihm in diesem Hause noch verschiedenes Unheimliche begegnen solle, und seine Philosophie wollte ihn diesmal gar nicht schützen.

Als er am Abend allein war, beschlich ihn mit doppelter Heftigkeit die Furcht vor dem Unnatürlichen, welche bei bösen Menschen am stärksten ist.

Er konnte es sich nicht versagen, trotzdem er dabei eine lächelnde Miene machte, wie von einem Magneten angezogen mußte er sich an das Fenster begeben und sich hinausbeugen, um zu sehen, ob ein Fenster des Nachbarhauses erleuchtet sei.

Daß dies nicht der Fall war, beruhigte ihn etwas; er lachte laut auf, sah noch einmal hinaus, lachte noch lauter und griff dann zu jenem Mittel, durch welches sich Feiglinge Mut einflößen, zu geistigen Getränken.

Nach einigen Gläsern Arrak fühlte er seine Stimmung ungemein gehoben. Als er vor dem Schlafengehen den Revolver untersuchte, begann es schon infolge des übermäßigen Alkoholgenusses vor seinen Augen zu tanzen; statt der sechs Patronenhülsen sah er deren zwölf, zugleich aber war ein solcher Mut über ihn gekommen, daß er sogar die Lampe auslöschte.

Sich im Innern einen Narren scheltend, vollkommen wieder überzeugt, daß es keine Geister gebe und daß Tote nicht wiederkommen könnten, legte er sich zu Bett, und der Arrak tat seine Wirkung.

Westerly schlief schnell ein.

Sein Schlaf war jedoch weder fest noch ruhig. Im Traume balgte er sich mit Gespenstern herum und schwitzte vor Todesangst. Er sah im Traume eine Gestalt vor sich stehen, nicht die schwarze Maske, eine andere, einen Indier, und plötzlich hörte er laut und deutlich eine Stimme fragen: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?«

Wie vom Blitz getroffen fuhr er mit der Hand nach der Narbe an seiner Stirn. Darüber wachte er auf, er hörte noch die unheimliche Stimme.

Obgleich er nicht wagte, die Augen zu öffnen, glaubte er durch die geschlossenen Lider doch einen Lichtschimmer wahrzunehmen.

Aber nein, er träumte ja nur! Westerly suchte sich dies selbst einzureden, aber trotzdem fing er an zu beben.

Oder sollte wirklich in seinem Zimmer Licht brennen? Wer hatte es denn angesteckt? Da drang ein Stöhnen an seine Ohren. Es war keine Täuschung.

Furchtbar erschrocken, mit kaltem Schweiß bedeckt riß er die Augen auf und – erblickte wirklich Licht.

Die Lichtquelle konnte er nicht sehen, denn er lag mit dem Gesicht nach der Wand zu, aber diese war erleuchtet.

Es gelang ihm nicht mehr, sich einzureden, daß er nur träume. Er kniff sich, jedes Geräusch vermeidend, in den Arm und fühlte den Schmerz.

Wieder ein Seufzen – Papier raschelte. Kein Zweifel, es war jemand in seinem Zimmer.

Wider Willen mußte Westerly den Kopf wenden, und kaltes Entsetzen bemächtigte sich seiner. Dort vor der Lampe stand regungslos eine Gestalt, in dunkle, indische Gewänder gehüllt, den kurzgeschorenen Kopf unbedeckt.

Sie beugte sich über den Schreibtisch und schien die Papiere Westerlys zu lesen.

Einen Moment wurde dessen Geisterfurcht gebannt. Er glaubte es mit einem Menschen zu tun zu haben, der sich in sein Zimmer geschlichen, um sich über die hinterlistigen Pläne des Verräters zu orientieren.

Schon wollte er nach dem Revolver greifen, schon öffnete er den Mund zum Anruf, als er wieder erstarrte. Die Gestalt hatte deutlich hörbar geseufzt und gestöhnt.

Wer sich aber heimlich in ein Zimmer schleicht, der verhält sich lautlos.

Da wendete sich die Gestalt langsam um, und mit einem gellenden Schrei sank Westerly in die Kissen zurück, unfähig sich zu bewegen, zugleich aber auch unfähig, seine starren Augen von der Gestalt abzuwenden.

Ein Mann stand mit über der Brust gekreuzten Armen vor ihm. Sein Gesicht, gelblichbraun, glich dem eines Toten oder vielmehr dem eines schon Verwesten. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten erloschen und starr auf Westerly. Nur ein dem Grabe Entstiegener konnte so aussehen, das war kein Lebendiger. Auch das Gewand hing ihm in Fetzen vom Leib: ein eigentümlicher Modergeruch schien von ihm auszuströmen.

Und Westerly kannte ihn wohl.

»Abel!« murmelten seine bleichen Lippen.

Langsam nickte das Gespenst mit dem Kopfe.

»Ja, ich bin's, Abel!« drang es röchelnd aus dem sich kaum öffnenden Munde. »Also erkennst du mich noch?«

Westerly war zum Reden unfähig. Er fühlte, wie sich seine Haare sträubten, fühlte sich dem Wahnsinn nahe.

»Ich bin dein Bruder, Edgar,« fuhr die hohle Grabesstimme fort, »uns hat eine Mutter geboren, nur verschiedene Väter haben wir gehabt. Entsinnst du dich noch, wie wir als Kinder zusammen spielten, obgleich wir damals nicht wußten, daß wir Brüder sind?«

Westerly wußte alles. Sein Vater hatte ihm auf dem Sterbebette gebeichtet, daß der kleine Indier, mit dem er in der Jugend zusammen erzogen wurde, sein Bruder, daß er selbst gar kein ehelicher Sohn sei, und legte es ihm ans Herz, sollte sein ältester Sohn, Lord Westerly, Edgars Bruder; sterben, für die Mutter zu sorgen.

Als Edgar Westerly nach dem Tode seines Bruders die Familienpapiere bekommen, fand er darunter auch ein Dokument, nach welchem aus dem hinterlassenen Vermögen der Indierin, die der Vater einst geliebt, Westerlys Mutter, eine jährliche Pension gezahlt werden sollte.

Westerly hatte dies einfach unterlassen, um so mehr, als er fürchtete, dadurch könne einmal seine wahre Abstammung verraten werden.

Was hatte er dagegen getan? Er hatte seinen Bruder, wie auch seine Mutter ermordet! Wenn auch unbeabsichtigt, er war doch ihr Mörder gewesen. Und nun kam der Geist des Toten zu ihm, um Rechenschaft zu fordern.

Aber klang das nicht, als ob der Geist etwas ganz anderes von ihm wolle? Ob er wollte oder nicht, Westerly mußte auf die zuletzt gestellte Frage antworten.

»Ich habe erfahren, daß du mein Bruder gewesen bist,« brachte er mit klappernden Kinnladen hervor, sich immer einredend, daß er nur träume.

»Und weißt du, daß ich ermordet worden bin?«

»Nein!« hatte Westerly den Mut zu lügen.

»Ich wurde ermordet,« fuhr das Gespenst mit traurigem Kopfnicken fort. »Du sollst erfahren, was mich zu nächtlicher Zeit herumtreibt. Vielleicht kannst du mir helfen.«

»Du lügst! Die Toten können nicht auferstehen und in der Nacht die Lebenden schrecken,« schrie Westerly in furchtbarer Angst, hoffend, dadurch aufzuwachen. »Du irrst, ich bin nicht tot.«

»Du wärst nicht tot? Nicht gestorben?«

»Ich bin nicht gestorben, man hat mich lebend begraben. Höre mich an, nur dir kann ich mich offenbaren, denn uns hat ein Weib geboren. Ich war Diener bei Lord Canning, dem Generalgouverneur von Indien, er traute mir, und ich stand mich gut bei ihm. Eines Nachts befand ich mich wachend im Vorzimmer meines Herrn. Ich stand am Tisch und las beim Schein der Nachtlampe einen Brief von deiner und meiner Mutter. Da plötzlich fühlte ich in meinem Nacken einen Stich, wie etwa von einer Biene, und augenblicklich erstarrte mein Blut, Atem und Herzschlag stockten, und ich fiel steif wie ein vom Schlage Getroffener zu Boden.«

»Du warst tot?« heuchelte Westerly Verwunderung.

»Nein, ich war nicht tot. Scheinbar war allerdings mein Leben entflohen, ich war indes nur bewegungslos und glich einem Toten, aber ich war vollkommen bei Besinnung und sah und hörte alles.«

»Das ist nicht möglich!« stöhnte Westerly.

»Es war so. Ein Weib fing mich auf und ließ mich zu Boden gleiten, dasselbe, welches Duchesse oder Signora Rosa Bellani genannt wurde.«

»Und sonst, was hast du sonst gesehen?«

»Einen Mann, der einen mit Diamanten besetzten Dolch entblößt in der Hand trug. Er beugte sich über mich und rief entsetzt: Ich habe meinen Bruder ermordet!«

Neuer Angstschweiß brach bei Westerly aus. Das Gespenst aber hob drohend die wachsfarbene, fleischlose Hand gegen ihn auf.

»Und dieser Mann warst du,« fuhr er mit unheimlicher Stimme fort, »ja, Edgar, du warst es, der mir die vergiftete Dolchspitze in den Nacken gestoßen hat!«

»Das ist nicht wahr!« schrie Westerly in Todesangst wieder auf.

»Leugne es doch nicht, ich habe dich ja gesehen und dich sprechen hören, denn ich war bei vollkommener Besinnung. Ich hätte dich nicht gleich erkannt, wenn du dich nicht selbst als meinen Bruder bezeichnet hättest. Ich hörte ferner, wie man sich beriet, was wohl die Ursache meines Todes sei. Man glaubte auch an einen Mord, aber man wußte nicht, wie man mich getötet hätte. Niemand dachte daran, meinen Nacken mit einem Vergrößerungsglas zu untersuchen. Ach, ich konnte ja nicht sprechen, keine Bewegung machen, und so wurde ich denn bei vollständiger Besinnung begraben, nachdem die Ärzte meinen Tod beglaubigt hatten.«

Das Gespenst schwieg. Westerly wälzte sich wimmernd auf dem Bett, konnte aber dem Blick der eingesunkenen Augen nicht ausweichen, die unverwandt auf ihn gerichtet waren.

»Ich träume!« jammerte er.

»Nein, du träumst nicht. Höre weiter, was mit mir geschah. Ich wurde in einem Sarge tief unter der Erde begraben. Aber ich war nicht tot, ich war bei Verstand, ich hörte die Maulwürfe und Käfer an meinem Sarge nagen. O, Bruder es war schrecklich! Wann wohl würden die Käfer das Holz durchbohrt haben und über meinen steifen Körper herfallen? Oder wann zerfiel das morsche Holz, und ich war Würmern und Larven preisgegeben?«

Westerly schauderte.

»Es ist nicht möglich, ich träume nur!« schrie er abermals. »Du wärest in der ersten Stunde wegen Mangels an Luft unfehlbar erstickt.«

»Wegen Mangels an Luft?« erklang es spöttisch zurück. »Ich konnte nicht atmen, also brauchte ich auch keine Luft. Tausendmal wünschte ich, sterben zu können, aber ich starb nicht, und so betete ich nur inbrünstig zu Gott, an den, als an den einzig wahren Gott mir zu glauben gelehrt worden war. Und mein Gebet sollte erhört werden. Ich weiß nicht, wie viele Tage und Nächte ich so bewegungslos dagelegen und dem schrecklichen Nagen und Pochen der Käfer gelauscht hatte, als ich plötzlich glaubte, der Sargdeckel öffne sich. Licht umgab mich, und vor mir stand ein Engel Gottes.« »Du lügst,« stöhnte Westerly. »Es gibt weder einen Gott, noch Engel, noch Teufel.«

»Vor mir stand ein Engel in lichtverklärtem Kleide,« fuhr die Gestalt ruhig fort, »und sprach also zu mir: Deine Gebete sind erhört worden, und es soll dir ein Mittel gegeben werden, dein Leben wiederzuerhalten. Der Mensch, der dich morden wollte, also dein Bruder, besitzt zugleich das Mittel in dem Dolch, dich wieder lebendig zu machen. Drücke an dem größten Diamanten am Griff des Dolches, schraube den Griff ab, und du wirst in der Höhlung eine goldgelbe Flüssigkeit finden. Wenn die Stichwunde in deinem Nacken erweitert wird, und du läßt die goldene Flüssigkeit hineinlaufen, so wird dein erstarrter Körper wieder lebendig werden. Jede Nacht zwischen 12 und 1 Uhr soll dein Grab geöffnet sein, wünsche, wohin du gebracht werden willst, und im Augenblick sollst du dort sein. Aber deinen Bruder mußt du selbst aufsuchen, du sollst ihm erscheinen, damit sein ruchloses Herz geängstigt wird, und nur von ihm soll deine Rettung vollzogen werden, damit er seine Schandtat sühnt.

Besitzt er den Dolch nicht mehr, so soll er ihn sich wieder verschaffen und dir den Dienst erweisen.«

»Und so geschah es,« fuhr das Gespenst nach kurzer Pause traurig fort, »jede Nacht öffnete sich mein Grab, und ich erhielt die Beweglichkeit meiner Glieder wieder. Aber was half das mir Armen? Wohl brauchte ich nur den Wunsch zu denken, an einer beliebigen Stelle zu sein, so war ich dort, doch wünschte ich nur, direkt bei dir zu sein, so blieb ich festgebannt. Lange, lange Zeit habe ich dich gesucht, ganz Indien habe ich durchflogen, ich konnte dich nicht finden, bis ich mich aufs Lauschen legte. Da vernahm ich, du seiest hier in Bombay, ich erfuhr die Lage dieses Hauses, heute flog ich hierher und komme noch zur rechten Zeit. Ich habe dort am Schreibtisch gelesen, daß du Indien übermorgen verlassen willst. Doch ich wäre dir auch nach Konstantinopel gefolgt und hätte dich auch dort aus dem Schlafe geweckt. Wo ist der Dolch, daß du mich mit ihm dem Leben wiedergibst?«

Erwartungsvoll hingen die Augen des Gespenstes an den Lippen des Gefragten, der sich noch immer auf seinem Lager in wilden Qualen wand.

»Ich habe ihn nicht mehr,« ächzte er endlich.

»Ich dachte es mir,« seufzte der Geist. »So mußt du ihn dir eben wiederverschaffen, denn nur du kannst die Operation vollziehen. Weißt du, wer ihn hat?«

»Ja, ich weiß es. Aber ich hole ihn nicht, es nicht wahr, ich träume nur,« schrie Westerly.

»Du träumst nicht. Verschaffe dir den Dolch, ich komme morgen und jede Nacht wieder.

Denke nicht, daß du mir entschlüpfen kannst. Jetzt, nachdem ich dich einmal gefunden habe, werde ich dir immer wieder erscheinen, und entflöhest du bis ans Ende der Welt.«

»Nein nein, es ist nicht wahr!«

»Es ist doch wahr. Ich komme morgen wieder. Verschaffe dir den Dolch.«

»Ich kann nicht.«

»Wer hat ihn jetzt?«

»Das brauchst du nicht zu wissen.«

»Nein, aber du mußt ihn dir wieder besorgen, sonst verfolge ich dich bis an deinen Tod, der auch den Tod für mich bedeutet, und dann klage ich dich beim ewigen Richter an.«

»Es gibt keinen Gott, keinen ewigen Richter.«

»Du wirst ihn noch kennen lernen, Brudermörder!«

»Hahaha,« lachte Westerly gellend, »du nennst mich deinen Mörder? Sagst du nicht selbst, daß du gar nicht tot bist?«

»Aber du wolltest mich töten, und bei Gott gilt die Absicht, nicht nur die Tat. Wehe dir, Verruchter, wenn du mir widerstrebst!«

Drohend hatte das Gespenst die Hand erhoben. Doch Westerly hatte sich einigermaßen gesammelt, oder vielmehr, ein teuflischer Gedanke war ihm gekommen.

»Nun denn,« schrie er, »lebst du Verfluchter wirklich noch, so will ich dich zum zweiten Male töten. Da – versuche das zu ertragen.« Blitzschnell hatte er den Revolver ergriffen, auf die Brust des Gespenstes gezielt, und abgedrückt.

Der Schuß krachte, Pulverrauch verhüllte dem halb Wahnsinnigen die Aussicht. Westerly war ein vorzüglicher Pistolenschütze, er konnte sein Ziel auf so kurze Entfernung hin nicht verfehlen.

Aber es ertönte nur ein kurzes, höhnisches Lachen, es war, als ob eine Kugel über den Boden rollte, und als sich der Rauch verzogen, sah Westerly das Zimmer leer.

Das plötzliche Verschwinden der Gestalt ergriff ihn mehr als alles andere, denn er hatte geglaubt, sie tot oder verwundet am Boden liegen zu sehen. Das neue Ereignis, das die Gestalt wirklich als Gespenst charakterisierte konnte er nicht ertragen – die Sinne schwanden ihm vor neuem Entsetzen.

Als er erwachte, war es Morgen, und seine Wirtin beschäftigte sich damit, ihm Stirn und Schläfe mit Essig zu reiben. Die Stube war voll Petroleumqualm, denn die Lampe war ausgebrannt.

Westerly besann sich sofort auf alles Geschehene; es war ihm, als habe er den Tod im Herzen, die Glieder versagten ihm den Dienst. Stier blickte er die alte Frau an.

»Ach Gott, ach Gott,« jammerte diese, »Ihr habt gewiß einen bösen Traum gehabt.«

»Ja, es war ein böser Traum,« murmelte er, »aber nein – habe ich denn nur geträumt?«

»Natürlich, was denn sonst? Oder ist Euch jemand erschienen, vielleicht ein toter Bruder oder Eure selige Mutter?«

Entsetzt fuhr Westerly empor und packte die Alte krampfhaft am Handgelenk.

»Weib, was weißt du davon?« stöhnte er.

»Nichts, gar nichts!« entgegnete diese erschrocken. »Ich dachte nur so. Daß so etwas passieren kann, habe ich Euch schon erzählt. Habt Ihr wirklich jemanden gesehen?«

»Torheit, ich habe nur geträumt. Hast du diese Nacht einen Schuß gehört?«

»Wo? Auf der Straße?«

»Hier in meinem Zimmer.«

»Nein.«

»Doch, du mußt ihn gehört haben!«

»Um Gottes willen, in diesem Hause? Dann müßten doch Franziska und meine beiden Mädchen auch etwas davon gehört haben.«

»Hast du sie schon gesprochen?«

»Freilich. Als ihr nicht kamt, ging ich zu Euch und fand Euch ganz bleich und halb ohnmächtig im Bett liegen. Die Lampe habt Ihr auch brennen lassen. Ihr müßt einen schrecklichen Traum gehabt haben.«

»Ja, es war schrecklich.«

»Und geschossen habt Ihr im Traum?«

»Ja.«

»Das bedeutet immer Glück.«

»Und du hast den Schuß wirklich nicht gehört?«

»Ihr könnt doch nicht verlangen, daß ich hören soll, wenn Ihr im Traume schießt,« lachte die Alte.

»Es ist gut, du kannst gehen,« sagte Westerly erleichtert.

Wie eine Zentnerlast fiel es ihm vom Herzen. Da die Alte und keiner der anderen Hausbewohner den Revolverschuß gehört hatte, mußte er auch nur geträumt haben.

Auch die ins Zimmer scheinende Morgensonne trug viel dazu bei, seine Gespensterfurcht zu verscheuchen; denn Sonne und Geister vertragen sich schlecht.

Er fühlte förmlich ein Behagen über sich kommen, als er überzeugt war, nur geträumt zu haben, aber dieses sollte nicht lange dauern.

Noch im Bett liegend, erblickte er plötzlich auf dem Zimmerboden ein Ding, das fast wie eine Revolverkugel aussah. Mit einem Satz schnellte er aus dem Bett und – fand wirklich eine am Boden liegen.

Verwirrt griff er sich an die Stirn, dann mit zitternder Hand nach der Waffe auf dem Nachttisch. Warum war es ihm nicht schon früher eingefallen, den Revolver zu untersuchen? Da mußte sich gleich zeigen, ob er nur geträumt habe oder nicht.

Dem Manne versagte die Kraft, er brach fast auf die Knie zusammen, als er fünf Patronen unversehrt, noch mit Kugeln versehen, fand, die sechste aber, auf deren Zünder der Hahn noch ruhte, abgeschossen.

Westerly dachte nicht mehr daran, die Wirtin und die übrigen Hausbewohner zu rufen und sie nochmals auszuforschen, ob sie den Schuß nicht gehört hätten.

Wieder bemächtigte sich seiner die entsetzlichste Gespensterfurcht. Das sonst Unerklärlichste hielt er plötzlich für erklärlich.

Der Geist war ihm erschienen, oder vielmehr sein nur scheintoter Bruder, er hatte auf ihn geschossen, die Kugel war schadlos von der geisterhaften Gestalt abgeprallt, der Schuß war nur ihm hörbar gewesen, alle anderen Bewohner des Hauses waren mit Taubheit geschlagen worden, Ja, es gab etwas, was der nüchterne Menschenverstand nicht begriff. Wehe, die Toten kehrten wieder, es gab einen Gott, der allmächtig war und Rechenschaft forderte! Westerly kam nicht mehr dazu, seine Furcht mit philosophischen Gründen zu vertreiben.

Die Tatsachen hatten ihn zu sehr erschüttert, und er konnte sie auch nicht leugnen.

Er wollte fort aus diesem Hause, sich eine andere Wohnung suchen; aber hatte ihm der Geist seines Bruders nicht gesagt, er würde ihn überall zu finden wissen, ihm keine Ruhe lassen, als bis er den Dolch wiederhätte? Daran, daß er nicht ohne Gefahr das Haus überhaupt verlassen durfte, dachte er im Augenblick gar nicht.

Der sonst so kaltblütige, über jede Geisterfurcht sich erhaben glaubende Westerly nahm sich vor, den Bruder diese Nacht zu erwarten, mit ihm zu sprechen, ihn um Schonung zu bitten und dann sein möglichstes zu tun, sich in den Besitz des Dolches zu bringen.

Er wußte ihn in den Händen der Rebellen zu Delhi; denn auf alle Fälle war der Mordanschlag des Persers vereitelt, die Waffe ihm entwunden worden.

Freilich, wenn er versuchte, sich dieser zu bemächtigen, so setzte er sich der Gefahr aus, in die Hände des furchtbaren Timur Dhar zu fallen, aber einmal wollte er lieber dessen Rache erdulden, als sein ganzes Leben lang von dem Schatten des toten Bruders gequält werden, und dann würde ihm der Geist sicher hilfreiche Hand leisten. Denn wieviel mußte ihm daran gelegen sein, daß er, Westerly, die Waffe wiedererhielt! Aus dem Ungläubigen war also plötzlich ein gläubiger Geisterseher geworden, und viele Menschen gibt es, denen es ebenso ergangen ist.

Da glaubt einer weder an Gott, noch an einen Teufel; er träumt, dieser oder jener stirbt, zufällig geschieht es, und plötzlich ändert sich die Denkweise des Zweiflers.

Aber das Haus zu verlassen, in dem es spukte, fiel Westerly nicht ein. Erst wollte er den Geist noch einmal sprechen. Diese letzte Erscheinung hatte die Erinnerung an die schwarze Maske ganz verwischt.

Franziskas Anwesenheit schien er ebenfalls ganz vergessen zu haben. Dem Freunde, der ihm meldete, daß morgen das Schiff ginge, sagte er, er solle die Billetts noch nicht lösen.

Vielleicht wäre es möglich, daß er seinen Plan ändere.

So kam wieder die Nacht heran, und Westerly gebärdete sich wie einer, der Geister in gutem Glauben beschworen hatte und ihren Besuch nun erwartete.

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