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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 23
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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23. Schlimme Freundschaft

Am anderen Morgen fand sich die Erklärung dafür, warum Morrison am Abend so nervös gewesen war, und warum er im Traume so laut phantasiert hatte.

Als Reihenfels erwachte, fand er seinen Freund besinnungslos liegen; das heftigste Fieber jagte sein Blut durch die Adern, Puls und Schläfe hämmerten.

Der Missionar hatte bisher allen Klimakrankheiten getrotzt, gestern noch hatte er sich dessen gerühmt, doch das Sumpffieber läßt nicht mit sich spotten, besonders wenn man seine Region bereist – jetzt stürzte es sich auf den Frevler mit doppelter Gewalt.

Das Pochen Reihenfels' an der Tür blieb ungehört, die Mönche sangen die Frühmesse.

Glücklicherweise führte der junge Gelehrte genügend Chinin mit sich, dieses Mittel, welches in den Tropen nicht mit Gold oder Edelstein aufgewogen werden kann, und auch Wasser war vorhanden. So konnte er dem Kranken die erste Hilfe leisten, ihn zur Besinnung bringen und seine Hitze durch kühle Umschläge lindern.

Eine große Dosis Chinin verminderte dann auch das Phantasieren.

Was hatte Morrison gestern abend vorgehabt? Er wollte Reihenfels verlassen, um dem Verhängnis einen Strich durch die Rechnung zu machen, und nun lag er da, hilflos wie ein Kind, unfähig, sich anders zu rühren als im Fieberwahn.

Auch Reihenfels war nun an ihn gebunden; denn er hätte den Begleiter auf keinen Fall verlassen. Er konnte, seinem Gewissen nach, nicht einmal die Streifzüge unternehmen, denn er kannte die Bösartigkeit eines solchen Fiebers.

Das Chinin mußte mit minuziöser Pünktlichkeit gegeben werden, die Dosen nach dem Grade des Fiebers stärker oder geringer gemacht werden, sollten sie Erfolg versprechen, und Reihenfels hätte sich durch keinen Mönch vertreten lassen. Ein solcher war imstande, den Kranken zu verlassen, wenn ihn die Glocke oder sein geknechtetes Gewissen – eine innere Stimme – in die Kapelle rief.

Als die Tür geöffnet wurde, trug er dem Mönch auf, den Prior von dem Krankheitsfalle in Kenntnis zu setzen, bat zugleich um ein Thermometer, und da sah er schon, wie im Kloster für eine solche Krankheit vorgesorgt war – ein Thermometer existierte überhaupt nicht.

Der Prior kam, bot Klosterbrüder zur etwaigen Unterstützung an, betonte aber hauptsächlich, daß er für den Kranken beten lassen würde; denn alles andere, was es auch sei, Umschläge oder Chinin, helfe doch nichts, wenn Gott nicht um Genesung angefleht würde.

Reihenfels ließ den Prior beten; er behandelte den Kranken nach seiner Weise.

Als er einmal über den Korridor ging, um frisches Wasser zu holen, prallte er vor einer ihm begegnenden Gestalt zurück.

Es war Mister Bulwer im langen, großkarrierten Überrock, der aus dem Gemach des Priors trat.

»Mister Bulwer, Sie hier?« stieß Reihenfels hervor.

Der Anblick dieses Mannes wirkte wie ein Gespenst auf ihn. Dieser war es, der Bega erschießen wollte. Gab es denn gar kein Entrinnen vor dem Schicksale? Der Amerikaner hatte eine längere Unterredung mit dem Prior gehabt, nach welcher er sich, nachdem er sich einen großen Bogen Papier ausgebeten, wieder auf seine Zelle begab. Hier begann er, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, und ohne seinen Diener zu rufen, mit unermüdlicher Tätigkeit allerlei seltsame Figuren auf das Papier zu malen, überlegte, korrigierte und zeichnete immer wieder.

Auch das kärgliche Essen konnte ihn nicht in seiner Tätigkeit stören. Mit der einen Hand führte er den Bleistift auf dem Papier, mit der anderen den Löffel zum Munde.

Unterdessen hatte auch August erfahren, daß zwei andere Fremde im Kloster sich befänden, von denen der eine sehr erkrankt sei; er suchte ihre Zelle auf, und wie groß war sein Erstaunen und seine Freude, als er in dem Krankenpfleger Reihenfels erkannte! Dieser hatte keine Lust, Augusts Abenteuer anzuhören, schlug auch dessen Anerbieten ab, sich mit ihm in die Pflege des Kranken zu teilen. August hatte seinen Herrn, es waren noch genug Mönche da, und die Hauptsache war, daß Reihenfels die Person von dem Fiebernden fernhalten wollte, von welcher er gestern abend ihm erzählt hatte.

Schon jetzt phantasierte Morrison von jener Schlußszene, wie der Fakir sie gesehen; er sprach auch schon von dem Manne mit den roten Haaren, und hätte er diesen wirklich erblickt, so waren üble Folgen zu fürchten.

Etwas gekränkt zog sich August in seine Zelle zurück und unterhielt sich vorläufig damit, die schöne Umgegend vom Fenster aus zu bewundern. Er war der Meinung, daß sie weniger schön zu durchreisen als anzusehen sei.

Eine angenehme Abwechslung glaubte er zu haben, als das Mittagessen gebracht wurde.

Die Mönche konnten doch nicht bloß von in Wasser gekochtem Reis und Hartbrot leben, es mußte doch einmal etwas Nahrhaftes auf den Tisch kommen.

Eine Abwechslung war es allerdings: in den Napf, den August dann am Brunnen selbst reinmachen durfte, wurde aus einem Bottich grünes, dünnflüssiges Gemüse geschöpft und darauf wieder ein Stück Schiffszwieback gelegt.

Trübselig saß August vor der Schüssel und rührte mit dem Löffel darin herum. Ein Bissen hatte ihm verraten, daß es Schmalz oder Fleischbrühe im Kloster nicht gab.

»Was stocherst du denn so in dem Gemüse herum?« fragte eine Stimme hinter ihm.

Bruder Valentin war es, der unbemerkt hereingetreten war.

»Ich suche die Bratwurst,« erwiderte August kleinlaut.«

Der Mönch lachte leise.

»Da wirst du wohl lange suchen können; hier gibt's keine Bratwürste, überhaupt kein Fleisch. Ach, Bratwurst, ich gäbe meine Seligkeit für eine Bratwurst hin!«

»Mach mir nicht den Mund wässerig! Mir will schier das Herz brechen, wenn ich an einen deutschen Fleischerladen denke. Ach Gott, ich Einfaltspinsel, daß ich nach Indien gehen mußte, um hier solches Gras zu fressen! Bin ich denn ein Ochse? Ach, Bratwurst!«

»Ach, Bratwurst!« seufzte Valentin nach.

»Und Grützwurst! Hol' mich dieser oder jener, wir malen uns hier die paradiesischsten Bilder aus, und ich sitze vor einer Schüssel mit gekochtem Gras! Unsinn!«

Valentin legte ihm die Hand auf die Schulter, sah nach der geschlossenen Tür und neigte den Mund an Augusts Ohr.

»Komm mit mir!« flüsterte er.

»Wohin?« fragte August, aufmerksam werdend, ebenso leise.

»Hinaus in den Wald.«

»Ich habe doch Hunger, ich will das erst essen.«

»Bah, Gras fressen kannst du draußen auch.«

»Ja, aber da ist's nicht gekocht.«

»So kochen wir es eben.«

»Nee, nee, da ist mir das grüne Zeug doch noch lieber.«

»Komm mit mir!« flüsterte der Mönch wieder eindringlich.

August blickte auf.

»Aha, du hast was im Schilde. Gibt's draußen etwas Besseres zu essen?« »Ich weiß etwas.«

»Freilich, du schießt einen Braten. Daß mir das nicht schon eher eingefallen ist.«

»Still, nicht so laut! Ich darf kein Fleisch essen. Nimm deine Schüssel und schütte das Luderzeug in den Wasserkrug, da guckt kein Mensch hinein.«

Das ließ sich August nicht zweimal sagen.

»So, nun nimm dein Gewehr; wir tun, als gingen wir auf die Jagd. Ich habe gesagt, ich hätte ein Wildschwein gesehen, das unsern Garten verwüsten könnte.«

»Mitgehen will ich wohl, aber ein Gewehr habe ich nicht. Das läßt mein Herr nicht aus den Händen.«

»Du brauchst auch keins, du begleitest mich eben. Ich erzähle dir vom Heilande, verstehst du, hihihi! Komm!«

Wer war froher als August! Er sah sich schon vor einem fetten, gebratenen Wildschwein sitzen.

Bruder Valentin wechselte mit dem Pförtner einige salbungsvolle Worte und verließ mit August das Kloster, dem Walde zuschreitend.

»Ich denke natürlich, du verrätst mich nicht. He?« begann der Mönch, als sie das Kloster hinter sich hatten.

»Gott bewahre mich, wie sollte ich? Sehe ich denn aus wie ein Schuft? Ich kann es dir gar nicht verdenken, wenn du den Reis und das elende Gemüse satt bekommst. Du lebst wohl hier so im geheimen ganz gut?«

Der schlaue Bursche schmunzelte.

»Weißt du, wenn ich nicht so viel auf den Beinen wäre, hätte ich schon einen Bauch.«

»Nanu!«

»Ja, ich lebe nicht schlecht, paß nur auf.«

»'s ist ja wahr, hier in Indien kann man sich manchen Braten schießen, aber das Richtige ist es doch nicht. Du kannst das Wildschwein wohl braten, aber keine Wurst daraus machen.«

»Warum denn nicht?«

»Was, das könntest du?«

»Paß nur auf, ich sage dir, extrafeine. Sag mal, Freund, du kennst den Mann, welcher den Kranken pflegt?«

»Freilich, er war ja früher mein Herr.«

Während August über Wurzeln stieg und stolperte, bemerkte er nicht, wie scharf und mißtrauisch ihn der Mönch von der Seite beobachtete.

»Ach was, dein Herr? Ist wohl ein Kaufmann?«

»Keine Spur. Er ist so ein gelehrtes Tier, das alle Sprachen versteht und am liebsten wissen möchte, wie es vor zehntausend Jahren auf der Erde aussah.«

»Aber der andere ist wohl ein Kaufmann?«

»Der Kranke? Nee, das ist Doktor Morrison, ein Missionar, der auch furchtbar klug ist.«

»So, so, ein Missionar! Ich dachte, es wären Kaufleute?«

»Was hast du denn eigentlich mit den Kaufleuten? Solche Kerls sollten dich doch gar nichts angehen?«

»Hm, ich kannte früher einmal – 's ist schon lange her – ein paar Kaufleute, die sahen gerade so aus wie die hier.«

»Wie lange ist denn das schon her?«

»So vielleicht fünfundzwanzig Jahre.«

August blieb stehen und lachte.

»Da lagen ja die noch in den Windeln.«

»Freilich, es war Dummheit von mir. Also du weißt ganz bestimmt, daß sie nicht zu einem Geschäft gehören?«

»Ganz und gar nicht, es sind Gelehrte, die auf eigene Faust herumreisen.«

»Was mögen sie wohl hier wollen?« »Ja, wenn ich das wüßte! Das Land und die Leute wollen sie kennen lernen.«

Valentin teilte ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, was er über den Zweck des Kommens dieser beiden wußte, und richtete es so ein, daß August glauben mußte, als ob Valentin und der Prior an der Redlichkeit der beiden zweifelten.

»Ich will ihnen ja ganz gern beim Aufsuchen der Höhle behilflich sein,« schloß er, »aber, weißt du, heutzutage darf man niemandem trauen. Sie können vielleicht erfahren haben, daß in der Höhle etwas steckt, was jemand anderem gehört, und das wollen sie sich holen. Denn du mußt doch zugeben, daß die Geschichte mit der singenden Flamme recht unwahrscheinlich klingt.«

»Nee, nee,« versicherte August, »diese beiden sind die Ehrlichkeit selbst. Du mußt solche Gelehrte nur erst kennen lernen. Nach einem Sack mit Gold laufen die keine Stunde, wenn sie aber wo einen Totenschädel oder gar ein altes Buch liegen wissen, da laufen sie gleich hundert Meilen in einem Hundetrab.«

»Nun, ich will dir glauben und ihnen beim Suchen helfen. Aber, nicht wahr, du sprichst nicht von dem Verdacht zu ihnen. Es ist wegen des Priors.«

»I wo; die Zunge würde ich mir eher abbeißen, ehe ich klatschen tu.«

»Zunge, hm. Ißt du gern Zunge?«

»Ei ja, das heißt, meine eigene nicht. So eine geräucherte Rinds- oder Kalbszunge ist doch ein herrliches Geschenk der Natur.«

»Sollst sie haben, mein Freund.«

»Was, die Natur oder die Zunge?«

»Die Zunge.«

»Du willst sie wohl schießen?«

»Das wäre nicht möglich.«

»Aber du willst mir weismachen, daß hier die Tiere gleich mit gepökelten Zungen herumlaufen?«

»Freilich! Bei euch zu Hause nicht?«

»Geh, du bist ein Spaßvogel.«

»Du wirst es erfahren.«

»Na, da bin ich aber begierig. Übrigens knurrt mein Magen wie ein verstopfter Dudelsack, und ein paar Stunden werden wohl noch vergehen, ehe wir vor einem Braten sitzen. Hätte ich wenigstens das Hartbrot mitgenommen!«

»Pfui Deibel, sprich nicht von dem Zeug. Ich bekomme schon Magendrücken, wenn ich nur daran denke. Sag mal, August, liebst du auch Kaviar?«

»Na und ob, um so mehr, als ich noch nie welchen gegessen habe.«

»Und eingemachten Hummer?«

»Den liebe ich hier nur platonisch. Was zum Teufel aber soll diese Fragerei? Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, und dabei habe ich keine andere Aussicht, als nach einigen Stunden auf ein zähes Stück Wild.«

»So, meinst du? Wenn ich dir nun sage, daß du in einer Viertelstunde vor all diesen Herrlichkeiten sitzen wirst?«

»Das wäre! Du hast wohl ein Bilderbuch für kleine Kinder, wo solche Sachen abgemalt sind?«

»In Lebensgröße werde ich sie dir zeigen und, nicht zu vergessen, einige Flaschen Wein dazu.«

»Ha, Wein?«

»Rheinwein und französischen Rotwein, Sherry und Portwein, Rum und Arrak, alles, was dein Herz begehrt. » August blieb stehen und legte den Finger an die Nase.

»Was willst du? Komm, die Tafel ist gedeckt.« »Mir geht eine Ahnung auf,« sagte August langsam und mit erstauntem Gesicht. »Jetzt fällt mir plötzlich ein, daß du schon gestern eine Flasche verloren hast.«

»Unsinn, gefunden hatte ich sie, aber nicht verloren.«

»Na ja, das meine ich auch. Und jetzt weiß ich auch plötzlich, daß du deine Nase nicht in Sibirien erfroren hast, sondern –«

Der Mönch ließ ihn nicht aussprechen, er zog ihn mit sich fort, wobei er dröhnend auflachte.

Sie stiegen noch einige hundert Meter über Felsgeröll; immer wilder wurde die Gegend, ein förmliches Labyrinth von Spalten und Schluchten zeigte sich dem Auge, und in eine solche Spalte, eben breit genug für einen Menschen, führte der Mönch seinen neuen Freund hinein.

Plötzlich hielt Valentin einen großen Spaten in der Hand, August wußte nicht, woher er ihn bekommen hatte. Er mochte ihn aus irgendeinem Versteck hervorgezogen haben.

Die Spalte erweiterte sich zu einem kleinen Kessel, umgeben von himmelhohen Felswänden, doch der Boden selbst war hier nicht steinig, sondern mit lockerem Humus bedeckt, Samen hatte hier Wurzeln gefaßt, und so glich dieser kleine Talkessel einer Laube, überschattet von dichten Zweigen, eingezäumt von duftenden, blühenden Büschen. Welch schöneren Platz konnte es geben als in diesem weichen Gras! Es war ein lauschiges Fleckchen, das die Natur hier für sich selbst geschaffen hatte. Alles verriet, daß sich noch nie, oder nur ganz selten, der Fuß eines Menschen hierher verirrt hatte.

Die Felsspalte führte noch weiter, also mußte es noch einen anderen Zu- und Ausgang geben.

»Herrjesses, das ist ja hier gerade wie in Olympia!« rief August überrascht. »So waren dort auch die Lauben, wo die feinen Herren mit den Damen speisten.«

»Und wir werden hier auch speisen und trinken dazu,« schmunzelte Valentin. »Hei, das soll einmal ein Fest werden! Aber das sage ich dir gleich, vor morgen früh kommen wir nicht ins Kloster zurück.«

Ungläubig blickte August nach dem Mönch, der in seiner Kutte, und wie er sich so auf den Spaten stützte, wie ein Berggnom aussah.

»Ist denn das nur wirklich dein Ernst?«

»Mit dem Speisen? Sicherlich! Ich werde dir etwas vorsetzen, wie du es besser in keinem Hotel bekommst. Nur darfst du kein Spaßverderber und keine Plaudertasche sein. Könnte ich dir es nicht gleich ansehen, daß du beides nicht bist, so hätte ich dich gar nicht erst mitgenommen.«

»Und morgen früh willst du erst nach dem Kloster zurück?« staunte August.

»Gewiß, und du gehst auch nicht eher hin.«

»Um Gottes willen! Warum?«

»Ja, willst du etwa heute abend die Mönche zusammenrufen, wenn du vielleicht auf allen vieren in deine Zelle kriegst? Geradbeinig kommen wir auf keinen Fall nach Hause. Ich kenne das schon. Nee, nee, Brüderchen, unseren Rausch müssen wir erst hier ausschlafen, sonst bin ich die längste Zeit Klosterbruder gewesen, und ich habe keine Lust, gepeitscht und von hier fortgejagt zu werden, denn hier ist das Himmelreich schon auf Erden. Los denn, Brüderchen, jetzt wollen wir wie die Fürsten leben.«

Er ging nur einen Schritt abseits, August erblickte einen Platz, auf welchem das Gras fehlte, als wäre es ausgerissen worden, einige Stiche mit dem Spaten, und August sah den Deckel einer Kiste in der Erde.

Auf des Mönchs Veranlassung mußte er mit Hand anlegen, dieselbe zu öffnen, und wie staunte er, als der Deckel fiel und sich eine Menge von Glasbüchsen und Blechdosen zeigte, welche alle, entweder schon an sich kenntlich oder der gut erhaltenen Aufschrift nach die leckersten Delikatessen enthielten, wie man sie nur in Geschäften für Feinschmecker bekommt. Darunter lagen die verschiedensten Weinsorten und Spirituosen. Valentin hatte nicht übertrieben.

Mit offenem Munde starrte August bald auf diese Herrlichkeiten, bald auf den Mönch.

»Nicht wahr, da staunst du!« schmunzelte dieser.

»Aber wie in aller Welt kommt denn das hierher? Hast du das aus dem Kloster gestohlen?«

»Nein, Brüderchen, wenn so etwas dort zu stehlen wäre, dann würde jeder Mönch ein Dieb sein. Ich habe nicht nötig, davon zu beichten, das ist mein ehrliches Eigentum.«

»Dein – Eigentum – ehrlich?« echote August nach.

»Ja, das hat mir der liebe Gott geschenkt.«

»Gott – geschenkt?«

»Er hat es mich finden lassen.«

»Ach so, gefunden! Geh weg oder ich finde dich!«

»Mach keine Torheiten, Brüderchen. Wir wollen uns an dem freuen, was uns der liebe Gott beschert hat. Sieh, vor einigen Tagen kam ich zufällig hierher und bemerkte mit meinem Jägerauge gleich, daß hier an diesem Ort etwas nicht in Ordnung war. Das Gras war kürzer, der Boden zu fest gestampft und etwas erhöht. Auch kam es mir vor, als läge etwas in der Luft, denn für Schnäpse und etwas Feines zu essen habe ich eine verdammt scharfe Nase, das wittere ich wie der Hirsch das frische Wasser. Ich besorge mir also einen Spaten, grabe nach, und da, hol mich der Satan – gepriesen sei Gott, wollte ich sagen – da kommt diese Kiste zum Vorschein, und wie ich sie öffne, finde ich sie mit Konserven, Wein und Schnaps vollgepfropft.«

»Merkwürdig! Wer mag die wohl da vergraben haben?«

»Blicke mich nicht so mißtrauisch an! Glaubst du etwa, ich stehle, vergrabe die Kiste und führe dich dann hin? Strenge dein bißchen Gehirn einmal an, wie die Kiste wohl hierhergekommen sein mag.«

»Ich kann's mir nicht erklären.«

»Das ist doch sehr einfach! Gesetzt den Fall, der Büffel hätte gestern nur eure Esel verjagt oder zerstampft, eure Vorräte aber verschont – was hättet ihr dann mit ihnen wohl gemacht, he? Vielleicht auf den Buckel genommen und fortgeschleppt? Oder gar auf einen Sitz etwa aufgefressen?«

»Wahrhaftig, du hast recht! Wir hätten sie sicher auch vergraben.«

»Siehst du wohl! Reisende mußten wahrscheinlich diesen Vorrat zurücklassen und haben ihn vergraben. Hurra, August, jetzt wollen wir auf das Wohl dieser edlen Wohltäter schmausen und zechen, bis die Därme platzen, und bis wir voll wie die Schläuche sind!«

Sie trafen die Vorbereitungen zum üppigen Mahl, öffneten Büchsen und Gläser mit Messern und entkorkten die Flaschen. Die Speisen waren zwar kalt, aber nichtsdestoweniger leckerhaft, und das Fehlen von Trinkgläsern störte die beiden ebensowenig wie das Fehlen von Brot.

Nicht nur die verschiedensten konservierten Fleisch- und Fischwaren waren vertreten, ausschließlich Leckereien, sondern sogar Butter war vorhanden, und August, der sich auf das Buttergeschäft verstand, machte doch wieder ein verblüfftes Gesicht, als er die Butter in den Blechdosen nicht nur ganz frisch, sondern sogar fest fand, obgleich es sehr warm war.

»Ist es doch gerade, als ob das alles in einem Eiskeller gestanden hätte und erst vor einigen Stunden hier vergraben worden wäre,« murmelte er.

Es entging ihm, wie Valentin ihm von der Seite einen bösen Blick zuwarf.

»Laß nun endlich dein Staunen und Murmeln. Greif herzhaft zu und nimm es, wie's ist.«

»Freilich, den Kopf will ich mir nicht zerbrechen. Aber lange können die Sachen noch nicht hier liegen, das Holz ist ja noch nicht im geringsten angefault. Und nicht wahr, Valentin, der Portwein von gestern stammte auch aus dieser Niederlage?«

»Woher denn sonst anders.« »Und nun wirst du auch nicht mehr leugnen wollen, daß deine blaue Nase vom Sprit ihre Farbe bekommen hat?«

»Zum Teufel,« rief Valentin ärgerlich, »verschone mich endlich mit solchen Anspielungen! Ich will auf der Stelle krepieren, wenn das gestern nicht die erste Flasche gewesen ist, die ich der Kiste entnommen habe. Du Heupferd kannst natürlich auch nicht begreifen, warum ich dich in mein Geheimnis eingeweiht habe. Ja, sieh mich nur erstaunt an; das fällt dir wohl jetzt erst ein?«

In der Tat, dies fiel August erst jetzt ein. Was bewog diesen groben Pfaffen, einen ihm ganz Fremden zur Teilung seines Fundes einzuladen? »Ich will es dir erklären, der Grund ist auch wieder sehr einfach. Selber essen macht zwar fett, und diesem Sprichwort huldige auch ich, aber zum Trinken gehören unbedingt zwei.

Wenn ich allein dasitze, dann nehme ich die Bulle gar nicht vom Munde weg; denn was hätte ich sonst anderes zu tun? Nein, zum Trinken gehören mindestens zwei, und du, Herzensbruder, sollst mein Zechkumpan sein. So, nun ist alles fertig, und nun soll's losgehen, daß die Heide wackelt.«

Wer war damit zufriedener als August! Sie lagerten im grünen Gras, hieben mit ihren Messern auf den Inhalt der Konservenbüchsen ein und reichten sich gegenseitig die Flaschen, ohne eine Reihenfolge der Sorten einzuhalten.

Immer animierter wurde die Stimmung, und je mehr ihnen der Wein in die Köpfe stieg, desto lauter schrien die beiden Zechgenossen. Liebes- und Trinklieder stiegen zum Himmel auf, und der fromme Bruder Valentin riß Zoten und fluchte ungeheuerlich.

Es war, als hätten sich schon seit langer Zeit die Flüche bei ihm aufgespeichert, und als ob ihnen der Wein nun freie Bahn bräche. Wie ein Quell sprudelten aus seinem Munde, die schauderhaftesten Flüche und Verwünschungen.

Dabei zeigte sich, daß beide tüchtige Zechbrüder waren; aber auf die Dauer konnte August es mit dem Dominikaner nicht aushalten, denn dessen Kehle schien ein Schlauch zu sein und sein Magen ein durchlöchertes Faß. Bald strahlte die Nase in violetten Schein, der feuerrote Kopf glühte.

»Ja, nur in Deutschland, ja nur in Deutschland, Da muß mein Schätzchen wohnen, ...«

sang oder brüllte August vielmehr mit heiserer Stimme, brach plötzlich ab, stieß einen Fluch aus, warf eine leere Flasche an die Felswand, daß sie in tausend Scherben zersplitterte, und sagte mit schwerer Zunge:

»Unsinn, was hilft's, daß wir von Mädchen und Liebe singen? Trinken zu zweit ist ja ganz hübsch, aber ein Kerl und ein Mädchen müssen die zwei sein. Zum Wein gehört auch ein Weib.«

Valentin entkorkte eine neue Flasche und zwinkerte mit den Augen nach seiner gewöhnlichen Weise schlau von der Seite den Kollegen an.

»Hast's auch schon gemerkt, Bruderherz? Ja, ein Liebchen muß jeder Mensch haben, sogar der Papst, wie jeder Pfaffe. Hast du auch ein Schätzchen?«

»Gehabt, mehr als eine, habe sogar noch eine Braut, die in Deutschland auf mich wartet.«

»Und hier in Indien? Es gibt hier verdammt hübsche Mädchen!«

»Freilich, aber hier in diesem verdammten Felsenwinkel!«

Der Mönch blinzelte noch schlauer.

»Hahaha,« kicherte er, »ich sage dir, Bruderherz, der Valentin ist so schlau, ach, so schlau, der hat die Schlauheit mit Löffeln hintergeschluckt! Sage dir, Bruderherz, der Valentin hat das schönste Mädchen zum Schatz.«

»Hier?«

»Hier«

»Wo denn?« Valentin kicherte, schwieg aber.

»Die möchte ich sehen, das mag ein schönes Kuliweib sein, das du hier aufgegabelt hast! Die Sorte kenne ich. Wenn die jemandem einen Kuß geben, mausen sie dabei das Schnupftuch, und nach Zwiebeln stinken sie immer. – Pfui, Deibel!«

»Kuliweib?« spottete der Mönch. »Na, Bruderherz, mit so etwas läßt sich Valentin nicht ein! Der hat immer das pikfeinste auf Lager.«

So tat Valentin geheimnisvoll und spielte deutlich darauf an, daß er in der Umgegend eine Liebschaft mit einem wunderschönen Mädchen unterhielt.

Manchmal schien es, als fürchtete er, zuviel gesagt zu haben, er wollte das Gespräch abbrechen oder ihm eine andere Wendung geben; weil August ihm aber nicht glaubte, ihn sogar auslachte, fühlte er sich beleidigt und fing immer wieder von selbst davon an.

August glaubte ihm auch wirklich nicht. Wie sollte dieser geradezu abschreckend häßliche Mönch eine Liebelei mit einem hübschen Mädchen unterhalten können, und wo sollte dieses denn überhaupt sein? Er hielt Valentins Behauptungen oder vielmehr Andeutungen für Aufschneiderei. Sonst hätte er sich ja deutlich aussprechen können; dies aber wollte Valentin durchaus nicht.

Augusts Sinne begannen sich schon zu verwirren; so merkte er auch nicht, wie dem fast noch nüchternen Valentin dieses Gespräch unangenehm wurde, wie er bereute, es überhaupt begonnen zu haben. Auch die Zunge fing August zu versagen an, er stammelte nur noch und erreichte jenes Stadium der Trunkenheit, wo das, was man hundertmal gesagt hat, immer noch einmal wiederholt wird.

»Magst du's glauben oder nicht,« schrie Valentin ärgerlich, »es läge nur an mir, und auf der Stelle könnte ich das schönste Mädchen der Welt heiraten! Hahaha, die habe ich im Sack; wenn die mich nicht hätte, die wäre verraten und verkauft!«

»Na, dann bring sie doch einmal her; sie kann mit uns lustig sein, hei, lustig, lustig, hoch lebe der Wein und die Liebe!«

August setzte die Flasche an die Lippen, bog sich hintenüber und richtete die gläsernen Augen zum Himmel auf, so daß sie die Felskanten sehen mußten. Da ließ er plötzlich die Flasche fallen, sprang mit einem Satze auf und starrte nach oben.

»Bomben und Granaten, die Begum, das ist ...« stieß er hervor, kam aber nicht weiter; denn er verlor das Gleichgewicht und schlug schwer rückwärts zu Boden, wo er wie tot liegen blieb.

Auch Valentin blickte erschrocken empor und sah nur noch, wie oben von dem Felsgrate eine Gestalt verschwand, die sich darüber gebeugt hatte. Er glaubte, auch noch schwarze Haare flattern gesehen zu haben.

Doch Valentin war nur im ersten Augenblick erschrocken gewesen, und zwar nicht über die Gestalt, die die Zechgenossen beobachtet haben mochte, sondern nur über den Ausruf seines Freundes.

Sorgfältig untersuchte er ihn und fand, daß er in unbeholfenem, sinnlos trunkenem Zustande dalag. Beim Versuch, aufzustehen, war ihm die Besinnung geschwunden, und vor dem nächsten Morgen erwachte er sicherlich nicht aus dem tiefen Schlaf.

Unterdessen war es später Nachmittag geworden; die Sonne sank, dunkle Schatten fielen in den Talkessel hinein, und nicht lange konnte es mehr dauern, so mußte hier vollkommene Finsternis herrschen. Bekanntlich gibt es in den tropischen Gegenden keine Abenddämmerung; der Übergang vom Tage zur Nacht erfolgt innerhalb einer Minute.

Valentin bettete seinen Freund, ihn nur ein Kopfkissen von ausgerupftem Gras machend, leerte auf einen Zug noch eine Flasche Wein als Schlaftrunk, legte sich ohne Umstände neben August, und bald schnarchten beide im Duett.

Friedlich verlief die Nacht. kein wildes Tier, kein böser Mensch störte die Ruhe der beiden Müden, die nach schwerer Arbeit sanft schliefen. August war der erste, welcher die Augen aufschlug, als die Sonne ihm endlich trotz der hohen Felsen ins Gesicht schien. Also es mußte schon spät am Vormittag sein.

Verstört blickte er zur Seite, sah Glasbüchsen, Blechdosen und geleerte Weinflaschen um sich herumliegen, konnte aber noch nichts begreifen.

Nur dessen entsann er sich, daß ihm ähnlich zumute gewesen war, als er vor einigen Wochen im Gefängnis zu Delhi erwacht war. Aber hier lag er ja herrlich gebettet im Grünen, die Vögel zwitscherten um ihn.

Ein lautes Schnarchen lenkte seinen Blick nach der anderen Seite hin, er sah den mit einer Mönchskutte bekleideten Mann liegen, und nach und nach kehrte ihm die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück.

Richtig, Bruder Valentin hatte ihn hierhergeführt, als ihm das Grünkraut im Kloster nicht schmeckte, ihm den Ort gezeigt, wo Reisende einst ihren Proviant vergraben; sie hatten sich beide an dem Zurückgelassenen delektiert, und dann wußte August nur noch, daß sie fröhlich gewesen waren und gesungen hatten.

Über allem anderen lag ein dichter Schleier.

Ein Rippenstoß brachte Valentin zum Erwachen; er schlug die Augen auf, gähnte und – schmunzelte August vergnügt und selbstzufrieden an.

Dieser war doch nicht ohne Sorge, was man im Kloster über ihr Ausbleiben sagen würde, aber Valentin beruhigte ihn vorläufig damit, daß er sagte, im Kloster sei man schon an sein Ausbleiben gewöhnt.

Während August noch wie zerschlagen dalag und über Durst klagte, vergrub der viel widerstandsfähigere Mönch die noch vollen Flaschen und Büchsen, nur einige der letzteren behielt er bei sich. Wie August auch bitten mochte; er erhielt keinen Wein mehr zu trinken.

»Denn,« erwiderte ihm Valentin, »alles hat seine Zeit. Das hat schon der Prediger Salomon gesagt, und der gute Mann hat ganz recht gehabt. Gestern haben wir uns toll und voll getrunken, jetzt müssen wir sehen, daß wir wieder ein vernünftiges Aussehen bekommen.

Du mußt nämlich bedenken, Geliebter in Christo, daß du wie eine tote Leiche aussiehst.

Augen hast du nicht mehr im Kopfe, dein Haar klebt an der Stirn, und deine Hände zittern, als wenn Gott zum jüngsten Gericht geblasen hätte.«

»Eine Flasche Wein würde mich wiederherstellen,« sagte August kleinlaut.

»Nichts da, das ist eine ganz falsche Ansicht! Nein, ein kaltes Bad frischt Seele und Körper auf, und ein eiskalter Trunk macht deine jetzt wie ein Reibeisen rauhe Kehle wieder glatt, daß du wie eine Nachtigall schlagen kannst. Alles zu seiner Zeit: es kommt wieder ein Tag, an dem wir Gott Bachus opfern.«

»Hast du denn noch mehr Wein?«

»Hier liegt ja noch welcher vergraben.«

»Ach, die paar Flaschen!«

»Sie würden für uns reichen, Bruder Saufaus, und wenn uns der liebe Gott gnädig gesinnt ist, so läßt er uns wieder welche finden.«

Er nötigte August, nachdem er alles vergraben und einige Konservenbüchsen zu sich gesteckt hatte, aufzustehen, verbarg den Spaten, schulterte die Büchse, und beide verließen die Laube, in welcher sie ein vergnügtes Zechgelage gemacht hatten.

Es war noch ein weiter Weg, den der Mönch August führte. Dieser klagte maßlos und wollte sich immer setzen, aber der Mönch erlaubte es nicht, und schließlich fühlte auch August, wie ihm das Gehen in der frischen Gebirgsluft, die hier herrschte, gut tat.

Die Gegend wurde noch wilder, kaum passierbar. Es war, als hätte hier ein Erdbeben alles aufgewühlt, und jedenfalls hatte auch einst eine vulkanische Kraft dieses bizarre Bild geschaffen.

»Hast du eine gute Nase?« fragte Valentin, der schon seit längerer Zeit scharf umhergeblickt hatte.

»Wozu denn?« »Zum Riechen. Du weißt doch, die Riesenschlangen verbreiten einen scharfen Geruch.«

August blieb wie angewurzelt stehen.

»Was, Riesenschlangen?« schrie er entsetzt.

»Ja, Riesenschlangen. In dieser Gegend ist sie auch einmal gesehen worden.«

»Keinen Schritt gehe ich weiter.«

»Besser tust du aber, wenn du mit mir kommst. Ich habe auch keine Lust, der Schlange gerade in den Rachen zu laufen, und so bist du bei mir am sichersten.«

Was blieb August anderes übrig, als dem Begleiter zu folgen? Valentin blickte sich aber nicht nach der Schlange um, die sich in einer solch steinigen Gegend sicher nicht aufhielt, sondern nach etwas ganz anderem. Er wollte nur August einen Grund angeben, warum er sich immer nach allen Richtungen umblickte, manchmal auch lauschend stehen blieb oder ein Loch in der Wand beobachtete.

Endlich hatte er sein Ziel erreicht: einen klaren Quell, der aus einer Spalte hervorsprang und erst ein kleines Bassin bildete, ehe er als schmaler Bach über die Steine davonplätscherte.

In langen Zügen tranken beide das köstliche Naß, und August war erstaunt, denn das Wasser war wahrhaftig kalt wie Eis.

Dann warf Valentin ohne weiteres die Kleider ab und sprang in das Bassin, August auffordernd, das gleiche zu tun. Dieser zögerte doch, mehr als die Fußspitzen in das eiskalte Quellwasser zu stecken, als ihn aber Valentin, der sich wie ein Wassernix benahm, mit einer Flut überschüttete, war die Scheu überwunden, und beide plätscherten mit Hochgenuß in dem Bassin herum.

Als sie sich dann auf dem Heimwege befanden, fühlte sich August wieder wohl und frisch, und jetzt kam ihm auch eine deutliche Erinnerung an das zurück, was sie gestern während des Trinkens gesprochen hatten.

Erst fiel ihm ein, wie sie Liebeslieder gesungen hatten, wie er, August, beklagt hatte, daß nicht weibliche Gesellschaft vorhanden wäre, wie sich der häßliche Mönch mit einer Liebschaft rühmte, und dann war es August auch, als könnte er sich noch entsinnen, plötzlich über sich, auf dem Felsgrat freistehend, die Begum von Dschansi gesehen zu haben, und zwar unter ganz eigentümlichen Verhältnissen.

»Ist es wahr,« fragte er Valentin, »daß du hier ein hübsches Mädchen als Liebste hast?«

»Wer, ich?« rief Valentin erstaunt, blieb stehen und blickte den Frager wie verblüfft an.

»Nun ja, du hast doch gestern damit geprahlt.«

»Ich?« wiederholte Valentin.

»Ach geh, du verstellst dich! Du hast mir lang und breit erzählt, wie du ein wunderschönes Mädchen hier wüßtest, das ganz vernarrt in dich wäre. Du besuchtest sie fast jeden Tag, und ihr lebtet wie Mann und Frau zusammen.«

Valentin brach in ein Gelächter aus, daß es zwischen den Felswänden dröhnte.

»Du hast geträumt, Herzensbruder, aber wie! Das ist schon mehr Delirium gewesen, wenn du mich so deutlich hast erzählen hören, wo ich doch kein Wort über so etwas gesprochen habe. Liebeslieder haben wir Narren freilich gesungen – Teufel, ich war auch einmal jung und hübsch und hatte an jedem Finger ein Mädel hängen – aber jetzt und hier? Köstlich! Wie soll man in dieser von Gott und aller Welt verlassenen Gegend wohl eine Liebschaft haben, wo es kein Weib gibt? Mit Tigern, Panthern und Schlangen, wohl, mit denen könnte man liebeln, aber dafür danke ich. Nee, Bruder, da hast du dir was Schönes zurechtgeträumt.«

Er brach noch einmal in herzliches Lachen aus, und August wurde an sich selbst irre.

Er mußte doch geträumt haben, der Mönch konnte sich doch nicht so verstellen.

Dann erzählte er, wie er sich entsinne, ein Mädchen gesehen zu haben, als er die Flasche zum Trinken erhob. Das Mädchen hätte auf dem Felsgrate gestanden. Dann verließ ihn die Besinnung.

»Sie wird dich wohl etwas eher verlassen haben, mein Bruder. Wie sah denn das Weibsbild ans?« »Das ist eben das Merkwürdigste. Sie trug einen Schuppenpanzer und darüber ein braunes, zerrissenes Gewand.«

»Was? Du bist wohl verrückt?«

»Ja, was weiß ich. Habe ich dir von dem Winchestergewehr erzählt, das uns vorgestern nacht gestohlen worden ist?«

»Das Weibsbild hat es wohl gehabt?«

»Ja, sie hatte es in der Hand, und ich sah sie ganz deutlich oben auf dem Felsen stehen.«

Abermals brach der Mönch in ein Gelächter aus; es klang allerdings krampfhaft, und wäre August ein besserer Menschenbeobachter gewesen, so hätte er vielleicht bemerken können, daß dieses Lachen erkünstelt war.

»Gottsblitz,« brachte Valentin endlich hervor, »was für eine Vision hast du gehabt! Ein Mädchen im Schuppenhemd, mit der Winchesterbüchse deines Herrn! Hahahaha!«

»'s ist sonderbar,« murmelte August, »ich habe sie ganz deutlich gesehen. Freilich ist es nur Unsinn. Weißt du auch, wen ich in dem Mädchen zu erkennen glaubte?«

»Wie soll ich das wissen?« entgegnete der Mönch gleichgültig, angelegentlich die Umgegend musternd, als wolle er den Augen seines Begleiters ausweichen, was jedoch August nicht bemerkte.

»Die Begum von Dschansi.«

»Die Begum von Dschansi? Der Name kommt mir doch bekannt vor.«

»Natürlich wirst du sie kennen, das ist die ...«

»Die Königin von Indien, richtig,« fiel Valentin, wieder lachend, ein, »das ist das verrückte Weib, das sich für die Tochter der Kali und Sewadschis ausgibt. Nee, mein Bruder, da bist du in großem Irrtum, wenn du die hier gesehen haben willst. Erst diese Nacht kam ein auf Mission gewesener Pater ins Kloster und erzählte, daß die Begum von Dschansi sich bei Heiderabad herumtreibt und den Engländern tüchtig die Köpfe wäscht. So aussehen tut sie freilich auch, wie du sie beschrieben hast; sie trägt immer einen Kettenpanzer oder ein Stahlhemd, aber eine Winchesterbüchse hat sie nicht, sondern ein riesenlanges Schwert.

»Laß dir nur raten, Schätzchen, erzähle deine Vision niemandem anders, sonst machst du dich lächerlich, und man könnte dich fragen, wie du in einen solchen Grad von Erregung gekommen bist. Die Mönche versetzen sich nämlich auch manchmal in Ekstase, wo sie dann Visionen haben, das heißt durch Fasten, Beten und Geißeln, und die wissen also mit so etwas Bescheid.«

Valentin verwandte noch längere Zeit darauf, seinem Freunde einzureden, daß er nur geträumt, und daß die Vision eine Folge seiner Trunkenheit gewesen sei, sowie ihm ferner anzuraten, ja niemandem etwas davon zu erzählen.

August sah das ein und ließ den Kopf hängen.

Da aber das Gespräch nun einmal auf die Begum von Dschansi gekommen war, so erzählte er Valentin, während er neben ihm herstolperte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß die Begum von Dschansi niemand anderes sei als die Geliebte und Braut seines früheren Herrn, eben jenes Mannes, welcher jetzt im Kloster den Fieberkranken pflegte. August mußte seine Aufmerksamkeit zu sehr auf den äußerst schlechten Weg richten, um das Gesicht seines Begleiters zu beobachten. Sonst hätte er eine interessante Entdeckung machen können. Bei diesen Mitteilungen drückte Valentins Gesicht nämlich die verschiedensten Gefühle aus.

Bald war darin Schrecken, bald Haß zu lesen, bald blickten die Augen furchtsam, bald rachgierig, und die Hand in dem weiten Kuttenmantel ballte sich zur drohenden Faust.

»Also dieser Reihenfels ist der Geliebte der Begum! So so, das habe ich noch nicht gewußt. Dann will er sie wohl gar hier suchen und schleppt gleich den ketzerischen Priester mit sich, um sich mit ihr trauen zu lassen?«

»Gott bewahre, er weiß ja gar nicht, wo die Begum ist! Er könnte wohl lange in Indien suchen, wenn er das nicht weiß. Aber seine Braut ist sie doch.« Valentin strengte sich mit aller Kraft an, das zornige Blitzen seines Auges zu unterdrücken.

»Warum ist er denn wohl hier?«

»Weißt du das noch nicht? Er will die Knochen von einem Landsmann in einer Höhle suchen. Er hat es mir kurz erzählt und mir auch gesagt, daß du ihm dabei helfen wollest.«

»Ja, das hat er mir auch gesagt, aber weißt du, ich hielt ihn für etwas verrückt, denn das mit der Flamme, welche singen soll, ist doch ein zu großer Unsinn. Also dieser Reihenfels ist der Geliebte der Begum von Dschansi! Das ist ja merkwürdig!«

Augusts Fehler war Plauderhaftigkeit, und so schilderte er Reihenfels' Liebschaft mit Bega, soviel er davon wußte. Bei einigen Liebesszenen war er ja selbst dabeigewesen.

Nachdenkend hörte Valentin zu; er fragte zerstreut, und einen immer größeren, entschlosseneren Haß drückte dabei sein Gesicht aus.

Erst als das Kloster sichtbar wurde, unterbrach er den Gefährten und gab ihm ein, was er, etwa befragt, wegen des nächtlichen Ausbleibens sagen sollte.

Der Entschuldigungsgrund war ein Jagdabenteuer, wie man es leicht zurechtlügen kann.

Der Mönch verleitete August also zur Lüge, und August war nicht der Mann, der so etwas empört von sich gewiesen hätte.

August war kein Mensch, der einem anderen absichtlich etwas zuleide tat; er konnte seinem Freunde oder dem, dem er Treue versprochen hatte, auch wirklich bis zum Tode treu sein, aber er war leichtsinnig, gegen sich selbst schwach, kurz das, was man charakterlos nennt.

Er wußte nicht, daß er durch sein Schweigen seinem früheren Herrn, an dem er noch immer in größter Liebe hing, unermeßlichen Schaden zufügte, und daß er zugleich einem elenden, durch und durch verworfenen, von den schmutzigsten Leidenschaften beherrschten Menschen half.

Wie behilflich wäre August Reihenfels gewesen, wenn er ihm erzählt hätte, wie er mit dem Mönch gezecht, und was er gesehen, denn Reihenfels hätte ganz andere Schlußfolgerungen gezogen als er.

Ungehindert wurden sie ins Kloster gelassen; August brauchte sich dem Amerikaner gegenüber, der noch immer verworrene Figuren zeichnete, nicht zu entschuldigen; Valentin verließ nach kurzem Verhör das Gemach des Priors und begab sich in seine Zelle.

Was hätten Reihenfels und August gesagt, wenn sie in dem Herzen des Mannes lesen gekonnt hätten, der mit geballten Fäusten und mit grimmigem Gesicht vor dem Kruzifix stand! Nicht Gebete, sondern Flüche der scheußlichsten Art murmelten die blutleeren Lippen dem Erlöser am Kreuze zu.

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