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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 19
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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19. Das Tagebuch des Herrnhuters

Der geistliche Stand genießt in England eine ganz andere Erziehung als bei uns.

Der Lord oder der Landpächter will auf seiner Pfarrei einen Mann haben, der von der Kanzel herab das Wort Gottes ohne Anzüglichkeiten predigt, der seine Gäste zu unterhalten weiß, Klavier spielt, singt, deklamiert, mit den Freundinnen seiner Tochter tanzt und Ball spielt, der ein Pferd zu reiten versteht und mit ihm den Fuchs hetzt, der den Vogel im Fluge trifft und die Forelle angeln kann, der sich am Wettrudern beteiligt und unter Umständen auch einmal bei einem Wettlaufe. Der Pfarrer begleitet den Landlord beim Pferdeeinkaufe, und dieser fragt ihn um Rat, er bespricht mit ihm die Chancen beim nächsten Pferderennen und will von ihm den Derbysieger für das kommende Jahr wissen.

Kurz, ein englischer Landpfarrer muß ein Mann Gottes, ein Kavalier und ein Sportsmann sein, sonst hat er wenig Aussicht, dereinst die Kanzel in einer Stadt zu besteigen oder gar sich die Bischofmütze aufzusetzen, denn dann fehlt ihm die unerläßliche Protektion.

Wie sich der deutsche Student im Fechten mit Schlägern übt, so wird auf englischen Universitäten der Sport gepflegt: Rudern, Wettlaufen, Boxen und die verschiedenen Ballspiele.

Die englischen Studenten halten zum Beispiel in jedem Jahre Ruderregatten ab; bis auf den heutigen Tag kämpfen die Universitäten Oxford und Cambridge noch um die Meisterschaft, die Namen der Sieger werden in die Welt hinausgesandt; aus allen Teilen der Erde erhalten sie Glückwunschtelegramme, und der Meisterschaftsspieler im Kricket hat sogar ein Denkmal gesetzt bekommen.

Man mag sagen was man will, dieses Üben von Körperkraft und Gewandtheit auf den Universitäten ist eine schöne Sitte, und man soll bedenken, daß, als in Griechenland Kunst und Wissenschaft auf einer Stufe standen, wie wir sie jetzt noch nicht wieder erreicht haben, dort auch die olympischen Spiele stattfanden, in denen die ersten Männer des Landes als Mitbewerber auftraten, und wo die Sieger mit den höchsten Ehren ausgezeichnet wurden und wertvolle Privilegien erhielten. Die olympischen Spieler wurden von den berühmtesten Dichtern besungen, ihre Büsten bekamen einen Platz im heiligen Hain; sie wurden von allen Staatslasten entbunden.

So ist das Sportwesen der englischen Studenten nicht nur zu entschuldigen, sondern sogar zu loben; auf alle Fälle ist es der Unsitte vorzuziehen, dem Mitmenschen wegen einer geringfügigen Beleidigung oder sonst aus einem an den Haaren herbeigezogenen Grunde das Gesicht zu zerfetzen.

Nun sind achtzig Prozent jener studentischen Sieger Theologen, und dies mag wohl eben darin seinen Grund haben, daß man von einem englischen Landpfarrer ritterliche Eigenschaften verlangt.

Als Missionar in den Kolonien darf man überhaupt kein pedantischer Bücherwurm sein.

Eine solche Schule hatte auch Doktor Morrison durchgemacht; gar oft war er aus den akademischen Wettkämpfen als Sieger hervorgegangen, aus den leiblichen sowohl, wie auch aus den geistigen.

Sie wundern sich, daß ich Missionar geworden bin?« fragte Morrison Reihenfels, während beide ihre Pferde in scharfem Trabe am Ufer der Dschamna ausgreifen ließen. »Es war nicht mein freier Wille, aber es ist wirklich ein schöner Beruf, wenn auch gerade hier in Indien sehr undankbar. Mein Vater war Stahlwarenfabrikant in Manchester, und wenn ich hinzufüge, daß er reich war, so will ich damit nicht prahlen, sondern nur sagen, daß ich mir einen ganz anderen Beruf hätte wählen können. Sie wissen übrigens, daß in England ein armer Kandidat wenig Aussicht hat, dereinst eine Kanzel zu besteigen. Ich war ein wilder Junge, und mein höchster Wunsch war, mein Leben unter den Rothäuten zu beschließen. Sie lachen, ich jetzt auch. Meine Eltern waren fromm, meine Onkels und Tanten frömmelten alle stark, und da mein Bruder schon für das Geschäft bestimmt war, so hatten alle keinen größeren Wunsch, als mich einst von der Kanzel herunterdonnern zu hören. Es gab einige Kämpfe; schließlich willigte ich ein unter der Bedingung, meine Laufbahn als Missionar anzutreten. Ich stieß dabei auf keinen Widerstand; einige alte Tanten, welche für arme Negerknaben Strümpfe strickten, waren sogar entzückt darüber und vermachten mir bei ihrem Tode ihr Vermögen.

Man schickte mich auf ein Institut für zukünftige Missionare, ich studierte asiatische Sprache, besuchte die Universität Oxford, bestand meine Examen mit Auszeichnung, erruderte mir Ehrenpreise, boxte meine Kollegen von Cambridge in Grund und Boden, so daß man mir sogar den Vorschlag machte, für einen Jahresgehalt von 500 Pfund Boxlehrer zu werden. Ich wurde aber Missionar und ging nach China, wo ich zwei Jahre lang Chinesen dem christlichen Glauben zuführte und langbezöpften Kindern den Katechismus einbleute. Vor einem Jahre wurde ich nach Ostindien versetzt; bei Ausbruch des Krieges verwendete man mich als Dolmetscher.«

»Der Beruf eines Missionars befriedigt Sie?«

»Gewiß, aber nur der eines Heidenmissionars, die Rolle eines Evangeliumpredigers unter einem christlichen Volke möchte ich nicht spielen. Diese Heiden sind wie die Kinder, sie bringen dem Prediger ein unschuldiges Herz entgegen, selbst wenn sie Menschenfresser sind; aber ach, lieber Herr, welche Enttäuschung erlebt man, wenn man Christen das Wort Gottes verkünden soll! Ich kann es nicht, denn ich kann nicht heucheln und keine Heuchelei sehen.«

»Es ist viel Wahres dabei. Haben Sie schon trübe Erfahrungen gemacht?«

»Und was für welche! Lassen Sie mir nur eins erzählen, was mir in China passiert ist. Zu den Betstunden, die meine Eltern arrangierten, kam auch immer ein alter, reicher Porzellanfabrikant, der besonders nach Asien expedierte. Er war der Frömmsten einer, sprach nur in Bibelversen, hatte die Augen immer zum Himmel aufgeschlagen, zahlte namhafte Summen besonders für die Heidenmission, und er hauptsächlich war schuld daran, daß meine Eltern auf den Gedanken kamen, mich unbändigen Jungen Theologe werden zu lassen.

»Als ich mich dann entschloß, nach China zu gehen, war dieser Mann gar nicht recht damit einverstanden. Er wollte mir einreden, Indianer-Missionar zu werden oder unter die Kaffern zu gehen, ich hatte aber nun einmal eine Vorliebe für die Söhne des himmlischen Reiches und blieb standhaft.

»Nun denken Sie, was mir in China passierte! Mit einem wahren Feuereifer ging ich ans Werk; erfüllt von heiligem Zorne, selbst mein Leben aufs Spiel setzend, stürzte ich die porzellanenen Hausgötter von den Postamenten, Christus predigend, ich wagte mich sogar als Bilderstürmer in den Tempel. Ach Gott, wie wurde mir da, als ich sah, daß alle diese porzellanenen Götter den Fabrikstempel jenes Mannes trugen, den ich für so fromm hielt, der so viel für die Heidenbekehrung zahlte und mich zum Missionar bestimmt hatte. Wie ich dann erfuhr, verfertigte dieser dunkle Ehrenmann fast nur chinesische Götzen; aus diesem Export stammt sein Reichtum. Was sagen Sie dazu?«

»Solche Heuchelei ist eine Niederträchtigkeit, der Fall steht aber nicht allein da. Haben Sie den Mann wieder einmal gesprochen?«

»Ja, als ich einmal nach England kam, und ich war töricht genug, ihn zur Rede zu stellen.«

»Wie entschuldigte er sich?«

»Er tat ganz erstaunt, er sagte, er hätte geglaubt, diese Figuren würden nur als Zierde in Gärten und Treppenfluren aufgestellt – und dort taucht die Hütte des Brahmanen auf.«

Wieder zog eine bange Ahnung Reihenfels' Herz zusammen. Diese Hütte bestand weder aus Baumstämmen noch aus Zweigen, sondern aus Schilf, wie der Fakir ihm gesagt hatte.

Anmutig lag sie unter Dattelpalmen, ein Bach floß vorbei, der sich in einen Nebenfluß der Dschamna ergoß; eine Kuh und eine Ziege mit strotzenden Eutern weideten die saftigen Gräser ab. Die Brahmanen essen kein Fleisch, sie leben von Milch, Früchten, Brot und Gemüse, aber auch allen an Brahma oder Buddha glaubenden Indiern dient das Rind nur als milchgebendes Tier, der Genuß des Rindfleisches ist ihnen verboten, und das wichtigste Fleischnahrungsmittel liefert das Schwein. Bei den mohammedanischen Indiern ist es gerade umgekehrt: diese verschmähen das Schwein als unrein, essen dagegen Rindfleisch.

Schwein und Rind waren schuld daran, daß damals in Mirat die Meuterei unter den Sepoys zeitiger ausbrach, als es beschlossen worden war. Die Engländer hatten neue Patronen eingeführt, welche mit Schweinefett und Ochsentalg bestrichen waren. Beim Laden mußte das hintere Ende der Patrone abgebissen werden, um den Zünder bloßzulegen, und Buddhisten wie Mohammedaner waren über die Zumutung entrüstet, etwas solch Unreines in den Mund zu nehmen. Die Engländer erkannten die drohende Gefahr, sie befahlen sofort, das neu eingeführte Gewehr – die Enfieldbüchse – wieder abzuschaffen, aber es war schon zu spät – auf die bloße Zumutung hin meuterten schon die fanatischen Indier.

Also hier sollte Reihenfels erfahren, wo er Bega finden würde! Sein Herz begann stürmisch zu schlagen.

Vor der Hütte kauerte ein ehrwürdiger Greis mit langem, weißem Barte, in ein sackähnliches Gewand gekleidet. Er hatte in einem dicken Buche gelesen und erhob sich beim Anblick der beiden Reiter, die direkt der Hütte zustrebten.

Sie sprangen ab, warfen die Zügel über Baumäste und verneigten sich vor dem Priester, welcher freiwillig die äußerste Armut auf sich genommen hatte, dessen Ansehen und Macht aber die eines Maharadschas bei weitem überstieg.

»Brahma sei mit euch, Wischnu erhalte euch, und Siwa schenke euch Kinder! Tretet ein bei mir und ruht euch aus von der Reise! Willkommen sollt ihr sein, auch wenn ihr Brahma noch nicht kennen gelernt habt, denn er kennt euch.«

Sie traten in die niedrige Hütte, in welcher Dämmerlicht herrschte, und setzten sich auf Baumstümpfe, deren Wurzeln sich noch in der Erde befanden. Der Brahmane brachte ihnen einen Napf mit Milch und Brot und aß selbst die ersten Bissen mit ihnen. Die kühle Milch wirkte nach dem heißen Ritt auch erfrischend.

Schweigend aßen sie. Reihenfels konnte nicht unterlassen, den Brahmanen von der Seite zu mustern. Wie war es wohl möglich, von ihm etwas über den Aufenthaltsort Begas zu erfahren? Sollte er den Alten fragen oder diesen beginnen lassen? Er beschloß, das Verhängnis nochmals zu prüfen.

Da rückte Morrison mit seinem Anliegen heraus. Er fragte, ob der Brahmane wirklich die Veden in der Pali-Sprache besäße.

»Man hat dich falsch berichtet,« entgegnete der Brahmane, »ich habe nie gesagt, daß es das Pali sei, welche Sprache uns nicht überliefert worden ist. Es ist eine Schrift, welche ich nicht entziffern kann.«

»Hast du sie schon anderen vorgelegt?«

»Ja, Brahmanen, aber ihnen war sie unbekannt.«

»Keinem Engländer?«

»Einem – er kannte die Schrift nicht.«

»Das Buch enthält die Veden?«

»Auch das weiß ich nicht.«

»Können wir das Buch sehen?«

»Gewiß.«

Der Brahmane ging in eine Ecke und kam mit einem Felle zurück, aus welchem er ein starkes, in Schweinsleder gebundenes Buch wickelte.

Neugierig klappte Morrison es auf, Reihenfels sah ihm über die Schulter. Schon dem ganzen Aussehen des Buches nach konnte er urteilen, daß es nicht indischen Ursprungs war.

»Holla, was für eine Schrift ist denn das? Die kommt mir bekannt vor,« rief Morrison erstaunt, die steifen, krausen, mit Tinte auf Pergamentpapier geschriebenen Buchstaben betrachtend.

»Kennen Sie die Schrift und Sprache?« fragte Reihenfels lächelnd.

»Ja, ich glaube doch – ist das nicht – ist das nicht Deutsch?« »Allerdings.«

»Aber ich beherrsche doch Deutsch –«

»Wahrscheinlich nur das moderne, und dieses hier stammt der Schrift und dem Stile nach aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Lassen Sie uns sehen!«

Er schlug das erste Blatt auf.

»Ah, das ist ein interessanter Fund. Es ist das Tagebuch von Wilhelm Gotthelf Kühne aus Herrnhut in Sachsen, welcher am 14. August 1738 als Missionar nach Ostindien ging.«

»Die Herrnhuter sind eine religiöse Sekte. Ich kenne sie und habe vor ihnen alle Hochachtung. Ganz besonders in Amerika und Afrika haben sie bedeutende Erfolge gehabt.«

»Diese Brüdergemeinde entstand aus der Religionssekte der böhmischen und mährischen Brüder, welche im Anfang des 18. Jahrhunderts wegen Verfolgung ihr Vaterland verließen.

Sie fanden Aufnahme bei dem Grafen Nikolaus von Zinzendorf; ihr Hauptsitz wurde Herrnhut bei Bautzen. Im Jahre 1732 begannen sie die Mission unter den Heiden; zurzeit haben sie im heidnischen Auslande nicht weniger als 90 Missionen mit ungefähr 200 000 Mitgliedern. Ich werde das Buch schnell durchblättern und Ihnen das Hauptsächlichste mitteilen, zum besseren Verständnis in englischer Übersetzung.«

Es war ein Gottesmann gewesen, der hier seine Erlebnisse mitteilte. Ein wahrhaft frommer, warmer Ton, frei von jedem Selbstlob und jeder Gehässigkeit gegen Andersdenkende, lag in jedem Worte.

Gotthelf Kühne wird von seiner Gemeinde nach Pandschab in Ostindien geschickt, um dort den wilden Gebirgsvölkern die Botschaft von dem blutigen Versöhnungstode Jesu zu verkünden. Er geht allein, nur eben so viel in der Tasche, daß er seinen Bestimmungsort erreichen kann.

Die Reise wird beschrieben, überall und immer ist Gott die Hauptsache; Kühne bewundert ihn in jedem Wellenschlage, an etwas anderes denkt er nicht.

Endlich ist er im Pandschab angekommen. Man glaubt, der Missionar habe eine Lustreise gemacht, aber nicht eine Tour mit unendlichen Gefahren und Strapazen; denn er weiß nur die Wunder Gottes zu preisen, nichts von Beschwerlichkeit, höchstens von einer angedeuteten Gefahr, aus der Gott ihn gnädig und unverdient errettet hat.

Er will sich unter den von Jagd und Krieg lebenden Dschads niederlassen, ladet die mitgenommenen Ackergerätschaften von dem Esel, neben welchem er hergelaufen ist, baut sich eine Hütte und beginnt den unkultivierten Boden zu bestellen; in seinen freien Stunden verkündigt er das Evangelium.

Die wilden Dschads hören nicht auf ihn, sie dulden aber den harmlosen Mann unter sich; neugierig sehen sie ihm zu, wie er sich sein Brot selbst baut, sie essen davon, es schmeckt ihnen, und sie lernen von ihm ebenfalls den Ackerbau, ohne noch an sein Wort zu glauben.

Eine Krankheit bricht unter ihnen aus, der Missionar tröstet und heilt, und die erstarrten Herzen schmelzen.

Jubelnd preist der Missionar Gott; er hat den ersten Heiden bekehrt, eine Gemeinde entsteht um ihn herum. Aber er hat auch viele Feinde, die ihm alles Böse zufügen.

Schlimmere Feinde als die hartherzigen Dschads sind die Bewohner eines Dominikaner-Klosters, von dessen Vorhandensein er bei seiner Ankunft nichts gewußt hatte. Es liegt einige Meilen von seiner Hütte entfernt auf einem Berge; es sind spanische Dominikaner, welche hier ebenfalls Missionsversuche anstellten, die aber gescheitert sind.

Von den Mönchen hat Kühne viel zu leiden; der Prior, eifersüchtig auf die Erfolge des Deutschen, legt ihm alle nur möglichen Hindernisse in den Weg.

Das Tagebuch klagt nicht über diese feindlichen Angriffe, der Schreiber bittet immer für seine Feinde. er jammert nicht, wenn man ihm böswillig sein Feld verwüstet hat, er beginnt von neuem, er schmäht nicht über die feindlichen Angriffe der Mönche, er begegnet ihnen in Liebe, ohne sich selbst zu loben. Er erhält die Nachricht von zu Hause, daß seine Schwester im Kapland den Negern zum Opfer gefallen ist, und er preist ihren Tod in einem Lobliede zu Gottes Ehre. Aber wehmutsvoll klagt er, daß gerade der Bekehrte, auf den er seine größte Hoffnung gesetzt, dem er am meisten getraut, ihn bestohlen und betrogen hat.

Immer mehr blüht und wächst seine Gemeinde, auch mit den Dominikanern lebt er jetzt in Frieden. Er hat den Prior, der ihn haßt, in einer wüsten Gegend halb verschmachtet, von Insekten schon angefressen, gefunden. Er nahm ihn mit in seine Hütte, pflegte ihn, benachrichtigte das Kloster, und das harte Herz des Priesters war gerührt. So verstrichen zwei Jahre.

Reihenfels blätterte eine von den vergilbten Seiten nach der anderen um, überflog die Zeilen und las die denkwürdigsten Stellen vor. Morrison saß mit gefalteten Händen da und hörte andächtig zu, ebenso der Brahmane; denn daß dieser Mann für den Christengott gewirkt hatte, störte ihn nicht. Gott ist ein persisches Wort und bedeutet etwas Unfaßbares, ebenso wie Brahma.

»Das Buch bricht plötzlich ab,« sagte Reihenfels, einige Seiten überschlagend. »Ich will das letzte lesen.«

Er las, und sein Gesicht verfärbte sich, ein Zittern befiel ihn.

»Ist der Schluß so schrecklich?« fragte Morrison. Sie werden ja ganz blaß, Mister Reihenfels.«

»Ja, er erschüttert mich,« entgegnete Reihenfels, die Worte kaum hervorbringend, aber etwas anderes, als die Erlebnisse des Mannes, ergriff ihn so.

»Hören Sie den Schluß! Ich werde immer das Wichtigste vorlesen. Es ist also zwei Jahre nach der Gründung der Missionsgemeinde, die Kühne Emmaus genannt hat.«

»Es geht das Gerücht um, die Afghanen sollen die Gebirge überschritten und einen Einfall in das Nachbargebiet gemacht haben. – – –«

»Das Gerücht hat sich bestätigt. Die räuberischen Afghanen haben das Nachbarvolk besiegt; an der Grenze haben schon Kämpfe zwischen Dschads und Afghanen stattgefunden – – – Die Dschads fliehen oder sterben auf dem Kampfplatze, die räuberischen Horden nähern sich uns immer mehr. Auch die Männer meiner Gemeinde greifen zu den Waffen, die ich ihnen erst aus den Händen nahm. Ich hindere sie nicht daran, sie kämpfen für ihren Herd, für Weib und Kind – – – Ach, mein schönes Emmaus, ich muß dich als Flüchtiger verlassen, die Feinde werden dich mit Feuer und Schwert verwüsten! Doch wie Gott will, er weiß es am besten – – – Die Dominikaner haben sich in ihrem Kloster verbarrikadiert. Sie haben schon einige Engländer aufgenommen, auch mir wollen sie die Tore öffnen, aber nicht den Schutzbedürftigen meiner Gemeinde. Es fehle ihnen an Nahrungsmitteln für so viele. Ich will nicht mit ihnen streiten, vielleicht haben sie recht – – – Die Dschads ziehen den einstürmenden Afghanen entgegen, ich fliehe mit den Weibern, Kindern und Greisen nordöstlich in die Gebirge. Ein alter Mann ist unser Führer; er ergeht sich in geheimnisvollen Andeutungen, daß er einen Ort wisse, wo wir ganz sicher seien. Nun, Gott wird unser Hirte sein – – – Wir sind geborgen, gelobt sei Gott! Er wird nicht wollen, daß wir uns täuschen. Wir befinden uns in einer Höhle, und wunderbar ist es hier.«

Reihenfels' Stimme begann wieder vor Erregung zu zittern.

»Von den Afghanen verfolgt, führte uns der Alte durch Schluchten und Pässe; unwirtlich ist die Gegend, ich könnte mich nicht wieder zurückfinden. Ich glaube, wir sind höchstens drei Meilen vom Kloster Bernardo entfernt. Nachdem wir den beschwerlichsten Weg überwunden, gelangten wir in eine kaum passierbare Schlucht. Der Alte hieß uns in ein Loch der Felswand kriechen, welches dem Blicke sonst entging. Ich war der erste, der ihm folgte.

Nachdem ich wohl hundert Meter auf Händen und Füßen gekrochen war, wurde der Gang höher. Gleichzeitig vernahm ich ein eigentümliches Singen, Pfeifen oder Heulen. Ich kann es jetzt noch nicht beschreiben, obgleich es neben mir ertönt. Es mag etwa mit dem Singen eines Teetopfes verglichen werden, nur ist es viel stärker. Dann sah ich in der Finsternis einen weißen Strich, welcher, je länger ich hinsah, immer heller wurde. Schließlich erkannte ich eine Flamme, sie stand kerzengerade auf dem Boden und schlug in die Höhe, wo sie in der Decke verschwand.«

»Was mag das gewesen sein?« murmelte Morrison, während der Brahmane nickte.

»Der Führer hielt einen der mitgenommenen, trockenen Äste hinein, er fing sofort Feuer.

Jetzt kann ich alles deutlich erkennen. Wir befinden uns in einer geräumigen Höhle mit nur einem Eingang, durch den wir gekommen sind. Es ist trocken und kalt hier. Die singende Flamme – anders kann ich es nicht nennen – hat anscheinend keine Nahrung, sie quillt aus einer Erdspalte. Ich glaube, es entströmt dieser ein Gas, ich kann sie nicht verlöschen. Oben verschwindet sie in einem kaminähnlichen Schacht; sie zieht sich so weit hinauf, wie ich sehen kann; sie ist in eigentümlich zitternder oder schwingender Bewegung, und daraus erkläre ich mir das Singen.«

»Er hat ganz recht,« bemerkte Morrison. »Diese Erscheinung beruht auf einem physikalischen Gesetz, das jener Mann noch nicht kannte. Hält man eine kleine Flamme unter ein langes, aufrecht stehendes Rohr, so zieht sie sich sofort in dieses hinein, gerät in Schwingungen, teilt der Luft im Rohre die Schwingungen mit und erzeugt so einen eigentümlich singenden Ton. Hier hat sich die Natur selbst solch eine Spielerei geschaffen.«

»Ja, die Erscheinung beruht auf diesem Prinzip,« bestätigte Reihenfels, der sichtlich nach Fassung rang, »die kalte Luft wird erhitzt und steigt schnell in die Höhe. Dadurch entsteht der Ton. Nun hören Sie das Fernere.«

»Wir haben genügend Proviant, aber kein Wasser – – – Der Wassermangel macht sich bemerkbar. Ich schicke drei Männer mit Wassergefäßen aus – – – Es sind nur zwei zurückgekommen, der alte Schibolet hat sich von seinen Kameraden entfernt und ist bis jetzt noch nicht wieder eingetroffen – – – Herr, sei gnädig mit uns! Es wird geflüstert, daß Schibolet uns verraten könnte. Ach, auch ich kann ihm nicht trauen; er besitzt ein falsches Auge und fiel schon mehrmals von seinem Glauben ab – – – Schibolet ist noch immer nicht zurück. Wir beten für ihn und für uns – – – Gott, wir flehen um deine Barmherzigkeit! Die Afghanen kommen, Schibolet führt sie.

Rechne ihm dies nicht an!«

Reihenfels klappte das Buch zu und blickte düster vor sich hin. Was der Schreiber nicht mehr mitteilen konnte, was dann geschah, lag klar auf der Hand.

Morrison war der erste, der das Schweigen brach.

»Hut ab vor diesem Manne!« sagte er mit tiefer Stimme und entblößte das Haupt. »Wir wollen für ihn beten und handeln wie er; wir wollen auch für seine und unsere Feinde beten.«

Zu dem, der das Weltall erfüllt und für den es weder Namen noch Bezeichnung gibt, stieg aus drei Herzen ein Gebet für den auf, der, fern von der Heimat, unbekannt, unbeweint, im Dienste seiner Pflicht den schönsten Heldentod gestorben war, und auch ein Gebet für seine Mörder und für den Verräter.

Fragend blickte Reihenfels den Brahmanen an.

»Wo hast du dieses Buch, in dem ein Landsmann von mir seine Erlebnisse aufgezeichnet hat, gefunden?«

»In der Höhle, wo die Flamme singt.«

»Ah, so warst du selbst dort?«

»Ja, vor vier Jahren.«

Reihenfels konnte seine Erregung kaum bemeistern. Wunderbar, wie sich alles erfüllte.

»Kannst du die Lage dieser Höhle bezeichnen?«

»Laß mich's dir erzählen. Vor vier Jahren durchwanderte ich das Bandschab, den Dschads Brahmas Güte lehrend. Es war in der Regenzeit, oft wurde ich durchnäßt. Eines Nachmittags gelangte ich unter strömendem Regen an ein Kloster, Auch die Buddhisten haben Klöster und Mönche auf einem Berge gelegen, und bat um Einlaß. Nicht Brahma, sondern euer Gott wurde drinnen verehrt. Man fragte mich, wer ich sei, und ich antwortete: ein Priester Brahmas. Da verschloß man mir das Tor, ich mußte weiterwandern. Es regnete immer stärker, ich kam in Gefahr zu ertrinken. Vergebens spähte ich nach einem Obdache – keine Hütte, keine Höhle konnte ich entdecken, und die Bäume vermochten das Wasser nicht abzuhalten. Ich irrte zwischen Felsen und durch Schluchten, da öffnete mir Brahma die Augen und ließ mich ein Loch in der Felswand sehen. Ich kroch hinein und gelangte in die Höhle, von welcher in diesem Buche steht. Auch die singende Flamme sah und hörte ich; ich lobte Brahmas Allmacht und fürchtete mich nicht. Auf dem Boden der Höhle lagen viele Menschenknochen umhergestreut, ich fand gespaltene Schädel, also mußte hier ein Kampf stattgefunden haben, obgleich ich keine Waffen fand. Da sahen meine Augen dieses Buch, ich hielt es für eine unbekannte Abart des Sanskrit und nahm es mit, nachdem der Regen aufgehört und ich für die Toten gebetet hatte. Jetzt weiß ich, wem die Knochen in der Höhle gehörten. Dieser Mann, der Gott und seinen Propheten, der ein Buddha war, predigte, besaß ein edles Herz; ich werde seiner gedenken, wenn sich mir Brahma offenbart.«

»Weißt du, wie das Kloster hieß, in dem du vergeblich Einlaß begehrtest?«

»Nein.«

»Wie war die Farbe des Rockes der Bewohner?«

»Schwarz, darunter sah ein weißer Rock hervor. Sie trugen auf dem Kopfe eine schwarze, spitze Kapuze.«

»So waren es Dominikaner. Wie weit war die Höhle von diesem Kloster entfernt?«

»Ich bin wohl zwei Stunden noch umhergeirrt.«

»Beschreibe die Lage des Klosters!« bat jetzt Morrison.

Der Brahmane tat es, so gut er sich entsinnen konnte.

»Es war das Dominikanerkloster zum heiligen Bernardo,« sagte Morrison bestimmt, »ich bin einmal vorübergekommen.«

Reihenfels bat den Brahmanen, ihm das Buch zu überlassen; ohne Bedenken willigte dieser ein, und nach herzlichem Abschiede traten die beiden Freunde ihren Rückweg nach Delhi an.

Es läßt sich leicht denken, wie erschüttert Reihenfels von dem Gehörten war. Wieder hatte sich eine Prophezeiung des Fakirs erfüllt, und drohend wie ein Gespenst trat ihm das Bild vor die Augen, wie er händeringend an der Leiche Begas kniete. Was half's? Er mußte dem Schicksale seinen Lauf lassen. Daß Bega nicht tot war, darauf beruhte seine einzige Hoffnung. Wenn der Fakir ihm nur noch mehr hätte sagen können! Oder nein, es war besser so! »Ich glaube, ich kann Ihre Gedanken erraten,« nahm Morrison das Wort, um Reihenfels aus seinem Brüten aufzuwecken.

Dieser schrak zusammen. Er mochte seine Gedanken nicht preisgeben, auch seinem Freunde nicht.

»Ich glaube, ich habe dieselben,« fuhr der Missionar fort. »Wie wär's, wenn wir diese Höhle aufsuchten und jenem Braven und seiner gemordeten Gemeinde ein Begräbnis bereiteten? Auch die singende Flamme ist interessant. Kommen Sie mit mir, Mister Reihenfels? Ich gehe entschieden und Ihnen wird ein solcher Ausflug guttun.«

Da also bot sich ihm der Mann mit den hohen, gelben Reitstiefeln als Begleiter an.

Reihenfels tat, als ob er der Aufforderung nachgebe. Sie berieten sich und machten aus, sich einer bald in die Gebirge abgehenden Truppenabteilung anzuschließen. Bis dahin wollte Reihenfels die Zeit benutzen, nach Herrnhut einen Bericht und das Tagebuch zu schicken.

»Die Lage des Klosters Sankt Bernardo kenne ich genau,« sagte Morrison. »Auf einen besonders freundlichen Empfang dürfen wir nicht rechnen, aber eine Auskunft werden sie uns nicht versagen. Die Klosterchronik muß über die Ansiedelung Emmaus und über Gotthelf Kühne berichten, welcher den Prior gerettet hat. Dann machen wir uns auf die Suche nach der merkwürdigen Höhle, wir werden sie schon finden.«

Als sie durch die Straßen Delhis ritten, begegnete ihnen Susan Atkins, die die Reiter freundlich grüßte; denn in England begrüßt die Dame den Herrn zuerst, er darf den Gruß erwidern.

Morrison schwenkte ehrerbietig den breitrandigen Sombrero, und Reihenfels bemerkte, daß sich sein schönes, männliches Gesicht wie vor Freude dunkel rötete.

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