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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 25
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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25. Auf dem Schlangenfang

Einige Tage waren vergangen, ohne daß sich das Gerücht bestätigt hätte – von den Rebellen ließ sich keine Spur sehen. Valentin nahm seine gewöhnlichen Jagdausflüge, besonders im Auftrage Mister Bulwers, wieder auf und brachte immer die Nachricht mit, daß in der Umgegend alles ruhig sei.

Der Klosterjäger mußte nämlich den Aufenthalt der Riesenschlange ausspionieren, und zur unendlichen Freude des Amerikaners, dessen komplizierte Falle eben fertig geworden war, kam er eines Mittags mit der Meldung ins Kloster gestürzt, er habe die ungeheure Schlange abermals am Rande der sumpfigen Dschungeln erblickt, wie sie eben mit dem Verschlingen eines großen Affen beschäftigt gewesen sei.

»Der fast menschengroße Affe rutschte hinter, als wenn wir eine Pille verschluckten,« fügte Valentin hinzu, »und dabei spähte sie mit ihren gierigen Augen schon nach einer anderen Beute.«

Der Amerikaner war wie elektrisiert.

»Sie uerden doch nix haben geschossen auf sie?« war seine erste Frage.

»Gott soll mich bewahren! Ein Kreuz habe ich geschlagen, und dann lange Beine gemacht.«

»Serr, serr gut!« schmunzelte der Yankee, sich vergnügt die Hände reibend. »Sie uerden mich bringen noch heute dahin, wo Sie haben gesehen die Schlange.«

»Zeigen will ich Ihnen wohl den Ort, aber gar zu nahe gehe ich nicht hin.«

»Makt nix, ick und mein Diener uerden bauen allein auf das Falle.«

»He, he,« rief August, der danebenstand, »da suchen Sie sich gefälligst einen anderen Diener!«

»Uarum? Ick sein serr zufrieden mit Ihnen.«

»Aber ich nicht mit Ihnen, wenn Sie mit Riesenschlangen Brüderschaft machen wollen.

Da ist mir meine Haut doch zu lieb.«

»Ick uerde Sie bezahlen dafür.«

»Und ick uerde es nicht tun für alles Gold der Welt.«

Da stand Mister Bulwer vor einer neuen Schwierigkeit. Er hatte wohl die Falle und alles, was dazu gehörte, auf einem ihm vom Prior zur Verfügung gestellten Ochsenwagen, wie man sich solcher im Pandschab ausschließlich bediente, selbst nach dem Lagerplatz der Schlange fahren können, aber wer war ihm dann beim Abladen und Aufstellen der Falle behilflich? In diesem Augenblick traten Reihenfels und Morrison im Jagdanzug, die Flinten über dem Rücken, auf den Hof. Letzterer zeigte wieder den früheren, elastischen Schritt, nichts an ihm verriet, daß er am Abgrund des Todes gestanden hatte.

Der Amerikaner begrüßte die Herren, was er sonst nie tat, und rückte ohne weiteres mit der Bitte heraus, ob sie ihm behilflich sein wollten, die Falle aufzustellen.

Nachdem sie sich nach allem umständlich erkundigt hatten, sagten sie beide zu, denn die Dschungel lag dicht am Rande des Gebirges, und von dort aus wollten sie das Suchen nach der Höhle beginnen, und zwar ohne Valentin mitzunehmen.

Morrison wußte, was Reihenfels an dem Burschen bemerkt hatte, und auch er mißtraute ihm jetzt. Sie traten an die Falle, die ungefähr das Aussehen eines Sarges hatte, also ganz langgestreckt war; aber etwa sechs Meter lang und ziemlich zwei Meter hoch und breit, aus eisernen Stäben bestehend, ein ganz kolossales Ding.

Der Amerikaner erklärte den beiden mit Genugtuung die Einrichtung.

Die Falltür war kompliziert genug, sie machte der Erfindungsgabe des Yankees alle Ehre; aber wozu die Rolle mit Kurbel ganz hinten angebracht war, das schien allen ein Rätsel; denn Mister Bulwer hatte sich vorher noch nicht ausgesprochen, und bei seiner Erklärung schüttelten Reihenfels und Morrison den Kopf; Valentin und August stießen sich an und lachten.

Gesetzt den Fall, die Schlange wäre acht Meter lang gewesen, so würde der Kasten doch schon zu klein sein; denn es stand nicht zu erwarten, daß das Reptil dem Amerikaner zuliebe ganz hineinkröche, aber diesen Umstand hatte der schlaue Yankee schon mitgerechnet, dafür war die drehbare Blechtrommel mit der großen Kurbel da.

Der Köder wurde hinten an der Trommel befestigt, die Schlange sollte hineinkriechen, den Köder verschlingen, und war dies geschehen, so war sie, das wußte der Yankee wohl, wie ein Fisch am Angelhaken gefangen. Dann drehte er die Kurbel, die Schlange wurde wie ein Tau auf der Trommel so weit aufgerollt, bis auch der Schwanz im Käfig war, dann nur ein Zug an der Eisenstange, und die Tür schlug zu.

»Hm,« meinte Reihenfels, »die Theorie ist ganz gut, aber ob es in der Praxis auch so glatt abgehen wird?«

»Yes.«

»Ich möchte es doch bezweifeln.«

»Es uird gehen. Ick habe es schon gemakt.«

»Ah, wo denn?«

»In Brasilien bei einer Anakonda.«

»Nun, dann haben Sie allerdings mehr Erfahrung als ich. Werden Sie die Kurbel auch allein drehen können? Sie müssen bedenken, solch ein Ungetüm hat eine fabelhafte Kraft.«

»Yes, uenn sich die Schlange kann halten fest, sonst nicht. Ick und mein Diener ...«

»Nee, nee,« rief August dazwischen, »da leiern Sie mal allein, Männecken, ich gehe nicht mit.«

»So uerde ick drehen allein, goddam!«

»Welches Tier werden Sie als Köder benutzen?« fragte Reihenfels weiter.

»Ein Tier, uelches quiekt, ick uerde erst fangen einen jungen Affen und ihm schneiden das Schuanz ab.«

Der Amerikaner ließ sich nicht irremachen.

Schon kam ein starker Wagen in den Hof gerollt, bespannt mit zwei Ochsen, und der auseinanderschraubbare Käfig konnte mit leichter Mühe daraufgehoben werden.

Unter den Mönchen fand sich kein Kutscher; schließlich aber erklärte sich Valentin bereit, den Wagen wenigstens so weit zu fahren, bis er ihnen den Ort zeigen konnte, wo er die Schlange gesehen hatte.

»Sei kein Narr,« raunte August ihm zu, »Riesenschlangen sollen gerade die Dominikaner mit Vorliebe verschlingen.«

»Ich gehe auch nicht mit, aber du doch?«

»Fällt mir nicht ein. Ich will mit heiler Haut noch einmal in meine Heimat kommen.«

»Geh nur getrost mit!« kicherte Valentin leise. »Dort, wohin ich die Narren schicke, ist gar keine Schlange.«

»Was, du hast gar keine gesehen?«

»Gott bewahre, wenigstens nicht dort.«

»Wo sonst?«

»Vor einigen Tagen, aber viele Meilen von jener Stelle.« »Und warum gehst du dann nicht mit?«

»Weil ich etwas anderes vorhabe.«

Nachdem Valentin ihm noch mehrmals versichert hatte, daß die Schlange sich nicht dort habe sehen lassen, erklärte sich August bereit, selbst den Wagenlenker spielen zu wollen und seinem Herrn bei seinem Unternehmen behilflich zu sein, nicht ohne dabei mit seinem Mute zu prahlen.

Nach einer Stunde Fahrens tauchte eine mächtige Ebene auf, mit Bambusrohr bewachsen – die Dschungel, der Aufenthaltsort der Raubtiere und der Schlangen.

Der Boden war hier durchaus nicht sumpfig. Valentin sagte, erst in der Mitte der Dschungeln sei der Sumpf; aber an jenem Baume dort, der so einsam auf der Grasfläche stand, abgesondert von dem hundert Meter entfernt beginnenden Walde, habe er die Riesenschlange hängen sehen.

»Hängen?« fragte August.

Es wurde ihm erklärt, daß sich die Schlangen gern an Äste hängen, den Kopf nach unten, wobei sie sich mit dem Schwanze festhalten.

Links von dem Dschungel erhoben sich jäh und schroff die Ausläufer des Himalaja, wie dieses Gebirge überhaupt dadurch charakterisiert wird, daß es vom ebenen Lande keinen Übergang durch Hügel bildet; rechts von dem Dschungel zog sich der unermeßliche Urwald hin.

Der Wagen hielt, Reihenfels, Morrison und der Amerikaner näherten sich vorsichtig dem bezeichneten Baume, besonders aufmerksam die Luft in die Nase ziehend; denn die Anwesenheit der Schlange mußte vor allen Dingen ein scharfer, unangenehmer Geruch verkünden.

Aber weder nahm man diesen wahr, noch konnte man die Schlange erblicken.

»Serr gut,« sagte der Amerikaner, das Terrain musternd, »ganz richtiger Ort, wo Anakondas sick gern aufhalten.«

Er hatte nicht unrecht. Die Grasebene war von dem Dschungelgebiete scharf durch ein schmutziges Gewässer getrennt, dicht an dem Dschungel erhob sich der mächtige Baum, und einen solchen in der Nähe des Sumpfes und dem Dschungel, ihrem Lieblingsaufenthalte, sucht sich die Riesenschlange gern aus. An den Baum sich schmiegend, lauert sie den Tieren auf, wenn sie zur Tränke kommen, schießt auf sie zu und schleppt sie in das dichte Rohr, wo sie mit Muße die umständlichen Vorkehrungen treffen kann, die zum Verschlingen der Beute nötig sind, nämlich das Überziehen derselben mit Speichel.

Reihenfels betrachtete den Baumstamm und den Boden rings umher und blickte seinen Freund kopfschüttelnd an.

»Wie meinen Sie?«

»Keine Spur von einer Riesenschlange.«

»Desto besser!« lächelte Morrison. »Lassen Sie den Amerikaner seine Falle nur hier aufschlagen, fangen wird er doch sowieso nichts. Nun, Mister Bulwer, gedenken Sie hierzubleiben?«

»Yes, der Platz ist gut!«

»Wo werden Sie sich einstweilen verbergen?«

»Auf dieses Baum.«

»Was? Wissen Sie nicht, daß die Riesenschlange die höchsten Bäume bequem ersteigt?«

»Yes.«

»Und Sie fürchten sich nicht?«

»No, uenn Schlange hört das Quieken des Affen und sieht ihn angebunden, uird sie mich verschonen und sick holen den Affen, der uird nix laufen davon.«

»Hm, es liegt Logik darin. Na, Gott schütze Sie, ich möchte aber nicht dabeisein.« Auf Bulwers Wink fuhr August den Wagen heran, während Valentin zurückblieb. Er tat, als fürchte er sich, dem Baume zunahezukommen, wo er die Schlange gesehen hatte.

Die vier machten sich an die Arbeit, die Falle zusammenzusetzen, was ohne viele Mühe vonstatten ging; denn der Konstruktion nach hatte der findige Amerikaner wirklich etwas Vorzügliches geleistet.

Dann entfernten sich Reihenfels und Morrison, den Zurückbleibenden viel Glück wünschend. Valentin fuhr mit dem Wagen zurück.

Aber August hatte durchaus keine Lust, zu bleiben, er wollte sich lieber den Davongehenden anschließen, und wenn er auch deswegen den Dienst quittieren müßte.

Reihenfels nahm ihn schon wieder auf; wenn nicht, so war es doch immer noch besser ohne Stelle zu sein, als sich mit einer Riesenschlange einzulassen.

»Ich dachte, Mister Bulwer, Sie brauchen mich nicht mehr?«

»Yes, ick brauche Sie noch.«

»Das Ding da leiere ich nicht herum, das sage ich gleich, und denken Sie denn etwa, ich setze mich mit Ihnen auf den Baumstamm hinauf und warte, bis die Schlange die Güte hat, in den Käfig zu kriechen? Nee, so dumm bin ich nicht.«

Der Amerikaner erklärte ihm, dies verlange er auch gar nicht von ihm, er brauche ihn nur noch dazu, einen Affen zu fangen.

Damit war August einverstanden; denn er war doch begierig, zu erfahren, wie dies der Yankee eigentlich beginnen würde. Einen Affen fangen ist nicht so leicht.

Sie brauchten nicht weit zu gehen; denn dort, wo sich die am Fuße bewaldeten Felsen erhoben, krächzte und kreischte es, daß man es schon von hier aus vernehmen konnte. Doch dieses bewaldete Terrain verließen die Affen nicht, höchstens sprangen sie von einem Felsvorsprunge auf den anderen, nie wagten sie sich auf die Grasebene.

Der Amerikaner machte unter einem Baume Halt. Eine Unmenge von großen und kleinen Affen trieb in den Zweigen ihr Wesen, sie haschten, bissen und balgten sich, stürzten engverschlungen von dem Zweige, erreichten aber nie den Boden; denn im Fallen ergriffen sie einen anderen Ast und rasten weiter.

Die säugenden Mütter hielten ihre Sprößlinge liebevoll im Arme – die Affenliebe ist ja sprichwörtlich – der alte Herr, der Vater, Großvater, Urahne, Ur-Urahne und so weiter, diese ganze Familie saß, würdevoll und mit griesgrämigem Gesichte auf dem breitesten Ast und ließ sich von seinen Lieblingsfrauen die kleinen Tierchen aus dem Felle suchen, die ihnen das Leben verkümmerten. Es waren zwar noch andere Männchen dazwischen, aber nur kleine; denn wenn sie groß waren, so wurden sie von dem Familienvater unbarmherzig ausgestoßen, auch gar getötet, wenn sie sich lange widersetzten. Der Ahnherr wurde nur durch den Tod oder durch einen Stärkeren von seinem Throne gestürzt.

Hatten die ausgestoßenen bereits eine heimliche Liebschaft geschlossen, so folgten ihnen die treu gebliebenen Bräute in die Verbannung, und auf dem Nachbarbaume entstand eine neue Affenfamilie.

Der Amerikaner musterte die Tiere, die die Menschen kreischend, aber furchtlos begrüßten, und sein Blick blieb mit Wohlgefallen an dem Stammvater haften, der seinen Schwanz herabhängen ließ und sich nicht um den neugierigen Menschen kümmerte.

Ja, wenn er so einen Kerl in der Falle hätte! »Mister Pulver, sie wollen wieder schmeißen!« rief August, und mit einem Sprunge war der langbeinige Amerikaner außer dem Bereiche des Baumes.

Erst jetzt sah er, daß es ein Affenbrotbaum war, und er erinnerte sich noch recht gut jenes Abenteuers, als sein Gesicht von den Affen mit einer klebrigen Hülle bedeckt worden war.

»Diesmal uerde ick euch ankleben,« sagte er phlegmatisch und ging unter einen anderen Baum, an dem nicht solche gefährliche Früchte, sondern eine Art von Kirschen wuchsen. Hier war dasselbe Bild wie dort: die gleiche Affenfamilie, der gleiche, majestätische Ahnherr mit herabhängendem Schwanze.

Der Amerikaner lehnte sich an einen Baumstamm und wandte mit gewöhnlicher Langsamkeit seinen Kopf nach August.

»Setzen Sie sich dorthin,« sagte er, nach einem großen Stein deutend.

August, an die Schrullen seines Herrn schon gewöhnt, gehorchte und schlug die Beine übereinander.

»Sie uerden ziehen Ihre Stiefel aus,« lautete der zweite Befehl.

»Nee, das uerde ick nicht tun,« entgegnete aber August. »Mich sollen wohl die Schlangen in die Füße beißen? So blau!«

»Sie uollen nicht?«

»Nee, ick uill nicht.«

»Sie uerden bekommen für jeden Stiefel einen Dollar, den Sie ziehen aus.«

Das ließ sich hören.

»Und dann? Dann soll ick barfuß herumlaufen?«

»Nix fußbar, Sie uerden die Stiefel uieder anziehen.«

»Wie lange soll ich ohne Stiefel sein?«

»Stiefeln aus- und uieder anziehen, nix ueiter. Für jeden Stiefel einen Dollar.«

Wenn's weiter nichts ist, dachte August, untersuchte erst, ob der Platz um ihn herum frei von Schlangen, Eidechsen und Insekten war, schnürte dann seine gelben Stiefel, wie sie in Indien allgemein getragen werden, auf, zog sie aus und blickte fragend auf Mister Bulwer, der ruhig am Baume lehnte und Tabak kaute; denn seit seine Zigarren vernichtet worden waren, benutzte er ausschließlich seinen reichlichen Vorrat an Kautabak.

»Serr gut,« nickte er, »ziehen Sie die Stiefel uieder an.«

Wenn ich nicht schon wüßte, daß der einen Spleen im Kopfe hat, dann erführe ich's jetzt, dachte August, zog die Stiefel an und schnürte sie zu.

»Und nun? Zwei Dollar wären verdient.«

»Dasselbe nock einmal.«

»Wieder für zwei Dollar?«

»Yes.«

August gehorchte und mußte das sinnlose Experiment sechsmal wiederholen, wofür ihm der Amerikaner zwölf Dollar schuldete.

Die Affen waren dabei stumm gewesen; doch aufmerksam hatten sie das An- und Ausziehen der Stiefel beobachtet.

Dann hieß Mister Bulwer seinen Diener sich entfernen.

August wählte einen Standpunkt, von welchem aus er alles deutlich sehen konnte.

Auch der Amerikaner trat etwas zur Seite, zog unter seinem Mantel einen großen, gelben Schnürstiefel, wie solche die Mönche trugen hervor, und warf ihn unter den Baum, auf welchem die Affenfamilie thronte.

Die Affen interessierten sich außerordentlich für den Gegenstand der menschlichen Zivilisation, schnatterten miteinander, und blickten hinunter, wagten aber noch nicht, den sicheren Baum zu verlassen.

Endlich faßte ein kecker, hagerer Geselle einen Entschluß. Von Ast zu Ast springend, näherte er sich dem Boden, blickte nochmals nach dem Amerikaner, der gar nicht hinsah, und ließ sich schließlich auf den Boden fallen.

Auf allen vieren kroch er zu dem Stiefel – der Amerikaner rührte sich nicht.

Das machte den langschwänzigen Burschen dreist. Er nahm den Stiefel in die Hand, betrachtete ihn von allen Seiten und griff einmal hinein. Dann setzte er sich und zog den Stiefel ebenso an seinen Hinterfuß, wie er es von August gesehen hatte. Der Stiefel war zwar viel zu groß, aber da der Affe die bewegliche Hinterpfote ausstreckte, so blieb er doch am Fuße sitzen.

Als er dies erreicht, stieß der Affe ein helles Kreischen aus und kletterte im Nu den Stamm wieder hinauf, ohne daß der Stiefel ihn dabei gehindert hätte, ja, er konnte noch ebenso gewandt wie früher damit von Ast zu Ast springen.

August lachte schadenfroh den schlauen Amerikaner aus, wenn er es auch nicht laut tat.

Der hat gedacht, sagte er zu sich selbst, so ein Affe könnte nicht klettern, wenn er einen Stiefel an der Pfote hat. Proste Mahlzeit, da hast du dich nun freilich geirrt! Nee, Männecken, so leicht sind Affen nicht zu fangen! Den Amerikaner schien es aber durchaus nicht zu verdrießen, daß ihm die Sache nicht geglückt war. Er betrachtete die Affenfamilie, in welcher es jetzt sehr lebhaft zuging. Der bestiefelte Affe fand viele Neider, alles jagte hinter ihm her, um sich des Stiefels zu bemächtigen, aber der hagere Bursche war schnell; immer wußte er sich seinen Verfolgern zu entziehen.

Zu Augusts Erstaunen zog jetzt der Amerikaner noch einen Stiefel unter dem Mantel hervor und warf ihn vor sich hin. Diesmal brauchte er nicht lange zu warten, ein ganzes Dutzend der beschwänzten Gäste sauste herab, der erste hatte ihn, im Nu saß er am Fuße, er wandte sich dem Baume zu und – brach in ein jämmerliches Zetern aus, denn er konnte nicht weiter, er war gefangen.

August hatte gar nicht bemerkt, daß dieser zweite Stiefel an einem Stricke befestigt war, den der Amerikaner in der Hand hielt. Wodurch der Stiefel so fest an der Hinterpfote saß, daß ihn der Affe nicht wieder losbekam, er mochte ziehen und reißen, wie er wollte, das wußte August noch nicht. Schusterpech hätte nicht so fest sitzen können.

Gemächlich zog der Yankee den kreischenden, Grimassen schneidenden und sich wie außer sich gebärdenden Affen, ein Tier mittlerer Größe, an sich heran. aber seiner habhaft zu werden, war doch nicht so leicht. August hielt sich als vorsichtiger Mann überhaupt von ihm entfernt, der Amerikaner wurde einmal tüchtig in die Hand gebissen, dann lag das Tier hilflos in einem bereitgehaltenen Sack, den Stiefel immer noch am Fuße.

August bekam doch Achtung vor seinem Herrn. Wenn er beim Fangen der Riesenschlange auch solche Kunstkniffe kannte, dann war es möglich, daß er die Spötter noch stumm machte.

Wie der Amerikaner nur immer an das dachte, was er gerade vorhatte, so kümmerte er sich nicht weiter um August, würdigte ihn überhaupt keines Blickes, nahm den Sack auf den Rücken und schritt in der Richtung davon, wo seine Schlangenfalle stand.

August blickte ihm nach, bis er seinen Augen entschwunden war, und dachte dann an den Rückweg nach dem Kloster. Es war ihm sehr fatal, sich allein nach Hause finden zu müssen.

Einmal gab es hier weder Weg noch Steg, man mußte sich nach Merkmalen richten, und dann besaß August keine anderen Waffen als ein Messer und einen Revolver.

Zum Glück hatte er während der Fahrt gut auf den Weg geachtet, und glaubte, sich zurückfinden zu können. Links mußte der Wald, rechts das Gebirge liegen bleiben, dann kam ihm das hochgelegene Kloster wohl bald in Sicht.

Der Amerikaner hatte seine Falle erreicht und beschäftigte sich damit, den Affen an die Trommel zu binden. Es war keine leichte, vielmehr eine gefährliche Arbeit; denn das Tier, das der Schuh drücken mußte, wehrte sich und biß. Letzteres verhinderte Mister Bulwer dadurch, daß er ihm sein Taschentuch um den Kopf band, wobei er abermals gebissen wurde. Doch dies alles störte ihn nicht.

Endlich war das Tier befestigt; Bulwer nahm das Tuch ab, sprang schnell zurück, um aus dem Bereiche der Nägel und Zähne zu kommen, und verließ den Käfig, vollständig überzeugt, daß ihm nun alles gelingen müsse. Noch eins hatte er vergessen. Er trat, das Messer in der Hand, von außen an das Tier, neckte es, wartete, bis ihm Gelegenheit geboten wurde, den Schwanz desselben zu erfassen, ein Schnitt, und er hielt den halben Schwanz in der Hand.

Der gequälte Affe stieß ein entsetzliches Zetergeschrei aus, was dem hartherzigen Amerikaner, dessen Passion war, Menschen zu schießen und sterben zu sehen, nur Freude bereitete.

Schon wollte sich Mister Bulwer das Winchestergewehr über den Rücken hängen, um den Baum zu ersteigen und sich oben den bequemsten Platz auszusuchen, als sein Blick auf eine Schraube des Gitters fiel, die noch zu weit hervorsah.

Noch einmal lehnte er das Gewehr an den Baum und betrat wieder den Käfig; denn das Anziehen der Schraube konnte nur von innen geschehen.

Bei seinem Eintritte befiel den Affen eine furchtbare Wut, er heulte auf, fletschte die Zähne, und packte nach der Art seines Geschlechts die nächste Eisenstange, um an ihr durch Rütteln seine Wut auszulassen.

Es war gerade die Stange, welche den Mechanismus der Falltür in Bewegung setzte.

Bulwer hörte hinter sich ein Krachen. Als er sich umsah, war die Tür zugeschlagen.

Das hatte wenig zu bedeuten, denn natürlich war eine Vorrichtung vorhanden, um die Tür wieder zu öffnen. Bulwer versuchte erst das Anziehen der Schrauben, das heißt nur mit den Fingern, denn zu seinem Ärger entdeckte er, daß Valentin auf dem Wagen alles Handwerkszeug mitgenommen hatte. Es gelang ihm aber nicht, die Schraube zu drehen.

Nun, sie war fest genug darin.

Dann drückte er an dem Mechanismus, der den Türriegel zurückschieben sollte, drückte wieder und immer wieder, stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür, rüttelte hin und her – alles vergeblich, die Tür öffnete sich nicht.

»Goddam!« brachte der Amerikaner nur hervor. Es eröffnete sich ihm plötzlich eine schöne Aussicht.

Noch einmal versuchte er mit Kraft und Geduld, die Tür zu öffnen – der Riegel schob sich nicht zurück, die Tür hob sich nicht.

So verging eine Stunde, ehe der hartnäckige Yankee diesen Versuch aufgab. Dann probierte er, ob er vielleicht einen Teil des Käfigs auseinander legen könnte, allein die plump gearbeiteten Schrauben spotteten seiner Fingerkraft.

Es half nichts, Mister Bulwer mußte gestehen, daß er sich in seiner eigenen Falle gefangen hatte. Dies war doch dazu angetan, sein Phlegma zu vernichten.

Fluchend ging er in dem geräumigen Käfig hin und her, der gemarterte Affe schrie und heulte, er schien den Amerikaner verspotten zu wollen.

Stunde nach Stunde verrann, der Abend brach an, und kein Freund, und kein Mensch ließ sich sehen, der dem Gefangenen Befreiung gebracht hätte.

Nur die Tiere des Waldes kamen und äugten neugierig nach dem seltsamen Kauz im Käfig. Sie zeigten keine Furcht, sie schienen zu wissen, daß der Mann eingeschlossen war und jenes todbringende Gewehr nicht ergreifen konnte, welches dort am Baume lehnte.

Auch Raubtiere traten aus den Dschungeln, von dem Geschrei des Affen angelockt und heulten heiser nach dem Käfig hin.

Die Sonne sank, die Nacht brach an, und Mister Bulwer lag stöhnend, nach Wasser jammernd, auf dem Boden des Käfigs, den die Riesenschlange hatte ausfüllen sollen.

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