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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 15
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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15. Mirja

An einem der westlichen Tore Delhis war in einem Häuschen eine Wachtstube improvisiert worden, in welcher die zur Torwache bestimmten Soldaten, die nicht auf Posten waren, sich durch Kartenspiel munter hielten.

Als das Spiel zu Ende war, gab ein nicht mehr junger Soldat, dem die Verschmitztheit aus den Augen sah, einige Kartenkunststückchen zum besten und erregte durch seine Fingergewandtheit das Erstaunen seiner Kameraden. Dann, dazu ausgefordert, unterhielt er sie auch durch Taschenspielertricks.

»Ich glaube, du bist früher Zauberkünstler gewesen, Ben,« sagte ein Soldat.

»Oder Taschendieb,« ergänzte ein anderer.

Der Zauberer nahm die letzte Bemerkung nicht übel, er lachte darüber. »Jedenfalls könnte ich es als Taschendieb zu etwas bringen, Anlage habe ich dazu, und das Handwerk des Taschendiebes hat einen besonders goldenen Boden. Ja, ich war allerdings einmal, es ist schon lange her, Mitglied bei einer Zaubergesellschaft in England.«

»Als Hexenmeister?«

»Nein, als Lampenputzer.«

»Und dazu sind solche gelenkige Finger nötig?«

»Zum Lampenputzen gerade nicht, aber abgesehen habe ich dabei manches Kunststück, wie es gemacht wurde, und mich, ich war damals noch ein Junge, darin geübt. Wenn man so ganz vorn bei dem Zauberer ist, da erscheint einem alles nicht mehr so wunderbar, man sieht, wie er etwas in seinen Ärmel rutschen läßt, und was er alles auf seinem Rücken hängen hat.

Aber einmal war einer da, dem konnte ich gar nichts absehen, und noch heute weiß ich nicht, wie er's eigentlich gemacht hat.«

»Wer war das?«

»Ihr kennt ihn alle. Er nannte sich Timur.«

Nun kam das Gespräch auf Timur Dhar, dessen Ruf sich auch schon unter den Soldaten verbreitet hatte. Man wußte, daß er Carters Kind geraubt hatte, daß er mit der Begum von Dschansi gemeinsame Sache machte, auch, wie sein Grab leer gefunden worden war, und so konnte jeder etwas anderes von ihm erzählen.

Ein Ruf der Wache ließ das Gespräch abbrechen. Es wurde ein Mädchen hereingeführt, welches vom Korporal kurz über das Woher und Wohin befragt werden mußte.

Es war Mirja.

Die Soldaten tauschten Bemerkungen über das schöne Mädchen aus, dessen Gesicht so merkwürdig wachsbleich aussah, und welches sich so furchtsam umblickte.

»Kokosnüsse? Jetzt schon?« ließ sich jemand vernehmen. »Da kaufe ich welche.«

»Sie sind nicht zu verkaufen, Herr,« entgegnete Mirja.

Es folgte ein Wortwechsel, welcher nur den Zweck hatte, das schöne Mädchen noch länger aufzuhalten. Die Soldaten wollten Kokosnüsse kaufen, Mirja verweigerte es unter allerhand Ausflüchten.

Der Mann, der sich vorhin als Taschenspieler gezeigt hatte, war hinter das Mädchen getreten und blinzelte seinen Kameraden mit pfiffigem Lächeln zu; infolgedessen hielten diese das Mädchen durch Fragen auf, denn sie ahnten, was der zu Streichen immer aufgelegte Ben vorhatte.

Er klappte leise sein Taschenmesser auf und begann vorsichtig, ohne daß Mirja das geringste davon merkte, einen Schnitt in den Boden des Sackes zu machen, den sie auf dem Rücken trug, eine Kokosnuß fiel in seine Hand, zwei andere legten sich vor den Schnitt, ihn so verstopfend.

Aber Ben machte ein förmlich bestürztes Gesicht im Gegensatz zu den anderen, welche lachten, als er die Nuß in seiner Hand wog.

»Donnerwetter, das ist aber eine schwere Kokosnuß.«

Mirja drehte sich um, erbleichte und konnte sogar einen Schreckensschrei nicht unterdrucken.

Der Koporal war hinzugetreten und prüfte die Nuß.

»Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Haltet das Mädchen einmal fest!«

Nach mehreren Versuchen gelang es, die Schale der Nuß in zwei Hälften zu zerlegen.

Man fand sie mit kostbaren Diamantringen gefüllt, welche zum Teil blutig waren.

Einen Augenblick standen die Soldaten bei dieser Entdeckung wie erstarrt da, dann wurde die Wachtstube in Aufregung versetzt.

»Eine Leichenschänderin!« erklang es von allen Seiten im Tone der höchsten Entrüstung, und Mirja schien es selbst einzugestehen, denn bleich und mit geschlossenen Augen lehnte sie an der Wand. Sie hatte den Inhalt der Kokosnuß ebenfalls gesehen und wußte, woher die Ringe stammten und auch, daß ihr Vater sie gestohlen hatte.

Es hätte nicht viel gefehlt, so richtete sich der leicht begreifliche Zorn der Soldaten gegen die schöne, vermeintliche Sünderin. Der Korporal mußte sie vor Faustschlägen schützen, sparte aber selbst auch keine Schmähungen, um seiner Entrüstung Ausdruck zu geben.

Der Offizier wurde gerufen, der Sack untersucht und noch eine Kokosnuß mit gleichem Inhalte gefunden. Infolge ihrer Schwere waren beide zu unterst gekommen, darum mußte Ben eine davon herausziehen. An einigen Ringen klebten sogar noch blutige Fleischteile.

»Canaille!«

Mit diesen Worten wandte sich auch noch der wegen seiner Schroffheit bekannte Offizier an die arme Sünderin.

Das also war der Empfang Mirjas bei ihrem Wiedereintritt in die schöne Welt, nach der sie sich so sehr gesehnt. Ach, warum war sie nicht in den unterirdischen Gängen geblieben! »Du hast den Leichen, wahrscheinlich auch Verwundeten die Finger abgeschnitten, Judendirne!« fuhr der Offizier sie an. »Hier der untrügliche Beweis, an diesen Ringen klebt blutige Haut! Du Scheusal, gemartert solltest du werden, ehe man dich aufhängt! Gib die Buben an, welche dir dabei geholfen haben!«

Groß schlug Mirja die Augen auf. Nein, sie war nicht mehr das duldende Judenmädchen.

Sie wußte jetzt, daß sie ein Herz besaß, das in Gefahr nicht zitterte, das lieben konnte, und sie wollte sich nicht länger Unrecht zufügen lassen, wenn sie sich verteidigen konnte. Was hatte sie denn verbrochen? »Ich wußte nicht, daß diese Kokosnüsse Ringe enthielten,« erwiderte sie fest.

»Ah, also auch noch leugnen? Hilft dir gar nichts.«

»Ich leugne nicht. Ich wußte nichts davon.«

»Gleichgültig, gefangen – gehangen! Hast du nicht selbst geplündert, so bist du Helferin von Leichenräubern, du solltest die Ringe nach der Stadt in ein Versteck schmuggeln. Wer ist deine Sippschaft? Gestehe!«

»Ich habe nichts zu gestehen.«

Da sie nicht auf frischer Tat ertappt worden war, mußte Mirja auch erst ihrer Mitschuld überführt werden.

»Von wem hast du diesen Sack mit Kokosnüssen erhalten?«

Mirja gedachte ihres Vaters.

»Von einem Manne.«

»Aha, gewiß ein Unbekannter.«

»Nein, ich kannte ihn.«

»Wer war es?«

»Das – sage ich nicht.«

»Du wirst es noch gestehen müssen, wenn dir dein Leben lieb ist. Solche Geschichten von dem großen Unbekannten kennen wir. Du wußtest auch nicht, daß jener Mann Leichen geplündert hatte?«

»Nein.«

»Natürlich!« höhnte der Offizier. »Und du wußtest auch nicht, daß die Kokosnüsse Ringe enthielten?«

»Beim heiligen Gott schwöre ich, daß ich es nicht wußte.«

»Dein Schwören nützt gar nichts. Ihr Gesindel schwört für eine Kleinigkeit jeden Meineid.

Du glaubtest also, verstehe ich recht, dieser Sack enthielte nur einfache Kokosnüsse?«

Er sah, wie Mirja plötzlich zusammenzuckte, errötete und verlegen wurde, und jetzt wußte er bestimmt, daß wenigstens eine Mitschuldige vor ihm stand.

»Canaille,« brauste er auf, die Hand zum Schlage erhoben, »willst du nun die Wahrheit gestehen?« Als Mirja nicht antwortete, glaubte er jenes Mittel gebrauchen zu müssen, mit dem man indische Diener zum Sprechen bringt – er schlug das Mädchen ins Gesicht.

Geduldig nahm sie den Schlag hin, nur Tränen füllten ihre Augen.

»Warum schlagen Sie das Mädchen?«

Der Offizier fuhr herum und stand Lord Canning gegenüber.

»Mirja!« rief dieser, wie freudig überrascht, sie erst jetzt erkennend.

Wie Sonnenschein leuchteten des Mädchens Augen plötzlich auf, doch dann nahmen sie wieder den traurigen Ausdruck an. Auch dieser Mann mußte ja nun an ihre Schuld glauben und sie verachten.

Man meldete Canning den Vorfall; er prüfte die vorgefundenen Ringe, und Mirja sah, wie er schauderte und ihr einen drohenden Blick zuwarf.

»Hat sie gestanden?«

»Nein, Exzellenz.«

»Und Sie wollten ihr das Geständnis durch Schläge abzwingen?«

Der Offizier schwieg verblüfft. Das hatte er nicht erwartet.

»Was gibt sie an?«

Es wurde ihm erzählt.

»Das klingt gar nicht so unwahrscheinlich. Leicht möglich, daß ein Mann, ein Leichenräuber, das unerfahrene Mädchen benutzen wollte, seine Beute in die Stadt zu schmuggeln.«

»Aber sie zuckte zusammen, als ich sie fragte, ob sie wußte, daß der Sack etwas anderes als nur Kokosnüsse enthielte.«

»Natürlich muß sie zusammenzucken, wenn Sie sie schlagen. Wenn sich ihre Unschuld herausstellen sollte, dürfte Ihnen Ihre Voreiligkeit teuer zu stehen kommen, Herr Leutnant.

Haben Sie denn schon gefragt, wohin sie den Sack bringen sollte?«

»Nein,« gestand der Offizier, welcher immer unruhiger wurde.

»Das war die Hauptfrage.«

»Sie kennt auch den Mann, der ihr ihn übergeben hat, aber sie will nicht sagen, wer es ist.«

»Ah, das ist etwas anderes!«

Er wendete sich an Mirja, die ihn mit traurigen Blicken ansah.

Ob er wohl weiß, ein wie großes Opfer ich ihm bringen wollte, um meine Schuld wieder gutzumachen? dachte sie.

»Du hast den Mann gekannt, der dir den Sack gab?«

»Ja,« antwortete sie niedergeschlagen.

»Und willst seinen Namen nicht nennen?«

Statt aller Antwort schlug sie die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.

Canning nahm den Offizier beiseite, fragte ihn, ob eine Reiterin auf einem Falben dieses Tor passiert hätte, und als es verneint wurde, sprach er längere Zeit mit ihm über Mirja.

Dann entfernte er sich.

Die Jüdin hielt sich für verloren. Anfangs glaubte sie, Canning nähme für sie Partei, es schien fast, als ob er mit dem Offizier unzufrieden sei, besonders, weil er sie geschlagen hatte; der Ruf von Cannings Gerechtigkeitsliebe und Unparteilichkeit war auch bis in ihr Ohr gedrungen.

Nein, er ließ der Gerechtigkeit freien Lauf, er gab sie auf, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Sie starb den Tod am – Galgen.

Selbst wenn sie ihren Vater verraten hätte, würde es ihr nichts genützt haben, und eben deswegen schwieg sie.

Sie wurde von zwei bewaffneten Soldaten in die Mitte genommen und vom Offizier selbst nach einer Kammer des Hauses gebracht, wo sie eingeschlossen wurde.

Sie war so in traurige Gedanken versunken, daß sie nicht Obacht gab, ob sich das Benehmen des Offiziers verändert hatte oder nicht. Er war allerdings nicht freundlicher geworden, aber erlaubte sich auch keinen Mißbrauch seiner Gewalt mehr. Stumm und finster tat er seine Pflicht.

Mirja saß in der nur vom Vollmonde erleuchteten Kammer, die außer Stuhl und Bett nichts enthielt, und hing ihren Gedanken nach.

Warum war sie nicht in den unterirdischen Gängen bei Phangil geblieben? Dort war sie wenigstens keinen Mißhandlungen ausgesetzt.

Ja, warum nicht? Warum flattert der Schmetterling gegen das Licht, prallt zurück, weil es heiß ist, und warum fliegt er doch endlich in die Flamme und sinkt verbrannt zu Boden? Auch Mirja dachte an einen solchen Schmetterling, und dadurch gerieten ihre Gedanken auf Kulwa.

Als er starb, ließ er sich vom Schmetterling erzählen, der aus der häßlichen Raupe kriecht, und leicht schwang sich dann seine unsterbliche Seele zum Äther empor.

Hatte sie nicht ihre Schuld gutzumachen gesucht, sie sogar gesühnt? Hatte sie nicht ihr Leben, nein, mehr als ihr Leben darangesetzt, dem sein Liebstes wiederzugeben, den sie – – Liebte sie ihn wirklich? Ach, und wie sehr! Es war keine eifersüchtige Liebe, keine begehrende; sie sah zu ihm wie zu einem Gott empor und hätte gern der gedient, welche er liebte.

Aber hätte sie dies auf die Dauer ertragen? Nein, sie glaubte es nicht.

Und warum mußte denn gerade sie so unglücklich sein, warum mußte sie so verachtet werden, und auch noch von dem, an dessen Achtung ihr gelegen war? »Ich bin eine Judendirne,« murmelte sie tonlos, »mein Vater plündert Leichen und verkauft Mädchen, und ich, seine Tochter, muß ihm dabei geholfen haben. Wie gut hat es Kulwa! Sein Schicksal war dem meinen gleich, jetzt hat er das bessere Los erwählt. Ach, wäre ich doch dort, wo er ist!«

Konnte sie denn dieses Ziel, welches jedem Menschen gesteckt ist, nicht schon früher erreichen? Was hinderte sie daran? Dort in der Wand, hoch oben, beleuchtete der Mondschein einen starken Nagel. Wenn sie sich auf einen Stuhl stellte, konnte sie ihn erreichen.

Ob sie jetzt starb oder einige Stunden später, was lag daran? Besser von eigener Hand sterben, als von der des Henkers.

Sie nahm das Tuch, welches sie nach indischer Sitte turbanartig um den Kopf gewunden hatte, und drehte es zu einem Stricke zusammen. Dann rückte sie den Stuhl unter den Nagel und befestigte an diesem die Schlinge, überzeugte sich auch, daß sie ihr Gewicht ertragen würde.

Mirja dachte nicht daran, vor ihrem Scheiden aus dieser Welt ihre Unschuld zu beteuern.

Sie hätte ja einen Nagel aus der Wand reißen und mit diesem in den Kalk kritzeln können, daß sie unschuldig in den Tod gehe. Doch was hatte dies für einen Zweck? Sie wollte nur diese jämmerliche Welt verlassen, gleichgültig, was man später von ihr dächte. Und dann war auch noch sehr die Frage, ob man ihr glauben würde.

Jetzt stand sie auf dem Stuhle, zum Sterben bereit. Ein Sprung noch, und mit gebrochenem Genick hing sie entseelt da.

Noch einen Augenblick nur, noch einen Gedanken für den, an dem ihr Herz auf dieser Erde gehangen hatte.

»Lebe wohl, vielleicht sehen wir uns in einem Lande wieder, wo auch die Judendirne nicht verachtet wird!«

Sie hob sich zum Sprunge auf die Fußspitzen empor. Es wurde ihr plötzlich so selig zumute – »Mirja, um Gottes willen!« Die Tür war aufgegangen, mit einem einzigen Satze stand ein Mann vor ihr, umklammerte sie mit dem Arme; die andere Hand erfaßte das Tuch und riß daran, daß der Haken aus der Wand sprang.

»Mirja, bist du denn wirklich schuldig, daß du freiwillig in den Tod gehst?« fragte Lord Canning mit vor Erregung bebender Stimme und hob das Mädchen wie ein Kind herab.

Mirjas Sinne begannen sich plötzlich zu umnachten; es flimmerte ihr vor den Augen, sie schloß dieselben und legte den Kopf an die Brust des Mannes.

Als sie wieder erwachte, saß oder lag sie vielmehr noch immer auf seinem Schoße. Hastig sprang sie auf und floh in die äußerste Ecke der Kammer, ihre Glieder flogen wie im Fieber.

Canning trat vor sie hin; sie konnten sich beide im Mondschein deutlich sehen.

»Sage mir, Mirja,« bat er weich, »warum wolltest du diesen Schritt tun? Bist du wirklich schuldig?«

Statt aller Antwort brach sie in Tränen aus und verhüllte das Gesicht in den Händen. Mit sanfter Gewalt entfernte er dieselben und blickte ihr ernst und. doch mild ins Auge.

»Willst du mir nicht antworten? Es ist eigentlich eine törichte Frage, denn nimmermehr kann ich glauben, daß du, die ein so edles Herz bewiesen hat, einer so schändlichen Handlung fähig wärst, einer Handlung, die noch den gemeinsten Raubmord übertrifft. Höre mich an, Mirja, wir wollen uns aussprechen.«

Er begann in der Kammer mit auf dem Rücken verschlungenen Händen auf und ab zu gehen. Seine kräftige Gestalt war etwas gebückt, seine Augen lagen tief, er sah leidend aus, wie ein Mensch, der seit langer Zeit des Schlafes entbehrt hat.

»Ich kann mir denken,« hob er dann an, »daß dich schon meine Frage, ob du schuldig bist oder nicht, kränkt. Ist es nicht so? Sei offen gegen mich.«

»Ja,« hauchte sie.

»Deine Unschuld ist schon erwiesen, wir haben den alten Sedrack gefangen.«

»Ich dachte es mir,« sagte sie tonlos.

»Er ist dein Vater.«

»Nein, er ist es nicht!« rief sie fast heftig.

»Ich verstehe dich. Du willst ihn nicht mehr Vater nennen, und du tust recht daran. Ich hoffte schon, er würde gestehen, daß du nicht seine Tochter wärest, aber er blieb bei seiner Behauptung. Du glaubtest, einige der Kokosnüsse enthielten Geld.«

»So sagte er.«

»Kam dir dies nicht schon auffällig vor?«

Mirja erzählte, was der Vater ihr angegeben hatte. Canning unterdrückte seinen Unwillen, glaubte ihr aber vollkommen. Auch die Beschreibung des Versteckes vernahm er und ließ sie sich wiederholen, was Mirja auch tat. Er wollte nachforschen lassen.

»Sprechen wir nicht mehr über diese Sache! Deine Unschuld gilt bei mir für erwiesen, und ich werde Sorge dafür tragen, daß man dir nichts anhaben kann.«

»Und Sedrack?«

»Kümmere dich nicht mehr um ihn, reiße jedes Gefühl für ihn, jeden Gedanken an ihn aus deinem Herzen! Mirja,« er trat vor sie hin, ergriff ihre beiden Hände und drückte sie, »Mirja, du hast viel für mich getan, ich danke dir.«

»Nichts, gar nichts habe ich getan, und was ich tun wollte, geschah nur, um mein Unrecht wieder gutzumachen.«

»Ich wüßte nicht, was für Unrecht du mir zugefügt hättest.«

Mit stockender Stimme, ohne ihn anzuschauen, erzählte sie, wie sie es gewesen, die Franziska in die Hände der Rebellen geliefert hatte.

Für Canning war dies nichts Neues, denn Mirja hatte dasselbe schon Reihenfels mitgeteilt, als er sie zum ersten Male in den unterirdischen Gängen traf, und von diesem hatte Canning es gestern erfahren.

Er legte seine Hand auf ihren Kopf, wobei ihm entging, wie sie zusammenzuckte. »Dies alles weiß ich schon,« sagte er sanft, »und auch, weshalb du es tatest. Es war ein Irrtum. Du hieltest Lord Westerly für den Generalgouverneur, Franziska für seine Braut, und ich schwacher Mensch fühle mich nicht berufen, Richter über die geheimsten Gefühle eines Mädchenherzens zu sein. Mirja, ich verzeihe dir vollkommen, hast du doch deine durch Irrtum entstandene Schuld wieder gutzumachen gesucht, hast du sie doch bitter gesühnt. Ich werde dir nie, nie vergessen, daß du, um meine Geliebte zu retten, entschlossen warst, dein Leben unter der Erde zu beenden und dich sogar an eine Mißgeburt zu binden. Kulwa ist tot?«

»Er starb für mich eines schönen Todes. Ich beneide ihn darum.«

»Das sollst du nicht. Mirja, willst du dich aller traurigen Gedanken entschlagen und ein neues, schönes Leben beginnen?«

»Ach, wie wäre das möglich!« seufzte sie.

»Nichts leichter als das. Franziska ist in Bombay in Sicherheit ...«

»Wirklich?« unterbrach sie ihn freudig.

»Ja, jedoch nicht durch die Bemühungen deines – Sedracks. Er hatte vielmehr ihr Verderben beschlossen, um sich zu bereichern. Franziska wird nun nach England gehen und dort bleiben, bis ich ihr nachfolge. Ist dieser leidige Krieg beendet, so eile auch ich nach der Heimat, verbinde mich mit Franziska fürs Leben, und befiehlt meine Königin, daß mein Aufenthaltsort wieder Indien sei, so wird sie mir auch hierher folgen. Mirja, willst du bei meiner Braut bleiben, wenn sie allein ist, willst du ihr eine treue, liebende Gesellschafterin sein?«

Die Jüdin antwortete nicht. Erst hatten ihre Augen vor Freude aufgeleuchtet, doch schnell brach die alte Schwermut wieder hervor. Ihre Lippen bewegten sich zwar, aber kein Laut ward hörbar.

»Willst du nicht? Glaubst du nicht, daß ich es gut mit dir meine?«

»Ich bin eine Jüdin,« murmelte sie endlich.

»Komme mir nicht mit einer solchen Entschuldigung. Nicht die Religion, das Herz macht den Menschen aus, und das deine habe ich als edel kennen gelernt. Nicht Franziskas Gesellschafterin, nein, ihre Schwester sollst du sein, und auch ich will dich wie eine Schwester behandeln. Ziehe nicht deine Hände aus den meinen, ich habe es gut mit dir vor.

Ich will dir eine neue Heimat geben; du sollst erfahren, wie schön das Leben ist, wenn man sich unter guten Menschen befindet. Wir wollen eine Familie bilden; du sollst keine ausgestoßene Jüdin mehr sein; was dir noch fehlt, das sollst du lernen, und vor allen Dingen sollst du unsere Liebe empfinden. Ich will dir ...«

Da riß sich Mirja plötzlich heftig los, stürzte vor dem Stuhl hin, verhüllte ihr Gesicht und begann heftig zu weinen. Ein innerer Kampf erschütterte ihren zarten Körper.

»Ich kann nicht, ich kann nicht!« schluchzte sie herzzerreißend. »Verlaß – laß mich allein! O, warum mußtest du kommen! Jetzt wäre ich schon tot!«

»Aber Mirja ...«

»Verlaß mich, verlaß mich! O, ich Unglückliche, ich kann nicht deine Schwester sein!«

Da mit einem Male ging Canning eine Ahnung auf. Erschrocken trat er einen Schritt zurück.

War es möglich, sollte Mirja Liebe zu ihm gefaßt haben? Es war nicht anders möglich. Dann freilich ...

»Mirja!«

»Verlaß mich,« flehte sie immer wieder, »ich bin unglücklich. Wäre ich doch nie geboren!«

Er zog sie mit Gewalt empor und hielt sie aufrecht. Sie blickte ihn nicht an und zitterte in seinem Arme.

»Gut, ich gehe, wenn du es verlangst. Nur versprich mir das eine, nie wieder selbst Hand an dein Leben zu legen. Weißt du, daß ich mir dann ewig Schuld beimessen würde?«

Er hörte nicht eher mit Bitten auf, als bis sie ihm das versprochen hatte. Dann ging er. Mirja warf sich wieder auf die Erde nieder und begann von neuem zu weinen. Sie bemerkte nicht, wie der Offizier eintrat, entsprach aber gleich seiner Aufforderung, sich zu erheben und ihm zu folgen.

Unten stand eine von Kulis getragene Sänfte, welche sie besteigen mußte. Einige Soldaten wurden ihr beigegeben, die sie begleiteten.

In dumpfem Brüten saß Mirja in den Kissen. Es war ihr ganz gleichgültig, wohin sie gebracht wurde. Sie wunderte sich auch nicht, als sie, zum Aussteigen aufgefordert, vor dem Gouvernements-Palast stand und hineingeführt wurde.

Man wies ihr ein Zimmer an; die bedienende Indierin benahm sich sehr ehrfürchtig gegen sie und sagte, bei irgendeinem Wunsche solle Mirja klingeln.

Wenn diese auch weniger anspruchslos gewesen wäre, hätte sie doch nichts zur Bequemlichkeit Gehöriges vermißt. Aber auch nicht die Neugier konnte sie aus dem teilnahmlosen Brüten reißen, in das sie, nach orientalischer Art, gesunken war.

Das ihr vorgesetzte Nachtessen rührte sie kaum an; sie hörte, wie man, als sie die Frage nach Wünschen verneint hatte, die Türen verschloß, dann streckte sie sich angekleidet auf dem Ruhebett aus und war bald in einen tiefen Schlaf gefallen.

Am nächsten Tage wurde sie aufmerksam bedient; doch niemand kam, der ihr eine Erklärung für diese Gefangenschaft brachte, und Mirja fragte auch nicht darnach. Wieder saß sie den ganzen Tag in stillem Brüten da; nur ihre Gedanken arbeiteten dabei unaufhörlich.

War es Zufall oder nicht, daß dabei ihre Augen unausgesetzt auf den Rücken eines Buches gerichtet waren, das mit anderen in einer Reihe auf dem Regal stand? Die goldenen Lettern des Rückentitels bannten sie, es war die Bibel, welche im englischen Leben eine viel größere Rolle spielt als bei uns.

Man mag ein Zimmer in England und in englischen Kolonien betreten, welches man will, im Familienhaus, Geschäft oder Amt, immer leuchten einem die goldenen Buchstaben von einem Sims herab entgegen.

Mirja nahm schließlich das Buch, das aus der Feder ihrer Ahnen stammte, dessen ersten Teil sie aber nur anerkennen. Diesen kannte sie, viele Seiten davon sogar auswendig, aber das neue Testament war ihr noch nie in die Hände gekommen. Ihr Vater, der nach seiner Weise auch fromm war, hatte davon gesprochen, als enthielte es Gift.

»Mein Vater – und er; es ist sein Glaube drin!« murmelte sie, legte sich auf den Diwan, schlug den zweiten Teil des Buches auf und begann zu lesen.

Stunde um Stunde verrann, und Mirja las noch immer; einige Seiten las sie sogar wiederholt; ihr Finger glitt über die Zeilen, und ihre Wangen röteten sich nach und nach vor Eifer.

Es war schon gegen Abend, die Sonne begann zu sinken, als wieder der Schlüssel draußen umgedreht wurde.

Als wäre sie auf einer unrechten Tat ertappt worden, so hastig sprang sie auf, schob das Buch in die Reihe und erwartete den Eintretenden, mitten in der Stube stehend.

Doch es war nicht, wie sie glaubte, die indische Dienerin, sondern Lord Canning selbst.

Sein Gesicht blickte düster und mitleidig zugleich.

Er reichte Mirja die Hand, und es entging ihm nicht, wie sie errötete.

»Verzeihe mir, daß ich dich so lange warten ließ. Meine Zeit ist beschränkt. Ich hoffe, du betrachtest diesen Aufenthalt hier nicht als eine Gefangenschaft.«

»Kommst du nun, mir mein Urteil zu verkünden?«

»Davon ist keine Rede. Eine Schuld auf deiner Seite kann nicht bewiesen werden, du bist frei. Ich selbst war dein Rechtsanwalt und hatte wenig Mühe mit deiner Verteidigung. Ich komme vielmehr, mit dir über deine Zukunft zu sprechen.«

»Meine Zukunft?« wiederholte Mirja schmerzlich. »Ich habe meinen Entschluß von gestern geändert,« fuhr Canning fort, sie scharf beobachtend, »denn ich habe eingesehen, daß die Stellung, die ich dir bieten wollte, dich doch nicht befriedigen würde, weil ...«

Verlegen brach er ab, er wußte nicht, was er sagen sollte. Zugleich bemerkte er, wie die Jüdin jäh erbleichte.

»Ich weiß,« flüsterte sie tonlos. »Es ist auch besser so.«

»Nein, beurteile mich nicht falsch, ich meine es noch ebenso gut wie vorher mit dir, und mein sehnlichster Wunsch ist es, dich glücklich zu sehen. Kann ich etwas für dich tun? Wünschest du irgendwo Ausnahme? Verstelle dich nicht, Mirja, ich sah, daß du vorhin in der Bibel last. Ich will dir nicht besonders zureden, aber ich frage dich, ob du vielleicht Neigung hast, als Schülerin in einer christlichen Mission untergebracht zu werden? Es steht dir dann ein schönes, dich befriedigendes Leben bevor.«

»Es wäre das Beste. Aber nein,« fuhr sie hastig fort, »nein, nicht das! Ich bitte dich um weiter nichts, als um die Freiheit.«

»Die hast du sowieso.«

»Dann lebe wohl!«

Sie streckte ihm schüchtern die Hand hin und wandte sich schon der Tür zu.

»Wie, so schnell, so kurz?«

Jetzt begegneten ihre Augen zum ersten Male den seinen, zugleich übergoß wieder eine Blutwelle ihr Antlitz. Canning wußte warum, und zugleich mußte er sich gestehen, daß Mirjas Gesicht wirklich klassisch schön war.

Nein, sie durfte nicht in seiner und Franziskas Nähe bleiben, besser für ihn und für sie.

»Laß mich jetzt gehen,« entgegnete sie. »Aber bevor ich scheide, will ich dir eins gestehen, ich muß es dir sagen. Ich weiß, daß du meine Gedanken kennst.«

»Hältst du mich wirklich der Kunst des Gedankenlesens fähig?« suchte er zu lächeln. »Du irrst, du traust mir zu viel zu.«

»Nein, du kennst meine Gedanken und das, was in mir vorgeht, versuche dich nicht zu verstellen. Aber sage, ist das etwas Schlimmes?«

Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte Canning das Mädchen, das ihn so traurig mit ihren unschuldigen Augen anblickte, an sein Herz gedrückt.

»Nein, meine arme Mirja, dabei ist nichts Böses!« rief er herzlich. »Ich bedaure dich und kann dir doch nicht helfen. Nicht einmal meine Freundschaft wage ich dir anzubieten, denn ich kenne dich ...«

»Nein, du kennst mich nicht.«

»Doch, doch, ich meine eure Nation in diesem Lande! Doch solltest du einmal einen Freund brauchen, so wende dich an mich.«

»Dann bitte ich noch um eins.«

»Verlange, was du willst.«

»Sprich nicht zu deiner – zu deiner Geliebten von dem, was du von mir erfahren hast, ohne daß ich es wollte.«

»Warum nicht? Franziska denkt zu edel, als daß sie ...«

»Ich bitte dich darum.«

»Gut, wie du willst!«

»Dann lebe wohl – und auf Wiedersehen!« Ehe er sie halten konnte, war sie zur Tür hinausgeschlüpft und kam auch nicht wieder.

Dieser schnelle Abschied war nach allem, was vorausgegangen, rätselhaft; bestürzt blickte Canning nach der offenen Tür, als erwarte er, Mirja würde noch einmal zurückkehren.

Und was sollte das bedeuten, daß sie »Auf Wiedersehen« sagte? Es hatte so bedeutungsvoll geklungen! Doch der Generalgouverneur hatte jetzt anderes zu tun, als über das seltsame Wesen und über die unglückliche Leidenschaft der armen Jüdin nachzudenken.

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