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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 11
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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11. Der Sturm

Außerhalb des Tempelhofes fand Isabel eine furchtbare Unordnung. Es war, als ob überall die größte Panik herrschte, doch dies war nur scheinbar.

In den Straßen konnte man kaum sehen. Es herrschte eine fast vollkommene Finsternis; schon war alles in Pulverdampf gehüllt, welchen die Morgenröte nicht zu durchdringen vermochte.

Zum ersten Male in ihrem Leben fühlte Isabel wirkliche Todesfurcht. Immer und immer wieder mußte sie an den Untergang von Sodom und Gomorrha denken; schlimmer konnte es damals auch nicht zugegangen sein.

Der undurchdringliche Pulverqualm, das unausgesetzte Donnern, das Platzen der Granaten, das Wehegeheul der Getroffenen, überall Leichen und Blut, die durch die Straßen nach den Wällen eilenden Krieger, das gellende Kampfgeheul ausstoßend – es war ein furchtbarer, unbeschreiblicher Tumult.

Nur mit Mühe gelang es Isabel, das Schloß zu erreichen.

Bald wurde sie fast erdrückt, bald überritten, bald war sie der Gefahr ausgesetzt, von Granatensplittern zerrissen zu werden.

Sie folgte dem Beispiele der im Kriege erfahrenen Indier. Wenn eine Granate nicht weit von ihr prasselnd aufschlug, so stürzte sie nicht fliehend fort, wobei sie von den Splittern noch erreicht werden konnte, sondern sie warf sich augenblicklich zu Boden und ließ die Granate erst explodieren.

Schon war ihr Kleid in Fetzen zerrissen, mit Kot bedeckt, schon war ihr Haar versengt.

Dabei wußte sie nicht einmal, wie die Sache stand. Jedenfalls waren die Engländer schon an den Mauern und mit den Indiern handgemein. Aber sie konnten auch schon im Innern der Stadt sein. O nein, noch wurde das Hip hip hurra! der Engländer von den Indiern gellend beantwortet.

Sie waren wachsam gewesen und nicht überrumpelt worden.

Einmal stieß Isabel mit einem Trupp Krieger zusammen, von denen sie beinahe niedergerissen und zertreten worden wäre. Nur indem sie sich an die Wand drückte, entging sie noch diesem Schicksal.

In diesem Augenblick jagte ein Reiter die Straße herauf, alles rücksichtslos überreitend, was ihm nicht auswich.

Beim Anblick des Führers des Trupps parierte er sein Pferd.

»Wo ist die Begum von Dschansi?« schrie er mit heiserer Stimme. »Bahadur vermißt sie auf den Wällen.«

Da schlug nicht weit davon eine Bombe ein, zermalmte einen Mann und blieb mit brennendem Zünder liegen.

»Nieder,« erklang der Ruf des Führers, und alles warf sich zu Boden, ebenso Isabel.

Der Reiter wollte davonsprengen, aber sein Pferd scheute vor der qualmenden Kugel.

Ein furchtbarer Knall, ein Prasseln! Verschwunden waren Reiter und Roß, ihre Fleischstücke waren umhergestreut, und Isabel war von unten bis oben mit Blut bespritzt.

Sie raffte sich auf und stürzte weiter – dem Schlosse zu. Zu dem Wege, welchen sie sonst in wenigen Minuten zurückgelegt hatte, brauchte sie diesmal über eine Stunde.

»Wo ist die Begum von Dschansi?« klang es noch manchmal an ihr Ohr. Die Führerin der Indier war also nicht zur Stelle, und die Krieger verlangten doch stürmisch nach ihr.

Sollte sie ihr Volk im Augenblicke der höchsten Gefahr feig im Stiche gelassen haben? Endlich hatte Isabel das Schloß erreicht. Als sie den ersten Gang betrat, stieß sie mit Timur Dhar zusammen, den sie draußen auf dem Wall im Kampfe glaubte; sie fand ihn ungerüstet, ohne Waffen.

Und wie sah der sonst so eiserne Mann aus! Das Gesicht war aschfahl, zugleich furchtbar verzerrt wie im Schmerz, sein Körper zitterte, er taumelte wie ein Trunkener.

»Wo ist die Begum von Dschansi?« rief Isabel unwillkürlich.

»Mag sie zur Hölle fahren!« schrie der Gaukler und schoß an ihr vorüber.

Isabel warf ihm einen Blick nach. Diese Antwort hatte sie vollkommen bestürzt gemacht.

Timur Dhar fluchte der Begum, auf die er immer alle Hoffnung gesetzt hatte! Auch hatte sie bemerkt, daß sein Gewand frische Blutspuren trug, ja, sogar auf dem Estrich zeigten sich Blutflecke. War Timur Dhar, der sich für unverwundbar ausgab, doch verwundet worden? Gleichgültig! Jetzt mußte Isabel an ihre eigene Sicherheit denken, zugleich aber wollte sie die Situation überschauen, falls schon jetzt Flucht nötig war.

Ohne sich um ihr Aussehen zu kümmern, griff sie in ihrem Gemach nach einem Fernrohr und eilte nach dem niedrigen Turm des Schlosses.

Die dicken Mauern boten vollkommen Schutz vor den Granaten, höchstens eine Gewehrkugel hätte sich durch die Aussichtslöcher verirren können, doch Isabel trotzte dieser Gefahr, um sich zu orientieren, wie es mit der Stadt stand.

Sie konnte nur sehr wenig sehen.

Alles war in Pulverdampf gehüllt; lediglich die nächste Umgebung, also einige Straßen Delhis, war zu überblicken, und in diesen herrschte augenscheinlich ungeheuere Verwirrung.

Ferner konnte Isabel auch die Umgegend östlich von Delhi überschauen, denn dort leuchtete das Morgenrot.

Wie sie schon aus dem unaufhörlichen Kanonendonner schloß, stürmten die Engländer nicht von Süden, wie die indischen Anführer geglaubt hatten, sondern von Westen an, und das war ihnen sehr günstig.

Sie sahen Delhi im Morgenschimmer daliegen und konnten es sicher bombardieren, ihre Batterien selbst aber befanden sich fast noch ganz im Dunkel und boten kein Zielobjekt. Über Nacht hatten sie sich dort konzentriert.

Keine andere Seite von Delhi griffen sie an.

Es dauerte fast eine Stunde, ehe Isabel die Mauern und Kampfplätze selbst erblicken konnte. Dann aber durchbrach die Sonne plötzlich die Dunkelheit, ein kräftiger Wind setzte ein und vertrieb die Pulverdämpfe. Wenn auch diese immer wieder durch neue ersetzt wurden, so bekam Isabel doch eine vollkommene Übersicht.

In demselben Augenblick änderte sich die Angriffsweise der Engländer ganz merklich.

Eben mußte die westliche Batterie noch gefeuert haben, denn der ganze Horizont war noch mit Pulverrauch bedeckt, jetzt schwieg sie, dafür brach unter brausendem Hurraruf ein Regiment mit gefälltem Bajonett hervor zum Sturm auf die Breschen, und die übrigen Batterien begannen die westliche Mauer mit einem Bombenhagel zu überschütten.

Die Kanoniere zielten gut; sie schossen über die Stadt hinweg und wußten ihr Ziel dennoch zu treffen oder Verwirrung in den Straßen anzurichten.

Die Indier erwiderten den Hurraruf und erwarteten die Anstürmenden mit blanker Waffe.

Isabel sah hinter einer Verschanzung Francoeur, den Kommandeur sämtlicher Batterien, stehen, er gab ein Zeichen. Auf den Wällen wurden alle Geschütze herumgeschwenkt und schleuderten gegen die Anstürmenden einen furchtbaren Kartätschenhagel.

In Reihen stürzten die Engländer und die unter englischer Flagge kämpfenden Sepoys; neue traten in die Lücken; immer weiter ging es unter Hurraruf gegen die Mauern vor; die Offiziere stürzten einer nach dem anderen, noch ein Hurra ausstoßend, die Verwundeten richteten sich auf und feuerten ihre Leute noch an.

Da endlich hatte der letzte Offizier die Bresche erreicht. Ehe er noch seinen Degen gebrauchen konnte, sank er mit gespaltenem Kopfe zu Boden; auf seine Leiche trat ein Gemeiner, das Bajonett zum Stoße gefällt. Auch er stürzte nieder, höher und höher türmte sich der Leichenwall und versperrte die Bresche, aber die Stürmenden ließen nicht nach. Englische Leichen an der Mauer verrieten Isabel, daß dies heute nicht der erste Sturm war. Einer oder vielleicht schon mehrere waren abgeschlagen worden.

Zwischen den feindlichen Schanzgräben und der westlichen Mauer war ein großes Leichenfeld, bedeckt mit Toten in englischen Uniformen.

Isabel sah ferner einen verschanzten Hügel, hinter dessen Brüstung Helmbüsche austauchten. Dort befanden sich englische Generäle, die mit Ferngläsern den Sturm beobachteten und von hier aus Befehle erteilten.

Bahadur selbst stand auf dem Wall und leitete die Verteidigung. Der greise Großmogul schonte sich nicht. Wie der gemeinste seiner Krieger setzte er seinen Körper den feindlichen Kugeln aus. Isabel konnte deutlich sein von Pulver geschwärztes Gesicht erkennen; es drückte furchtbaren Grimm aus.

Nana Sahib konnte sie unter den indischen Anführern nicht entdecken, wohl aber Radscha Sirbhanga.

Er hielt mit seinen Dschansinesen die südliche Mauer besetzt und hatte vorläufig noch keine Gelegenheit, sich am Kampfe zu beteiligen.

Hatte er denn übrigens wirklich die Absicht, den Indiern beizustehen, nach allem, was Isabel ihm mitgeteilt hatte? Das Weib konnte das Verhalten des Jünglings nicht begreifen; sie wurde an dem Charakter des heißblütigen, in seiner Ehre doch tödlich beleidigten Indiers vollständig irre.

Nein, es konnte nicht anders sein; Sirbhanga hielt trotz alledem noch zu seinen Volksgenossen, Isabel ballte vor Wut die Hände – ihre List war nicht geglückt, Bahadur hatte nicht die Hauptkraft durch ihre Bemühungen verloren.

Auch die übrigen Anführer konnte sie erblicken, doch – wo war die Begum von Dschansi? Ihr Fehlen war einfach rätselhaft.

Es schien fast, als ob die Engländer die Mauer gewinnen würden.

Zwar türmte sich Leiche auf Leiche, doch immer neue erkletterten den Leichenhügel und schossen, stachen und hieben von dort oben auf die Rebellen herab, und schon begann Isabel zu überlegen, was sie tun sollte, wenn sich die Engländer über die Mauer schwängen und sich unter Siegesjubel in die Stadt ergössen.

Dann blieb nichts weiter als Flucht übrig.

Wieder erscholl ein donnerndes Hip hip hurra! Jetzt hatten sich die Stürmenden Eingang durch eine Bresche verschafft, ein anderer Teil stand auf der Mauer, kein Gewehrfeuer drängte sie mehr zurück, vielmehr warfen sie die Rebellen Schritt für Schritt mit Bajonett, Kolben und Degen zurück.

Doch es sollte abermals anders kommen.

Plötzlich sah Isabel zwischen den Rebellen eine Gestalt auftauchen; ihre Rüstung glänzte und gleißte in der Sonne, sie schwang in beiden gepanzerten Händen das breite Schwert, der wehende Helmbusch nickte, Isabel konnte sogar das lange schwarze Haar im Winde flattern sehen.

»Die Begum von Dschansi!« pflanzte sich der Ruf auf beiden Seiten von Mund zu Mund fort; die Stürmenden stockten; mit erneuter Wut fielen die Rebellen sie an, voran die Begum, das schwere Schlachtschwert in beiden Händen wie eine Reitgerte schwingend, die Sepoys auf englischer Seite wandten sich zur Flucht – und die eben gewonnene Position war verloren gegangen.

Nicht genug damit! In unaufhaltsamer Flucht ging es rückwärts, die Engländer wurden von den Sepoys mit fortgerissen, und hinter ihnen her stürmten die ausfallenden Belagerten, an ihrer Spitze wie ein Würgengel die Begum.

Erst nachdem die Indier ihren Zweck vollkommen erreicht hatten, suchten sie wieder Schutz hinter den Mauern. Dafür wurden die Engländer, welche sich zum neuen Sturme sammelten, so bombardiert, daß sie den Versuch für diesmal aufgeben mußten. Das Erscheinen und das Verhalten der Begum hatte dies bewirkt; sonst wären die Feinde wohl schon in der Stadt, und ein Straßenkampf hätte begonnen. Man kann sich denken, welche Gefühle jetzt das Herz eines jeden Indiers schwellten, wie sie der jugendlichen, streitbaren Königin zujubelten, und selbst Isabel blickte mit unverhohlener Bewunderung nach der Gestalt, an welcher alles, selbst das Gesicht, mit Stahl bedeckt war.

Eine lange Pause trat ein, ausgefüllt von der Musik der Kanonen, dann schritten die Engländer zum neuen Sturm.

Man sah, wie sie sich immer mehr nach Westen zusammenzogen, um immer neue Mannschaften ins Feuer führen zu können. Nur ein schwacher Gürtel, meist Reiterei, lag noch um Delhi herum, und ein energischer Durchbruchsversuch der Rebellen nach einer anderen Seite hin wäre vielleicht geglückt.

Doch man wollte sich ja nicht durchschlagen, sondern nur das Zentrum der Rebellenmacht erhalten.

Stunde nach Stunde verstrich; die Sonne stieg höher und wurde heißer und ermattete die Engländer, ohne daß sie Erfolg hatten.

Doch immer von neuem wurden sie von frischen Offizieren vorgeführt, jeder Gefallene wurde ersetzt.

Es war, als sollte ihr Vorhaben doch scheitern, und daran war die Begum schuld, unter deren Leitung die Indier den größten Heldenmut zeigten. Ihr Anblick wirkte auf sie wie ein Talisman.

Unter rauschender Kriegsmusik machten die Engländer noch einen Angriff; alle verfügbaren Truppen hatten sich konzentriert; mußten sie diesmal zurück, so war ihre Kraft erschöpft, dann konnten sie nur an eine langwierige Belagerung denken, durch welche sie die Festung aushungerten.

Wieder erreichten sie die Mauern, und Isabel war vor Staunen außer sich, als sie in dem führenden Offizier, dessen weißes Haar im Winde flatterte; der aber noch die Kraft und Behendigkeit eines Jünglings besaß, General Nicholson selbst erkannte.

Um die Stürmenden zu begeistern, bot er wie jeder Soldat seine Brust den Kugeln den Kugeln dar, und das Schicksal wollte, daß er die Mauer gesund erreichen sollte – dann allerdings gebot es ihm ein mächtiges Halt.

Mit geschwungenem Degen stürzte der greise, feurige Führer in die Bresche, er wollte das Innere der Stadt als erster betreten, oder doch die seinen zur Nachfolge entflammen – siegen oder sterben.

Die Begum selbst warf sich ihm entgegen; Isabels Atem stockte. Wie würde der Ausgang des Zweikampfes sein? Mit einer blitzschnellen Bewegung fiel Nicholson gegen das Mädchen aus, doch schon beim ersten Hieb zersplitterte sein Degen bis ans Heft an dem Schwerte oder Harnisch.

Wahrscheinlich hatte er kein Waffe mehr bei sich, oder er wollte die gefürchtete Anführerin lebendig fangen, kurz, mit einem Satze stand er vor der Begum und hatte sie gepackt.

Beide strauchelten, stürzten zu Boden, im nächsten Augenblick aber sprang die Begum wieder auf; Isabel sah, wie sie Helm und Visier ordnete, dann schwang sie wieder das Schwert in beiden Händen; während Nicholson liegen blieb.

Einen Augenblick standen die Stürmenden wie erstarrt; sie wußten ihren heldenmütigen General tot; dann jedoch warfen sie sich mit doppelter Wut, diesmal ohne Hurraruf, auf die Rebellen, sie wollten den Tod ihres geliebten Führers rächen.

Es war vergebens – die Verteidiger ließen sich keinen Fuß breit abgewinnen, auf der einen Seite feuerte Bahadur seine Leute durch sein eigenes Beispiel an, auf der anderen mähte der Begum Schwert die Engländer nieder wie der Schnitter das reife Getreide.

Da trat eine neue Person auf, die dem ganzen eine andere Wendung geben sollte. Mit Entsetzen sah Isabel plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine Gestalt mitten unter den Verteidigern auftauchen, die sie schon längst unter den Toten wähnte, die sie durch ihre eigene Hand dem Tode überliefert zu haben glaubte.

Standen denn die Toten auf? Die wilde, in Felle gehüllte Gestalt gehörte nicht unter Soldaten; es war ein verwahrloster Waldmensch. Sein muskulöser Arm schwang mit ungeheurer Kraft eine mächtige Keule; jeder Schlag mit ihr streckte einen Mann nieder, und auf die er einschlug, waren die Verteidiger der Mauer.

War es denn Wirklichkeit? fragte sich Isabel schaudernd. War dies jener Mann, den sie fürchtete und getötet hatte, oder hatte er einen Doppelgänger? »Das wandernde Feuer!« erscholl gellend in namenlosem Entsetzen der Ruf, die Rebellen dachten nicht mehr an Verteidigung, sondern nur an Flucht. Mit Menschen, aber nicht mit Geistern wollten sie kämpfen.

Die Begum brachte die Weichenden noch einmal zum Stehen; sie selbst sprang der wilden Gestalt entgegen.

Da sauste die Keule herab, ein schmetternder Schlag auf den Helm, so laut, daß selbst Isabel ihn hören konnte, und die Begum brach zusammen.

Isabel sah nur noch, wie alle Rebellen flohen, wie sich die Engländer durch die Bresche ergossen, über die Mauern schwangen, und, sich schon schnell ordnend, unter Hurraruf in die Straßen stürmten – da dachte sie selbst an Flucht.

Delhi war für die Rebellen verloren. Höchstens entstand noch ein kurzer Straßenkampf, dann wurde die englische Flagge auf den Wällen aufgezogen.

Aber es sollte für die Engländer, die von dem langen Sturm bis zum Tode erschöpft waren, zu keinem Straßenkampfe kommen. Ein anderer übernahm dies für sie.

Auf der südlichen Mauer wurde es plötzlich lebendig, Trompetensignale ertönten, und die dort postierten Dschansinesen gingen vor, nicht so, wie Bahadur ihnen befohlen, gegen die Engländer, um den Fliehenden den Rücken zu decken, sondern gegen ihre eigenen Landsleute.

Die Krieger warfen sich, Sirbhanga an der Spitze, auf die Fliehenden und vermehrten die Verwirrung ins Unglaubliche. Jetzt gab es keinen Halt mehr.

Zähneknirschend erkannte Bahadur, daß er sich in dem jungen Radscha, den er herangezogen, vollkommen getäuscht hatte. Er war ein Verräter. Jetzt, da man seine Hilfe brauchte, wandte er sein Schwert gegen die Landsleute.

Doch Bahadur hatte auch schon vorher an eine eventuelle Flucht aus der Stadt gedacht.

Aus dem nördlichen Tore brachen, an der Spitze Nana Sahib, gegen tausend Reiter hervor, dann noch einmal eine gleich starke Abteilung.

Wohl eröffnete die betreffende Batterie ein anhaltendes Feuer gegen die Anstürmenden, da sie aber nur noch schwach besetzt war, konnte sie dem Angriffe der schwergepanzerten Reiter nicht widerstehen.

Sie wurde genommen; der Weg war frei; den Reitern nach jagten in zügelloser Flucht die von Sirbhanga und den Engländern Verfolgten, zu Pferd und zu Fuß; jede Ordnung war aufgelöst, jeder dachte an seine eigene Rettung, und wer eingeholt ward, wurde erbarmungslos niedergemacht.

»Nach Lucknau!« war das Losungswort der Fliehenden.

Den Stürmenden war streng verboten worden zu plündern, es stand aber zu erwarten, daß die Sieger sich dennoch an den reichen Tempelschätzen vergriffen. Daher waren Gurgghas beordert, für die Ordnung zu sorgen; in Patrouillen durchstreiften sie die Straßen; andere löschten die brennenden Häuser.

»Im Tempel Wischnus sind Plünderer!« rief ein Offizier dem Führer solch einer Patrouille zu, der an seinem Helmschmucke als Häuptling kenntlich war; und schon die riesenhafte Gestalt verriet, daß es niemand anders sein konnte als Dollamore. Er warf sein Pferd herum und jagte nach dem Tempel, gefolgt von seinen Leuten.

Es war wirklich eine Meute von Plünderern, englischen Abenteurern, die sich hatten anwerben lassen, um sich im Kriege zu bereichern, in den Hof eingedrungen. Sie hatten das Tor gesprengt, standen aber nun erstarrt über den Anblick, der sich ihnen bot.

Sie achteten nicht der drohenden Worte und Gebärden des Oberpriesters, der das Verderben seines Gottes auf sie herabrief, sie hatten nur Augen für das schreckliche Schauspiel, das hier vor sich ging. Der hohe Scheiterhaufen brannte schon bis zur Hälfte, und oben standen zwei Mädchen, rangen verzweifelt die Hände und flehten um Erbarmen.

Noch immer tanzten die Bajaderen und schritten die Priester unter Gesang um den Holzstoß; die Plünderer konnten sie in ihrer heiligen Handlung nicht stören. Sie bauten auf Wischnus Hilfe, der frevlerische Hände schon von seinem Heiligtume abhalten würde.

Da sprengte Dollamore in den Hof.

»Sakuntala! schrie er in furchtbarem Schrecken.

Auch sie hatte den Geliebten erkannt, breitete sehnsüchtig die Arme nach ihm aus und brach auf der Plattform zusammen. Die Hitze mußte dort oben schon unerträglich sein, noch wenige Minuten, dann schlugen die Flammen hinauf und begannen die Leiber der Unglücklichen zu rösten.

Dollamore raste. Mit entblößtem Schwerte wollte er die Priester zwingen, das Feuer zu löschen, doch das ging ja nicht mehr, er konnte auch seine Leute nicht dazu gebrauchen; denn wurden die unteren Scheite auseinandergerissen, so brach das Ganze zusammen und die auf der Plattform Stehenden stürzten in die Glut.

Da raffte sich Sakuntala wieder auf, taumelte an den äußersten Rand, stieß einen Schrei aus und stürzte sich in weitem Sprunge dort hinunter, wo Dollamore stand.

Sie wollte wenigstens zerschmettert zu seinen Füßen sterben.

Aber des Indiers sicheres Auge irrte sich nicht; mit festem und doch nachgiebigem Arme fing er die leichte Gestalt auf, wurde zwar weit zurückgeschleudert und selbst zu Boden gerissen, doch mit seinem Körper schützte er die Geliebte; unverletzt hielt er Sakuntala in seinen Armen.

Jetzt wagte auch Kalidasa den Sprung, und dieser verlief ebenso glücklich.

Während die Gurgghas die Engländer mit gezogenem Schwerte und Revolver aufforderten, die Waffen niederzulegen und sich als Plünderer gefangenzugeben, brachte Dollamore die beiden Mädchen in Sicherheit. – Dort, wo der Kampf um die Bresche gewütet hatte, suchte man vergebens nach dem toten oder verwundeten Körper der Begum von Dschansi. Viele Soldaten und Offiziere behaupteten bestimmt, gesehen zu haben, wie die in Felle gehüllte Gestalt das Mädchen mit der Keule niedergeschlagen habe.

Jetzt war sie spurlos verschwunden. Wahrscheinlich hatte sie sich aus ihrer Betäubung erholt und war geflohen, oder sie war von den Ihrigen mit fortgeschleppt worden; wunderbar aber war es, daß dies nicht bemerkt worden war, denn ihre Erscheinung war durch die glänzende Rüstung doch äußerst auffällig.

Ebenso war das sogenannte wandernde Feuer nicht mehr zu sehen. Einige sagten aus, der unheimliche Mann, dem man die Einnahme von Delhi fast allein zu verdanken hatte, wäre vor ihren Augen förmlich im Boden versunken.

An der Bresche befand sich auch Lord Canning mit seinem Gefolge.

Er dachte jetzt nicht an das rätselhafte Verschwinden jener beiden, er kniete neben dem bewußtlosen Nicholson, welcher aus einer am Boden ausgebreiteten Decke lag.

Ein Dolch- oder Messerstich hatte ihm den Hals durchbohrt, und diese Verletzung war tödlich. Es war bekannt, daß die Begum ihn geführt hatte.

Ein Arzt kniete zur anderen Seite des Sterbenden und legte ihm einen Verband an. Nicholson schlug die Augen auf; sein Blick fiel auf Canning, und er mußte bei voller Besinnung sein, denn er drückte dem Freunde die Hand und lächelte schmerzlich. Er fühlte sein Ende nahen.

Er bewegte den Mund und machte die größten Anstrengungen zu sprechen, brachte aber keinen Laut hervor, denn das Stimmorgan war verletzt worden.

Aus seinen heftigen Handbewegungen nahm man an, daß er schreiben wolle, man gab ihm Bleistift und Papier, legte ihn bequemer, und mit zitternder Hand schrieb der Sterbende einige Zeilen.

Lord Canning sah, daß Nicholson des Schreibens gar nicht mehr fähig war. Doch dieser Mann nahm wohl kein Geheimnis mit ins Grab hinüber, es galt nur noch einen Abschiedsgruß an Freunde und die Seinen.

Aber Canning wurde bestürzt, als er die deutlich geschriebenen Anfangsworte las.

»Die Begum« war leserlich geschrieben, »von« war schon undeutlich, »Dschansi« konnte bloß noch erraten werden, die übrigen Zeilen bestanden aus unenträtselbaren Hieroglyphen.

Der Sterbende wies auf das Papier in Cannings Hand, hob wie zum Schwure zwei Finger zum Himmel auf, deutete nach dem Festungsturme, auf welchem schon die englische Flagge gehißt war, drückte Lord Canning noch einmal die Hand, und General Nicholson, der Held von Sealcote, Lahore und von Najafghar, der Eroberer von Delhi, war verschieden – am 20.

September 1857.

»Er forderte uns zur Rache an dem auf, der ihn getötet hat,« sagte neben Canning ein Offizier, der den Zettel ebenfalls gesehen hatte, »er verlangt von uns den Schwur, seinen Mörder, die Begum von Dschansi, zu bestrafen, und das wollen wir tun.«

»Ich glaube, Sie irren,« entgegnete Canning ruhig und steckte das Papier ein, »General Nicholson war nicht der Mann, der gegen den zur Rache auffordert, der, der ihn im offenen Kampfe besiegte. Gott mag der Begum wie General Nicholson ein milder Richter sein – und uns allen.«

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