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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 20
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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senderGeorges Huberty
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20. Gestörtes Stilleben

In mitternächtlicher Stille lag der Urwald da. Nur ab und zu erschollen das langgedehnte Gebrüll des Tigers, das Heulen des Schakals, der klagende Laut eines Nachtvogels und das blökende Schreien einer aus dem Schlafe aufgeweckten Antilope.

Hier im Pandschab war das Paradies der Raubtiere, sie hatten nicht nötig, Menschen zu überfallen und sich der Kugel der Feuerwaffe auszusetzen. Die Natur bot ihnen alles in Hülle und Fülle, und wenn ein Leckermaul Geschmack an Menschenfleisch gewonnen hatte, für den gab es genug waffenlos umherirrende Indier.

So umstreiften die Raubtiere auch nicht das kleine Zelt, das sich unter dem dichten Blätterdach eines Affenbrotbaumes erhob. Witterten sie, daß es Menschen beherberge, zogen sie sich schnell zurück, ehe der große Hund, der vor dem Eingange des Zeltes lag, anschlagen konnte.

Dieses bestand aus brauner Segelleinwand und war von modernster Konstruktion, wie man sie nur in den großen Geschäften von Hauptstädten für Sport- und Jagdliebhaber kaufen kann. Es war wohl für drei Personen eingerichtet, zusammengeschlagen aber mochte es in einen Tornister gehen, und dennoch hätte es Schutz vor dem stärksten Regenguß geboten.

An dem offenen Eingange lag einer jener großen Hunde mit kurzen Ohren und wenig intelligentem Gesichte, wie sie im Pandschab gezogen werden. Das Tier war als Begleiter durch die Wildnis überhaupt zu dick; faul lag der Kopf auf den Vorderpfoten, die Augen blinzelten nicht, und die Stumpfohren bewegten sich nicht, wenn das Geheul des Tigers ertönte.

Dennoch wäre der Hund sofort wach gewesen, wenn sich solch ein Raubtier genähert hätte. Der Pandschab war seine Heimat, er wußte, wann Gefahr drohte.

An dem Stamme des Affenbrotbaumes waren zwei Esel und ein Maultier angekoppelt. Sie schliefen im Stehen und ließen wie auf Kommando die langen Ohren gleichmäßig hin und her gehen.

Aber der Hund war ein schlechter Wächter, wenn ihm das Leben der Zeltbewohner anvertraut worden war.

Ruhig schlief er weiter und bemerkte nicht, wie etwas das Zelt in großem Bogen umkreiste.

Man wußte nicht, was es war. Unhörbar bewegte es sich, ein dunkler Schatten, bald richtete er sich auf bald wand er sich schlangengleich durch die Büsche, kein Rascheln verriet ihn, immer enger wurden die Kreise um das Zelt.

Da, als das Unbekannte eine Stelle passierte, wo ein Mondstrahl seinen Weg durch das Laubdach fand, blitzte es auf, es schillerte wie die Haut einer Schlange, und da auch die Bewegung entsprechend war, so lag die Vermutung nahe, daß es wirklich eine große Schlange war. Jetzt bewegte es sich nicht mehr um das Zelt herum, es kroch vielmehr in den Windungen einer Schlange direkt auf den Eingang zu.

Kein trockener Zweig krachte, kein Blatt raschelte, starr waren zwei funkelnde Augen auf den ahnungslosen Hund geheftet.

Jetzt hatte es diesen erreicht, es huschte über ihn hinweg und verschwand in dem Zelte.

Und noch lag der Hund, auf den sich die Menschen im Zelte vertrauensvoll verließen, schlafend da.

Nach einer Minute kam das Unbekannte wieder heraus, kroch über den Hund, ohne ihn zu berühren, und verschwand im Walde. Nur einmal noch leuchtete die schillernde Haut auf.

So wußte weder Mensch noch Tier, daß ein lebendes Wesen ihnen in dieser Nacht einen Besuch abgestattet hatte.

Die Nachtstunden verstrichen; noch vor Anbruch der Dämmerung hörte das Geheul der Raubtiere auf, und die Tagtiere ließen dafür ihre Stimmen erschallen.

Schon piepste es in den Zweigen, und beim ersten Aufzucken der Morgenröte begann das gewöhnliche Konzert: die Vögel lärmten und zwitscherten, je nachdem ihre Kehlen beschaffen waren, die Affen kreischten, und auch die Esel erhoben ihre Stimmen zum Morgengruß.

Dann benagten sie die Büsche, soweit die Koppel ihnen das erlaubte, während der ebenfalls erwachte Hund sich erst leckte. Mit einem Male mußte ihm etwas nicht in Ordnung erscheinen; er blickte sinnend vor sich hin, erhob sich, schnoberte an der Erde herum, heulte auf und lief laut bellend in großem Bogen um das Zelt herum, entfernte sich jedoch nicht von diesem.

»Verdammte Bestie!« knurrte eine Stimme, und aus dem Zelteingang sah August mit verschlafenem Gesicht und struppigen Haaren hervor.

Dann kroch er völlig heraus, gähnte, dehnte und streckte sich und gab dem Hunde, der, das Suchen ganz vergessend, freudig bellend an ihm aufsprang, einen Fußtritt.

»Da, das dafür, daß du mich aus dem Schlafe geweckt hast! Und ihr,« er warf einen wütenden Blick zu den schnatternden Affen hinauf, »wenn ich euch hätte, verdammte Bande, ich würde euch alle bei den Ohren aufhängen.«

August ging an seine erste, tägliche Beschäftigung, an die Teebereitung, wozu er nicht erst ein Feuer anzuzünden hatte. Der Amerikaner war mit allen möglichen Patentartikeln ausgerüstet, und so führte er auch eine Teemaschine mit sich, die so lange zu gebrauchen war, wie Spiritus vorhanden war.

Da die Blechflasche glücklicherweise noch solchen enthielt, hatte August geringe Mühe.

Er brachte den Apparat in Ordnung, eine kleine Arbeit, aber ohne Räsonieren ging auch dies nicht ab.

»Uah,« gähnte es hinter ihm, und hörbar klappten zwei Kinnladen wieder zusammen.

»Goddam! Tom!«

»Sir!«

»Haben Sie gesehen nix Riesenschlange?«

»Ne, keine Spur davon.«

»Well, geben Sie mir mein Buchs!«

»Soll denn das Knallen in aller Herrgottsfrühe schon wieder losgehen?« murrte August.

»Mein Buchs, mein Buchs und nichts anderes bekommt man zu hören; und nun noch von der Riesenschlange, von der Ihnen so ein brauner Halunke was vorgeflunkert hat.

Riesenschlangen, Unsinn, die gibt's in Menagerien, laufen aber nicht wild mang die Brombeeren rum.«

»Sie werden mir geben mein Buchs,« sagte der Amerikaner ruhig, als hätte er nichts gehört und blickte, das Monokel im Auge, aufmerksam in die Zweige des Affenbrotbaumes hinauf. »Was wollen Sie denn schon wieder schießen? Ich habe es nun wahrhaftig bald satt, nach jedem Schuß ihre verfluchte Buchs zu putzen.«

»Ich uerde schießen einen Affen, den da mit die ueiße Schnauz, und Sie uerden mir geben mein Buchs.«

Schließlich gab August immer nach, er war ja der besoldete Diener, der seinen Lohn täglich und pünktlich erhielt, und so holte er auch jetzt das vielgeliebte Gewehr des Amerikaners.

»So, Mister Pulver, nu uerden Sie schießen das Affe mit die ueiße Schnauz.«

Der Amerikaner hatte für Spott und Gegenrede gar kein Gehör; liebäugelnd betrachtete er das ausgezeichnete und gutgehaltene Gewehr.

»Tom.«

»Donnerwetter, was gibt's denn nun schon wieder?« ließ sich August an seiner Teemaschine grimmig vernehmen.«

»Sie uerden mir geben das andere Buchs.«

»Wozu denn?«

»Sie uerden mir geben das andere Buchs.«

»Ist die Ihnen nicht gut genug?«

»Ick uerde schießen mit das andere Buchs. Goddam!«

Wenn der Amerikaner zu fluchen anfing, hörte Augusts Widerrede sofort auf. Er ging in das Zelt, kam aber nach einigen Sekunden mit leeren Händen wieder heraus.

»He, Mister Pulver, wohin haben Sie denn die andere wieder gepaddelt?«

»Geben Sie mir das andere Buchs.«

August durchstöberte noch einmal das Zelt und erschien mit ganz bestürztem Gesicht am Eingang.

»Ne, aber so was lebt doch nicht,« rief er verblüfft, »das andere Buchs ist weg – futsch.«

»Uerden Sie mir nun geben das andere Buchs? Goddam!«

»Sie haben gut fluchen. Sehen Sie gefälligst selbst mal nach, ob Sie das Buchs finden können! Ich kann's nicht.«

Der Amerikaner zog die Augenbrauen hoch und blickte August an. Er war unwillig.

»Nee, nee, Mister Pulver, da brauchen Sie gar nicht so ein Gesicht zu schneiden. Wenn Sie das Gewehr nicht haben, ich hab's auch nicht.«

Die beiden sahen sich an.

»Suchen Sie mein Buchs,« sagte Mister Bulwer dann.

August kroch noch einmal ins Zelt.

»'S ist nichts zu finden,« rief er drinnen, »und – wahrhaftig – auch der Patronenbeutel fehlt.«

»Goddam Tom!«

Augusts Gesicht drückte deutlich genug aus, daß er die Wahrheit sagte.

»Uo uird sein mein Buchs?«

»Das weiß der Teufel, ich nicht.«

»Sie uerden haben verkauft mein Buchs.«

August steckte die Hände in die Hosentaschen und lachte aus vollem Halse.

»Ich? Ihre Buchs verkauft? Wo soll denn hier der Trödler wohnen, zu dem ich sie hingetragen habe?«

»Ick spreche von keine sie, ick spreche von mein Buchs. Mein Diener zuvor hat auch verkauft meine Jagdstiefel und hat sick gekauft dafür Halsbänder.«

»Na, Männecken, mit solchem Unsinn da verschonen Sie mir. Da, der Köter ist schuld daran, die faule Bestie hat geschlafen. Ich möchte aber doch wissen, wer sich in unser Zelt geschlichen und das Gewehr mit Patronen gestohlen hat. So eine hinterlistige Gemeinheit!«

»Sie uerden uiederschaffen mein Buchs. Stellen Sie sick hin, ick uerde schießen den Affen mit die ueiße Schnauz.« August mußte sich vor ihm in Positur hinstellen, der Amerikaner legte den Lauf seines Gewehres erst auf die Schulter, dann auf den Kopf des Dieners, konnte aber natürlich noch nicht in den Wipfel des Baumes visieren.

Hätten die Affen schon nähere Bekanntschaft mit den Menschen gemacht, sie würden nicht ruhig auf sich haben zielen lassen. So aber schnatterten sie zusammen und schnitten Grimassen herunter.

»Macken Sie sick größer,« befahl Bulwer, »so – noch etwas größer – noch einen halben Meter höher.«

»Ne, Mister Pulver, so etwas hat meiner Mutter jüngster Sohn nicht gelernt. Auf die Fußspitzen kann ich mich wohl stellen, aber mich wie einen Photographenapparat in die Höhe zu schrauben, das bringe ich nicht fertig. He, Mister Pulver, wissen Sie, wer die Buchs gestohlen haben wird?«

»No.«

»Einer von den Affen da oben.«

»Sie uerden haben können recht. Gehen Sie ueg, Sie sein zu klein.«

August entfernte sich, während der Amerikaner die Büchse hob, lange nach einem Affen zielte und dann schoß.

Ob er einen getroffen hatte oder nicht, konnte man nicht sagen, jedenfalls stürzte keiner herunter; aber etwas anderes geschah, was der Yankee nicht vorausgesehen hatte.

Der Affenbrotbaum, ein Baum mit sehr dickem Stamm, dessen Äste sich aber schon tief unten zu verteilen beginnen, trägt spannenlange Früchte, bestehend aus einer breiigen Masse, welche, besonders auf heißen Steinen gebacken, wie süßes Brot schmeckt. Die Früchte bilden die Lieblingsspeise der Affen.

Die langgeschwänzten Bewohner da oben hatten nun auch jeder eine solche Frucht in den Händen, bissen davon ab und drückten durch Schnattern ihr Wohlbehagen aus.

Kaum knallte der Schuß, kaum fuhr die Kugel durch Äste und Blätter, als ein Höllenlärm entstand, und im selben Moment sauste ein Hagel von den breiigen Früchten auf den Kopf des Schützen herab. Fast keine verfehlte ihr Ziel, und im Nu war der Kopf des Yankees mit einer klebrigen Substanz zolldick bedeckt.

Mister Bulwer dachte nicht mehr ans Schießen. Er hatte das Gewehr fallen lassen und stand mit gespreizten Fingern da, wie der Lehrjunge, der beim Naschen mit dem Kopfe ins Sirupfaß gefallen ist.

August, der als Unschuldiger von den Wurfgeschossen verschont geblieben war, lehnte an einem Baume und lachte, daß ihm die Tränen über die Backen kugelten.

Der Yankee blieb nicht lange so stehen; hastig begann er mit den Händen die Schmiere vom Gesicht abzureißen, denn wahrscheinlich konnte er keine Luft bekommen, und als sich August von seinem Lachkrampf erholt hatte, unterstützte er seinen Herrn dabei.

Es war keine leichte Arbeit; das süße Zeug klebte wie Sirup; Mund, Ohren und Nasenlöcher waren förmlich verstopft, und August mußte mit Wasser, Seife und Bürste arbeiten.

»Goddam,« war das erste Wort, als der Yankee den Mund öffnen konnte, »uas uar das?«

»Ja, ja, Mister Pulver,« lachte August, »diese Affen können besser schießen als Sie.«

Jetzt erst erfuhr der Amerikaner, was eigentlich geschehen war, und weit entfernt, darüber ärgerlich zu sein, rieb er sich vielmehr vergnügt die Hände.

Eine halbe Stunde dauerte es, ehe er wieder menschenähnlich aussah, aber auch dann noch starrten der Kotelettenbart und das Kopfhaar, soweit es nicht von der Kappe bedeckt gewesen, von dem schmierigen Brei.

Da jedoch jetzt das Wasser kochte und der Yankee auch auf der Reise durch den Urwald genau nach seiner Gewohnheit lebte, so wurde erst der Tee eingenommen, zu welchem man trotz der frühen Morgenstunde Rum genoß. Der Amerikaner hatte sich vorzüglich verproviantiert; August trug ein leckeres Frühstück auf, bestehend aus Fleischkonserven und Biskuits.

»Tom, uarmes Wasser, ick uerde mick rasieren,« erscholl wie jeden Morgen so auch jetzt der gewöhnliche Befehl. August, der die letzte Winchesterbüchse auf dem Rücken trug, damit ihm nicht auch diese gestohlen würde, schlug in einem Becken Seife zu Schaum, und Mister Pulver begann mit pedantischer Genauigkeit die wichtige Arbeit des Rasierens.

Er selbst lehnte den Spiegel an die Baumwurzel, setzte sich davor, und da er wie mancher andere keine fremde Hand an seinem Bart duldete, seifte er sich selbst ein, und zwar gleich recht tüchtig, auch den Bart und das Kopfhaar, um die Schmiere daraus zu entfernen, während August das Rasiermesser auf der Lederschale abzog.

Mister Bulwers Kopf sah wie ein Schneeball aus, über und über mit Seifenschaum bedeckt, als plötzlich ein Grunzen erscholl, ein Donnern, ein Krachen von brechenden Ästen und Zweigen.

»Rette sich, wer kann!« schrie August, warf das Rasiermesser fort und kletterte mit der Geschwindigkeit eines Affen am nächsten Baum hinauf.

Des Amerikaners angeborenes Phlegma konnte nicht so schnell überwunden werden.

»Uas das sein?« fragte er und wandte langsam den Kopf, aber kaum sah er das haarige Ungeheuer mit mächtigem Kopf, in dem die Augen wie Kohlen glühten, wie es sich auf ihn zustürzte, als er wie eine Feder emporschnellte, im Nu auf dem untersten Ast des Affenbrotbaumes saß und rasch noch höher hinaufretirierte.

Da unten stand nämlich ein wirkliches Ungeheuer, ein Arni oder Riesenbüffel mit außergewöhnlich langen Hörnern.

Die tückischen Augen funkelten vor Wut, sie schielten nach dem Amerikaner hinauf, den er so gern mit den Hörnern in die Luft geschleudert und dann mit den Hufen zu Brei zerstampft hätte. Das haarige Fell der Bestie war mit einer Kruste von getrocknetem Schlamm bedeckt.

Wer solch einen ostindischen Riesenbüffel im Tiergarten sieht, der wünscht sich keine Begegnung mit ihm im Freien, und der Indier fürchtet ihn auch ebenso sehr wie den Königstiger, ja, dieser Büffel ist das einzige Tier, dem dieser selbst aus dem Wege geht.

An Stärke dem Elefanten, an Kühnheit und List dem Panther gleich, kennt die Wut des indischen Büffels keine Grenzen, wenn sie erst einmal geweckt ist. Mensch wie Tier jagt er so lange, bis er sie unter seinen Füßen hat; durch junge Wälder stürmt er ohne Hindernis; wie Schilf zerknickt er die kleineren Bäume; nichts vermag ihn aufzuhalten, und wagt einmal ein unerfahrenes Raubtier, ihn zu überfallen, so wirft er sich wuchtig an den nächsten Stamm oder auf die Erde, im nächsten Augenblick hängt der Räuber schon mit aufgeschlitztem Leib an den Hörnern, fliegt in die Luft wie ein Federball, wird wieder aufgefangen und endet unter den Hufen.

Auf dem Rücken solch eines Tieres wagt der furchtsamste Kuli ganz allein durch die Dschungeln zu reiten, eben weil sich kein Raubtier an den Büffel heranwagt; trotz seiner Wildheit ist er nämlich zähmbar und wird als Reit- und Zugtier benutzt, ist überhaupt das einzige Zugtier der Indier; höchstens der Elefant wird noch zum Pflügen des einstigen Urwaldbodens benutzt.

Ein solches Ungeheuer stand jetzt da unten, peitschte mit dem Quastenschweif die Flanken, grunzte, stampfte den Boden und rollte die Augen; oben aber saß Mister Bulwer und wischte sich fortwährend die Augen, in welche ihm der Seifenschaum lief.

»Mein Buchs, Tom, mein Buchs,« schrie er dabei in einem fort, »ick uill mein Buchs haben.«

»Den Teufel auch,« lachte August, der sich auf seinem Baumstamm ganz sicher fühlte, »holen Sie sich Ihre Buchs! Ich werde mich hüten, sie Ihnen zu bringen.«

»Sie uerden bringen mir mein Buchs.«

»Daß ich ein Narr wäre!« »Ick gebe Ihnen fünfzig Dollar, uenn Sie uerden bringen mir mein Buchs.«

»Ne, Männeken, das machen wir nicht, auch nicht für etliche tausend Dollar. Holen Sie sich Ihre Buchs gefälligst selber, wenn Sie schießen wollen.«

Die an den Stamm gebundenen Reittiere zogen unterdessen mit der Kraft der Verzweiflung an ihren Halftern. Der Stier hatte vorläufig nur Augen für den Menschen, seinen ärgsten Feind.

Da sprengte das Maultier die Koppel, gleich darauf einer der Esel, beide jagten davon; auf den andern Esel aber stürzte sich jetzt der Büffel, schlitzte ihm mit einem Ruck den Leib auf und stampfte ihn in Grund und Boden.

»Goddam sonofabitsch,« brüllte der Yankee, »uollen Sie bringen mein – ha – ha – hazzih.«

»Prosit, Mister Pulver, die Seife kommt Ihnen wohl in die Nase? Sie sehen jottvoll aus; unten wie 'ne Ziehfigur, oben wie ein Schneemann.«

»Ick uerde Sie – ha – ha – hazzih – goddam!«

Der Körper des Esels war ein blutiger Fleischbrei; der Büffel witterte Blut; der Geruch vermehrte seinen Zerstörungswahnsinn, wild blickte er um sich und rannte mit gesenkten Hörnern auf das Zelt zu.

Wie ein Kartenhaus brach es zusammen, und der Unhold trampelte nach Herzenslust darauf herum.

Glas zerkrachte, Blechbüchsen wurden zusammengetreten, kein Stück blieb heil, alles wurde zertrümmert oder zerquetscht, selbst die Leinwand mußte mit den Hörnern zerfetzt werden.

Der Yankee schrie nach seinem Gewehr, nieste und wischte sich den Seifenschaum immer mehr in Nase und Augen; er bot auf seinem Ast eine Jammergestalt dar. August lachte bald über seinen mit Seife bedeckten Herrn, bald verwünschte er den tollen Stier.

»Meine Zigarren!« jammerte Mister Bulwer.

»Und allen Rumflaschen hat dieses räudige Vieh den Hals gebrochen,« klagte August, »da fließt der Rum hin. Hätte ich das eher geahnt, dann – –«

Er hob das Gewehr und zielte nach dem Büffel. »Nix schießen, nix schießen,« schrie sofort sein Herr, »das sein mein Buchs, ick uerde schießen auf das Büffel.«

»Ja, da schießen Sie doch!«

»Sie uerden mir geben mein Buchs.«

»Zum Teufel noch einmal, sind Sie verrückt?«

August knallte mehrmals hintereinander ab, die kleine, stählerne Spitzkugel, von großer Pulverkraft getrieben, mochte sich aber höchstens eben in das dicke Fell einbohren. Er war nicht Schütze genug, um das Auge zu treffen, was vielleicht den Tod des Büffels herbeigeführt hätte.

Der Yankee schimpfte, daß sein Diener auf den Büffel schoß, denn nach seiner Meinung waren alle Tiere Indiens nur für ihn zum Schießen da, und der Büffel stampfte nur mit erneuter Wut auf dem wüsten Haufen herum.

Da krachte es unter seinen Hufen, einmal, zweimal, Blitze zuckten auf; der Büffel stieß ein Gebrüll aus, machte einen meterhohen Satz und stürmte davon.

»Hip hip hurra!« schrie August auf seinem Baum und schwang die Büchse, als hätte er das Tier in die Flucht getrieben.

»Ha – ha – hazzih – uas uar das?«

»Prost; das war, der Ochse hat auf Patronen getreten, und die haben sich entzündet.«

Der Yankee nieste noch einige Male, wischte sich die Seife aus den Augen und verlangte dann von August, jetzt solle er herunterklettern und ihm das Gewehr geben.

»Nee, nee, mein Bester, ich sitze hier ganz gut. Sie denken wohl, Sie können da oben zusehen, wenn das Vieh zurückkommt und mich in den Grund trampelt.«

»Er uird nix zurückkommen.« »Wenn Sie das so genau wissen, dann steigen Sie gefälligst zuerst vom Baum. Ich esse vom Ochsen nur die Beefsteaks gern, sonst mag ich nichts mit ihm zu tun haben.«

»Uenn Sie hätten gegeben mir mein Buchs, könnten uir jetzt essen Beefsteaks.«

»Ja, uenn! Vielleicht hätten wir aus unserem eigenen Fleisch Beefsteaks machen können.«

So stritten sie sich noch lange herum, wer von ihnen zuerst seinen Baum verlassen sollte.

Beide hatten keine Lust dazu, beide fürchteten noch die Rückkehr des wütenden Tieres, und auch daß der entflohene Hund sich wieder anmeldete, konnte ihnen keinen Mut einflößen.

August knurrte und murrte, der Yankee nieste und wischte sich den vom Kopf herabfließenden Schaum aus den Augen.

Da erschien eine neue Gestalt aus der Bildfläche.

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