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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 26
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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26. Gefunden

Es war doch nicht so einfach, wie August es sich dachte, ohne Kenntnis des Weges und ohne mit dem Instinkt eines Eingeborenen ausgerüstet zu sein, sich in einer wilden Gegend zurechtzufinden.

Nachdem er eine Stunde in der Richtung marschiert war, in welcher er das Kloster liegen wähnte, wunderte er sich, plötzlich zwischen Felsmassen zu kommen, die er vorhin doch nicht passiert hatte; er schwenkte etwas nach links ab, aber das Terrain wurde nur immer gebirgiger, und zwar wild, zerklüftet und schluchtenreich.

Schon umgaben ihn hohe, jäh aufsteigende Wände, durchzogen von Spalten, und August mußte sich gestehen, daß er sich gründlich verirrt habe.

Das war nun freilich eine schlimme Lage; ohne mit der Örtlichkeit vertraut zu sein, ohne Proviant und Wasser und so gut wie ohne Waffen in einer wilden Gebirgsgegend.

Doch August wußte sich immer ins Unvermeidliche zu schicken, er suchte sich zu orientieren und marschierte weiter, ohne aus dem Gebirge herauszukommen.

An einer Felsspalte blieb sein Auge nachdenklich hängen.

Sah dieser Eingang zu der Spalte nicht bald wie jener aus, durch den er einst mit Valentin gegangen war? Wahrhaftig dort hing ein Felsklumpen, welcher fast das Aussehen eines riesigen Menschenkopfes hatte.

August frohlockte im ersten Augenblick auf, dann schwand seine Freude wieder. Er hatte an die vergrabenen Flaschen gedacht, nicht minder an die Konservenbüchsen, doch es war wohl anzunehmen, daß Valentin sie dort nicht nutzlos hatte liegen lassen. August hatte er seit jener Zeit nicht wieder zu solch einem Gabelfrühstück eingeladen.

Nun, er konnte ja einmal probieren. Er ging also durch die Spalte und war von der Laube nicht mehr weit entfernt, als er erschrocken stehen blieb.

Es schlugen Stimmen an sein Ohr. Die sprachen laut, und durch das Echo, welches die Felswände wiedergaben, klangen die Töne so verschwommen, daß er sie nicht unterscheiden konnte.

Dennoch schlich er weiter, und jetzt unterschied er die Worte, es war Englisch; dann erkannte er auch die Stimmen, er sprang vor und stand vor Reihenfels und Morrison, welche lang ausgestreckt im grünen Grase lagen und sich unterhielten.

Nachdem sie bemerkt, daß sie umsonst nach ihren bereitliegenden Büchsen gegriffen hatten, ließen sie sich von August erzählen, wie er hierhergekommen sei. Sie lachten, als er ihnen den Affenfang in humoristischer Weise schilderte, und mußten doch zugeben, daß dieser Yankee Haare auf den Zähnen hatte.

»Was hast du dort?« fragte Reihenfels. »Warum blickst du so aufmerksam nach jener Stelle?« »Haben Sie dort etwas eingegraben?« Reihenfels richtete sich halb auf.

»Wo?«

»Dort an dem Baume. Das Gras ist niedergetreten und der Boden erhöht.«

»Du hast ja wahre Indianeraugen bekommen, August,« lachte Reihenfels.

Dieser stand auf, zog sein Jagdmesser und begann den Boden aufzuwühlen.

»Wahrhaftiger Gott,« rief er plötzlich, »ich steche auf etwas.«

»Gewiß, auf felsigen Boden.«

»Nein, es ist weich, oder wie Holz.«

August grub weiter, arbeitete wie ein Maulwurf mit den Händen und stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

Die beiden sprangen auf, traten näher und sahen unter der Erde gelbliches Holz hervorschimmern, wie es in solcher Farbe im natürlichen Zustande nicht vorkommt. Jetzt gruben auch sie mit, und bald konnten sie eine Kiste herausheben, welche auf dem Deckel eine Londoner Weinfirma trug.

Man öffnete sie und fand eine Kiste mit Flaschen und Büchsen, welche aber nur noch zum geringen Teil gefüllt waren.

Morrisson betrachtete aufmerksam die Etiketten der Flaschen und die Kiste, Reihenfels roch in die leeren Blechbüchsen, und August, welcher sich vor Staunen wie außer sich gebärdete, merkte dabei nicht, wie Reihenfels ihn prüfend und mißtrauisch von der Seite betrachtete.

»Wer mag das wohl vergraben haben?« begann August.

»Du vielleicht?« entgegnete Reihenfels.

»Ich?« fuhr August auf.

»Ich meinte nur so, brauchst nicht gleich so zu erschrecken. Ja, wer mag die Kiste wohl hier vergraben haben, und vor allen Dingen, wer mag wohl – – wissen Sie etwas davon, Doktor? Mir scheint fast so.«

Morrisson, der immer sinnend bald die Kistenfirma, bald die Etiketten der Flaschen und Büchsen betrachtete, hatte sich mit der Hand vor die Stirn geschlagen.

»Ja, ich glaube es zu wissen.«

»In der Tat?«

»Vor etwa drei Jahren schrieb mir mein Vater, daß ein Londoner Exporthaus, welches besonders Wein und Konserven in die Kolonien epedierte, einen großen Verlust erlitten habe.

Es hatte den Auftrag, an irgend solch einen großen asiatischen Fürsten – ich weiß nicht mehr an welchen – der sich einige tausend Frauen hält, und dessen Hof aus zahllosen Faulenzern besteht, eine Ladung von Wein und allerhand Leckereien im Werte von etwa tausend Pfund zu liefern. Der Landweg durch Rußland war nicht sicher, auch kostete es zu viel Zoll, und so ging die Fracht über Indien. Von Delhi aus meldete der die Fracht begleitende Kommis, daß er diese jetzt auf Lasttieren weitertransportieren müsse, durch das Pandschab und dann durch die Pässe des Himalajagebirges. Es war das letzte Zeichen von dem Kommis, man hat nie wieder etwas von ihm, von seinen Begleitern und von der Fracht gehört. Der asiatische Fürst verweigerte natürlich die Zahlung, denn er hatte die Sachen nicht bekommen.«

»Merkwürdig!« brummte Reihenfels und roch wieder in eine leere Konservenbüchse.

»Tausend Pfund,« staunte August, »das sind 7000 Taler! Herrje, da könnte sich ja ein ganzes Regiment Soldaten den Magen verderben.«

»Und woraus schließen Sie, daß diese Kiste zu jener Fracht gehörte?«

»Mein Vater schrieb mir alles sehr ausführlich. Die Firma wollte sich mit der Weinhandlung und der Konservenfabrik in den Verlust teilen, diese aber weigerten sich, Schaden tragen zu wollen, und nicht mit Unrecht. So erfuhr ich die Namen der beiden Firmen – ich entsinne mich ganz deutlich, es waren die, welche hier auf den Flaschen und Büchsen stehen. Dies ist eine Weinkiste, hier das schwarze Glas, zur Vorsicht mahnend. Mein Vater, mit den indischen Verhältnissen ganz unbekannt, stellte an mich die Zumutung, ich sollte, wenn ich nach Indien käme, unter der Hand bei Gelegenheit nach dem Verbleib der Sachen forschen. Der Zufall hat mich sie wirklich finden lassen.«

»Nur eine Kiste.«

»Graben und suchen wir weiter!«

»Wir wollen uns keine Mühe geben!« lächelte Reihenfels, der immer wieder in verschiedene Dosen roch.

»Warum nicht? Was haben Sie eigentlich?«

»Vor drei Jahren, sagten Sie, ist die Sendung nach Asien abgegangen?«

»Ja. Die Karawane ist jedenfalls vernichtet worden – allerdings, ja, es ist merkwürdig!«

»Daß die Dosen geöffnet und gleich den Flaschen geleert worden sind, nicht wahr?«

»Nun, das hätten die Räuber tun können, jedenfalls sogar.« »Und einige Flaschen und Dosen hätten sie übriggelassen und wieder vergraben?«

»Sie können überrascht worden sein, hatten aber noch so viel Zeit, ihre Beute zu verstecken.«

»Hm, Augusts scharfe Augen haben entdeckt, daß das Gras hier niedergetreten war, die Stelle brachte ihn überhaupt gleich auf den Gedanken, daß hier etwas vergraben war. Ich bemerkte es nicht, wahrscheinlich, weil ich nicht solch scharfe Augen habe wie er. Ich glaubte nicht daran, er aber grub nach, und siehe da, er hatte recht gehabt.«

»Unerklärlich!« sagte Morrison kopfschüttelnd.

»Nach drei Jahren müßte man doch von dem Eingraben gar nichts mehr merken.«

»Das denke ich auch.«

»Das nennt man eben Ahnungen im menschlichen Leben,« schaltete August ein, der nur mit Mühe seiner Unruhe Herr wurde.

»Nein, nein, du hattest ganz recht,« sagte aber Reihenfels. »Einmal darauf aufmerksam gemacht, erkannte auch ich, daß hier eine Hacke oder ein Spaten gearbeitet habe. Ja, sehen Sie einmal hier! Was ist das?«

Er bückte sich und hob einen Kork auf. »Der ist vorhin aus der Kiste gefallen,« erklärte August, »das habe ich gesehen.«

»Dann bitte ich um Verzeihung,« sagte Reihenfels mit Ironie, »dieser Kork hätte mich bald auf eine falsche Vermutung gebracht. Nun aber, Herr Doktor, haben Sie die Güte und riechen Sie in diese Büchse.«

Er gab ihm die Blechdose, Morrison roch hinein. »Das riecht nach Hummer,« sagte er.

»Nicht wahr? Und fällt Ihnen nichts auf?«

»Daß ich nicht wüßte.«

»Nun, glauben Sie, daß, wenn die Büchse auch nur einige Monate offen dagelegen hätte, sie noch nach ihrem einstigen Inhalt röche?«

»In der Tat, Sie haben recht!« staunte Morrison.

»Dann sehen Sie auch hinein. Man erblickt noch die Fasern des Hummerfleisches, sie fühlen sich sogar noch ganz weich an.«

»Ja. Was soll das bedeuten? Das sieht fast aus, als ob sie erst vor kurzer Zeit geöffnet worden wäre. Oder sollten sich die Fleischteile unter der Erde so gut konservieren?«

»Nimmermehr! Sehen Sie, hier war Butter drin, hier Kaviar, hier Cornedbeef, hier irgendeine Pastete, hier vielleicht Zunge, und alles, was noch an den Seiten klebt, ist frisch, es riecht angenehm – ich habe mich nicht gescheut, es zu kosten – es schmeckt frisch. Also behaupte ich, daß diese Büchsen erst vor einigen Tagen geöffnet, geleert und hier vergraben worden sind; der Rest hat sich unter der kühlen Erde gehalten, und sehen Sie hier, aus den Flaschen fließt noch etwas Wein, die Neigen haben noch das vollständige Aroma.«

»Was soll man dazu sagen?« staunte Morrison.

»Vielleicht kann uns August eine Erklärung geben,« sagte Reihenfels, und heftete seine Augen durchdringend auf den Burschen, der die Röte, die ihm im Gesicht aufstieg, nicht mehr verbergen konnte.

»Ich, Herr Reihenfels?« stotterte er.

»August, gib der Wahrheit die Ehre. Du kannst uns einen großen Dienst leisten, wenn du erzählst, was du von dieser Kiste weißt.«

Was war da zu machen? August hatte sich schon durch seine Verlegenheit verraten, denn er war kein guter Schauspieler. Aber er schämte sich, zu gestehen, daß er geheuchelt hatte. Er hatte gehofft, die beiden glauben machen zu können, die Kiste nur zufällig gefunden zu haben, um sich dann an den Gaumenherrlichkeiten zu delektieren.

Unmöglich konnte er noch leugnen. Sollte er sich denn aber als Heuchler überführen lassen? Halt, da kam ihm ein Gedanke. Er räusperte sich und richtete sich in die Höhe. »Meine Herren,« sagte er, die Hand aufs Herz legend, »mein Ehrenwort bindet meine Zunge!«

»Siehe da,« rief Morrison verblüfft, »da haben wir ja einen Wissenden!«

»Ja, ich wußte von dem Vorhandensein dieser Kiste. Das darf ich gestehen, sonst nichts weiter.«

»Wie? Sie waren dabei, wie die Räuber die Warensendung überfielen?«

»Aber, geehrtester Herr Doktor, wofür halten Sie mich denn? Sehe ich denn aus wie ein Wegelagerer und Strauchdieb? Allerdings wußte ich, daß diese Kiste hier vergraben war, aber ich habe mein Ehrenwort gegeben, es nicht zu verraten. Da ich jedoch Durst hatte und die Herren ebenfalls schmachten sah, so tat ich, als fände ich die Kiste zufällig.«

»August,« nahm Reihenfels das Wort, »ich glaube dir gern, daß du auf keine unehrliche Weise zu dieser Kenntnis gekommen bist, doch gib der Wahrheit die Ehre. Wer hat es dir verraten?«

»Herr Reihenfels, mein Ehrenwort!«

»Ah bah, jedenfalls Valentin, der Schurke!«

»Schurke? Was?«

»Gewiß, Valentin ist schon jetzt in meinen Augen ein Schurke, und dies zu beweisen, werde ich mich bemühen. August, sei du mir dabei behilflich!«

»Na, wenn Valentin ein Schurke ist! Dachte mir überhaupt, daß bei dem nicht alles in Ordnung ist.«

»Nicht wahr, er hat dich in das Geheimnis dieser Kiste eingeweiht?«

»Wenn Mister Reihenfels sagt, Valentin ist ein Schurke, dann ist er auch einer, und einem Schurken gegenüber habe ich mein Wort nicht zu halten. Nicht wahr nicht?«

»Nein, wenn man dadurch anderen einen Nutzen gewähren kann, was hier der Fall ist.«

»Gut denn, ja, Valentin war es.«

Nun erzählte August alles der Wahrheit gemäß, was zwischen ihm und dem Mönch vorgefallen war, er verschwieg nichts mit Ausnahme jener Erscheinung Begas; denn diese hielt er doch für eine Ausgeburt seiner vom Wein erhitzten Phantasie, und wenn man Menschen deutlich vor sich sieht, so kann man schon auf Delirium schließen. Deshalb erwähnte August dieses Umstandes nicht.

Die beiden Zuhörer sahen sich mit großen Augen an.

»Hat Valentin dich noch einmal zu solch einem Zechgelage mitgenommen?« fragte Reihenfels.

»Nein, nur dieses eine Mal. Aber – hm.«

»Aber was?«

»Er sprach davon, daß wir noch manches solches Fest feiern könnten, oder er deutete es wenigstens an.«

»Aha, also muß Valentin noch mehr solche Verstecke kennen.«

»Hier war auch noch Wein vorhanden.«

»Valentin sieht nicht aus, als ob er sich mit ein paar Flaschen begnügte. Überhaupt, umsonst hat der nicht so eine blaue Nase und so ein kupferfarbenes Gesicht. Hast du keine Ahnung, August, woher er diese Vorräte beziehen mag?«

»Nein.«

»Mich deucht,« nahm Morrison das Wort, »dieser Bursche weiß etwas davon, wo die Warensendung geblieben ist.«

»Sicherlich.«

»Aber warum vergräbt er denn die Kisten einzeln?«

»Sehr einfach, um seinem Zechgenossen nicht alles gleich zu verraten. Er wird wohl noch mehrere solche Niederlagen eingerichtet haben. Ein famoses Jägerleben, in der Tat! Wohin der fromme Klosterbruder, ermüdet von der Jagd, kommt, buddelt er den Boden auf, trinkt edle Rheinweine und speist die feinsten Delikatessen.«

»Es fragt sich nun,« sagte Morrison, »ob wir berechtigt sind, Valentin wegen seines Treibens zur Verantwortung zu ziehen.«

»Auf jeden Fall! Er eignet sich etwas an, was ihm nicht gehört.«

»Hören Sie, da sind Sie wohl im Irrtum,« warf August ein, »Valentin sagte, das Gefundene wäre ihm von Gott geschenkt.«

»Richtig, an diese Moral habe ich nicht gedacht. Wenn wir aber die Sache dem Prior anzeigen, würde dem Bruder wohl der Garaus gemacht werden, denn er hat sicherlich nicht gebeichtet, welch Schlemmerleben er hier führt.«

»Man würde ihn bis aufs Blut geißeln, ja, bis zum Tode, das heißt, wenn sich der Bruder Valentin nicht durch Flucht der Strafe entzöge, und was hätten wir damit erzielt?«

Reihenfels sann nach.

»Gar nichts, ganz recht, mit Ausnahme, wenn er gesteht, wo der Warenvorrat verborgen ist. Dann haben wir wenigstens der geschädigten Firma in London Vorteil verschafft. Den ganzen Vorrat kann er doch noch nicht in den Magen geschlagen haben.«

»Für siebentausend Taler, wo denken Sie hin!« rief August.

»O, Mister Reihenfels,« lachte Morrison, »Sie vergessen das Beichtgeheimnis. Der ehrwürdige Prior würde uns nie sagen, wo sich der Wein befände, ihn vielmehr für sich verwerten.«

»Sie haben wieder recht; trotzdem müssen wir dem Bruder auf den Zahn fühlen, aber vorsichtig, denn er ist schlau. August,« wandte sich Reihenfels an diesen, »ich hoffe, du machst mit uns gemeinschaftliche Sache.«

»Nu natürlich. Seit ich weiß, was für ein Halunke Valentin ist, der tausend Pfund Wein und Konserven allein alle machen will, mag ich nichts mehr mit ihm zu tun haben.«

»Gut also. Hast du nicht sonst aus Valentin etwas herausgehört oder an ihm gemerkt, daß er noch irgendein Geheimnis in sich verborgen hat?«

»Nee, welches denn?«

»Daß er vielleicht etwas von einem Mädchen weiß?«

August riß plötzlich die Augen weit auf. Reihenfels hatte das Richtige getroffen; auch Morrison wußte schon, worauf dieser anspielte. Er hatte ihm erzählt, wie Valentin beim Anblick von Begas Bild erschrocken gewesen war.

Als Reihenfels das Gebaren von August sah, stürzte er förmlich auf ihn zu und rüttelte ihn an der Schulter.

»Sprich, August, was weißt du davon?« schrie er mit vor Aufregung bebender Stimme.

»Au, au, mein bester Reihenfels, lassen Sie mich los, Sie zerbrechen mir den Arm! Ja, natürlich hat er mir davon erzählt, wollte es aber dann abstreiten.«

»Von Bega?«

»Von Bega?« echote August nach, und wieder drückte sein Gesicht namenloses Erstaunen ans.

Plötzlich dämmerte ihm eine Ahnung auf, daß er damals doch nicht nur mit offenen Augen geträumt habe.

Er begann noch einmal von dem Zechgelage zu erzählen und gab, so gut er sich noch entsann, die Äußerungen wieder, welche Valentin damals getan, wie er sich gerühmt hatte, eine Liebschaft mit einem wunderschönen Mädchen zu unterhalten, und zwar nicht etwa mit einem Kuliweibe.

Schon wurde Reihenfels' Antlitz dunkelrot vor Zorn; sein Auge glühte unheimlich; wie aber wurde ihm, als August in seiner Erzählung fortfuhr:

»Ich setzte eben die Flasche an den Mund, wobei ich mich zum Trinken hinten überlehnen mußte, als ich plötzlich – hol mich der Henker – da oben auf dem Felsrande Miß Bega zu sehen glaubte, so wie sie leibte und lebte. Sie war in das stählerne Schuppenhemd gekleidet, hatte das Winchestergewehr von meinem Herrn, das uns in der Nacht zuvor aus dem Zelt gestohlen worden war, in der Hand, ja, ich konnte sogar ihr Gesicht ganz deutlich sehen, und ich hätte auf der Stelle geschworen, daß es Bega oder die Begum von Dschansi war –«

»August, und das hast du mir nicht früher gesagt?« unterbrach ihn Reihenfels mit leiser Stimme.

»Bitte um Verzeihung. Vor Schrecken sprang ich auf, und das ist aber auch das letzte, was ich von mir weiß. Als ich erwachte, war die Sonne unterdessen schon einmal um die Erde herumgekrochen, das heißt, es war ein anderer Morgen, und als ich Valentin erzählte, was ich gesehen hätte, da lachte er mich aus: kein Wort sei davon wahr, er wüßte nichts davon, ich hätte das alles nur in meiner Betrunkenheit geträumt.«

»Und du glaubtest ihm?«

»Natürlich, ich mußte ja,« entgegnete August; »denn, nehmen Sie's mir nicht übel, ich muß mordsmäßig besoffen gewesen sein.«

»Der Wein löst des Menschen Zunge,« sagte Morrison, »ich denke, August hat die Wahrheit gesprochen, er hat nicht geträumt und hat auch Bega wirklich oben stehen sehen.«

»Es ist so,« rief Reihenfels, dessen Blick immer an dem Felsrande gehangen hatte, als hoffe er, dort wieder Begas Gestalt erscheinen zu sehen. »Was sagen Sie nun, Doktor?«

»Das, was ich Ihnen erst nicht glauben wollte, worauf ich zuletzt aber doch kam, daß Valentin ein Schurke ist, der es hinter den Ohren hat. Sicherlich weiß er, wo Bega sich aufhält, ja, seinen Worten nach, sollte man fast glauben, daß er – –«

»Daß er mit ihr ein Verhältnis unterhielte?« fiel ihm Reihenfels spöttisch ins Wort. »Nein, lieber Doktor, das war nur Prahlerei von dem Pfaffen.«

»Natürlich. Doch Sie dürfen auch die Macht dieser Menschen nicht unterschätzen, welche sie auf die Herzen erlangen.«

»Bega ist Buddhistin.«

»Eben deswegen; sie kannte den christlichen Glauben nicht, sie weiß nichts von den Hilfsmitteln eines Priesters.«

»Gehen Sie, Doktor. Sie können die Begum von Dschansi nicht beurteilen, wenn Sie glauben, dieser blaunasige Mönch könnte auf sie irgendeinen Einfluß ausüben.«

»Halt, Mister Reihenfels, beurteilen Sie den Fall nicht vorschnell, erwägen Sie alles, oder Sie laufen Gefahr, immer weiter von Ihrem Ziele entfernt zu werden.«

»Sie meinen?«

»Daß Valentin ihren Aufenthalt kennt und sich wenigstens in ihr Vertrauen einzuschleichen gewußt hat.«

»Das ist allerdings möglich.«

»Und daß er ihr Vertrauen benutzt, sie glauben zu machen – nun, irgend etwas, zum Beispiel, daß sie von aller Welt verfolgt würde.«

»Ah, Sie haben recht. August, weiß Valentin, daß du früher mein Diener gewesen bist?«

»Ja, ich erzählte es ihm.«

»Hast du sonst noch etwas von mir erzählt?«

»Wir kamen auf die Begum von Dschansi zu sprechen, und da sagte ich ihm allerdings, daß Sie – daß Sie – der – der –«

»Daß die Begum meine Geliebte ist?«

»Ja.«

»Und da?«

»Er erstaunte sehr.«

»Erschrak er nicht?« »Das weiß ich nicht mehr. Aber er fragte mich noch ganz genau aus – richtig, ich entsinne mich, daß er dann höhnisch auflachte. Vor allen Dingen sollte ich Ihnen gegenüber meinen Mund halten, denn es wäre sonst mein eigener Schaden.«

»Spielte er nicht auf die Höhle an, die wir suchen?«

»Er tat, als wäre das mit der Höhle Unsinn, fragte aber zu gleicher Zeit so hinterlistig lauernd, ob Sie darin nichts weiter zu suchen hätten als nur die Totenknochen.«

»Da haben wir's.«

Reihenfels sprang auf und ging erregt hin und her.

»Doktor Morrison,« begann er dann, »es ist kein Zweifel mehr; dieser Mönch weiß den Aufenthaltsort von Bega, er will sie vor uns verbergen.«

»Und um die Höhle weiß er auch.«

»Sicherlich. In eben dieser Höhle hält sich Bega verborgen.«

»Ein kühner Schluß, doch es ist möglich. Jetzt gehen wir hin zu Valentin, setzen ihm die Pistole vor die Stirn und sagen: ›Schuft, gestehe oder stirb.‹«

»Nicht so rasch,« wehrte Reihenfels, »ich nehme nämlich auch an, daß in der Höhle jener Warentransport aufgestapelt ist.«

»Was hat das zu sagen?«

»Ohne allen Zweifel ist Valentin der Leidenschaft des Trunkes ergeben. Glaubst du nicht auch, August?«

»Ja, ich glaube,« sagte dieser kleinlaut.

»Und wenn ihm durch den Verrat seines Geheimnisses das Mittel genommen wird, seine Leidenschaft zu befriedigen, so wird ihm kein Preis der Welt dieses Geheimnis entreißen, auch nicht die Drohung mit dem Tode.«

»Wie wollen wir es sonst von ihm erfahren? Wir müßten ihm gerade den ganzen Weinvorrat als Entschädigung versprechen, das heißt, wenn er wirklich in der Höhle ist.«

»Das dürfen wir nicht, er ist nicht unser.«

»O, die Firma in London wird sich schön freuen, wenn wir ihr den verloren gegangenen Posten bezahlen.«

»Über solche Summen verfüge ich nicht.«

»Es würde mir eine Freude bereiten, wenn ich Ihnen die Summe, wenn sie nötig sein sollte, anbieten dürfte.«

»Sehr edel von Ihnen, aber –«

»Bitte, kein Aber! Ich weiß auch, was ich Ihnen schuldig bin. In der Tat, ich kann diese tausend Pfund leicht entbehren.«

»Nun, sollte es der Fall sein, so würde ich sie dankbar annehmen. Doch ich glaube, wir streiten uns um des Kaisers Bart. Wir haben, dank Augusts Mitteilungen, Wichtiges erfahren, wir wissen, an wen wir uns zu wenden haben, wenn es uns nicht aus eigener Kraft, gelingt, die Höhle aufzuspüren. August, deinen Mund gehalten! Um Gottes willen, plaudere nicht: eine Andeutung, und alles ist verloren. Lassen Sie uns den Nachmittag noch benutzen, Doktor, uns in der Gegend zu orientieren.«

»Wäre es nicht einfacher, uns direkt an Valentin zu wenden, um ihm das Anerbieten zu machen?«

»Überlegen wir erst. Ich glaube, es muß eine besondere Gelegenheit herbeigeführt werden.

Es wird nicht so leicht sein, dem Mönch sein Geheimnis zu entreißen, unser Anerbieten wird er nicht für Ernst nehmen.«

Sie erhoben sich und streiften durch Schluchten und Pässe, aufmerksam die Felswände musternd, ob sich in ihnen kein Loch oder keine Spalte zeigte, die den Eingang zu einer Höhle bilden könnte. Drei Meilen, hatte der Missionar in sein Tagebuch geschrieben, sei die Höhle vom Kloster entfernt, und nach anderen dem Tagebuch entnommenen Angaben meinte er drei englische Meilen, die einem Wege von dreiviertel, höchstens einer Stunde gleichkamen.

Die Gegend wurde August bekannter, und als sie ein von einer Quelle gebildetes Bassin erreichten, erzählte er, daß er hiergewesen sei, wie er sich mit – Ein zischender Laut aus Reihenfels' Mund unterbrach den Sprecher so nachdrücklich, daß dieser augenblicklich verstummte. Sofort begann Reihenfels von etwas ganz anderem zu sprechen, und man wußte, was er damit bezweckt hatte, als einige Schritte vor ihnen hinter einem Steinblocke Valentin auftauchte.

Da er dem Amerikaner nicht mehr behilflich zu sein brauchte, erklärte er, hätte der Prior ihn den beiden Engländern nachgeschickt, damit sie sich nicht etwa verliefen. Er hätte schon ziemlich lange nach ihnen gesucht.

Valentin warf August einen vielsagenden Blick zu, und dieser war schlau genug, ihn ebenso zu erwidern.

»Wo mag sich die Höhle nun wohl befinden?« fragte Reihenfels den Mönch harmlos.

»Ja, wenn ich das wüßte! Die Gegend hier zeigte eine reiche Vegetation; besonders zur Seite des Baches wucherte üppiges Gras und Buschwerk. Die Quelle floß in eine enge Schlucht hinein, welche von weitem den Eindruck machte, als könne man vor Laubwerk gar nicht in sie eindringen.

Reihenfels, der Führer der kleinen Expedition, wollte aber gerade dem Laufe des Baches folgen. Dem widersetzte sich Valentin.

»Die habe ich schon oft untersucht;« sagte er, »es sind ganz glatte Felswände. Dann kommt man in ein riesiges Tal.«

»Ich habe dir schon bewiesen, daß ich schärfere Augen besitze als du. Vielleicht entdecke ich etwas, was dir entgangen ist.«

»Das Strauchwerk steht dicht, es ist kaum möglich, einige Schritte einzudringen.«

»Und dennoch hast du die Schlucht zu wiederholten Malen passiert? Freund, du widersprichst dir!«

Jetzt stand Reihenfels' Entschluß, diese Schlucht zu untersuchen, erst recht fest. Er hatte bemerkt, daß Valentin verlegen und unruhig geworden war, so sehr er sich auch bemühte, dies zu verbergen, und eine Ahnung sagte Reihenfels, daß er vielleicht nicht weitab vom Ziele sei.

Mürrisch folgte Valentin ihnen. Reihenfels flüsterte Morrison einige Worte zu, dann blieb dieser hinter dem Mönch.

»Glaubst du, ich sei ein Strauchdieb, der euch von hinten niederschießt, daß du mich mit gesenktem Gewehre beobachtest?« redete der Mönch ihn grimmig an.

»Der Führer gehört voran, ich folge dir also,« entgegnete Morrison gelassen.

Es war allerdings sehr schwer, in der Spalte vorwärtszukommen. Zähe Zweige und Schlingpflanzen setzten ihnen Widerstand entgegen, scharfe Dornen wollten sie an sich ketten, und wären die Jagdkleider nicht aus Leder gewesen, sie würden bald als Fetzen um den Körper gehangen haben. Auch waren sie oft genötigt, im Wasser des Baches zu waten.

Vergebens musterte Reihenfels die glatten Steinwände, kein Loch, keine Spalte war zu sehen, und über dem Boden hinderte das dichte Buschwerk den Blick.

Erst kam Reihenfels, das Gewehr schußbereit, dann August, den Revolver in der Hand, dann Valentin, der sich sorglos benahm, und zuletzt Morrison, ebenfalls mit schußfertigem Gewehr. Reihenfels hatte außerdem noch die mühsame Aufgabe, Bahn zu brechen, wobei er das schwere Jagdmesser handhaben mußte. Auch die Nachfolgenden waren noch manchmal genötigt, sich von den sie umstrickenden Schlingpflanzen loszuschneiden.

Plötzlich blieb Reihenfels wie angewurzelt stehen, er sog die Luft durch die Nase ein. »Die Riesenschlange!« schrie da auch schon Valentin und wandte sich zur Flucht, verwickelte sich aber in demselben Augenblick mit beiden Füßen in Schlingpflanzen und kam zu Fall.

Ein durchdringender Geruch verbreitete sich in der Luft und nahm von Sekunde zu Sekunde zu.

»Helft mir, befreit mich,« schrie Valentin, der sich nicht selbst losschneiden konnte, »die Schlange kommt!«

Die entsetzten Männer sahen ab und zu einen schillernden, mannsdicken Leib auftauchen, bald hier, bald da; in Windungen bewegte er sich am Bachrande vorwärts, den Männern entgegen. An eine Flucht war nicht zu denken. Der Schlange boten die Büsche kein Hindernis, schnell kroch sie vorwärts; aber Menschen konnten hier nur Schritt für Schritt gehen, obgleich sie schon einen Weg gebahnt hatten.

Was hätte es genützt, auf das Tier zu schießen? Den Kopf mußte man treffen, und auch dann war der Tod noch sehr zweifelhaft; aber man sah keinen Kopf. Und wenn sich die ungeheure Schlange auch in Todeszuckungen wälzte, sie hätte die winzigen Menschen doch noch zu Brei drücken können.

Furchtlos war Morrison an Reihenfels Seite gesprungen, wie dieser den Gewehrkolben an die Wange legend. August hatte Valentins Büchse ergriffen, er gesellte sich den Herren bei.

»Den Kopf,« flüsterte Reihenfels, »oder wir sind verloren!«

Näher und näher kam der schillernde Körper, immer unausstehlicher wurde der Gestank, kaum konnte man ihn noch ertragen.

Jetzt tauchte, nur einige Meter von ihnen entfernt, ein ungeheurer, spitzer Kopf auf, die boshaft funkelnden Augen auf die Menschen geheftet.

»Nach den Augen!« schrie Reihenfels.

Die Schlange stockte in ihrer Bewegung. Man sah, wie sie den Körper an sich heranzog und ihn wie zum Sprunge zusammenkrümmte.

Morrison schoß zuerst, aber seine Spitzkugel prallte wie von einer schiefen Stahlebene ab; denn im gleichen Moment hatte sich die Schlange mit einer blitzartigen Bewegung aufgerichtet und schwebte nun mit dem weit aufgerissenen, von Zähnen starrenden Rachen in einer Höhe von zwei Metern über den Köpfen der Entsetzten, bereit, sich auf sie zu stürzen und den Nächsten zu fassen.

Ein Krach aus Augusts Gewehr, ein Blutstrom floß aus dem Rachen des Ungeheuers, die Kiefern klappten zusammen, der Kopf fiel herab, und in furchtbaren Zuckungen wand sich die Schlange hin und her. Augusts Kugel hatte ihr den Schlund durchbohrt.

Dann traf noch ein Schrotschuß von Reihenfels den Kopf, der die Augen erblinden ließ, und die drei Männer mußten ihre äußerste Gewandtheit aufbieten, den Schlägen des sich krümmenden Körpers zu entgehen.

Schnell wurde der an allen Gliedern zitternde Valentin befreit, man zog sich zurück und konnte nun ohne Gefahr die Schlange beobachten, die ihren Todeskampf auskämpfte.

Es war ein entsetzliches Schauspiel. Sie krümmte den ungeheuren Leib zusammen, sprang dann wieder in die Höhe, und wohin sie fiel, da brachen die stärksten Zweige wie Rohr ab. In einigen Augenblicken war das Gebüsch in der Schlucht auf viele Meter Länge niedergeworfen, und auf der Unterlage von Zweigen und Blättern wälzte sich das Ungeheuer in scheußlichen Zuckungen. Blut und Geifer tropften aus dem Rachen, die Kinnladen klappten auf und zu.

Schuß auf Schuß wurde nach dem Kopfe gesandt, schwächer und schwächer wurden die Bewegungen des Reptils, dann noch ein gewaltiger Satz, einige Meter hoch, eine kriechende Bewegung, die Schlange streckte sich, den Kopf aber in einem Loche der Wand vergrabend, lang aus, zitterte noch einmal und war tot. Die Männer warteten noch lange Zeit, ehe sie sich ihr zu nähern wagten. Doch sie war tot.

Die Länge der Schlange betrug wohl mehr als zehn Meter, an ihrer stärksten Stelle hatte sie einen halben Meter im Durchmesser.

»Dein Schuß, August, hat uns gerettet!« sagte Reihenfels mit vibrierender Stimme.

»Hättest du nicht im geeigneteren Moment geschossen als wir, einer von uns wäre der Schlange sicher zur Beute gefallen oder von ihr zum Krüppel gemacht worden.«

»Und Mister Pulver sitzt nun vergeblich auf seinem Baume und lauert darauf, daß ihm die Riesenschlange in die Falle geht,« lachte August, der sich am schnellsten gefaßt hatte.

»Ist es dieselbe, welche du an jenem Baume gesehen haben willst?« wandte sich Reihenfels an den Mönch.

Dieser wischte sich noch immer den Schweiß vom Gesicht und blickte nach jenem Loch, in welchem der Kopf der Schlange verborgen lag.

»Ich weiß nicht, die Schlangen sehen sich alle ähnlich. Es mag auch eine andere sein.«

Da wurde Reihenfels' Aufmerksamkeit zuerst nach diesem Loch gelenkt. Er stieß einen Ruf der Überraschung aus. Ein solches hatte er ja gesucht.

Es war etwas über einen Meter hoch. Gras und Büsche hatten es vorher bedeckt; die Schlange hatte es bloßgelegt.

»Das ist ein Fingerzeig von Gott,« rief Morrison, »er hat uns die Riesenschlange geschickt, damit wir den Eingang zu der Höhle finden können!«

War diese Annahme auch etwas voreilig, so war es doch wunderbar, daß gerade die Schlange solch ein Loch, wie es mit der Beschreibung des Herrnhuters übereinstimmte, bloßgelegt hatte.

Valentin protestierte eifrig, als man den Kopf der Schlange herausziehen wollte. Sie lebe wahrscheinlich noch, habe sich nur zwischen Steinen festgeklemmt; aber sein Widerwille, das Loch geöffnet zu sehen, bestärkte nur Morrison und Reihenfels in ihrer Vermutung. Der Mönch hatte Grund, die Entdeckung der Höhle zu fürchten.

Schlingpflanzen gaben die besten Stricke ab, sie wurden hinter dem Kopf um den Hals des toten Reptils gelegt; der Leib war zwar glatt, doch die Schuppen hinderten ein Abgleiten; mit vereinten Kräften, Valentin ausgenommen, zogen sie, und der von Schrot durchlöcherte Kopf der Schlange lag außerhalb des Loches.

»Ich warne euch noch einmal, da hineinzukriechen,« sagte Valentin, »es wird der Schlupfwinkel der Riesenschlange gewesen sein. Wahrscheinlich ist es ein Paar, die andere ist noch darin.«

»Du willst zehn Jahre in Indien sein und weißt noch nicht einmal, daß Riesenschlangen nicht in Höhlen leben? Bleibe indessen nur zurück.«

Es war Reihenfels nicht entgangen, welche Unruhe Valentin zeigte, wie seine Augen ängstlich rollten, und er hätte vor Freude aufjubeln mögen. Kein Zweifel, dies war der Eingang zu der gesuchten Höhle »Folgen Sie mir, Doktor,« rief er und kroch hinein.

Er wußte nicht, daß Valentin es so einzurichten verstanden hatte, ihm direkt zu folgen.

Reihenfels mußte sich bald auf Hände und Füße niederlassen, so niedrig wurde der Gang, welcher steil nach oben lief, dann wurde er wieder höher und an Reihenfels' Ohr drang der ihm schon zweimal geschilderte, singende Ton.

»Vorsicht!« schrie da hinter ihm Valentin mit Aufbietung aller Lungenkraft.

Wie der Blitz hatte sich Reihenfels umgedreht und den Mönch mit eiserner Hand an der Kehle gepackt. Vergebens suchte sich der starke Mann von diesem Griff zu befreien.

»Wen hast du gewarnt, Schuft?« donnerte ihn Reihenfels an.

»Wen anders als dich?« ächzte Valentin. »Hörst du nicht das Pfeifen? Es ist eine andere Riesenschlange. Laß mich los, ich ersticke.« Reihenfels kümmerte sich nicht mehr um ihn, er stürmte trotz der Dunkelheit den steilen Weg hinauf, er stieß sich, strauchelte, aber nur vorwärts, vorwärts! hallte es in seinem Innern.

Er sah in der Ferne einen Lichtschein, der Weg wurde beleuchtet, dorthin jagte er in vollem Lauf.

»Bega, meine Bega!« schrie er, und donnernd, in unzähligen Echos, die Stimmen ganz verschwimmen lassend, wiederholte sich der Name.

Dann stand Reihenfels in der Höhle vor einem brennenden Holzstock. Er riß ein Scheit heraus, hell wurde die Höhle beleuchtet. Sie wurde bewohnt, aber der Bewohner war nicht zu sehen. Reihenfels hatte den zweiten Ausgang entdeckt. Ohne sich um seine Begleiter zu kümmern, die noch nicht die Höhle erreicht hatten, eilte er diesem zu; er gelangte ins Freie auf den schmalen Felsgrat, lief erst nach rechts, dann nach links, kam an den mit Felsgeröll bedeckten Abhang, aber obgleich er von hier aus einen weiten Umblick hatte, konnte er doch niemanden, keine flüchtende Gestalt sehen.

So kehrte er wieder in die Höhle zurück; vielleicht erhielt er dort Aufschluß über Begas Verbleib, vielleicht fand er sie dort noch selbst.

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