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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 12
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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12. Auge in Auge

Die Engländer, welche sich den die Flüchtlinge verfolgenden Dschansinesen anschlossen, brauchten diesen nicht erst zu sagen, daß kein Rebell mehr zu schonen war, mit Ausnahme der Weiber und Kinder.

Sirbhanga hatte seinen Stammesgenossen mitgeteilt, wie sein Vater, der vom Volke geliebte Fürst, von Nana Sahib mit Wissen Bahadurs, Timur Dhars und der anderen Radschas meuchlings ermordet worden war, und sie brannten nun darauf, seinen Tod zu rächen.

Die Eingeholten wurden niedergehauen, ebenso diejenigen, welche mit erhobenen Armen auf den Knien um Erbarmen flehten. Die Wütenden konnten sogar kaum verhindert werden, ihre Wut auch an den geflohenen Weibern und Kindern auszulassen.

Von letzteren waren viele so töricht gewesen, ebenfalls Delhi zu verlassen und sich den flüchtigen Kriegern anzuschließen. Sie blieben bald zurück, und viele endeten unter den Schwertern und nachgesandten Kugeln.

Die ganze Ebene am Ufer der Dschamna war ein buntes Gewirr von Reitern und Fußgängern; alles drängte rücksichtslos vorwärts.

Manchmal fand noch da ein kurzer Kampf statt, wo sich ein Trupp Indier gesammelt, besonders, wenn sie sich um einen Führer geschart hatten, der sie zum Widerstand anfeuerte, und den sie nicht verlassen wollten.

Auch heroische Beispiele kamen vor, wo Getreue nicht von der Seite ihres toten Herrn wichen und bis zum letzten Atemzuge an seiner Leiche kämpften.

Fast allen voran, nur einen kleinen Trupp Dschansinesen hinter sich, war Sirbhanga. Er kümmerte sich weniger um die zurückbleibenden Flüchtlinge, an denen er vorüberjagte, sein Auge spähte nur nach Nana Sahib oder nach sonst einem der Rebellenführer. Da sah er in der Ferne einen Reiter stürzen. Es mußte ein hoher Führer sein, vielleicht ein Fürst; denn im Nu sammelte sich alles um ihn und setzte mit ihm die Flucht fort.

Sirbhanga stieß seinem Rosse die Sporen in die Weichen und jagte vorwärts, Dschansinesen und englische Kavalleristen ihm nach. Vielleicht gab es dort einen Fang zu machen.

Als der Trupp sah, daß er den Reitern nicht mehr entkommen konnte, hielt er, und immer mehr Flüchtlinge gesellten sich ihm bei, die Verfolger erwartend.

Es entwickelte sich eine kleine Schlacht. Die Indier fochten mit der größten Verzweiflung; sie schienen ihren Führer decken zu wollen.

»Bahadur!« jauchzte da Sirbhanga auf und sprengte mitten ins Gewühl.

Rechtzeitig sprang er noch vom Pferde, ehe es sterbend niederstürzte, und setzte den Kampf zu Fuß fort.

Er hatte den Großmogul erkannt; zu ihm wollte er, ihn wollte er töten oder gefangennehmen.

Wie ein Raubvogel stieß er auf ihn zu; immer mehr lichteten sich die Reihen der Rebellen; schließlich griff der greise Großmogul selbst zum Schwerte und focht wie ein verwundeter Löwe um seine Freiheit.

Dann hatte Sirbhanga ihn erreicht; Auge in Auge standen sie sich gegenüber.

Ein Wutschrei entfuhr Bahadur, als er Radscha Sirbhanga erkannte; mit furchtbarem Ungestüm drang er auf den Jüngling ein, und dieser hätte dem gestählten Arm des alten Kriegers nicht widerstanden, wenn ihm nicht Hilfe erschienen wäre.

Ein breiter Pallasch mähte Köpfe ab, hieb und stach und brach sich Bahn bis zu Bahadur durch.

Es war Kapitän Atkins, jetzt Kolonel.

»Ergib dich, Bahadur!« rief er, auf diesen eindringend.

Statt aller Antwort stieß derselbe einen Fluch aus und wandte sich, im Fechten Meister, gegen den neuen Gegner. Wie ein Eber hieb er um sich.

Da ersah Sirbhanga eine günstige Gelegenheit. Schnell ließ er den Degen fallen, sprang von der Seite hinzu und umklammerte Bahadur mit sehnigen Armen, ihn am Gebrauche des Schwertes hindernd.

Schon waren die letzten Rebellen niedergemacht, der mit den Zähnen knirschende Bahadur sah sich überwältigt.

»Ergib dich, Widerstand ist nutzlos,« wiederholte Kolonel Atkins.

Mit einem fürchterlichen Fluche warf der alte Fürst sein Schwert zu Boden.

Atkins übergab ihn einigen Offizieren zur Bewachung. Der Gefangene sollte mit nach Delhi zurückkehren. Dann wandte der Kolonel sich mit lauter Stimme an Sirbhanga, der seine Waffe wieder aufgenommen hatte:

»Leutnant Carter, im Namen der Königin von England fordere ich Ihnen den Degen ab.

Sie sind mein Gefangener.«

Der Angeredete zuckte zusammen und erbleichte bis in die Lippen. Seine wenigen Leute machten unwillige Gebärden; sie griffen nach den Waffen. Jetzt erst merkten sie, daß sie von englischen Soldaten vollständig umzingelt waren.

»Kolonel, Sie verkennen mich,« stieß Sirbhanga hervor, »ich focht für England.«

»Wohl; aber Sie hielten sich als Anführer der Dschansinesen in der belagerten Festung auf. Sie sind Rebell geworden.«

»Ich war's der Bahadur gefangennahm.«

»Sie zählten zu den Rebellen, das können Sie nicht leugnen.«

»Ein unglückseliger Irrtum ...«

»Verantworten Sie sich nicht vor mir, ich verlange keine Erklärung. Ich tue nur meine Pflicht – Ihren Degen. Leutnant Carter,« fuhr er hastig fort, als er die drohenden Bewegungen der Indier sah, »beruhigen Sie Ihre Leute, oder ich muß Gewalt anwenden.

Streckt die Waffen, ich nehme euch als Rebellen gefangen!«

Sirbhanga gelang es, seine Leute zu bereden, jeden Widerstand aufzugeben. Er sagte, es müsse sich bald aufklären, daß sie mit den Engländern gemeinsame Sache gemacht hätten, daß ihnen dazu nur nicht gleich Gelegenheit geboten worden wäre.

Sie lieferten die Waffen aus, dann band man ihnen die Hände auf dem Rücken zusammen, auch Sirbhanga. Selbst Bahadur wurde gefesselt, wogegen der stolze Maharatte vergebens wütete.

Als er aber Sirbhangas Schicksal sah, lachte er höhnisch und triumphierend auf.

»Sie haben gute Hoffnungen, Leutnant Carter,« redete ein junger Offizier ihn ebenfalls spöttisch an. »Kennen Sie noch nicht den neuesten Erlaß Ihrer Majestät? Jeder, der es mit den Rebellen hält oder auch nur einmal gehalten hat, wird gehängt, und wenn er uns später durch Verrat auch noch so gute Dienste leistet. Es gibt überhaupt keine Ausnahme mehr, unerbittlich ...«

Eine scharfe Bemerkung Atkins schnitt dem vorlauten Sprecher das Wort ab.

Die Gefesselten wurden unter scharfer Bewachung nach Delhi transportiert. Wohin sie blickten, überall sahen sie drohende Gesichter ohne Teilnahme, überall furchtbaren Ernst.

Ihr Weg führte nach dem früheren Gouvernementspalast. Auf dem großen Platze vor diesem Hause wurden schon Gerüste aufgebaut, deren Konstruktion keinen Zweifel ließ, wozu sie dienen sollten – es waren Galgen.

»Es geht schnell,« flüsterte ein Soldat dem anderen zu, »schon heute oder morgen baumeln sie.«

Dann ging es in den Palast, wo die Gefangenen in einem Saale unter der strengsten Bewachung einstweilen gelassen wurden, bis sie vor Lord Canning geführt werden würden.

Hochfahrend verlangte Bahadur, sofort den Generalgouverneur zu sprechen, aber kurz wurde ihm bedeutet, daß er jetzt nichts weiter sei als ein gefangener Meuterer. Er mußte sich in sein Schicksal fügen.

Lord Canning, umgeben von seinem Stabe, hielt Kriegsgericht ab. Noch niemals wurde ein solches kürzer oder strenger gehandhabt, es sei denn über Seeräuber, welche nach englischen Gesetzen an demselben Tage öffentlich aufgehängt werden müssen, an welchem das Schiff, dessen Besatzung sie fing, in den nächsten Hafen läuft. Noch niemals wurden von England solche vornehme Fürsten verurteilt.

Es waren schon viele Anführer und Radschas abgeliefert worden. Sie wurden nach Namen und Titel gefragt und kurz und bündig zum Tode am Galgen verurteilt – wegen Meuterei gegen die Regierung, welcher sie Treue geschworen hatten.

Nur die zu Bahadurs Verwandtschaft gehörenden Prinzen, die sogenannten Baburiden, wurden, weil sie von dem Großmogul abstammten, zur späteren Verurteilung zurückgestellt.

Es sei schon hier erwähnt, um die Strenge der Engländer zu kennzeichnen, daß auch diese Prinzen später samt und sonders erschossen wurden. Die übrigen hörten schon ihre Galgen unten zimmern.

Mit finsteren Blicken, aber sonst kalt, folgten die Anführer und Häuptlinge nach der Aburteilung ihren Wächtern hinaus.

Ein englischer Offizier nach dem anderen trat ein und meldete den Namen eines Gefangenen.

Jetzt kam Atkins herein.

»Der Großmogul Bahadur,« meldete er.

Eine Bewegung ging durch die Versammlung, ein Flüstern entstand.

»Und Leutnant Carter.«

Finster wurden alle Gesichter.

»Sie mögen warten,« entschied Canning und konnte eine zornige Erregung nicht unterdrücken. Da trat oder vielmehr stürzte ein Offizier in den Saal. Er war nicht einmal imstande, eine vorschriftsmäßige Meldung zu machen.

»Wir haben sie gefangen!« rief er noch im Laufen.

»Wen?«

»Die Begum von Dschansi.«

Alles fuhr wie erschrocken auf, ganz fassungslos schien Canning zu sein.

»Wo?« fragte er dann leise.

»Ich rückte mit einer Abteilung zum Löschen eines Gebäudes in die Nähe des Residenz-Palastes vor. In einer einsamen, versteckten Straße, mehr einem Schlupfwinkel ähnlich, sah ich zwei Pferde stehen, von einem Indier gehalten, der sich ängstlich umblickte, und eins dieser Pferde war von wunderbarer Schönheit. Ich dachte mir gleich, daß hier Pferde zur Flucht von Radschas bereitgehalten würden, welche den Anschluß verpaßt hatten. Ohne uns zu zeigen, verteilte ich meine Leute und wartete. Richtig, bald kam ein Mädchen in Begleitung zweier Männer, alle drei mit von Schutt bedeckten Kleidern, als wären sie durch unterirdische Gänge gekrochen. Schon der Beschreibung nach erkannte ich in dem Weibe die Begum; ihr Kleid war zerrissen, und darunter hervor schimmerte ein Panzer, wie sie ihn gewöhnlich tragen soll. Im Begriff, auf ihr Pferd zu steigen, brachen wir hervor und nahmen sie gefangen. Anscheinend ließ sie geduldig alles mit sich geschehen.«

Es dauerte eine Zeit, ehe Canning seiner Erschütterung Herr wurde.

»Wer sind ihre Begleiter?«

»Der eine mag ein Engländer sein, den anderen halte ich nicht dafür, eher für einen Franzosen. Nur fluchen konnte er auf englisch gut, sonst nicht sprechen. Beide waren der Begum also auf der Flucht behilflich.

»Sind sie hier?«

»Zu Befehl!«

»Führen Sie sie vor!«

Unter starker Bewachung traten das Mädchen und hinter ihr die beiden Begleiter ein. Ihr Anzug war so, wie der Offizier ihn beschrieben. mit Kalk bestäubt und zum Teil zerrissen.

Unter den Fetzen, die den Körper des Mädchens bedeckten, schimmerte ein glänzendes Stahlpanzerhemd hervor. Das schwarze Haar hing ihr lang aufgelöst wild um den Kopf.

Traurig waren die Augen auf Lord Canning geheftet. Allen dreien waren die Hände auf dem Rücken gefesselt.

Lord Canning trat einen Schritt auf sie zu, und seine Stimme zitterte, als er sagte:

»Unglückliche, warum konntest du dich nicht durch Flucht retten?«

Die Begum blieb die Antwort schuldig. Sie wendete den Kopf zu ihrem Begleiter hin.

»Du hattest recht, Oskar. Mein Schicksal will nicht, daß ich glücklich werden soll. Es ist das beste, ich mache es kurz und ende auch eines schnellen Todes.«

Diese Anrede veranlaßte Canning, seine Blicke ihrem Begleiter zuzuwenden, und wie vom Blitz getroffen, taumelte er zurück, fuhr sich sogar mehrmals mit der Hand über die Augen, als glaube er eine Vision zu sehen.

»Was – Reihenfels – Mister Reihenfels – Sie sind es?« brachte er stammelnd hervor.

»Ja, ich bin Oskar Reihenfels, und ich bin dem Leben wiedergegeben worden, um zu bezeugen, daß diese gar nicht die vermeintliche Begum von Dschansi ist!«

Diese mit lauter, fester Stimme gesprochenen Worte brachten unter den Versammelten natürlicherweise große Aufregung hervor. Der eine glaubte, nicht richtig gehört zu haben, der andere forderte sofort Beweise. Die meisten kannten Reihenfels, hielten ihn für tot, hatten sein Ende mit eigenen Augen gesehen, und jetzt stand er lebendig vor ihnen.

»Aber, Mister Reihenfels, wie kommen Sie denn hierher?« begann Canning, als die Ruhe wiederhergestellt war.

»Es würde zu weit führen, wollte ich jetzt meine ganze wundersame Geschichte erzählen.

Man würde mir auch keinen Glauben schenken. Genug, ich lebe und stehe hier, zu bezeugen, daß dieses junge Mädchen nicht die Begum von Dschansi ist, wenigstens nicht die, welche Sie, meine Herren, unter dieser Bezeichnung verstehen.«

»Gewiß – sie ist es – ich kenne sie – natürlich ist sie es,« erklang es durcheinander.

»Wie, das wäre nicht die Begum von Dschansi?« ließ sich eine höhnische Stimme vernehmen. »Wer wagt dies zu behaupten?«

Bahadur war es, der infolge eines mißverstandenen Befehles ins Zimmer geführt worden war.

»Nein, sie ist es nicht, erwiderte Reihenfels mit starker Stimme, »du und deine lügenhaften Freunde, ihr seid es gewesen, die sie zur Begum von Dschansi gestempelt haben.«

»Hohoho,« hohnlachte Bahadur, »fragt sie doch selbst, ob sie nicht als Begum von Dschansi durch das englische Lager geschlichen ist und spioniert, ob sie nicht die Wachen betäubt, jeden Tag auf dem Wall gestanden und alles geleitet hat! Fragt sie doch selbst! Und wenn sie es leugnet, so führt alle gefangenen Fürsten einzeln vor und fragt sie, ob diese nicht die Begum von Dschansi, die zukünftige Königin von Indien ist.«

Aller Augen waren auf das Mädchen gerichtet; man sah, wie sie unter den Worten Bahadurs fast zusammenbrach, und dies war der größte Beweis ihrer Schuld.

»Laß mich, Oskar!« flüsterte sie tonlos. »Verteidige mich nicht länger! Du vergrößerst nur mein Leiden. Mir kann nicht mehr geholfen werden, mein Schicksal hat sich erfüllt. Ja denn,« fuhr sie laut fort, »ich bin die Begum von Dschansi.«

»Unglückliche, du redest dich ja selbst in den Tod,« rief Reihenfels verzweifelt. »Glauben Sie ihr nicht, meine Herren, sie hat nichts gemein mit der Begum von Dschansi, welche ...«

»Wir wollen jetzt keine Erklärung,« unterbrach ihn Lord Canning bestimmt, »befreit diesen Herrn von den Fesseln, ich bürge für ihn als treuen Untertanen Englands. Diese ist meine Gefangene, sie steht unter meinem persönlichen Schutze.«

Als Bega gefesselt abgeführt werden sollte, wollte Reihenfels, ganz außer sich, sich dazwischenwerfen. Da bemerkte er an Lord Canning ein leichtes Augenblinzeln, und er beherrschte sich, von einer neuen Hoffnung beseelt.

»Ich bitte, noch eine Frage an die Begum stellen zu dürfen,« nahm ein hoher Offizier das Wort.

»Hat es nicht Zeit bis zum persönlichen Verhör?«

»Die Frage, wenn sie ehrlich beantwortet wird, dürfte gleich Licht in die Sache bringen.«

»So fragen Sie.«

»Standest du nicht heute auf dem Walle und nahmst Anteil am Kampfe?« fragte der Offizier das Mädchen.

»Nein,« entgegnete sie bestimmt.

»Nein? Wir haben dich ja kämpfen sehen.«

»Das ist nicht wahr,« stieß Bega hervor; »es war überhaupt die Begum von Dschansi nicht bei der Verteidigung zugegen, es ist gar nicht möglich.«

»Oho! General Nicholson hat von ihr den Todesstoß bekommen.«

»Das ist nicht wahr,« wiederholte Bega, und auch Reihenfels verneinte es entschieden.

»Was wissen Sie davon?« fragte ihn Canning.

»Ich kann hier nicht alles erzählen, ich kann nicht,« entgegnete er zögernd.

»So führt die Gefangene ab!«

Er flüsterte einem Offizier etwas zu, und dieser brachte die Gefangene hinaus.

»Bega!« rief Reihenfels schmerzlich.

Sie wandte sich noch einmal um.

»Lebe wohl, Oskar, und versuche nicht mehr, mich zu retten, du kannst es doch nicht. Es hat sich alles so erfüllt, wie wir es uns gedacht hatten.«

»Verzage nicht, deine Unschuld muß noch an den Tag kommen!«

»Nimmermehr, denn ich bin schuldig.« Mit verzweifelter Gebärde schaute Reihenfels ihr nach, bis sie seinen Blicken entschwand.

»Wer ist dieser?« fragte Canning, auf August deutend.

»Mein Diener.«

»Ah, ich kenne ihn ja. Befreit ihn von den Fesseln! Nicht wahr, Sie werden nicht fliehen, sondern sich auf ein Gebot freiwillig hier einfinden?«

»Nu allemal, natürlich!« entgegnete August stolz.

»So wohnen sie der Verurteilung der Gefangenen bei, Mister Reihenfels, dann sprechen wir zusammen, und,« fügte er leise hinzu, »fassen Sie Mut! Mir ist ein rettender Gedanke gekommen.«

Ein Radscha nach dem anderen ward vorgeführt. Mit wenigen Ausnahmen lautete das Urteil auf Tod am Galgen.

»Auch dein Los ist kein anderes, Meineidiger,« redete Canning den Großmogul an.

Dieser verschränkte die Arme über der Brust und lachte trotzig.

»Oho, ich möchte wissen, ob ihr verfluchten Anglisis, ihr Landesräuber, es wagt, den Großmogul des Landes zu hängen, das ihr ausgesogen habt. Oder glaubt ihr, weil ihr dies tatet, ihr dürftet mich wie einen Verbrecher behandeln?«

»Ein meineidiger Meuterer ist ein Verbrecher.«

»Ein Mann bin ich, der sein Vaterland liebt und dessen Unterdrücker haßt,« fuhr Bahadur auf.

»Genug, du wirst dein Urteil später erfahren!«

Er wurde abgeführt. Man verurteilte ihn zu lebenslänglichem Gefängnis, in welchem er bald starb.

Als Sirbhanga gebracht wurde, entstand ein unwilliges Gemurmel im Saale.

»Leutnant Carter,« sagte Canning streng, »Sie haben den Eid gebrochen, den Sie der Königin von England geschworen haben. Sie sind schlimmer als ein Meuterer, Sie sind ein Verräter.«

»Ich weiß es,« entgegnete Eugen ruhig, »und bitte nur, mich nicht eher zu verurteilen, als bis man meine Erklärung gehört hat.«

»Es soll geschehen.«

Mit tiefem Mitleide blickte Reihenfels dem Jünglinge nach, mit welchem das Schicksal so grausam gespielt hatte. Auch er sollte an ihm einen Verteidiger haben.

Schließlich waren alle gefangenen Anführer abgeurteilt oder in vorläufige Untersuchungshaft abgeführt worden. Am kommenden Morgen sollte die öffentliche Exekution stattfinden, zum abschreckenden Beispiel für alle Indier.

Aber es fehlten viele, darunter Nana Sahib, ferner sein Weib, dessen Charakter man jetzt kannte, die französischen Kapitäne, und einer, den besonders Reihenfels gern unter den Gefangenen gesehen hätte – Timur Dhar.

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