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Um die indische Kaiserkrone IV.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone IV. - Kapitel 10
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone IV.
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10. Auf dem Scheiterhaufen

Der nächstfolgende Tag brachte nichts Neues für Delhi. Wie eine ungeheuere Schlange lag der Belagerungsgürtel in träger Ruhe da, alles starrte von Waffen, aber außer dem Ablösen und Aufziehen der Wachen war nirgends Leben.

Ebenso bewegungslos ging es auf den Wällen Delhis zu. Die Wachen schauten träumend auf die Schanzgräben, auf die Mündungen der ungezählten Kanonen, die jetzt schwiegen, und fragten sich, wann diese wohl ihren ehernen Mund öffnen und Tod und Vernichtung nach Delhi senden würden.

Es war jene unheimliche Ruhe, welche dem Gewittersturm vorausgeht. Das Herz zieht sich dabei krampfhaft zusammen.

Nana Sahibs Unglücksbotschaften über die verlorenen Schlachten erfuhren nur die ersten Führer. Bahadur hütete sich, unter seinen Leuten Mißmut und Niedergeschlagenheit zu verbreiten. Er machte es wie mancher andere, der kleinste Sieg wurde ausposaunt, der größte Verlust verschwiegen.

Deshalb wurden auch keine Überläufer mehr angenommen, Flüchtlingen, welche den Weg durch die Reihen der Engländer gefunden, blieben die Tore der Stadt versperrt.

Die Nachrichten dagegen, welche einige Brieftauben brachten, wurden verbreitet.

Eine Festung, in welcher sich mehrere Radschas befanden, darunter der schon einmal erwähnte Abdul Hammed, hatte unter der Bedingung kapituliert, daß das Leben aller geschont würde. Die Radschas wollten sogar zu den Engländern übertreten. Der englische General jedoch brach sein Wort und ließ die Radschas nach kurzem, ganz eigenwilligem Kriegsgericht erschießen.

Das war Wasser auf die Mühle der Rebellen, hier hatten sie ein Beispiel, wie den Engländern zu trauen war.

Die zweite Botschaft kam von der Begum von Audh. Jetzt ergriff auch sie das Schwert, nicht, wie sie schrieb, um für sich, sondern um für das Leben ihrer Kinder zu kämpfen.

Dies erweckte ungeheuren Jubel. Audh war das mächtigste Reich Indiens, hatte sich aber bisher neutral verhalten.

Sein 1856 ganz willkürlich abgesetzter König, Wadschid-Ali, wurde in Kalkutta gefangengehalten, seine Mutter war die Begum Heynat Mahal, welche vom indischen Volke ›der einzige Mann ihrer Familie‹ genannt wurde, und welche Namen sie auch in der Geschichte beibehalten hat.

England hat schwer an dieser Frau gesündigt! Man konnte der greisen, tugendhaften, heldenmütigen Königin keinen anderen Vorwurf machen, als daß ihr erster Sohn, der Exkönig, ein arger Wüstling war, und daß sie ihre übrigen Kinder und Enkel zu sehr liebte.

Nach Niederwerfung des Aufstandes reiste sie nach England, und die alte Königin, deren Reichtum nach Milliarden gezählt wurde, warf sich vor dem Thron nieder und flehte um das Leben ihrer Kinder. Sie wurde ausgewiesen, starb einige Monate später in Paris, und gleich darauf endete einer ihrer Nachkömmlinge nach dem anderen auf geheimnisvolle Weise. Und wohin sind ihre Milliarden gekommen? Es war kein Wunder, daß sie jetzt, als sie erfuhr, wie auch das Leben der sich unterwerfenden Radschas nicht geschont wurde, ebenfalls zu den Waffen griff, nicht für sich, nicht für die Freiheit Indiens, sondern zur Rettung ihrer Kinder und Enkel. Ihr Feldherr war General Ventura, einst Oberst Napoleons, ein gleich großer Preußen-, wie Engländerhasser.

Diese Nachricht verbreitete solche Freude, daß das plötzliche Verschwinden Kalidasas gar nicht bemerkt wurde, wohl aber erfuhr Bahadur, daß Sakuntala von Priestern Wischnus aus ihrer Gefangenschaft geholt worden war, und zwar auf einen schriftlichen Befehl Nana Sahibs hin.

Dieser entschuldigte sich damit, er hätte nicht gewußt, daß an dieser Gefangenen etwas gelegen wäre. Bahadur forderte die Bajadere von den Priestern zurück, wurde aber mit eisiger Kälte abgewiesen. Er hätte sie höchstens selbst suchen können, doch wer kannte die verborgenen Verstecke in den Tempeln, die von den Priestern mit dem Schleier tiefsten Geheimnisses umgeben waren! Man fürchtete die Begum von Dschansi; doch diese ließ sich den ganzen Tag nicht blicken.

Dieser ging, die Nacht brach an, die Wachen wurden auf den Wällen verteilt, und die sich auf die Gewehre stützenden Krieger fragten sich, ob es ihnen vergönnt sein würde, den folgenden Morgen in Ruhe begrüßen zu können. – Dicht an der Stadtmauer Delhis erhebt sich ein prächtiger und mächtiger Bau aus quadratischen Sandsteinblöcken. Der geräumige Hof ist von sehr hohen Mauern umringt.

Jedes profane Auge wird von ihnen abgehalten.

Innerhalb des Hofes stehen noch viele kleinere Häuser, teils Wohnungen, teils Magazine, teils Ställe, letztere jedoch nicht zur Unterkunft von Pferden, sondern von Elefanten dienend.

In einem besonderen Stall steht der heilige, weiße Elefant, unter welcher Spezies man irrtümlich gewöhnlich einen solchen von weißer Farbe annimmt, während er nur etwas grauer ist als seine ordinären Brüder.

Vom Hofe aus gelangt man in einen sorgsam gepflegten, schattigen Park, dem sich wiederum ein langgestrecktes Gebäude anschließt.

Alles verrät Solidität, Ruhe und Ordnung, man staunt schon über die Reinlichkeit und fast luxuriös zu nennende Einrichtung der Ställe; welche Pracht aber zeigt sich erst dem Auge, wenn man das palastähnliche Hauptgebäude betritt! Um es kurz zu machen – es ist ein Tempel Wischnus, der größte Delhis, eine kleine Stadt für sich.

Ernst und würdevoll sitzen die Götter auf ihren Postamenten, den Hauptrang nimmt natürlich Wischnu, der Erhalter, ein. Sein ungeheurer Leib ist von Gold, seine Augen sind von Diamanten, seine Fingernägel aus schuppenartigen, anderen Edelsteinen. Ebenso zusammengesetzt sind die übrigen Gottheiten, welche in diesem Tempel zwar auch verehrt werden, doch hier sich vor Wischnu beugen müssen und daher kleiner sind.

Überall schimmert Silber, gleißt Gold, funkeln Diamanten. Da gibt es kein Gerät, welches nicht aus edlem Metall wäre, die Trinkbecher sind aus Gold, mit Perlen verziert, der Stuhl ist aus Gold, das Handtuch, an dem sich der Oberpriester abtrocknet, ist aus chinesischer Seide und mit Gold durchwirkt.

Man sagt, wie schon erwähnt, in früheren Jahrhunderten, unter der Herrschaft der Sonnenkinder, seien die Straßen Delhis mit Gold gepflastert, die Fußwege mit Diamanten abgesteckt gewesen.

Hier lernt man es fast glauben. Auch hier ist der Fußboden da, wo die Priester stehen, mit Diamanten gepflastert, alles übrige ist Mosaik aus Gold und Edelsteinen.

Diese Schilderung der Tempelschätze stammt nicht aus dem Märchenbuche Tausendundeinenacht – so sind die indischen Tempel noch heutigentages.

Der Reichtum dieser Tempel wächst von Jahr zu Jahr; was sie schlucken, geben sie nicht wieder her, aber dies ist auch in einem anderen, sehr edlen Sinne zu verstehen.

Über dem Portal des langgestreckten Gebäudes, hinten am Park, steht mit großen Lettern ›Tat twam asi‹ – ›Das bist du‹. Es ist ein Hospital. Tausende werden hier gepflegt, verbunden, erhalten Medizin, alles unentgeltlich. Sie brauchen dieses Hospital bis an ihr seliges Ende nie wieder zu verlassen, dürfen es überhaupt nicht.

Doch nicht Menschen, nein, kranke Tiere werden hier unentgeltlich geheilt. Diese Tierhospitäler, welche in den kultivierteren Staaten Europas neuerdings eingerichtet und als der größte Erfolg der Humanität gepriesen werden, existieren in Indien schon seit Jahrtausenden.

Ach, wie erbärmlich ist unsere Humanität gegen die der Priester Wischnus und ihrer Anhänger! Bei uns heilt man Pferde, Hunde, Katzen und Kanarienvögel; die sentimentale, sogenannte alte Jungfer bringt wohl auch ihr Meerschweinchen zum Veterinär; in den indischen Tierhospitälern aber findet alles Aufnahme, was den Menschen in stummer Klage anblickt: Ochsen, Schweine, Schafe, sowie die Maus, welche den Klauen der Katze entkommen ist, und – das ist der Unterschied – das Tier muß in dem Hospital bleiben.

Jeder darf sein krankes Tier in das Hospital bringen – aber er erhält es nach der Heilung um alles Geld der Welt nicht wieder zurück.

›Tat twam asi‹ – das bist du, sagt der Brahmane; in allem Lebendigen erkennt er sich selbst wieder, er sagt, das Leben dieser Fliege stammt aus derselben Quelle wie das seine, kein Tier darf er töten, nicht einmal den Floh knicken, sondern ihn nur verscheuchen.

Mit einer wahren Sucht späht der Priester Wischnus nach kranken Tieren, und wo er eins sieht, das trägt er in seinen Armen nach dem Tempel. Laßt den Menschen für die Menschen sorgen, wir wollen uns der schutzlosen Tiere annehmen.

»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; der Gerechte erbarmt sich seines Viehes,« lehrt unsere christliche Religion. Erbarmen – welch elendes Wort! Man erbarmt sich eines Unwürdigen, aber nicht eines uns bis zum Tode treuen Hundes, eines Pferdes, das in unserem Dienst den Fuß bricht. »Liebe auch jedes Tier wie dich selbst,« lehrt dagegen Buddha, und buchstäblich befolgen dies seine Anhänger.

Ist nun aber auch Mitleid gegen alle lebende Kreaturen der hervorstechendste Zug im Charakter der Priester Wischnus, so sind sie doch nicht gegen sich selbst mitleidig, im Gegenteil, gegen sich selbst sind sie unbarmherzig; ihre Ordensregeln sind ungeheuer streng, auf dem kleinsten Vergehen steht der Tod. Aber auch freiwillig töten sie sich, sie martern sich langsam zu Tode und sterben dabei unter Verzückungen, glückselig. Der wegen eines Vergehens zum Scheiterhaufen verurteilte Priester oder Tempeldiener besteigt ihn ungefesselt und verbrennt, indem er mit jauchzendem Munde seinen Gott preist.

Wer sich einer solchen Strafe durch Flucht entzieht – was aber selten vorkommt – der wird verachtet, man sucht seiner wieder habhaft zu werden, zwingt ihn jedoch nicht zum Tode sondern beredet ihn zur freiwilligen Opferung für die erzürnte Gottheit, und merkwürdig ist es, daß dies immer gelingt.

Die indischen Priester üben auf das Herz eben eine noch viel größere Macht aus als z. B. die katholischen. – Auch jetzt stand im Vorhof zum Tempel Wischnus ein Scheiterhaufen, er war schon längst, vor vielen Monaten, errichtet worden und schien seines Opfers zu warten.

Die Strafbaren waren der Gerechtigkeit entzogen worden, doch man wußte, daß sie sich wieder stellen würden. Der Oberpriester prophezeite es, seine Amtsgenossen beteten dafür.

Der mächtige Holzstoß war zwischen vier eisernen Pfählen aufgetürmt, so daß er nicht umstürzen und auch nicht zusammenbrechen konnte, wenn ihn das Feuer verzehrte, und durch ihn hindurch, die Scheite haltend, zogen sich ebenfalls eiserne Stangen. Nach der Plattform hinauf führte eine Leiter.

Es war Mitternacht. Vermummte, schweigende Gestalten durchquerten ab und zu den Hof in langsamem Schritt und trafen noch Anordnungen. Im Tempel selbst, aus dessen Öffnungen helles Licht strahlte, erschollen feierliche Priesterchöre, dazwischen erklang das helle Jauchzen der Bajaderen, das Klappern ihrer Kastagnetten; sie tanzten um den Hochaltar.

Man bot Wischnu die ihm entflohenen Opfer an und erhoffte dafür seine Verzeihung.

Hier wußte man nichts von der Belagerung der Stadt durch die Feinde. Und wenn die ganze Erde in Flammen gestanden hätte, die Feierlichkeit wäre doch nicht unterbrochen worden. Die Priester Wischnus kümmerten sich nicht um das Getriebe der Welt; sie taten ihre Pflicht, erfüllten ihre Gelübde und beteten zu Gott.

Gestern Nacht hatten sich die beiden ungehorsamen Bajaderen bereiterklärt, den Scheiterhaufen zu besteigen. Es waren die beiden Freundinnen Kalidasa und Sakuntala.

Sakuntala war nicht freiwillig gekommen, Priester hatten sie, mit einem Auslieferungsbefehl versehen, aus dem Schlosse Bahadurs abgeholt. Das Mädchen wußte, daß man sie doch nicht mit Gewalt töten dürfe, wenn sie sich dagegen sträubte. Sie tat es und verschloß ihr Ohr den eindringlichen Worten der Priester.

Da klopfte es wieder, und vor dem Tore stand Kalidasa, reumutig und zerknirscht, um Wiederaufnahme in den Orden und um den Opfertod auf dem Scheiterhaufen bittend.

Die Priester nahmen sie ins Gebet, tadelten sie etwas, lobten ihre Reue aber um so mehr, und der Jubel der Bajaderen galt ihr. Sie priesen ihren Entschluß, ihren Mut und forderten andere zur Nachahmung auf.

Da sahen sich die beiden Freundinnen. Weinend warfen sie sich einander an die Brust; mit kurzen Worten erzählten sie sich ihr Schicksal, und jetzt beschloß auch Sakuntala, zu sterben.

Man muß begreifen, welche Macht die Priester auszuüben wissen, und wie ein Beispiel wirken kann.

Die Freundinnen wollten, von dem Triumphgesang der Bajaderen immer mehr begeistert, dieses Leben, dessen Freuden sie kaum gekostet hatten, mit himmlischer Seligkeit vertauschen.

Der Opfertod konnte erst in der folgenden Nacht stattfinden, denn der Scheiterhaufen mußte vom Oberpriester in dem Augenblick angezündet werden, wenn im Osten das Morgenrot auftauchte.

Die Zeit bis dahin wurde mit Lobpreisungen der heldenmütigen Freundinnen und mit Danksagungen an Wischnu ausgefüllt.

Ach, die beiden Mädchen konnten nur in der momentanen Begeisterung scherzen und in den Lobgesang einstimmen. Hoffentlich kam es ihnen nicht zum Bewußtsein, daß sie nur in der Verzweiflung diesen furchtbaren Schritt getan hatten.

Jetzt trennte nur noch eine Stunde die Singenden vom Morgenrot.

Die Torflügel des Tempels öffneten sich, in feierlichem Zuge bewegten sie sich heraus, Kalidasa und Sakuntala in bräutlichem Gewand, ohne glänzenden Schmuck, aber mit Blumen übersät, umringt von Priestern und Bajaderen.

Es war, als ginge es zu einem Feste, zur Hochzeit, als nähmen die jungfräulichen Mädchen Abschied von den beiden, welche ihre Reihen verließen, um dem Geliebten zu folgen.

Sie schüttelten ihnen die Hände, herzten und küßten sie und wünschten ihnen Glück.

Noch erwiderten die beiden die Glückwünsche, noch strahlten ihre Augen in Seligkeit, noch konnte ihr Mund lachen.

Durch die Priester drängte sich eine andere Gestalt, ebenso dunkel gekleidet wie diese, aber durch die Formen sich als Frau verratend. Ihr Gesicht war zur Hälfte verhüllt.

Auch sie schüttelte den beiden die Hand. »Ihr Armen,« flüsterte sie aber im Gegensatz zu den frohlockenden Bajaderen Kalidasa zu, »wenn ihr wüßtet, was ihr begangen habt! Sirbhanga irrt durch die Gänge des Schlosses und sucht wehklagend seine Kalidasa. Wie konntest du ihm das antun, ihn heimlich zu verlassen.«

Erbleichend, die Hand aufs Herz pressend, taumelte das Mädchen zurück. »Er sucht mich?« murmelten die bebenden Lippen.

»Ja, denn er liebte dich wirklich, er verzeiht dir die Täuschung. Ach, könntest du seinen Jammer sehen!«

»Und du, Sakuntala,« wandte sie sich an die andere, »was hat dir Dollamore getan, daß du dich ihm durch den Tod entziehst? Er versprach, dich zu befreien, und er wird seine Braut nicht mehr vorfinden. So hältst du deinen Treueschwur?«

Der Stachel saß. Vorbei war es mit der Sterbefreudigkeit. Mit glanzlosen Augen blickten die beiden erst die Sprecherin, dann sich an und fielen einander weinend in die Arme.

Plötzlich wurde ihnen ihr Schicksal klar; Verzweiflung bemächtigte sich ihrer.

Doch es war zu spät, es gab keine Rettung mehr. Sie mußten sich in das Unabänderliche fügen.

Das jauchzende Singen der Bajaderen erscholl von neuem und erstickte die Verzweiflungsrufe der Unglücklichen. Sie wurden auseinandergerissen und mit Liebkosungen bestürmt.

Ein greiser Priester hatte die Umwandlung bemerkt, welche die Worte des Weibes bewirkten.

»Wer ist diese Fremde? Wer hat ihr den Zutritt zum Opfer Wischnus erlaubt?« fragte er in strengem Tone einen ihm untergeordneten Priester.

»Es ist Nana Sahibs Weib. Sie war es, welche uns Sakuntala verschaffte, und zur Belohnung mußten wir ihr erlauben, unserer Festlichkeit beizuwohnen.«

»Sie mag zusehen, doch sie darf nicht zu den Geheiligten Wischnus sprechen und weltliche Gedanken in ihr Ohr flüstern. Entferne das Weib!«

Mit kurzen Worten wurde Isabel befohlen, sich in den Hintergrund zurückzuziehen, und sie mußte zu ihrem maßlosen Ärger gehorchen.

Doch mit Genugtuung sah sie wiederum, wie das Benehmen der beiden Freundinnen plötzlich ein ganz umgewandeltes war. Sie senkten die Köpfe und stimmten nicht mehr in den Jubel der Bajaderen ein; sie erinnerten sich der Geliebten – sie gingen trostlos in den Tod.

Der Oberpriester nahm von einem Tempeldiener die Fackel und schwang sie durch die Luft, so das Zeichen gebend.

Noch einmal wanderten die Opfer aus einem Arm in den anderen, dann erstiegen sie die breite, zum Scheiterhaufen führende Leiter.

»Es ist zu spät,« flüsterte Kalidasa tonlos.

»Nun müssen wir den Tod erleiden, denn wir haben ihn schon bejaht,« fügte Sakuntala ebenso hinzu.

Innig umschlungen standen die beiden auf der Plattform und schauten mit umflorten Blicken herab. Es war vorbei mit ihrer Kraft, sie zitterten, und doch gab es kein Mittel, den Tod abzuwenden.

Unten schritten die Priester in feierlichem Schritt um den Scheiterhaufen herum und murmelten Gebete. Die Bajaderen sangen jauchzend, tanzten und winkten hinauf.

Auch Isabel winkte den Unglücklichen zu; die höhnischen Gebärden des Weibes sprachen von Haß und Eifersucht, von befriedigter Rache.

Der Oberpriester stand mit erhobener, brennender Fackel da. Er wartete auf das Zeichen Wischnus, den Holzstoß zu entzünden. Dies geschah nur an einer Stelle ganz unten. Langsam mußte der Scheiterhaufen verbrennen. Es vergingen Stunden, ehe die Märtyrer die Hitze zu fühlen begannen, und währenddessen ertönten weiter Lobgesänge zu ihrer und Wischnus Ehren, bis sie in das feurige Meer stürzten.

Die Tempeldiener umgaben die Tanzenden im Kreis und leuchteten mit Fackeln.

Jetzt zuckte ein blutigroter Strahl im Osten auf, gleichzeitig senkte der Oberpriester die Fackel und legte sie an das unterste Scheit. Laut jauchzten die Bajaderen; doch übertönt wurde ihr Jubel von einem doppelten, gellenden Schrei, der vom Scheiterhaufen herabkam. Schnell wurde die Leiter entfernt – es gab keinen Rückzug mehr, und unten begann es zu knistern.

Da wurde die Stille der Nacht noch durch etwas anderes unterbrochen. Doch nur einen Augenblick stutzten die Tanzenden, dann fuhren sie fort; tödlich erschrocken dagegen war Isabel.

Plötzlich erklang in weiter, weiter Ferne, aber noch deutlich hörbar, die brausende Musik eines englischen Kriegsmarsches, das donnernde Hurra der Engländer erscholl, und dann schienen alle Teufel der Hölle entfesselt zu sein.

Geschütze krachten, sowohl außerhalb der Stadt wie in Delhi selbst; heulend und zischend sausten Kanonenkugeln, Bomben und Granaten über die Stadt hin, krepierten schon in der Luft oder beim Aufschlagen, dazwischen Wehegeschrei, die Hurrarufe, das antwortende Schlachtgeheul der Indier und der Kriegsmarsch.

Die Priester Wischnus und die Bajaderen kümmerten sich nicht darum, was jetzt draußen geschah – Wischnu wollte seine Opfer haben.

Nur Isabel dachte sofort an Flucht.

»Die Engländer stürmen – ich muß mich in Sicherheit bringen,« flüsterten ihre erbleichten Lippen.

Auch in den Hof fand eine Granate ihren Weg. Sie explodierte, Pulverdampf ausströmend, klatschend schlugen die Kugeln und Eisensplitter an die steinernen Wände, doch die ruhig Weitertanzenden blieben diesmal noch verschont.

Isabel stürzte an das Hoftor, es war verschlossen. Nach langem Bemühen gelang es ihr, einen Tempeldiener zu bewegen, ihr zu öffnen.

Wie von Furien gepeitscht stürmte sie davon, dem Residenzpalast zu, wo sie allein Rettung vor den Kugeln und Granaten zu finden hoffte, durch welche die Stadt wie mit einem Regengusse überschüttet wurde.

Der Sturm auf Delhi hatte begonnen.

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