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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 2
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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2. Die schwarze Maske

Endlich sollte Franziskas Sehnsucht gestillt werden, wenn auch gleich eine Enttäuschung nachfolgte.

Eines Morgens trat die Alte mit freudigem Gesicht zu ihr herein und verkündete ihr, ›er‹ sei diese Nacht angekommen.

»John, mein Bräutigam?« schrie Franziska auf. »Wo, wo ist er? O, führe mich gleich zu ihm.«

»Er ist schon hier, hier in diesem Hause, und wird dich gleich besuchen, mein Töchterchen.«

Franziska machte mit fieberhafter Eile Toilette und zählte dazwischen die Sekunden.

Da ward die Portiere zurückgeschlagen, sie wollte dem eintretenden Manne entgegenstürzen, sich jubelnd an seine Brust werfen, aber wie gelähmt sanken ihre Arme herab – es war nicht ihr John, sondern Lord Westerly.

Er bedauerte, daß sie sich getäuscht habe, und daß er die Schuld daran hätte.

»O, wenn Sie mir wenigstens Grüße und die Nachricht bringen, Mylord, daß er Ihnen bald nachfolgt!«

»Ersteres kann ich, letzteres nicht, Miß. Lord Canning kann unmöglich den Kriegsschauplatz vor Delhi verlassen, wo jeden Tag einer Katastrophe zu erwarten ist. Er sendet aber Ihnen, seiner Braut, seine herzlichsten Grüße und diesen Brief. Ich kenne den Inhalt der Hauptsache nach und hoffe, daß Sie mit dem einverstanden sind, was der um Ihr Schicksal bekümmerte Lord Canning Sie zu tun bittet.«

Als Franziska den Brief las, wurde sie leichenblaß, und ein mißtrauischer Blick streifte den in ehrerbietiger Haltung vor ihr stehenden Westerly.

Canning schrieb ihr Grüße und Liebesbeteuerungen, schilderte seine Sehnsucht nach ihr, hoffte auf eine baldige Vereinigung, dann aber stellte er ein seltsames Verlangen.

Er hielt ihren ferneren Aufenthalt in Bombay für durchaus gefährlich, da man jetzt wußte, daß sie seine Braut sei, und ihr deshalb mit allen möglichen Listen nachstelle, um sich ihrer zu bemächtigen, weil man dann auf ihn, den Generalgouverneur, einen ungeheuren Druck auszuüben gedenke. Er wünsche, daß Franziska so bald wie möglich nach England reise, und wähle als ihren Reisebegleiter Lord Westerly, dessen treue Freundschaft zu erproben er in letzter Zeit öfters Gelegenheit gehabt hätte. Sie solle mit ihm reisen, sich niemandem zu erkennen geben, sich auch keiner Familie anvertrauen; denn in jeder Person müsse sie einen Verräter vermuten, der sie, die Braut des wichtigsten Mannes in Indien, den Feinden ausliefern könnte.

Wie sehr die Indier hinter ihr her wären, das hätte sie selbst schon erfahren, und noch immer erführe er, Canning, neue Anschläge auf ihre Freiheit.

Das beste wäre, wenn sie vorderhand einige Zeit mit Westerly vollkommen unsichtbar bliebe und dann als dessen Frau die Reise nach England anträte.

Franziska war über diese Zumutung erst völlig erstarrt. Was für ein Vertrauen mußte Canning zu diesem Manne haben! Mit glatten Worten setzte Westerly ihr die Zweckmäßigkeit dieses Vorschlags auseinander. er wußte sich so zu benehmen, daß das junge Mädchen schon in der ersten Stunde vollkommenes Zutrauen zu ihm faßte und schließlich auf alles willig einging.

Übrigens hätte sie sowieso den Rat ihres Geliebten befolgt; denn daß es sich um einen gefälschten Brief handeln könne, auf diese Vermutung kam sie nicht einmal.

Westerly blieb also in dem Hause der Alten. Er bewohnte das Zimmer, das früher Franziska innehatte, kam ebenfalls niemals ins Freie, höchstens in den Hof, nachdem er sich vergewissert hatte, daß das benachbarte Haus zwar möbliert, aber unbewohnt war, benahm sich Franziska gegenüber äußerst höflich und zuvorkommend und empfing nur manchmal die Besuche jenes Herrn, der seine Ankunft zuvor gemeldet hatte.

Dieser war sein Helfershelfer. Westerly hatte keine andere Absicht, als sich den Verhältnissen, in die er hineingeraten war, durch die Flucht in ein fremdes Land, am allerwenigsten natürlich nach England, zu entziehen. Er hatte jetzt sowohl die Rebellen, als die Engländer zu fürchten. Seit er ersteren untreu geworden, indem er nach eigenem Ermessen handelte, mußte er immer gewärtig sein, daß sie ihn furchtbar bestraften. Entweder sie marterten ihn auf grausame Weise zu Tode, oder sie lieferten ihn an England aus, wo ihm der Prozeß wegen Hochverrats gemacht wurde, was auch die Entziehung seines Titels und Vermögens zur Folge hatte.

Letzteres war freilich gar nicht mehr möglich; denn der Lord hatte bereits unter der Hand sein ganzes väterliches Erbteil, wie man zu sagen pflegt, flüssig gemacht, und die Summe, von deren Rente er fürstlich leben konnte, auf einer Bank in Konstantinopel deponiert.

In dieser Stadt konnte er leben, ohne Engländer oder Indier fürchten zu müssen. Die Türkei, diese Schmach Europas, bietet jedem Verbrecher einen sicheren Schlupfwinkel – wenn er reich ist; denn wenn die türkischen Beamten die Hände aufmachen, so machen sie dafür die Augen zu, auch die Ohren.

Zugleich dachte Westerly noch immer mit unversöhnlichem Haß an Lord Canning; der Hieb über die Hand, der eine Narbe hinterlassen, brannte manchmal wie Feuer.

Lange hatte er an der Rache gearbeitet, jetzt endlich war er seinem Ziele nahe.

Die Braut Cannings mußte mit ihm gehen, das schöne Mädchen seinen Harem bevölkern helfen, den er sich als künftiger Türke anzulegen gedachte, und vielleicht war es ihm möglich, Cannings Seele mit dem Bekennen seiner Schandtat zu quälen.

Er hatte Franziska die Vorgänge auf dem Schlachtfeld vor Delhi schildern müssen und ihr auch den Tod der Begum nicht verschwiegen; ja, er hatte sogar damit geprahlt, daß der Meuchelmörder speziell von ihm gedungen worden war.

Zwar hatte er den Erfolg des Persers nicht vernommen, er zweifelte aber nicht an dem Gelingen des Planes.

Als ihm eines Tages sein ihn täglich besuchender Vertrauter die Nachricht brachte, die Begum würde nach wie vor auf den Wällen Delhis gesehen, ärgerte er sich anfangs, vergaß es aber bald über dem Liebreiz Franziskas, für welche er eine von Tag zu Tag größer werdende Neigung empfand.

Nur die Gefahr, daß sein Aufenthalt in Bombay entdeckt werden könnte, wenn in dem Hause Hilferufe eines Weibes erschollen, hielt ihn davon ab, sich auf seine bekannte Manier von dem schönen Mädchen Liebe zu erzwingen.

Es trennten ihn nur noch wenige Tage von seiner Abreise nach Konstantinopel, als er eines Abends wie gewöhnlich in seinem Zimmer vor der rotbeschirmten Lampe am Tische saß und ein Buch studierte, welches die Verhältnisse seiner neuen Heimat mit glühenden Farben schilderte. Westerly sprach sowohl Türkisch als Arabisch perfekt, weil diese Sprachen auch viel in Indien gesprochen werden, und so gedachte er sich vollkommen in die Rolle eines Türken einzuleben.

Er hatte Franziska nach dem Abendessen eine herzliche Gutenacht gewünscht, sich aber wie gewöhnlich äußerst formell benommen, um sie ja nicht vor der Zeit scheu zu machen.

Da ward unten die Haustür zugeschmettert, ein eiliger Schritt kam die Treppe herauf, und herein stürzte die alte Frau mit allen Zeichen eines namenlosen Schreckens.

Westerly, hatte sie zuerst gar nicht wiedererkannt. Ihre Augen blitzten gläsern und starr, wirr hingen ihr die Haare um den Kopf, und sie zitterte an allen Gliedern.

Sie warf sich auf den Diwan und schnappte nach Luft.

Westerly war ein furchtloser Mann, frei von jeder Gespensterfurcht und von dem Aberglauben an übernatürliche Dinge, wie wir schon früher erwähnt hatten. Bei jeder Gelegenheit spottete er über dergleichen Sachen.

Aber es konnte etwas geschehen sein, was seine Sicherheit gefährdete.

So sprang er also doch erschrocken auf und faßte nach dem an der Wand hängenden Revolver. »Was gibt's? Was ist geschehen?«

»Ich – ich habe – ein Gespenst gesehen,« keuchte die Alte.

»Dachte ich mir's doch!« lachte Westerly ärgerlich. »Es ist doch merkwürdig, daß immer alte Weiber Gespenster sehen und mir niemals eins erscheinen will.«

»O, Herr, spottet nicht!« flehte das Weib mit aufgehobenen Händen. »So deutlich, wie Ihr jetzt vor mir steht, habe ich es gesehen.«

»So, wo denn? Auf der Straße?«

»Hier im Nachbarhause.«

»Oho, dann könnte schon eher etwas Wahres daran sein. Sagtest du nicht, das Haus sei dein und unbewohnt?«

»Ja, Herr.«

»Was hast du, verdammte Hexe, aber bei Nachtzeit drüben in dem leeren Hause zu suchen?«

»Ich – ich sah ein Licht!«

»Wo?«

»An einem Hoffenster.«

»In dem leeren Haus?«

»Ja.«

»Und deshalb wärest du hinübergegangen? Höre, das klingt sehr unwahrscheinlich. Dann wärest du doch sofort sehr erschrocken gewesen und hättest um Hilfe geschrien.«

»Herr, ich habe mich noch nie vor Gespenstern gefürchtet, ich glaube überhaupt nicht daran.«

»Hm, das klingt aus deinem Munde wieder sehr unwahrscheinlich. Nun, als du hinüberkamst, was sahst du da?«

Das Weib wurde wieder von einem Zittern befallen.

»Eine – eine Lampe – mit einem roten Schirm.«

»Donnerwetter, das ist ja unheimlich,« lachte Westerly. »Geradeso wie meine?«

»Ja, Herr.«

»Und sie brannte?«

»Ja.«

»Dann hat wahrscheinlich das Gespenst sie angesteckt. Nicht wahr, sie schwebte frei in der Luft?«

»Nein, sie stand auf dem Tisch.«

»Das ist ganz ungespenstisch. Und wo bleibt denn nun das eigentliche Gespenst?«

»Das saß am Tisch.«

»Und las Zeitungen,« spottete Westerly.

»Nein, es hielt ein Papier in der Hand und las.«

»Also es las doch!« lachte Westerly aus vollem Halse.

»Es war nur ein beschriebenes Blatt. Spottet nicht, Herr, sonst kommt es hierher.«

»Wäre mir sehr angenehm. Hatte dieses Gespenst eine Ritterrüstung an?«

»Nein, es ...«

»Aber den Kopf trug es in der Hand?«

»Nein, der saß auf dem Halse, aber er war ganz schwarz.«

»Es hatte schwarze Haare.«

»Das Gesicht war ganz schwarz, und der Mantel ...«

»Sicherlich rot.«

»Nein, alles war schwarz an ihm, der lange Mantel wie auch das Gesicht.«

»So so. Was tat denn dieser Gentleman sonst noch?«

»Er las und seufzte.« »Natürlich, seufzen und stöhnen, klopfen und kugelrollen gehört zu jeder Geistererscheinung. Lege dich zu Bett, schlafe aus und verschone mich ein andermal mit solchen Geschichten!«

»Ihr wollt mir nicht glauben?« fragte die Frau ängstlich.

»Fällt mir nicht ein. Ich möchte dich gern überzeugen, daß du nur geträumt hast, mir fehlt jetzt aber die Zeit dazu. Ich könnte dir sogar ganz leicht die Erklärung geben, auf welche Weise das Phantom in deinem Kopfe entstanden ist. Da ist erstens einmal meine Lampe, die dein Augennetz aufgenommen, behalten und im dunklen Zimmer reflektiert hat. Dann komme ich selbst, ich bin heute ausnahmsweise dunkel gekleidet ...«

»Aber das Licht,« unterbrach ihn das Weib.

»Welches Licht?«

»Das erleuchtete Fenster.«

»War nichts weiter als der reflektierte Strahl eines anderen erleuchteten Fensters, der sich in dieser Scheibe brach. Wir können uns ja gleich überzeugen, ob der Geist mit dem schwarzen Gesicht noch immer beim einsamen Lampenschein studiert.«

Spöttisch lächelnd begab er sich ans Fenster, wirbelte es auf und bog sich hinaus.

»Alle Wetter!« entschlüpfte es seinen Lippen, und erschrocken fuhr er zurück.

Dann bog er sich noch einmal hinaus – es war keine Täuschung. Aus einem Fenster des Nachbarhauses strahlte ein mattes Licht, das Zimmer war erleuchtet.

Doch Westerly konnte noch nicht bewogen werden, an etwas Übernatürliches zu glauben.

Nur um eine Schattierung bleicher, ergriff er kalt und mit fester Hand den Revolver und untersuchte ihn.

»Ein Zimmer ist drüben allerdings erleuchtet,« sagte er ruhig zu der Alten, »und ich werde feststellen, wer sich dort häuslich niedergelassen hat. Hast du Mut, mich zu begleiten?«

Die Alte zögerte eine Weile. Sie schien keine Lust zu haben, noch einmal das spukhafte Haus zu betreten.

»Was soll ich dabei? Ich kann Euch nicht helfen.«

»Doch. Ich will im Finstern vordringen, dann habe ich den Vorteil auf meiner Seite. Du sollst mir den Weg zeigen, die Türen öffnen und, wenn ich es dir sage, mir schnell Licht machen.«

»Gut, wenn Ihr es befehlt, so komme ich mit. Aber ich bleibe hinter Euch.«

»So nimm das Feuerzeug und dieses Wachslicht! Sollte es dem Geist einfallen, seine Lampe, oder vielmehr meine Lampe bei unserm Anblick auszupusten, so schlägst du Licht mit dem Feuerzeug – und ich mit dem Revolver. Das ist nämlich ein ganz ausgezeichnetes Mittel zum Geisterbannen.«

Das Weib fühlte durch diese Gleichgültigkeit ihren Mut wachsen, sie nahm die beiden Gegenstände und ging voran, bis sie von der Straße aus durch die benachbarte Tür das unbewohnte Haus betraten.

Jetzt übernahm Westerly die Führung. Sein Herz klopfte zwar, aber mehr vor Erwartung als vor Furcht, als er lautlos die Treppe erstieg und durch die Spalte einer nur angelehnten Tür einen Lichtschein herausfallen sah.

Es war also wirklich jemand in dieses unbewohnte Haus eingedrungen. Wer mochte das sein? Was wollte er hier? Westerly riß die Tür auf und streckte die mit dem geladenen Revolver bewaffnete Hand aus.

Eine große Enttäuschung ward ihm zuteil. Auf dem Tische brannte zwar ein ärmliches Öllämpchen, aber sonst war das Zimmer leer.

Dagegen schrie die Alte laut auf und deutete mit der Hand nach dem Stuhle vor dem Tisch.

»Da – da,« flüsterte sie angstvoll, »seht Ihr den schwarzen Mann sitzen?«

»Keine Spur davon.« »Da – jetzt hebt er die Hand!«

»Unsinn, du träumst.«

Westerly sprang vor, rückte den Stuhl und ergriff die Lampe.

»Nun, wo ist dein Gespenst?«

»Ich sehe nichts mehr.«

»Ich auch nicht.«

»Es ist plötzlich verschwunden, eben sah ich's noch.«

Westerly brach in lautes Lachen aus, das unheimlich widerhallte.

»Erst hast du nur ein Phantom deiner überspannten Phantasie gesehen, jetzt vielleicht meinen Schatten. Glaubst du noch, daß hier ein Gespenst ist?«

»Nein.«

»Siehst du wohl! Nun aber etwas anderes; wo ist denn die Lampe mit dem roten Schirm?«

»Ja, wo ist die?«

»Vielleicht hat der Geist mit dem schwarzen Gesicht sie mitgenommen. Aber was ist denn das für ein Öllämpchen?«

Zaghaft trat die Alte näher, betrachtete die Lampe von allen Seiten und schlug verwundert die Hände zusammen.

»Herrgott, das ist ja meine!« rief sie dann.

»Aha, jetzt kommt die Erklärung! Weißt du das genau?«

»Freilich, ich werde doch meine Lampe kennen.«

»Und, nicht wahr, als du vorhin allein dieses Haus betratst, da hattest du diese Lampe mit?«

Ein pfiffiges Lächeln überflog das runzlige Gesicht der Alten; nachdenkend legte sie den Finger an die Nase, als käme jetzt eine Erleuchtung über sie.

»Ja, ich hatte eine mit.«

»Und du setztest sie auf diesen Tisch?«

»Ich glaube, ja. Als ich mich dann umdrehte, sah ich erst den bösen Geist.«

»Da ist ja alles aufgeklärt! Glaubst du nun noch an Gespenster?«

»Nein, aber das Licht im Fenster?«

»Das war eben die Spiegelung eines anderen erleuchteten Fensters. Du hast mir zwar viel Zeit geraubt, aber es ist doch immer gut, wenn man jemandem begreiflich macht, daß es keine Gespenster gibt.«

»An Gespenster habe ich freilich nicht geglaubt aber ...«

»Was aber?«

»Aber die Geister von Toten, die uns im Leben angingen, erscheinen uns doch noch.«

»Jawohl, nun fange auch noch davon an!«

»Wahrhaftigen Gott,« beteuerte die Alte mit der Hand auf dem Herzen, »das habe ich selbst erlebt.«

»So, welcher Tote besucht dich denn manchmal?«

»Mein seliger Mann. Er kommt oft nachts zu mir, neckt mich, reißt mir das Bett vom Leibe und kitzelt mich.«

»So, das muß ein sonderbarer Kauz sein,« brummte Westerly, die zusammengeschrumpfte Gestalt von der Seite betrachtend. »Na, wenn er wieder einmal kommt, dann rufe mich. Ich will ihm zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat«

»Um Gottes willen! Er tut mir ja nichts. Daß uns Menschen nach ihrem Tod wieder erscheinen, weiß ich ganz bestimmt. Die, denen wir Gutes getan haben, necken uns nur harmlos, denen wir aber etwas Böses zugefügt haben, die legen sich wie ein Alp auf uns und würgen uns.«

»So so, das habe ich noch gar nicht gewußt. Danke für die Belehrung. Von wem hast du denn diese tiefen Geheimnisse erfahren?« »Von meinem seligen Alten, er hat's mir im Traume gesagt. Neulich erschien mir auch unser kleiner Widdy.«

»Wer ist denn das?«

»Unser kleiner Hund. Er erstickte an einem Hühnerknochen. Als er mir erschien, hatte er den Knochen noch immer im Halse.«

»Der arme Kerl – muß auch noch als Geist mit dem Hühnerknochen auf Erden wandeln! Gott habe ihn selig!«

Westerly machte diesem törichten Gespräch ein Ende, indem er die Lampe ergriff und die Zimmer zu durchschreiten begann. Sie zeigten noch einige Überbleibsel einer europäischen Möblierung, wie Tische, Stühle und unter anderem einen Kleiderschrank, der nach der Aussage der Frau von den früheren Bewohnern zurückgelassen worden war.

Aber keine Spur fand sich davon, daß in letzter Zeit sich hier Menschen aufgehalten hätten. Überall lag dicker Staub, und Spinnengewebe hingen in den Winkeln.

Daher begaben sich beide zurück; Westerly, die Lampe noch immer tragend, voran, die Alte folgte ihm. Sie folgte ihm auch, als er sein Zimmer betrat.

Da, was war das – – –? Wie vom Schlage getroffen taumelte Westerly zurück und blieb dann wie gebannt stehen.

Die Lampe fiel aus seiner Hand und verlöschte zischend, seine Glieder begannen zu beben, und das Haar sträubte sich ihm auf dem Kopfe.

Dort, vom roten Lampenlicht voll übergossen, saß vor dem Tisch auf seinem Stuhl eine menschliche Gestalt. Ein schwarzer Mantel verhüllte sie, eine schwarze Maske verdeckte vollkommen das Gesicht, und der Filzhut saß tief in der Stirn.

Mit zitternden Händen rieb sich Westerly die Augen, aber die unheimliche Erscheinung wich nicht.

Es war die schwarze Maske, wie sie leibte und lebte! Ebenso hatte Lacoste damals in Westerlys Zimmer zu Greenwich gesessen, als dieser ihn beobachtete, während Aleen den Mord an ihm ausführen mußte. Auch jetzt hielt er in der einen Hand, deren Arm sich auf den Tisch stützte, ein Papier und las es, die andere hing schlaff herab.«

Die Erscheinung wich nicht; Westerly mochte Gott oder Teufel anrufen oder sich einen Narren schelten. Sein Entsetzen nahm vielmehr immer zu. Ja, das war auch das Gespenst, das die Alte vorhin beschrieben hatte. Jetzt fiel's ihm ein.

»Aber was habt Ihr denn nur?« fragte neben ihm die Alte verwundert. »Jetzt tut Ihr ja gerade, als sähet Ihr ein Gespenst.«

»Dort – dort – siehst du es denn nicht?« stammelte Westerly.

Die Rollen waren gewechselt.

»Ich? Nein. Was denn?«

»Die schwarze – den schwarzen Mann!«

»Ach, geht, Ihr träumt! Wo denn?«

»Dort – an meinem Tisch – auf meinem Stuhl!«

»I, wo denn nur? Ich sehe ja nichts.«

»Das Gespenst – mit der schwarzen Maske – es wirft sogar Schatten« ächzte Westerly.

»Es gibt ja keine Gespenster, und sie werfen keinen Schatten.«

»Ihr habt recht!«

Zähneknirschend hob Westerly den Revolver, aber schnell drückte die Alte seine Hand herunter.

»Bedenkt, was Ihr tut,« flüsterte sie, »der Schuß ruft Polizei herbei!«

Gleichzeitig hatte der Schwarze den Kopf gewendet, hinter der Maske blitzten feurige Augen auf Westerly, er seufzte tief, fuhr mit der Hand, die das Papier fallen gelassen hatte, über den Nacken, auch die andere hob sich und zeigte einen mit Juwelen bedeckten Dolch, den Westerly wohl kannte. »Die schwarze Maske!« gellte es von dessen Lippen; vorbei war es mit seiner letzten Courage, mit seiner letzten Kraft vermochte er noch ins Nebenzimmer zu stürzen, wo er sich auf das Bett warf und sein Gesicht in die Kissen vergrub.

Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre der starke Mann in Ohnmacht gefallen, so hatte ihn die Erscheinung desjenigen angegriffen, dessen Ermordung er veranlaßt hatte.

Wieder zuckte er furchtbar zusammen, als er an der Hand gefaßt wurde. Aber es war nur die Alte, die ihm einredete und ihm mit tausend Beteuerungen versicherte, daß er nur geträumt habe. Denn sonst müsse sie doch auch etwas von dem schwarzen Manne gesehen haben.

Westerly raffte seinen Mut zusammen, erhob sich und folgte der Alten in sein Zimmer. Es war leer, seine Papiere lagen so auf dem Tisch wie er sie verlassen hatte, keine Spur eines Geistes, kein Schwefelgeruch, kein Modergestank, nur der Ölfleck auf dem Teppich als sichtbarer Beweis von Westerlys Gespensterfurcht.

Nach einiger Zeit gelang es ihm, sich zu beruhigen. Er gestand, nur geträumt zu haben, und wußte sich schließlich dies selbst einzureden, und zwar abermals mit Hilfe der Reflexion.

Er hatte das geschilderte Bild des Gespenstes der Alten in sein Gehirn aufgenommen, sie hatte von einer Lampe mit rotem Schirm gesprochen, und als er diese nun erblickte, zauberte ihm sein Gehirn, mit der Schilderung noch beschäftigt, sofort dieselbe schwarze Gestalt mit Hilfe der Nerven vor die Augen usw. usw.

Es ist uns heute so sehr leicht geworden, uns alles das, was wir nicht gleich fassen können, auf sogenannte natürliche Weise zu erklären. Vielleicht bleibt es einem späteren Geschlecht vorbehalten, ein Brillenglas zu schleifen, durch das man auch wesenlose Geschöpfe im Weltenraum entdeckt. Dann wird man erst staunen, bis man sich daran gewöhnt hat, und über unsere heutige Kurzsichtigkeit lachen.

Was hätten die Leute vor tausend Jahren wohl gesagt, wenn vor ihren Augen eine Kruppsche Vierzigzentimeter-Kanone abgefeuert worden wäre? Oder, um ein treffenderes Beispiel zu wählen, was hätten die Menschen vor zwanzig Jahren wohl gesagt, wenn ihnen ihr Gerippe im Leibe photographiert worden wäre? Also, Westerly war schließlich vollkommen überzeugt, daß er nur auf ganz natürliche Weise eine Vision gehabt habe. Trotzdem untersuchte er noch im Beisein der Alten die Kasten und Kisten, sah in den Kleiderschrank, fuhr mit einem Stock unters Bett – was gewisse Personen regelmäßig jeden Abend tun – und ließ sich dann Rum und heißes Wasser bringen.

Mit Hilfe dieser beruhigenden Mittel stellte er das Gleichgewicht seiner Kräfte wieder her, philosophierte noch etwas über Aberglauben und Realismus und ging dann mit der vollsten Überzeugung zu Bett, daß die schwarze Maske seinerzeit das große, unbekannte Land aufgesucht hatte, um nimmer wieder auf diese Erde zurückzukehren.

Das alles konnte aber sein Gehirn nicht hindern, ihm im Traume das schwarze Gespenst nochmals vorzuführen, und Westerly pries sich glücklich, als er am anderen Tage von der Morgensonne geweckt wurde und schweißgebadet erwachte.

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