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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 13
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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13. Die entflohene Braut

Es war Abend geworden, ehe Lord Canning Zeit fand, Reihenfels die Unterredung zu gewähren. Dann saß er diesem in einem Zimmer des ersten Stocks im Gouvernements-Palast gegenüber und hörte ihm zu.

Reihenfels erzählte seine Erlebnisse und das, was Bega anbetraf. Obgleich er sich möglichst kurz faßte, vergingen doch Stunden darüber.

Wenn auch Canning manchmal wie ungläubig den Kopf schüttelte, so konnte er doch nicht an der Wahrheit des Berichtes zweifeln.

Endlich war Reihenfels zu Ende. »Also Sie sind nicht im geringsten im Zweifel darüber, daß Bega die geraubte Tochter Sir Carters ist?«

»Nicht im geringsten. Hat es mir doch jener Schurke Timur Dhar selbst gestanden.«

»Nun, so erfahren Sie denn vor allen Dingen, daß, wenn das wandernde Feuer und Sir Carter ein und dieselbe Person ist, er auch noch lebt.«

Jetzt erst hörte Reihenfels von dem Wiederauftauchen des wandernden Feuers.

»So lebt auch seine Gemahlin noch,« rief er dann und führte die wahrscheinlichen Gründe dafür an.

Im Anschluß daran erzählte Canning, was während seines Freundes Abwesenheit passiert war, und vergaß nicht hinzuzusetzen, daß er die Nachricht von Franziskas Rettung in Bombay erhalten habe.

Gern hörte Reihenfels diesen längeren Bericht an.

»Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter,« bat er dann flehend, »Sie sagten, Sie wüßten einen Rat, um Bega zu retten.«

»Ja, lassen Sie uns überlegen. Vor allen Dingen erfahren Sie, daß ich die strenge Order habe, mit allen Rebellen so kurzen Prozeß wie möglich zu machen. Ich habe sogar den Befehl, niemanden vom Tode zu begnadigen, nicht einmal die Vollstreckung der Exekution zu verschieben, mit Ausnahme bei Bahadur. Seine Begnadigung zu lebenslänglichem Gefängnis habe ich schon schriftlich von der Königin.«

»Und Bega?«

»Sie wird, wenn sie auch als sagenhafte Person hingestellt wird, sofort gehängt, wenn sie ergriffen wird. Das heißt, ich meine die Begum von Dschansi.«

»Aber sie ist nicht die Begum von Dschansi.«

»Sie haben wohl insofern recht, als in Wirklichkeit Bega – oder Eugenie – alle jene Taten nicht ausgeführt hat, welche ihr zugeschrieben werden. Doch was hilft's? Sie selbst hat sich die Begum von Dschansi genannt, alle, welche sie jemals gesehen haben, erkennen sie wieder, auch ich, und sämtliche indische Gefangene, die ihr einzeln vorgeführt wurden, sagten dasselbe aus. Nein, das Todesurteil ist für sie bereits ausgestellt.«

»Wir bringen Beweise, daß Bega eine ganz andere Person ist.«

»Zu spät! Das von ihr vergossene Blut fordert Sühne. Sie haben es doch heute gesehen.

Hat das schöne, so unschuldig blickende Mädchen besonderen Eindruck in der Versammlung gemacht? Einen zum Mitleid führenden jedenfalls nicht. Alles dürstet nach Rache; fast jeder hat einen Freund, den sie getötet, andere hat sie wie Kinder überwältigt, sie hat Spionage getrieben, und dieses hat sie – auch das müssen Sie zugeben – in eigener Person wirklich getan.«

»Es sind zwei ganz verschiedene Personen,« seufzte Reihenfels, »sie haben nichts Gemeinsames.«

»Wohl, aber beweisen Sie das! Wir leben in einem ungläubigen Jahrhundert. Wir haben zwar alle öfters die zwei gleichen Gestalten an verschiedenen Orten zugleich gesehen, aber niemand glaubte daran; jeder versuchte sich das als eine Sinnestäuschung auszureden –oder als Betrug einzureden. Jetzt haben wir eine von jenen Gestalten, die sich für die Begum von Dschansi ausgibt, und diese eine muß nun für beide leiden.«

»So muß die andere Gestalt herbeigeschafft werden.«

»Tun Sie das, aber bald, sonst ist das Leben unserer Bega doch verwirkt; das ist indes wahrscheinlich auch dann noch der Fall, wenn die andere gefangengenommen wird.

Bedenken Sie: Bega war stets auf Seite der Rebellen, hat alle ihre Kraft von vornherein, schon als sie auf dem Götterwagen fuhr, dem indischen Aufstand gewidmet; wir wurden im Fort Oliver in ihrem Namen aufgefordert, uns zu ergeben, und nun frage ich Sie, ob es auch nur möglich ist, ihre Hinrichtung hinauszuschieben, wo das ganze Heer nach ihrem schleunigsten Tode schreit. Die meisten Offiziere hassen sie, die Soldaten fürchten sie. Sie war das Haupt des Aufstandes ...« »Wahrhaftig, Sie haben recht, Mylord,« rief Reihenfels hastig, sprang auf und durchmaß einige Male das Zimmer, »es ist gar nicht möglich, ihre Hinrichtung auf längere Zeit hinauszuschieben. Wenn wir nur ihre Doppelgängerin hätten!«

»Ja, wenn uns die wenigstens nicht entgangen wäre! Ich zweifle ja nicht daran, daß Bega heute nicht auf den Wällen gestanden und General Nicholson getötet hat, aber es war ihre Erscheinung. Sie hat sich in ein gefährliches Spiel eingelassen.«

»Timur Dhar, dieser Schurke!« murmelte Reihenfels.

»Ein ganz gefährlicher Mensch, zugleich muß man ihn aber auch bewundern. Wissen Sie ganz genau, daß er seine linke Hand verloren hat?«

»Ich versichere Sie; mit eigenen Augen haben wir es gesehen.«

»Und eine Stunde später steht er wieder auf dem Wall und kämpft wie ein Löwe. Wir haben allerdings auch noch andere Beispiele, wo Männer ihre verlorene Hand durch eine eiserne ersetzt haben, aber doch nicht eine Stunde schon nach dem Verlust. Ein furchtbarer Mensch, dieser Timur Dhar!«

»Sie bewundern ihn auch noch.«

»Ich kann ihm meine Bewunderung nicht versagen. Schon sich das Aussehen eines Mädchens zu geben, die Rolle immer geschickt durchzuführen, will etwas heißen. Also jener Timur Dhar war es, welcher stets mit geschlossenem Visier erschien, während Bega selbst das Gesicht offen zeigte. Man sollte ein solches Spiel eigentlich kaum für möglich halten. Nun, es war ihr eigenes Verderben.«

»Mylord,« sagte Reihenfels bitter, »bestellten Sie mich darum hierher, um mir zu sagen, daß Begas Tod unabwendbar ist?«

»Allerdings! Ich mußte Sie aus dem Glauben reißen, daß Sie die Unschuld Ihrer Geliebten – verzeihen Sie, wenn ich so spreche – beweisen könnten.«

»Ja, ich liebe sie,« stöhnte Reihenfels schmerzlich auf.

»Und sehen Sie ein, daß Sie nichts tun können, sie vor dem Urteil zu retten?«

»Nein, ich kann es nicht! O, Mylord, Sie sind ein grausamer Tröster!«

»Ein grausamer Tröster ist nicht immer ein schlechter. Von dem Arzte halte ich nicht viel, der den Kranken vollständig über seine Krankheit im Dunkeln läßt. Er muß sie ihm vielmehr schildern und die Folgen ausmalen, wenn er die Vorschriften des Arztes nicht genau befolgt.«

Das klang ganz anders. Reihenfels Gesicht leuchtete hoffnungsfreudig auf.

»Also Sie glauben an eine Rettung?«

»Natürlich, zwecklos habe ich Sie nicht um eine Unterredung gebeten. Erst aber mußte ich Ihnen ein für allemal die Hoffnung aus dem Herzen reißen, daß Sie die Unschuld Begas beweisen können.«

»Ich glaube auch nicht mehr daran. O, sprechen Sie schnell!«

»Ich habe ein Mittel, Bega zu befreien.«

Lächelnd schaute Canning Reihenfels an, und dieser glaubte plötzlich zu wissen, was der Gouverneur wollte.

»Ich werde den nicht verlassen, dessen Schwester ich, so Gott will, freien werde,« fuhr Canning fort.

»Sie würden wirklich ...«

»Was? Wissen Sie, worauf ich hinziele? Das sollte mich wundern.«

»Ich glaube, allein kann sich Bega nicht retten.«

»Allerdings nicht.«

»Aber durch mich.«

»Wenn Sie willig sind.«

»Ich bin machtlos.«

»Ganz und gar nicht, soviel ich glaube.«

»Ohne Hilfe.«

»Zählen Sie auf die meine.« Reihenfels erfaßte des Freundes Hand.

»Wie? Mir zuliebe würden Sie ihr beistehen? Mylord, nach dem, wie wir Begas Person als Begum von Dschansi charakterisiert haben, setzen Sie sich einer großen Gefahr aus.«

»Nicht im geringsten.«

»Doch, doch! Man weiß, Sie sind mein Freund, lieben meine Schwester; und wenn Bega verschwunden ist, vielleicht auch ich, wird der Verdacht auf Sie fallen. Leicht könnten Sie sich den größten Unannehmlichkeiten aussetzen.«

Canning sah den Freund mit großen Augen an, dann zog er langsam die Hand zurück.

»Ah,« sagte er gedehnt, »jetzt verstehe ich Sie erst. Sie denken an eine Flucht Begas? Und ich soll Ihnen dabei meine Hand leihen?«

»Ich. verlangte es nicht, Sie deuteten es an.«

»Dann haben Sie mich allerdings falsch verstanden, ganz und gar. Ich, unter dessen Aufsicht die Gefangenen sich befinden, kann Ihnen nicht zur Flucht verhelfen.«

»Ich bemerke ausdrücklich, daß ich es nicht von Ihnen verlangt habe, Mylord,« entgegnete Reihenfels gereizt.

»Aber ich sehe mit Bedauern, lieber Freund, daß Sie noch immer nicht die Stellung Begas erfaßt haben.«

»So klären Sie mich darüber auf.«

»Sie sind noch immer der Meinung, Bega brauche nur freigelassen zu werden, dann wäre sie eben frei. Das ist aber nicht der Fall. Nach dem, was Sie mir über Timur Dhar und die letzten Begebenheiten erzählt haben, hat sich die Begum – wie man sagt – unmöglich gemacht.«

Bestürzt mußte Reihenfels zugeben, daß er sich wirklich getäuscht habe.

»Angenommen,« fuhr Canning fort, »ein Fluchtversuch gelänge wirklich, wohin wollte sie da? Sie dürfte sich nirgends sehen lassen, wie ein wildes Tier müßte sie sich versteckt halten.

Die Engländer würden ihr sicher keinen Schutz angedeihen lassen, sie vielmehr wie ein Wild jagen, und jetzt, da Timur Dhar mit ihr gebrochen hat, Ihretwegen, wird er Vorkehrungen treffen, daß sich auch die Indier Begas zu bemächtigen suchen. Nicht einmal in ein fremdes Land könnte sie flüchten; auch dort würde die Hand Englands sie erreichen, und wüßte sie wirklich ein Asyl, dann gilt es erst, dorthin zugelangen, ohne gefangen zu werden.«

»Sie haben abermals recht,« seufzte Reihenfels, Bega ist vogelfrei.«

»Und derjenige, welcher ihr beisteht, ebenfalls.«

»Die einzige Rettung wäre, man wüßte, daß Timur Dhar nicht mehr am Leben wäre! Der Keulenschlag des wandernden Feuers, der ihn zu Boden streckte ...«

»Vergebliche Hoffnung! Man hat seine Leiche nicht gefunden. Timur Dhar scheint nicht der Mann zu sein, der sich durch einen Keulenschlag töten läßt. Und daß er es wirklich war, ist mir jetzt klar geworden. General Nicholson hat dem Kämpfer das Visier abgerissen – das ist beobachtet worden – er hat ein anderes Gesicht gesehen als das der Begum von Dschansi.

Dies wollte er uns, des Sprechens nicht mehr fähig, schriftlich mitteilen, doch der Tod lähmte seine Hand. Also keine solche Hoffnung mehr.«

»Ich habe keine mehr!« murmelte Reihenfels dumpf.

»So will ich Ihnen wieder welche machen, und zwar eine viel schönere als Sie sich träumen lassen.«

Wieder blickte Reihenfels verwundert auf. Canning setzte sich gelassen an den Tisch, schrieb einige Zeilen auf einen Brief, kuvertierte ihn, klingelte und übergab der Ordonnanz das Schreiben zur sofortigen Bestellung an den Adressaten.

Dann wandte er sich um und schaute Reihenfels voll an, wobei ein Lächeln um seinen Mund zuckte.

»Sie lieben Bega?«

Diese Frage war angetan, Reihenfels in Erstaunen zu setzen.

»Das wissen Sie selbst.« »Haben Sie nie daran gedacht, Bega zuheiraten?«

»Mylord, Sie scherzen. Die Gelegenheit ist jetzt nicht dazu geeignet.«

»Ich spreche im Ernst zu Ihnen. Ich frage Sie: sind Sie gewillt, Bega – oder nennen wir sie jetzt Miß Carter – zu heiraten?«

Erstarrt blickte Reihenfels den Sprecher an. Er war geneigt, an dessen Vernunft zu zweifeln.

»Ich sehe, Sie verstehen mich nicht. Kennen Sie die Geschichte der Herzogin von Berry?«

»Der ältesten Tochter König Franz I.?«

»Derselben.«

»Ja, aber ...«

»Sie war eine unglückliche Frau. Sie machte Anspruch auf den Thron, die Bourbonen unterstützten sie. Ihre Pläne scheiterten, sie wurde verfolgt, verraten, sie floh in allerhand Verkleidungen, mußte sich sogar für einen gewöhnlichen Matrosen ausgeben, versteckte sich in einem Rauchfang, bis sie durch das Feuer herausgetrieben wurde, und schließlich wurde die Herzogin Berry, die Königstochter, lebenslänglich eingekerkert.«

»Sie irren,« unterbrach ihn Reihenfels, »sie wurde entlassen und blieb seitdem unbeachtet.«

»Ganz recht. Und wodurch geschah dies?«

»Weil – weil die Krinoline ihren Zustand verdeckte.«

»Nun, wir können offen sprechen. Weil sie im Kerker ganz unerwartet eines Kindes genas.«

»Sie gestand, mit dem neapolitanischen Marchese Lucchesi-Palli vermählt zu sein.«

»Sie sind gut unterrichtet. Mit dem Geständnis, verheiratet zu sein, hatte sie jeden Anspruch auf den Thron verloren, sie besaß keine politische Bedeutung mehr.«

Lange saß Reihenfels da und starrte den Lord sprachlos an.

»Jetzt werden Sie mich verstehen,« fuhr dieser dann fort. »Nach der uralten Prophezeiung soll eine Begum von Dschansi Königin von Indien werden, auf die jetzige bezieht jene sich.

Ihre Vermutungen, die Sie mir früher einmal mitteilten, waren ganz richtig: Sirbhanga Brahma ist dazu auserwählt, die Begum zu freien; alle Vorbereitungen waren schon getroffen, man arbeitete mit allen Kräften und Mitteln darauf hin. Nun können Sie nicht verlangen, daß ich die freigebe, die Königin von Indien werden soll, ich, der ich die Interessen Englands in diesem Lande vertrete. Flöhe sie wirklich, so würde man doch immer auf sie fahnden, sie wäre ihr ganzes Leben unglücklich, ja, es würden sich genug fanatische Patrioten finden, die auch ihr Leben nicht schonten. Die Königin von Indien ist eine Unmöglichkeit. Entweder muß sie sterben, oder sie wird lebenslänglich eingekerkert, oder – sie heiratet einen Mann, welcher einmal keine Ansprüche auf einen Fürstenthron machen kann.«

»Und Sie meinen?«

»Ja, wollen Sie sie heiraten?«

»Aber ...«

»Kein aber. Wollen Sie oder wollen Sie es nicht?«

»Und ob ich will! Und dann ist sie frei?«

»Vollkommen frei.«

»Wann?«

»Sofort!«

»Dann müßte ich sie erst geheiratet haben.«

»Nun ja, es geschieht jetzt sofort, diese Nacht noch.«

Reihenfels wußte nicht, wo ihm der Kopf stand.

»Sprechen Sie denn nur wirklich im Ernst?«

»Mit solchen Dingen treibt man keinen Scherz. Es fragt sich nur, ob Miß Eugenie Carter will.« »Aber gewiß,« rief Reihenfels mit solch einer Überzeugung, daß Canning herzlich lachen mußte.

»Dann steht ja der Trauung nichts im Wege.«

»Und nach dieser soll ich mit ihr fliehen?«

»Durchaus nicht. Sie reisen als Ehepaar; sie hat den Trauschein, lautend auf Eugenie Carter, sonst braucht eine englische Dame keine Papiere; Sie haben alle übrigen Ausweise, die Ihnen Schutz gewähren und den Weg nach jeder Hafenstadt öffnen. Das beste ist, Sie gehen nach einem fremden Erdteil, nach Australien oder Amerika und warten, bis über die Geschichte der Begum von Dschansi Gras gewachsen ist, schließlich aber könnten Sie sich auch in England aufhalten, sogar den Prozeß zum Beweise Ihrer Unschuld anhängig machen.

Als Ihre Gemahlin ist Bega vollkommen sicher. Nur zum bleibenden Aufenthalt in Indien rate ich Ihnen nicht. Ich gebe Ihnen genügende Bedeckung mit; die Rache der Eingeborenen sollen Sie nicht zu fürchten brauchen. Hier sind Ihre bereits ausgefertigten Papiere, Geleitsbriefe und Empfehlungen an andere Gouverneure. Brauchen Sie Geld? Verfügen Sie über mich.«

Er reichte ihm ein Paket Briefe. »Und der Trauschein?« fragte Reihenfels, der noch immer zu träumen glaubte.

»Ja, Sie müssen doch erst getraut werden,« lachte Canning heiter.

»Wann?«

»Jetzt sofort!«

»Dazu braucht man – braucht man ...«

»Einen Priester. Gewiß, wir haben solche genug im Lager. Während Sie glaubten, ich dächte nicht mehr an Sie, habe ich schon alles geordnet. Jeden Augenblick erwarte ich einen Missionar, der aus der Begum von Dschansi eine Missis Reihenfels macht.«

»Darf er denn das?«

»Sie sind ganz verwirrt,« lachte Canning, »Sie müssen doch wissen, daß dies jeder von der englischen Regierung im Ausland angestellte Missionar tun darf.«

»Und Trauzeugen? Wer wird sich dazu hergeben?«

»Ist auch schon alles bestellt. Sie kennen meine treue Freundin, Miß Susan Atkins, die Schwester des Kolonel Atkins. Sie war von ganzem Herzen und sofort dazu bereit, für Sie zu zeugen.«

»Und der andere Trauzeuge?«

»Bin ich selbst.«

Wie ein Trunkener taumelte Reihenfels im Zimmer umher. Das unerwartete Glück hatte dem sonst so kaltblütigen Manne die Fassung geraubt.

Dann aber warf er sich dem Lord an die Brust und schluchzte.

»Wie soll ich Ihnen danken?«

»Gar nicht. Ich tue nur, was ich für gut finde, und doppelt gern tue ich es für meinen Schwager.«

»Setzen Sie sich aber nicht selbst Gefahren aus?«

»Durchaus nicht!«

»Wann sollen wir Delhi verlassen?«

»Noch vor Tagesanbruch.«

»Und wenn dann die Begum vermißt wird?«

»Beruhigen Sie sich darüber. Ich werde die Herren zusammenrufen und klar und deutlich ihnen wenigstens das auseinandersetzen, was sie wissen müssen, um den getanen Schritt zu begreifen. Der Königin werde ich einen ausführlichen Bericht schicken. Sie ist edel und wird meinen Schritt billigen; wenn nicht, kann sie Ihnen doch nichts anhaben. Die Begum von Dschansi existiert nicht mehr. Nur bitte ich Sie, rühren Sie die alten Geschichten nicht wieder auf; es ist genug, daß wir von Eugenies Unschuld überzeugt sind.«

»Ach, mir eröffnet sich ein Himmel von Glück! Wo befindet sie sich?« »Im zweiten Stock, gerade über uns. Sie ist zwar gefangen, aber sie vermißt nur die Freiheit.«

»Wie? Sie ist mir so nahe? Lassen Sie mich zu ihr eilen!«

»Noch einen Augenblick Geduld, dann begeben wir uns alle zu ihr und verkünden ihr die Freiheit.«

»In meinem Glücke hätte ich bald vergessen,« begann Reihenfels nach einiger Pause wieder, »an andere Personen zu denken. Sir Carter ist wieder aufgetaucht.«

»Hoffentlich finden wir ihn und Lady Carter noch, dann sind die Glücklichen alle beisammen.«

»Es sind die Eltern Eugenies.«

»Denken Sie nicht daran, sie zu suchen; überlassen Sie dies mir. Verschwinden Sie nur möglichst schnell aus Indien; denn ich fürchte Timur Dhars List, ich habe allen Respekt vor dem Manne bekommen. Unser Stab schlägt seinen Sitz in Delhi auf, so kann ich die intensivsten Nachforschungen anstellen, und dann lassen Sie Eugenie in dem Glauben, ihre Eltern wären tot, bis ich eine freudige Nachricht übersende.«

Reihenfels war beruhigt.

»Und Mirja? Ich gedenke des Mädchens mit Rührung.«

»Und ich erst! Die edle Jüdin hat meinetwegen so großes Elend auf sich genommen. Es soll mein heiligstes Bestreben sein, ihr das fernere Leben schön zu machen.«

»Auch an Eugen muß ich Sie noch erinnern.«

»Es ist nicht nötig: seine Sache steht überdies nicht so schlimm, wie einige annehmen, und wie ich mich selbst stellte. Leutnant Carter oder Sirbhanga ist im Grunde genommen kein Rebell, nicht einmal ein Eidbrüchiger. England braucht auch indische Fürsten, die treu an ihm hängen, und einen solchen wird Sirbhanga abgeben.«

Es wurde geklopft, ein Herr und eine Dame traten ein. Letztere kannte Reihenfels schon, es war die bereits erwähnte Susan Atkins, welche früher als die Braut Lord Cannings gegolten; aber nur den heimlichen Liebesverkehr zwischen Canning und Franziska vermittelt hatte.

Ernst streckte sie ihm die Hand entgegen; er fühlte ihren innigen, herzlichen Druck. Eine Auseinandersetzung war nicht nötig, sie war bereits in alles eingeweiht.

Der Herr wurde als Doktor Morrison, Missionar und Dolmetscher in Diensten der englischen Regierung, vorgestellt.

Es war ein noch junger Mann mit intelligentem, bartlosem Gesicht, dessen Züge zugleich etwas wie einen immerwährenden, gutmütigen Spott ausdrückten. Sein Tropenanzug war von einer gewissen Eleganz, überhaupt lag etwas Kavaliermäßiges in ihm, wie man es bei englischen Pastoren ungemein häufig findet, weil ihre Erziehung eine ganz eigentümliche ist.

Die Sicherheit und Gewandtheit der Bewegungen des kräftigen, schlanken Körpers, die tiefe, sonore Stimme, und das ganze übrige Aussehen mußten jeden Menschen sofort für den Geistlichen einnehmen.

»Die Hochzeit kann vor sich gehen,« sagte Canning. »Mister Reihenfels, getrauen Sie sich, noch vor Tagesanbruch die Hochzeitsreise anzutreten?«

»Noch in dieser Stunde, wenn es nötig ist!«

»Desto besser! Für Ausrüstung, Kleider und Wäsche habe ich gesorgt, wenigstens für Sie.

Miß Atkins tat dasselbe für Eugenie. So kommen Sie!«

Sie sollten noch einmal gehindert werden, das Zimmer zu verlassen. Auf dem Platze vor dem Palaste wurde noch immer gehämmert, die Zimmerer setzten bei Fackellicht ihre unheimliche Arbeit, das Bauen von Galgen, fort.

Jetzt erscholl draußen Pferdegetrappel und Wiehern: die in Delhi erbeuteten Pferde wurden vorbeigeführt. Einen Augenblick blieben die vier Personen noch am Fenster stehen.

»Kantakana!« erklang da direkt über ihnen ein langgezogener Ruf, dann ein schriller Pfiff.

»Das war Begas Stimme,« rief Reihenfels sofort, »sie hat ihr Pferd gesehen.« »Ja, sie wohnt hier über uns,« ergänzte Canning.

Plötzlich wurde ein Pferd der Herde, ein Falbe vom herrlichsten Gliederbau, wild; es bäumte sich und schlug aus, warf seinen Führer zu Boden, war im Nu frei und galoppierte nach der Richtung des Fensters zu.

In demselben Augenblicke sauste an dem Kopfe von Reihenfels, welcher sich aus dem Fenster beugte, ein dunkler Gegenstand vorbei, so dicht, daß er fast sein Haar berührte, schlug unten mit einem dumpfen Krach auf und blieb bewegungslos liegen. Mit weit vorgestrecktem Halse beschnoberte ihn das Pferd. Es war eine menschliche Gestalt.

»Um Gott,« schrie da Canning auf, »es ist Bega! Sie hat sich aus dem Fenster gestürzt.«

Noch lehnte sich Reihenfels sprachlos vor Schrecken, das Entsetzliche noch nicht glauben könnend, hinaus, als die Gestalt plötzlich wie eine Feder in die Höhe schnellte, mit einem Satze auf dem Rücken des Pferdes saß und dieses schon wie ein Pfeil davonschoß.

»Nicht schießen, fangt sie lebendig!« schrie Canning außer sich.

Er wurde nicht gehört, die Posten hatten die Flucht der Gefangenen bemerkt, überall krachten Schüsse nach ihr.

Doch schon war Kantakana mit seiner Bürde wie ein Wirbelwind davongestoben; die Begum von Dschansi war in Freiheit.

Endlich war dem fremden Mädchen eine Heimat geboten worden, nur wenige Minuten noch, dann durfte sie an der Seite ihres geliebten Mannes durch das Leben schreiten, da mußte sie durch ihre Flucht der Heimat wieder verlustig gehen.

Jetzt war sie eine Vogelfreie, Engländer wie Indier machten auf sie Jagd.

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