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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 17
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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17. Die tote Hand

»Um Brahmas willen, erbarme dich meiner, edler Faringi!«

Der so angebettelte Reihenfels blieb vor dem halbnackten Fakir stehen und betrachtete ihn.

Der schon alte Mann war, wenn auch sehr abgezehrt, doch wohlgebaut, nur der rechte Arm war verkrüppelt. Er trug ihn über den Kopf gelegt, das Glied war vollkommen abgestorben, die Hand klein wie die eines fünfjährigen Kindes.

Das Gesicht des Mannes trug den Stempel der Intelligenz, zugleich aber sprach auch religiöser Wahnsinn daraus.

Reihenfels machte ihn erst durch ein kleines Geldgeschenk mitteilsamer.

»Bist du so geboren oder erfüllst du ein Gelübde?«

»Es ist ein Gelübde, Sahib.«

»Wie lange trägst du den Arm schon über dem Kopf?«

»Schon seit dreißig Jahren. Ach, Herr, ich habe eine heilige Schlange getötet.«

»Und bist noch nicht erlöst?«

»Wäre ich auch erlöst, ich könnte den Arm doch nicht mehr herabnehmen. Er ist mit der Zeit so gewachsen und völlig erstarrt.«

»Die Priester Siwas, dem die Schlangen heilig sind, verurteilten dich?«

»Ja, Sahib!«

»Wie lange mußt du noch büßen?«

»Bis an meinen ersten Tod, und auch dann noch muß ich viele Verwandlungen durchmachen und als Schlange leben. Die Priester Siwas sind streng. Wenn ich erlöst sein will, muß ich dem Tempel eine goldene Schlange schenken.«

»Warum tust du das nicht?«

Der Fakir lächelte bitter.

»Ich bin arm, Herr!«

Reihenfels gab ihm noch eine Silbermünze und wollte gehen, der Fakir hielt den äußerst freigebigen Mann, wie er einem solchen wohl noch nie begegnet war, noch einmal zurück.

»Herr, fühlt meine Hand an!«

Reihenfels tat es. Sie war weich und schlaff, aber kalt wie Eis, also ohne jedes Leben.

Plötzlich nahm des Fakirs Gesicht einen geheimnisvollen Ausdruck an.

»Sahib Faringi,« flüsterte er, »gibst du mir ein Goldstück, so sollst du fühlen, wie diese Hand warm wird.«

»Bist du solch ein Tausendkünstler?« lächelte Reihenfels. »Wie machst du das?«

»Wenn ich wahrsage.«

»Ah so, du bist ein Wahrsager!« entgegnete Reihenfels enttäuscht.

Er hatte schon von Fakiren und Brahmanen gehört, die in die Ferne und in die Zukunft sehen konnten. Er glaubte nicht daran, es waren seiner Meinung nach Betrüger, die mit gegebenen Faktoren schlau zu rechnen wußten und in geheimnisvollen Andeutungen ihre Unwissenheit verbargen. Auch Kiong Jang und Hira Singh glaubten so.

»Soll ich dir sagen, was du wissen möchtest? Gib mir ein Goldstück, und ich sage dir, was in der Ferne geschieht, und was die Zukunft dir verhüllt.«

»Mein lieber Freund,« lächelte Reihenfels, »wenn du in die Zukunft sehen könntest, du hättest den Priestern Siwas schon hundert goldene Schlangen opfern können.«

»Ach, Sahib,« entgegnete der Fakir mit traurigem Kopfschütteln, wobei die tote Hand hin und her schlenkerte, »man glaubt mir ja nicht. Man hält mich für einen Betrüger und verspottet mich.«

Dieses Geständnis überraschte Reihenfels.

»Wenn du in die Ferne sehen kannst, und die, denen du geweissagt hast, überzeugen sich von der Wahrheit deiner Aussagen, so werden sie an deine Sehergabe glauben.« »Nein, Sahib, da täuschst du dich. Die Leute geben sich nicht die Mühe, zu prüfen, ob ich wahr gesprochen oder nicht, und wenn es sich später doch herausstellt, so denken sie nicht mehr an mich, denn was ich ihnen sage, ist immer etwas ganz anderes, als das, woran sie denken. Du lachst und glaubst es nicht? Sieh, Sahib, wenn ich jemandem die Zukunft enthülle, und diese ist nicht so, wie er sie sich ausmalt, so schilt er mich von vornherein einen Betrüger. Ereignet es sich dann aber so, wie ich vorausgesagt habe, so findet er das alles ganz natürlich, und er erinnert sich nicht mehr meiner Voraussage. Sieh, Sahib, so schwach und befangen ist unser Verstand.«

Wieder war Reihenfels vollkommen überrascht über diese Äußerung des armen, unwissenden Fakirs. Es lag eine große Wahrheit in seinen Worten.

Wenn uns gesagt würde, in zehn Jahren steht es so und so mit uns, wir würden es nicht glauben, es gar nicht für möglich halten, weil jener Zustand unserem jetzigen nicht angepaßt ist. Blicken wir aber nach zehn Jahren, wenn jener Zustand wirklich erreicht ist, auf das vergangene Leben zurück, so sehen wir nur eine zusammenhängende Kette von Folgen, wo eine Notwendigkeit aus der anderen entspringt, und es erscheint uns alles ganz natürlich.

Wie, wenn dieser Fakir wirklich wahrsagen oder fernsehen konnte? Wenn er etwas über Bega und ihren Aufenthaltsort zu sagen vermochte? »Soll ich dir die Zukunft enthüllen?« fragte der Fakir nochmals.

»Wann kannst du dies tun?«

»Jetzt sofort.«

»Auch in meiner Wohnung?«

»Überall.«

»Ohne daß du etwas nötig hast?«

»Ich sehe durch meine Hand, wenn sie sich wieder belebt.«

»So folge mir!«

Unterwegs wurde Reihenfels wieder unschlüssig, er nahm sich zum mindesten vor, auf seiner Hut zu sein. Wie leicht war es möglich, daß dieser Fakir von Timur Dhar geworben war, ihn betreffs Begas auf eine falsche Spur zu lenken! Angenommen, der Fakir beschrieb Bega, wie er sie geschildert bekommen hatte, er beschrieb auch irgendeinen Aufenthaltsort, unter rätselhaften Nebenbegebenheiten, so mußte Reihenfels natürlich dorthin wandern und fiel vielleicht in einen Hinterhalt. Schenkte er hingegen dem Fakir keinen Glauben, so wurde er doch von Vorwürfen geplagt.

Aber Reihenfels wußte Rat.

Es galt, den Fakir erst auf seine Sehergabe hin zu prüfen, und zwar an einer Person, die Reihenfels nahestand, und deren Aufenthalt er gut kannte, welche dem Indier dagegen sicherlich unbekannt war.

Auf seinem Zimmer angekommen, gab Reihenfels dem Manne das versprochene Goldstück und hieß ihn, sein Experiment zu beginnen.

Der Fakir hockte sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden nieder, Reihenfels mußte sich neben ihm auf einen Stuhl setzen und die tote Hand bequem fassen.

»Nun denke an die Person, von welcher ich dir sagen soll, was sie jetzt tut,« begann der Fakir. »Je fester du an sie denkst, desto deutlicher sehe ich sie. Du mußt alle deine Gedanken auf sie richten.«

»Du kannst mir nur sagen, was sie jetzt tut?«

»Zuerst, ja. Dann mußt du mir irgendeine Zeit sagen, später, wenn ich sie sehen soll, und ich kann dir sagen, was sie dann tun wird.«

»Und das trifft immer ein?«

»Meine Hand täuscht nie. Ich schließe die Augen, und wenn meine Hand Leben bekommt und du meine Augen siehst, und es sind doch keine, dann magst du fragen, dann lese ich in meinem Innern.«

»Du sprichst jetzt schon rätselhaft.« »Ich werde ganz deutlich erzählen, was ich sehe. Jetzt denke an die Person. An wen denkst du?«

»Ja, lieber Freund,« lachte Reihenfels, »das sollst du mir eben sagen.«

»Ich sehe, du traust mir auch nicht,« sagte der Fakir traurig, »und doch ist das nötig, soll ich die Bilder in meinem Inneren deutlich erblicken. Aber ich werde die Person auch so sehen. Wenn meine Hand warm wird, so frage!«

»Was soll ich fragen? Du sollst mir erzählen.«

»Du sollst nur fragen: was siehst du? Denn ich würde nicht sagen, was ich sehe, weil ich schlafe.«

»Kann ich sonstige Fragen stellen?«

»Was du willst.«

»Gut, so beginne!«

Der Fakir schloß die Augen.

Nun glaubte Reihenfels allerdings an eine Gedankenübertragung, das heißt, eine Person kann die Gedanken einer anderen wissen, mit der sie in Berührung steht, ja, selbst wenn dies nicht einmal der Fall ist, nur durch den festen Willen allein. In neuerer Zeit werden solche Experimente in überraschender Weise ausgeführt, besonders mit nervösen Personen.

Besaß nun dieser Fakir eine solche Eigenschaft, so hielt es Reihenfels wohl für möglich, daß derselbe die gleichen Bilder sah, welche er sich dachte, aber nichts anderes.

Nach etwa zehn Minuten schweigsamen Dasitzens durchlief den Körper des Fakirs ein Zittern, welches sich auch dem steifen Arme mitteilte; seine Stirn wurde naß; Schweißtropfen entstanden darauf, und erstaunt fühlte Reihenfels plötzlich, wie die abgestorbene Hand nach und nach immer wärmer wurde, als kehre das Blut in sie zurück.

Dann schlug der Fakir die Augen auf, aber es waren, wie er gesagt, wirklich keine Augen, denn man sah keine Pupille darin, nur Weißes. Er hatte sie vollständig verdreht.

»Was siehst du?« fragte Reihenfels.

»Ich sehe nichts,« war nach langer Pause die mit röchelnder Stimme gesprochene Antwort.

Daran konnte Reihenfels Schuld sein; denn er hatte im Augenblick nicht an die Person gedacht, an welche er denken wollte. Jetzt tat er es mit Aufbietung aller seiner Energie, und selbstverständlich war es, daß dabei auch die Umgebung vorkommen mußte, in welcher er die Person zur Zeit glaubte.

»Was siehst du jetzt?«

Die Antworten blieben lange aus. Die Sätze selbst waren von Zwischenpausen unterbrochen, die oft Minuten und länger währten.

»Ich sehe – – – einen alten Mann.«

»Wie steht er aus? Beschreibe ihn!«

Die Hand wurde wärmer und zitterte heftiger.

»Er ist alt – langes, weißes Haar – weißen – großen Bart – vor den Augen – blaue Gläser – einen Rock, ganz schwarz – mit weißen Ärmeln – – ich sehe nichts mehr.«

Die Antworten waren richtig. Reihenfels hatte an seinen Vater gedacht, den er mit seiner Familie – Franziska ausgenommen – in Kalkutta wußte. Das Aussehen war richtig beschrieben, er trug gewöhnlich eine blaue Brille. Nur der schwarze Rock mit weißen Ärmeln war Unsinn.

Reihenfels fand gar nichts Sonderbares dabei, es war eben Gedankenübertragung. Weil er sich dies alles überlegt hatte, dachte er nicht mehr an seinen Vater, und sofort war auch das Bild verschwunden.

Er konzentrierte wieder seine Gedanken. Da nun sein Vater sicherlich in eines Freundes Hause wohnte, welches auch Reihenfels ganz genau kannte, so dachte er an jenes Zimmer, in dem gewöhnlich sein Vater logierte. So wollte er noch einmal die merkwürdige Gedankenübertragung prüfen. »Was siehst du jetzt?«

Die Antwort blieb sehr lange aus.

»Ich sehe – – – nichts. Du denkst an etwas anderes.«

Das war merkwürdig. Reihenfels vergegenwärtigte sich wieder die Gestalt des alten Vaters.

»Was stehst du?«

»Ich sehe ihn – den alten Mann.«

Richtig, das stimmte! »Was tut er?«

»Er geht – in dem Zimmer auf und ab – jetzt bückt er sich – richtet sich wieder auf.«

Daran dachte Reihenfels allerdings nicht, das machte sich der Fakir selbst zurecht.

»Siehst du das Zimmer?«

»Ja.«

»Beschreibe es!«

»Klein – eng – ein Diwan – ein Bett – darüber ein Bild – sehr groß – auf Diwan – und Bett – und Stühlen – und am Boden – viele Kisten – und Schachteln – alles offen – weißes Zeug – liegt umher – ganz zerstreut – dort ein Tisch – davor ein Stuhl – der Alte – wirft alles von diesem Stuhle – auf die Erde –«

Dieser Fakir besitzt eine lebhafte Einbildungskraft, dachte Reihenfels, aber er täuscht sich.

Meine Mutter würde eine solche Unordnung im Zimmer nicht dulden, das ist um so weniger möglich, als sie schon lange in diesem Hause wohnen. Die Beschreibung des Zimmers ist übrigens ganz allgemein gehalten.

»Beschreibe das Bild!«

»Es ist sehr groß.«

»Nichts weiter?«

»Eine goldene Leiste ist darum.«

»Ja, der Rahmen. Was stellt es dar?«

»Es ist bunt.«

»Natürlich, die Farben. Beschreibe es genauer.«

»Es sind Männer darauf – und Frauen – ein Mann – mit einer Krone – und einem Schwert – ganz in Eisen – eine Rüstung – und viele Schiffe – sehr klein – sehr hohe Mastbäume – viel Krieger darauf – alle mit Schwertern – sie freuen sich –«

Reihenfels wußte ganz bestimmt, daß ein solches Bild in jenem Hause gar nicht vorhanden war. Doch die Türen dort waren samt und sonders mit aufgelegten Arabesken verziert. Daraufhin wollte er den Fakir prüfen.

»Beschreibe die Tür.«

»Eine Tür – aus Holz!«

»Ist sie glatt?«

»Ganz glatt.«

So. Bemerkst du nichts darauf?«

»Nein – ja – etwas Schwarzes – draußen – nicht inwendig – es ist –«

Was ist es?« fragte Reihenfels ungeduldig, als der Fakir eine zu lange Pause machte.

»Es ist – eine – eine Zahl – eine Vier – ganz schwarz.«

Seit wann tragen denn Wohnstubentüren Zahlen? dachte Reihenfels lächelnd.

»Siehst du noch andere Türen?«

»Ja – undeutlich – wie im Nebel.«

»Mit Zahlen?«

»Nein – ja – im Nebel – links eine – mit einer drei – rechts– eine – mit einer fünf – gegenüber eine – mit einer neun.«

Das ist Unsinn, sagte sich Reihenfels, aber es könnte ja sein, daß mein Vater doch in einem anderen Hause wohnt. »Welche Stadt ist es, in welcher mein Vater ist?«

»Das – sehe ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich sehe – nur da – wo der alte Mann ist.«

»Ah so! Du siehst aber doch die Zahlen auf dem Korridor.«

»Nur wie im Nebel.«

»Was tut der alte Mann jetzt?«

»Er sitzt – am Tische – und schreibt.«

»Was schreibt er?«

»Auf – Papier.«

»So. Was schreibt er?«

»Buchstaben.«

»Leicht begreiflich. Kannst du es nicht lesen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es sind – mir fremde Buchstaben.«

Da war freilich nichts zu machen.

»Aber halt,« fuhr der Fakir von selbst fort, »ganz oben – auf dem Papiere – steht ein Wort.«

»Kannst du das lesen?«

»Nein – aber es ist – ganz einfach – die Buchstaben – sind – ganz gerade – gib mir – etwas – ich kann es – nachmalen. Laß meine Hand – nicht los.«

Mit der linken Hand nahm Reihenfels Bleistift und Papier aus der Tasche, gab ersteren in die gesunde Hand des Fakirs, ohne die andere loszulassen; das Papier legte er auf den Stuhl, und sofort begann der Fakir zu malen, ohne daß ihm Reihenfels dabei im geringsten die Hand führte.

Zu seinem Erstaunen reihte sich ein großer, lateinischer Buchstabe in Druckform neben dem anderen aufs Papier, bis das Wort ›Telegramm‹entstanden war.

Doch nein, Reihenfels brauchte nicht zu staunen. Entweder kannte der Fakir dieses Wort, und es entstand nun mit in seinem Phantasiegebilde, oder er war ein Betrüger und wollte Reihenfels' Kopf nur verwirren.

»Dieses Wort steht oben auf dem Papiere?«

»Ja.«

»Und was hat der alte Mann daruntergeschrieben?«

Der Fakir versuchte es ohne Aufforderung nachzumalen, es entstand aber nur ein undeutliches Gekritzel. Die gehaltene Hand wurde dabei sehr warm, fast heiß, und zitterte heftig.

»Ich kann nicht,« sagte er und warf den Bleistift weg.

»Was tut der Alte jetzt?«

»Er steht auf – öffnet den Mund – er ruft etwas – die Tür geht auf – ein Mädchen tritt ein –«

»Wie sieht das Mädchen aus?«

»Groß – schlank – dem Manne sehr ähnlich – dir noch vielmehr–«

Das hätte eventuell seine Schwester Käthchen sein können.

»Beschreibe sie näher!«

»Sie ist – sehr schön – volles Haar – wie Gold–«

Da, das war eine Unmöglichkeit. Käthchen war schwarz; das hätte höchstens Franziska sein können, aber diese befand sich in Bombay, sein Vater dagegen in Kalkutta, also weit, weit davon entfernt.

»Was macht sie?« fragte er nur, um weitere Unwahrscheinlichkeiten zu hören zu bekommen. »Sie nimmt – von der Wand – einen grauen Rock – zieht ihn dem alten Manne an – er nimmt das Papier – zeigt es dem Mädchen – faltet es zusammen – steckt es in den Rock –sie küssen sich –«

»Und nun besorgt er das Telegramm, nicht wahr? –«

» – er setzt einen Strohhut auf – nimmt die Brille ab – putzt sie – sie fällt ihm aus der Hand –er bückt sich – sie auch – beide suchen – das Mädchen hebt sie auf – hält sie dem Alten hin – da – sie ist zertreten – sie lachen –«

»Eine rührende Familienszene. Weiter!«

»Das Mädchen wühlt in einem Koffer – sie hat eine kleine, schwarze Schachtel – zieht daraus eine andere Brille hervor – mit blauen Gläsern – er setzt sie auf – und geht.«

»Wohin?«

»Durch einen langen Gang – viele – Menschen – eine Treppe hinunter – jetzt ist er auf der Straße – er winkt einen Wagen – steigt ein.«

»Laß das jetzt! Beschreibe die Straße! Was siehst du?«

»Ein großes Haus – viele Menschen – die – Sonne scheint – dort ein anderes, sehr, sehr großes Haus – ein Tempel der Faringis – das Dach ist flach – an jeder Seite ein Turm.«

»Ah, beschreibe einmal das große Tor dieser Kirche!«

»Sehr groß – aus Holz – geschnitzt – darüber ein Ungeheuer – ein Reiter – mit langer Lanze – ersticht es –«

Reihenfels ließ die Hand los und sprang heftig auf.

»Das ist die Kirche von Bombay, aber nicht die von Kalkutta, und mein Vater ist in Kalkutta. Alles ist Lüge!«

Der Fakir blieb noch einige Minuten regungslos sitzen; er war wie in Schweiß gebadet.

Nach und nach hörte das Zittern seiner toten Hand auf, er schloß die Augen. und als er sie wieder öffnete, hatten sie ihre normale Lage. Er war wieder bei Besinnung.

»Nun, Sahib, bist du mit mir zufrieden?«

»Ja und nein,« lachte Reihenfels ärgerlich, »du hast deine Sache ganz gut gemacht, aber ein Pfund Sterling war das Kunststückchen doch nicht wert.«

»Du glaubst also nicht, daß ich nur die Wahrheit gesagt habe?« fragte der Fakir wehmütig.

»Glaubst du denn etwa selbst daran?«

»Ich weiß, wenn ich erwache, nicht, was ich in jenem Zustande gesprochen habe.«

»Ich will dir etwas sagen, mein Bursche! Ich will zu deinem Vorteile annehmen, daß du kein Betrüger bist, der auf Anstiften anderer bei mir seinen Hokuspokus macht, ich will nur glauben, daß du ein ganz geriebener Kerl bist. Deine Kombinationen sind überraschend, einmal – glaubte ich schon, ich hätte dir unrecht getan, weil du von einem schwarzen Rock mit weißen Ärmeln sprachst, bis sich herausstellte, daß der alte Mann sich in schwarzer Weste und Hemdsärmeln befand. Zuletzt aber hat es sich. klar und deutlich erwiesen, daß alle deine Bilder – bescheiden ausgedrückt – auf deiner eigenen Phantasie beruhen. Wir wollen nicht näher auf die Sache eingehen.«

»Also auch du hältst mich für einen Betrüger?«

»Schon gut, entferne dich!«

»Ich wußte es schon, und ich werde nie wieder in die Ferne sehen. Man glaubt mir doch nicht.«

Mit niedergeschlagenem Gesicht verließ der Fakir das Zimmer.

Reihenfels sah nach der Uhr. Es war zwanzig Minuten nach elf Uhr, für zwölf war er ins Offizierskasino zu einem Frühstück geladen, und er konnte sich schon auf den Weg machen.

Er war ärgerlich, so getäuscht worden zu sein, zugleich aber auch froh, erst eine Prüfung des Fakirs vorgenommen zu haben. Was wäre das geworden, wenn er ihn direkt über Bega gefragt hätte! Was hätten diese Leute, die sogar so gut von Personen, die ihm ganz genau bekannt, ihnen dagegen unbekannt waren, erzählen konnten, ihm erst über Bega mitgeteilt! Natürlich würde er irgendwohin gelockt worden sein, nur nicht dahin, wo sich Bega befand – jedenfalls dagegen in sein Verderben.

Eine fröhliche Gesellschaft englischer Offiziere und Beamter empfing ihn, darunter auch Doktor Morrison, der Missionar und Dolmetscher.

»Mister Reihenfels.« sagte dieser bei der herzlichen Begrüßung, »bei Gelegenheit ein Wort unter vier Augen!«

Unter den heiteren Tischgenossen hatte Reihenfels den Vorfall fast schon vergessen, als sein Diener atemlos ankam und ihm eine eben eingelaufene Depesche überreichte. Die zerstörten Telegraphen- und Eisenbahnverbindungen zwischen den Hauptstädten waren wiederhergestellt worden.

Es ging Reihenfels wie ein Stich durch den Kopf, als er den Stempel ›Bombay‹ auf der Depesche las. Die Unterschrift? Wahrhaftig, sie war von seinem Vater! Er teilte dem Sohne in vor Freude überschwenglicher Weise mit, daß die ganze Familie von Kalkutta nach Bombay übergesiedelt und heute morgen dort eingetroffen sei; er habe die wiedergefundene Franziska an sein Herz drücken können, alles sei wohl; Adresse: ein bekanntes Hotel in Bombay.

Reihenfels wußte nicht, was er denken sollte. Heute früh erst in Bombay eingetroffen – das im Zimmer umhergestreute Reisegepäck – die Nummern an der Zimmertüre – und die Aufgabe des Telegramms? Wahrhaftig, elf Uhr, also nur wenige Minuten später, als der Fakir ihm das Niederschreiben des Telegrammes schilderte. Hier war gar kein Betrug möglich, und dennoch wollte sich Reihenfels noch mehr überzeugen.

Leichenblaß erhob er sich von der Tafel, ließ sich durch keine Fragen der bestürzten Gesellschaft aufhalten, beantwortete auch keine, sondern stürzte fort nach der Telegraphenstation.

Wenn der Fakir fernsehen konnte! Dann konnte er ihm auch sagen, wo sich Bega befand.

Er überlegte einen Augenblick, dann schrieb er nieder:

»Welches Bild hängt über deinem Bette? Welche Nummer hat dein Zimmer? Welche Nummern sind links, rechts und gegenüber davon? Hast du eine Brille zertreten? Antworte sofort!«

Der Telegraph sendete die Depesche nach Bombay. Der alte Reihenfels wußte, daß sein Sohn keine unnützen Fragen stellte.

Mit fieberhafter Ungeduld wartete Reihenfels gleich auf der Station auf die Antwort. Er machte sich schon Vorwürfe, nicht genauer gefragt zu haben, ob er heute eine Brille zertreten habe.

Die Zeit verstrich schrecklich langsam; unverwandt war sein Blick auf die Uhr gerichtet.

Die Antwort – der Fakir – und Bega – das waren seine einzigen Gedanken.

Nach etwa zwei Stunden wurde er an den Schalter gerufen. Die Antwort lautete:

»Normannenherzog Wilhelm landet in England. Meine 4, links 3, rechts 5, gegenüber 9.

Ja, heute morgen.«

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