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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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8. Unheimliche Existenzen

Wir nehmen den Faden unserer Erzählung wieder da auf, als Franziska von Mirja den nach Flüchtlingen suchenden Indiern ausgeliefert wurde.

In wildem Triumphe schleppte man sie davon; man hatte nicht geglaubt, noch so spät eine Faringi zu finden, denn längst schon waren alle gefangen oder niedergemetzelt worden.

Das unglückliche Mädchen, das die Freiheit schon in der Nähe gewähnt, das bald mit dem Geliebten vereint zu sein gehofft hatte, sah sich um alles betrogen. Der einzige Trost war ihr daß sie als Gefangene Mutter und Schwester zu sehen bekommen und mit ihnen sterben würde, denn der Zorn hatte ja Mirja veranlaßt, ihr die ungeschminkte Wahrheit zu sagen.

An den Brief, den sie auf Veranlassung des Juden an ihren Geliebten geschrieben hatte, dachte sie nicht mehr. Sie wußte nicht, daß Sedrack auch noch jetzt davon Gebrauch machen könnte.

In den Straßen war es schon still geworden. Der aus etwa zehn starkbewaffneten Indiern bestehende Trupp begegnete nur wenigen Menschen; das fanatische Jauchzen und Schreien der sich frei wähnenden Rebellen war verstummt, dagegen erscholl manchmal aus Häusern, besonders aus ihren Kellern, wildes Gejohle, Lachen und Kreischen.

Heute war der Tag des Aufstandes, der Pöbel von Delhi glaubte nicht anders, als das, was er mit beschränkten Augen sah, wäre nun in Indien geschehen, das heißt, die Engländer seien ein für allemal aus Indien vertrieben, und dieser Tag der Freiheit mußte durch einen festlichen Abend beschlossen werden.

In den Häusern und Kellern wurden Orgien gefeiert, die öffentlichen Bajaderen spielten heute eine große Rolle, die Fürsten hatten dem Volke Vorräte überlassen, und in den Häusern hatten die Indier selbst Wein und Lebensmittel in Hülle und Fülle gefunden.

Je mehr sich der Trupp dem europäischen Viertel näherte, desto seltener kam er an solchen Höhlen mit vor Wein und Liebe Trunkenen vorüber; aber Franziska merkte auch, daß der Schritt ihrer Wächter immer zögernder wurde.

Sie besprachen sich lebhaft, hatten anscheinend einen Streit unter sich, und Franziska lauschte zum ersten Male dem Gespräch.

»Daß wir Narren wären und das Mädchen als Gefangene ablieferten!« sagte eben einer.

»Wie haben sie es denn in Mirat gemacht? Auf offener Straße hat man sie aufgehalten, und welche einem gefiel, die hat man auf der Stelle zu seiner Frau gemacht. Hahaha!«

»Es ging dem Befehl der Begum entgegen.«

»Nun, siehst du, und man hat es doch getan.«

»Die Begum wird die Ungehorsamen strafen.«

»Ach was, die Fürsten haben dasselbe getan! Übrigens, wer weiß denn, daß wir noch eine Gefangene haben? Kommt, laßt uns zurückgehen an unseren Versammlungsort, wo die andern schon lange schmausen und zechen. Diese Faringi soll uns das Fest verschönen. Wir losen, wem sie zuletzt gehören soll. Erst aber wollen wir einmal sehen, ob die weißen Mädchen so gut tanzen können wie die Bajaderen.

Sie standen eben im Lichte einer Laterne und betrachteten begehrlich das schöne Mädchen.

»Nun, ist sie nicht wert, daß wir sie mitnehmen?« fuhr der Versucher fort. »Ich sehe nicht ein, warum die Radschas allein die Faringis haben und wir uns mit den gewöhnlichen Bajaderen wie immer begnügen sollen.« »Auch die Radschas dürfen die Gefangenen nicht anrühren, die Begum hat es verboten.«

»Ah bah, das kann mir niemand weismachen, daß sie das nicht tun. Wer aber hat die Faringis aus der Stadt vertrieben, wir oder die Radschas? Wir sind es gewesen, wir haben gekämpft, und daher darf man uns auch die weißen Mädchen nicht vorenthalten.«

»Er hat recht, die Faringis gehören eigentlich uns,« stimmte einer der Sprecher nach dem anderen ein, der Mahner wurde nicht mehr gehört, und er mußte sich den Kameraden anschließen, die nun in schnellem Schritt zurückgingen.

»Nehmt sie in die Mitte! So! Ich hänge ihr den Mantel um, und wenn uns ein Führer anhält, so sagen wir, wir hätten eben noch Gefangene im Palast abgeliefert und gingen nun zurück. So, nun sieht das Weib gerade wie einer der Unsrigen aus. Hei, das soll ein Fest werden; wir wollen auch einmal eine Faringi tanzen sehen, nicht immer braune Haut.«

Er hatte ihr seinen Mantel umgehängt, und zwar auch über den Kopf, so daß von den blonden Haaren nichts mehr zu sehen war.

Franziska hatte begriffen, was man mit ihr vorhatte, und eine furchtbare Angst schnürte ihr das Herz zusammen. Gegen dieses Los war der Tod noch ein Glück zu nennen, besonders wenn sie mit Mutter und Schwester vereint sterben konnte. Ein Spielzeug dieser Indier werden? Nimmermehr! »Ihr dürft mich nicht behalten, ihr müßt mich als Gefangene ausliefern,« stieß sie hervor.

»Schweig, Mädchen! Wir tun, was wir wollen, denn wir sind die Herren,« sagte einer rauh.

»Eure Anführer werden euch strafen. Ihr müßt mich ausliefern, ich verlange es.«

»Hahaha, immer verlange du.«

»Ich werde euch anzeigen.«

»Das wirst du wohl nie können, dafür werden wir schon sorgen.«

»Hilfe, Hilfe!« rief Franziska plötzlich mit aller Anstrengung ihrer Lungenkraft. »Man will eine ...«

Eine Hand verschloß ihr den Mund, gleich darauf wurde ihr ein Tuch vorgebunden, man faßte sie links und rechts am Arm, und mit verdoppelter Schnelligkeit wurde sie weitergeschleppt.

Einige Gäßchen noch, dann hörte Franziska ein wildes Lärmen, das aus einem Keller drang. Die Indier waren an. Ziele.

Vor Franziskas Blicken eröffnete sich ein Gewölbe, von Öllampen und Fackeln notdürftig erhellt; gegen vierzig Männer lagen und hockten auf Teppichen umher, dazwischen leichtgeschürzte Mädchen, Bajaderen; man aß, trank, lachte und machte rohe Scherze, die Weiber tanzten in trunkener Lust, sie balgten sich, wälzten sich umher – kurz, die indischen Rebellen feierten eine Orgie nach ihrer Art.

Ein teuflisches Johlen empfing die Eintretenden; einen Augenblick entstand ein drückendes Schweigen, ein dumpfes Murmeln, als man die Faringi unter ihnen sah, als aber die Besorgnis beschwichtigt worden war, brach der Jubel in noch höherem Maße aus.

Franziska wurde von den Bajaderen in die Mitte genommen, man tanzte um sie, riß sie an den Haaren und zog sie so immer mehr in den Hintergrund des Gewölbes.

Dann gebrauchte man noch die Vorsicht, die Kellerfenster zu verhängen, und die Orgie, welche man nicht tierisch nennen konnte, weil nur Menschen solcher Ausschreitungen fähig sind, nahm ihren Fortgang.

Franziskas Hilferuf war nicht ungehört verhallt. Der liebe Leser wird sich entsinnen, daß Mirja das Haus ihres Vaters verlassen hatte, nachdem es ihr furchtbar zum Bewußtsein gekommen war, daß sie die Braut des Mannes, den sie mehr liebte als sich selbst, verraten und den Häschern ausgeliefert hatte.

Ziellos war sie durch die Straßen gejagt, bis der Hilferuf an ihr Ohr drang. Wenn sie die Stimme Franziskas auch nicht erkannt hatte, so ahnte sie doch, daß dies die Gesuchte sei.

Was sie eigentlich beabsichtigte, wußte sie selbst noch nicht. Nur retten, befreien wollte sie die Unglückliche, an deren neuem Unglück sie schuld war, und wenn sie, Mirja, dabei selbst ihren Tod fand, desto besser.

Da kam ihr der Trupp entgegen, es war derselbe, den sie in ihr Haus gerufen, und sofort wußte sie, daß die vermummte Gestalt in der Mitte Franziska war.

Ferner wußte sie auch sofort, warum man sie zurückführte; die Indier wollten die so spät gefangene Faringi nicht als Gefangene ausliefern, sondern für sich selbst behalten.

Mirja schmiegte sich in eine Ecke, ließ den Trupp passieren und folgte ihm. Das Haus, in dem er sich verlor, kannte sie durch ihren Vater, dem kein Schlupfwinkel, keine Lasterhöhle Delhis unbekannt war, denn er versorgte die Besitzer mit Wein, Opium und Mädchen.

Der trunkene Lärm, das Licht, das aus den Kellerfenstern drang, sagte ihr alles.

Sie fand einen Spalt, wo der Vorhang das Fenster nicht völlig deckte, und sah, wie die Bajaderen das blondlockige Mädchen in wirbelndem Rasen umtanzten, und wie die Männer in die Hände klatschten und Beifall brüllten.

Hier konnte Mirja allein nicht helfen; fort, nur fort und Hilfe herbeischaffen! Aber wie? Woher? Wer half jetzt einer Faringi? Ja, doch, eine Rettung gab es! Das Mädchen mußte erst vor diesen Indiern gerettet werden, sie war die Braut von Mirjas Gott, den sie anbetete, und wenn auch Franziska vorläufig in Gefangenschaft kam, besser war's, als hier verderben. Die Begum hatte befohlen, alle Gefangenen auszuliefern und zu schonen.

Blitzschnell jagten diese Gedanken durch den Kopf des Mädchens, und schon eilte sie wie auf den Flügeln des Windes durch die Gassen und Straßen, daß ihre Fußspitzen kaum das Pflaster berührten. War sie doch eine Jüdin und besaß den scharfen Verstand ihres Volkes, und dieser war, da sie als indische Jüdin jeder Willkür ausgesetzt, durch fortwährende Abwehr böswilliger Absichten noch besonders geschärft.

Ihre Gedanken waren nicht planlos, schon waren sie geordnet, ihr Entschluß gefaßt.

Eine Patrouille begegnete ihr. Sie rief den Anführer nicht zur Hilfe herbei, denn konnte er Franziska, anstatt sie zu retten, nicht ebenfalls zum Opfer seiner Leidenschaften machen? Nein, sie wollte sich direkt an die Quelle wenden, aus der die Befehle zur Schonung der Gefangenen entsprang.

In der Ferne tauchten hohe, erleuchtete Häuser auf; mit Sturmeseile flog sie dem europäischen Viertel zu. Die Grenze desselben mußte sie wenigstens erreichen.

»Haltet das Mädchen, eine Faringi!« schrieen die Soldaten der Patrouille und suchten sie zu halten.

Vergebens! Wie ein Windspiel huschte Mirja zwischen ihnen hindurch und war schnell hinter der nächsten Ecke verschwunden.

Dort jenes Haus war es, wo sie Hilfe suchen mußte – nicht die Befreiung, sondern die Gefangennahme Franziskas, aber doch die Rettung aus der Höhle des Lasters.

»Das ist das Haus,« hatte einst Sedrack zu ihr gesagt, »in welchem geschmiedet werden die Gegenpläne zu denen im Gouvernementspalast, und die, welche es bewohnt, heißt die Duchesse, ist das Weib des Nana Sahib und ist ebenso schön wie klug. Und das Mädchen, welches werden soll die Königin von Indien, wird gemacht hier drin dazu von der Duchesse.

Diese ist es, welche macht jedes und alles, und welche kann wickeln den mächtigen Nana Sahib um ihren kleinen Finger. Aber verrate nicht, was dir gesagt hat der alte Sedrack, weil er ist klug und weiß mehr als alle anderen.«

Das Haus war von oben bis unten erleuchtet, die Pforten standen auf. Auch hier wurde das Siegesfest gefeiert. Mirja flog an dem Torhüter vorbei, wurde aber auf das Schreien des getäuschten Mannes auf der Treppe von einigen eingeborenen Dienern festgehalten.

»Eine Jüdin!« riefen diese erstaunt und entrüstet, das Mädchen an der eigenartigen, bunten Kleidung als solche erkennend.

»Es ist Mirja, des alten Sedracks Tochter,« sagte einer. »Judendirne, wie kannst du wagen, hier einzudringen und durch deine verfluchte Gegenwart das Haus zu beschmutzen?«

Man hatte das als unreine Jüdin erkannte Mädchen schnell losgelassen, hielt es aber noch umringt, und es stand zu erwarten, daß es mit Faustschlägen hinausgejagt wurde.

Mirja benutzte die noch freie Minute.

»Ich will zu der Dame, welche man Duchesse nennt,« rief sie, so laut sie nur konnte, »ich muß die Duchesse sprechen!«

Unwillig über dieses Lärmen, wollte man sie zum Hause hinaustreiben, doch Mirja widersetzte sich mit Aufbietung aller ihrer Kräfte und rief nur um so lauter, daß sie der Duchesse eine Mitteilung von der größten Wichtigkeit zu machen habe.

»Was ist mit dem Mädchen? Warum wird sie mir nicht vorgeführt?« rief eine Stimme, und auf der ersten Treppenstufe stand Isabel in Gesellschaftstoilette.

»Herrin, eine Jüdin,« sagte der Torhüter, »sie ist ohne Erlaubnis in dein Haus eingedrungen und verunreinigt es.«

Isabel brauchte das Mädchen nicht erst zu sich zu rufen, Mirja war den Indiern schon entschlüpft, war hinaufgeeilt und hatte sich der Dame zu Füßen geworfen.

»Wenn du die Duchesse bist, auf deren Befehl die mächtigsten Radschas achten, o, so höre mich an,« flehte sie; »dein Befehl, die Gefangenen zu schonen, wird nicht befolgt, die Sepoys behalten sie für sich selbst.«

»Mein Befehl?« fragte Isabel verwundert. Dann schloß sie ganz richtig, daß hier ein besonderer Fall vorliegen müsse.

»Komm in das Zimmer! Du sollst mir erzählen, um was es sich handelt.«

In dem Raume befand sich Nana Sahib, denn er hatte mit Isabel eben eine Unterredung gehabt.

»Nun, was für ein Anliegen hast du?«

Mit fliegenden Worten erzählte Mirja, daß einige Indier ein Mädchen gefangen hätten und nicht abliefern würden, sondern bei einer ihrer Orgien verwenden wollten; der Befehl der Begum würde also nicht befolgt.

Die beiden Zuhörer sahen erstaunt erst das Mädchen, dann einander an und brachen dann gleichzeitig in spöttisches Lachen aus.

»Ja, wer bist du denn, daß du solchen Anteil an einer Faringi nimmst und so gewissenhaft darauf achtest, daß die Befehle der Begum, die du gar nicht kennst, befolgt werden?« fragte Isabel.

»Ich bin eine Jüdin und hasse die Faringis.«

»Nun, das Los der Faringi ist wenig beneidenswert.«

»Mein Vater ist ein schlauer Mann und hat mich eingeweiht in manches, was nur die Indier wissen. Jenes Weib, welches das Fest im Keller verherrlichen soll, ist die Braut des Lords Canning.«

»Wessen?« schrieen die beiden gleichzeitig.

»Des großen Gouverneurs von Indien, ich weiß es bestimmt.«

»Ah, und das sagst du erst jetzt?« rief Nana Sahib, riß einen Mantel von der Wand und warf ihn über sein von Gold und Edelsteinen strotzendes Festgewand. »Wo ist der Keller?«

»Ich werde dir den Weg zeigen.«

»Schnell, schnell, jede Minute ist kostbar!«

»Halt!« rief aber Isabel und hielt den Radscha zurück. »Bewahre dir den klaren Verstand, Nana Sahib!« Sie flüsterte ihm, für Mirja unverständlich, etwas zu; er sah sie erstaunt an, sein Gesichtsausdruck wurde ein ganz seltsamer, überraschter, und dann nickte er verständnisvoll mit dem Kopfe.

»Bei Brahma, Weib, deine Klugheit überrascht mich immer wieder! Mädchen,« wandte er sich dann an Mirja, »wissen die ungehorsamen Indier, daß es die Braut Cannings ist?«

»Ich weiß nicht, Herr.«

»Hast du es ihnen gesagt?«

»Nein.«

»Kein anderer Mensch weiß darum, daß die Braut Cannings in dem Keller ist?«

»Jedenfalls kein anderer als ich und jener Indier, das kann ich beschwören,« entgegnete Mirja.

Wieder flüsterten die beide zusammen; Mirja wurde ängstlich.

»Komm, Herr, ich will dich führen,« sagte sie, mit Gewalt ihre heimliche Angst so niederdrückend, daß es nicht wie ein Flehen klang, »die Indier sind trunken, und was ist das Mädchen noch, wenn wir zu spät kommen?«

»Du hast recht, fort denn! Führe mich!«

Nana Sahib folgte dem Mädchen, der Maharadscha hielt es nicht für unter seiner Würde, zu rennen, denn das, was ihm Isabel gesagt, hatte er als richtig erkannt. Die Gefangennahme Franziskas war für sie beide, nicht für Indien, von der weitest tragenden Bedeutung.

Einmal entstand eine Verzögerung.

Sie begegneten einer Abteilung regulärer uniformierter Sepoys. Nana Sahib gab sich dem Führer zu erkennen, der Trupp machte kehrt und fiel in Laufschritt.

Mirja überkam plötzlich ein unheimliches Gefühl, als sie den finsteren Führer leise Kommandos geben hörte, und wie die Soldaten ihre Gewehre knacken ließen.

Bald hatte man den Keller erreicht.

Der Radscha spähte durch die ihm von Mirja gezeigte Fensterspalte und erblickte das sich verzweifelt wehrende weiße Mädchen, dem eben die Kleider vom Leibe gerissen werden sollten. Die Gier der Männer, das jubelnde Heulen der betrunkenen Bajaderen war unbeschreiblich; im Gesicht der Unglücklichen war mehr als Todesangst zu lesen.

Plötzlich stand mitten unter der lebenden Menge eine kleine, breitschultrige Gestalt, ein donnernder Ruf erscholl, man sah das häßliche Gesicht eines Mannes, und furchtbares Entsetzen befiel alle, das sie zu Bildsäulen machte.

Unter ihnen stand Nana Sahib, genannt der Tiger.

Er streckte die Hand nach Franziska aus, und sie nahm dieselbe; denn eine Ahnung sagte ihr, daß dieser Mann ihr wenigstens Rettung vor Schande brachte.

»Wer ist der Besitzer dieses Kellers?« grollte der Radscha.

Ein alter Mann kam oder kroch vielmehr auf ihn zu.

»Wo sind die Ausgänge?«

Es gab außer dem nach der Straße nur noch einen.

Nana Sahib winkte; taktmäßige Schritte erschollen, zwanzig Sepoys marschierten mit geschulterten Gewehr durch den Raum und stellten sich vor der zweiten Ausgangstür auf.

Der Radscha verließ, an der Hand noch immer Franziska haltend, das Kellergewölbe. An den Stufen drehte er sich noch einmal nach den Indiern um, denen eine furchtbare Ahnung den Rausch plötzlich verjagt hatte.

»Auf euer Verhalten steht der Tod,« rief Nana Sahib, »ihr habt ihn verdient!«

Als Franziska auf der Straße war, hörte sie zwei indische Kommandos, den Befehl zum Chargieren und Feuern, Salve auf Salve krachte donnernd in dem Kellergewölbe, sich vermischend mit dem Schmerzgeheul der Getroffenen.

Kein Mensch verläßt diesen Keller lebendig, hatte Nana Sahibs Befehl an den Führer gelautet, und dieser gehorchte willenlos; seine Soldaten sandten Schuß auf Schuß unter ihre braunen Brüder und Schwestern; zuckend wälzten sich die Leiber der Männer und Bajaderen auf dem blutigen Estrich.

»Wo ist die Jüdin?« murmelte Nana Sahib auf der Straße und sah sich vergebens nach dem Mädchen um.

Er konnte Mirja nicht erblicken, aber es mußte ihm viel an ihr gelegen sein, denn lange spähte er nach ihr.

»Sie war es, die mich erst retten, dann aber den Indiern ausliefern wollte,« erklärte Franziska. »Hast du mich nun auch wieder gerettet, um mich neuer Schande auszusetzen? Ich kenne dich, Nana Sahib, und wenn du ein edler Fürst sein willst, so habe Erbarmen mit mir und stoße mir deinen Dolch ins Herz!«

»Fürchte nichts! Du kommst zwar in Gefangenschaft, doch in eine solche, wie sie der Braut des Generalgouverneurs gebührt.«

»Wie? So weißt du schon, wer ich bin?«

»Durch die Jüdin. Aber wo ist sie nur?«

Schließlich eilte er mit Franziska davon und dem Hause der Duchesse zu.

Isabel hatte ungeduldig gewartet und empfing Franziska mit möglichster Freundlichkeit.

Von dem Mädchen unbemerkt, tauschte sie mit Nana Sahib einen verständnisvollen Blick aus.

»Sie sind wirklich die Braut Lord Cannings?« fragte Isabel, das Mädchen scharf fixierend, und ihr Gesicht nahm immer mehr einen überraschten, zugleich aber auch bösartigen Ausdruck an.

»Ja, ich bin seine Braut vor Gott und der Welt,« entgegnete Franziska, hoch aufatmend, sich ebenso jetzt der englischen Sprache bedienend. »Sie sind keine Indierin, wie ich sehe, ich halte Sie eher für eine Engländerin, und obwohl ich mir nicht erklären kann, wie Sie als solche so vertraut mit unseren Feinden verkehren können, so wage ich doch, Sie um Hilfe und Schutz zu bitten.«

»Beides soll Ihnen zuteil werden. Irre ich mich, wenn ich Sie mit Franziska Reihenfels anrede?«

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Kennen Sie mich nicht?«

Franziska musterte die vor ihr stehende Dame und schüttelte den Kopf. Sie konnte sich nicht besinnen.

»Kennen Sie auch nicht das Haus, in welches Nana Sahib Sie geführt hat?«

»In der Verwirrung habe ich nicht darauf geachtet.«

»Sie sind im Hause der Duchesse.«

Franziska trat wie erschrocken einen Schritt zurück.

»Wie, so wären Sie selbst die – die – Duchesse?«

»Ja, ich bin's. Warum erschraken Sie deshalb« Immer drohender hafteten Isabels Augen auf dem jungen Mädchen; sie wußte recht gut, warum Franziska erschrak. Das war das Mädchen, wegen dessen sie, Isabel, von Lord Canning vernachlässigt, durch welches sie in ihrer Eitelkeit maßlos beleidigt worden war. Doch schnell zwang sie sich, wieder freundlich auszusehen.

»Sie – Sie haben einst als – als ...« stotterte Franziska.

»Als Spion gegolten,« ergänzte Isabel, »sprechen Sie es nur aus. Nun staunen Sie, daß man sich damals wirklich nicht getäuscht hat, und ich kann Ihren Schrecken begreifen. Seien Sie beruhigt, bin ich auch eine Feindin Englands, so bin ich doch nicht der Feind eines jeden, der in England geboren worden ist. Miß, wollen Sie sich meinem Schutze anvertrauen?«

Die letzte Frage war ganz leise gestellt worden, Isabel war noch näher zu ihr getreten.

Was sollte Franziska denn anders antworten.

»Gewiß, ich will es, und ich danke Ihnen!« rief sie. »Nicht so laut,« warnte Isabel, scheinbar erschrocken, »Sie müssen mich verstehen. Ihr Los ist eigentlich das der anderen Gefangenen, das heißt, der Tod. Aber ich besitze vor Lord Canning eine zu große – eine zu große – nun, nennen Sie es meinetwegen Hochachtung – als daß ich zulassen könnte, daß seine Braut eines elenden Todes stirbt. Im Gegenteil, ich will versuchen, Sie mit ihm zu vereinen, nur müssen Sie mir versprechen, sich unter meinen Schutz zu stellen.«

Franziska war außer sich vor Freude. Aber ein zweifelnder Blick traf Nana Sahib, der schon lange als blutdürstiger Mensch gegolten hatte.

»Da ich vor Nana Sahib kein Geheimnis habe,« fügte Isabel schnell hinzu, »so müssen Sie schon daraus schließen, daß er mit meiner Absicht einverstanden ist.«

»O, wie soll ich Ihnen danken!« flüsterte Franziska und warf sich dem Weibe zu Füßen.

»Und dennoch wage ich, um mehr zu bitten. Wenn Sie die Macht haben, mich zu schützen, dann können Sie auch etwas für meine gefangenen Angehörigen tun, sie befreien.«

»Sie verlangen viel, auch überschätzen Sie meine Macht,« lächelte Isabel, »doch will ich sehen, was sich tun läßt. Die Gefangenen stehen unter der Aufsicht der Begum von Dschansi, welche ihnen den Tod geschworen hat. Sie müssen mir also versprechen, sich ganz ruhig in diesem Hause in den Ihnen angewiesenen Gemächern zu verhalten, ohne auch nur das geringste Zeichen Ihrer Gegenwart zu geben; denn erfährt die Begum von Ihrer Anwesenheit, so verlangt sie Ihre Auslieferung, Sie sind unwiderruflich verloren, und ich habe mich der größten Gefahr ausgesetzt.«

»Ich will mich geduldig in alles fügen. O, wie habe ich mich in Ihnen getäuscht!«

»Ich verzeihe Ihnen,« lächelte Isabel; »geben Sie ein andermal nichts auf die öffentliche Meinung. Kommen Sie, ich selbst will Ihnen die Zimmer anweisen, die Sie fernerhin nicht verlassen dürfen, und Ihnen den treuen Diener vorstellen, der Sie bedienen wird und der in diesem Hause allein um Ihre Anwesenheit weiß!«

Franziska folgte dem vorausschreitenden Weibe, Nana Sahib nahm von ihr mit einer höflichen Verbeugung Abschied.

Schon wenige Minuten später trat Isabel wieder ein, ihre Augen strahlten in wilder Glut.

»Jetzt gehört sie unser, Nana Sahib, und wir haben in ihr ein Mittel, durch welches entweder wir uns selbst einmal retten, oder durch welches wir uns an dem stolzen Canning furchtbar rächen können. Ich sage dir, Nana Sahib, wir haben jetzt gegen den stolzen Gouverneur eine furchtbare Waffe.«

»Sie bleibt hier?«

»Sie verläßt dieses Haus nicht.«

»Findest du das sicher?«

»Innerhalb der Mauern Delhis gibt es kein sichereres Versteck als dieses Haus, und fallen jene, so wird mich dieses Haus dennoch schützen. Franziska muß unbedingt hierbleiben. Wie unglaublich harmlos doch dieses Mädchen ist, hahaha! Nun noch eins, Nana Sahib! Wußten jene Männer im Keller, daß sie die Braut von Lord Canning ist?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was? Du hast dich nicht darnach erkundigt?«

»Nein.«

»Es darf aber niemand anders wissen als wir, daß sie es ist. Begreifst du denn das nur gar nicht?«

»Doch, und ich habe dafür gesorgt, daß jene Indier nicht plaudern können.«

»Wie das?«

Nana Sahib machte eine Handbewegung, und das Weib hatte ihn verstanden. Keiner lebte mehr, der davon hätte sprechen können. Sie forschte nicht weiter.

»Und die Jüdin?«

»Ja, das ist es. Diese fehlt.« »Sie fehlt?« rief Isabel erschrocken. »Und gerade sie weiß alles. Warum überhaupt nimmt sie solch einen Anteil an der Braut Lord Cannings? Das kommt mir verdächtig vor. Ha, wer hat uns hier zu belauschen?«

Die letzten Worte galten der Gestalt, welche an der Portiere stand und vielleicht alles gehört hatte.

Es war Mirja, die Nana Sahib gefolgt und der nichts von dem Gespräch entgangen war.

Mit furchtbarer Klarheit wurde ihr plötzlich bewußt, daß Franziska auch hier verloren, daß aber auch sie selbst verloren war, denn sie war Zeuge eines Gesprächs geworden, das sie nicht hätte hören dürfen.

Ihr Schreck war so groß, daß sie keine Antwort fand. Ihre großen Augen ruhten erschrocken auf dem Weibe, das mit zornigem Antlitz vor ihr stand.

»Ah. das ist ja die Jüdin!« rief jetzt Isabel.

»Gut, daß du kommst! Ich habe allerdings noch einige Fragen an dich zu stellen, jetzt aber ist keine Zeit dazu. Ich will dir einstweilen eine Unterkunft anweisen, wir sprechen uns noch. Babur!«

Der schon oft erwähnte, eingeborene Diener mit dem vertierten Gesicht trat ins Zimmer.

»Führe dieses Mädchen in eins der Zimmer für fremde Diener. Du bürgst mir mit deinem Leben dafür, daß ihr nichts geschieht, wenn sie auch eine Jüdin ist.«

Babur unterdrückte ein Grinsen. Der Befehl hatte ein Stichwort enthalten, das den Befehl in einen ganz anderen verwandelte.

»Geh, folge meinem Diener!« sagte Isabel freundlich zu Mirja. »In Delhi ist es nicht sicher, bei mir aber bist du gut aufgehoben.«

Willenlos folgte Mirja dem Vorausschreitenden. Sie war vollkommen davon überzeugt, daß man etwas Böses gegen sie vorhabe, daß wahrscheinlich ihr Leben bedroht war, wußte aber nicht, wie sie dem vorbeugen sollte.

Flucht konnte ihr nicht helfen, denn auf den winkligen Gängen wimmelte es von Dienern, und Babur hatte sie fest am Handgelenk gepackt.

Sie mußte einige Treppen hinabsteigen, es ging in einen Keller, und Babur leuchtete mit einer Lampe.

»Folge mir nur sorglos,« beruhigte er sie, »das Haus ist arg verbaut. Um in den anderen Flügel zu kommen, muß man erst durch den Keller. Ist der Baumeister nicht verrückt gewesen?«

Mirja konnte auf den Scherz nicht eingehen. Immer furchtbarer wurde ihr bewußt, daß man sie töten wolle. Vielleicht schloß man sie in ein Kellergewölbe und ließ sie verhungern.

Wie unbedacht war sie doch gewesen, als sie sich beim Lauschen ertappen ließ! Babur hielt sie nicht mehr fest, aber wie hätte sie fliehen können in diesem dunklen Kellergang? Sie wäre sofort wieder eingeholt worden.

Doch was hatte man mit ihr vor? Was mit Franziska? Jetzt wurde der Gang sehr schmal, Babur ging schneller und forderte das Mädchen mit gutmütig klingenden Worten auf, ebenfalls etwas schneller zu gehen.

Plötzlich fühlte Mirja den Boden unter ihren Füßen nachgeben, eine Art Klappe schlug nieder, und sie stürzte jäh hinab in eine Tiefe, viele Meter tief.

Sie fiel in kaltes Wasser; infolge des Sturzes tauchte sie tief unter, und ehe sie wieder in die Höhe getrieben wurde, war ihr die Besinnung geschwunden.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –– – – – – – – –

Was mit ihr vorgegangen war, wußte Mirja nicht. Sie glaubte aus einem langen, tiefen Schlaf, oder aber aus dem Tode zu einem anderen Leben zu erwachen. Die erste Empfindung war eine wohltuende Wärme des ganzen Körpers, ein seliges Gefühl überkam sie, wie den, der nach langer Todesgefahr endlich einen sicheren Ort erreicht hat. Wieder lag sie lange in einem solchen Zustande da, ohne sich an irgend etwas erinnern zu können. Mit vollem Behagen genoß sie die Wärme, die ihren Körper umgab.

Nach und nach kam ihr zum Bewußtsein, daß sie dem Tode des Ertrinkens entgangen war. Sie konnte sich besinnen, wie das Wasser sie zu ersticken drohte, wie sie gegurgelt hatte.

Aber wo in aller Welt war sie jetzt? Gab es nach dem Tode ein anderes Leben? Wahre Juden wissen weder etwas von einem Paradies noch von einem Fortleben der Seele nach dem Tode, denn im alten Testament steht nichts davon. Abraham, Isaak, Jakob, Moses und alle anderen starben und wurden begraben', kein Wort davon, daß Gott ihre Seelen zu sich nahm.

Diese Lehre findet man erst im neuen Testament, das für die Juden nicht existiert.

»So gibt es also doch ein Paradies?« dachte Mirja.

Weiter konnte sie aber auch vorläufig nichts denken, sie gab sich ganz dem seligen Gefühle hin.

Schade nur, daß, wenn sie mit den Augen blinzelte, diese ein solch greller Lichtschein traf. Das mußte die Sonne sein, in deren unmittelbarer Nähe sie sich wahrscheinlich befand.

Also auch im Himmel konnte man sich doch über etwas ärgern.

Mirja seufzte leicht und wendete sich etwas um, so daß der Lichtschein nicht mehr ihre Augen traf, und dies befriedigte sie wieder.

Bei dieser Bewegung wurde sie aber zugleich inne, daß sie in Decken gehüllt war, und zwar kam ihr nackter Körper mit diesen in Berührung. Jetzt erschrak sie zum ersten Male, denn Mirja war ein unschuldiges Mädchen und besaß Schamgefühl.

Es war dies der beste Beweis, daß sie noch unserer Erde angehörte, doch daran dachte sie im Augenblick nicht.

Mit Zentnerschwere fiel es ihr sofort aufs Herz, daß fremde Hände sie entkleidet und hier gebettet hatten.

Und was war denn das? Roch es hier nicht wie nach gebratenen Fischen oder nach ausgelassenem Fett? Im Himmel? Erschrocken schlug sie die Augen auf, und ihr Blick fiel sofort auf eine Gestalt, die ihr gegenüberlag.

Um Gottes willen, was für ein Geschöpf war das? Wohin war sie denn nur geraten? Wieder glaubte sie fast, nicht mehr den Lebenden anzugehören.

Hinter ihr und ihr gegenüber zogen sich lange, schwarze Mauern hin, die sich in Dunkelheit verloren. In ihrer Nähe steckte in einer Spalte der Wand eine brennende Fackel und verbreitete ein unsicheres, flackerndes Licht. Ein anderes Feuer, von Holzscheiten genährt, brannte in einiger Entfernung von ihr, Stäbe waren davor aufgesteckt, und an denselben hingen ihre dampfenden Kleider, selbst ihr Hemd.

Sie selbst lag, weich gebettet in wollene Decken, dicht an der Wand, auf ihrer anderen Seite waren große Holzblöcke aufgebaut, und sie erkannte den Zweck derselben, als sie den Kopf etwas hob und über sie hinwegschaute.

Ihr Blick fiel in ein Gewässer, welches in einer Breite von etwa zwei Metern in einem gemauerten Kanal dahinfloß, und der Platz, auf dem sie lag, war also nur so eine Art von Galerie, nicht breiter als einen Meter. Die Holzblöcke sollten ein etwaiges Herabfallen des schlafenden Mädchens verhindern.

Jenseits des Wassers befand sich ein ebensolcher Uferrand, und auf diesem brannte das Feuer. Im Scheine desselben konnte Mirja einige Hausgerätschaften erkennen, wie Töpfe, einzelne Felle und abgetragene Kleider, und in einer Ecke lag ein Haufen von Gegenständen, bei deren Anblick man sich in einem Trödlerladen versetzt glaubte. Alles nur Denkbare war dabei vertreten, alte Hüte und Stiefel, verrostete Degen, Schwerter, Dolche, Pistolen, und Revolver, Kleidungsstücke aller Art, Ballen von Lumpen, Kisten und Kästen usw. usw. Was aber bei Mirja Furcht und Grausen hervorrief, war die Gestalt, welche langausgestreckt vor dem Feuer lag, sich daran wärmte und einer Holzpfeife dichte Tabakswölkchen entlockte.

Es war wohl ein Mensch; aber welche Mißgeburt! Der große Kopf war über und über mit langen, schwarzen Haaren bedeckt, selbst das Gesicht, aber nicht etwa in Form eines Bartes. Das Haar ließ nur wulstige Lippen und kleine, schlitzförmige Augen erkennen, welche beständig zwinkerten.

Ebensolche Haare bedeckten den ganzen Körper, die Brust, wie die Glieder, und infolge dieses natürlichen Felles bedurfte der Mann nicht der geringsten Bekleidung. Von Gliedern konnte man übrigens fast nicht sprechen, denn auch diese waren ganz abnorm.

Den Beinen fehlten die Schenkel, die Füße saßen dicht am Unterleib, ebenso waren die Arme höchstens einen Viertelmeter lang. Auch ihnen fehlte das Gelenk, und dadurch sah es fast aus, als hätte er Mühe, die Pfeife nach dem Munde zu führen. Jede Bewegung mußte er mit dem ganzen Arme ausführen.

Die Hände waren ungeheuer groß und unförmig, Finger gab es nicht, nur Stumpfe zwischen die die Pfeife geklemmt war. Sie hatten fast ganz das Aussehen von Schaufeln, und Mirja, die an einen Affen geglaubt hätte, wäre der Gesamteindruck nicht doch ein menschlicher gewesen, war zuerst geneigt, dieses Ungeheuer für das Mittelding zwischen einem Menschen und einem Bären zu halten, wenn sie nicht schnell gefunden hätte, daß diese Gestalt eher einem Maulwurf ähnelte.

Besonders die schaufelartigen Hände erinnerten an einen solchen.

Richtete sich die Gestalt in die Höhe, so mochte sie vielleicht einen Meter hoch sein; denn nur die Länge des Oberkörpers kam dabei in Rechnung. Aber es war sehr die Frage, ob die Mißgeburt überhaupt sich aufrichten und gehen konnte.

Der Mann hatte gemerkt, daß Mirja erwacht war, und richtete jetzt seine zwinkernden Augen auf sie. Das Licht schien seinen Augen zu schmerzen; man kam auf die Vermutung, daß sie wie die des Maulwurfes nur im Finstern sahen, im Lichte blind waren.

Als er nach dem Mädchen hinüberblinzelte, machte sein Gesicht unbedingt einen gutmütigen Eindruck.

Doch welche Seele konnte denn solch eine scheußliche Mißgeburt beherbergen! Mirja schrie plötzlich entsetzt auf, denn dicht unter ihr tauchte aus dem Wasser der ungeheuere, gepanzerte Kopf eines Krokodils auf, das sie mit seinen großen Augen wie neugierig anstarrte.

»Fürchte dich nicht,« grunzte es da drüben von den bärtigen Lippen, »unser Liebling tut dir nichts. Komm, Tausendzahn, der du unser Haus besser als ein Hund bewachst, ich habe etwas für dich.«

Das Tier schwamm langsam hinüber und öffnete den von spitzen Zähnen starrenden Rachen, so daß man sah, wie der Name Tausendzahn recht treffend gewählt war.

Der Mann griff hinter sich, wobei er sich seines ungelenken Armes wegen halb umwälzen mußte, und brachte einen großen, rohen Fisch zum Vorschein, den er mit der Hand in den ungeheuren Rachen schob, wie man einen Hund füttert. Das Tier verschlang den Leckerbissen und tauchte wieder unter.

»Tausendzahn hat ihn zwar erst selbst gefangen und uns gebracht, aber er freut sich, wenn man ihn etwas davon abgibt,« grunzte es drüben weiter. »Nun, mein Töchterchen, hast du ausgeschlafen?«

Der Mann sprach Hindostanisch. Seine Worte waren schwer zu verstehen, sie klangen nur wie ein Grunzen, aber es lag darin etwas so Wohlwollendes, daß Mirja plötzlich alle Furcht verlor.

»Wo bin ich denn nur?« fragte sie leise. »Wo du bist, kann ich dir eigentlich selbst nicht sagen. Du bist unter der Erde und bei Menschen, die weder dir noch irgendeinem anderen etwas Böses zufügen wollen. Damit mußt du zufrieden sein. Es ist schon lange her, seit ich hierher kam, daß ich gar nicht mehr weiß, wo ich mich eigentlich befinde. Hier ist es sicher, hier ist es schön, ach, so schön!«

Mirja hatte wohl die Worte, doch nicht den Sinn verstanden. Was sollte hier so schön sein? »Also ich lebe noch?« fragte sie weiter.

Der Mann stieß ein kurzes, gemütliches Lachen aus und wendete die Kleidungsstücke am Feuer um.

»Natürlich lebst du noch, mein Töchterchen,« entgegnete er, »die Sonne scheint freilich nicht hierher, aber auch hier unten gibt es viel Leben.«

»Wie kam ich hierher?«

»Weißt du das nicht selbst? Kulwa brachte dich hierher, er hat dich da gefunden, wo er schon manchmal Leichen gefunden hat, die er dann stets schnell forttreiben läßt, damit sie nicht die Luft hier verderben und uns krank machen. Kulwa glaubt ebenso wie ich, daß es da oben böse Menschen gibt, welche andere in das Loch werfen. Ist der Fluß nicht hoch, dann stürzen sie auf die Steine und sind gleich tot, ist das Wasser aber hoch, so fallen sie dahinein und ertrinken, auch wenn sie schwimmen können, denn das Loch ist zu eng. Erst neulich fand Kulwa ein totes Mädchen, es war auf den Steinen zerschmettert. Du bist ins Wasser gefallen, und Kulwa kam gerade noch dazu, um dich zu retten.«

Im Nu hatte sich Mirja alles dessen erinnert, was mit ihr geschehen war.

»Wer ist denn Kulwa?«

»Mein Sohn.«

Es klang fast wie ein Seufzer.

»Warum heißt er denn Frosch? Das ist ein häßlicher Name.«

»Er sieht wie ein Frosch aus, darum habe ich ihn so genannt. Wie sehe ich denn aus?«

Mirja zögerte, bis sie noch einmal aufgefordert wurde, ihre Meinung auszusprechen.

»Fast wie ein Maulwurf,« entgegnete sie dann.

Der Mann stieß wieder jenes kurze Lachen aus, welches an das gemütliche Brummen eines Bären erinnerte.

»Da hast du auch ganz recht, ich bin ein halber Maulwurf, und deswegen nennt mich Kulwa auch so – ich heiße Phangil.«

»Und Kulwa hat mich gerettet?«

»Ja.«

»Du sagtest vorhin, in dem Bache, in den ich stürzte, könnte niemand schwimmen. Wie konnte mich Kulwa denn dann retten?«

»O, Kulwa ist ein Frosch, und der kann überall schwimmen. Wie bist du denn hinabgestürzt? Wir sind sehr neugierig, zu erfahren, warum wir dort schon so viele Leichen gefunden haben.«

»Ich wurde hinabgeworfen.«

»Hinabgeworfen?« rief der Mann erschrocken.

»Von wem denn?«

»Von denen, die meinen Tod wollten, weil sie mich fürchteten. Sie ließen mich ahnungslos in jenes Loch stürzen.«

»Es war oben?«

»Wo oben?«

»Da, wo noch die Sonne scheint, oben auf der Erde?«

»Ja.« »Und sind denn dort die Menschen so böse, wo die schöne Sonne immer scheint? Ach ja, ich weiß, ich weiß,« fügte er seufzend hinzu, keine Antwort auf seine Frage mehr erwartend.

»Warum wollten sie dich denn töten? Hast du ihnen etwas getan?«

»Gar nichts.«

»Ich weiß, ich weiß. Erzähle mir nichts mehr davon. Hier ist es schön, hier bist du sicher, hier gibt es keine bösen Menschen.«

Er befühlte mit seinen unförmlichen Fingern Mirjas Kleidungsstücke und nickte befriedigt mit dem haarigen Kopfe.

Dann zog er ein langes Brett hervor und legte es mit einer Kraft über das dunkle Gewässer, die man den kurzen Armen gar nicht zugetraut hätte.

Mirja wurde wieder etwas ängstlich, denn jetzt schien er ihr über die so hergestellte Brücke hin einen Besuch abstatten zu wollen. Dem schüchternen Mädchen fiel auch wieder ein, daß es nackt war, und wer hatte es ausgezogen? Der Mann nahm die Kleider von den Stöcken, drückte sie mit der einen Hand gegen seine zottige Brust und lief wie ein Tier, der freien Hand sich als Stütze bedienend, über das Brett.

»Komm, Töchterchen,« sagte er gutmütig, »die Kleider sind trocken. Ich will sie dir anziehen helfen, du sollst es gut bei uns haben, und es wird dir schon hier gefallen.«

Das klang, als sollte Mirja in dieser ewigen Nacht für immer bleiben.

»Nein, nein,« rief sie und wickelte sich noch fester in ihre Decken, »bleibe drüben, bleibe nur!«

»Aber warum denn? Ich tue dir nichts!«

»Ich mag nicht, daß du mir hilfst!«

»Warum denn nicht? Ich tue es gern, so schwer es mir auch wird. Wir wollen dich auch gut pflegen, wenn du uns manchmal behilflich bist. Ach, du sollst es so gut bei uns haben!«

»Ich mag aber nicht! – Und wer hat mich ausgezogen?«

»Kulwa und ich.«

Das Mädchen schauderte, wenn es an die schaufelförmigen Hände dachte. Und wie mochte wohl jener Frosch erst aussehen! Während sie bewußtlos gewesen, hatten diese menschlichen Ungeheuer sie also völlig entkleidet.

»Ich mag nicht!« schrie Mirja.

»Bleibe drüben! Wenn ich mich ankleiden soll, so will ich es selbst tun, aber du darfst nicht hiersein!«

Der Mann schien ihre Weigerung gar nicht zu verstehen, er lachte wieder so gemütlich.

»Warum soll ich dich denn nicht anziehen?«

»Schäme dich, mir solche Schande zu bereiten!«

»Ich verstehe dich gar nicht ...«

»Laß das, Vater!« erklang da eine quakende Stimme. »Du kannst das eben nicht verstehen, weil du hier unten alt geworden bist. Ich aber weiß, wie es auf der Erde unter der Sonne zugeht. Verschone also das Mädchen, Phangil!«

Mit neuem Schaudern sah Mirja einen Kopf aus dem Wasser auftauchen, der halb einem Menschen, halb einem Frosch anzugehören schien.

Es war Kulwa, jenes mißgestaltete Wesen, dessen Äußeres dem Leser schon beschrieben wurde.

Zugleich erschien auch das Krokodil wieder neben ihm und schmiegte sich wie liebkosend an seinen Herrn.

Vorläufig konnte Mirja noch nichts weiter als den Kopf des Mannes und seine Hände sehen, die er auf den steinernen Rand des Ufers gelegt hatte.

Dann schnellte er plötzlich in die Höhe und lag auf dem Leibe am Ufer, die abgestorbenen Beine wie Stangen weit ausstreckend. Jetzt machte er noch mehr den Eindruck eines Frosches, er sah, wie das Mädchen schauderte, und es war, als ob ein bitteres Lächeln um seinen ungeheuer breiten Mund schwebte.

In ihrer Furcht bemerkte Mirja nicht den seltsamen Umstand, daß von seinem Körper nur wenige Tropfen Wassers das Ufer netzten, gerade, als könne das nasse Element überhaupt nicht an seiner Haut haften. Er schien ein vollkommener Wasserlurch zu sein.

Wie vorhin Phangil, so erkundigte auch er sich jetzt, ob Mirja gut geschlafen habe, und ob sie sich wohlfühle, und das Mädchen hörte aus seiner quakenden Stimme eine tiefe Teilnahme heraus.

Auch vor diesem neuen, unheimlichen Geschöpf verlor sie plötzlich alle Furcht.

»Wie heißt du?« fragte es dann.

»Mirja.«

»Mirja? Den Namen habe ich nie bei den indischen Mädchen gehört, die ich belauscht habe, wenn sie badeten.«

»Ich bin eine Jüdin.«

»Was ist das?«

»Wie, das weißt du nicht?«

»Nein.«

»Das kann ich dir erklären,« sagte Phangil in wichtigem Tone. »Die Juden sind jene Menschen, die von anderen verachtet oder gar nicht für Menschen gehalten werden. Ist es nicht so, mein Töchterchen?«

»Ja,« gab Mirja kleinlaut zu, in der Meinung, nun sei es auch mit der Freundlichkeit dieser Geschöpfe vorüber. Doch sie hatte sich getäuscht.

»Ich weiß nicht, was für ein Unterschied dabei ist,« sagte Kulwa kopfschüttelnd. »Komm, Phangil, wir wollen uns entfernen; denn ich weiß, daß die Weiber auf der Erde schamhaft sind, oder sie glauben wenigstens, man dürfe sie ohne Kleider nicht sehen. Kleide dich ruhig an, Mirja, und rufe, wenn du fertig bist.«

Der Froschmensch glitt ins Wasser zurück und schwamm mit einer Schnelligkeit davon, die der des ihn begleitenden Krokodils an nichts nachstand. Die beiden schienen sich gut zu kennen.

Der andere dagegen trabte wie ein Tier auf allen vieren den Uferrand entlang und verschwand in der Dunkelheit.

Mirja wartete noch eine Zeit ängstlich, dann warf sie schnell ihre trockenen Kleider über und merkte nun, wie ihr Sicherheitsgefühl immer mehr zurückkehrte.

Von diesen beiden hatte sie anscheinend nichts zu fürchten! Was für Menschen aber waren das eigentlich? Wie kamen sie hierher? Wovon lebten sie? Diese Fragen beschäftigten Mirja nur insofern, als es sich um ihre eigene Person handelte, denn sie wollte doch nicht für immer hier unten bleiben.

Ein dunkles Gefühl sagte ihr nämlich, daß die beiden es als ganz selbstverständlich betrachteten, daß ihre neue Genossin bei ihnen ausharren werde, und sie schauderte bei diesem Gedanken zusammen. Auch fiel ihr wieder Franziska ein, Lord Canning, wie sie diesem die Braut geraubt hatte, und von neuem nahm sie sich vor, die Rettung des Mädchens doch noch zu versuchen.

Konnten ihre neuen Freunde sie dabei unterstützen? Vorläufig wußte sie noch nicht, auf welche Weise dies möglich sei.

In solche Grübeleien versunken, kauerte sie da und blickte in das zu verlöschen drohende Feuer. Sie hatte vergessen, daß sie rufen sollte, wenn sie fertig sei.

Mit einem Male fiel ihr ein, daß es dunkel würde, wenn das Feuer ausging, wie dies mit der Fackel schon längst der Fall war. Und wenn sie nun hier im Dunkeln allein war, und die beiden kamen nicht wieder? Eine Angst überfiel sie. So häßlich gebaut jene auch waren, es waren doch Menschen, und zwar keine bösen. Mirja schritt zaghaft über das schwankende Brett. Auf dem anderen Ufer, wo das Feuer brannte, fand sie viel kleines Holz, sie warf es auf die glimmenden Scheite und brachte die Flammen bald wieder zum luftigen Flackern.

Ob sich die beiden nicht freuten, wenn sie sahen, wie sie unterdessen für die Bequemlichkeit dieser unglücklichen Geschöpfe gesorgt hatte? Sie erblickte einen kupfernen Kessel mit toten, aber frischen Fischen gefüllt, ferner einen Topf mit gutriechendem Fett und eine Pfanne, und sofort beschloß sie, auch noch mehr für die neuen Genossen zu sorgen, die sich ihrer angenommen hatten. Anscheinend waren schon Vorbereitungen zum Braten der Fische getroffen, aber nicht beendet worden, und nun wollte sie dieselben mit geschickter Hand vollenden.

Mirja schuppte die Fische ab, nahm sie aus, stellte die Pfanne mit Fett über das Feuer und legte jeden fertigen Fisch hinein. Bald erfüllte ein angenehmer Duft den unterirdischen Gang.

Die Jüdin war so in die Arbeit vertieft, daß sie nicht merkte, was um sie her vorging.

Plötzlich schrak sie furchtbar zusammen, neben ihr hatte es geklappert, sie kannte dieses Geräusch, es waren die Kiefern von beutegierigen Krokodilen, und wie sie unter sich blickte, sah sie das ganze Wasser, so weit ihr Auge reichte, von gezähnten Krokodilsrachen starren.

Die Tiere waren entweder von dem Geruch oder von den ins Wasser geworfenen Abfällen herbeigelockt worden, und daß dieses Gewässer mit einem Flusse Delhis, vielleicht mit der Dschamna, in Verbindung stand, daran war ja kein Zweifel.

Die Tiere begnügten sich nicht damit, die Rachen aufzusperren und zu warten, bis ihnen Fischabfälle hineingeworfen wurden, einige machten auch Miene, das Ufer zu erklettern.

Mirja sah sich förmlich von den gefräßigen Reptilien umzingelt und stieß einen gellenden Hilfeschrei aus.

Da kam Bewegung unter die Tiere, sie stießen und drängten sich, tauchten unter oder schwammen schnell davon, und gleichzeitig erhob sich mitten unter ihnen der Kopf des Froschmenschen, seine muskulösen Arme kamen zum Vorschein und teilten unter Schimpfen links und rechts kräftige Fausthiebe auf die Köpfe der Krokodile aus.

Diese dachten nicht daran, sich gegen den Menschen zur Wehr zu setzen, ihren Hunger an ihm zu stillen, sie ergriffen schleunigst die Flucht.

Zu ihrem namenlosen Erstaunen sah Mirja, wie sich die gefürchteten Krokodile von diesem Geschöpfe behandeln ließen. Auch sie hatte schon gezähmte Krokodile gesehen, in Tempeln werden oft solche gehalten, aber man muß ihnen doch immer noch mit Vorsicht begegnen. Diese Tiere dagegen waren entweder wie Hunde, oder aber es waren doch wilde Bewohner der Flüsse und fürchteten dieses Zwischengeschöpf von Mensch und Reptil.

Da kam auch schon Phangil angetroddelt, und Kulwa schnellte wieder mit dem Satze eines Frosches ans Ufer.

»Hei, was hast du denn da gemacht, Töchterchen?« rief ersterer in heller Freude. »Du hast das Feuer geschürt und die Fische gebraten?«

»Ich bin noch dabei. Aber die Krokodile – sie haben mich erschreckt.«

»Sie sind manchmal zudringlich,« entgegnete Kulwa, »doch du brauchst dich nicht zu fürchten vor ihnen.«

»Sie sind gezähmt?«

»Nein, nur Tausendzahn ist zahm.«

»Und ich brauche sie trotzdem nicht zu fürchten?«

»Nein; denn sie wissen, daß sie uns nichts tun dürfen; eins sagt es dem anderen.«

»Aber ich bin fremd.«

»Wenn du hier bei uns bist, werden sie auch dir nichts tun, sonst würde ich sie bestrafen, und wenn sie zu dreist werden, so brauchst du nur ein Scheit Holz zu nehmen und ihnen zu drohen. Oder du gibst ihnen eins über den Kopf, wenn sie noch nicht hören wollen.« Phangil hatte sich wieder bequem neben das Feuer hingelegt und begann in mächtigen Zügen zu rauchen, ebenso Kulwa, nur daß dieser sich nicht anders hinlegen konnte als auf die Brust.

Beide schauten mit dem größten Interesse dem Mädchen zu, welches wieder Fische zum Braten fertig machte. In ihren Gesichtern malte sich, soweit dies darin auszudrücken war, eine ungemeine Freude, zugleich aber auch Staunen.

Phangil grunzte erst einige Male, ehe er endlich fragte: »Aber warum kratzt du denn erst die Fische ab und wirfst das Innere ins Wasser?«

Erstaunt ließ Mirja das Messer sinken.

»Ja, muß man denn nicht erst die Schuppen und die Eingeweide entfernen?«

»Wir tun das nie,« entgegnete der Maulwurf kopfschüttelnd.

Mirja änderte natürlich ihre Zubereitungsweise nicht, und bald stand vor jedem ein Teller mit dampfenden, braunen Fischen, die ohne Benutzung von Messer und Gabel hinuntergeschlungen wurden. Dabei wurde Mirja fortwährend genötigt, besonders von Phangil, selbst zuzulangen, und der Hunger gebot ihr dies auch.

Kulwa aß langsamer, er schien zerstreut, und hatte seine großen, wässerigen Augen beständig mit einem Ausdruck von Ehrfurcht und Bewunderung zugleich auf das braune Mädchen geheftet, das mit Anmut ihre Beschäftigung vollzog.

Nach dem Essen wurde wieder schweigend geraucht, den einzigen Luxus, den diese unterirdischen Wesen von der Oberwelt akzeptiert hatten, und Mirja wurde doch wieder unruhig, als sie bemerkte, wie der Froschmensch sie unausgesetzt beobachtete.

Sie wußte nicht, woher es kam, plötzlich glaubte sie, die Nacht bräche an und es sei für sie Zeit, diese Gesellschaft zu verlassen.

»Wie fandest du mich eigentlich, Kulwa?« begann sie, um das drückende Schweigen zu brechen.

»Ich war da, wohin ich oftmals schwimme, wenn das Wasser hoch ist, denn schon manchmal habe ich dort Leichen gefunden, zerschmettert oder ertrunken. Auch du warst nicht weit mehr davon entfernt, zu ertrinken.«

»Und wie rettetest du mich?«

»Ich hob dich zuerst hoch, und als ich merkte, daß du wieder genug Luft hattest, tauchte ich schnell unter mit dir, schwamm durch den Zufluß und brachte dich ans Ufer.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Später werde ich dir einmal zeigen, Mirja, wie die Gänge dort beschaffen sind.«

»Später?« fragte Mirja, und es ward ihr wieder unheimlich zumute.

»Ja, später, wenn ich wieder einmal hingehe, nehme ich dich mit.«

»Aber soll ich denn hierbleiben?«

»Gewiß! Gefällt es dir denn nicht hier?« Mirja blickte sich ängstlich um.

»Bleibe bei uns, Töchterchen!« sagte jetzt Phangil. »Wenn du wieder hinaufkommst, könnte man dich töten wollen. Hier hast du so etwas nicht zu fürchten, hier lieben dich selbst die Krokodile, wie du noch erfahren wirst.«

»Aber ich mag nicht hierbleiben.«

»Warum nicht?«

»Ich fürchte mich.«

»Ich weiß nicht, wovor man sich hier fürchten sollte. Ja, doch manchmal.« Ein scheuer Blick traf Kulwa, der ihm ein abwehrendes Zeichen machte, worauf der Maulwurf schnell abbrach.

»Mirja wird hierbleiben, wenn wir sie recht darum bitten,« sagte auch der Froschmensch, »Ich mag nicht.«

»Wir werden dich nicht halten, wenn du gehen willst, doch da ich so gern möchte, daß du hierbleibst, so werde ich dich nicht selbst wegbringen. Bleibe hier, Mirja!« Die letzten Worte waren in einem rührend bittendem Tone gesprochen.

»Kann ich denn den Ausgang nicht selbst finden?«

»Nein, es sei denn, du kannst schwimmen und tauchen wie ein Fisch.«

So sah Mirja keine Hoffnung, jemals wieder von hier fortzukommen. Doch sie verzagte noch nicht. Diese Geschöpfe waren gutherzig, und es würde ihr wohl gelingen, sie umzustimmen.

»Wenn du satt bist, so gehe schlafen, mein Töchterchen,« sagte der Maulwurf, rollte sich zusammen, verbarg den Kopf an der zottigen Brust, und ein fast augenblickliches Schnarchen zeigte an, daß ihn die reichliche Mahlzeit sehr müde gemacht hatte.

Kulwa warf einige große Holzklötze, die Stunden anhalten mußten, ins Feuer, hüpfte mit dem Satze eines Frosches über das Gewässer und machte sich mit Mirjas Decken zu schaffen.

»Dein Bett ist bereit,« sagte er dann, »schlafe gut und gewöhne dich an den Gedanken, daß du hier bei uns bleibst. Bleibe hier, Mirja!«

Nachdem das Mädchen hinübergegangen war, sprang er zurück und nahm das Brett weg, als wolle er den Weg zu der jungfräulichen Lagerstatt unmöglich machen.

Mirja warf sich angekleidet auf die Decken und überließ sich ihren Gedanken, die jetzt mit Macht und beunruhigend auf sie eindrangen.

Lange, lange lag sie so da, eine Beute ihrer qualvollen Gedanken. Als sie die Lider wieder aufschlug, begegnete ihr Blick dem des Froschmenschen.

Kulwa saß in seiner alten Lage da, den Unterkörper auf den Boden, die Brust auf die Arme gestemmt, und hatte seine großen, wässerigen Augen unverwandt auf das Mädchen gerichtet.

So lag er auch noch da, als Mirja nach einigen Stunden erwachte; er schien sie beschützen zu wollen, nie sah sie diese Augen geschlossen, und erst später erfuhr sie, daß er sie überhaupt nicht schließen konnte, weil die Lider nicht über die geschwollenen Augapfel gingen.

Als sie ihn so betrachtete, dünkte ihr, er sei ein treuer Wächter, der über ihre Sicherheit Tag und Nacht wache, wieder kam über das arme, verachtete, fort und fort verfolgte Judenmädchen plötzlich ein unbeschreibliches Behagen.

Hatte sie jemals jemanden gekannt, der so sorglich über sie gewacht hatte? Hatte sich jemals ein Mensch überzeugt, ob ihr Lager weich sei, und ob die Decke richtig liege? Vielleicht ihre Mutter hatte es getan, aber die war gestorben, als Mirja kaum erst aus dem Traumleben des Kindes erwacht war.

Sonst gab es wohl keinen Menschen, der ihr je in Liebe begegnet war, nicht einmal ihr Vater. Und diese unglücklichen Mißgeburten zeigten sich so besorgt um sie.

Waren sie denn überhaupt unglücklich zu nennen? Mirja bezweifelte es immer mehr. Sie hatten Schutz vor Nässe, Kälte und Hunger, und was brauchte denn der Mensch mehr? Mirja wickelte sich behaglich in ihre Decken, ihr Entschluß stand plötzlich fest, hierzubleiben. Hier hatte sie endlich Schutz vor Verfolgung gefunden.

Einmal noch tauchte das Bild Franziskas vor ihr auf, sie schien ihr hilfesuchend zu winken; Schmerz und Verzweiflung drückte das Gesicht aus, dann erschien auch Lord Canning, ihr Lebensretter, auch er flehte Mirja an, seine Braut zu retten. Aber dunkler und undeutlicher wurden die Traumbilder.

»Ich bleibe hier,« dachte sie noch zuletzt, ehe sie in Morpheus Arme sank, »draußen ist Not und Verfolgung, hier ist alles da, was ich brauche, und ich habe hier kein Unglück, keinen Spott, keine Verachtung zu fürchten. Ihr dort draußen habt mich nie geachtet, mich höchstens gebraucht, und so denke ich auch nicht mehr an euch!«

Damit schlief sie ein – und Mirja blieb wirklich im Reiche der ewigen Nacht unter den Mißgeburten. Sie spielte die Wirtschafterin, sie bereitete das Essen, sorgte für Reinlichkeit und wurde nach und nach immer mehr vertraut mit den Sonderbarkeiten ihrer Genossen.

Phangil führte ein Schlafleben, das heißt, er lag fast immer zusammengerollt und schlafend oder doch träumend da, blinzelte mit den Augen ins Feuer und klagte manchmal, daß dasselbe auch hell sei. Die Wärme behagte ihm, aber der Lichtschein schmerzte seinen Augen. Nur manchmal entfernte er sich; anfangs glaubte Mirja, er bliebe sehr lange aus, aber bald ward ihr die Zeit immer kürzer, bis er aus der Nacht ans Feuer zurückkehrte.

Wenn er dann wieder bei Mirja anlangte, und er fand gebratene Fische und ein weiches Lager, so überschüttete er das Mädchen mit Kosenamen der seltsamsten Art, und Mirja freute sich darüber. Es ist so schön, wenn man Anerkennung und Dankbarkeit findet.

Kulwa blieb oft sehr lange aus, viel länger als sein Vater. Er benutzte als Weg stets den Kanal, während Phangil sich nicht einmal seine Fingerstumpfe benetzte. Kehrte Kulwa zurück, so brachte er stets Fische mit, und seine Ledertasche, die er auf dem Rücken trug und die wasserdicht schloß, enthielt stets alle jene Sachen, welche man auf dem Grunde von Flüssen zu finden pflegt, also jene Gegenstände, die als abgenutzt ins Wasser geworfen werden.

Der Inhalt der Tasche vermehrte stets den Haufen von Trödlergegenständen, einmal aber, als Mirja aus langem Schlaf erwachte, hatte er sich sehr vermindert, die besseren Sachen fehlten, und der abwesende Kulwa blieb lange aus.

Als er zurückkehrte, enthielt die Ledertasche einige Pfund Tabak, daraus schloß Mirja, daß Kulwa doch mit einem Menschen an der Oberfläche der Erde in Verbindung stand, die Sachen wurden ihm abgekauft oder gegen Tabak eingetauscht. Auch Apfelsinen und andere Früchte brachte er dem Mädchen mit und sagte, er habe sie gepflückt.

»So gehst du auch im Freien ans Land wie andere Menschen?« fragte sie erstaunt.

»Wie andere Menschen?« entgegnete er bitter. »Nein, nur die Flüsse und Bäche, überhaupt nur Wasser kann ich benutzen; doch ich darf mich nicht sehen lassen, sonst würde man mich töten wie die Krokodile.«

»Und die Krokodile, von denen die Flüsse wimmeln? Tun sie dir denn nichts?«

»Diese habe ich nicht zu fürchten, sie fürchten sich vielmehr vor mir, und wenn sie mich nicht kennen, so ergreifen sie bei meinem Anblick die Flucht. Nein, Mirja, nur die Menschen habe ich zu scheuen.«

Mirja kam immer mehr zur Überzeugung, daß Kulwas innerer Bau dem eines Reptils gleichen mußte. Sein liebster Aufenthalt war ihm das Wasser, er lag mehr darin als auf dem Lande, steckte nur den Kopf heraus und sprach viel mit Mirja, wenig mit Phangil. Als ihr einmal ein Messer in das Wasser gefallen war, tauchte er danach und blieb wohl zehn Minuten unter Wasser ohne Atem zu holen.

Zugleich mußte sie seine enorme Sprungkraft bewundern; ohne die Beine benutzen zu können, waren ihm Sätze von vier bis sechs Meter Länge eine Kleinigkeit. In den Armen besaß er eine Riesenkraft, und obgleich er keine Zähne hatte, sah sie ihn doch einmal eine kleine Kokosnuß mit dem eisenharten Zahnfleisch aufknacken. Er schob diese Nuß in den breiten Mund, wie Mirja es höchstens mit einer Haselnuß tun konnte, präsentierte dann die aufgeknackte Nuß dem Mädchen, und dieses hatte sich schon so eingelebt, daß sie den Kern ohne Widerwillen nahm und aß.

Doch manchmal hatte sie noch unter den ekelhaften Gewohnheiten ihrer beiden Genossen zu leiden.

Wie war sie erschrocken, als Phangil ihr zum ersten Male von einem Ausflug eine große Ratte mitbrachte und dieselbe ihr unter der stillschweigenden Voraussetzung gab, daß das Mädchen dieses Tier ihm zur Mahlzeit bereite. Mirja, obgleich als Jüdin in Indien für unrein geltend, war als solche nach altem Brauch doch eben im Essen überaus wählerisch. Sie aß lieber trockenes Brot als das bestaussehende Fleisch, wenn sie nicht wußte, woher es stammte.

Sie wies die Zumutung, die Ratte zu braten, mit Entrüstung zurück. Kopfschüttelnd nahm Phangil das Tier, warf es einfach ins Feuer und verzehrte es dann mit Haut, Haaren und Eingeweiden mit dem besten Appetit zum namenlosesten Entsetzen Mirjas.

Seit jener Zeit scheute sie sich nicht mehr, auch Ratten und ähnliche Tiere zuzubereiten; schließlich gewöhnt man sich ja an alles. Aber zum Mitessen war sie nicht zu bewegen, vielmehr sorgte sie dafür, daß nach und nach eine andere Lebensweise eintrat. Mit vieler Mühe machte sie Kulwa begreiflich, was Mehl sei, und er brachte, nachdem er mehrmals mit leeren Taschen zurückgekehrt war, doch endlich solches mit; die Brotfladen schmeckten auch diesen Geschöpfen, die sonst nicht einmal Früchte anrührten, und wurden seitdem ihre Lieblingsspeise.

Auch die Quelle, aus der die meisten Fische stammten, die ihr geliefert wurden, blieb Mirja nicht unbekannt.

Einige fing Kulwa selbst mit der Hand, die meisten aber lieferte Tausendzahn als Tribut ab.

Das Zusammenleben der drei Wesen war ein äußerst harmonisches. Schlief Phangil nicht, so war er gegen Mirja immer freundlich, er konnte sich ihr gegenübersetzen, sie ansehen und dabei in einem fort knurrend lachen.

Kulwa bezeigte dem Mädchen eine rührende Vorsorglichkeit. Er aß nicht, wenn sie nicht aß, er gab ihr die besten Bissen, er ließ nicht zu, daß sie Holz zerkleinerte, vielmehr biß er die härtesten Stücke in kleine Teile, und Mirja konnte ihn ansehen, wann sie wollte, immer ruhten seine großen Augen wie erstaunt auf ihr, selbst wenn sie ihn schlafend glaubte.

Von einer Zudringlichkeit war nicht zu reden; überhaupt schien bei diesen beiden Geschöpfen jeder andere Trieb als der des Schlafes und des Hungers erloschen. Und doch kam es Mirja manchmal so vor, als wäre dem nicht so, dann verwarf sie aber schnell solch einen Gedanken.

Einmal hatte Phangil ihr Gesicht mit seiner plumpen Hand streicheln wollen, doch noch ehe sie sich dieser Liebkosung widersetzen konnte, hatte Kulwa einen so zornigen Laut ausgestoßen und zugleich ein Scheit Holz zum Wurfe erhoben, daß Phangil erschrocken von seinem Vorhaben abstand.

Über das Vorleben der beiden konnte die Jüdin nichts erfahren, denn die Antworten, die sie erhielt, waren vollkommen konfus. Mirja sah bald ein, daß den beiden jede Zeitberechnung durchaus abging, aber sie wußte nicht, daß es mit ihr ebenso der Fall war.

Sie glaubte, erst einige Tage hier unten zu sein, und war dabei schon viele Wochen in der Gesellschaft der Mißgeburten.

Es ist eine durch die Erfahrung bestätigte Tatsache, daß die Zeit vorwärtsschreitet, aber die Menschen nicht mit ihr, wenn sie nicht die durch die Zeit hervorgerufenen Verwandlungen beobachten. So zum Beispiel glaubt der Mensch, der in völliger Einsamkeit altert, es müsse draußen noch immer so aussehen, wie damals, als er sich in die Einsamkeit zurückzog, er denkt sich die Leute und ihre Gewohnheiten noch immer so wie früher, und tritt er nun ins Leben zurück, so glaubt er sich in eine andere Welt versetzt. Es dauert lange, ehe er begreift, daß alles anders geworden ist.

So ging es auch Mirja.

Als sie hier heruntergekommen war, wußte sie, daß sich Franziska im Hause der Duchesse befand, vielleicht gerade über ihr. Sie selbst hatte gehört, daß Franziska hierbleiben sollte. Nun war sie der Meinung, ihr Aufenthalt unter der Erde währe erst einige Tage; viel Schlaf und keine Abwechslung von Tag und Nacht vervollständigte die Täuschung, und so war sie auch der festen Überzeugung, Franziska müsse noch immer dort oben gefangen sein. Mehr und mehr begann sich Mirja wieder mit dem Schicksal des unglücklichen Mädchens zu beschäftigen; ihr früheres Wohlbehagen schwand, sie machte sich Vorwürfe, weil sie an Franziskas Unglück schuld war, und so kam ihr auch immer wieder von neuem der Gedanke, ob sie dem Mädchen nicht noch helfen könne.

Sie erschien ihr im Traum, wie sie verzweifelt die Hände rang. Mirja erblickte Lord Canning, wie er sie erst bat, seine Braut zu retten, wie er ihr dann Vorwürfe machte, daß sie ihm, der sie aus Todesgefahr gerettet, solches Leid zufügen könne, und schließlich erschienen Mirja die beiden Gestalten nicht nur im Traum, sondern überall, wohin sie nur blickte, und aus allen Winkeln tönte ihr Seufzen und Wehklagen entgegen.

Vergebens suchte Mirja von Kulwa zu erfahren, was draußen in der Welt vorginge. Sie bekam wohl Antworten, aber diese waren zu unklar.

So sprang einmal der Froschmensch schneller als sonst aus dem Wasser und schüttelte sich wie mit Abscheu die wenigen Tropfen ab.

»Das Wasser der Flüsse und Bäche ist rot von Blut,« sagte er dabei, »die Krokodile brauchen nicht mehr zu fressen, sie trinken das blutige Wasser und werden dabei satt. Auch wimmelt es darin von Leichen, mich ekelt davor.«

»So ist noch Krieg?« fragte Mirja.

»Krieg? Was ist das?«

»Die Menschen töten einander.«

»Ja, sie töten sich gegenseitig. Ich war heute im Sumpf und habe gesehen, wie die weißen Menschen die braunen überfallen haben und sie töteten mit jenen langen Rohren, welche dort liegen.«

Er meinte die Gewehre.

»Ein Brauner hatte einen Weißen gefangen und ihn an eine Palme gebunden. Der Braune schlug ihn, der Gebundene riß einen Arm los und schlug wieder. Da zog der Braune einen Dolch aus dem Gürtel, aber plötzlich fiel er tot hin. Der weiße Mann hieß Lord Canning.

Mehr habe ich nicht gesehen und gehört.«

»Lord Canning?« schrie Mirja. »Er ist tot?«

»Nein, er wurde von einem großen Mann, der ganz in Stahl gehüllt war, gerettet. Der andere war tot.«

So wurde in Mirja mit erneuter Gewalt die Erinnerung geweckt.

Das Glück und die Sicherheit waren hier doch nicht so standhaft, wie sie erst geglaubt hatte.

Einst wurde sie durch ein jämmerliches Heulen aus dem Schlafe geweckt. Die klagenden Töne kamen aus der Ferne, es klang so schauerlich, daß sich Mirjas Haare sträubten.

Aber auch die beiden Mißgeburten wurden von gleichem Entsetzen befallen; angstvoll flüsterten sie in einer Sprache zusammen, die Mirja nicht verstand. Sie warfen erst mit Vermeidung jeden Geräusches Holz ins Feuer, machten Mirja Zeichen, sich ganz still zu verhalten, und dann schüttete Kulwa die ganzen Eßvorräte ins Wasser.

Dadurch wurden die Krokodile angelockt, das Wasser starrte bald von Köpfen, und die beiden schienen ruhiger zu werden.

Das Geheul ließ nach, oder es entfernte sich vielmehr, und die beiden atmeten sichtlich erleichtert auf.

»Was war das?« flüsterte Mirja.

»Wir wissen es nicht,« entgegnete Phangil dumpf; »es ist ein böser Geist, glauben wir.

Ach, wenn er nur nicht einmal hierherkommt und uns aus unserer Wohnung vertreibt!«

Mehr erfuhr Mirja nicht, obgleich sich jenes Jammern und Heulen noch einmal wiederholte.

Mehr und mehr bestärkte sich des Mädchens Entschluß, Franziska doch noch zu retten, und endlich hatte sie einen Plan gefaßt. Jene befand sich über ihr, das Loch war noch vorhanden, durch welche sie, Mirja, hier herabgestürzt war. Sollte es nicht möglich sein, durch dasselbe hinauf in das Haus der Duchesse zu gelangen? Sie befragte darüber Kulwa, der das Mädchen seit einiger Zeit immer eindringlicher beobachtete.

»Warum?« entgegnete er.

Mirja erzählte offen, was sie beabsichtigte. Sie wolle das gefangene Mädchen, eine Freundin, befreien, und sie zähle dabei auf die Hilfe ihrer neuen Kameraden.

»Wäre es möglich, durch das Loch hinaufzuklettern?«

»O ja, es ginge wohl, besonders wenn das Wasser angeschwollen ist, denn dann braucht man nur noch einige Meter zu klettern.«

»Willst du mich nicht einmal dorthin führen?«

Kulwa schüttelte den haarlosen Kopf.

»Der Weg dorthin ist sehr beschwerlich, für dich ganz unmöglich. Du müßtest lange schwimmen und oftmals lange, lange durch Höhlungen tauchen.«

»Ich würde mich nicht davor fürchten!«

»Aber ich würde dir dies nicht erlauben; denn du könntest dabei dein Leben einbüßen.«

»So tue du es für mich.«

»Deine Freundin befreien?«

»Ja«

»Nein, ich tue es nicht.«

Dieses Nein war in sehr bestimmtem Tone gesprochen.

»Warum nicht?« fragte Mirja kleinlaut.

»Wir sind deine treuesten Freunde, du brauchst keine anderen. Alle Menschen sind falsch, nur wir nicht.«

»Aber ich bin daran schuld, daß meine Freundin gefangen worden ist, und ich muß sie wieder befreien, ich muß, ich muß!« rief Mirja leidenschaftlich.

»Du mußt? Nein, ich erlaube es dir nicht. Wenn du sie befreit hast, dann verläßt du uns schließlich.«

Mirja antwortete nicht.

»Nicht wahr, du würdest uns wieder verlassen?« fragte Kulwa nach einer kleinen Pause leise.

»Ach, ich möchte ja so gern wieder hinauf in die Sonne, ach so sehr gern! Aber nein,« fuhr sie schnell fort, »gern will ich immer, immer hier unten bleiben, nie euch mehr verlassen, Zeit eures Lebens euch hier pflegen, wenn ihr nur jenes Mädchen befreien wollt.«

Kulwa wurde nachdenklich. Er schürte das Feuer, und als er seine Augen wieder auf Mirja richtete, strahlte zum ersten Male etwas wie Freude darin.

»Ich habe schon längst gemerkt, daß du dich von hier fortsehnst, und ich mag dich doch nicht gern fortlassen. Du würdest freiwillig hierbleiben, wenn ich dir deine Freundin befreien helfe?«

»Ja, freiwillig. Du dürftest alles verlangen, wenn du mir hilfst.«

»Alles dürfte ich verlangen?«

»Alles, alles, selbst das Unmöglichste. Ich würde wenigstens versuchen, es zu erfüllen.«

»Wohlan, ich werde dir beistehen. Wir werden deine Freundin retten.«

»Kulwa!« rief Mirja, eilte über die Brücke und auf den Froschmenschen zu.

Dieser breitete die Arme aus, als wolle er sie an seine Brust drücken.

Da blieb sie schaudernd stehen und wich dann zurück.

Kulwa beschäftigte sich wieder mit dem Feuer.

»Ehe ich dir die Bedingungen stelle, unter denen ich dir helfe, müssen wir den Plan besprechen. Es ist mir nicht möglich, in das über uns liegende Haus zu dringen.«

»Kannst du nicht hinaufklimmen?« »Doch, aber ich bin kein Mensch, der sich sehen lassen kann. Bei meinem Anblick würde man schreien, man wurde mich zu töten suchen, und deine Freundin selbst würde vor mir erschrecken und mir nicht folgen.«

»Du hast recht. So muß ich es eben selbst wagen. Es wird schon gelingen, das Loch zu erklettern.«

»Das lasse ich nicht zu, dein Leben ist mir zu lieb.«

»Aber wie sonst?«

»Es muß ein Mann sein, furchtlos, stark und gewandt und gewohnt, mit Menschen zu verkehren. Er dürfte sich nicht scheuen, in das Haus zu dringen, selbst wenn darin seine Feinde wären. Kennst du einen solchen Mann?«

»Ich kenne einen. Doch die Frage ist, wie du ihn finden solltest.«

»Ist er nicht hier in der Nähe?«

»Ich weiß nicht. Er kann vielleicht weit, weit von hier sein. Aber ich kenne keinen anderen, der sonst helfen würde.«

»Wenn du wüßtest, wie er heißt, und wenn dir sein Name bekannt wäre!«

»Das ist er! Es ist der Generalgouverneur von Indien, und sein Name ist Lord Canning.«

»Den Namen habe ich auch schon gehört.«

»Es ist derselbe, von dem du mir einst erzählt hast.«

»Ja, ich entsinne mich. Er ist stark und kühn, ich habe es selbst gesehen. Warum aber würde er das Mädchen wohl befreien helfen?«

»Weil meine Freundin seine Braut ist.«

»Braut? Was ist das?«

»Sie ist seine Geliebte.«

»Ah, er liebt sie! Und sie liebt ihn?«

»Gewiß!«

Das Gesicht des Froschmenschen nahm einen wahrhaft melancholischen Ausdruck an, dessen man es gar nicht für fähig gehalten hätte. Doch gleich blitzte darin wieder Freude auf.

»Sie wollen sich heiraten,« fügte Mirja hinzu.

»Heiraten!« seufzte Kulwa. »Es ist schon sehr lange her, ich weiß nicht mehr, wie lange schon, da mordeten sich die Menschen noch nicht unter der schönen Sonne. Einmal lag ich in einem Bach zwischen den Krokodilen und sah durch die Büsche auf eine blumige Wiese.

Weiße Häuser waren darauf gebaut, und dazwischen spielten, tanzten und sangen viele buntgekleidete Männer und Frauen. Es war sehr schön und sah sehr lustig aus. Zwei Menschen kamen nahe an den Bach heran, und da hörte ich, es hätten sich zwei geheiratet, und das würde nun gefeiert.«

»Ja, es war eine Hochzeit.«

»Auch dieses habe ich gehört, und dann vernahm ich ferner, nun gehörten sich die, welche sich verheiratet hatten, fürs ganze Leben an, nur der Tod könne sie trennen, sie seien von jetzt ab ein Leib und eine Seele, und wenn der eine sterbe, so müsse der andere auch sterben.«

»Das sagten die beiden?«

»Es waren die, welche sich geheiratet hatten. Ist das wahr, was sie sagten?«

»Ja, so sollte es wenigstens sein, und bei denen, welche sich wirklich lieben, ist es auch so.«

»Sie sagten auch, daß sie sich so sehr liebten.«

»Dann wird es ein glückliches Ehepaar geworden sein. Doch, Kulwa, wir wollen über die Rettung meiner Freundin sprechen!«

»Das wollen wir! Also der, den du Lord Canning nennst, wird seiner Braut helfen?«

»Auf alle Fälle! Er würde vor nichts zurückschrecken. Wie aber kannst du ihn finden? Ich weiß nicht, wo er ist.« »Ich kenne einen Menschen, mit dem ich heimlich verkehre. Er nimmt mir die Sachen ab, die ich am Grunde des Wassers finde, auch manchmal Fische und er gibt mir dafür Tabak.

Dieser Mann weiß sehr, sehr viel, er wird auch Lord Canning kennen.«

»Sicherlich, jeder in Indien kennt den Generalgouverneur!«

»Er wird mir auch sagen können, wo ich ihn finde.«

»Und dann? Wie willst du zu ihm gelangen?«

»Ich habe schon das ganze Land durchstreift, ich kenne alle Gewässer, überallhin kann man in ihnen gelangen, nur manchmal muß ich von einem Wasser zum anderen übers Land kriechen, was ich dann des Nachts tue. So werde ich zu ihm gelangen. Was soll ich ihm sagen?«

»Ich werde es dir aufschreiben, erst erkundige dich über seinen Aufenthalt« rief Mirja freudig. »O, Kulwa, wie soll ich dir danken!«

»Dadurch, daß du freiwillig bei mir bleibst.«

Die Freude Mirjas wurde schnell gedämpft.

»So bestehst du wirklich darauf?«

»Ja, du hast gesagt, ich dürfte von dir verlangen, was ich wollte.«

»Ich habe es gesagt und nehme es nicht zurück. Wohlan, so werde ich hier bei euch bleiben, wenn meine Freundin durch dich gerettet worden ist!«

»Sie soll gerettet werden, und dann mußt du mich heiraten!«

Entsetzt fuhr Mirja zurück. Sie glaubte falsch verstanden zu haben.

»Was – was – sagtest du da?« stammelte sie.

»Wir wollen uns heiraten. Wir wollen auch ein Leib und Seele sein fürs ganze Leben, nur der Tod kann uns trennen, und wenn der eine stirbt, so stirbt der andere auch. Mirja, wenn du mich heiratest, so will ich deine Freundin retten, und du könntest noch viel mehr von mir verlangen. Dann soll mein Leben nur noch dir gehören.«

Minute nach Minute verstrich, und noch starrte Mirja sprachlos das froschähnliche Ungeheuer mit den knöchernen, abgestorbenen Beinen an. Geduldig wartete Kulwa auf eine Antwort.

Was mochte in ihrem Herzen wohl vorgehen? Es war ein furchtbarer Kampf, der in ihr wütete.

»Ich will es!« hauchte sie dann, sank aber, von dem Seelenkampf vollständig erschöpft, bewußtlos nieder.

Wir haben schon gesehen, daß Kulwa die schriftliche Botschaft Mirjas Lord Canning richtig überbrachte, wir hörten auch, wie er begeistert von seiner jungen Frau sprach.

Nur, weil Lord Canning in der vermummten Jüdin Mirja zu erkennen glaubte, zögerte er mit der Ausführung des Vorhabens, wozu er aufgefordert wurde.

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