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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 24
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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24. Das Geheimnis des Mönches

Dank Reihenfels' sorgfältiger Eingabe der Chinindosen war das Fieber Doktor Morrisons schon so weit gebannt, daß eine Krisis auf Tod und Leben nicht mehr zu befürchten war. Nun galt es nur noch, eine Wiederkehr der schleichenden Sumpfkrankheit zu verhüten, und dafür konnte der Kranke, der nicht mehr in Delirien fiel, wohl selbst sorgen.

Reihenfels durfte also daran denken, allein Ausflüge in die Umgegend zu machen, um die rätselhafte Höhle aufzuspüren.

Schon am zweiten Tage seines Aufenthalts im Kloster, als das Fieber dem Chinin zu weichen begann, hörte er innerhalb der sonst so stillen Klostermauern ein heftiges Lärmen, gerade als ob Eisen geschmiedet würde, und als er sich nach der Ursache des Geräusches erkundigte, sah er, daß er sich nicht getäuscht hatte.

Auf dem Klosterhof stand eine Feldschmiede, daneben ein Amboß. Ein Mönch, die Kuttenärmel über die sehnigen Arme emporgeschlagen, machte lange Eisenstäbe in dem flackernden Feuer weißglühend und bearbeitete die Enden dann kunstgerecht auf dem Amboß. War dieses abgelegene Kloster doch ganz auf sich selbst angewiesen, also befanden sich unter den Mönchen auch Handwerker aller Art.

Diese Schmiedearbeit leitete Mister Bulwer in eigener Person. Eine große Papierrolle enthielt den Plan, den er nach langem Grübeln entworfen hatte; aus ihm gab er dem hämmernden und zusammensetzenden Schmied seine Anweisungen.

Auch August mußte mithelfen, bald die Stangen ins Feuer halten, bald mit einem großen Hammer zuschlagen und sonstige Hilfsleistungen verrichten. Er benahm sich dabei zwar nicht ungeschickt, tat aber alles mit einer sauren und geringschätzenden Miene, als wollte er sagen:

Das ist alles unnütze Arbeit; wenn's nach mir ginge, würde alles anders und besser.

Der Amerikaner ließ sich indes nicht beirren; unerschütterlich gab er seine Befehle und sah mit Genugtuung aus den zusammengesetzten Stäben ein eisernes Gitter emporwachsen, das schließlich die Form eines großen Käfigs annahm.

Ferner erblickte Reihenfels den Prior, wie er an einem Fenster stand und tiefernst wie immer, aber mit Interesse der fortschreitenden Arbeit zusah.

Auch Bruder Valentin lehnte unten in einem Torweg, so, daß der Prior ihn nicht sehen konnte; wahrscheinlich vermochte dies überhaupt kein anderer als Reihenfels. Der Mönch schnitt nach August hinüber Grimassen und lachte geräuschlos, wobei er die Hände auf den Leib legte und sich bückte.

Reihenfels wollte Valentin wegen einer heutigen Expedition sprechen und begab sich hinunter zu ihm.

Der Mönch erklärte sich bereit, wenn der Prior damit einverstanden wäre.

»Also die Höhle, welche du einst gefunden hast, liegt westlich von hier?« fragte Reihenfels nochmals.

»Direkt westlich.«

»Und östlich hast du nie eine gesehen?«

»Habe ich dir das nicht schon gesagt?« entgegnete der Mönch durchaus nicht liebevoll, wie es die Klosterregel vorschrieb, und blickte dabei Reihenfels an, als wollte er ihn auffressen.

»Gut, mein lieber Freund, wenn der Prior zusagt, so bitte ich dich, mich heute nachmittag nach dieser westlichen Höhle zu führen, obgleich ich ziemlich bestimmt weiß, daß es ein vergeblicher Gang ist.«

»Dann schone lieber deine Knochen!«

»Ich darf nichts unversucht lassen. Wenigstens orientiere ich mich über die Felsformation, ob diese überhaupt eine Höhlenbildung zuläßt.«

Valentin blickte auf.

»So, kann man das?«

»Allerdings kann man das. Höhlen sind durch Wasser ausgewaschen oder durch Eruptionen entstanden ...«

»Laß das, so etwas verstehe ich nicht,« unterbrach ihn Valentin. »Wenn du später den Osten nach deiner sonderbaren Höhle mit dem pfeifenden Licht absuchen willst, so kannst du dich uns anschließen. Ich muß auf Befehl des Priors den Mister Dingsda begleiten.«

»Wozu?«

»Weißt du das noch nicht?« lachte Valentin leise. »Die Riesenschlange will er fangen, hahaha!«

»Und der Prior befiehlt dir, ihn zu begleiten, nicht mich?«

»Dieser Plan geht vor; der Prior ist ganz Feuer und Flamme für die Idee des Misters Dingsda, die Riesenschlange in einer Falle zu fangen. Ein solcher Narr, hahaha!«

Jedesmal, wenn Reihenfels mit Valentin zusammenkam, wuchs seine Antipathie gegen diesen. Er sah ein, daß der Klosterjäger ihn gar nicht gern begleitete, auch, daß dem Prior mehr daran gelegen war, die Umgegend von dem Ungeheuer befreien zu lassen, als ihm beim Aufsuchen der Gebeine eines Ketzers behilflich zu sein, und so beschloß Reihenfels, lieber ohne Hilfe Valentins die Ausflüge zu unternehmen, wenigstens solange Morrison noch krank war.

Aber zu der schon gefundenen Höhle sollte Valentin ihn erst führen.

Reihenfels hatte auch ganz recht. Der Amerikaner hatte den Prior mit seiner Absicht bekannt gemacht, die Riesenschlange zu fangen oder zu töten, und der Prior hatte ihm seine Hilfe und besonders Valentin als Führer zugesagt.

Die Gebeine des Herrnhuter Missionares waren ihm ganz gleichgültig; höchstens die Höhle mit der singenden Flamme hatte für ihn Interesse, denn daraus war für das Kloster in späteren Zeiten etwas zu machen.

Aber diese Höhle konnte Valentin auch allein auffinden, dazu brauchte er keinen Fremden, der das Geheimnis dann vielleicht zu früh erfuhr.

»Also eine Falle soll das werden!« sagte Reihenfels, das entstehende Gitterwerk jetzt mit mehr Interesse musternd.

»Ja, denke nur, der Kerl will eine Riesenschlange in der Falle fangen. So etwas Hirnverbranntes! Ich glaube, dieser Amerikaner ist fähig dazu, sich selbst als Köder hineinzusetzen.«

»Nun, ich wüßte nicht, warum dies gerade unmöglich sein sollte.«

»Ich sage ja eben, ich halte ihn für fähig, sich selbst als Köder hineinzusetzen. Er blökte ja gerade wie ein Schaf.«

»Ich meine, ich halte es nicht für unmöglich, eine Riesenschlange in einer Falle zu fangen.«

»Ach was, wie schlau du bist!« entgegnete Valentin höhnisch. »Hast wohl als Junge Mäuse und Maulwürfe gefangen und denkst nun, du kannst auch über Riesenschlangen mitsprechen?«

»Freund,« sagte Reihenfels ruhig, den Spötter fest ansehend, »was ich früher getan habe, geht dich nichts an, und ob ich über Schlangen sprechen kann, weißt du nicht.«

Er drehte ihm kurz den Rücken und begab sich an das Krankenlager. Valentin sandte ihm einen bösen, gehässigen Blick nach.

Am Nachmittag schritten die beiden, welche sich so wenig vertragen konnten, in westlicher Richtung vom Kloster fort, aber Valentin hatte sein Betragen vollkommen geändert, er war freundlich, ohne kriecherisch zu sein, schwatzte unaufhörlich und bat Reihenfels sogar um Verzeihung wegen seines Betragens ihm gegenüber am Vormittag.

»Ich passe eigentlich nicht fürs Klosterleben; es macht mich mißlaunig und gereizt. Es ist zwar ein schöner Beruf, Gottes direkter Diener zu sein, aber die Natur der übrigen Mönche paßt nicht zu der meinen, ich bin offener als sie, möchte manchmal gern scharf gegen sie werden, wenn sie mir zuweilen Vorwürfe machen, daß ich nicht pünktlich in der Kapelle bin, und da ich das nicht gegen sie darf, so bin ich's manchmal gegen Fremde, die unser Kloster besuchen. Nimm mir's nicht übel, Bruder, ich will auch alles tun, daß wir die Höhle finden.«

Aber solche Worte konnten Reihenfels' Mißtrauen nicht verscheuchen. Er las es dem Mönche an den Augen ab, daß er anders dachte, als sprach.

Da er jedoch andererseits keine Ahnung davon haben konnte, daß der Mann ein direkter Feind seiner Pläne und Hoffnungen war, so fragte er ihn, ob er vielleicht einmal in der Umgegend ein weibliches Wesen umherstreifen gesehen habe.

»Ein Weib? Oder ein Mädchen?«

»Ein Mädchen.«

»O ja, es gibt ja hier noch versteckt liegende Dschaddörfer, und ab und zu trifft man auch noch einen Bewohner an. Aber Weiber oder gar Mädchen gehen niemals allein in den Wald.« Reihenfels machte noch deutliche Anspielungen, die sich auf Bega bezogen, aber da Valentin sie nicht im geringsten zu verstehen schien, so schwieg er.

Sie erreichten eine gebirgige Gegend, welche sehr tief lag, und Reihenfels erkannte aus verschiedenen Anzeichen, daß hier einst ein See gestanden hatte.

Hier sollte die Höhle sein, und bald deutete Valentin auf ein dunkles Loch, das sich in der Ferne scharf von der Felswand abhob.

Die Freude wurde schnell gedämpft, als Reihenfels beim Näherkommen nur ein einfaches Felsenloch fand, das nicht einmal Ähnlichkeit mit einer Höhle hatte. Die Sonne schien hinein, man konnte den Hintergrund erkennen.

»Und das nennst du eine Höhle?« fragte er den Mönch mißtrauisch.

»Ist es vielleicht keine?«

»Und du wagtest nicht einmal, dich hineinzubegeben?«

»Was für einen Zweck hätte das gehabt? Außerdem war, wenn ich hier weilte, nie so heller Sonnenschein wie jetzt, und so konnte ich auch nicht wissen, daß dieses Loch nicht weiterging.«

Sie traten den Rückweg an. Reihenfels ersah schon aus der Gebirgsformation, daß hier gar keine Höhle existieren konnte; alles Gestein war morsch und verwittert, und außerdem befanden sie sich in einer ganz anderen Richtung, als der Herrnhuter in seinem Tagebuche angegeben hatte, auch dem Kloster viel zu nahe.

Als sie so durch das meterhohe Gras dahinschritten, raschelte es vor ihnen heftig, und ein Rudel zierlicher, rehartiger Tiere sprang auf, schnell das Weite suchend.

»Gorals,« rief Valentin und hob das Doppelgewehr, doch wie der Blitz waren die Tierchen verschwunden.

»Verdammt,« knurrte der Mönch, »wollte sagen: 's ist merkwürdig, es gibt so viele Gorals hier, und doch habe ich in den zehn Jahren, die ich hier bin, noch keine einzige geschossen.

Willst du glauben, daß die Tiere keine dreißig Meter von hier ruhig im Grase liegen und uns wieder bis auf einen Schritt herankommen lassen?«

Reihenfels lächelte. Ihm waren die Zwergantilopen oder Gorals, deren Heimat nur der Himalaja ist, sehr gut bekann, und er kannte auch ihre Angewohnheiten.

»Du hast also schon oft versucht, eine zuschießen?« fragte er.

»Und wie oft! Aber diese Bestien sind schnell wie der Blitz, sie äffen einen, und dabei kann man sich auch nicht anschleichen, denn man sieht sie nicht eher, als bis sie dicht vor einem aufspringen.«

»Es hat zwar keinen Zweck, eins von den niedlichen Tierchen zu schießen, es ist eigentlich eine Sünde, aber wenn du mir behilflich sein willst, die Höhle zu finden, so werde ich deinen Jägerstolz befriedigen.«

»Wie meinst du?«

»Ich werde dich auf eine Goral zum Schuß kommen lassen.«

»Du.« fragte Valentin, und schon wieder lag Hohn in seiner Stimme.

»Ja, ich. Ich bin zwar kein großer Freund der Jagd, aber ich habe den Charakter der Tierwelt Indiens studiert.«

»Hahaha, du bist wohl auch so einer wie der Prior, der mich einmal gefragt hat, ob man den Tiger nicht mit Leim fangen kann?«

»So unrecht hat dein Prior nicht, lieber Freund. Jedenfalls hat er gelesen, wie man den Löwen in Afrika fängt, indem man nämlich seinen Wechsel mit Leim bestreicht. Er wälzt sich, um sich von den klebrigen Blättern zu befreien, hüllt sich dadurch in eine Schicht von Blättern und steht endlich, auch die Augen zugeklebt, hilflos da. Ich werde dir zeigen, wie man eine neugierige Goral bis auf drei Schritte an sich heranlockt, du wirst sehen, wie sie das Geweih aus dem Gras herausstreckt, und dann kannst du ihren Kopf nicht fehlen.« Ungläubig blickte Valentin den jungen Gelehrten an, den er für keinen Schützen hielt, obgleich auch er das Gewehr über der Schulter trug.

Reihenfels wühlte in den Taschen und schien etwas nicht finden zu können.

»Schade,« murmelte er, »ich muß ihn im Kloster liegen gelassen haben.«

»Was brauchst du denn dazu?«

»Einen Spiegel.«

»Einen Spiegel?«

»Ja, um die Antilope durch das Glitzern anzulocken – ach so, du mußt ja einen haben.«

Valentin, vom Jagdeifer befallen, wollte in die Tasche am Gürtel greifen, zog die Hand aber schnell zurück.

»Ich einen Spiegel?« fragte er mehr erschrocken und verwirrt, als erstaunt.

»Nun ja, den von Doktor Morrison, er gab dir doch den seinen.«

»Richtig – ja – ich hatte – ich habe – ich hatte es vergessen,« stotterte der Mönch, der sichtlich mit seiner Verlegenheit kämpfte, suchte erst in seiner Tasche, dann an verschiedenen Stellen unter der Kutte.

Sein Suchen war vergeblich; mit einem bestürzten Gesicht blickte er auf, es war dunkelrot geworden, und den scharfen Augen Reihenfels' entging nicht, daß dieser Ausdruck ein erkünstelter war. Aber er ließ sich nichts merken, tat, als fiele ihm nichts auf.

»Wo hast du ihn denn?«

»Verloren, Gott verdamm ... heilloses Pech, verfl ... heiliger Himmel, ich habe den schönen Spiegel verloren!«

Was sollte diese Verlegenheit, dieses Ringen nach Fassung? Gleichmütig griff Reihenfels in die Brusttasche und zog ein kleines Bild hervor, das zum Schutz mit Glas bedeckt war.

»Das wird's auch tun, es glitzert ebenso in der Sonne. Jetzt paß auf, mach die Büchse schußfertig! Aber was hast du denn? Kennst du dieses Mädchen?«

Starr, mit hervorquellenden Augen blickte der Mönch nach dem Bilde in Reihenfels' Hand. Es stellte Bega dar, nicht als Amazone in Panzerrüstung, sondern in moderner Kleidung, wie sie solche in Wanstead getragen hatte.

»Nichts, nichts,« stotterte Valentin, sich aufrichtend, »ich dachte nur – ich hatte auch einmal – einen Schatz – hm, eine Liebste – sieht ihr verdammt ähnlich! Los, Freund, ich bin zum Schuß bereit.«

Aber seine Hand zitterte noch heftig, und in ihr der Büchsenlauf, und Reihenfels wußte nicht, was er davon denken sollte.

Sie knieten beide nieder, daß das Gras sie verdeckte, Reihenfels hob das Bild hoch und ließ das Glas in der Sonne funkeln. Schon nach einigen Minuten raschelte es, das Gras teilte sich, ein Geweih ward sichtbar, dem ein zierliches Rehköpfchen folgte; kluge Augen blickten unverwandt nach dem blitzenden Glas.

Valentin senkte den Lauf nach dem nur drei Schritt von ihm entfernten Kopf und schoß, aber mit einem großen Sprunge war die Antilope verschwunden.

Er hatte das so nahe Ziel verfehlt, was fast unmöglich gewesen war.

Gleichzeitig schnellte Reihenfels mit einem wilden Lachen und einem hohen Satze empor; im Sprunge hatte er das Gewehr an die Backe gerissen, ein Krach, und mit funkelnden Augen stand er vor dem Mönch, der über diese Schnelligkeit, über diese plötzliche Veränderung des sonst so gesetzten Gelehrten so erschrocken war, daß er sein Gewehr fallen gelassen hatte.

»Du Tölpel,« rief Reihenfels in beißendem Spott, »was denkst du, wer ich bin?«

Valentin, noch immer auf den Knien liegend, starrte ihn wie ein Gespenst an.

»Herr – ich weiß nicht – was denn?« stotterte er.

Reihenfels hatte sich schnell gesammelt, er zwang sich zu einem Lächeln.

»Glaubst du, daß ich die Golar noch getroffen habe?« »Nein – das ist – das ist ja gar nicht möglich!«

»Wettest du mit mir, daß ich sie durch das linke Auge geschossen habe?«

Auch der Mönch hatte sich wieder gefaßt, er richtete sich auf.

»Das ist nicht möglich, du konntest sie nicht mehr sehen.«

»Doch, indem ich hochsprang, so daß ich weit übers Gras sah.«

»Und da hättest du noch Zeit gehabt, nicht nur das Gewehr zu heben, sondern auch noch nach dem linken Auge des Tieres zu zielen?«

»Ersteres hast du gesehen; von letzterem kannst du dich überzeugen. Komm mit!«

Sie brauchten nur zwanzig Schritt zu gehen, da fanden sie die Antilope verendet am Boden liegen. Der Mönch untersuchte sie, schlug ein Kreuz und blickte mit namenloser Ehrfurcht, ja, mit Angst zu Reihenfels empor. Die Kugel hatte das linke Auge des Tieres durchbohrt.

»Aber es ist gar nicht möglich, das ist Hexerei!« lispelte er, sich nochmals bekreuzigend.

»Was ist Hexerei?«

»Die Goral wandte dir den Rücken zu, und du schießt sie ins Auge.«

»Du zeigst eben wieder, daß du die Tiere Indiens nicht kennst, sonst müßtest du wissen, daß die Zwergantilope im Zickzack flieht. In dem Augenblick, da ich hochsprang und auf sie zielte, schlug sie einen Haken, ich sah das linke Auge und schoß hinein. Sieh, es ist auch dieselbe; denn dieses Stückchen vom Geweih hast du ihr abgeschossen.«

»Nein, nein, das war ein Zufall!« rief der Mönch in Überzeugung. »So kann kein Mensch schießen, es ist gar nicht möglich.«

Reihenfels deutete nach einem fünfzig Meter entfernten Baume.

»Siehst du das Kreuz dort?«

»Welches Kreuz?«

»Geh hin, du wirst es sehen. Ich werde es dicht, ganz dicht abschießen.«

Ohne zu wissen, was Reihenfels eigentlich meinte, ging Valentin nach dem bezeichneten Baume. Es wurde ihn plötzlich unheimlich vor diesem Manne, den er so völlig verkannt hatte.

Aber auch dicht vor dem Baume konnte er nichts von einem Kreuze bemerken, auch nichts, was einem solchen ähnlich sah.

Er drehte sich um, damit er Reihenfels fragen konnte und im Augenblick dieser halben Wendung hörte er den Schuß knallen, er hörte die Kugel pfeifen, es war ihm auch, als hätte etwas geklirrt, aber er sah nur die Kugel im Baumstamm sitzen und dort Reihenfels im Pulverrauch stehen, den Kolben noch an der Wange, auf ihn zielend.

»Bleibe dort!« rief Reihenfels und eilte selbst zu ihm hin.

»Nun, habe ich das Kreuz nicht abgeschossen, wie ich es dir gesagt habe?«

»Welches Kreuz denn?«

»Dein Kreuz!«

Etwas wie Entsetzen befiel den Mönch, als er sein goldenes Kreuz vor sich am Boden liegen sah. Das letzte Glied, welches es mit der stählernen Kette verband, war zerschossen worden, und Reihenfels hatte in dem Augenblick geschossen, als der Mönch sich umdrehte.

Einen Zoll weiter, einen Viertelzoll nur, und die Kugel wäre ihm in den Leib gegangen, ebenso, wenn der Schütze nur eine Viertelsekunde später geschossen hätte.

»Das ist Zauberei – Du hast Freikugeln!« hauchte der Mönch.

»Eine sichere Hand habe ich, ein gutes Gewehr und sonst ein gutes Gewissen,« entgegnete Reihenfels ernst, den Mönch scharf fixierend. »Befestige dein Kreuz wieder, den offenen Ring habe ich verschont; die Kette ist nur ein Glied kürzer und wird deshalb deiner Seligkeit nichts schaden.«

Mit zitternden Händen gehorchte Valentin; sein Haar sträubte sich unter dem Strohhut.

»Willst du noch mehr Beweise dafür, daß ich das Ziel zu treffen weiß, das im Bereiche meiner Kugel liegt?« »Nein, Herr, ich glaub's. Gegen dich bin ich nur ein erbärmlicher Stümper.«

Sie gingen dem Kloster zu; Valentin jetzt immer wieder mutig einen halben Schritt hinter Reihenfels.

Dieser überlegte, was er von dem Gebaren des Mönches halten sollte. Er war fest überzeugt, daß Valentin von der Lage der fraglichen Höhle wußte, ja, daß er vielleicht auch den Aufenthalt Begas kannte; aber er hütete sich, ihn darum zu fragen.

Er traute ihm nun einmal nicht, er blickte ihm durchs Auge hindurch ins Herz und sah es dort finster, ein Herz, betrügerisch, lügnerisch, der schmutzigsten Leidenschaften fähig. Der Mann hatte einen Grund, die Kenntnis der Höhle zu verschweigen, und Reihenfels glaubte nicht, daß er sein Geheimnis deshalb preisgeben würde, weil er sich bei ihm in Respekt gesetzt hatte.

Da mußte eine andere Gelegenheit erwartet oder herbeigeführt werden, wenn diese Frage gestellt und beantwortet werden sollte.

Reihenfels hielt es indes für sehr gut, dem Burschen Respekt einzuflößen.

Wer bürgte ihm dafür, daß dieser Mensch, den er zu allem für fähig hielt, nicht an einen Mord an dem dachte, den er im Besitze seines Geheimnisses wußte? Nichts ist so sicher, will man sein Leben vor jemandem schützen, als ihm seine Überlegenheit fühlbar zu machen: dem Rohen durch körperliche Kraft, dem Hinterlistigen durch größere Schlauheit, demjenigen, der mit Pulver und Blei umgeht, durch Treffsicherheit.

Reihenfels bewies dem Mönch, daß er in Indien tausendmal besser Bescheid wußte als dieser. Jedes Tier, jede Pflanze nannte er nicht nur bei dem im Pandschab gebräuchlichen Namen, er sagte auch, wie sie in anderen Zungen hießen, er beschrieb ihre Eigentümlichkeit, ihre Jagdweise, ihre Heilkraft; keine Gelegenheit ließ er sich entgehen, um den Mönch seine geistige Überlegenheit und seine praktische Kenntnis im Jägerleben fühlen zu lassen, und Valentin hörte ihm mit vor Staunen aufgerissenem Munde zu.

»Ich habe Durst,« sagte Reihenfels einmal; »befindet sich hier irgendwo eine Quelle oder sonst ein Gewässer?«

Valentin bedauerte, daß sein Begleiter diesen Wunsch nicht schon früher geäußert hätte.

Jetzt wären sie schon weit entfernt von der einzigen Quelle in dieser Gegend und müßten nun bis zum Kloster warten.

»Siehst du denn nicht, daß Wasser in der Nähe ist?« fragte Reihenfels lächelnd.

»Nein, wo denn? Ich versichere dir, es befindet sich kein einziges Gewässer hier.«

»Siehst du den Baum dort?«

Er deutete auf einen akazienähnlichen Baum; sie gingen hin; Reihenfels machte in der Nähe des Stammes einige Stiche mit dem Messer in die fette Tonerde, und sofort floß aus dem Loch ein kleines Bächlein hervor.

Valentin schlug vor Staunen die Hände über dem Kopf zusammen.

»Moses schlug den Felsen und es sprang Wasser daraus,« schrie er auf.

»Ein ähnliches Kunststück wird Moses wohl auch gemacht haben – doch lassen wir das.

Dieser Baum hier sammelt bei jedem Regenfall einen ansehnlichen Wasservorrat, der sich in dem fettigen Boden, in welchem der Baum nur wächst, sich gut hält. Selbst in der trockensten Jahreszeit findet man immer so viel, daß einige Personen den Durst löschen können, in einer Zeit wie jetzt kann aber eine ganze Karawane hier ihre Wasserschläuche füllen. Merke dir das, Freund, sonst könntest du einmal verschmachten, während du auf einem Brunnen liegst.«

Solche Proben seiner Kenntnisse gab Reihenfels noch mehrere ab, und Valentins Staunen wuchs von Minute zu Minute. Jetzt sah er den jungen Gelehrten mit ganz anderen Augen an, jetzt erst bemerkte er, was für einen muskulösen Hals und für sehnige Hände dieser Mann besaß, was für einen sicheren, elastischen Gang, und was für einen scharfen, durchdringenden Adlerblick. Im Kloster angekommen, grübelte Reihenfels noch lange darüber nach, was für eine Bewandtnis es wohl mit Valentin habe. Warum erschrak er beim Anblick des Bildes? Warum, als er den Spiegel vermißte? Hier gab es ein Rätsel zu lösen, aber vorsichtig.

Auch Valentin saß brütend in seiner Zelle. Finstere Gedanken waren es, die ihm durch den Kopf jagten. Nein, und wäre dieser Mensch Gott selbst gewesen, wenn er nur nicht allwissend war, dann sollte er sein Geheimnis nicht erfahren.

Aber das stand auf dem Spiele, es konnte verraten werden; jener Mann schien dazu befähigt, jedes Rätsel zu lösen; nichts schien seinen Falkenaugen entgehen zu können.

Was aber war das Leben hier noch für Valentin, wenn ihm die Mittel genommen wurden, seiner Leidenschaft zu frönen? Lieber, hatte er beschlossen, wollte er dem Kloster den Rücken kehren, doch er wußte auch, daß er ohne solch einen Hinterhalt für dieses Leben verloren war.

Er mußte ein Mittel ersinnen, einen Verrat zu verhindern, und er fand auch nach stundenlangem Brüten ein solches.

Die Vesperglocke ließ das Hämmern des Schmiedes auf dem Hofe verstummen; sie rief auch Valentin in die Kapelle.

Der grauhaarige Sünder in der Mönchskutte, der Wolf im Schafsfell, kniete wohl andächtig mit gefalteten Händen, wie die anderen Mönche, nieder, aber seine Lippen bewegten sich nur, sie murmelten keine Gebete, er hörte auch nicht die salbungsvollen Worte des Priors; denn seine Gedanken waren mit dem beschäftigt, was er diese Nacht vorhatte.

Nach der Abendandacht stand er wieder am Fenster seiner Zelle und blickte hinaus in den Wald, nach den Bergen, deren schneebedeckte Gipfel im letzten Abendrot erglühten.

Sonst, wenn den ehemaligen Gemsjäger die Lust anwandelte, um diese Zeit noch durch den Wald zu streifen oder auf nächtliche Abenteuer auszugehen, hatte er, sich weit zum Fenster hinausbiegend, mit täuschender Ähnlichkeit das Geheul des Panthers ertönen lassen.

Dann war er zum Prior gegangen, hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß ein Panther ums Kloster schliche, und er war zur Vertilgung des Raubtieres hinausgeschickt worden.

Meist kehrte er dann wirklich mit einem blutigen Raubtierfell zurück; hatte er keins erbeutet, so schadete es auch nichts, dann war seine Mühe eben vergeblich gewesen.

Heute aber wagte er es nicht, diesen Betrug, einen Panther nachzuahmen, auszuführen. Er fürchtete den jungen Gelehrten, er glaubte, dieser müsse sofort hören, daß das Geheul aus einer menschlichen Kehle stamme.

Valentin bog sich zum Fenster hinaus, legte schon die Hände trichterförmig vor den Mund, brachte aber keinen Laut hervor. Die Furcht vor dem allwissend scheinenden Fremden schnürte ihm die Kehle zu.

Und doch mußte er heute nacht noch hinaus, unbedingt, er mußte sein Geheimnis schützen.

Da rollte es dumpf wie ferner Donner; ein furchtbares Gebrüll folgte, daß die Luft erzitterte; es wurde im Walde lebendig, als befände sich alles auf der Flucht, und das langgezogene Gebrüll endete wieder in einem dumpfen Murren. Ein Königstiger hatte gesprochen, er hatte angekündigt, daß der Fürst der Dschungeln und der Wälder jetzt auf Raub ausginge.

Valentin hätte bald einen Jubelschrei ausgestoßen; jetzt waren ihm die Klosterpforten geöffnet. Den Tiger fürchtete er nicht, er ging ihm aus dem Wege.

Mit der Büchse in der Hand betrat er das Gemach des Priors, der ihn schon zu erwarten schien.

»Hast du gehört, Bruder Valentin?« fragte der alte Mann, und Entsetzen lag in seinem Gesicht.

»Ich habe den Tiger brüllen hören, und sieh, ich bin schon bereit, ihm den Weg zum Kloster zu vertreten.« Mit einem Segen entließ der Prior ihn, und Valentin eilte dem Walde zu, nachdem er sich noch von einem dienenden Bruder die Tasche mit Hartbrot hatte füllen lassen.

Aber Valentin hatte durchaus keine Lust, das gefährliche Raubtier bei Nachtzeit aufzusuchen, was er übrigens auch noch nie getan hatte, sondern er machte einen großen Bogen um die sumpfige Niederung, wo sich der Tiger sicher aufhielt, und schlug den Weg nach dem Gebirge ein.

Es war immerhin ein gefährlicher Weg, der Tod lauerte hinter jedem Busch auf ihn. Doch einmal war Valentin schon an solche nächtliche Spaziergänge gewöhnt, und dann, wessen ist der Mensch nicht fähig, der von irgendeiner Leidenschaft nach einem Ziele getrieben wird! Der Mönch durchquerte dieselbe Gegend, in der er vor einigen Tagen mit August das Zechgelage abgehalten hatte; er schlug auch den Weg nach dem Badebassin ein, hielt sich aber dann mehr links, und kam nach einer Stunde schnellen Wanderns in eine womöglich noch unwirtlichere Gegend.

Nur schwach schien der Mond, ein hier Unbekannter hätte jeden Augenblick Gelegenheit gehabt, Hals und Beine zu brechen, aber Valentin schien jeden Fußbreit des Bodens zu kennen.

Er sprang über Spalten im Boden, die gar nicht sichtbar waren, wand sich durch schmale Gänge, vermied die Felsen, die ihm den Weg versperrt hätten, und kletterte wie ein Steinbock über das gefährlichste Steingeröll.

Zwar hatte er von dem Bassin aus noch eine Stunde zu marschieren, doch bewegte er sich stetig im Bogen, so daß es schien, als müsse er nach dem Bassin zurückkommen. Aber er gelangte so nur auf die andere Seite der Felsenmasse, ans welcher der kalte Quell entsprang, und hier war er endlich am Ziel.

Auf Händen und Füßen kroch er einen schrägen Abhang hinauf, der mit losem Geröll, das aber aus mächtigen Blöcken bestand, bedeckt war. Es war ein Aufstieg auf Tod und Leben; kam nur ein einziger Block über ihm ins Rollen, so stürzte sich der ganze Abhang auf ihn, ihn zerschmetternd und begrabend; aber auch schon wenn der Block, auf den er trat, ins Gleiten kam, wurde er mit in die Tiefe gerissen.

Doch wie eine Katze verstand der alte Gemsjäger zu klettern; eine solche Geschmeidigkeit hätte man dem anscheinend plumpen Körper wahrlich nicht zugetraut.

Endlich hatte er einen festen Absatz erreicht. Jäh türmte sich von hier an die Felswand auf, während der Absatz wie eine schmale Galerie, höchstens einen halben Meter breit, sich die Wand entlang fortsetzte.

Diese Galerie benutzte Valentin. Nachdem er die steile Böschung hinter sich hatte, öffnete sich links neben ihm ein unermeßlich tiefer Abgrund, während sich rechts die Wand erhob, und auf dem schmalen Pfade lief der Mönch wie eine Katze, furchtlos und schwindelfrei.

So erreichte er ein dunkles Loch, das dicht über dem Grate lag. Hier hatte seine gefährliche Wanderung ein Ende, dafür aber nahm ihn geheimnisvolle Nacht auf.

Wieder mußte er auf Händen und Füßen kriechen, bis sich der enge Gang erweiterte, und gleichzeitig drang, als er sich aufrichtete, ein eigentümlicher, gleichmäßig singender Ton an sein Ohr.

Es war dies Valentin etwas Bekanntes, schon oft Gehörtes. Ohne sich aufzuhalten, schritt er weiter, brauchte auch nicht zu tasten, denn er kannte den Weg.

Dann leuchtete ihm aus der Nacht ein weißer Strich entgegen, der immer heller wurde, je länger das Auge darauf ruhte. Dies also war die Höhle, in welcher der Fakir im somnambulen Zustand Bega gesehen hatte, und der lügnerische Mönch wußte den Weg zu ihr recht gut zu finden, ja, er wußte noch mehr.

»Begum!« rief er leise.

Ein Rascheln wie von trockenem Laub erscholl, dann zuckte ein Lichtstrahl durch die Nacht, und vor Valentin stand, ein brennendes Scheit in der Hand, Bega, ebenso gekleidet noch wie damals, als sie aus dem Gouvernements-Palast geflohen war, nur daß das Übergewand stark gelitten hatte.

»Bist du's, Bruder Valentin?« fragte sie mit trauriger Stimme. »Ach, ich habe so lange auf dich gewartet, mit solcher Sehnsucht, und immer vergeblich!«

Der Mönch war wie umgewandelt. Seine Bewegungen waren jetzt gemessen, seine Stimme klang sanfter, er sprach langsam und feierlich, und nie gebrauchte er einen Fluch, desto mehr schmückte er seine Rede mit frommen Sprüchen und dem Namen Gottes aus.

»Armes Kind,« sagte er bedauernd, »wie schmerzlich berührt es mich, dich traurig zu finden! Hast du noch immer nicht mit der Welt gebrochen? Ich weiß, es ist schwer, dem zu entsagen, was man liebt, aber Gott will es, und wen Gott liebt, den züchtigt er. Was ist es, das dein Herz betrübt, und was dich auf mich warten ließ?«

Das Mädchen hatte inzwischen einen Reisighaufen in Brand gesetzt, auf den es einige große Scheite Holz warf. Das Feuer war nötig hier, sonst war es vor Kälte kaum erträglich, das heißt, im Gegensatz zu der draußen herrschenden, warmen Temperatur.

Der Rauch des Feuers zog durch den Kamin ab, in den auch die Flamme hineinschlug.

Diese hatte ganz die Beschaffenheit, wie sie der Fakir und der Missionar in seinem Tagebuch beschrieben. Sie war in beständig zitternder Bewegung, stand kerzengerade wie eine dünne Säule, entquoll einem Spalt im Boden und strahlte wenig Licht aus. Es war eine jener sogenannten ewigen Flammen, wie man sie in Asien mehrfach findet. Die Priester des umwohnenden Volkes, gleichgültig welcher Religion, stempeln sie zu einem heiligen Wunder und machen Geschäfte mit ihr. Diese Flammen werden durch ein aus der Erde strömendes Gas genährt und können überhaupt nicht verlöschen, weil sich das Gas, wenn es sich mit dem Sauerstoff der Luft vermischt, von selbst entzündet.

Hier war die Erscheinung um so wunderbarer durch den singenden Ton, der durch die Schwingungen der Flamme in dem kaminartigen Schacht erzeugt wurde.

Valentin mochte es nicht ganz geheuer zumute sein, er war unsicher und betrachtete das Mädchen mit mißtrauischen Blicken, während es den Holzstoß in Brand setzte.

»Nimm Platz,« sagte es dann, auf ein Bündel Felle deutend, »ich habe dich viel zu fragen.

Ach, wenn du wüßtest, wie ich dein Kommen herbeigesehnt habe, und du kamst so viele Tage nicht.«

Bega setzte sich dem Mönch gegenüber und blickte ihn mit gespannter Erwartung an.

Sie sah frisch und gesund aus, aber trauriger als je zuvor.

»Sage, guter Vater,« begann sie wieder, »mit wem bist du vor zwei, drei Tagen zusammen auf der Jagd gewesen?«

Valentin tat, als überlege er, um seiner Unruhe Herr zu werden.

»Ich weiß es nicht gleich, es sind so viele Fremde jetzt im Kloster –«

»So viele? O, wenn er dabei wäre!«

»Wo hast du mich gesehen?«

»Jenseits dieses Felsens. Ich folgte einer Berggazelle und verstieg mich sehr hoch. Da, als ich auf dem äußersten Grat stand und hinabblickte, sah ich dich und einen Mann in einem Talkessel sitzen, oder es war nur ein Loch, und wenig nur konnte ich zwischen den Bäumen hindurch sehen.«

»Wenig nur?«

»Ja, doch euch beide sah ich –«

»Einen Augenblick,« unterbrach sie der Mönch. »Sahst du nicht, was wir machten?«

»Das konnte ich nicht sehen. Jenen Mann aber kannte ich; er ist ein Freund von mir.«

»Ein Freund von dir?« sagte Valentin wie vorwurfsvoll. »Lernst du noch immer nicht begreifen, daß du keinen anderen Freund hast als den lebendigen Gott und mich, den Gott dir gesandt hat, als du Schutz suchtest in dieser Höhle? Vertraue vor allen Dingen Gott und nenne mich deinen Freund, mich allein, denn ich bin dein wahrer Freund! Ja, Weib, nenne mich deinen Geliebten in Jesu Christo, Amen.«

Er hatte ihre Hände ergriffen und sie inbrünstig gedrückt, seine Augen hingen begehrlich an der geschmeidigen Gestalt des Mädchens, überhaupt hatte sich sein Wesen verändert, seit er erfahren, daß sie damals in dem Talkessel nicht gesehen hatte, was er tat, daß sie also nichts von der Zecherei wußte.

Bega war zu sehr mit etwas anderem beschäftigt, als daß sie seiner geachtet hätte, auch kannte sie ihn nur als einen fanatischen Priester, der sie dem katholischen Glauben zuführen wollte. So ließ sie ihm die Hände, die er drückte und streichelte.

»Ich weiß, daß du mein Freund bist, und ich danke dir dafür, daß du an mir Armen Anteil nimmst. Aber sieh, jener Mann, den du bei dir hattest, war ein Freund von mir! Er kommt sicher, um mich aufzusuchen.«

Valentin schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das Kloster beherbergt nur Engländer, welche dich, die Begum von Dschansi, fangen oder töten wollen. Dir dies zu sagen, komme ich heute zu dir.«

»Nein, nein, jener Mann gehört nicht zu diesen.«

»Wie sah er aus? Beschreibe ihn! Ich muß oft Engländer einzeln oder in Trupps führen, um dich zu suchen. Natürlich führe ich sie immer irre, denn Gott will nicht, daß ein Schaf verloren geht, wenn es noch ihm zufallen kann. Wie sah er aus?«

»Er hatte rotes Haar.«

Erschrocken sprang Valentin auf.

»Wie? Der mit dem roten Haar? Der von Gott Gezeichnete? Der Judas? Wehe, wehe, dreimal wehe, das ist ein Verruchter! Gottes Zorn möge ihn niederschmettern; denn er trachtet dir nach dem Leben oder vielmehr sein Herr. Tag und Nacht ist sein Herr ...«

»Halte ein,« unterbrach Bega erfreut den Mönch, der in Ekstase mit ausgebreiteten Armen dastand, wie der blitzeschleudernde Zeus, »du sprachst von seinem Herrn. Das ist ja der, den ich liebe und suche, der auch mich bis an seinen Tod suchen wird. Nenne seinen Namen, beschreibe ihn!«

»Du liebst ihn? Diesen verruchten Amerikaner mit dem langen Bart und großkarierten Rock? Unglückliche, der Teufel hat dich verblendet. Knie nieder, daß ich dir die Hände auflege und den bösen Geist im Namen des Gekreuzigten banne.«

»Ich kenne keinen Amerikaner mit langem Rock. August ist Reihenfels' Diener.«

»Ja, August ist der Name des Verfluchten, der seinem Herrn für schnödes Geld den Weg zu dir zeigen will. Aber ich werde es hindern; denn als Kind Gottes bist du meine Himmelsbraut.«

»Nein, August ist Reihenfels' Diener.«

Wie zufällig wandte Valentin den Kopf und sah an der Felswand ein Winchestergewehr lehnen.

»Ha, wie kommst du zu dieser Büchse?«

Begas Gesicht wurde rot.

»Diese gehört dem Amerikaner,« fuhr Valentin schnell fort, »er sagte, daß sie ihm gestohlen worden wäre.«

»Ich nahm sie aus seinem Zelt.« gestand Bega leise.

»Ja, so sagte er. Ah, nun bekomme ich Klarheit; richtig, meine Tochter, du bist im Recht! Höre mich an: ich entsinne mich, daß dieser August mir einst den Namen seines früheren Herrn gesagt hat, und dieser war Reihenfels. August kannte dich gut, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dies hatte ein Amerikaner namens Bulwer erfahren, der vom Satan ganz und gar besessen ist und im Frevelmut geschworen hat, nicht eher seinen karierten Rock abzulegen und nicht eher seinen Bart abzuscheren, als bis er die Begum von Dschansi erlegt hat. Erlegt, hat er geschworen, dich, meine Himmelsbraut, will er wie ein wildes Tier erlegen! Für schweres Geld hat er August geworben, mit ihm zu gehen; denn er kennt dich nicht, wohl aber August. Dieser also soll den Judas spielen. Er meinte, wenn du ihn siehst, würdest du dich wohl offen zeigen, und dann will dich der Amerikaner wie einen tollen Wolf niederschießen.«

Mit starren Augen blickte das Mädchen den Sprecher an.

»Nein, das kann ich nicht glauben. Dessen ist August nicht fähig.«

»O, liebe Tochter, der Mensch, so er nicht vom Geiste Gottes erleuchtet ist, ist für Geld zu allem fähig. August hat es ja im Kloster selbst erzählt.

Es freut mich nur, daß du dem Amerikaner wenigstens ein Gewehr genommen hast, freilich hat er noch ein anderes ebensolches. Weine nicht, mein Engel, das ist kein Diebstahl; es war ganz recht von dir, ihm eine solch gefährliche Waffe, die gleich sechzehnmal schießt, zu nehmen, und dann bedenke, daß Gott denen, welche er liebhat, alles im Schlafe schenkt, das heißt mit anderen Worten, er läßt die schlafen, denen die von Gott Geliebten etwas nehmen dürfen. Also darum weine nicht, mein Engel!«

Aber Bega weinte wegen etwas ganz anderem, und das wußte der alte Sünder recht wohl.

»Ist Oskar – Mister Reihenfels denn nicht mit im Kloster?« schluchzte sie.

»Nein. Soviel mir August sagte, will er sich verheiraten, ich glaube in Bombay.«

Bega schnellte empor.

»Du lügst!«

»Wie, du zeihst mich der Lüge, mich, der ich Gott ewigen Gehorsam geschworen habe, der ich mich ein Kind Gottes nenne und nennen darf? Kind, der Teufel spricht aus dir, knie nieder und bete mit mir!«

Weinend sank Bega wieder nieder.

»Sieh,« fuhr der Mönch fort, »erst jetzt erfahre ich, daß du zu diesem Reihenfels eine unzüchtige, unheilige Liebe im Herzen trägst – denn jede Liebe, die nicht zu Gott ist, nenne ich unzüchtig – und es freut mich, daß ich sie dir wie Unkraut aus dem Herzen rotten kann.

Reihenfels' Eltern, glaube ich – nicht wahr, er hat Eltern?«

Bega nickte.

»Und er ist ihnen gehorsam?«

»Ich glaube.«

»Nun, seine Eltern wollten, daß er ein Mädchen heiraten sollte, und er war ihnen gehorsam. Dieser Gehorsam gegen seine Eltern ist das einzige, was ihm Gott einst anrechnen wird. Wenn ich fleißig für ihn bete, so wird Gott ihn vielleicht nicht zu lange im feurigen Pfuhl braten lassen. Soll ich für ihn beten?«

Er streichelte ihr das Haar.

»Soll ich für ihn beten?« wiederholte er zärtlich. »Ich tu's gern, weil ich dich liebe in Jesu Christi Namen, Amen.«

Doch Bega war jetzt nicht dazu gestimmt, auf ihn zu hören. Die lange Einsamkeit, der Wahn, immer verfolgt zu werden, geschaffen durch die Angaben des schurkischen Mönchs, hatten ihre Nerven aufs höchste angegriffen.

»Laß ihn fahren dahin! Besser, dein Herz bricht, als daß deine Seele verloren geht; aber es soll nicht brechen, dafür laß nur mich sorgen. Also höre; dieweil im Kloster viel Engländer sind, die beschlossen haben, die Begum von Dschansi zu fangen oder zu töten, darunter ganz besonders hervorzuheben der Amerikaner, der sogar eine Falle hat bauen lassen, um dich darinnen lebendig zu fangen – ja, ja, sieh mich nur an, es ist wirklich wahr; er hat einen eisernen Käfig wie eine Mausefalle gebaut – angesichts dessen also ist es besser, du verläßt diese Höhle nicht mehr, läßt dich überhaupt nicht mehr sehen; denn wirst du nur einmal erblickt, so kann ich dich nicht mehr schützen. Jetzt weiß noch niemand von dieser Höhle, und ich will dafür sorgen, daß niemand von ihr erfährt. Trotzdem: verlaß die Höhle nicht, zeige dich auch nicht am Eingang, und du bist unter Gottes und meinem Schutze wohl geborgen. Es mangelt dir an nichts, du hast Fleisch im Überfluß; Bibel und Gesangbuch habe ich dir mitgebracht, einen Spiegel auch, damit du dich besehen kannst; denn das Gesicht ist der Spiegel der Seele, und nur laß dir raten, niemals von jener höllischen Flüssigkeit zu trinken, die dort hinten in Flaschen liegt.«

Der Mönch räusperte sich und blickte in den Hintergrund der Höhle.

»Ach ja, daß ich es nicht vergesse. Der Prior hat mir aufgetragen, Abendmahlsweine mitzubringen und auch ein paar Flaschen heißeren Wein; denn wir haben wieder viele Kranke im Kloster. Verhüte Gott, daß ich jemals krank werde, damit meine reinen Lippen nicht mit jenem höllischen Stoff in Berührung kommen, den der Teufel im Pfuhl der Hölle gebraut hat.

Wüßte ich nicht, daß der liebe Heiland selbst es befohlen hätte, ich würde gar nicht einmal das heilige Abendmahl nehmen; denn der Wein ist mir zuwider.«

Valentin leckte mit der Zunge die Lippen und warf wieder einen Blick in den Hintergrund, der vorläufig noch vollkommenes Dunkel einhüllte.

»Ferner vernimm, meine Geliebte im Herrn, daß dir auch noch von anderer Seite Gefahr droht. Nicht nur die Engländer dürsten nach deinem Blut, nein, auch indische Krieger sind hier erschienen, die auf dich Jagd machen wollen.«

»Ich weiß es,« seufzte das Mädchen. »Hast du schon welche gesehen?«

»Wie ein Heuschreckenschwarm haben sie sich hier niedergelassen; selbst mit ihren Feinden, den Engländern, haben sie sich vereinigt; denn es gilt ja die Begum von Dschansi zu fangen.«

»Ich dachte es mir. Wie heißt ihr Anführer?«

»Ich glaube – Lena – Lina – Nina –«

»Nana Sahib.«

»Nana Sahib, richtig! Ein ganz gefährlicher Mensch, er hat mir schon hundert Pfund Sterling geboten, wenn ich dich ihm ausliefere. Doch fürchte nichts, ich bin dein Vater, dein Bruder, dein Geliebter, natürlich nur in Jesu, alles, was du willst. Und vor allen Dingen zürne deinen Feinden nicht, sondern vergib ihnen in Jesu Christi Namen; denn sie wissen nicht, was sie tun, Amen. Vergiß nicht, mich an den Wein zu erinnern, den ich für den Prior mitnehmen soll.«

»Und wenn sie diese Höhle nun doch finden?«

»Dies, Geliebte, fürchte nicht, ich werde es verhindern; nur folge mir. Sollten sie aber doch auf deine Spur kommen ...«

»Dann werde ich mich zu verteidigen wissen,« rief Bega mit blitzenden Augen; »diese Höhle liegt wie eine Festung, und wenn sie auch keine Kanonen besitzt, so doch etwas anderes. Dann stelle ich mich an der Böschung auf und sende Stein auf Stein den Feinden entgegen, und rückten sie in hellen Scharen heran, sie könnten doch nichts ausrichten; dann bringe ich den Abhang ins Rollen, und sie alle, alle werden unter den Steinen begraben.«

»Ja, aber nicht die Nachkommenden. Dies, meine Himmelsbraut, sei dein letztes Mittel.

Ehe es so weit kommt, werde ich dich warnen, daß du von hier fliehen sollst.«

»Fliehen? Wohin? Soll ich wieder wie ein wildes Tier im Walde leben? Ach, ich bin schon unglücklich, daß ich hier wie ein Höhlenbär leben muß! Zwei Ausgänge habe ich, und keinen darf ich benutzen.«

»Du bist doch nie durch den anderen gegangen?« fragte Valentin besorgt.

»Nie.«

»Das ist gut, man könnte nämlich Bluthunde benutzen, und diese würden deine Spur bald finden. Auch ein Mensch schon, und wäre er noch so kurzsichtig, würde sie entdecken, wenn die Büsche und das Gras zertreten wären.«

»Wohin aber sollte ich denn fliehen?«

»Ich würde dir mit meinem Rate zur Seite stehen, dich wahrscheinlich auch begleiten.

Also, nicht wahr, du kommst allen meinen Bitten nach?« »Ich muß, so schwer es mir auch fällt.«

»Du bist ein gehorsames Kind, Gott wird es dir dereinst lohnen, daß du seinem Priester folgsam gewesen bist. Laß dich küssen, meine Tochter, ziere dich nicht; ich bin kein gewöhnlicher Mensch, nächstens wirst du um meinen Kopf einen Heiligenschein sehen, und jeder Kuß, den ich dir gebe, bringt dich einen Schritt dem Himmel näher.«

Aber Bega schien keine Lust zu haben, in diesen zu kommen, oder sie hatte die Worte des Mönchs gar nicht gehört. In Gedanken versunken saß sie da und schnellte wie von einer Schlange gebissen auf, als Valentins Lippen ihren Mund berührten.

Im nächsten Augenblick flog Valentin wie ein Ball gegen die Wand, daß ihm die Rippen krachten.

»Hallo, he, verd – verzeihe, so war das nicht gemeint. Wir Priester küssen jeden, das ist so gut wie ein Segen.«

»Dann verzeihe mir, das wußte ich nicht. Soll ich dir nach der Ecke leuchten?«

»Ja, tue das, ich muß gehen. Auch einen Trunk Wasser kannst du mir reichen. Aber erst den Abendmahlswein für den Prior, das ist das Wichtigste.«

Bega ergriff einen brennenden Ast und führte den Mönch tief in die Höhle hinein. Da sah man, woher Valentin seinen Wein bezog.

In einer Ecke standen viele Kisten und Körbe, alle mit Londoner, aber verschiedenen Firmen signiert. Die eine war die Firma einer Weinhandlung, die andere die einer Londoner Konservenfabrik, welche Reisende und besonders Militär und Marine mit Konserven versorgte, auch viel nach den Kolonien expedierte.

Es war ein so ungeheurer Vorrat, daß man auf die Vermutung kam, hier handele es sich nicht um den Proviant eines oder mehrerer Reisenden, sondern um eine ganze Frachtsendung ins Ausland.

Wie aber kamen diese Sachen hierher? Bega steckte das brennende Scheit in eine Wandspalte und ließ den Mönch allein, der ein grobes Tuch hervorzog, es am Boden ausbreitete und darauf aus Kisten und Körben, von denen nur erst ein ganz kleiner Teil angebrochen war, Weinflaschen und Konservenbüchsen in leckerer Auswahl aufhäufte.

Valentin hatte Bega gesagt, diese Höhle wäre wegen ihrer kühlen und trockenen Beschaffenheit der Vorratsort des Klosters, und Bega hatte keinen Grund, diese Aussage zu bezweifeln.

Während der Mönch seinen Sack füllte, beobachtete er zugleich das Mädchen, welches in einer anderen Ecke einen Stein abgehoben hatte, unter welchem ein Loch zum Vorschein kam. Sie ließ an einem langen Strick einen Tonkrug hinab und zog ihn, mit Wasser gefüllt, wieder heraus. Also war in dieser Höhle auch Wasser zu haben, was der Herrnhuter Missionar nicht gewußt hatte.

Valentin hielt gerade eine Flasche in der Hand, als Bega den Krug auf und nieder spielen ließ, um ihn mit Wasser zu füllen. Diese Minute benutzte der Mönch, blitzschnell in die Tasche zu fahren, den Korkzieher hervorzuholen; wie durch Zauberei und ohne Geräusch öffnete er die Flasche, in langen Zügen sog er am Hals, und als Bega ihm den Trunk Wasser anbot, war er schon wieder so gleichgültig mit dem Packen des Bündels beschäftigt, als wenn nichts geschehen wäre.

Ehe er ging, nahm er den brennenden Ast und schritt noch tiefer in die Höhle hinein. An der hintersten Wand befand sich dicht am Boden ein Loch, der Eingang zu einem Tunnel, dem anderen Eingange gerade gegenüberliegend, und soviel man sehen konnte, führte der Tunnel schräg abfallend in die Felswand hinein.

Als Valentin nichts Auffälliges fand, begab er sich nach dem vorderen Raume zurück. Erst jetzt, da er die Fackel hochhielt, bemerkte er das noch blutige Fell eines Königstigers, das mit kleinen Pflöcken ansgespannt war. Ein triumphierendes Lächeln zog über sein Gesicht.

»Ah, hast du den geschossen?«

»Heute morgen. Es wird wohl für lange Zeit das letzte Jagdvergnügen gewesen sein, wenn nicht für immer.«

»Das ist brav, du hast der Menschheit einen großen Dienst erwiesen, solch ein gefräßiges Raubtier, eine Schöpfung des Teufels, vernichtet zu haben, und der liebe Herrgott wird es sich notieren – ja, das wird er tun. Was willst du aus dem Fell machen?«

»Mir eine weiche Decke.«

»Ach geh, das macht viel Mühe, und das Fell wird hier in der kalten Höhle überhaupt nicht weich. Überlaß es mir, ich nehme es mit, gerbe es im Kloster, wo wir alles Nötige dazu haben, schön weich und bringe es dir dann mit.«

Bega war's zufrieden. Er wickelte das schwere Fell zusammen, erkundigte sich väterlich, ob es dem Mädchen an nichts gebräche, ob noch genug Holzvorrat da sei, schärfte ihr nochmals ein, die Höhle nicht mehr zu verlassen, weil nicht nur Engländer, sondern auch Indier auf sie fahndeten, und trat nach Hinterlassung von vielen Segensprüchen und geschlagenen Kreuzen den gefährlichen Rückweg an, doppelt gefährlich jetzt, da er die gewichtige Bürde zu tragen hatte.

Doch in dem knochigen Körper des Mönchs steckte nicht nur eine außerordentliche Gewandtheit, sondern auch Kraft, und so gelang es ihm, den Abhang hinabzusteigen, ohne ins Rutschen zu kommen.

Höhnisch kicherte er vor sich hin, als er den Abstieg begann, beide Bündel auf dem Rücken.

»Die werde ich mir schon noch zahm machen, das verrückte Weibsbild. Hahaha, wie sie tat, als ich ihr einen Kuß gab. Es war der erste, aber wie der schmeckte! Ein verdammt schönes Mädchen! Na, stecke nur erst ein paar Wochen in deiner dunklen Höhle, dann findest du mich vielleicht auch noch recht hübsch und spielst gern mit mir! Lehrt doch den Valentin die Mädchen nicht kennen! Hahaha, sie die Braut von diesem Reihenfels! Aber Vorsicht, Valentin, Vorsicht, auch August darf nichts davon erfahren, und dann, Valentin, hussa, dann gibt's ein Leben wie die Götter, hussa, Wein und Liebe!«

Er machte einen mächtigen Luftsprung, trotz des gefährlichen Weges und der schweren Last, aber erschrocken blieb er stehen.

Dort in der Ferne, wo er von seinem Standpunkte aus in eine Schlucht blicken konnte, sah er viele leuchtende Punkte schimmern.

Wäre er hier nicht vollständig bekannt gewesen, er hätte sie sich nicht erklären können, so aber wußte er, daß sich dort eine Schlucht befand. und daß die leuchtenden Punkte nichts anderes als Feuer sein konnten.

Wer aber lagerte dort? Nun, jedenfalls englische Soldaten, welche diese Gegend nach Rebellen absuchen wollten.

Bis jetzt hatten sich hier allerdings weder Engländer noch Rebellen sehen lassen.

Wenn es nun aber Indier waren? Dann hatte Valentin den Teufel an die Wand gemalt.

Bah, was kümmerte ihn das? Er verfolgte seine eigenen Absichten.

Er vollendete den Abstieg und machte sich auf den Rückweg, der etwa zwei Stunden beanspruchte. Als er ungefähr das Bassin erreicht hatte, welches von der Quelle gebildet wurde, sank er plötzlich lautlos hinter einem Steinblock zusammen und schmiegte sich ins Gras.

Dort ging schnellen Schrittes ein Mann; Valentins scharfe Augen erkannten in ihm einen Indier. Er bewegte sich schnell, aber vorsichtig vorwärts und blickte sich scheu um.

Doch Valentin sah noch etwas anderes, was ihn bewog, die Büchse schußbereit zu machen. Aus dem hohen Grase tauchte plötzlich noch eine andere dunkle Gestalt auf und schlich raubtierähnlich dem Wanderer nach, ja, Valentin hätte die Gestalt erst für einen Panther gehalten, wenn nicht das Blitzen von Waffen den Menschen verraten hätte.

Ahnungslos schritt der einsame Wanderer dahin, schleichend näherte sich ihm der andere von hinten.

Da, ein Satz, ein Fall, und der Vorausschreitende lag am Boden, der Angreifer kniete auf ihm, das Messer zum Stoß erhoben.

»Wer bist du? Wohin willst du?« hörte Valentin deutlich den obersten Mann fragen.

Nur ein Röcheln erscholl, die Hand schnürte wahrscheinlich die Kehle zu.

»Ich bin – Babur,« stöhnte er. »Du erwürgst mich!«

»Babur? Kenne ich nicht! Wohin willst du?«

»Ich bin Rebell.«

»Das sagt jetzt jeder, der gefangen wird. Besser, zehn sterben unschuldig, als daß der Verräter geschont wird. Stirb, ich sende deine Seele zu Brahma.«

Das gezückte Messer schwebte in der Luft.

»Halt ein!« schrie der Unterlieger in Todesangst. »Nana Sahib ...«

»Was ist mit ihm?«

»Ich muß zu ihm.«

»Warum?«

»Wichtige Meldung.«

»Kennst du Nana Sahib?«

»Sehr gut.«

»Hund, jetzt mußt du sterben!«

»Halt, jetzt erkenne ich dich!« vermochte Babur unter der würgenden Faust noch einmal hervorzubringen. »Du selbst bist Nana Sahib! Halte ein! Ayda ...«

»Was ist mit Ayda? Kennst du sie?«

»Ich bin der treue Diener deines Weibes.«

»Ha, jetzt entsinne ich mich auch deiner. Wo ist Ayda?«

»Nicht weit von hier. Sie konnte nicht mehr gehen; ich sah Feuer und wollte hin, um Hilfe zu holen.«

»Gut, führe mich zu ihr.«

Beide standen auf und verloren sich in der Finsternis.

Valentin wartete noch eine Weile und setzte dann so vorsichtig wie möglich den Heimweg fort. Viel hatte er nicht erfahren, er wußte nur, daß nun Rebellen in der Nähe waren; er hatte den Teufel also wirklich an die Wand gemalt, und es galt, auf der Hut zu sein.

Er mußte den Prior unbedingt warnen, damit Wachen aufgestellt würden.

Als ihn der Weg an jener Schlucht vorbeiführte, in der er einst mit August gezecht hatte, holte er den versteckten Spaten und vergrub seine Schätze wieder, aber an einem anderen Ort.

Im Kloster schlug er trotz der späten Nacht noch Lärm und brachte durch seine Nachricht Entsetzen hervor. Also Nana Sahib zeigte sich in der Umgegend! Da war zu erwarten, daß er dem Kloster einen Besuch abstattete, entweder nur in räuberischer Absicht, oder aber, um sich in dem Gebäude festzusetzen.

Die Furcht vor dem Rebellenfürsten war daran schuld, daß Valentin für den getöteten Tiger nicht den verdienten Lohn erntete; denn natürlich erzählte er stolz, das blutige Fell stamme von dem von ihm geschossenen Tiere. Daher aber kam es auch, daß niemand bemerkte, wie der Tiger, den der Mönch geschossen hatte, draußen noch weiterbrüllte, denn es war nicht die Zeit, wo Männchen und Weibchen zusammen gingen, und zwei Tiger dulden sich nicht in ein und demselben Jagdrevier. Valentin legte sich mit dem Entschluß schlafen, bei einem Angriffe der Indier das Weite zu suchen, und zwar sich dort zu verstecken, wo er in Hülle und Fülle und bedient von schönen Händen leben konnte.

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