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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 28
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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28. Die schlimmsten Feinde

In der Mitte des Halbkreises, den die Vorgebirge des Himalajas bilden, liegt die Ruine einer ganzen Stadt. Wenn die steinernen Häuser, Paläste und Tempel auch zerfallen sind, so kann man ihre Architektonik doch noch erraten, und man muß sich sagen, daß hier einst eine Kultur geblüht hat, welche Indien heutzutage, unter der Herrschaft der Engländer, nicht mehr aufweisen kann. Wie wir, die hochzivilisierten Europäer, die architektonische Kunst der alten Griechen und Römer anstaunen und noch immer von ihr lernen, so zeugen auch diese alten, indischen Ruinenstädte von einstiger Pracht, märchenhafter Herrlichkeit und hohem Kunstsinn.

Da sieht man die kompliziertesten Wasserleitungsanlagen, Kanäle, welche die Stadt durchquerten, Schienengleise auf den Straßen, als hätte man schon damals Pferdebahnen gehabt, und sonstige Einrichtungen, die erst in neuerer Zeit in unseren Städten eingeführt worden sind.

Jetzt sind die Häuser eingefallen, die Kanäle verschüttet, man findet auch keinen Gegenstand mehr, der uns von den häßlichen Sitten der Bewohner erzählen könnte. Die Eingeborenen haben alles fortgeschleppt.

Wo aber sind die einstigen Bewohner geblieben? Die wilden Völker, welche ringsumher wohnen und von Jagd und Raub, höchstens von Viehzucht leben, können doch nicht dieselben sein, welche einst solch hohe Kultur besessen haben? Solche Fragmente einer vergangenen hohen Blüte findet man überall auf der Erde, die Bewohner aber fehlen oder sind wieder verwildert.

Hier mochte ein Naturereignis vor einer langen Reihe von Jahren den Verfall der Stadt verschuldet haben. Denn wenn man sich auf den Gipfel eines hohen Schutthaufens stellte, konnte man, soweit das Auge reichte, nichts anderes sehen als eine eintönige Sandwüste, im Norden die schneeigen Gipfel des Himalajagebirges, zu den Seiten unwirtliche, graue Felsmassen, im Süden aber weiter nichts als gelben Sand und wieder Sand, keinen Baum, keinen Strauch keinen Grashalm, an dem das suchende Auge einen Ruhepunkt gefunden hätte.

Und diese Wüste erstreckte sich viele, viele Meter nach Süden hinab.

Man muß bedenken, daß die Provinz Pandschab eine Fläche von 3470 Quadratmeilen einnimmt, daß es also darin Wüsten gibt, welche ohne genügenden Wasservorrat nicht zu durchreisen sind.

Diese Stadt nun wurde jedenfalls nicht in der Wüste angelegt, sondern inmitten eines lachenden Gefildes. Viele Meilen entfernt begann erst die Wüste. Doch auch die Steine können marschieren, je kleiner sie sind, desto schneller. So kroch der Sand langsam nach der Stadt zu, kaum merklich, aber er bewegte sich doch. Die Bewohner achteten wahrscheinlich erst gar nicht dieser Gefahr.

Vielleicht kam dann der Wüste ein Sturm oder eine Überschwemmung zu Hilfe. Wie Pompeji und Herkulanum durch die Lava des Vesuvs verschüttet wurden, so ging diese Stadt durch den Sand der kriechenden Wüste zugrunde. Die blühenden Felder versandeten, und damit war die Lebensfähigkeit der Stadt vernichtet.

Spuren im Sande zeigten noch, daß sie versucht hatten, durch Wasserkanäle den Sand zu entfernen, als ihnen dies nicht gelang, hatten sie zum Wanderstab gegriffen und sich ein anderes Heimatland gesucht, wahrscheinlich mit dem Schwert in der Hand.

Die versandete, zerfallene und namenlose Stadt, von welcher wir sprechen, hatte dennoch einen Nutzen für die Menschheit. Es existierte darin noch ein Brunnen, der vor dem Untergange durch eine gute Bedeckung geschützt worden war und noch immer Wasser spendete.

Daher lagerten hier auch manchmal Karawanen, welche von Ostindien nach Afghanistan zogen. Erst mußten dann aber die wilden Tiere aus dem Gemäuer vertrieben werden.

Auch jetzt befanden sich viele Menschen innerhalb der Mauern der Stadt. Doch sie konnten zu keiner friedlichen Karawane gehören, denn es fehlten die Warenballen. Die Leute besaßen vielmehr ein kriegerisches Aussehen, waren mit Waffen bespickt und zeigten viele kaum vernarbte oder noch frische Wunden.

Es waren Rebellen, die in diesem Gemäuer eine Zuflucht gesucht hatten und sich von den letzten Strapazen erholten. Ein finsteres Schweigen lag auf all diesen Unglücklichen, die zur Befreiung ihres Vaterlandes die Waffen ergriffen hatten und nun wie die wilden Tiere gehetzt wurden.

Stumm tränkten sie die wenigen Pferde und Kamele am Brunnen, bereiteten sich zum Mittagessen ein wenig Reis und suchten dann den Schatten auf, wo sie ihre zerrissenen Sandalen ausbesserten oder in dumpfem Brüten dalagen.

Nur einige Indier mußten auf erhöhten Stellen der Sonne Trotz bieten, Wachen, welche den heranrückenden Feind, die verfluchten Faringis, erspähen sollten. Dann ging es wieder zum Kampf oder zur Flucht, je nach der Anzahl der Feinde.

Auf der höchsten Stelle der Mauer stand die gedrungene, herkulische Figur eines Mannes, der die Hand über die Augen gelegt hatte und scharf in die Wüste spähte. Die Hand beschattete ein Gesicht von abschreckender Häßlichkeit; furchtbar drohend blickten die Augen. Er trug einen Schuppenpanzer von bester Arbeit, die in dem Gürtel steckenden Dolche und Pistolenkolben waren mit Edelsteinen besetzt, das war aber auch das einzige, woraus man schließen konnte, daß dieser Mann einst ungeheuere Reichtümer besessen und über Leben und Tod von Millionen Menschen zu befehlen gehabt hatte.

Es war Nana Sahib, nur noch dem Namen nach Radscha von Berar und Maharadscha von Audh, in Wirklichkeit nichts weiter als ein armer, verfolgter Flüchtling, auf dessen Kopf ein Preis stand. Er mußte sich ebenso wie der gemeinste seiner Leute mit einer Schüssel Reis begnügen, weil es etwas anderes nicht gab. Doch eine einzige Annehmlichkeit hatte er seinen Leuten voraus: er führte seine einstige Lieblingsfrau mit sich.

Ein Schuß krachte in seiner Nähe. Er wendete den Kopf und sah, wie eine Taube mit zerschmettertem Flügel aus der Luft herabflatterte. Ein Indier, das rauchende Gewehr in der Hand, ergriff sie, riß ihr den Kopf ab, saugte das warme Blut aus dem Körper und verschwand mit seiner Beute, sie triumphierend schwenkend, in einem Hause oder vielmehr in einem Schutthaufen.

Gleich darauf eilte ein anderer Mann hinein – es war Babur – Nana Sahib hörte einen heftigen Wortwechsel, dann erschien Babur wieder, die Taube in der Hand haltend.

Ein verächtliches Lächeln umspielte Nana Sahibs dicke Lippen, als er sich abwendete und wieder unverwandt in die Wüste hinausspähte, als erwarte er sehnsüchtig von dort eine Hilfe in seiner bedrängten Lage.

Eine halbe Stunde mochte er so gestanden haben, dann verließ er die Mauer und schritt durch die Straßen einem großen Hause zu, dem besterhaltenen in der ganzen Stadt.

Die Wände zeigten noch farbenprächtige Gemälde, Szenen aus dem indischen Götterleben darstellend; der Boden war in bunter, kunstvoller Mosaik gehalten, aber von wilden Tieren beschmutzt, öde lagen die Säle da, kein Möbel, kein Gerät war mehr zu sehen, Sonne und Wind konnten ungehindert eindringen.

Hier hatte Nana Sahib sein Quartier aufgeschlagen. Der Flüchtige hielt es nicht erst für nötig, den Saal reinigen zu lassen; selbst sein verwöhntes Weib genierte der Schmutz nicht mehr.

Isabel saß auf einem Ochsenschädel, der die Stelle eines Stuhls vertrat, und nagte an einer über offenem Feuer gerösteten Taube. Das Tier mußte zäh sein, denn sie riß das Fleisch mit Zähnen und Fingern los.

In einem Winkel des Saales hatte Babur, ihr treuer Diener, ein Feuer angefacht, über welchem er in einem Töpfchen Reis kochte. Es waren noch Spuren vorhanden, welche verrieten, daß das Feuer mit trockenem Kamelmiste genährt wurde.

»Allah gebe deinen Zähnen die Schärfe von Dolchen und deinem Gaumen Geschmacklosigkeit,« spottete Nana Sahib, zu dem Weibe tretend.

Mit einer heftigen Bewegung schleuderte Ayda die Taube von sich. Ein verhungerter Hund schoß darauf zu, doch noch schneller war Babur. Mit einem Satze sprang er vor, ergriff den Vogel und verzehrte ihn mit vergnügtem Grinsen. Ayda schüttelte sich schaudernd.

»Man schmeckt, worauf er gebraten ist. Es ist, als ob man auf Leder kaute.«

»Du tust unrecht, Ayda. Wenn du wüßtest, welche Mühe Babur gehabt hat, die Taube dem Jäger abzunehmen! Das Blut hatte dieser allerdings schon weggetrunken.«

»Ein jedes Wort, das aus deinem Munde kommt, ist Spott und Hohn. Verlaß mich! Mein Unglück ist schon groß genug.«

»Kann ich dafür?«

»Meine Torheit war es, dich nicht verlassen zu wollen.«

»Bah, du hättest besser getan, mich nicht aufzusuchen.«

»Ich möchte mir fluchen, daß ich's getan habe.«

»Ayda, du heuchelst. Als ich dich oder du mich damals fandest, warst du außer dir vor Entzücken. Du wärst in der Wildnis doch zugrunde gegangen, verhungert, und hättest du Babur nicht bei dir gehabt, du würdest schon damals nicht mehr gelebt haben. Ayda verstelle dich nicht. Du hattest Grund, zu entfliehen; freiwillig wärst du mir nie in die Verbannung gefolgt.«

»Was soll diese Rederei?« rief das Weib ärgerlich und sprang auf. »Bin ich dir zur Last oder nicht?«

»Ein Weib ist Kriegern, deren Leben und Tod von ihrer Schnelligkeit abhängt, stets hinderlich.«

»So möchtest du, daß ich dich wieder verlasse?«

»Von Herzen gern.«

Boshaft funkelten die Augen des Weibes auf. Nana Sahib sagte ihr offen, daß er sich ihrer entledigen möchte.

»Gib mir einige deiner Leute mit, welche mich über das Himalajagebirge bringen. Ich habe Diamanten bei mir, ich bezahle die Begleitung. Von sicherer Grenze aus lasse ich dir Unterstützung zukommen.«

»Du bist gütig und aufopfernd,« spottete Nana Sahib, »doch ich verzichte auf deine Unterstützung.«

»Unterschätze mich nicht. Leicht kann es mir gelingen, einen asiatischen Fürsten zu gewinnen, für dich gegen die Engländer Partei zu greifen.«

»Womit willst du dies erreichen? Durch Feilbietung deiner Reize? Ach, arme Ayda, ich finde nichts Begehrenswertes mehr an dir.«

»Schamloser!« brauste das Weib auf, dessen einstige Schönheit allerdings durch Leidenschaften und besonders durch die letzten Strapazen und Entbehrungen geschwunden.

Isabel war nur noch ein Schatten von dem, was sie früher gewesen. Das Gesicht zeigte scharfe Züge, um den Mund tiefe Falten; die Gestalt war hager geworden.

»Es wäre nicht das erstemal, daß du etwas Ähnliches versuchtest,« entgegnete Nana Sahib ruhig. »Wer ist wohl schamlos zu nennen, ich oder du? Nein, Ayda, auf deine Hilfe zähle ich nicht im geringsten mehr. Versuche es meinetwegen, ein neutrales Gericht zu erreichen, benutze deine Künste, dir eine Existenz zu verschaffen, werde Bajadere, werde Straßendirne, meinetwegen!«

Isabel biß sich bei diesen Schmähungen auf die Lippen, daß Blutstropfen hervorsickerten.

Doch was half jetzt ihr Zorn – damit konnte sie nichts erreichen.

»Nana Sahib, ich bin dein Weib!«

»Gewesen!«

»Du sagst selbst, ich sei eine Last für euch. Gib mir zwei Männer, nicht mehr, als Begleiter mit.«

»Nicht einen einzigen kann ich entbehren, höchstens Babur, er ist überhaupt dein Diener.«

»So wäre es dir wohl am liebsten, wenn ich allein ginge und wie ein angeschossenes Wild verendete?« »Es wäre mir wenigstens gleichgültig.«

»Du bist ein liebenswürdiger Gatte.«

»Das weiß ich. Genügt dir Babur als Begleiter nicht? Du rühmtest immer seine Treue. In der Tat, er hat auch treu zu dir gehalten.«

»Ja, aber jetzt?«

»Hahaha, siehst du ein, worauf Baburs Treue sich gründet? Er wie alle anderen Indier – hofft noch, daß ich dereinst wieder zur Macht gelange, sie hoffen auf Belohnung, und nur weil du mein Weib bist, hält Babur zu dir. Fliehe von mir und sieh, ob Babur dir noch folgen wird.

Ich bin der Magnet, der alles anzieht und in Bewegung hält. Mach, was du willst, ich gebe dich frei; aber verlange nicht, daß ich dich unterstütze.«

Nana Sahib eilte hinaus; denn ein Lärmen verriet, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse.

Ayda sandte ihm einen Blick des furchtbarsten Hasses nach. Mit geballten Fäusten, am ganzen Körper zitternd, stand sie lange da, nur mit dem Grimm in ihrem Herzen beschäftigt.

Sie dachte jetzt weniger daran, wie sie von hier fortkäme, als vielmehr daran, wie sie sich an Nana Sahib rächen konnte. Er hatte sie geschmäht, hatte sie Bajadere und Straßendirne genannt oder sie doch aufgefordert, etwas Ähnliches zu werden.

Wie konnte sie sich an ihm rächen, ihn demütigen? Sie bemerkte nicht, daß neue Rebellen angekommen sein mußten. Deshalb staunte sie, als sie plötzlich Nana Sahib in Begleitung zweier Männer eintreten sah, welche sie tausend Meilen entfernt glaubte.

Es waren Radscha Gholab und Tipperah. Ersterer hatte unterdessen sein linkes Auge verloren, eingesunken lag das Lid über einer Höhle. Wir wissen, daß der Trommeljunge Bob, oder vielmehr Nelly, es ausgestochen hatte.

»Kein Wort erfährst du, bevor ich meine Gurgel in frischem Wasser gebadet habe,« sagte eben Gholab mit heiserer Stimme; »es soll einen kühlen Brunnen hier geben. Das war ein furchtbarer Ritt; es ging um Leben und Tod.«

Wie Tipperah, so warf auch er sich auf den ausgebreiteten Teppich, ohne seine Umgebung zu beachten. Ein tiefer Zug aus dem dargereichten Krug frischte die eingetrockneten Lebensgeister wieder auf; erst jetzt bemerkten die Flüchtlinge, daß ein Weib anwesend war.

»Wie, Ayda, du hier?« riefen sie beide wie aus einem Munde.

»Ihr seht, mein treues Weib verläßt mich selbst auf der Flucht nicht,« sagte Nana Sahib, »aber ich bitte euch, ich brenne vor Verlangen, zu erfahren, wie es in Indien aussieht. Ich denke, das ist wichtiger als ein Weib.«

»Deine Treue soll dennoch belohnt werden, Ayda. Auch dir bringe ich eine Nachricht, welche dich mit Jubel erfüllen wird. In Indien sieht es schlimm aus für uns, Nana Sahib, doch es sieht nur so aus. Die Engländer glauben sich schon vollkommen Sieger und wissen nicht, daß ihr furchtbarster Feind nur noch schlummert. Weißt du, wer das ist?«

»Radscha Skindia von Gwalior.«

»Dieser selbst nicht, aber seine Häuptlinge und sein ganzes Volk. Skindia, dieser elende Star, hält zu den Engländern und weiß nicht, daß sein Volk sich gegen ihn selbst empört. Die Häuptlinge warten nur einen günstigen Moment ab, dann bricht der Aufstand von neuem los, und bis dahin hofft man von dir, Nana Sahib, daß du alle Flüchtigen um dich versammelt hast.«

»Beim Barte des Propheten, das ist viel verlangt,« lachte Nana Sahib grimmig, »du siehst; wie das Land beschaffen ist, wo wir uns aufhalten. Doch ich werde mein möglichstes tun. Wie nun kommt ihr hierher?«

»Wir wollten dich aufsuchen, wir wußten auch, daß wir dich ungefähr hier treffen könnten. Unsere Krieger waren eine stattliche Anzahl, über zweihundert?«

»Ihr habt Gefechte bestanden? Man sieht es euch an.« »In der Nähe des christlichen Klosters – Bernardo heißt es wohl – überfiel uns die doppelte Anzahl Engländer. Kolonel Atkins war ihr Führer; ich kämpfte mit ihm, aber es gelang mir nicht, ihn zu töten. Wir mußten uns zurückziehen und verloren viele Leute. Und weißt du, wen ich unter den englischen Reitern fechten sah? Dich wird es besonders interessieren, Ayda. Ich kenne seinen Namen nicht mehr, weiß aber, daß er als der Geliebte der abgedankten Begum von Dschansi galt.«

»Reihenfels!« zischte das Weib.

»Ja, so hieß er wohl. Ich sah ihn kämpfen und hätte ihm gern einen Hieb beigebracht.

Noch immer macht die Begum von Dschansi von sich sprechen, wir wissen aber, was für eine Bewandtnis dies hat. Wo mag nun wohl die richtige Begum sein, die Tochter der Kali und Sewadschis, hahaha, jenes verrückte Weibsbild, auf welches der manchmal kindlich naive Timur Dhar all seine Hoffnungen gesetzt hatte, jenes Mädchen, das uns einst wie Sklaven zu behandeln gewagt hat? Wo mag diese sein?«

»Ha, wenn ich das wüßte!« knirschte Nana Sahib. »Mit der hätte ich noch einige Wörtchen zu sprechen.«

»Wenn sie hier wäre,« fügte Ayda hinzu, »mein Leid würde ich darüber vergessen. Sie sprang mit mir um, als wäre ich ihr gegenüber eine Null. Jetzt wollte ich sie demütigen!«

»Sie ist in meinen Händen!« sagte Gholab mit Nachdruck.

Wie elektrisiert sprangen Nana Sahib und Ayda auf.

»Du hast sie gefangen?«

»Gefunden habe ich sie. Wir wurden von den Engländern scharf verfolgt – laß gut Wache halten, Nana Sahib – entkamen aber in diese Wüste. Da sah ich einen Körper auf dem Sande im glühenden Sonnenbrande liegen. Es war die Begum. Sie hatte gewagt, zu Fuß und ohne Wasser die Wüste zu durchqueren; schon war sie halbtot; als sie Wasser trank, bereitete es ihr Schmerzen. Jetzt hat sie sich erholt und erwartet die kommenden Dinge.«

»Wo, wo ist sie?« riefen die Zuhörer zugleich.

»Ihr sollt sie sehen.«

Gholab erhob sich.

»Noch einen Augenblick,« rief Nana Sahib, ihn zurückhaltend. »Was sagen die Leute dazu?«

»Sie spotten ihrer.«

»Recht so, sie hat auch Spott verdient.«

Gholab ging hinaus, und nicht lange dauerte es, so hörte man draußen ein wüstes Geschrei, Gelächter und Schmähreden.

»Die Begum von Dschansi – Sewadschis Tochter – die Lumpenkönigin, hahaha,« klang es durcheinander, »sie hat die Nirwana verlassen, um auf der Erde betteln zu gehen – sie ist unsterblich, und wir haben sie vor Durst halbtot gefunden – sie ist eine Betrügerin, steinigt sie.«

Sie kam herein, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Gholab führte sie wie ein Schlachtvieh am Stricke, der um ihren Hals lag. Doch aufrecht schritt sie einher, trotzig blickten ihre Augen im Kreise.

Ayda brach bei ihrem Anblick in ein gellendes Hohngelächter aus. Das war die Tochter der verhaßten Schwester! Wie hatte ihr das Schicksal mitgespielt! Und sie, Isabel, hatte dieses Schicksal herbeigeführt.

Aber war sie selbst denn besser daran als Bega? Mit nichten, vielleicht schlimmer! Das Schicksal, das sie heraufbeschworen, hatte sich gegen sie gewendet, die Flüche waren auf sie selbst zurückgefallen.

Dies alles kam ihr zur Besinnung, als sie Bega vor sich stehen sah; eine furchtbare Wut, die sich in Hohn Luft machte, bemächtigte sich ihrer, und zwar deshalb haßte sie das junge Mädchen gerade jetzt so unsäglich, weil dieses noch immer in jungfräulicher Schönheit prangte, nichts hatte ihm dieselbe rauben können, während Isabel eine Ruine war, die nicht einmal übertüncht werden konnte.

»Die Begum von Dschansi!« sagte das Weib, sich zur Ruhe zwingend, und machte mit vor Wut und Haß verzerrtem Gesicht eine tiefe Verbeugung. »Sei mir gegrüßt, edle, großmächtigste Königin von Indien, deren Macht reicht von der Nirwana bis über die Erde.

Nimm Platz auf diesem köstlichen Purpursessel,« sie deutete auf den Ochsenschädel, »daß ich dir die Füße küssen kann.«

Verächtlich schaute Bega über sie hinweg und schwieg.

»Du bist wohl schwerhörig?« zischte Isabel und trat mit geballten Fäusten und zornsprühenden Augen vor sie hin. »He, heilige Tochter der Kali, ist dein Rang auf der Erde ein so hoher, daß du mich gar nicht bemerken zu brauchen glaubst?«

Sie faßte ihr in die Haare an den Schläfen und riß mit aller Gewalt daran. Niemand kam dem gemarterten Mädchen zu Hilfe. Als gebe es ein interessantes Schauspiel zu sehen, hatten sich die Männer um die beiden gruppiert und lachten Beifall. Sie waren sogar bemüht, den Haß des Weibes durch spöttische Bemerkungen noch zu steigern.

Wohl mußte das an den Haaren gerissene Mädchen den heftigsten Schmerz empfinden, doch kein Laut kam über seine Lippen, die es nicht einmal zusammenpreßte; es zuckte mit keiner Miene, wohl aber füllten sich die Augen mit Tränen.

»Hahaha, kannst du auch weinen, du Heldin du?« frohlockte Isabel. »Seht, ihr Männer, die tapfere Begum von Dschansi weint wie ein Kind, weil ich ihr etwas wehgetan habe.«

Zum ersten Male öffnete Bega die Lippen.

»Du irrst dich,« sagte sie mit ruhiger, klangvoller Stimme, »ich verachte dich; den Schmerz, den du mir bereiten willst, werde ich nie fühlen. Wenn du mich an den Haaren reißt, so ist es eine natürliche Folge, daß sich meine Augen mit Tränen füllen.«

»Eine ausgezeichnete Entschuldigung! Doch gut, du hast wenigstens die Sprache wieder gefunden. Erkennst du deine gehorsame Dienerin, großmächtige Königin von Indien? Weißt du, wer vor dir steht?«

»Ich weiß, daß du ein Scheusal in Menschengestalt bist, eine Meineidige, eine Verräterin, ein Weib, das seinem Geschlecht Schande bereitet, vor dem man ausspucken muß.«

Isabel hatte die Faust zum Schlage erhoben, doch sie schlug nicht. Sie knirschte nur mit den Zähnen. Um sie herum standen Zuschauer, Männer, und somit wollte sie sich vor diesen nicht erniedrigen, eine Wehrlose zu schlagen. Ja, wenn sie mit ihr allein gewesen wäre! Jetzt mußte sie den Kampf mit gleicher Waffe fortsetzen! »Dein Schmähen ist wie das Geheul des Schakals,« entgegnete sie. »Man beachtet es nicht.

Diese Männer wissen, was ich geleistet, was sie mir zu danken haben?«

Nana Sahib und Gholab brachen ungeniert in ein höhnisches Lachen aus; Isabel warf ihnen einen giftigen Blick zu. Sie hätte wieder die Wehrlose ins Gesicht schlagen mögen, als auch diese eine spöttische Miene zog.

»Du aber bist eine Betrügerin gewesen,« fuhr Ayda schnell fort, »mit fremden Federn hast du dich geschmückt, die Taten, die andere verrichtet, dir zugeschrieben. Das nennt man Betrug! Ja, Begum von Dschansi, Beherrscherin von Indien, du hast es weit in deiner Herrlichkeit gebracht. Wäre dein Stahlhemd nicht unzerreißbar, du würdest schon längst nackt durch die Wälder flüchten. Und weißt du, wer es ist, der dir dies sagt?«

»Eine von Buddha Verfluchte!«

»Ich bin Isabel, die Schwester deiner Mutter, die ich glühend gehaßt habe. Erfahre denn, daß ich es war, die deinen Vater und deine Mutter getötet; ich war es, die dich geraubt hat, nach Indien bringen ließ und dich zu dem machte, was du jetzt bist – eine falsche Fürstin, die wie ein wildes Tier gehetzt wird!«

»Du sagst mir nichts Neues, Isabel, das weiß ich alles.« »Desto besser, wenn du es schon von anderer Seite erfahren hast. So weißt du auch, daß du Eugenie, die Tochter Sir Carters, des Hochverräters, bist?«

»Ich weiß es.«

»Und daß Sir Carter und Lady Carter durch meine Hand ihren Tod gefunden haben?«

Isabel hoffte bestimmt, das Mädchen wisse nicht, wie das wandernde Feuer auf der Mauer bei der Erstürmung gesehen worden war.

»Du prahlst vergebens mit deiner Schlechtigkeit,« versetzte aber Bega, und etwas wie Freude verklärte ihr Gesicht, »dein Haß war ohnmächtig, deine Rache ist vereitelt worden.

Wohl hast du, Schändliche, einen Anschlag auf das Leben meiner Eltern gemacht, wohl kann man dich Schwestermörderin nennen, aber geglückt ist der Mord nicht. Meine Eltern leben! O, Isabel, ich kenne den Grund deines Hasses, ich weiß, was für Flüche du gegen deine Schwester ausgestoßen hast! – Brahma sei gepriesen, die Flüche haben sich gegen dich selbst gewendet!«

Isabel zwang sich mit aller Gewalt zu einem verächtlichen Lächeln. Sie hätte das Mädchen in den Staub treten mögen.

»Deine Eltern sind doch tot, von mir gemordet. Nachträglich ist es geschehen, nachdem sie wieder aufgetaucht waren.«

»Du lügst! Seit jener Zeit, als Sir Carter auf der Mauer erschien, zum zweiten Male den Engländern den Sieg verschaffend, irrst du selbst flüchtig durch die Gebirge! Spotte nicht meiner, beklage lieber dich selbst.«

»Ich habe sie doch morden lassen!«

»Du lügst!« wiederholte Bega triumphierend. »Ich durchschaue dich, du willst mir Schmerz bereiten, aber es gelingt dir nicht! Eins nur kann ich nicht begreifen; wie du dich zu rühmen wagst, deine Schwester ermordet zu haben!«

»Bah, meine Schwester!«

»So sprich nicht mehr von ihr. Deine Lippen sind nicht wert, ihren Namen zu nennen. Das nur freut mich, daß die, denen du geflucht hast, jetzt glücklich und im Überfluß leben, während du darben mußt und wie ein Raubtier gehetzt wirst –«

Isabel konnte sich nicht mehr mäßigen, wieder hob sie die Faust, diesmal, um wirklich zu schlagen, Gholab jedoch packte ihren Arm und hielt ihn fest.

»Du tust dir Zwang an, Ayda,« sagte er, »weil wir dabei sind. Das sollst du nicht, wir lassen dich mit der edlen Begum von Dschansi allein. Ja, Mädchen,« wandte er sich an Bega, »auch ich habe Grund, dich zu hassen. Weißt du noch, wie du einst befehlerisch mir gegenübertratest, wie du mit dem Fuße stampftest und mich Feigling und Memme nanntest, der statt Waffen zu tragen mit der Kinderflasche sich beschäftigen sollte? Hahaha, sieh, wie die Zeiten sich geändert haben! Ich kenne keine bessere Waffe, als dich diesem Weibe zu überlassen. Was meine Phantasie nicht erdenken konnte, das wird sie an dir ausführen.

Radschas, verabschiedet euch von der Begum von Dschansi, zollt ihr den ihr gebührenden Abschiedsgruß und seht sie euch noch einmal genau an. Ich denke nämlich, wenn sie aus Aydas Händen kommt, wird sich ihr Aussehen etwas geändert haben! Hahaha!«

»Lebe wohl, Begum von Dschansi!« sagte auch Nana Sahib, sich spöttisch verneigend.

»Ich wünsche dir, Tochter des Himmels, eine angenehme Stunde im Beisammensein mit meiner Frau, deiner Mutter lieben Schwester!«

Die Männer entfernten sich unter höhnischen Bemerkungen. Bega war mit ihrer unversöhnlichsten Feindin allein.

Vor maßloser Wut am ganzen Körper zitternd, beide Fäuste erhoben, trat Isabel wie eine Furie auf sie zu.

»Hündin,« keuchte sie, »jetzt bist du mein, und ich will dir keine Zeit mehr geben, mir zu antworten! Mit diesem Schlage schon will ich dich stumm machen.« Ihre Faust sauste herab, nach dem Gesicht der Gefangenen zielend – wurde aber von Begas Hand – aufgefangen, diese war frei. Gleichzeitig riß Bega mit der anderen Hand Isabel den Dolch aus dem Gürtel. Zum Stoße erhoben blitzte er in der Luft; doch mehr noch funkelten des Mädchens Augen die entsetzt Zurückweichende an.

»Elendes Weib,« stieß Bega hervor, »diese Fesseln können mich nicht halten! Der erste Schlag wäre dein Tod gewesen, und jetzt sprich dein letztes Gebet –«

Bega stockte, die Hand sank herab. Draußen erscholl ein furchtbares Geschrei, Schüsse fielen, alles war in Aufregung.

Isabel hatte den Augenblick der Unentschlossenheit des Mädchens benutzt, der drohenden Waffe zu entfliehen. Im Nu war sie zur Tür hinausgeschlüpft.

»Zu Hilfe, die Begum von Dschansi hat sich befreit, sie ist bewaffnet!« gellte ihr Ruf durch das öde Haus; sie wiederholte ihn auch draußen im Freien, doch niemand achtete ihrer, man fürchtete jetzt etwas anderes als die Begum.

»Mahanloggi, Radscha Sirbhanga, die Dschansinesen!« klang es erschrocken durcheinander, alles griff nach den Gewehren und eilte auf die Mauern.

Wie ein Wetter kam eine Reiterschar von einigen hundert Mann angebraust; niemand hatte sie in der Ferne bemerkt, sie waren plötzlich da, wie aus dem Boden gewachsen.

An der Spitze jagte ein junger Krieger im Häuptlingsschmucke, es war Eugen oder Radscha Sirbhanga. Er hatte die Rebellen aufgestöbert und eilte mit seiner Schar zur Vernichtung herbei. Von den Mauern krachten Schüsse, aber sie hatten wenig Wirkung, die Entfernung war noch zu groß.

Schnell hatte Nana Sahib erkannt, daß hier nur Flucht helfen konnte. Was nützte es ihm, wenn die Hälfte der Feinde niedergeschossen wurde, die übrigen aber dann doch in die Stadt eindrangen und die Rebellen zusammenhieben oder gefangennahmen? Die Mauern, überall eingefallen, boten den Pferden kein Hindernis; die eingestürzten Häuser keine Schutzwehr, so daß sich ein regelrechter Straßenkampf hätte entspinnen müssen.

Er hatte eine solche Menge von Verfolgern nicht in der Nähe geglaubt; auf solch einen Kampf war er noch nicht eingerichtet. Noch war es möglich, die nahen Berge vor der Reiterschar zu erreichen, nur dort war Rettung möglich, dort konnten die Rebellen aus sicherem Hinterhalt schießen.

Nana Sahib gab das Signal zur Flucht, im Nu waren alle vorhandenen Kamele und Pferde besetzt. Alles stürzte aus der Stadt den Bergen zu, darunter auch Isabel.

Der letzte, der die Mauern verließ, war Gholab. Mit aschgrauem Gesicht stand er neben seinem Pferde, einem prachtvollen, aber stark mitgenommenen Renner, hatte den Gewehrlauf auf die Mauer gelegt und zielte nach einem Reiter, der sich zur Seite der heranbrausenden Abteilung hielt.

»Mahanloggi,« hatten die Indier erschrocken gerufen, mit bebender Stimme wiederholte Radscha Gholab dieses Wort; denn jener Reiter, auf den er zielte, führte diese Bezeichnung.

Auf dem weit ausgreifenden Pferde hing mehr, als sie saß, eine kleine, in rotes Leder gekleidete Gestalt – Dick, in der Faust die außergewöhnlich lange Büchse, auf dem Kopfe die struppige rote Pelzmütze.

Gholab schoß; die Pelzmütze flog in weitem Bogen davon, und Dick Red sank vom Rücken des ungesattelten Pferdes.

Der glückliche Schütze stieß ein lautes Triumphgeschrei aus und eilte den Fliehenden nach. Sein schlimmster Feind, von dem er wochenlang mit furchtbarer Hartnäckigkeit verfolgt worden war, den er mehr fürchtete als alle anderen Feinde zusammen, war von ihm beseitigt worden.

Es war ihm, als wäre er von einer Zentnerlast befreit worden; wie der Wind setzte er mit seinem Rosse den fliehenden Genossen nach, aber auch wie diese von Zeit zu Zeit sich umkehrend und den Verfolgern einen Schuß zusendend. Man konnte noch bequem die Berge erreichen, selbst die, die ihr Heil zu Fuß suchen mußten; jetzt hieß es, noch so viel Gegner wie möglich schadlos zu machen und dann von sicherem Felsen aus auf die Reiter ein verderbliches Schnellfeuer zu eröffnen.

Niemand achtete des reiterlosen Pferdes, das, seiner Bürde entledigt, mit verdoppelter Eile der Reiterschar vorausstürmte. Gholab wußte zwar, auf diesem hatte Dick gesessen, doch was schadete ihm dessen Pferd? Jetzt jagte dieses Tier an Gholab vorüber.

Da plötzlich erschien auf dem Rücken wieder die kleine Gestalt, eine Lederschlinge wirbelte in Dicks Hand, sie flog durch die Luft, legte sich um den Körper des Radschas, ein Ruck, und mit furchtbarer Gewalt ward Gholab aus dem Sattel geschleudert.

Auf ihm kniete im nächsten Augenblick Dick, und als Gholab nach dem Sturze wieder zu sich kam, nützte ihm seine Riesenkraft nichts mehr; denn schon war er an Händen und Füßen mit Lederstreifen gebunden.

»Habe ich dich endlich!« lachte Dick grimmig. »Du glaubtest wohl, mein Püppchen, du hättest mich vom Pferde geschossen? Nein, deine Kugel riß mir nur die Mütze vom Kopfe, ich ließ mich an der Seite des Pferdes herabgleiten und blieb hängen. So wird's gemacht, und nun gnade dir Gott, jetzt wollen wir uns etwas über Nancy unterhalten und miteinander abrechnen.«

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