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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 9
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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9. Auf Seiten der Feinde

Auf einem bewaldeten Terrain brannten Wachtfeuer, und um dieselben lagen die 500 englischen Dragoner, welche am Morgen vom schwarzen See aufgebrochen waren, ihre Genossen aus den Händen der Thags zu retten oder ihren Tod furchtbar mit der Degenklinge zu rächen.

Den ganzen Tag hatten sie ihre Pferde in Karriere oder Galopp gehalten und die Tiere nur einmal im Tritt verschnaufen lassen, während die Reiter aus der Hand etwas aßen.

Bei Anbruch der Nacht ließ Kapitän Smith, der Führer dieser Dragoner, seine Leute halten, absatteln und abkochen; denn einige Stunden Ruhe waren unbedingt erforderlich.

Man war nur noch einige Meilen von der Burg Malangher entfernt, mit dem ersten Morgenstrahl wollte man unter Hurra vor die Tore stürmen. Den Offizieren war der Weg vollständig aus Karten bekannt; man näherte sich der Burg also nicht, wie seinerzeit Dick, von der Sandwüste aus, wo die Felsenmauern jedem größeren Trupp ein Halt geboten, sondern von der Heerstraße aus. Diese Felsspalte war den Offizieren übrigens auch gar nicht bekannt.

Einen Verlust hatte man schon zu verzeichnen.

Der nachkommende Russell erzählte, er hätte August vom Pferde stürzen sehen, und es ergab sich sofort, daß Roß und Reiter fehlten. August wurde als Opfer des Krieges weniger bedauert als die auf seinen Rücken geschnallte Gummitonne. So konnte den am See Wartenden nicht sofort die Nachricht übermittelt werden, wie die Expedition ausgefallen war.

Während die Soldaten noch aßen, berieten sich die Offiziere, ohne zu einem besonderen Resultat zu kommen, wie der Angriff vorzunehmen sei.

Das Lager war sehr klein, die Soldaten lagen dicht nebeneinander, in der Mitte die Offiziere; in kleinem Umkreis standen einige Wachen an besonderen Feuern. Es galt ja nur, einen etwaigen feindlichen Überfall abzuschlagen, nicht selbst den Feind zu erspähen. Daher hörte man jetzt auch einen Hufschlag ganz in der Nahe, ohne daß die Posten schon angerufen hätten.

»Wer da?« erscholl aber jetzt ihr Ruf.

»Die Begum von Dschansi,« erklang es ebenso laut und klar durch die Nacht zurück.

Wie elektrisiert sprang alles auf, die Soldaten griffen nach den Karabinern, die Offiziere nach den Revolvern, als wäre die Antwort der Mädchenstimme ein furchtbarer Schlachtruf gewesen.

Früher hatte man an die Existenz einer Begum von Dschansi überhaupt nicht geglaubt, seit den Ereignissen in der letzten Nacht zweifelte man nicht mehr an ihr. Sie hatte sich in wenigen Stunden einen gefürchteten Namen gemacht.

Der Posten war so erschrocken, daß er den ankommenden Reiter nicht anhielt, und plötzlich sprengte in die Mitte des Kreises ein sattelloses Pferd, auf dessen Rücken ein Mädchen saß.

Ein sich enganschmiegendes Kleid aus Panzerschuppen, wie es in solcher Gediegenheit und Geschmeidigkeit nur in Indien noch heute gemacht wird, umschloß die schlanke und doch vollentwickelte Gestalt. Es reichte nur bis etwas über die Knie, die kräftigen, wohlgeformten Waden, wie auch die Arme freilassend, den Oberkörper dagegen bis an den Hals verhüllend. Trotzdem konnte dieses Gewand aus Stahl nicht lästig sein, denn es machte selbst die Bewegungen des hochatmenden Busens mit. Wurde darüber ein Frauenkleid geworfen, so hätte man wohl nie geahnt, daß es einen Schuppenpanzer verbarg. Die Hüften umschloß ein silberner Gürtel, an dem ein langer Dolch hing. Sonst zeigte sie keine Waffe.

Entgeistert blickten alle auf das junge, schöne Mädchen, auf das stolzgeschnittene Gesicht, um das wild die schwarzen Locken flatterten. Das Antlitz, schon an sich braun, war vom heftigen Ritt dunkel gerötet.

Im Galopp kam sie in den Kreis gesprengt und brachte das Pferd mit einem Ruck zum Stehen.

Das also war die Begum von Dschansi, die vorige Nacht die Posten, darunter einen besonnenen Offizier, lautlos überwältigt und dann spioniert hatte? Und sie wagte sich offen mitten unter die Feinde? Nein, sie mußte Schutz hinter sich wissen.

»Wer ist der Führer dieser fünfhundert Dragoner?« rief sie sofort, als das Roß stand, und ließ ihre blitzenden Augen im Kreise fliegen.

»Ich,« rief der Kapitän, vortretend, »Kapitän Smith, und ist es wirklich wahr, daß die, welche sich die Begum von Dschansi nennt, vor mir steht?«

»Ich nenne mich nicht so, sondern ich bin die Begum von Dschansi,« war die stolze Antwort.

»Die Begum, die Königin von Indien?« »Diesen Namen werde ich mir noch verdienen.«

Unter den Offizieren entstand die erste Bewegung. Die Soldaten sammelten sich, das Kommando erwartend, ein Karree zu bilden, jenes feuerspeiende Viereck, in dessen Bildung das englische Militär hauptsächlich geschult wird.

Doch der Kapitän zögerte, das betreffende Kommando zu geben.

»Bei Gott,« rief er, »du bist kühn, Begum, dich unter uns zu wagen, und wenn du auch eine noch so große Macht hinter dir hast; lebendig würdest du uns doch nicht verlassen können.«

»Ich bin allein.«

»Wie, du wärest allein?«

»Auf mein Wort, ich bin's. Oder glaubst du, ich würde mich, wenn ich meine Krieger zum Angriff führen wollte, allein und waffenlos unter die Feinde begeben?«

Das leuchtete allen ein.

»So bist du jene Begum von Dschansi, welche gestern im Lager am schwarzen See spioniert hat?«

»Es gibt nur eine Begum von Dschansi.«

»Also du warst es?«

»Ich war es.«

»Und fürchtest dich nicht, dich unter uns zu begeben?«

»Du solltest lieber fragen, warum ich zu Euch komme.«

»Wahrhaftig, Begum, du hast recht. Lehre mich alten Mann auch noch Vernunft.

Dennoch muß ich einige Fragen an dich richten. Sieh die gespannten Gesichter meiner Offiziere! Bist du auch unser Feind, bei Gott, auch an diesem bewundern wir Tapferkeit und Tüchtigkeit. Du warst allein, als du in unser Lager schlichst?«

»Allein.«

»Und hast die vier Posten allein überwältigt?«

»Ja.«

»Du hast sie nur betäubt.«

»Frage jenen, ob ich ihn betäubt habe.«

Sie deutete auf Russell, der erbleichte und sich auf die Lippen biß.

»Begum, ich muß dich bewundern,« rief der exzentrische Kapitän feurig, »und es sollte mich freuen, wenn ich mit dir einmal im Kampfe zusammenträfe, daß wir die Degen kreuzen können. Ich denke, du kannst auch fechten.«

»Du würdest mich bald kennen lernen.«

»Schade, daß wir es nicht gleich jetzt probieren können. Doch du bist bei uns geschützt, du sollst nicht sagen, wir hätten dich heimlich gefangen, als du dich kühn in unsere Mitte wagtest.«

»Es wird euch nicht gelingen, mich zu fangen.«

»Oho!«

»Ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen. Aber willst du nicht erst erfahren, was mich veranlaßt, hierherzukommen?«

»Das ist die Hauptsache. Nun, schöne Begum?«

»Ihr habt einen Zug gegen die Burg Malangher vor?«

»So ist es. In Delhi haben die Indier uns heimtückisch überfallen, sie haben Gefangene gemacht, und nun sollen diese von den verfluchten Thags ihrer Göttin geopfert werden.

Retten oder rächen ist unser Losungswort.«

»Auch das meine.«

Unter den Offizieren entstand eine Bewegung. Verwundert schaute man auf das Mädchen, das sich mit drohend blitzenden Augen höher aufgerichtet hatte.

»Wie? Du, die du die Meuterer befehligen sollst?« »Ich soll sie nicht befehligen, sondern ich befehlige sie wirklich, und es sind keine Meuterer, sondern es sind Rebellen.«

»Meuterer sind es, elende Feiglinge, die uns heimtückisch überfallen haben.«

»Kapitän Smith, denke daran, wie England sich um den Besitz Indiens gebracht hat!«

Eine verlegene Pause trat ein. Wie manches andere, so ist auch die Machtstellung Englands in Indien ein dunkler Fleck, der im Buche der Weltgeschichte nie wegzulöschen geht.

»Hast du die Gefangenen nicht selbst den Thags übergeben?« fuhr Smith dann fort.

»Nimmermehr! Fluch dieser Würgerbande, und doppelter Fluch denen, die die Gefangenen den Thags gegen mein Wissen ausgeliefert haben. Retten oder sie rächen! das ist auch mein Wahlspruch.«

»Du wolltest nicht den Tod der Gefangenen?«

Das Mädchen zögerte etwas.

»Nein,« sagte sie dann bestimmt; »in einer Anwandlung von Heftigkeit, als man meinen Langmut zu stark auf die Probe setzte, gab ich wohl zu verstehen, daß ich die Gefangenen nicht mehr, wie anfangs, zu schonen gedachte, doch den Befehl, sie zu töten, gab ich nicht, und noch weniger den, sie von den Thags opfern zu lassen. Wer zweifelt an der Aufrichtigkeit meiner Worte?«

»Niemand. Dein Hiersein bestätigt sie schon allein. Was gedenkst du nun zu tun?«

»Euch anzuführen gegen die Burg Malangher; wir wollen dieses Würgernest ausheben.«

Das war das letzte gewesen, was man erwartet hatte.

»Du, unsere Feindin? So sind wir schlecht berichtet worden, du hältst zu uns, nicht zu den Rebellen?«

»Nicht doch, ich bin Eure geschworene Feindin und kämpfe für die Unabhängigkeit Indiens. Wollt ihr mir folgen?«

»Wir verstehen dich nicht, Begum.«

»Gegen meinen Willen sind die Gefangenen den Thags ausgeliefert worden, man hat mich belogen und betrogen, mir allerlei verheimlicht. Der Tod soll die treffen, welche mich hintergangen haben und meiner Befehle spotten!«

Immer zorniger sprühten die Augen des Mädchens, die feinen Nasenflügel zitterten in leidenschaftlicher Erregung.

»Und unserer willst du dich dazu bedienen?«

»Ja, auch wenn ihr meine Feinde seid. Würde ich auf meine Truppen stoßen, würde ich euch nicht fragen, ob ihr mir folgen wollt. Doch diese Gegend ist von den Rebellen entblößt.«

Unter den Offizieren entstand ein hastiges Flüstern; es schien zwei Parteien mit entgegengesetzter Meinung zu geben. Die größere, an ihrer Spitze Kapitän Smith, siegte.

»Nein, Begum, wir rücken nicht unter deiner Führung gegen die Burg vor. Wir sind Engländer und haben nicht nötig, uns von unseren Feinden anführen zu lassen.«

Für diese Antwort hatte die Begum nur ein spöttisches Lachen übrig.

»So meinst du, es würde den Dragonern gelingen, unter deiner Führung die Burg zu erstürmen?« fragte sie dann.

»Gewiß, wenn nicht unter meiner, so unter der Führung jedes anderen Offiziers. Wir danken dir aber für deine Bereitwilligkeit, Begum, uns zu helfen, und werden stets laut und offen bekennen, daß du den Tod der Gefangenen nicht nur nicht wolltest, sondern sie selbst aus den Händen der Thags mit unserer, deiner Feinde Hilfe zu retten versuchtest.«

»Mit eurer Hilfe? Hahaha! Bedenkt euch, ehe ihr so anmaßend sprecht. Wer von euch kennt die Burg Malangher?«

»Wir alle.«

»Ihr wart schon darin?«

»Wir kennen genau ihre Lage und ihre Bauart.« »Aus den Zeichnungen, die ihr von jedem neuen, festen Bau verlangt, ich weiß es. So laßt euch denn sagen: Ihr könnt die Burg nicht mit List angreifen, könnt euch nicht heranschleichen, sondern müßt die freie Heerstraße heranstürmen.«

»Das werden wir tun!«

»Und ehe das erste Pferd seinen Kopf in das Tal steckt, werden die fünfhundert Dragoner eine blutige, zuckende Masse sein. Ihr habt die in den Ketten hängenden Kanonen vergessen, welche die ganze Heerstraße beherrschen.«

Eine Pause trat ein.

»Die Burg hat nur wenige Kanonen,« sagte Russell, »ich bin der einzige von uns, der dort war, und habe die Geschütze gesehen.«

»Wo standen diese?«

»Auf Rädern hinter der Verschanzung.«

»So hast du also nicht die Fünfzigpfünder gesehen, welche überall im Felsen in Ketten hängen. Ich glaube es dir; denn sie sind vor fremden Augen sehr gut versteckt.«

»Begum, sprichst du die Wahrheit?« fragte Smith erregt.

»Ich spreche sie. Hört auf mich, Faringis, und ich liefere euch die Burg in die Hände. Erst wenn ihr innerhalb der Burgmauern seid, sollt ihr das Schwert brauchen, und das meine soll euch unterstützen, es wird sich gegen die wenden, welche mich verspottet haben. Ich werde meine Landsleute nicht schonen, denn sie sind Verräter.«

Wieder entstand unter den Offizieren ein Geflüster.

»Gut, Begum, führe uns an! Wir folgen dir,« war dann die Antwort, »und wir glauben, daß du uns nicht in einen Hinterhalt locken wirst.«

»Denkt, was ihr wollt, die Folge wird lehren, ob meine Worte wahr gewesen sind oder nicht.«

»Dann dürfte es zu spät sein.«

»So mißtraut ihr mir und wollt mir nicht folgen?«

»Doch, wir wollen es!« riefen die Offiziere einstimmig.

»So sattelt die Pferde!«

»Eine Minute, Begum, wir sind den ganzen Tag in Karriere geritten. Die Leute sind erschöpft, sie brauchen Erholung, wenn sie den Pallasch führen sollen.«

»Und ich? Habe ich nicht denselben Weg zurückgelegt? Ich habe den schwarzen See viel später als ihr verlassen.«

»So muß ich deine Widerstandskraft bewundern, Begum. Unsere Leute bedürfen indes der Ruhe, noch mehr die Rosse.«

»Dann verstehen die Engländer nicht zu reiten. Mein Pferd mußte schneller ausgreifen, und sieh, wie es unter mir tänzelt.«

»Mich deucht, das ist ein englisches Dragoner-Pferd,« sagte Kapitän Smith nachdenklich.

Die Begum lächelte.

»Wahrhaftig, das ist das Pferd von dem Deutschen, der aus dem Sattel geworfen wurde,« rief Russell, mit dem Deutschen August meinend.

»Du irrst dich nicht. Ich sah, wie der Mann, der wie ein Affe auf dem Rücken des Tieres hockte, abgeschleudert wurde, und ich fing das Pferd für mich. Doch genug davon! Wollt ihr meinen Plan hören?«

»Nenne ihn!«

»Wann können deine Leute reiten?«

»Noch vor dem ersten Sonnenstrahl; mit der Morgendämmerung werden sie im Sattel sitzen.«

»So können sie mit aufgehender Morgensonne vor der Burg sein. Haltet euch an der Biegung der Heerstraße versteckt, wo ihr von der Burg aus nicht gesehen werdet, von wo aus aber ihr die Turmspitze sehen könnt ...« »Und wenn Posten aufgestellt sind, die uns melden?«

»Das schadet nichts. Macht keine Miene, die Wachen zu überrumpeln; denn entkommt nur einer der Thags, so schadet euch das mehr, als ihr ahnt. gebt acht auf die Flaggenstange des Turmes. Solange die Flagge nicht weht, verhaltet ihr euch ruhig; weht sie am halben Stock, so kommt in langsamem Trab und gemächlich angeritten – das Tor werdet ihr offen finden; flattert die Fahne oben am Knopf, so gebt den Pferden die Sporen und kommt herangebraust, den Degen in der Faust – auch dann werde ich euch das Tor offen halten, und keine Granate soll in eure Reihen schlagen. Habt ihr alles verstanden?«

»Ja, aber ...«

Das Roß sank etwas in die Hinterfesseln und flog, von der Hand des Mädchens angetrieben, mit plötzlichem Sprunge aus dem Kreise. Im Nu waren die Hufschläge verklungen. Die Begum hatte deutlich zu verstehen gegeben, daß sie kein Aber hören wollte.

»Seltsames Mädchen!« staunten die Offiziere ihr nach. »Doch wir werden ihrer Aufforderung nachkommen. Hält sie es denn eigentlich mit uns oder mit den Rebellen? Warum hat sie denn gestern nacht die Wachen nicht getötet die sie überwältigte? So viel ist aber gewiß, wenn sie gegen uns kämpft, dann haben wir eine gewaltige Feindin zu fürchten.«

Die Offiziere wußten noch nicht, daß die Leiche der alten Indierin gefunden worden war, und daß der Mord nach dem Zeichen unbedingt der Begum zugeschrieben werden mußte.

Kolonel Harquis hatte keine Gelegenheit gehabt, noch vor dem Abritt der Dragoner davon Mitteilung zu machen.

– – – – – – – – – –

Burg Malangher glich einem aufgestöberten Ameisenhausen.

Die Hunderte von Thags, welche den Ausgang ins Freie genommen hatten, mußten bis zum Anbruch der Nacht in den Mauern verweilen; denn im Schatten der Dunkelheit sollte die heimliche Abreise der von nah und fern herbeigeströmten Fremden erfolgen, nicht, weil man wie früher die Polizei der englischen Gouvernements zu fürchten hatte, sondern weil es eben ein althergebrachter Brauch war.

Was unten im tiefsten Innern der Felsen vorging, wußten sie nicht direkt, nur so viel, daß die Gefangenen trotz allem dem sicheren Untergange geweiht waren. Sie verirrten sich in den dunklen Gängen, stürzten in Tiefen oder verhungerten. Den Ausgang fanden sie sicherlich nicht.

Noch kämpften Nacht und Tag um die Herrschaft, die schwächste Dämmerung war über das freundliche Tal gebreitet, in den Gängen der Burg war es noch vollkommen dunkel, als ein Knabe von acht Jahren, im Nachtgewand und die brennende Lampe in der Hand, aus einem Gemach auf den Korridor trat.

Das eilige Laufen auf den Gängen hatte ihn aus dem Schlafe geweckt, und die Worte, die er zurückrief, ließen darauf schließen, daß er sich von den Dienern nicht mehr durch leere Ausflüchte zurückhalten lassen wollte.

Er erschrak sofort; denn in diesem Augenblicke kam die große, herkulische Gestalt des Radschas Gholab vorüber, und die Lampe des Knaben beleuchtete ein um dessen Schultern gewickeltes, blutignasses Tuch.

»Was ist denn geschehen? Du bist verwundet! rief der Knabe entsetzt.

Der Oberguru der Thags zog beim Anblick des Knaben ein finsteres Gesicht.

»Nichts weiter!« entgegnete er rauh. »Was aber veranlaßt dich, Suradscha, zur nächtlichen Zeit deine Gemächer zu verlassen?«

Der Sohn des Schloßherrn fühlte sich durch diese Frage beleidigt.

»Darüber habe ich dir keine Rechenschaft zu geben,« erwiderte er stolz, »ich bin nicht mehr unter der Obhut der Frauen und kann meine Schritte lenken, wie mir beliebt.«

»Geh hinein! Ich bitte dich darum.«

»Nun erst recht nicht! Es ist ein Lärmen, Laufen und Hasten im Schloß, das ich mir nicht erklären kann. Was ist geschehen? Ich will es wissen!« »Nichts von Bedeutung!«

»Du verheimlichst es mir.«

»Ich bin nicht verpflichtet, deine Neugier zu befriedigen.«

Der Radscha trat dicht vor den Knaben hin.

»Geh in dein Zimmer zurück!« herrschte er ihn jetzt mit gedämpfter Stimme an. »Du bist noch zu jung, um zu begreifen, daß du uns jetzt im Wege bist.«

»Wie? Mir das?« rief der Knabe zornig. »Aly, Assam!«

Zwei Indier kamen aus dem Zimmer gestürzt, sie mochten dem Gespräch schon gelauscht haben.

»Radscha, es ist der Sohn dessen, der hier zu befehlen hat,« sagte einer von den Dienern, ein alter Mann. »Du hast wohl unten zu herrschen, nicht aber hier oben.«

Suradscha hörte nicht weiter zu, er eilte davon, wahrscheinlich um sich selbst von dem Grunde des ungewöhnlichen Lärms zu überzeugen. Dagegen gerieten nun die Zurückbleibenden scharf aneinander.

»Assam, du wagst es, mir so entgegenzutreten?«

»Die Rechte des mir Anvertrauten zu wahren, ist meine Pflicht.«

»Du weißt, Akkallah ist nicht mehr unter uns.«

»Wehe uns, daß es so ist. Um so mehr aber müssen wir jetzt Suradscha achten. Wäre es denn nicht möglich, ihn zu retten?«

»Tor, wolltest du den Tempel jetzt betreten? Akkallah war ein Verräter an uns.«

»Er hielt sein Wort, das er dem roten Mann als Mayadar gegeben hatte.«

»Ich habe ihn im Verdacht, die Gefangenen befreit zu haben.«

»Du lügst!« schrie der Diener, der an der nächtlichen Orgie teilgenommen zu haben schien. »Das hätte Akkallah nimmermehr getan.«

Da kam der Knabe zurück, er schien außer sich zu sein.

»Wo ist der rote Mann, der mich gerettet hat?« rief er leidenschaftlich. »In seinem Zimmer sind die Sachen, die er mitbrachte, er selbst ist nicht darin.«

»So suche ihn doch!« entgegnete Gholab gleichgültig.

»Du weißt, wo er ist.«

»Ich? Wie sollte ich? »So werde ich meinen Vater fragen.« Er wollte davoneilen, Gholab ergriff ihn aber beim Arm.

»Gib dir keine Mühe,« sagte er rauh, »auch deinen Vater wirst du nicht mehr finden.«

»Was?« schrie der Knabe entsetzt. Der Oberpriester schien Lust zu haben, den Unschuldigen gleich völlig in das einzuweihen, was in der Nacht vorgefallen war, er achtete nicht der warnenden Blicke des alten Dieners.

Da kam ein Mann hereingestürzt, ebenfalls mit verbundenen Wunden bedeckt. Es war Radschah Tipperah. Sein Gesicht drückte Angst aus, seine Augen wanderten ruhelos hin und her. Er sah nicht den Knaben, er sah nur den Oberguru, den er suchte.

»Dreimal verflucht sei dieser neue Tempel!« schrie er. »Das Unglück ist gekommen und bleibt bei uns! Gholab, rate uns! Was sollen wir sagen, wo Akkallah geblieben ist?«

Erschrocken ließ Gholab den Arm des Knaben fahren.

»Wer fragt nach ihm?«

»Ein Bote der Begum von Dschansi ist da, sie fordert Akkallah sofort zu sich nach Delhi.«

»Die Begum von Dschansi?« sagte Gholab, sichtlich erleichtert. »Bah, deshalb brauchst du mir nicht einen solchen Schrecken einzujagen. Wer ist der Bote?«

»Ein mir unbekannter Mann.«

»Wie kam er in die Burg? Die Wachen an der Straße hatten den Befehl, keinen Fremden mehr einzulassen.« »Das eben ist das Rätsel. Er ist plötzlich auf dem Burghof, steht vor mir und zeigt mir das Siegel der Begum.«

»So hat er sich eingeschlichen.«

»Wahrscheinlich, oder die Wachen sind nachlässig gewesen.«

»Den Tod über sie!«

»Ja, was nun? Der Bote ist da, er will Akkallah sprechen, und wir können ihn doch für tot halten.«

Ein unterdrückter Schrei erklang hinter den beiden. Sie achteten jetzt nicht darauf.

»Sicherlich ist er tot. Gab der Mann das Zeichen der Thags?«

»Nein.«

»Du weißt, was er will?«

»Er sagte selbst, die Begum wolle Akkallah sofort in Delhi sprechen. Ohne Verzug solle er dem Boten folgen.«

»So wundert er sich, daß die Burg so viele Menschen beherbergt?«

»Nicht im geringsten, er sieht sich nicht um.«

»Kennst du ihn denn nicht?«

»Er hat sein Gesicht verhüllt und will es mir nicht zeigen.«

»Mir soll er es enthüllen.«

»Aber was dann?«

»Bah, ich werde ihn ausforschen und dafür sorgen, daß er die Burg nicht wieder verläßt!«

»Wie, Gholab?« rief Tipperah erschrocken.

»Mit anderen Worten, es soll überhaupt kein Bote hier eingetroffen sein, wir wissen wenigstens nichts davon. Das Reisen in Indien ist sehr gefährlich. Wo ist er?«

»Der Schloßvogt hat ihm bereits ein Zimmer angewiesen.«

Gholab begab sich dorthin und stand bald einem kleinen Manne gegenüber, dessen Gesicht, wie bei einem Weibe, mit einem Kopftuch verhüllt war.

Nur einen Blick warf Gholab auf ihn, dann schlug er sich vor die Stirn.

»Sinkolin!« rief er. »Konnte ich mir nicht gleich denken, daß es kein anderer ist als du?«

»Wieso?«

»Deine geheimnisvolle Art, zu kommen! Kommst du wirklich, Akkallah zur Begum zu holen?«

»So ist es. Wo ist er?«

Gholab zögerte mit der Antwort.

»Er ist tot,« fuhr Sinkolin fort, »ich habe es bereits erfahren.«

»Von wem?« rief der Radschah bestürzt.

»Von diesem da!«

Sinkolin deutete nach einer Ecke, aus welcher sich mit geisterbleichem Gesicht und stieren Augen Suradscha erhob.

»Leugnest du auch noch jetzt, daß mein Vater ermordet worden ist?« rief derselbe. »Ich verlange, daß du mir den Mörder nennst, du kennst ihn, damit ich den Toten rächen kann.«

Gholab hatte nur ein Achselzucken.

»Ich weiß alles,« fuhr Sinkolin fort, »und was ich nicht weiß, kann ich mir ergänzen. Ihr, und ganz besonders du, habt nicht auf meinen Rat gehört, solange mit der Opferung der Gefangenen zu warten, bis ich die Einwilligung der Begum dazu habe. In vermessener Eile hast du sie hierherbringen lassen, um sie zu opfern, und ich glaube, sie haben sich befreit.«

»Befreit wohl, doch dem Tode entgangen sind sie nicht,« entgegnete der Radscha gedrückt.

»Wohlan, Gholab,« sagte Sinkolin mit erhobener Stimme, »merke dir, die Begum wird kommen und Rechenschaft von dir fordern.«

»Bah, wer ist denn diese Begum von Dschansi?« »Deine Gebieterin.«

»Ich erkenne sie nicht an.«

»Du mußt!«

»Ich will es aber nicht!«

»So bist du ein Feind Indiens. Wir werden darüber noch rechten. Solange ich hier verweile, verläßt keiner der Thags die Burg.«

»Ergeht dieser Befehl auch an mich?« fragte Gholab hochmütig.

»Ich sprach, nicht von dir, sondern von den Leuten.«

»Du tust, als hättest du hier zu befehlen.«

»Frage unten die Leute, ob einer nicht gehorchen will. Geh, ich will mit Suradscha allein sein! Daß du nicht versuchst, dich meiner zu entledigen!«

Sinkolin hatte recht gehabt. Keiner der Thags verließ im Laufe des Tages die Burg; denn den geheimnisvollen Mann fürchteten sie mehr als alles andere, sein Befehl galt so viel, als hätte die Göttin Kali selbst zu ihnen gesprochen, um so mehr, als er der Bote der Begum war, die als Tochter der Kali galt.

Eine drückende Schwüle lag den ganzen Tag über der Burg, es wurde nur in flüsterndem Tone gesprochen, die Chams und Gurus führten geheime Unterredungen; Sinkolin und Suradscha ließen sich nicht sehen.

Erst gegen das Ende der zweiten Nacht wurde es in der Burg plötzlich lebendig, flüsternd ging es von Mund zu Mund, die Begum von Dschansi selbst sei eingetroffen und verlange Rechenschaft von den Führern, wo die Gefangenen, ihre Gefangenen, geblieben seien.

Die einen glaubten, sie spreche schon mit den Führern, andere, die Begum würde erst am anderen Tage öffentlich Fragen stellen.

So war es auch.

Als der Tag begann, ertönten Signale, welche die Bewohner der Burg auf deren Hof zusammenriefen.

Unter dumpfem Murmeln sammelte sich die nach Hunderten zählende Menge um ihre Führer, und dort am Eingang zum Turmhaus, an dessen Spitze die Fahnenstange befestigt war, stand die Begum und besprach sich leise mit ihrem Boten und Suradscha.

Die meisten sahen dieses Mädchen zum ersten Male, denn sie waren Fremde; aber alle, alle hatten von ihr gehört, wußten, daß sie als die Tochter Kalis zur Befreiung Indiens ausgewählt sei, und beteten sie an.

Von jenem Manne an ihrer Seite gingen die abenteuerlichsten Gerüchte, er sollte der König der Gaukler, der Fürst der Geister sein, und so wanderten die Augen der Versammelten ehrfürchtig bald zu dem kleinen, vermummten Manne, bald zu dem kriegerischen Mädchen im Stahlschuppenkleid, welches jetzt auch ein langes Schwert an der Seite trug.

Die Augen der Chams, besonders die des Radschas Gholab, ruhten finster auf den beiden.

Sie waren nicht gewillt, sich in ihre priesterlichen Rechte eingreifen zu lassen, und wäre es auch durch die Hand der Tochter der Kali selbst. Sie glaubten eben selbst nicht an die von ihnen verbreitete Lehre.

»Man hat mir bis jetzt verheimlicht,« begann die Begum mit klarer, weithinschallender Stimme, »daß dies der Ort ist, wo die Opferfeste der Göttin Kali, der euer Kultus gilt, stattfinden. Wer ist der Oberpriester von euch?«

»Ich, Radscha Gholab!« entgegnete dieser und trat vor. »Zürne uns darum nicht, Begum! Es war noch nicht das Zeichen von der Göttin gegeben worden, daß wir dich, ihre Tochter, in die Geheimnisse der Phansigars einweihen sollen.«

»Es bedarf keiner Entschuldigung, ich habe gar keine Neigung, sie kennen zu lernen.«

»Begum, du bist die Tochter Kalis, die wir verehren.« »Eben darum ist deine Mahnung ganz unnötig; Behalte derartige Worte für dich, Gholab! Ich höre, daß in der gestrigen Nacht Gefangene geopfert worden sind.«

»Fragst du als die Begum von Dschansi oder als die Tochter unserer Göttin?«

Drohend runzelte das Mädchen die Stirn.

»Ich frage dich als deine Gebieterin.«

»Ich will antworten,« entgegnete Gholab, sich eines anderen besinnend; »ja, es wurden Gefangene geopfert, denn wir feierten das Fest der Devy.«

»Unter den Gefangenen waren auch jene, welche mir gehörten?«

»Dir gehören alle Bewohner Indiens, o, Begum.«

»Ich meine die Faringis, welche meine Leute in Delhi bei dem Aufstande gefangennahmen.«

»Du sagst es.«

»Ich gab den Befehl, sie nach einem verborgenen Schlupfwinkel im Pandschab zu führen, wo sie als Geiseln festgehalten werden sollten.«

»Du widerriefst den Befehl.«

»Ja, sie sollten zurückgebracht werden.«

»Weil du sie nicht mehr schonen wolltest ...«

»Das dachte ich damals. Ich gab den Befehl, sie nach Delhi zurückzubringen. Du aber, Gholab, hast sie nach Burg Malangher schleppen lassen, um sie zu opfern, wenn sie nicht schon gleich im Anfange hierhergebracht wurden. Wo sind sie nun?«

»Geopfert!«

Das Mädchen trat heftig einen Schritt auf ihn zu.

»Und das sagst du mir so gleichgültig? Wo sind sie, frage ich dich noch einmal?«

»Geopfert!« erklang es ebenso gleichgültig wieder.

»So will ich dir etwas anderes sagen. Jene Gefangenen, die mir gehörten, haben sich selbst befreit, sie sind zum Kampfe gegen euch gezogen ...«

»Woher weißt du das?« unterbrach sie Gholab bestürzt.

»Ich weiß es, laß dir das genügen. Nun aber will ich dich zur Rechenschaft für deine Handlungsweise ziehen. Du hast meinem Befehl getrotzt, hast die Thags aufgewiegelt, meiner zu spotten, und so will ich auch offen sagen, daß ich euch Thags hasse, die ihr in fanatischer Verblendung glaubt, durch Töten von Menschen die Kali zu ehren. Ja, ich hasse euch, denn ihr haßt auch alle die, welche nicht zu euch gehören und nicht die Vernichtung alles Lebendigen lieben, und zu letzteren gehöre auch ich. Ich habe beschlossen, die Thags auszurotten mit Stumpf und Stiel, und ich werde es ausführen. Der Tod ist euer aller Los, macht euch bereit zum Sterben.«

Wie versteinert stand alles da nach diesen mit erhobener Stimme gerufenen Worten. Der erste, der sich wieder faßte, war Gholab.

»Hört, hört!« schrie er. »Sie haßt die Thags und will sie vernichten. Und das soll die Tochter der Kali sein? Eine Betrügerin ist sie! Auf sie! Wir wollen ihr zuvorkommen!«

Er hatte gesehen, wie das Mädchen an den vom Turm herabhängenden Seilen gezogen hatte, und plötzlich flatterte hoch oben am Knopfe der Fahnenstange die Flagge der Burg.

Die Thags begriffen, um was es sich handelte. Sie wurden von einem Feinde bedroht; der Trieb der Selbsterhaltung war stärker als die Ehrfurcht; sie folgten den Chams, die sich auf die beiden Gestalten stürzen wollten; zwischen denen der Knabe stand. Überall blitzten blanke Waffen auf.

Noch einmal trat eine Pause ein.

»Die Faringis kommen!« erscholl der Ruf, aller Augen wendeten sich der Heerstraße zu, und da kam auch schon eine Schwadron von Dragonern herangebraust.

»Verrat!« schrie Gholab. »Die Tore zu!« Er wollte auf die Begum stürzen, doch er sah in ihrer Hand das zweischneidige Schwert und wich zurück.

»Begum, du eine Verräterin?« keuchte er.

»Eure Richterin! Kämpft!«

Ein furchtbarer Tumult entstand. Die Eingeschlossenen wollten nach dem Tore dringen, um es zu schließen, doch davor standen Sinkolin und das Mädchen, beide Schwerter in den Händen, und hielten die von Angst Gejagten mit tödlichen Streichen ab.

»An die Kanonen!« überschrie Gholab das Lärmen und eilte selbst nach der Pforte, die in den Turm und von da in die Felsengänge führte, wo zahlreiche Geschütze in Ketten hingen die Pforte war geschlossen, und eben schleuderte Suradscha den großen Schlüssel in weitem Bogen über die Burgmauer hinab in die Tiefe.

»Auch du, kleine Natter!« rief Gholab. »So stirb wie dein Vater!«

Mit diesen Worten ergriff er den Knaben bei den langen Locken und stieß ihm den Dolch in die Brust.

Die Begum hatte die Szene gesehen. Wild schrie sie auf und suchte sich mit dem Schwerte Bahn durch die Menge zu brechen.

Da donnerten schon die Rosseshufe über die Zugbrücke; die Dragoner, an der Spitze die Offiziere, stürmten herein, und nun begann eine Metzelei, welche der im Tempel der Kali an nichts nachstand.

Mitten unter den Kämpfenden war die Begum, auch sie schonte derer nicht, welchen sie Führerin sein wollte, denen sie die Freiheit versprochen hatte.

Nur Sinkolin beteiligte sich nicht an dem Kampfe, er nahm für keinen der beiden Teile Partei. Ruhig stand er neben dem Tore und sah gleichgütig der Vernichtung seiner Landsleute zu; sie waren der ungehorsam gewesen, die er, Sinkolin, auf den Thron Indiens setzen wollte.

Schwächer und schwächer wurde das Jammergeschrei der eingeschlossenen Thags.

Diejenigen, welche sich in den Kiosk, der den Zugang zum unterirdischen Tempel enthielt, geflüchtet hatten, fielen erst recht den Pallaschen der Engländer zum Opfer, sie standen wie zusammengepferchte Schafe da und ließen sich wie solche abschlachten; plötzlich aber geschah ein Knall, als wäre eine Tür gesprengt worden, und ebenso schnell verschwanden die letzten der Thags, darunter die meisten Priester, im dunklen Hintergrund.

»Ihnen nach!« schrie die Begum. »Hier gibt es einen geheimen Ausgang! Laßt sie nicht entkommen!«

Sie wäre beinahe die Treppe hinabgestürzt, die sich plötzlich vor ihr auftat, und welche die Fliehenden unter Führung des Obergurus benutzt hatten.

Wohl stürmten die abgesessenen Dragoner mutig dem Mädchen nach, um die letzten der Thags niederzumachen, aber hier umgab sie vollkommene Finsternis, und ehe Fackellicht herbeigeschafft ward, war keiner der Flüchtlinge mehr zu sehen.

Es mochten etwa hundert Thags gewesen sein, welche sich so gerettet hatten.

Man versuchte, die Begum an der Spitze, den Ausweg zu entdecken, den die Fliehenden genommen hatten, fand aber keinen. Überall starrte ihnen die nackte Felswand entgegen; sie verfolgten die Treppe bis zum Ende hinunter, aber keine Öffnung war vorhanden.

»Es gibt aber doch einen anderen Weg, den Tempel zu verlassen,« rief das Mädchen, »und die Thags haben ihn benutzt. Zurück denn, umzingelt die Burg, keiner darf uns entgehen.«

Die Dragoner gehorchten; sie stürmten zurück, und unter der Leitung Kapitän Smiths und des Mädchens waren bald das Tal und die Zugänge zu demselben besetzt. Nur ein kleiner Teil der Schwadron blieb in den Burgmauern selbst.

Stunde nach Stunde verging, aber es tat sich kein geheimer Ausgang auf, aus dem die noch fehlenden Thags gekommen wären. Die Offiziere berieten und konnten zu keinem Resultat kommen, die Begum wußte nichts von dem inneren Bau des Tempels, und wenn man ihren vermummten Begleiter fragte, so zuckte dieser nur die Achseln. Dennoch beschloß man zu warten.

Es war fast schon Abend geworden, als endlich etwas geschah, was mit der Flucht der Thags zusammenhängen mußte.

Die Luft wurde plötzlich von einer furchtbaren Detonation erschüttert, der Luftdruck war so gewaltig, daß die Soldaten wie von Kugeln getroffen zu Boden sanken, man hörte Steine prasseln, aber den Ort und den Effekt der Explosion selbst sah man nicht.

»Da laufen sie,« schrien mit einem Male die Dragoner von der Burgmauer herab und deuteten nach der Heerstraße.

Alles stürzte dahin, von wo aus man dieselbe übersehen konnte.

Am Ende der glatten Felswand, welche die Straße am Eingange des Tales einschloß, war plötzlich eine Bresche entstanden, und durch dieselbe waren die noch übrigen Flüchtlinge gekommen. Sie mußten sich also den Ausgang erst geschaffen haben.

Jetzt befanden sie sich schon in vollem Laufe, sie eilten der freien Gegend zu, und erreichten sie diese, so konnten sie sich zerstreuen und in dem dichten Gebüsch verschwinden.

Es brauchte nicht erst ein Befehl gegeben zu werden, die Engländer auf der Burg richteten schon die kleinen Geschütze, die man geladen fand, die übrigen griffen nach den Karabinern, aber sie kamen nicht zum Schießen.

Aus derselben Bresche stürzten plötzlich Leute hervor, in denen man die Gefangenen der Thags erkannte, Engländer; vorläufig waren es nur Männer, und sie verfolgten die Thags.

Sie nahmen die ganze Breite des Hohlweges ein, die Karabinerkugeln hätten sie getroffen, die Granaten sie vernichtet.

»Die Thags haben ein Weib geraubt!« schrie Kapitän Smith.

Es mußte so sein. Die Fliehenden schleppten eine weibliche Gestalt mit sich, welche durch ihr wundervolles, goldenes Haar auffiel, das wie ein Mantel sie umhüllte. Sie versuchte sich zu widersetzen, rang die Hände und schien die folgenden Engländer zu ihrer Rettung herbeizurufen.

Letztere kamen auch schnell näher, denn das mitgeschleppte, sich sträubende Weib hinderte die Fliehenden.

Da geschah etwas, was erst Entsetzen, dann eine wilde Wut bei allen hervorrief.

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