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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 29
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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29. Jugendfreunde

Radscha Sirbhanga hatte sich nicht den Verfolgern angeschlossen. Als er durch die Straßen der Stadt jagte, sah er eine Mädchengestalt, die erst fliehen, dann aber sich verstecken wollte.

Sie kam nicht dazu; denn im Nu hatte Sirbhanga sie erreicht, sprang im vollen Galopp vom Pferde und stellte sich ihr mit vorgestrecktem Schwerte und in Fechtpositur gegenüber, als erwarte er einen sofortigen Angriff.

»Begum von Dschansi, ergib dich!« rief er ihr zu. Der Name pflanzte sich blitzschnell von Mund zu Mund. Erst schien es, als wollten die wilden Dschansinesen schon beim Klange dieses Namens sich zur Flucht wenden; war es doch die Begum, unter der sie früher gefochten, deren Unüberwindlichkeit und Furchtbarkeit sie selbst geschaut hatten. Als sie indessen ihren jungen Häuptling sahen, wie er sich dem schrecklichen Weibe furchtlos gegenüberstellte, da umringten auch sie ihre einstige Anführerin, die Schwerter zum Hieb und Stich bereit.

Die Begum aber stand ruhig da; sie hatte auch noch den Dolch fortgeworfen, blickte Sirbhanga an, und ein wehmutsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Ergib dich, Begum!«

rief Sirbhanga nochmals. »So sehen wir uns wieder, Eugen,« lispelte sie. »Ergib dich, Begum!« wiederholte er zum dritten Male. »Widerstand würde dir nichts nützen; ich glaube nicht an deine Unbesiegbarkeit. Oder dein Weg würde über meinen Leichnam gehen.«

Wieder lächelte Bega bitter. Dann streckte sie beide Hände aus und sagte: »Wehre ich mich denn? Nimm mich gefangen; ich weiß aber nicht warum.«

Sirbhanga selbst legte ihr Handschellen an, er glühte vor Begeisterung.

»Ich nehme dich, die du dich betrügerischerweise die Begum von Dschansi nennst, im Namen der englischen Königin als Rebell gefangen!«

»Im Namen der englischen Königin – als Rebell – ich dachte es mir,« seufzte Bega und ließ sich willig fesseln.

Sie wurde unter scharfer Bewachung in das Haus gebracht, das sie eben verlassen; Sirbhanga setzte den Flüchtigen nach. Bega kauerte teilnahmslos am Boden, sie hörte nicht die in der Ferne unaufhörlich rollenden Gewehrsalven, nicht das Kampfgeschrei der ums Leben kämpfenden Indier, der braunen Brüder eines Volkes. Als sie vernahm, daß die Rebellen von Feinden angegriffen würden, hatte sie gezögert.

Sollte sie fliehen oder bleiben? Die Rebellen waren jetzt ihre Feinde, von ihnen durfte sie keine Schonung erwarten. Und die Engländer oder die auf deren Seite kämpfenden Indier? Sie wußte nicht, ob sie nicht von diesen ebenfalls verfolgt würde, ob die Engländer nicht vielleicht gar einen Preis auf ihren Kopf gesetzt hatten.

Bega besaß eine kräftige Natur und einen widerstandsfähigen Charakter, und wer diesen besitzt, der denkt auch dann noch nicht, wenn alles verloren scheint, an Selbstmord, oder sieht dem herannahenden Untergange entgegen, ohne die Hand zu regen. Vielmehr sucht er bis zum letzten Augenblick sein Leben zu erhalten; denn solange er noch lebt, ist auch die Möglichkeit vorhanden, sein Schicksal zu ändern.

Schon einmal war Bega geflohen, obgleich sie alle Hoffnungen hinter sich ließ und den Tod schon im Herzen fühlte. Aber sie wollte leben und für sich kämpfend untergehen. So floh sie auch wieder; doch sie hatte zu lange gezögert; es war zu spät. Wäre es nicht Eugen gewesen, der ihr gegenübertrat, man hätte sie nicht zum zweiten Male lebendig gefangen.

Der Anblick Eugens jedoch, der einst um ihre Liebe geworben, entwaffnete sie, und jetzt klangen wie Donnerhall die Worte in ihren Ohren wider: ›Im Namen der Königin von England.‹ So hatte sie in Indien auf keinen Schutz mehr zu hoffen, ja, in der ganzen Welt nicht mehr.

Überall hätte man nach ihr gefahndet, sie war eine politische Verbrecherin. Jetzt, da sie vernahm, daß England den Bannfluch nach ihr geschleudert, durfte sie auch nicht mehr an Reihenfels denken, und das brach ihre Willenskraft.

Also ihre Hoffnung, daß sich Lord Canning, von ihrer Unschuld durch Reihenfels überzeugt, für sie verwenden würde, hatte sich nicht erfüllt – jetzt war sie verloren, jetzt gab es nichts weiter als ein erbärmliches Leben zu retten, und vorläufig hatte Bega, wenn es ihr überhaupt möglich gewesen wäre, keine Neigung dazu.

Empfindungslos kauerte sie am Boden, ein dumpfer Schmerz wirkte wie betäubend auf sie.

Aber dennoch schreckte sie empor, als sie gegen Abend von einer tiefen, sanften Stimme beim Namen genannt wurde. Diese Stimme kannte sie; wie ein Blitz war ihr ein Bild aus schöner Jugendzeit aufgestiegen, sie hörte Eichen rauschen und Finken schlagen. Doch nein, sie war noch in Indien, als Meuterin gefangen, und der, welcher sie gefangen und in Ketten gelegt hatte, stand vor ihr – Eugen, um den Kopf einen blutigen Verband.

»Vergib mir, Bega!« sagte er leise und wie bittend.

Das Mädchen richtete sich langsam auf.

»Was soll ich dir vergeben? Daß du mich gefesselt hast? Du tatest deine Pflicht.«

»Ach, daß ich sie tun muß! Und daß ich dir nicht helfen darf! Vergib mir, Bega!«

»Ich habe dir nichts zu vergeben, wenn du deine Pflicht tatest.«

»Bega, ich liebte dich einst.«

»Was erinnerst du mich daran? Oder willst du mich nun deine Rache fühlen lassen, weil ich dich damals nicht erhörte? Das ist nicht edel.«

»Um Gott, sprich nicht so! Ich habe eine schwere Schuld gegen dich auf meinem Gewissen.«

»Daß ich nicht wüßte!«

»Ja, Bega, ich liebte dich damals, und ich liebte dich noch immer, auch hier in Indien.

Ach, Bega, ich kann dir nicht schildern, du begreifst es nicht, was für ein teuflisches Spiel mit mir getrieben worden ist.« »Ich weiß es allerdings. Du wurdest nach deiner Verwundung von einer Bajadere gepflegt, welche mir etwas ähnlich sah. Du hieltest sie im Fieberwahne für mich, und auch dann noch, als du genesen warst, mußte sich Kalidasa für mich ausgeben. Die Täuschung war nicht schwierig.«

»So wußtest du es?«

»Alles.«

»Und hindertest den Betrug nicht?«

»Ich wollte es tun, doch es war zu spät. Es war gerade damals, als Delhi gestürmt wurde, einige Tage zuvor.«

»Warum wolltest du es hindern?« fragte Sirbhanga mit bebender Stimme.

»Solltest du mich noch lieben, Eugen? Vergebens, ich gestehe offen, daß ich dich nie geliebt habe, mein Herz gehört schon immer einem anderen.«

»Ich weiß es. Du Unglückliche!«

»Ich wollte dir den Betrug aufdecken,« fuhr sie fort, »um dich nicht zum Verräter an den Engländern zu machen. Kalidasa, oder deiner Meinung nach Bega, also ich, war der Preis, für welchen du übertreten solltest. Doch ein Manneswort zu brechen, das ist ein Weib nicht wert.«

»Das sagst du?«

»Allerdings. Du bist ja deiner Sache treu geblieben.«

»Ich bekenne die Wahrheit. Ich war doch abgefallen, nicht um Kalidasas willen, sondern weil ich erfuhr, daß mein Platz an der Spitze der Rebellen war.«

»Auch dies habe ich hinterher erfahren; hätte ich eher gewußt, was für ein frevelhaftes Spiel man mit mir trieb, ich hätte dich sofort gewarnt. Jetzt bedaure ich nur Kalidasa.«

»Warum?« fragte Sirbhanga, und sein Auge blitzte freudig auf.

»Sie liebte dich wirklich, und du?«

»Und ich liebte sie wieder und liebe sie noch jetzt. Bega, verzeih mir!«

»Nichts habe ich dir zu verzeihen, sei glücklich mit ihr, dies wünsche ich dir aus ganzem Herzen. Dein Ansehen bei den Engländern scheint nicht gelitten zu haben, ich sehe dich als Anführer einer kriegerischen Macht, welche einst meinem Befehle gehorchte, welche mich anbetete, und da du nun die gefährliche Begum von Dschansi, diese Intrigantin und politische Abenteurerin gefangen und schadlos gemacht hast, so wird deine Stellung wohl bestätigt werden.«

»Bega, sprich nicht so! Ich mußte, ich konnte nicht anders handeln.«

»Warum entschuldigst du dich überhaupt? Du sprichst für mich in Rätseln. Und dennoch, mit welchem Feuereifer warst du bereit, mir die Handfesseln anzulegen.«

»Es war mir so oft eingeprägt worden, mich unter allen Umständen der Begum von Dschansi zu bemächtigen, tot oder lebendig.«

»Lord Canning sagte dir das?«

»Nein, ich kam von Delhi fort nach einer anderen Stadt in Haft. Dort wurde ich begnadigt, ich erhielt die Freiheit und mußte wieder England Treue schwören. Man sah ein, daß über mir ein furchtbarer Irrtum gewaltet hatte. Ich tat mich in mehreren Schlachten als Häuptling der Dschansinesen, meines Volkes, hervor, dann schickte man mich in die Gebirge, um die flüchtigen Rebellen aufzureiben. General Havelock gab mir ausdrücklich den Befehl, ich sollte mich der ebenfalls in den Bergen auf der Flucht befindlichen Begum, deiner, auf alle Fälle bemächtigen; tot oder lebendig sollte ich ihrer habhaft werden, und was blieb mir anders übrig, als zu gehorchen, hatte ich doch auch eine große Schuld zu sühnen.«

»Also von Havelock ging dieser Befehl aus, nicht vom Generalstab, dessen Vorsitzender Canning ist?«

»Seit vielen Wochen schon halte ich mich in den Bergen auf und erhielt keinen Befehl vom Generalstab. Außerdem, Bega, ich zürnte dir wirklich, daß du die Rolle spieltest, welche mir bestimmt war. Ich bin Radscha von Dschansi. Etwas wie Zorn stieg in mir auf, als ich dir vorhin mit dem Schwerte in der Hand gegenübertrat.«

»Eugen, glaubst du, ich wußte, daß meine Rolle eine falsche war? Ich war mir nie eines Betrugs bewußt, aber man betrog mich ebenso wie dich.«

»Ich glaube dir, Bega. Man verwandelte deinen Namen in Begum. Doch nenne mich nicht mehr Eugen, wir wollen die Betrüger nicht unterstützen.«

»So nenne auch du mich nicht mehr Bega sondern Eugenie. Dies ist mein richtiger Name.«

»Wie? Du hast deine wahre Abstammung erfahren?«

»Leider. Daß ich sie nicht erfahren hätte!«

»Und Eugenie ist kein indischer Name, sondern eher ein englischer.«

»Ich bin eine Engländerin.«

»Wie?«

»Ich bin Eugenie, die Tochter Sir und Lady Carters, deiner Pflegeeltern. Ja, Sirbhanga, wir können uns keine Vorwürfe gegenseitig machen, wir beide hatten unsere Rollen getauscht. Du genossest die Liebe, die mir gebührte; mir zollte man die Achtung, welche dir gehörte. Du hast gewonnen, ich verloren, du darfst dich deines Rechts jetzt freuen, aber ich? Ich werde meine armen Eltern nie wiedersehen!«

Sirbhanga war bei diesem Geständnis zurückgeprallt; er glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen, er hielt das Mädchen für wahnsinnig, doch Bega gab ihm noch die deutlichsten Beweise, daß sie wirklich die geraubte Eugenie sei. Sie erzählte, wie Reihenfels dies zuerst herausgebracht, wie Isabel es vorhin bestätigt habe.«

»Um Gott, hätte ich das gewußt!« stieß er hervor.

»Was hättest du dann getan?«

»Ich hätte – ich hätte dich dann nicht – o Gott, ich mußte es ja doch tun, ich mußte meine Beute – ich durfte dich nicht entschlüpfen lassen – ich bräche zum zweiten Male mein Wort.«

»Nein, du durftest mich nicht entkommen lassen,« stimmte das Mädchen dem Stammelnden bei, aber Bitterkeit lag in ihrer Stimme; »das hätte dich deine neugewonnene Stellung gekostet. Sirbhanga, höre mich an: ich liebe dennoch mein Leben, ich zittere vor dem Gedanken, als Rebell am Galgen zu sterben. Hast du Mitleid mit mir, gedenkst du noch jener Zeit, da du vor mir auf den Knien lagst, so flehe ich dich an, mir zur Flucht zu verhelfen.«

Bittend streckte sie ihm die gefesselten Hände entgegen, eine stumme Mahnung, ihr die Ketten abzunehmen.

Sirbhanga lehnte sich an die Wand, stöhnte und bedeckte sich die Augen.

»Ich kann nicht; ich darf nicht,« murmelte er dumpf.

»Du darfst es nicht, nein, aber ich flehe dich darum an. Gib mich nicht frei, aber gewähre mir eine Gelegenheit zur Flucht.«

»Ich darf es nicht,« ächzte er, »ich breche mein Wort. Du bist die Begum von Dschansi.«

»Ich bin sie nicht.«

»Aber die Person bist du, welche man verfolgt.«

»Nein, auch das nicht.«

»Wie?«

»Auch darin waltet ein Irrtum ob. Wärest du nicht abgeschnitten von dem Kriegsschauplatz, du würdest hören, daß die Begum von Dschansi noch immer überall als stahlgepanzerte Amazone gesehen wird, wie sie gegen die Engländer das Schwert schwingt.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Und schwer wird es mir werden, dir die Wahrheit begreiflich zu machen. Wohl nannte man mich die Begum von Dschansi, wohl habe ich Rüstung und Schwert getragen, wohl bin ich durch das Lager am schwarzen See geschlichen, habe spioniert und Wachen überwältigt – ich mußte, mich für eine Indierin haltend, die Engländer doch bekämpfen – wohl habe ich das Schwert zu führen gelernt und meine Kunst auch benutzt, so z. B., als ich die Thags für ihren Ungehorsam gegen den von mir gegebenen Befehl, die Gefangenen zu schonen, bestrafte, aber jenes Weib, welches mit dem Schwert in den Reihen der Engländer wütete und noch wütet, bin ich nicht. Jenes andere Weib, meine Doppelgängerin ist es, welche eueren Haß verdient, und ihrer habhaft zu werden, wird man auch bemüht sein, du aber, der du schon lange in den Bergen weilst, weißt nichts davon. Daher bist du auch der Meinung, ich sei wirklich jene gefürchtete Begum von Dschansi – Lord Canning aber wird wissen, daß ich sie nicht bin. An meinen Händen klebt kein englisches Blut.«

Ungläubig schaute Sirbhanga das Mädchen an.

»So meinst du, Lord Canning hielte dich für unschuldig und ließe dich gar nicht verfolgen?«

»Er weiß, daß ich unschuldig bin,« seufzte sie, »aber er muß mich dennoch als Feindin betrachten und mich verurteilen. Ich bin der Spielball eines furchtbaren Verhängnisses.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ich wiederhole, daß ich dich schwerlich aufzuklären vermag.«

»Was du von deiner Doppelgängerin sprichst, glaube ich nicht. Es ist nicht möglich, daß sich ein Mensch zerteilen und an zwei Orten zugleich erscheinen kann, und übrigens –«

»O, Sirbhanga, du sprichst von dem Gerücht, daß ich als göttliches Wesen göttliche Eigenschaften besäße. Diese Meinung von mir wurde verbreitet, und ich war leider so töricht, sie nicht als Lüge zu klären. Aber ich besitze wirklich eine Doppelgängerin, und diese ist es, welche unter meiner Gestalt die Kriegstaten verrichtet.«

»Wer sollte das sein?«

»Ein Mann.«

»Ein Weib – ein Mann – in deiner Gestalt? Du sprichst in Rätseln.«

»Es ist Timur Dhar. Im Panzerhemd mit herabgelassenem Visier, das Schwert in der Faust, hatte er meine Gestalt angenommen und kämpfte gegen die Engländer; er tut es wahrscheinlich noch jetzt. Ich war die Begum von Dschansi – jetzt bin ich ein unglückliches, verfolgtes Weib und leide unschuldig. Sirbhanga, habe Erbarmen, löse die Fesseln, sieh nicht hin, wenn ich fliehe!«

»Ich kann nicht,« wiederholte er, der das Gehörte nicht begreifen konnte, gedrückt. »Wie soll ich das glauben, was du mir da erzählst!«

»Du selbst bist Zeuge davon geworden, wie man meine Person mißbrauchte. Nicht nur Timur Dhar gab sich für mich aus, weil ich die prophezeite Königin von Indien war und er mein Ansehen durch kriegerische Taten, die ich nie ausführte, erhöhen wollte, auch Kalidasa mußte sich für mich ausgeben, um dich der Sache der Rebellen zuzuführen, und wurdest du nicht ein Opfer dieses Betrugs? Sieh, so wußte Timur Dhar auch alle anderen zu täuschen.«

»Du hast recht, Bega, aber ich darf dich doch nicht freigeben, muß dich vielmehr ausliefern. Ich fand dich im Rebellenlager, wie du mit den übrigen fliehen wolltest.«

»Ein böser Zufall! Auch von den Rebellen wurde ich gefangengehalten.«

»Beweise das!«

»Ich kann es nicht, Rebellen müssen vernommen werden.«

»So muß ich dich deinem Schicksal überlassen, ich kann wahrhaftig nicht anders handeln.

Beweise deine Unschuld vor dem Kriegsgericht, dem ich dich ausliefern muß, und du wirst milde beurteilt werden.«

Sirbhanga drehte sich kurz um und verließ langsam und mit gesenktem Haupt das Gemach.

»Sirbhanga, ich zürne dir dennoch nicht, ich kann dich begreifen!« rief Bega ihm nach und versank dann wieder in dumpfes Brüten.

Ja, sie konnte begreifen, was in dem Jüngling vorging. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie gefangen zu behalten und auszuliefern, oder er ward abermals ein Verräter, diesmal ein wirklicher Meineidiger, und zertrümmerte sein Glück für immer.

Er liebte Kalidasa, sie war in Delhi, und nur dadurch, daß er treu zu den Engländern hielt, konnte er sich einst seines Glückes mit ihr freuen.

Die Sache der Rebellen war rettungslos verloren. Was war Sirbhanga als Radscha von Dschansi, wenn er nicht zu, sondern gegen die Engländer stand? Dasselbe, was jetzt Nana Sahib war – ein verfolgter Verbrecher.

Dagegen erwartete ihn andererseits der Thron eines reichen, blühenden Landes, auf dem er unter dem sicheren Schutze der englischen Krone regieren durfte.

Aber wie sah es jetzt in seinem Herzen aus! Das Mädchen, welches er geliebt hatte, welches er lange zu lieben geglaubt – nur daß es eine andere gewesen – mußte er als Rebellin gefangen ausliefern, und er glaubte fest, daß man kurzen Prozeß mit ihr machen würde, daß sie gehenkt würde.

Auch an Reihenfels dachte er, an seinen einstigen Hauslehrer, an dem er mit bewundernder Liebe gehangen hatte.

Diese Gedanken waren es, die Sirbhanga beschäftigten, und Bega konnte nicht anders, sie mußte ihn bedauern. An ihrer jetzigen Lage war er nur ganz indirekt schuld.

Die Nacht brach an, und Bega kauerte noch immer mit gefesselten Händen am Boden.

Man schien sie vergessen zu haben, aber sie spürte weder Hunger noch Durst.

Als Sirbhanga den Raum betreten, hatte er die Wächter hinausgehen heißen, in seinem Schmerz aber nicht daran gedacht, sie wieder hereinzurufen. So war Bega allein und unbewacht, und sie war froh darüber.

Dennoch bezweifelte sie nicht, daß die Dschansinesen, welche draußen waren, sie bewachten. Die Leute, welche sie einst als ihre Fürstin geliebt, haßten sie jetzt, denn sie hielten sie für eine Betrügerin. Der Gestürzte behält im Unglück überhaupt nur Feinde, selbst die früheren Freunde werden solche.

Da ertönte draußen ein furchtbarer Schmerzensschrei, Wehgeheul erscholl. Es wiederholte sich mehrmals, dann wurde es wieder still. Bega dachte nicht darüber nach, was da wohl vorgefallen sein mochte. Es war ihr alles gleichgültig.

Die lagernden Leute hatten kleine Feuer zur Bereitung des Abendessens angemacht. Ein flackerndes Licht fiel auch durch das offene Fenster herein und erhellte das Gemach in unsicherem Zwielicht.

Vor der Tür erfolgte ein kurzer Wortwechsel, einige Scherze wurden laut, dann blickte ein mit einer roten Pelzmütze bedeckter Kopf durch die Tür; zwei glühende Augen schweiften durch das Gemach, und Dick Red trat herein.

»Alle Hagel, hier also ist die berühmte Begum von Dschansi,« sagte er erstaunt, »und unbewacht? Blitzmädel, du brauchst ja nur davonzulaufen!«

Er war vor sie hingetreten und musterte sie neugierig.

»Man hat nicht vergessen, mir die Hände zu fesseln,« entgegnete sie, und zugleich tauchte eine Hoffnung in ihrem Herzen auf.

»Denkst du, ich sehe nicht, daß du gefesselt bist? Dick Red hat gute Augen. Aber du läufst doch nicht auf den Händen, sondern auf deinen Füßen. Wenn es dich nicht weiter geniert, werde ich deine zierlichen Füßchen ein bißchen binden, mein Schatz. Das hat man vergessen.«

Er zog eine Lederschnur hervor und begann ihre Füße zu binden. Bega duldete es ruhig und fragte nur mit trauriger Stimme: »Liegt dir denn so viel daran, daß ich nicht entfliehe?«

»Du hast böses Blut genug gemacht, mein Schatz, es wird nun endlich Zeit, daß die Begum von Dschansi gehenkt wird. Lieber wäre es mir freilich, ich könnte dich draußen noch einmal fangen; denn, offen gestanden, du bist sonst ein ganz tüchtiges Mädchen, sollst damals unter den Thags wie ein Teufel gehaust haben.« »Du bist Dick Red?«

»Ja, wenn es dich nicht geniert.«

»Reihenfels ist dein Freund?«

»Reihenfels? Das ist ein braver Kerl. Natürlich ist er mein Freund.«

»Er ist mein Geliebter.«

»So? ›Er ist mein Geliebter‹ – das klingt ausgezeichnet, kurz und bündig. Habe schon so etwas Ähnliches gehört, hoffentlich ist er unterdessen zur Vernunft gekommen.«

»Er wird dir zürnen, wenn er erfährt, daß du mich, anstatt mir zu helfen, an der Flucht gehindert hast!«

Erstaunt blickte Dick auf.

»Donnerwetter, das klingt ja gerade, als sollte ich dir zur Flucht verhelfen! Du bist verrückt!«

»Das sollst du auch, und du wirst es tun.«

Mit flüsternder Stimme erzählte Bega. Dick erfuhr jetzt dasselbe, was vorhin Sirbhanga erfahren hatte, und das Erstaunen des Jägers war grenzenlos. Er setzte in ihre Erzählung sogar weniger Zweifel als jener.

»Das ist ja großartig,« sagte er, als Bega schwieg.

»Also du bist gar nicht das Mädchen, das so zu fechten versteht und den Engländern die Köpfe spaltet?«

»Man nennt mich nur die Begum von Dschansi; ich bin unschuldig an dem vergossenen Blute.«

»Und jenes Weib im Stahlpanzer wäre wirklich ein Kerl?«

»Es ist Timur Dhar.« »Der dich geraubt hat?«

»Derselbe.«

»Und du hast ihm keins auf den Kopf gegeben, so einem Schuft und Halunken?«

»Hätte ich es eher gewußt! Ich mußte an dem Tage fliehen, als ich es erfuhr. Warum ich fliehen mußte, hast du von mir erfahren.«

»Sonderbare Geschichten!« brummte Dick und betrachtete Bega mit ganz anderen Augen.

»Mein sehnlichster Wunsch war es immer, dieser Begum von Dschansi, die wie der Teufel fechten und schießen können soll, einmal gegenüberzutreten und mich mit ihr zu messen. Da wäre ich nun freilich bei dir an die Unrechte gekommen. Also die Begum von Dschansi ist ganz wo anders zu suchen, und sie lebt noch. Na, da habe ich ja noch nichts versäumt. Ich finde sie dennoch, und dann will ich einmal sehen, ob sie nicht davon hinfällt, wenn ich ihr sechs Zoll kaltes Eisen in den Bauch stoße.«

»Timur Dhar ist ein gewaltiger Kämpfer.«

»Und Dick Red ist auch nicht von Pappe. Gut, ich werde zurückgehen und nach der Begum forschen.«

Und ich?«

»Du bist wirklich die Braut Mister Reihenfels'?«

»Wir lieben uns.«

»Ja, warum reißt du denn dann immer aus?«

»Weil ich mein Urteil zu fürchten habe.«

»Vielleicht steht es gar nicht so schlimm mit dir.«

»Wenn es aber nun doch so ist? Weder Cannings Edelmut, noch Reihenfels' Liebe können mich dann retten, der Gerechtigkeit muß freien Lauf gelassen werden. Ich gab mich für die Begum von Dschansi aus, ich stand auf der Seite der Rebellen.«

»Freilich, du hast ganz recht, du mußt fort!«

»So willst du mich befreien?« jauchzte Bega leise auf.

»Ich begreife nicht, warum du dich darüber freust. Was ist dein Los, wenn du nun frei bist?« »Allerdings kein beneidenswertes, aber ich bin doch frei. Ich werde über das Himalajagebirge gehen und dann weiter nach Europa. Eine Zuflucht werde ich schon finden, wo ich ruhig abwarten kann, was über mich beschlossen wird. Vielleicht stellt sich meine Unschuld noch heraus. Nur hier in Indien, wo die Engländer herrschen, darf ich nicht bleiben.

Wenn ich ihnen in die Hände falle, bin ich verloren.«

»Vielleicht auch nicht, denn wir wissen ja nicht, wie dein Urteil ausfällt.«

»Da wir dies nicht wissen, muß ich vorläufig nur an Flucht denken.«

»Nun, wie wäre es denn, wenn du Reihenfels herbeiriefest und dich unter seinen Schutz stelltest? Der würde seine Braut wohl sicher schützen können.«

»Wie soll ich ihn rufen? Ehe er käme, könnte ich schon verurteilt sein, und dann bin ich für ihn verloren.«

Dick kratzte sich da, wo andere Menschen die Ohren haben.

»Freilich, es ist eine verdammte Geschichte. Wenn nur ein Mensch sagen könnte, ob du verfolgt wirst oder nicht! Aber niemand hier kann darüber etwas Bestimmtes behaupten, denn wir stecken schon lange in den Bergen. Wir sind natürlich der Meinung, du bist die Begum von Dschansi, und wer dich fängt oder tötet, der hat den Engländern einen großen Dienst erwiesen. Man haßt dich wie den Gottseibeiuns. Hast du Geld bei dir? Ohne Geld würdest du in bewohnten Gegenden nicht weit kommen.«

»An meinem Körper sind Diamanten verborgen.«

»Dann ist's gut, dann kannst du fliehen. Aber nimm dich in acht, daß du den versprengten Rebellen nicht in die Hände fällst, sie sind nach Norden tiefer in die Berge geflohen. Wie ich gehört habe, möchten sie dir nur gar zu gern den Garaus machen, sie nennen dich eine Verräterin.«

»Ich fürchte sie nicht, höchstens Gholab ist ein nicht zu unterschätzender Gegner, und dann fürchte ich Isabels Hinterlist.«

»Den Gholab brauchst du am wenigsten zu fürchten,« lachte Dick leise.

»So ist er tot?«

»Gefangen habe ich ihn. Hast du vorhin das Schreien gehört?«

»Ja.«

»Ich nahm mir die Freiheit, ihm beide Ohren abzuschneiden, weil er einmal über meine Ohrenlosigkeit gelacht hat. Dann habe ich ihn noch ein bißchen hier und da gezupft und gezwickt, und da hat der unverschämte Kerl die Frechheit, mir nichts, dir nichts zu sterben. So ein Schuft, mir solch einen Streich zu spielen! Ich hatte es noch so gut mit ihm vor, aber der Gauner hatte nicht ein bißchen Ehre im Leibe!«

»So ist er tot?«

»Mausetot!«

»Brahma sei Dank dafür!« seufzte Bega erleichtert.

»Höre du, den Brahma mußt du nun aus dem Spiele lassen. Du bist eine Engländerin und keine Heidin, und die Engländer beten oder fluchen nur zu Gott, meistenteils letzteres.

Brahma ist ein alter Ölgötze.«

Bega hatte jetzt kein Interesse für diese sonderbaren Ansichten über Religion.

»Und Radscha Tipperah?« fragte sie.

»Der Hund ist leider auch krepiert; er hat die blaue Bohne nicht vertragen, die ihm durch den Kopf fuhr!«

»Und Isabel?«

»Wer ist das?«

»Lady Carters Schwester, die –«

»Ach so, die alte Schraube, hm, habe von ihr gehört! War die auch mit hier?«

»Sie wollte ihre Wut an mir auslassen, nachdem sie mir mit Worten zugesetzt hatte. Euer Angriff nötigte sie zur Flucht. Ist sie gefangen oder tot gefunden worden?« »Bis jetzt noch nicht, sie wird aber ihrem Schicksal nicht entgehen. So steht also deiner Flucht nichts im Wege. Ich wünsche dir viel Glück; es ist ein verdammt weiter Weg, den du vorhast. Und wenn ich Reihenfels sehe, so will ich ihm sagen, daß du – ja, wohin willst du eigentlich fliehen, wo dich aufhalten?«

»Das weiß ich noch nicht, ich werde Reihenfels schon Kunde zukommen lassen. Jetzt nur fort von hier!«

Die Knoten des Lederriemens wurden gelöst, auch zur Befreiung von den Handschellen wußte der erfahrene Dick Rat. Er brachte einen krummen Nagel aus der Tasche zum Vorschein, drehte ihn einigemal in der für den Schlüssel bestimmten Öffnung, die Feder ging zurück, und die Schellen fielen ab.

»So, nun bist du frei. Aber halt, die Kerle draußen könnten und würden dich anhalten.

Warte noch eine Minute! So, lege die Fesseln anscheinend wieder an!«

Schon war Dick hinausgeeilt und kehrte mit einem Bündel zurück. Bega mußte den baumwollenen Überwurf eines Indiers anlegen, wand ein Tuch als Turban um den Kopf, so daß ihre langen Haare verdeckt wurden, und konnte nun in der dunklen Nacht recht gut für einen Mann gelten. Auch leicht zu verbergende Waffen hatte ihr der Jäger mitgebracht.

»Pferde sind überall angebunden. Nun geh mit Gott und vergiß den alten Dick nicht. Ich werde Reihenfels alles erzählen.«

Noch ein Händedruck, dann huschte Bega hinaus, nahm aber draußen einen festen, aufrechten Gang an. Niemand hielt sie an, niemand vermutete in dem ruhig dahinschreitenden Manne die verkleidete Begum.

Dick sah sie in der Dunkelheit verschwinden, dort wo die Pferde angepflockt standen. Er lauschte, hörte auch einen leichten Hufschlag, aber sonst keinen Lärm, der sicher entstanden wäre, wenn auch nur einer der Leute Argwohn geschöpft hätte.

Befriedigt schritt Dick dem Feuer zu, wo sein Topf mit Reis und getrocknetem Fleisch ihn erwartete. Dem Mädchen war die Flucht geglückt.

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