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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 21
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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21. Bruder Valentin

»Tom, mein Buchs, ick uerde schießen den Indier,« schrie der Yankee in höchster Ekstase, als sich die Büsche etwas teilten und ein Gesicht herausblickte, das wenigstens der Farbe nach allerdings einem Indier angehören konnte.

Der breitrandige Strohhut, der auch etwas sichtbar wurde, beschattete ein Gesicht so kupferbraun, wie die Sonne es gar nicht gebrannt haben konnte. Eine gleiche Farbe findet man höchstens bei alten Seeleuten.

Eine ganz andere Färbung zeigte wiederum die breite, dicke Nase, ein wahres Monstrum von Unförmlichkeit. An der Wurzel war sie hellblau, wurde dann aber immer dunkler, bis sie an der Spitze im tiefsten Blau strahlte.

Die kleinen, listigen Augen des Mannes musterten den Platz, sie sahen die beiden Männer auf den Bäumen hocken; Erstaunen flog über das seltsame Gesicht, und dann trat die ganze Gestalt heraus, die hier im indischen Urwald allerdings Verwunderung erregen mußte.

»Herrjeh, das ist ja ein Mönch!« schrie August.

»Yes, ein Mönik,« bestätigte Mister Bulwer und klemmte das Monokel in sein Auge, nachdem er die Seife daraus entfernt hatte.

Der Mann besaß eine lange, hagere Figur mit richtigen Pferdeknochen und Stierkopf.

Seine Füße staken in schweren, mit Nägeln beschlagenen Schuhen, über die Waden waren lederne Gamaschen gewickelt, um den hageren Körper schlotterte eine schwarze Kutte, unter der noch der Saum eines hochgeschürzten, schmutzig-weißen Rockes hervorsah, um den Leib schlang sich ein Strick mit einem Täschchen, auf dem Rücken hing die spitze Kapuze herab, die jetzt von dem breitrandigen Strohhut vertreten wurde.

Wenn nicht schon dadurch der Mönch charakterisiert worden wäre, so hätte dies sicherlich das goldene Kreuzchen getan, das auf der Brust an einer unförmlich dicken, zum Führen eines Ochsen bestimmten Stahlkette hing.

Doch das Aussehen des Mönches war durchaus kein friedliches, ganz abgesehen von der knochigen, herkulischen Gestalt und dem wenig Vertrauen einflößenden Gesicht, einer sogenannten Galgenphysiognomie. In dem Täschchen trug er jedenfalls weder Rosenkranz noch Brevier, vielmehr Patronen mit sich; denn unter dem linken Arm hielt er eine starke, solide Doppelbüchse von großem Kaliber, ferner hing auch an der linken Seite des Leibstrickes ein schweres Jagdmesser in lederner Scheide.

»Tom,« schrie der Yankee abermals, sich wie immer der deutschen Sprache bedienend, »mein Buchs, mein Buchs; ick habe noch nie geschossen und sterben sehen einen Mönik, ick uerde schießen diesen Mönik.«

»Der Teufel soll dich holen!« fluchte der heilige Pater auf gut deutsch. »Eher knalle ich dich vom Baume herunter. Hahn in Ruh da oben,« rief seine Baßstimme zu August hinauf, »oder es gibt eine blaue Bohne in den Magen!«

»Herrjeh, das ist ja auch ein Deutscher!« »Das gerade nicht, aber so was Ähnliches.«

Jetzt erst sah der Mönch, in welch seltsamem Zustande sich der Amerikaner befand; schon der großkarierte Überzieher erregte seine Lachlust, erst recht das Gesicht und der Kopf, die beide noch immer mit Seifenschaum bedeckt waren. Er bog sich hintenüber und lachte, daß ihm der Hut abfiel und die von einem Haarkranz umrahmte Tonsur sehen ließ.

August stieg zuerst hinunter, ihm folgte der Amerikaner. Jetzt war die Luft rein.

»Heiliger Dunstan,« lachte der Mönch in dröhnendem Baß, »steigt der Kerl erst auf den Baum, wenn er sich rasieren will! Und mit Seife hat er sich eingeschmiert! Hol' mich der Henker, wenn ich so was jemals gesehen habe.«

Da fiel sein Blick auf das zertrümmerte Zelt und den umhergestreuten, zertretenen Inhalt.

»Donner und Doria, das sieht ja gerade aus, als hätte hier ein Arni gehaust! Richtig, da hat er was zusammengetreten, den langen Ohren nach einen Esel! Na, proste Mahlzeit, dem seid Ihr schönen Dank schuldig.«

Er wendete seine Aufmerksamkeit wieder dem Amerikaner zu, der sich mit einem aufgefundenen Handtuch den Seifenschaum abtrocknete, soweit dies ohne Wasser ging.

August war ihm dabei behilflich gewesen. Das lange Seifenbad hatte den Bart und das Haar wenigstens von dem Brei befreit, Mister Bulwer sah wieder ganz manierlich aus.

»Na, he, und du?« fragte der Kuttenträger grob. »Wer bist du? Was machst du hier? Wohin? Woher?«

Der Amerikaner fühlte sich nicht beleidigt, daß der Mönch auftrat, als wäre der Wald sein, und als hätte er hier auszufragen.

»Yes,« entgegnete er ruhig.

»Aha, Engländer?«

»No.«

»Türke?«

»No.«

»Zum Teufel, aus welchem Lande stammst du denn?«

»Uenn Sie sein ein Mönik, uerden Sie nicht dürfen fluchen.«

August hatte hinter seinem Herrn gestanden und immerfort mit dem Zeigefinger an seine Stirn gepocht, dann wieder auf den vor ihm Stehenden gedeutet – ein nicht mißzuverstehendes Zeichen.

»Ach so, also ein Amerikaner?«

»Yes.«

»Hm hm,« brummte der fromme Mann, »dann erklärt sich alles. Du gehörst zu jener Sorte, die nach Indien kommen, um Elefanten und Tiger zu schießen.«

»Yes, und Menschen.«

»Warte mal, lieber Freund, ehe ich mich näher mit dir einlasse, muß ich erfahren, wes Geistes Kind du bist! Bist du Katholik?«

»No.«

»Also Ketzer?«

»No.«

»Nanu. Doch nicht Buddhist?«

»No.«

»Hol mich der Geier! Feueranbeter?«

»No.«

»Dann Heide?«

»No.«

»Was in drei Teufels Namen bist du denn eigentlich?«

»Protestant.« August machte wieder hinter seinem Herrn das Zeichen der Dummheit, und der Mönch lächelte grimmig, daß er wie ein Bullenbeißer aussah, während er sich auf sein Gewehr stützte.

»Sein Sie nun fertig mit Fragen?«

»Ich verzichte auf weitere. Aus dir bekommt man doch nichts Gescheites heraus.«

»Sie sein serr, serr merkwürdiges Mönik,« sagte Bulwer, das Monokel ins Auge klemmend, »uenn Sie uirklich ein Mönik sein.«

»Oho, zweifelst du daran?« entgegnete der Mann stolz. »Ich gehöre zum Orden der vom Papste eingesetzten Dominikaner. Frage nur nach Bruder Valentin, den kennt im Pandschab jeder.«

»Ualentin? Ein serr schöner Name!«

»Valentin.«

»Yes, Ualentin.«

»Zum Henker, Valentin, nicht Ualentin.«

»Yes Ualentin, ick verstehen.«

»Wenn dem nicht eine Schraube im Kopfe locker ist, dann weiß ich nicht.«

»Und Sie sein Dominikaner?«

»Ja; das könntest du mir überhaupt ansehen.«

»No, Sie sein Benediktiner.«

»Oho, willst du das besser wissen als ich?«

»Yes. Einmal gehen die Dominikaner fußbar, ...«

»Barfuß, meint er,« sagte August hinzu.

»Gehe du einmal in Indien fußbar, die Schlangen würden sich freuen. Und zweitens?«

»Yes, Schlangen serr gut. Und zueitens machen die Dominikaner keinen Schnaps, aber die Benediktiner machen einen serr guten und serr viel Schnaps.«

Bruder Valentin runzelte die buschigen, schon ergrauten Augenbrauen, die einzigen Haare, die er im Gesicht hatte.

»He, was soll das mit dem Benediktiner und dem Schnaps?«

»Ueil Sie haben eine so blaue Nase.«

Unwillkürlich griff sich Bruder Valentin an die Nase, Mister Bulwer rieb sich über seinen Witz vergnügt die Hände, und August lachte.

Der Mönch schien kein Spaßverderber zu sein, er lachte schließlich selbst mit.

»Nee, mein Bruder, da bist du weit ab von der richtigen Fährte. Bei uns sieht man das ganze Jahr nicht einen Tropfen Schnaps, nicht einmal Dünnbier. Wir leben von Wasser, Wurzeln und Gemüse.«

»Danach siehst du auch gerade aus,« lachte August.

»Die rote Nase ist ein angeborener Erbfehler. Und nun Gott befohlen, zieht in Frieden weiter!«

Er hatte sein Gewehr geschultert und wollte gehen, aber schnell vertrat ihm der Yankee den Weg.

»Heda, Ualentin. Uenn Sie sein ein guter Mönik, uerden Sie uns nix lassen allein. Uir sein überfallen von einem Büffel, all unser Gepäck ist zum Teufel, auch das Buchs ist uorden gestohlen. Sie uerden uns nix lassen hier allein, sondern uns mitnehmen nach dem Kloster.«

»So, uerde ich?« machte der Mönch nach und ließ nachdenkend die Augen von einem zum anderen schweifen.

»Hm,« sagte er nach längerer Pause, »was hat denn der Büffel eigentlich übriggelassen?«

Das war freilich sehr wenig. Man fand nur Glasscherben, breitgetretene Blechdosen und sonstige, unbrauchbar gewordene Gegenstände; aller Proviant war untauglich geworden, die Flüssigkeiten waren im Sande verlaufen, und Mister Bulwers Zigarrenvorrat bestand nur noch aus Tabakskrümeln. Letzteres war das einzige, was der Amerikaner, der die Zigarre am liebsten nie aus dem Munde nahm, äußerst bedauerte; August dagegen war untröstlich über das Verschwinden der mitgenommenen Spirituosen, die ihn ganz besonders an seinen Herrn gefesselt hatten.

Die beiden befanden sich allerdings in einer schlimmen Lage, wenn ihnen niemand den Weg nach einem Orte zeigte, wo sie sich neu ausrüsten konnten. Sie hatten den Truppenteil, dem sie sich angeschlossen, infolge der Sorglosigkeit des Amerikaners verloren, jetzt befanden sie sich ohne Proviant, ohne Wasser, ohne Reittiere und ohne Kenntnis des Weges in einer ihnen wildfremden Gegend.

Jedenfalls wußte der Mönch hier recht gut Bescheid, und es war gar nicht möglich, daß er sie im Stich lassen durfte. Er wollte nur erst etwas genötigt sein.

Aber es war, als ob er sich doch nicht entschließen könnte, die beiden mitzunehmen.

Brummend schüttelte er den Kopf, betrachtete den Amerikaner mit mißtrauischem Blick und blinzelte August mit den Augen zu, wenn dieser über den verloren gegangenen Rum jammerte.

»Ihr Kloster wird sein nix weit von hier,« meinte der Yankee. »Sie uerden uns bringen dahin, und ick uerde gut bezahlen dafür.«

»Hm, alles recht schön! Aber Ketzer? Nein, das geht nicht. Da würde der Prior schöne Augen machen, wenn ich die mitbrächte.«

Indem bückte er sich, und durch die Bewegung fiel unter seiner Kutte klirrend ein Gegenstand zu Boden.

»Hei, was ist das?« rief Mister Bulwer und hob eine Flasche, verkapselt und etikettiert, auf. »Das ist eine Buttel Portuein, aus der Ueinhandlung Clark und Kompanie zu London!«

Der Mönch bemeisterte so schnell seine Verlegenheit, daß sie gar nicht bemerkt wurde, obgleich August große Augen machte.

»Die hat der Büffel eben nicht zertrampelt.«

»Uas? No, no. Ick gesehen haben, uie sie ist gefallen aus Ihrem Rock. Tom?«

»Yes, Sir, ich hab's auch gesehen.«

»Na, da will ich euch was sagen. Ja, die Flasche gehört mir. Her damit, und nun Gott befohlen!«

Aber der Amerikaner war durchaus nicht dumm, hatte er doch sein vieles Geld erst durch seine Schlauheit erworben. Er litt nur etwas an der transatlantischen Krankheit, dem Spleen.

»All right, good bye,« rief er dem Fortgehenden nach. »Im Kloster San Bernardo sehen uir uns uieder!«

Wie vom Blitz, getroffen drehte sich der Kuttenträger um.

»Was, zum Teufel, sagst du da?«

»Yes, ick ueiß,« grinste der Yankee, »du sein Bruder Ualentin vom Kloster San Bernardo.«

»Wer hat dir das gesagt? Ich doch nicht!«

»No, aber ick ueiß, San Bernardo ist nix ueit von hier.«

Der Mönch änderte sein Benehmen plötzlich vollkommen.

Er trat vor den Amerikaner hin, schüttelte erst ihm, dann August die Hand, als wolle er ihnen den Arm aus dem Gelenk renken, und nahm eine väterliche Miene an.

»Nichts für ungut, ich hätte euch überhaupt nicht im Stich gelassen. Ich wollte nur eure christliche Geduld prüfen, und ihr habt die Probe glänzend bestanden. Der Herr wird's euch dereinst anrechnen. Und was die Flasche Portwein anbetrifft, wißt, die habe ich vorhin im Walde gefunden, so wie sie da ist, gekapselt und etikettiert. Es ist doch närrisch. Wer mag die wohl verloren haben?«

»Und alles so gut erhalten!« fügte August hinzu.

»Ja, 's ist ein Wunder. Aber passierten früher Wunder, warum sollten denn jetzt keine mehr vorkommen? Also, begleitet ihr mich nach dem Kloster? Ich werde ein gutes Wort beim Prior für euch einlegen und ihm von eurer christlichen Geduld erzählen. Wenn ihr auch Ketzer seid, das macht nichts; bezahlen werdet ihr freilich müssen.«

Das klang ganz anders als vorhin; es schien, als habe der Mönch kein gutes Gewissen, und als wolle er es mit den beiden nicht verderben.

Mister Bulwer untersuchte nicht erst, was noch des Mitnehmens wert war, er ließ alles liegen, so wie es war. Nur die noch brauchbaren Patronen ließ er von August aufsammeln, wobei Bruder Valentin diesen unterstützte.

Dann verlangte er von dem Mönch, er solle ihm einen Wasserplatz zeigen, denn er litte an Durst, und sein Wasservorrat sei vernichtet.

Valentin kratzte sich hinter den Ohren und schüttelte den Kopf.

»Hierherum gibt's keinen, und bis zum Kloster sind's noch gut vier Meilen. Verdammt – wollte sagen, Jesus und Maria – was ist da zu machen?«

Sein Blick fiel wie zufällig auf die Flasche, die August in der Hand hielt. Es war ein schmerzlicher Blick gewesen.

»Ist denn da nichts zu trinken drin?«

»Yes, Portwein.«

»Löscht der nicht den Durst?«

»Yes. Sie haben noch keinen getrunken?«

»Gott verd– –segne mich, ich habe noch nie einen Tropfen davon über meine Lippen gebracht.«

August sollte die Flasche öffnen und hatte keinen Korkzieher bei sich. Unter dem Gerümpel mußte wohl einer liegen, aber um ihn zu finden, wäre langes Suchen nötig gewesen.

»Vielleicht geht's hiermit!« meinte Valentin und zog ein Instrument hervor.

»Das ist ja ein Korkzieher!« rief August.

»Was ist das?« fragte Valentin unschuldig.

»Ein Ding, womit man die Stöpsel aus den Flaschen zieht. Sieh, so wird's gemacht.«

»Nanu, das habe ich noch gar nicht gewußt. Ich habe das Ding einmal gefunden und geglaubt, es wäre ein Gärtnerinstrument.«

Der Yankee trank zuerst und wollte dann die Flasche dem Mönch reichen, aber mit Abscheu schüttelte dieser den Kopf.

»Was ist denn das eigentlich für Zeug?« fragte er dann, als August getrunken hatte.

»Alter Portwein, ausgezeichnet!«

»Na, ein Schlückchen wird mich wohl nicht gleich um die Seligkeit bringen, und zu beichten brauch ich's wohl auch nicht. Zeig her, Bruder!«

Mit zitternder Hand führte er die noch halbvolle Flasche unter die blaue Nase, ein Schluck, ein Druck, und der Inhalt war in der Kehle verschwunden.

»Serr gut!« sagte Mister Bulwer, und August grinste.

Der Mönch dagegen schüttelte sich.

»Pfui Teufel – wollte sagen, Gott bewahre mich, daß ich jemals wieder solches Zeug saufe! Das schmeckt ja gerade wie Gift und Galle!«

Sie brachen nach dem Kloster auf. August schloß sich dem vorausgehenden Valentin an, der Yankee folgte, wie immer schweigend, sich nicht umsehend und sich über nichts wundernd, nach.

Während sie so über Baumwurzeln stiegen und sich durch dichtes Gebüsch zwängten, erfuhr August von dem redselig gewordenen Klosterbruder, daß er von Geburt ein Schweizer sei. Ohne sich zu genieren, erzählte er, daß er die Gemsjagd zu sehr geliebt habe, und daß er, als er einmal beim Wildern erwischt wurde, den Forstgehilfen über den Haufen geschossen habe.

Er mußte fliehen, wurde steckbrieflich verfolgt und fand zuletzt Aufnahme in einem Dominikanerkloster. Über vierzig Jahre war er nun schon Dominikaner, hatte es aber nie zum Pater, das heißt zum geweihten Priester gebracht, sondern war immer dienender Bruder geblieben. Trotzdem hatte Valentin – seinen eigentlichen Namen verschwieg er – stets eine Rolle gespielt. Man schickte ihn mit den Missionaren ins Innere Asiens, wo er in wüsten Gegenden mit seinem Gewehre für den Unterhalt der ganzen Gemeinde sorgte; der ehemalige Wilderer war noch immer Jäger geblieben.

Sobald aber eine neue Klostergemeinde emporgeblüht war, dann mußte Valentin wieder mit anderen Missionaren fort, in eine andere Wildnis hinein, und zuletzt, in seinem Greisenalter, steckte man ihn in das entlegenste Kloster im Pandschab, wo er von aller Zivilisation abgeschlossen war.

Warum er eigentlich nie in der Nähe einer Stadt bleiben durfte, warum er sofort versetzt wurde, wenn sich die Kultur in der Nähe des Klosters bemerkbar machte, das blieb August vorläufig noch ein Rätsel. Er sollte es erst später zur Genüge erfahren.

»Hier aber bleibe ich,« schloß Valentin seine Erzählung, »von hier werden sie mich nicht wieder fortjagen; denn ich bin der einzige, der mit einem Gewehre umzugehen weiß. Wäre ich nicht hier und hätte unter dem Raubgesindel aufgeräumt, man könnte keinen Fuß vor die Klosterpforte setzen. Als ich hierherkam, wimmelte es noch von Tigern und Panthern, jetzt habe ich tüchtig unter ihnen aufgeräumt, und,« fügte er listig blinzelnd hinzu, »hier gefällt es mir auch ganz besonders gut. Weißt du, ich bin der Revierförster vom Kloster; in der Umgegend ist mir meilenweit kein Baum, kein Felsen und keine – keine,« er stockte, als fürchte er, sich zu verplaudern, »und keine Pflanze unbekannt; den ganzen Tag streife ich mit der Büchse umher. Niemand fragt, wenn ich einmal nachts nicht ins Kloster komme, ich finde allemal eine Entschuldigung dafür.«

Es raschelte neben ihnen; August machte einen Seitensprung, denn vor ihm erhob sich der Kopf einer giftigen Schlange, die glitzernden Augen auf ihn gerichtet.

Blitzschnell bückte sich Bruder Valentin; ein sicherer Griff, seine Faust legte sich um den Hals des Reptils, der meterlange Körper sauste pfeifend durch die Luft, ehe er sich um den Arm ringeln konnte, und zerschmetterte am nächsten Baume.

Kaltblütig zog Valentin sein Bowiemesser, schnitt der Schlange den Kopf ab, wickelte ihn in ein Tuch und steckte ihn ein.

»Wieder ein Vaterunser gespart! Möchte mir gemerkt haben, wieviel Hundert Schlangen ich schon getötet habe.«

»Was ist das mit dem Vaterunser?«

»Für jeden giftigen Schlangenkopf,« schmunzelte Valentin, »den ich dem Prior abliefere, wird mir ein Vaterunser geschenkt. Solltest dabeigewesen sein, als ich einmal im Kloster selbst ein ganzes Schlangennest aushob. Den Schreck, Herr du meine Güte! Ja ja, Bruder Valentin kann noch etwas anderes als Gebete plärren und den Rosenkranz drehen.«

»Bravo, das uar serr gut,« sagte der Yankee, dem das Schlangengreifen imponiert hatte, »die Schlange war jedenfalls nicht giftig.«

»Nicht giftig? Was meinst du wohl? So eine hat mir einmal in den Stiefel gebissen, und ehe ich nach Hause kam, war der mir schon in Stücken vom Fuße gefallen. Das Leder war richtig verfault, die Nägel ganz verrostet. Ja, kommt mir nur mit Giftschlangen!«

»Eh, Leder uar verfault, Nägel verrostet?«

»Glaubst du, ich flunkere dir etwas vor?« sagte der Nimrod, der, wie fast alle Jäger, auch der Tugend des Lügens huldigte. »Da habe ich einmal gesehen, wie eine Kobra einem Soldaten in den Rock biß. Nun paß auf, du kannst etwas lernen. Nach zwei Minuten liefen die blanken Knöpfe blitzblau an, dann sprang einer nach dem anderen ab; nach fünf Minuten wurde das Futter des Rockes rot, als wäre es verbrannt, roch auch sengrig, und eine Viertelstunde später fiel dem Soldaten der Rock wie Zunder vom Leibe.«

»Möglich!« nickte der Yankee. »Dann hat wohl auch eine Schlange Sie in den Rock gebissen?«

»Warum?« »Weil Ihre Nase sein blitzblau angelaufen.«

»Laß diese faulen Witze, Freund! Wenn du erfährst, daß ich sie mir in Sibirien erfroren habe, wirst du nicht mehr spotten.«

Der Dominikaner wurde stets verstimmt, wenn man auf seine blaue Nase zu sprechen kam. Es schien dies seine schwache Seite zu sein.

Nach einiger Zeit tötete er abermals eine Schlange, und dies veranlaßte den Amerikaner, sich wieder zu ihm zu gesellen.

»Ick habe gehört,« begann er, »bei das Kloster Bernardo soll gesehen uorden sein eine Riesenschlange.«

»Aha, daher kennst du also das Kloster?«

»Ist das wahr?«

»Das mit der Riesenschlange? Ja. Willst du sie vielleicht jagen?«

»Yes«, nickte der Amerikaner.

Der Kuttenträger betrachtete ihn wie spöttisch von der Seite.

»Hast du schon einmal eine Riesenschlange gesehen?«

»Yes, in Brasilien.«

»Ich weiß nicht, wie sie dort sein mögen, wenn du aber hier einmal eine gesehen hast, dann gehst du nicht mit solch einem Blaserohr, wie du da hast, aus, um sie zu jagen.«

»Yes, ich weiß, die Riesenschlangen sein hier viel größer als in Brasilien, auch uerden die Riesenschlangen in Indien verspeisen gern Menschen.«

»Das tun sie mit Vorliebe aus dem einfachen Grunde, weil sie so einen schlanken Menschen leichter hinunterschlucken können als etwa eine Antilope, die alle viere von sich streckt und ein Geweih hat.«

»Haben Sie die Schlange schon gesehen?«

»Ja, ich war nahe daran, in ihrem Magen zu verschwinden.«

»Ah, ah, wie lang war sie?«

»So dreißig bis vierzig Meter!«

»Goddam, das ist lang,« sagte der Amerikaner, obgleich er solch eine Aufschneiderei nicht glaubte.

»Ja, dreißig bis vierzig Meter und etwa einen Meter dick. Sie hatte eben einen Elefanten verschlungen und war satt, sonst würde ich wohl heute nicht mehr leben.«

»Goddam, einen Elefanten!«

»Der Rüssel des Elefanten sah noch aus dem Rachen, dadurch wurde sie noch länger.«

»Uo hält sie sick auf?«

»In den Dschungeln an einem Sumpf, ganz nahe am Kloster. Die Brüder beten, daß Gott sie von dem Ungeheuer befreie, aber wenn nicht ein Mann kommt, der sie schießt oder fängt, so kann sie noch manchen Klosterbruder verspeisen. Ich tu's nicht.«

»Ick uerde dieser Mann sein.«

»Du? Mit dem Zuckererbsengewehr da?«

»Ick habe gefangen in Brasilien Riesenschlangen, ick uerde auch fangen diese.«

»Du streust ihnen wohl Salz auf den Schwanz?«

»No, nix Salz auf die Schuanz, ick baue eine Falle, uo sie sick uird fangen.«

»Da wünsche ich dir gut Glück. Wenn der Prior hört, daß du sie fangen willst, und er merkt, daß es dein Ernst ist, dann bist du bei ihm Hahn im Korbe, dann kannst du so lange im Kloster bleiben, wie du willst. Der Prior getraut sich nicht mehr aus der Tür, seitdem die Riesenschlange gesehen worden ist.«

»Dreißig bis vierzig Meter – goddam,« murmelte der Yankee nachdenklich, wieder zurückbleibend.

Jetzt teilte der ehrwürdige Bruder August mit, daß er dem Amerikaner nur etwas vorgeflunkert habe, was August allerdings nicht neu war. Aber etwas Wahres war doch daran; Valentin hatte wirklich in der Nähe des Klosters ein solches Ungetüm gesehen, wie es eine erwürgte Antilope mit Speichel bestrich; auch von anderen war es gesehen worden und hatte wegen seiner furchtbaren Größe Schrecken in der ganzen Gegend verbreitet; nur daß Valentin es auf dreißig bis vierzig Fuß, nicht Meter, schätzte.

Riesenschlangen von dreißig Metern Länge gibt es überhaupt nicht, wohl aber in Ostindien solche von dreißig Fuß, also zehn Metern, und darüber.

Hat der liebe Leser Gelegenheit gehabt, Riesenschlangen im Tiergarten oder in Schaubuden zu sehen, so waren es jedenfalls immer brasilianische oder javanische, deren größte Länge sieben Meter beträgt. Die von den Vorzeigern gewöhnlich geschilderte Gefährlichkeit dieser Reptile beruht auf Übertreibung, sie greifen den Menschen nicht an.

Überdies machen die halberstarrten Schlangen meist einen recht traurigen Eindruck.

Etwas ganz anderes ist es mit der ostindischen Riesenschlange, Schlinger oder Python genannt.

Bei denen ist zehn Meter Länge und darüber keine Seltenheit, sie sind mannesdick, der Rachen starrt von Zähnen und oft genug erküren sie sich ihre Beute unter Menschen.

Giftig sind sie nicht, wie überhaupt keine Riesenschlange, wohl aber entströmt ihrem Rachen ein widerwärtiger, betäubender Geruch, der ihnen aber insofern selbst schadet, als er ihr Nahen schon ankündigt und das Opfer warnt.

Valentin wußte viel von derartigen Reptilien zu erzählen und sagte offen, er habe keine Lust, sich mit solch einem Ungeheuer einzulassen. Was vermochte eine Gewehrkugel viel auszurichten! Man konnte sich der Schlange nur gefahrlos nähern, wenn sie eben eine Beute verschlungen und infolgedessen steif dalag, dann aber hielt sie sich sorgfältig verborgen. Im anderen Falle schoß sie auf den Jäger los und hatte ihn bald eingeholt; gewöhnlich aber bemerkte sie ihn früher, als er sie, und überfiel ihn plötzlich, und dann gab es kein Entrinnen mehr.

Bei derartigen Erzählungen, mit reichlichen Beispielen gewürzt, sträubte sich Augusts Haar auf dem Kopfe. Hinter jedem Baume glaubte er die Riesenschlange vorschießen zu sehen, jedes Rascheln jagte ihm Furcht ein, in jedem krumm gewachsenen Baume vermeinte er das Ungeheuer zu erblicken.

Daß Mister Bulwer die projektierte Menschenjagd nun aufgeben und dafür die Riesenschlange von dreißig bis vierzig Metern zu erbeuten suchen würde, davon war August felsenfest überzeugt, denn den Triumph, in seiner Heimat mit einer selbsterlegten, ausgestopften Riesenschlange zu glänzen, ließ sich der Amerikaner nicht entgehen.

Die Reise nach dem Kloster San Bernardo hatte ja auch keinen anderen Grund gehabt.

Mister Bulwer erfuhr, daß dort eine Riesenschlange gesehen worden wäre, und sofort stand sein Entschluß fest, diese zu erlegen.

Schon seit einigen Tagen träumte der Yankee von nichts weiter als von Riesenschlangen, ebenso August, zugleich nahm sich dieser aber fest vor, seinen Herrn auf keinen Fall auf eine solche gefährliche Jagd zu begleiten.

»He, mein Freund,« begann der joviale Klosterbruder wieder, »du sagst doch nichts wegen der Portweinflasche?«

»Gott bewahre.«

»Und jener – jener verrückte Amerikaner?«

»Der denkt schon längst nicht mehr daran.«

»Das ist gut, 's wäre mir fatal, du weißt schon warum, und daß ich so manchmal ein bißchen fluche, davon brauchst du auch nichts zu erwähnen. Es steckt mir eben so in den Knochen, das Beten und Geplärre bekommt man auch manchmal satt. Und, weißt du, wenn wir uns gut vertragen, wenn du so zu mir paßt, dann sollst du noch etwas ganz anderes erfahren.«

»Was denn?« »Jetzt noch nicht,« schmunzelte der Mönch und blinzelte mit den Augen, »erst muß ich dich auf die Probe stellen. Vielleicht erfährst du noch, daß diese Gegend ein Paradies ist.«

Weiter ließ er sich nicht aus.

Der Wald verschwand; eine kleine Sandwüste, wie man solchen im Pandschab auch von größerem Umfange begegnet, ja solchen, in denen selbst ein Reiter ohne Wasservorrat verschmachten kann, breitete sich vor ihnen aus. Das Spiel der Natur aber hatte es gewollt, daß sich in der Mitte dieser ebenen Fläche ein Hügel erhob, welcher mit üppiger Vegetation bedeckt war. Fleißige Hände hatten daraus einen waldigen Garten gemacht, aus dem nahen Felsengebirge Steine herbeigeschafft und auf dem Hügel ein kleines, aber festes Gebäude aufgeführt – das Dominikaner-Kloster zum heiligen Bernardo, dessen Bewohner im Pandschab die Eingeborenen zum katholischen Glauben bekehren sollten, allerdings bisher ohne nennenswerten Erfolg.

Freundlich lag die Mittagssonne auf dem Hause; sie schien in die scheibenlosen Fenster der Zellen; freundlich war auch der Eindruck des großen Gartens. Alles Düstere, was einem sonst beim Anblick eines Klosters befällt – dunkle, hohe Mauern, uralte Bäume – fiel hier weg.

Beim Näherkommen erkannte man, daß es sowohl einen Gemüsegarten wie auch einen Obstgarten gab, und daß auch diese von einer Mauer, freilich nur einer niedrigen, umfriedet waren, um so die sogenannte Klausur herzustellen, welche ohne die Erlaubnis des Priors von keinem Mönch überschritten werden darf.

Von dem hochgelegenen Kloster konnte man die Gärten übersehen, es hätte für den Kriegsfall auch eine gute Festung abgegeben. An das Kloster schloß sich noch ein anderes Gebäude, in welchem Kühe brüllten; also konnte diese Einsiedelei seine Bewohner zur Not wohl selbst ernähren. Die Kühe gaben Milch, die Gärten Obst und Gemüse, Holz mußte freilich aus dem nahen Walde herbeigeschafft werden, und woher die Mönche Wasser bekamen, war auch nicht zu erkennen. Wahrscheinlich besaß das Kloster einen Brunnenschacht.

Die drei Wanderer schritten durch den Obstgarten; auf Valentins Klopfen öffnete sich die eisenbeschlagene Klostertür; er ging hinein, während seine Begleiter draußen warten mußten.

Nach einer Viertelstunde öffnete der Bruder Pförtner auch ihnen die Tür, der Circator, in Klöstern eine Art von Hausmeister, hieß sie im Namen des Priors willkommen und führte sie, ohne vorläufig nach Namen, Religion, Stand oder Zweck ihres Besuchs zu fragen, in zwei nebeneinanderliegende Zellen, die nur mit je einem harten Lager, Stuhl, Tisch und Kruzifix ausgestattet waren.

Dann zeigte ihnen derselbe Mann im gemeinsamen Waschraum eine abgesonderte Stelle, wo sie sich reinigen konnten, und als sie nach Besorgung dieses Geschäftes zurückkehrten, fanden sie jeder einzeln für sich, das Mittagessen aufgetragen, bestehend aus einem Krug Wasser, einer Schüssel mit in Wasser gekochtem Reis und einem Stück Hartbrot, sogenanntem Schiffszwieback, über welche Delikatessen August große Augen machte und den Kopf hängen ließ.

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