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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 16
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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16. Der neue Herr

Wir überspringen einen Zeitraum von einigen Monaten und wollen nur ganz kurz erwähnen, was sich in Indien unterdessen ereignet hatte.

In Mittelindien war der Aufstand so gut wie niedergeworfen, die Ordnung wiederhergestellt, und schon begannen die dazu aufgeforderten indischen Bauern, den Frühling dazu zu benützen, um das verwüstete Land von neuem zu bestellen.

Wo die Rebellen noch einmal festen Fuß faßten, da eilten von allen Seiten die Engländer, die in immer neuen Massen eintrafen, herbei, besonders unter der Führung von Campbell, Sir Hugh Rose, Havelock und anderen, und schlugen die Gegner in blutigen Schlachten.

Anführer der Rebellen waren nach wie vor Nana Sahib, ein aus Delhi entkommener Baburide namens Firos-Schah, die Königin von Audh, und noch immer tauchte überall da, wo eine Schlacht heftig wütete, die stahlgepanzerte Gestalt der Begum von Dschansi auf.

Am 19. März fiel das starkbefestigte Lucknau durch den Sturm unter General Campbell, welcher den auf Delhi noch an Furchtbarkeit übertraf. Es gelang jedoch nicht, die Rebellen zu vernichten, sondern diese entflohen samt und sonders nördlich in die Ausläufer des Himalajagebirges, und jetzt entstand hier ein sogenannter Guerrillakrieg, das heißt, eine ununterbrochene Kette von Kämpfen und Schlächtereien, wie sie etwa zwischen Gebirgsräubern und Miliz vorkommen mögen.

Hier im Himalajagebirge konnte an ein Zusammenhalten eines starken Truppenteiles nicht gedacht werden; in Streifkorps durchzogen die Engländer die wilden Gebirgsmassen, die mit Urwäldern und Sümpfen abwechselten, in denen noch Tiger, Löwen, Elefanten, Nashörner und Büffel in zahllosen Mengen hausten. Auf alles, was eine braune Haut hatte, wurde rücksichtslos Jagd gemacht; man spürte die Rebellen in den Höhlen auf und räucherte sie aus, aber die Engländer hatten einen schweren Stand, denn die Indier waren hier zu Hause, und Nana Sahib zeigte, daß er es ausgezeichnet verstand, einen solchen Bandenkrieg zu leiten.

Heute hoben die Engländer ein Rebellennest aus, morgen brach Nana Sahib aus dem Hinterhalt hervor und machte eine Abteilung Engländer bis auf den letzten Mann nieder.

Etwaige Gefangene marterte er mit eigener Hand auf die grausamste Weise.

Bevor wir den Schauplatz der Erzählung in diese wilde Gegend verlegen, wollen wir uns noch einmal nach Delhi begeben.

Reihenfels hielt sich noch immer hier auf und marterte sein Herz mit vergeblichen Hoffnungen, von Bega wieder etwas zu hören. Sie blieb verschollen.

Um jene Begum von Dschansi, die hier und da auftauchte und das mörderische Schwert wie früher unter den englischen Reihen schwang, kümmerte er sich gar nicht mehr. Auch vertraute er sich niemandem an; denn er wurde doch nicht verstanden. Lord Canning war die meiste Zeit von Delhi abwesend.

Wie aber sollte Reihenfels erfahren, wo sich Bega aufhielt? Ob sie überhaupt noch am Leben wäre? Er wußte sich keinen Rat. Wo sollte er sie in dem ungeheuren Indien suchen? Er hätte gewünscht, mit Dick sprechen zu können; vielleicht hätte der erfahrene Trapper Rat gewußt, wie man eine Person in einem wilden Lande aufspürt, aber dieser war ebenfalls verschwunden und hatte den gefangenen Sedrack mitgenommen, den ihm Canning überlassen hatte.

So benutzte Reihenfels die Zeit wenigstens, um nach Sir Carter und seiner Gemahlin zu spähen – ebenfalls vergeblich. So weit er sich auch in den unterirdischen Gängen vorwagte, er bekam keine Spur eines menschlichen Wesens zu sehen, auch Phangil nicht.

August nahm sich das Unglück seines Herrn zu Herzen, konnte ihm aber nicht helfen, und Reihenfels verbat sich jeden Trost. So schlenderte August untätig in Delhi umher, vernahm die neuesten Kriegserfolge, disputierte mit englischen Soldaten, die darin Großes leisten, und langweilte sich gründlich.

Eines Tages rückte Campbell mit einer kleinen Kriegsmacht in Delhi ein. Er hatte nicht weit von der Stadt einen Rebellenhaufen mit leichter Mühe geschlagen und einige wichtige Anführer gefangengenommen, die sofort jene Galgen vor dem Gouvernements-Palaste schmücken sollten, an denen einst die Radschas ihr Leben ausgehaucht hatten.

Natürlich befand sich auch August unter der Menge, die die Delinquenten umstanden, und zwar hatte er sich in die vorderste Reihe zu drängen gewußt.

Aber seine Aufmerksamkeit wurde weniger von den am Galgen Zappelnden gefesselt als vielmehr von einer Person, die dicht neben ihm stand, und deren Ansehen sowohl wie ihre Beschäftigung allerdings sehr auffällig waren.

Die lange, magere und sehnige Gestalt war mit einem großkarierten Staubmantel bekleidet, unter dem nur die gelbledernen Stiefel bis zu den Knöcheln hervorsahen. Das Gesicht war ein solches, wie man es bei reisenden Engländern oder Amerikanern öfters findet; gelb und faltig wie Pergamentpapier, eine scharfe, gerade Nase, graue Augen und an beiden Seiten, nur das Kinn und die Lippen freilassend, ein wohlgepflegter, sogenannter Kotelettenbart.

Zwischen den Lippen hatte der Mann eine schwarze Zigarre, aus der er blaue Wölkchen blies, unter dem linken Arm einen roten Sonnenschirm und in den Händen ein dickes Notizbuch und Bleistift.

Bald beobachtete er die Zuckungen des am nächsten Galgen baumelnden Indiers, bald schrieb er wieder ins Buch, als notiere er dort seine Beobachtungen. Er glich einem Naturforscher, der ein ihm bisher unbekanntes Tier charakterisiert.

Das ist ja ein merkwürdiger Kauz, dachte August und versuchte, einen Blick in das Notizbuch zu werfen, was ihm aber nicht gelang, weil ihn der Große um Haupteslänge überragte.

Derselbe fuhr fort, Notizen einzutragen, einen der Gehängten nach dem anderen beobachtend, bis der letzte bewegungslos dahing. Dann steckte er sein Notizbuch ein, sog an der Zigarre und fand, daß diese ausgegangen war.

Ohne ein Wort zu sprechen, wandte er sich an den neben ihm stehenden August und deutete nur mit dem hageren Finger auf die erloschene Zigarre, es als ganz selbstverständlich findend, daß sein Wunsch sofort verstanden würde.

Über diese stumme Zumutung war der sonst eben nicht auf den Mund gefallene August so verblüfft, daß er wirklich sofort in die Tasche griff, sein Feuerzeug hervorholte und dem Fremden die Zigarre anzündete.

Ohne auch nur mit einem Kopfnicken für die Gefälligkeit zu danken, wendete sich dieser phlegmatisch um, und dabei war es fast unvermeidlich, daß er mit dem unter den Arm geklemmten Sonnenschirm August den Hut vom Kopfe herunterwarf.

Das war dem Deutschen denn doch etwas zu toll. Erst die Zigarre anzünden, keinen Dank davon haben und sich dann auch noch den Hut vom Kopfe werfen lassen! August stieß einen kräftigen, deutschen Fluch aus, hob schnell den Hut auf und wollte dem Fremden nacheilen.

Doch da wendete sich dieser, welcher den Fluch gehört haben mußte, schon um, wobei er abermals einem Indier den Turban vom Kopfe riß.

»Ah, Sie sprecken deitsch? Serr, serr gut das,« redete er August an, und fixierte ihn durch ein Monokel.

August, den über diese unvermutete Anrede schon wieder die Fassung zu verlassen drohte, raffte sich schnell wieder zusammen.

»Herr, wessen unterstehen Sie sich?« fuhr er den Fremden wütend an. »Erst fordern Sie mich ganz unverschämt auf, Ihnen Ihre Zigarre anzuzünden, dann bedanken Sie sich nicht, als wäre ich Ihr Sklave, und dann werfen Sie mir noch den Hut vom Kopfe. Da,« er schleuderte seinen Hut auf die Erde, »nun heben Sie ihn mir gefälligst einmal auf.«

Wie ein gebietender Feldherr stand August vor dem Fremden und deutete mit dem Finger auf den Hut zu seinen Füßen; aber der Karierte, dem gebrochenen Deutsch nach unverkennbar ein Yankee, das heißt, ein Amerikaner, fixierte nur den Burschen mit äußerstem Interesse, als hätte er irgendein Phänomen vor sich.

»Nun, wollen Sie mir den Hut gleich aufheben? Sie haben ihn mir vom Kopfe geworfen.«

»Weil mir das macht Spaß. Was soll ick nix haben meinen Spaß?« war die kaltblütige Antwort.

»Aber mir macht das keinen Spaß!« schrie August, immer wütender werdend. »Wollen sie mir den Hut aufheben?«

»No.«

»Denken Sie etwa, ich werde ihn aufheben?«

»Yes.«

»Das werde ich wohl bleiben lassen.«

»Dann werden Sie sich kaufen einen anderen,« entgegnete der Amerikaner mit dem größten Gleichmut.

Eine Menge englischer Soldaten hatten die beiden umringt, August sah überall lachende Gesichter, und er war klug genug, einzusehen, daß er sich durch seinen Zorn nur lächerlich machte. Er zog zum bösen Spiel eine gute Miene.

»Gut, aber ich habe kein Geld.«

»Dann werde ich Ihnen geben Geld.«

»Ah, das läßt sich hören! Her damit!«

»Her damit – serr gut das! Sie sprecken serr gut deitsch. Wollen Sie werden mein Diener?«

»Als Ihr Sprachmeister?« lachte August, der nur an einen Spaß glaubte.

»No zu laden mein Buchs.«

Das war natürlich vollkommen unverständlich.

»Wollen Sie mir nun meinen Hut aufheben oder mir Geld für einen neuen geben?«

»Ick werde Ihnen geben Geld. Kommen Sie!«

Wieder wandte sich der Amerikaner kurz herum, wobei er einer ganzen Reihe von Soldaten die Mützen vom Kopfe warf, was aber nur Gelächter hervorrief, und schritt mit seinen abnorm langen Beinen schnell davon.

August überlegte einen Augenblick, dann fand er es für das beste, hinterher zutroddeln.

Der Amerikaner ging direkt dem Gonvernements-Palaste zu, stieg eine Treppe hinauf und betrat ein Zimmer, das einiges Gepäck enthielt, darunter auch zwei für Maultiere oder Esel bestimmte Sättel und Zaumzeuge. Auf dem Tische lagen zwei Repetiergewehre, deren Magazine 16 Patronen fassen, von vorzüglicher Arbeit, auf dem Bette ein Revolverfutteral und andere kurze Waffen.

Da der Amerikaner in diesem Palaste einquartiert worden war, schloß August, mußte er einen gewissen Rang einnehmen. Er war dem Fremden ins Zimmer gefolgt, und das erste war, daß er mit dem Regenschirme eins gegen den Kopf erhielt, weil wieder das schnelle Umdrehen erfolgte.

Der Amerikaner klemmte das Monokel ins Auge und betrachtete den rothaarigen Burschen von neuem wie ein Wundertier.

»Wo haben Sie gelassen Ihren Hut?«

»Da, wo er vorhin lag.«

»Sie haben ihn nix gehoben auf?«

»Fiel mir nicht ein.«

Des Amerikaners faltiges Gesicht verzog sich zu einem vergnügten Grinsen; wohlwollend klopfte er August auf die Schulter. »Serr, serr gut das! Wollen Sie werden mein Diener?«

»Erst den versprochenen Hut, dann wollen wir weitersprechen.«

»Sie werden bekommen einen Hut. Wollen Sie werden mein Diener?«

Dabei blieb der Amerikaner hartnäckig.

»Ich bin schon Diener bei einem Herrn.«

»So werde ick ihm kaufen ab.«

»Oho, ich bin kein Sklave, den man verkaufen kann!«

Wenn Sie sind Diener, so werden Sie gehen zu dem, der Ihnen gibt das meiste Geld.«

»Hm, das ließe sich eigentlich hören. Wieviel wollen Sie mir geben?«

»Einen Dollar für den Tag.«

Donnerwetter, dachte August, das ist viel, aber sofort entgegnete er: »Das ist zu wenig.

Unter zwei Dollar tue ich's nicht.«

»So werde ick Ihnen geben zwei Dollar für den Tag und fünf Dollar Schußgeld.«

»Was für Schußgeld?« fragte August, der schon bereute, nicht mehr gefordert zu haben.

»Für jeden Indier, den ick treffe so, daß er wird sterben, werde ick geben Ihnen fünf Dollar.«

Mit aufgerissenem Mund starrte August den Sprecher an. Er zweifelte an dessen Verstand.

»Macken Sie den Mund zu,« sagte der Amerikaner phlegmatisch, »ick bin kein Doktor, der sehen tut in den Hals.«

August klappte den Mund zu.

»Na, denn man zu. Ich muß aber erst mit meinem Herrn sprechen.«

»All right, sprecken Sie mit Ihrem Herrn.«

Erschrocken sprang August einen Schritt zurück; denn der Mann drehte sich wieder so schnell um, daß ihm die Spitze des Regenschirms dicht an der Nase vorübersauste.

»Halt, Mister – Mister –«

»Mister Bulwer.«

»Also, Mister Pulver, was habe ich denn bei Ihnen zu tun?«

»Nix, als zu putzen mein Buchs und ...«

»Was ist denn das für ein Buchs? Ein Zündholzbuchs?«

»Das Eisenbuchs, Kamel,« sagte Mister Bulwer ungnädig und wies nach den Gewehren auf dem Tische.

»Aha, ach so, das Ding da ist ein Buchs bei Ihnen, und mit Kamelen schmeißen Sie auch um sich! Na, denn man zu! Was sonst noch?«

»Und Sie werden immer tun Patron in das Buchs und ihn mir geben geladen, zu schießen die Indier.«

»Schön, wird gemacht! Sie sprechen aber ein merkwürdiges Deutsch, weiß der Teufel.«

»Teufel ist serr gut! Und Sie werden mir lehren Deitsch.«

»Auch gut, das konnte ich schon als kleiner Junge. Sonst noch etwas, Mister Pulver?«

»Werden Sie können reiten?«

»Wie ein Kunstreiter! Wenn's weiter nichts ist! Sonst Stiefel wichsen, Zeug ausklopfen?«

»Nix wichsen, nix klopfen.«

»Desto besser, bin kein Freund davon. Also ich bin Ihr Diener. Einverstanden?«

»Very well, Sie werden sein mein Diener. Putzen Sie das Buchs.«

»Das Buchs scheint bei ihm die Hauptsache zu sein,« dachte August, und laut sagte er:

»Dann darf ich mir wohl noch die Frage erlauben, wohin die Reise gehen soll.«

»Ick werde reisen in die Gebirg.«

»In die Gebirg, schön. In die Schweiz?«

»In die Himalaja.«

»Zum Jagen?«

»Nix jagen, ick werde schießen die Indier, welche sind da zum Totschießen, und ick werde sehen, wie sie werden sterben.« »Auch eine schöne Beschäftigung! Sie sehen wohl gern jemanden sterben?«

»Serr, serr gern, das mir großen Spaß macken. Der eine sieht gern Tanz, der andere sieht gern Theater, ick sehe gern Menschen sterben. Warum soll ick nix haben meinen Spaß für mein Geld?«

»Natürlich, Mister Pulver, ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, wenn nur das nötige Pulver dazu da ist.«

»Ah, serr gut, wie war das mit die Tierchen?«

August mußte ihm wie einem Schuljungen das Sprichwort so lange vorsagen, bis er es ohne Anstoß nachsprechen konnte. August lachte innerlich und glaubte, er würde mit seinem neuen Herrn schon ganz gut auskommen.

»Und wie steht's nun mit dem neuen Hute? Kein Mann ohne Hut!«

»Serr gut das, goddam, Sie werden aufschließen dort das Koffer.«

»Welches Koffer werde ich aufschließen?« äffte August ihm nach.

»Jenes Koffer dort.«

August tat, wie ihm geheißen, und fand zu oberst aufliegend eine englische Mütze.

»Das Mütze wird Ihnen passen, es hat gepaßt schon vier Dienern.«

»Donnerwetter, Sie haben schon vier Diener gehabt?« fragte August mißtrauisch.

»Viel mehr schon. Vier Diener erst, seit ick in Indien sein.«

»Alle davongelaufen?«

»Goddam, bei mir wird kein Diener laufen davon, sie haben es serr gut bei mir.«

»Wohin sind sie denn?«

»Gestorben, sie starben serr schön.«

»Nanu!«

Des Amerikaners Augen leuchteten ordentlich auf, als er vom Tode seiner Diener erzählte. Der erste fiel bei der Landung vom Schiffe und zerschmetterte sich den Hirnkasten – er hätte nur acht Minuten im Todeskampfe gelegen. Der zweite starb an der Cholera – viel zu schnell, als daß Mister Bulwer genaue Untersuchungen hätte anstellen können. Der dritte erhielt eine Kugel ins Herz und war augenblicklich tot – was Mister Bulwer mit vielem Bedauern erwähnte.

»Und dem vierten habe ick den Hals durchgeschnitten!«

»Sie?« stieß August entsetzt hervor und prallte einen Schritt zurück.

»Yes, ick,« war die unerschütterliche Antwort.

»Aber das ist ja ein Mord!«

»Nix Mord, es war nur ein Indier.«

»Das ist auch ein Mensch.«

»Nix Mensch, es war ein Indier,« entgegnete der würdige Mann, zornig werdend.

»Und Sie haben ihm einfach mir nichts dir nichts den Hals durchgeschnitten?«

»Nix mir nix dir nix, ick sein kein Schlächter. Tom fiel hin und brach ein Bein, da habe ick ihm die Kehle zerschnitten, weil er wollte nicht sterben. Alle meine Diener hießen Tom, Sie werden auch heißen Tom.«

»Hm, und wenn der fünfte Tom nun auch stirbt?«

»So werde ick beobachten und beschreiben Ihren Tod, und er wird stehen in dem Buche, welches ick werde herausgeben nach meiner Reise.«

»Danke schön für die Ehre!« entgegnete August und überlegte, ob es nicht doch besser wäre, sich von solch einem gefährlichen Menschen fernzuhalten.

Doch schon gab ihm Mister Bulwer zwei Dollar und versprach, jeden Tag weitere zwei zu bezahlen. August nahm sie vorläufig als Handgeld an, er wollte mit seinem früheren Herrn sprechen.

»Sie schießen wirklich nur so zum Zeitvertreib auf Menschen?« fragte er Mister Bulwer noch einmal, ehe er ging. »Ick habe geschossen mit mein Buchs die roten Indianer in Amerika,« entgegnete der Yankee stolz, »ick habe geschossen im Unionskriege die weißen Menschen, ick habe geschossen die Schwarzen in Afrika, ick habe geschossen die gelben Arabs in Ägypten, und nun uerde ick schießen die braunen Indier. Uarum soll ick nix schießen alles, uas mir kommt vor mein Buchs, uenn es mackt mir Spaß? Ick habe schon bezahlt viel Geld, um zu schießen auf die Indier, uelche uaren vor die Kanons gebunden, und jetzt habe ick mir gekauft eine Schießkarte vom General Campbell.«

August ging; es war ihm ganz wirr im Kopfe. Reihenfels kannte den Mister Bulwer schon dem Hörensagen nach.

»Es ist ein Schlachtenbummler, aber einer von der gefährlichsten Sorte, eigentlich sogar ein ganz verachtungswertes Subjekt. Er reist in der ganzen Welt umher, überall da, wo Kriege ausgefochten werden, und schließt sich irgendeinem der beiden Gegner an, natürlich am liebsten dem, bei dem er Schutz zu erwarten hat. Auf den Preis kommt es diesen Amerikaner gar nicht an, wenn er das Recht erlangen kann, auf den Gegner schießen zu dürfen. Er jagt den Menschen eben wie ein Wild, nur aus Sportlust, und sein größtes Vergnügen ist, die von ihm Geschossenen sterben zu sehen. Jede Todeszuckung notiert er sorgfältig, um, wie er sagt, darüber später ein Buch herauszugeben. Es ist eben eine amerikanische Manie. Ich rate dir nicht, mit solch einem herzlosen Menschen zu reisen.«

Doch Augusts Entschluß stand schon fest Nicht nur der hohe Lohn, auch das Abenteuerliche lockte ihn.

»Nun, meinetwegen tu, was du willst, ich gebe dich frei und kann es dir schließlich auch nicht verdenken, wenn du dir eine andere Stellung suchst. Nur gerade dieser –«

»Hat er denn wirklich von General Campbell einen Schießschein bekommen?«

»Er hat sich in einer Schlacht sehr tätig für die Engländer verwendet und erhielt deshalb die Erlaubnis, auf ihrer Seite zu kämpfen. Die im Gebirge verstreuten Rebellen sind übrigens vogelfrei.«

»Na, Mister Reihenfels, da leben Sie recht herzlich adieu, und wenn ich bei meiner Streiftour Bega sehen sollte, was gar nicht so unmöglich ist, dann renne ich schnurstracks hierher und melde es Ihnen.«

»Wollte Gott, daß du das könntest! Lebe wohl, lieber August! Du warst mir immer ein treuer, wenn auch manchmal etwas eigenwilliger Diener. Doch ich war stets zufrieden mit dir und bin dir großen Dank schuldig. Aber halt, August, du nimmst Abschied und denkst gar nicht an deinen rückständigen Lohn.«

»O,« sagte August verschämt, »wenn Sie's nicht haben.«

»Doch, ich habe es. In Geldsachen muß immer Ordnung sein.«

»Es ist gar nicht gut, wenn ich viel Geld bei mir habe, weil – Sie wissen schon warum.

Mir brennt das Geld immer wie Schwefelsäure in der Tasche.«

»Das mach mit dir selbst aus.«

Er gab ihm einige Goldstücke, die ganz bedenklich in Augusts Hand klirrten. Dann trennten sie sich. August war ganz wehmütig ums Herz, als er seinen früheren Herrn so sorgenvoll und niedergeschlagen sah; zugleich aber tauchten im Hintergrunde seiner Gedanken Bilder auf, die er mit dem erhaltenen Gelde verwirklichen konnte.

Sein Herr lag, noch immer mit dem langen Mantel und der Reisekappe angetan, lang ausgestreckt auf dem Bett und hielt die schwarze Zigarre zwischen den Lippen.

»Uah, goddam, Sie blueiben lange,« sagte er in seinem Amerikanisch-Deutsch, dessen seltsame Aussprache wegen der Umständlichkeit nicht vollkommen wiedergegeben, sondern nur angedeutet werden kann, »sein Sie frei uorden?«

»Yes, Sir.«

»Verry well. Feuer!« August hielt ein brennendes Streichholz an die Zigarre. Der Amerikaner kreuzte die Arme unter dem Kopfe, legte die unheimlich langen Beine über die Bettstelle, daß die Füße herabhingen, schloß die Augen und begann in mächtigen Zügen zu dampfen.

Jetzt hielt August die Zeit für günstig, um Urlaub für diesen Tag zu erbitten; er führte alle möglichen Gründe an, bis er endlich merkte, daß der Amerikaner gar nicht antwortete – weil er nämlich schlief obgleich er nach wie vor rauchte.

»Ein seltsamer Kauz!« dachte August und ging seiner Wege.

Wir wollen ihn nicht weiter auf seinen Fahrten begleiten, die er in Delhi ausführte, zuerst allein, dann zusammen mit einigen englischen Soldaten, erwähnt sei nur, daß, je mehr das Geld in seiner Tasche schwand, ihn ebenso die Besinnung verließ, bis er endlich nichts mehr von sich, Gott und aller Welt wußte.

Als er aus seinem Rausche erwachte, merkte er vor allen Dingen, daß ihn ein ungeheurer Durst quälte, ferner, daß es vollkommen Nacht um ihn war, und drittens, daß er auf einer harten Holzpritsche lag.

»Arretiert!« war sein erster Gedanke. »Na, denn man zu, das erstemal ist es nicht!«

Es gelang ihm, noch einmal, einzuschlafen, bis der Brand in der Kehle das nicht mehr zuließ. Er erhob sich, tappte herum, fand, daß er in einer Zelle allein war, aber nicht das, was er suchte – nämlich ein Gefäß mit Wasser.

All sein Pochen an der Tür war vergeblich, nur ein Grunzen in der Nebenzelle antwortete, er begann von neuem nach Wasser zu suchen, und war endlich so glücklich, einen Krug mit Wasser – umzustoßen.

»Och das noch! Gerechter Strohsack!« wimmerte August und wollte auf die Pritsche niedersinken, verfehlte aber diese und kam in die Wasserpfütze zu sitzen.

»Und nun badet sich ooch noch eener.«

Als er die Pritsche wiedergefunden, ließ er sich in dumpfem Brüten darauf nieder, belegte sich wegen seines Streiches mit allerlei nicht eben schmeichelhaften Namen und malte sich aus was die Folge davon sein würde.

Er war arretiert, kein Zweifel. Was würde sein neuer Herr dazu sagen? Jedenfalls gar nichts, das heißt, er würde sich nicht mehr um ihn kümmern, und mit Schaudern dachte er daran, wenn er Mister Reihenfels wieder unter die Augen träte. Was sollte er nun beginnen? Schließlich kam er auf den jetzt ganz seltsamen Gedanken, daß es das beste für ihn sei, wenn er heirate, ganz gleichgültig, wen, wenn sie ihn nur tüchtig in die Zügel nähme.

Und dieser Durst. Sein Anzug mußte ganz zerrissen sein, und nebenbei war es ihm, als wäre sein linkes Auge wie zugeklebt.

Endlich öffnete sich die Tür, die helle Morgensonne strahlte ihm entgegen.

August warf einen mitleidigen Blick an seiner zerfetzten Kleidung hinunter und folgte dem Konstabler nach dem Büro, wo ihn ein Richter zum Verhör erwartete. Auch einige Soldaten hatten sich schon eingefunden, aus deren Gesichtern er auf das eigene schließen konnte.

Nun erfuhr er, daß er sich mit diesen Soldaten gestern nacht herumgeprügelt haben sollte, und zwar in äußerst betrunkenem Zustande. Von einem Konstabler zur Ruhe aufgefordert, hatte er sich auch an diesem vergriffen.

Die Soldaten waren ihm ganz fremd, und doch sollte er stundenlang mit ihnen zusammen getrunken haben.

»August Hefter – ein englisch Pfund Sterling Strafe,« lautete das Urteil. »Können Sie es bezahlen?«

August fand, daß seine Taschen auch nicht einen Pfennig enthielten.

»Kennen Sie jemanden, der für Sie zahlt oder bürgt?«

»Vielleicht – vielleicht mein Herr – Mister Bulwer,« brachte er stotternd hervor, jedoch ohne Hoffnung.

Er mußte dessen Wohnung angeben, es wurde nach Mister Bulwer geschickt. Die Soldaten wurden entlassen, denn sie sollten sofort mit ihrem Bataillon in die Sümpfe abgehen und gegen die Rebellen fechten – fürwahr eine schwerere Strafe, als hinter Schloß und Riegel zu sitzen.

August mußte warten, und mit böser Ahnung tat er das. Er war fest überzeugt, daß Mister Bulwer nichts mehr von ihm wissen wolle.

Aber siehe da! Nach noch nicht einer halben Stunde trat der Yankee, gelassen wie immer, die schwere Zigarre zwischen den Lippen, in das Büro.

»Mister Bulwer?« fragte der Beamte.

»Yes.«

»Das Rauchen ist hier verboten.«

»All right, rauchen Sie nicht.«

Der Beamte warf dem Amerikaner einen prüfenden Blick zu und hielt es für das beste, sich nicht näher mit diesem Manne einzulassen.

»Das Rauchen hier kostet zehn Schilling Strafe.«

»Verry well, werde bezahlen.«

»Hm – kennen Sie diesen Mann?«

»Yes.«

»Ist es Ihr Diener?«

»Yes.«

»August Hefter?«

»No, Tom.«

»August Hefter ist sein Name.«

»No, Tom.«

»Meinetwegen. Er ist arretiert worden wegen Trunkenheit und Schlägerei.«

Bedächtig nahm der Amerikaner die Zigarre aus dem Munde.

»Uarum soll er nix sein betrunken, uenn es ihm mackt Spaß? Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen.«

»Hm, Sie nehmen die Sache leicht,« mußte der Beamte doch lächeln. »Er hat auch einen Konstabler geprügelt.«

»Uarum soll er nix prügeln Konstabler, uenn es ihm mackt Spaß?«

»Sie haben eigentümliche Ansichten.«

»Ueil es mir mackt Spaß. Uenn ich uerde bezahlen, kann ich mir macken Spaß, uelchen ich uill.«

»Wollen Sie seine Strafe bezahlen?«

»Yes,« sagte der Yankee, bezahlte Augusts Strafe und seine und entfernte sich, den Diener mitnehmend.

Der Beamte, der den Amerikaner schon vom Hörensagen kannte, war froh, ihn loszusein, und recht war es auch August, so schnell und so gut aus der Klemme gekommen zu sein. Er hätte seinen Herrn am liebsten umarmen mögen.

»Uir uerden reiten jetzt fort,« sagte dieser.

»Wohl; Mister Pulver, aber sehen Sie, meine Sachen, ich bin gar nicht darauf vorbereitet.«

»Uir uerden reiten jetzt fort!« wiederholte Mister Bulwer nachdrücklich.

Dagegen war nichts zu machen, August mußte sich ins Unvermeidliche fügen, obgleich es ihm heute gar nicht nach Arbeiten und Reiten zumute war.

Er hatte eben noch Zeit, seinen Durst mit einem halben Eimer Wasser zu löschen, dann ging es schon fort, so, wie August war und stand.

Mister Bulwer hatte jedoch schon von anderen Leuten die Reittiere satteln und packen lassen, sie brauchten nur noch aufzusteigen.

Halb lachend, halb staunend musterte August die beiden kleinen Esel, deren Rücken sie sich anvertrauen sollten. Für ihn mochte es wohl gehen, aber wie in aller Welt konnte denn der lange Amerikaner auf solch einem winzigen Tierchen reiten? Er brauchte nur die Beine auszustrecken, so lief das Tier unter ihm weg.

Nun ja, er mußte gerade die Beine rechtwinklig anziehen, kurz genug waren die Steigbügel geschnallt worden. Der Amerikaner schritt denn auch über den Esel hinweg, der wirklich unter ihm fortlaufen konnte, zog die Beine hoch, spannte den roten Sonnenschirm auf und war reisefertig.

»He, holla, go on, goddam!« rief er und setzte das Tier in Bewegung.

August folgte ihm auf seinem Esel, den Gürtel mit Waffen gespickt, auf dem Rücken die zwei Büchsen, an jeder Seite einen Sack mit Patronen, während der Amerikaner gar keine Waffe bei sich trug. Außerdem führte August noch ein vollgepacktes Maultier am Zügel.

So ging es fort in die Urwälder, Sümpfe und Berge, und zwar in schnellem Tempo, um die militärische Abteilung einzuholen, die heute morgen schon zeitig abgerückt war, und dann, um Indier zu schießen und sterben zu sehen.

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