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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 6
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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6. Der Fluch der ersten Schuld

Als die Morgensonne die Dunkelheit vertrieb, brachte sie zum Vorschein, was alles während der Nacht passiert war.

In den Zeltlagern ging ein Gerücht von Mund zu Mund, die Engländer erzählten es ungläubig oder erstaunt, die Sepoys flüsternd, es machte die Runde durch die Vorpostenkette und fand auch den Weg zu den Familien, welche die Bungalows bewohnten Laut aufkreischend stürzte die Magd des Bungalows, in welchem Westerly Quartier genommen hatte, in das Zimmer ihrer Herrin.

Die alte Indierin saß vor einer Kommode mit aufgezogenen Schubfächern, hielt ein kleines Ölgemälde, einen jungen, englischen Offizier darstellend, auf dem Schoß und betrachtete es mit Rührung, als die Magd hereinkam.

Diese hatte den täglich am Morgen ausgegebenen Proviant geholt und alles brühwarm erfahren.

»O, Diatta, So viel wie: Mutter die Begum ist diese Nacht im Lager gewesen, und wohin sie gegangen ist, da liegen Leichen, Indier und Faringis. Das ganze Lager ist tot, und drüben bei den Sikhs hat sie die Cholera zurückgelassen.«

Die alte Frau lächelte ungläubig.

»Was für eine Begum meinst du?«

»Welche sonst, als die Begum von Dschansi.«

»Es gibt keine Begum von Dschansi. Das ist nur eine Person oder Göttin, welche sich die Indier selbst gemacht haben. In Wirklichkeit existiert sie nicht.«

»Aber die vielen Toten!«

»So ist die Cholera ausgebrochen?« fragte die Alte ängstlich.

»Nur drüben bei den Sikhs. Nein, die Begum ist während der Nacht im Lager gewesen, und wem sie begegnet ist, den hat sie erst gebunden und dann totgemacht. Auch Leutnant Russell ist tot, und dann hat sie seine Gestalt angenommen. Ein Offizier von den Sikhs kann schwören, daß er Russell gesehen und mit ihm gesprochen hat, obwohl doch Russell schon lange tot war. Dann ist die Begum auch im Zelte vom großen Gouverneur gewesen und hat ihn zu morden versucht, der Gouverneur aber hat sich die Schulter geschlagen und Wischnu angerufen, und da mußte sie fliehen. Man hat sie verfolgt, ein Sergeant hat sie auch schon gepackt gehabt, da hat sie sich aber plötzlich in eine Zeltstange verwandelt, und alle Kugeln, die sie getroffen haben, sind glatt zur Erde gefallen, und wo sie hingekommen ist, da hat sie ihren Namen hingelegt oder angesteckt. Hier, das habe ich an einem Zelte gefunden.«

Sie gab der Matrone ein Kärtchen aus indischem Reispapier, und auf demselben stand ebenfalls: Die Begum von Dschansi.

Die Alte sah aus dem Fenster, sie konnte in der Ferne die Zelte sehen, und dort herrschte ein zu so früher Morgenstunde ungewöhnliches Hin- und Herlaufen. Es wurde ihr doch unheimlich zumute.

»Ich glaube nicht, daß es solch ein böses Wesen aus der Hölle gibt,« sagte sie dann. »Gott würde wenigstens nicht erlauben, daß es sich auf der Erde herumtreibt und denen schadet, welche an ihn glauben. Geh an deine Arbeit und kümmere dich nicht mehr darum!«

»Aber sie ist ja die Tochter der Kali!«

»Es gibt keine Kali!« entgegnete die christlich getaufte Indierin.

»Aber früher hat es eine gegeben. Als der Gott der Christen zu uns kam, hat sie sich nur versteckt, geradeso wie Wischnu und Siwa und die übrigen Götter, und nun schicken sie ihre Kinder, um uns zu schaden, weil wir nicht mehr an sie glauben.«

»Schlage dir solch dummes Zeug aus dem Kopfe. Alle diese Götter gibt es gar nicht!«

Die Magd verließ das Zimmer. Ihr von Missionaren mühsam eingeprägter Glaube an Gott und seinen Sohn war mit einem Male schwankend geworden, sie war geneigt, lieber wieder an ihre früheren Götter zu glauben, damit sie nicht deren Rache für ihren Unglauben ausgesetzt war.

Das sind die Früchte der christlichen Missionare überall da, wo eine tiefeingewurzelte, logische Religion herrscht, und hauptsächlich in Indien.

In amtlichen englischen Berichten kann man lesen, daß sich noch kein Missionar mit der Hand auf dem Herzen rühmen darf, einen Indier wirklich bekehrt zu haben. Die Leute, welche sich Christen nennen, sind durch Geschenke erkauft. Auch die Eingeborenen von Neuseeland sind ohne Ausnahme Christen, aber jeder frühere Gott hat noch eine Höhle, in der die Leute ihn anbeten, damit er ihnen nicht zürne. Vorsicht ist besser als Nachsicht! Sollte er doch existieren, dann haben sie wenigstens auf Verzeihung zu hoffen.

Nach dem ängstlichen Gesicht der alten Indierin zu schließen, war auch sie jetzt im unklaren, was sie tun solle: dort den an der Wand hängenden gekreuzigten Christus um Schutz zu bitten oder die kleine, scheußliche Figur auf der Kommode zu küssen, daß die Kali ihre Töchter gnädig an dem friedlichen Bungalow vorbeigehen lasse.

»Die Jüdin,« seufzte sie, »die Jüdin! Wenn sie nur nicht Unglück über mein Haus bringt.

Doch wie könnte mir noch größeres Unglück widerfahren, als schon geschehen ist! Der liebe Gott möge Erbarmen mit mir haben, und die heilige Kali möge mich nicht strafen in ihrem Zorn.«

Erschrocken schmiegte sie sich in den Lehnstuhl.

Klang es da im Nebenzimmer nicht wie ein Röcheln? Schon gestern Abend hatte sie sich teils bekreuzigt, teils die linke Schulter geschlagen, als im Nebenzimmer solch ein schrecklicher Lärm entstanden war. Wie konnte sich aber auch ein Christ mit einer Jüdin einlassen, die Gott selbst von sich gestoßen hatte und die Buddha von der Nirwana ausschloß! Wenn das nur ein gutes Ende nahm! Sie sah zum Fenster hinaus, ob nicht Hilfe in der Nähe war, aber sie erblickte nur ihre Magd, wie sie das Haus in schnellem Lauf verließ, um im Lager noch mehr von der Begum von Dschansi zu erfahren, die aus dem fremden Lande auf die Erde gekommen sein sollte, daß sie die Engländer vernichte und Indien befreie.

Die Frau rief die Magd, doch diese hörte nicht.

So war sie jetzt ganz allein im Hause mit dem Engländer und der Jüdin.

Da erklang wieder das Stöhnen.

Was war das nur? Drehte die Verfluchte dem Christen den Hals um? Sie hätte ihm so gern beigestanden, aber sie wagte es nicht. Und doch! Warum zog es sie nur mit solch unwiderstehlicher Macht zu dem Faringi hin, warum möchte sie ihn, der sie so kurz und hochmütig behandelte, doch stets in die Arme schließen? Die ganze Nacht hatte sie dieses alte, halbverblichene Bild betrachtet, und seit dem ersten Sonnenstrahl saß sie schon wieder hier und hielt immer noch das Bild in den Händen.

Ach, es war eine Erinnerung aus schöner Jugendzeit, es erzählte ihr von heimlicher Liebe und stillem Glück.

»Vorbei, vorbei!« dachte sie seufzend.

Da, wieder ein Stöhnen nebenan, so unheimlich, daß ein Zittern die alte Frau befiel. Was in aller Welt war das? Endlich besiegte sie ihre Angst. Entschlossen stand sie auf, ging an die Tür und lauschte.

Jetzt konnte sie deutlich ein Ächzen und Stöhnen vernehmen.

Sollte die Jüdin – Sie klopfte an, und das Ächzen ward lauter.

»Mylord!«

Keine Antwort, nur ein Grunzen erscholl., Die alte Frau öffnete vorsichtig die Tür, steckte den Kopf durch die Spalte und fuhr erschrocken zurück.

Die Jüdin war nicht mehr darin, Bett und Schlafdiwan leer, aber da, wo sonst ein großes Bild an der Wand am Nagel befestigt war, hing wie ein Bündel eine menschliche Gestalt – Lord Westerly.

Hände und Füße waren mit Stricken eng zusammengebunden, und diese Bande waren über den Bildernagel gehängt. So hing der Mann da, Hände und Füße nach oben, Rücken und Kopf nach unten. Sein Gesicht war dunkelblau angelaufen, die Augen quollen aus den Höhlen, und aus dem Munde sah der Zipfel eines weißen Taschentuches hervor.

Er mußte lange, furchtbare Stunden so zugebracht haben.

»Um Gottes willen, Mylord!« brachte die alte Frau hervor, dann fiel es ihr ein, daß sie ihn vor allen Dingen befreien mußte.

Sie rückte den Diwan darunter, zerschnitt mit einem Messer die Banden und ließ ihn mit Aufbietung aller ihrer schwachen Kräfte auf den Diwan gleiten.

Auch als sie ihm den Knebel, sein eigenes Taschentuch, aus dem Munde genommen hatte, vermochte Westerly noch nicht zu sprechen, obgleich er nicht bewußtlos war. Was die alte Frau mit dem allergrößten Entsetzen erfüllte, war der Zettel, der auf die Brust des Mannes geheftet war, und auf welchem ebenfalls wieder ›die Begum von Dschansi‹ in hindostanischen Schriftzeichen zu lesen war.

So hatte das schreckliche Mädchen auch in ihrem Hause Einkehr gehalten, der Magd Erzählung beruhte auf Wahrheit! Jetzt konnte sie nicht darüber nachdenken, wie die Begum mit dem Besuch der Jüdin zusammenhing, jetzt brauchte der Mann vor allen Dingen Hilfe! Sie wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser, rieb die blutrünstigen, vom Strick zurückgelassenen Striemen an Hand- und Fußgelenken erst mit Öl ein, dann machte sie auch da kalte Umschläge, und es dauerte nicht lange, so hatte Westerlys starke Natur sich wieder erholt.

Das Gesicht erhielt die normale Färbung wieder, die Augen traten zurück, er wurde der Sprache mächtig und konnte Gebrauch von Händen und Füßen machen.

»Die Jüdin!« klagte die Frau. »Hätten Sie doch nicht die Jüdin zu sich genommen! Ich dacht mir gleich, daß ein Unglück geschehen würde. Es war niemand anderes als die Begum von Dschansi, die diese Nacht bei Ihnen war.«

»Wer?«

»Die Begum von Dschansi. Sie war diese Nacht im Lager, Hunderte von Soldaten hat sie hingemordet, auch viele Offiziere, sie ist selbst wie ein Offizier angezogen gesehen worden, und wo sie gewesen ist, da hat sie ihren Namen zurückgelassen, gerade wie bei Ihnen.«

»Wie bei mir?«

»Hier, sehen und lesen Sie!«

Westerly nahm das Kärtchen, und wieder quollen seine Augen fast aus den Höhlen, als er die Schriftzeichen las. Ein entsetzter Blick traf die alte Frau.

»Wo haben Sie das gefunden?«

»Das war mit einer Nadel an Ihre Brust geheftet.«

»Das ist nicht wahr!« schrie Westerly plötzlich heftig und sprang auf, seiner schmerzenden Füße nicht achtend.

»Es ist schon so, wie ich Ihnen sage. Hier an diese Stelle der Brust war das Kärtchen geheftet, und ebensolche hat man noch viel gefunden, überall da, wo die Begum gewesen ist.

Sie will zeigen, daß es wahr ist, was man von ihr gesagt hat: sie kann überall hingehen, wohin sie will, niemand kann sie hindern oder halten, und wer sie anfaßt, der fällt wie tot zu Boden, während ihr selbst keine Waffe etwas anhaben kann. Ach, Mylord, hätten Sie sich doch mit der Jüdin nicht eingelassen!«

Westerlys Schrecken schien immer mehr zuzunehmen.

»Was hat denn die Jüdin mit der Begum zu tun?«

»Es war natürlich die Begum; heißt es doch von ihr, daß sie jede beliebige Gestalt annehmen, ebenso jede Sprache reden kann.«

Ein furchtbarer Gedanke zuckte durch das Hirn des Mannes.

Er zweifelte selbst nicht mehr daran, daß die Jüdin und die Begum ein und dieselbe Person gewesen war, diese Kraft, mit der sie ihn überwältigt, gebunden und dort oben aufgehängt hatte, dann diese Karte mit ihrem Namen! Er aber hatte die Jüdin in seinem Zimmer gehabt, er hatte mit ihr gesprochen, und wenn man nun wußte, daß die Begum und die Jüdin eins war? Dann wäre auch bekannt, daß er mit den Feinden der Engländer auf vertrautem Fuße stand. Der Begum war das natürlich gleich, sie hatte sich nur an ihm rächen wollen, weil er sie damals als Mirja so schmählich behandelte. Aber er, er! Der Blick, den er der alten Frau von der Seite zuwarf, war der eines Raubtieres.

»Weiß sonst jemand, daß jene Jüdin, die hier im Schuppen mit ihrem Vater haust, die Begum ist?« »Nein, nein, noch nicht, ich werde aber gleich hineilen und es Kolonel Harquis melden!«

»Lassen Sie nur, ich werde es selbst tun!«

»Ja, tun Sie das!«

»Haben Sie mich zuerst in dieser Lage gefunden und gesehen?«

»Ich hörte Ihr schreckliches Stöhnen und Ächzen und dachte mir, daß so etwas vorgefallen sein mußte. Mein Gott, dieser Schreck, als ich Sie da hängen sah!«

»Auch die Magd weiß nichts davon?«

»Nein, sie war fort. Sie muß gleich wiederkommen.«

»Sie ist noch nicht da?«

»Nein.«

»Sie sind allein im Hause?«

»Ganz allein.«

»Kommen Sie hierher, ich will Ihnen etwas sagen, so – so – wir brauchen nicht gesehen zu werden!«

Plötzlich legten sich zwei Hände um den Hals der alten Frau, kräftige Finger preßten und würgten die Kehle, einige schwache Bewegungen, einige Zuckungen, und entseelt glitt die Frau aus den Händen Westerlys auf den Diwan.

Westerly überzeugte sich sorgfältig, ob das Leben entflohen war.

»Tot!« murmelte er. »Das zweite Opfer! Ich mache schnelle und gute Fortschritte, schon brauche ich keine Waffen mehr. Bah, eine alte Indierin, die schlage ich ebenso kaltblütig tot, wie eine Fliege. Jetzt aber schnell, daß ich nicht verraten werde!«

Er heftete das Kärtchen auf die Brust der Toten und schleifte sie in die andere Stube, wo er sie auf den Diwan legte. Dann begab er sich in sein Zimmer zurück und schloß die Tür.

Nach einigen Gängen auf und ab, hatte er seine momentane Regung niedergekämpft.

»So, diese kommt auch noch auf das Konto des teuflischen Mädchens,« dachte er dann, »ihren Stempel trägt sie ja. Ich habe außer etwas Geräusch natürlich nichts gehört, werde den Erschrockenen schon zu spielen wissen. Teufel noch einmal, das wäre eine schöne Geschichte gewesen, wenn man erfahren hätte, daß die Jüdin keine andere als die Begum von Dschansi und daß sie die Nacht, oder wenigstens den Abend bei mir gewesen ist! Und daß sie sich auch selbst als solche zuerkennen gibt ...«

Er brach seinen Gedankengang ab, denn rascher Hufschlag näherte sich dem Hause.

Westerly zog schnell Manschetten über die blutrünstigen Handgelenke, öffnete die Fensterläden und blickte hinaus, konnte aber den Reiter nicht mehr sehen.

Da erscholl draußen ein Männerschritt, er ging in das Nebenzimmer, ein Laut des Schreckens wurde hörbar, und Kolonel Harquis stürzte zu ihm herein. Sein Gesicht war aschfarben.

»Was, auch hier ist sie gewesen?« schrie er.

»Wer? Was haben Sie denn, Kolonel? Sie sind ja furchtbar aufgeregt!« fragte Westerly gleichmütig.

»Sie wissen noch gar nichts?«

»Das die Begum von Dschansi, dieses Phantasiegebilde von verrückten Köpfen, im Lager gespukt hat? Meine Wirtin hat es mir eben erzählt. Es ist natürlich alles Unsinn!«

»Eben hat Sie es Ihnen erzählt?«

Der erste Schreck des Kolonels schien sich fast in Entsetzen zu verwandeln.

»Nun, vor vielleicht fünf Minuten.«

»Lord, ich beschwöre Sie, foppen Sie mich nicht! Vor fünf Minuten hätte Ihre Wirtin noch mit Ihnen gesprochen?«

»Sicherlich! Vor höchstens fünf Minuten war sie hier bei mir im Zimmer und war so freundlich, mir die neuesten Nachrichten zu erzählen. Aber wozu diese Fragen, Kolonel?«

Der greise Oberst schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Noch immer geschehen Wunder, an denen unser schwacher Menschenverstand jämmerlich scheitert,« sagte er erschüttert. »Kommen Sie, Mylord, ich will Ihnen ein solches zeigen!«

Er führte ihn hinüber, und Westerly prallte vor der auf dem Diwan liegenden Indierin mit einem Schrecken zurück, der auch das geübteste Auge getäuscht hätte.

»Was – was – ist das?« stammelte er. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß diese Frau tot ist?«

»Sie ist es. Überzeugen Sie sich davon!«

Er raffte sich zusammen. Nur Staunen, keine Furcht war in seinem Gesicht zu lesen, als er die schlaffe Hand der Toten in die seine nahm.

»Wahrhaftig, sie ist tot! Und vor fünf Minuten war sie noch bei mir und erzählte mir mit der größten Lebhaftigkeit, wie die Begum von Dschansi, dieses Phantom, im Lager umgegangen sei. Ein Schlaganfall?«

»Kein Schlaganfall, ebensowenig, wie ihre Erzählung ein Hirngespinst war. Die Begum ist allerdings in unserem Lager gewesen, hier liegt ein Opfer von ihr. Lesen Sie!«

Er nahm die Karte von der Brust der Toten und gab sie ihm.

»Die Begum von Dschansi! Was? So wäre es wirklich wahr, daß die Begum bei nächtlicher Zeit Hunderte von Soldaten getötet, einen Mordanschlag auf Lord Cannings Leben gemacht und an jedem Opfer ihre Karte befestigt habe? Nicht möglich!«

»So schlimm ist es gerade nicht. Bis jetzt haben wir vier Soldaten, drei Sepoys und einen Engländer gefunden, die von ihr unschädlich gemacht worden sind. Darunter auch Leutnant Russell, der junge, mutige Russell.«

»Also auch Russell ist tot!« rief Westerly schmerzlich.

»Nicht tot. Sie sind in völlig bewußtlosem Zustand gefunden worden, aber lebend, atmeten auch regelmäßig. Nach ihrer Angabe ist ihnen von einem englischen Offizier, der sich als Leutnant Russell ausgab, nach einem kurzen Gespräch eine Kappe über den Kopf gezogen worden, sie hätten einen intensiven Geruch wahrgenommen, und dann wäre ihnen das Bewußtsein auf der Stelle geschwunden. Auf der Brust eines jeden war eine ebensolche Karte wie diese befestigt.«

»Aber ich verstehe nicht! Leutnant Russell sollte ...«

»Durchaus nicht! Russell selbst wurde von einer Person, die er nicht kannte, in einem Gebüsch, ganz nahe an einem Wachtfeuer, niedergeworfen und war gebunden und geknebelt, ehe er an Gegenwehr denken konnte. Nach Russells Aussage hat ihn die Person nach dem Losungswort gefragt, er verweigerte es, und sie führte die Drohung, ihn zu töten, trotzdem nicht aus. ›Wir sollten nicht denken,‹ sagte sie, ›Delhi im Sturme nehmen zu können,‹ und dann gab sie sich selbst für die Begum von Dschansi aus.«

»Merkwürdig! Und dann hat sie auch ihn betäubt?«

»Ihn nicht. Sie hat ihm die Uniform ausgezogen und ihn halbnackt liegen lassen.«

»Teufel! Warum das?«

»Gleich darauf ist einem Offizier im Lager der Sikhs Leutnant Russell leibhaftig erschienen, er wollte schwören, es sei Russel gewesen. Nach allem, was dann passiert ist, ist kein Zweifel, daß es eben wirklich ein Weib war. Lord Canning gelang es, sie zu fassen, und er behauptet bestimmt, es sei ein Mädchen gewesen. Sie hat also Russells Uniform angezogen.«

»Also ist sie gefangen?«

»Nein, sie hat aller Kugeln und aller Verfolgung gespottet – sie ist spurlos verschwunden.«

»Das klingt fast wie ein Märchen!« »Ja, und das schlimmste ist, unsere eingeborenen Soldaten werden plötzlich rebellisch.

Wir müssen diese Begum fangen und ihnen zeigen, daß es nur ein Weib ist, oder die braunen Schufte gehen uns alle durch die Lappen und treten zu den Feinden über.«

»Haben Sie schon eine Spur von ihr?«

»Keine einzige. Ja, doch, diese Tote ist wieder eine.«

Westerly wurde gezwungen, seine Aufmerksamkeit wieder der Toten zuzuwenden.

»Also getötet hat sie niemanden?«

»Nein, bis auf diese hier.«

»So ist anzunehmen, daß auch diese Frau nur betäubt ist.«

Harquis bewegte den Arm und deutete auf ihren Hals.

»Sie ist kalt und wird schon bald starr. Dann sehen Sie diese roten Flecken am Halse, von Fingern herrührend; sie ist erwürgt worden.«

Ihr Mörder beugte sich mit kaltem Gesicht über sie.

»Wahrhaftig, Sie haben recht!«

»Es sind große, starke Hände gewesen, welche sich um den Hals gelegt haben,« fuhr der Kolonel fort.

»Woran wollen Sie das erkennen?«

»Sehen Sie, wie lang und breit die roten Stellen sind, wie groß die Nägelspuren. Fast könnte man auf eine Männerhand schließen.«

»Sie haben Anlagen zum Detektiv. Nun, wenn jenes Mädchen einen Offizier wie ein Kind zu Boden wirft und ihn im Umdrehen fesselt und knebelt, so muß es allerdings über eine ansehnliche Hand verfügen. Was beginnen Sie nun?«

»Auch hier muß ein Protokoll aufgenommen werden. General Wilson speit Feuer und Flamme, er will sich der Begum durchaus bemächtigen. Die ganze Vorpostenkette nimmt er in Verhör, selbst die überrumpelten Posten haben Strafe zu gewärtigen. Schade, daß wir keine Bluthunde hier haben; die der Offiziere, welche im Lager sind, wollen die Menschenspur nicht aufnehmen. Dann hat Wilson im ersten Zorn den etwas rücksichtslosen Befehl gegeben, alle weiblichen Mitglieder der Lager sollen sich ohne Ausnahme innerhalb zweier Stunden am schwarzen See versammeln.«

»Oho, das ist ein sonderbarer Verdacht.«

Harquis zuckte die Achseln.

»Wilson geht eben energisch vor. Es ist allerdings nicht anzunehmen, daß sich die Mörderin unter uns selbst befindet, diese Annahme beruht auf gar keiner Grundlage. Nein, wenn es wirklich eine Begum von Dschansi gibt, was sich im Laufe dieses unglückseligen Krieges wohl herausstellen wird, so muß es eben ein ganz raffiniertes, listiges, mutiges und starkes Weib sein, eine ganz gefährliche Gegnerin. Sie hat sich eingeschlichen, um zu spionieren, und ebenso heimlich die Vorpostenkette passiert. Wilsons Befehl muß aber befolgt werden, auch die Jüdin muß herbeigeschafft werden.«

»Was? Sie ist noch hier?« hatte Westerly in furchtbarem Schrecken rufen wollen; denn an die Möglichkeit, daß Mirja oder die Begum noch hier sei, hatte er gar nicht denken können.

»Gott der Gerechte, ich bin ein geschlagener Mann!« jammerte draußen die Stimme des alten Sedrack. »Was habe ich verbrochen, daß mich fassen die Häscher und führen mich ab wie einen, der hat gestohlen oder hat gemordet? Bin ich doch ein ehrlicher Jüd' und lebe vom Handel, der ist erlaubt. Mirja, Tochterleben, das ist der Fluch, den du mir hast gegeben, als du sagtest, ich sollte nicht gehen zu ihm und versprechen, ihm zu helfen, was ich nicht kann.«

Die beiden Männer sahen durch das Fenster, wie der alte Jude und seine Tochter von Soldaten nach dem Lager abgeführt wurden. Sedrack jammerte laut, für die Soldaten ganz unverständlich; Mirja, wie immer verhüllt, ging ergeben und schweigend neben dem Vater.

Westerly fühlte sein Blut gerinnen, als er die angebliche Jüdin erblickte. War denn das Mädchen toll, daß sie sich ruhig nach dem Untersuchungsplatz führen ließ? Nach dem, was sie schon geleistet hatte, mußte es ihr doch ein leichtes sein, sich durch die Vorposten zu schleichen. Oder fühlte sie sich in ihrer Verkleidung so sicher, daß sie eine Untersuchung nicht fürchtete? Harquis bestärkte ihn in dieser Annahme. »Es ist fast eine Torheit zu nennen, auch diese Jüdin im Verdachte der Täterschaft zu halten,« sagte er; »wenn dies Mädchen mit der Begum von Dschansi identisch sein soll, so will ich zugeben, daß es auch meine Enkelin in England gewesen sein kann, die in der Nacht durch das Lager geschlichen ist. Doch nun wieder zu der Toten, ihr Blut komme auf das Haupt des Mörders! Lord, ich brauche Ihre Angaben.«

»Es ist kein Blut vergossen,« bemerkte Westerly etwas spöttisch.

»Hm! Wohl Ihnen, wenn Sie bei so etwas noch Humor haben! Dann habe ich mich allerdings auch versprochen, als ich ›Mörder‹ sagte. Ich meinte Mörderin.«

Westerly konnte nichts weiter sagen, als daß er ein schwaches Seufzen gehört habe, gleich, als ihm seine Wirtin verlassen hatte.

Dann blickte sich der Kolonel im Zimmer um, ob etwas Verdächtiges zu bemerken sei, und trat auch an die geöffnete Kommode heran.

»Was ist das?« rief er plötzlich erstaunt, nahm das Bild vom Lehnstuhl auf, sah erst dieses und dann den Lord an.

»Ah so, das ist Ihr Eigentum,« murmelte er, »aber dann müssen Sie doch auch hier gewesen sein, Sie hatten es doch vorhin nicht in der Hand, als Sie hereinkamen.«

Westerly warf einen Blick auf das Bild und erbleichte.

»Zei – zeigen Sie mir – das – das kommt– mir – so bekannt vor,« stotterte er.

Er nahm es, seine Hand zitterte wie Espenlaub. Er sah nicht, wie der Kolonel ihn erst scharf anblickte und dann plötzlich emsig in den offenen Schubläden zu wühlen begann, wo er beschriebene Karten, Briefe und Bilderchen zum Vorschein brachte. Westerlys Blick ruhte mit wahrem Entsetzen auf dem Bilde in seiner Hand.

»Den – den kenne ich,« stammelte er unhörbar, dann traf ein Blick, in dem halber Wahnsinn lag, die Tote.

Der Kolonel schob mit einem Ruck die Schublade zu, schloß sie ab und steckte den Schlüssel zu sich.

»Das glaube ich auch. So, wie er auf dem Bilde ist, kannte ich ihn: ein frischer lebenslustiger Leutnant, ein treuer Freund, ein wackerer Streiter im Kampfe. Ich war Kadett damals und stand in seinem Bataillon. Mylord, es ist Ihr Vater! Sie waren damals noch nicht geboren.«

Fast verwundert musterte er dann den noch immer furchtbar zitternden Mann.

»Wie? Sollten Sie noch mehr wissen?«

Er bemerkte, wie Westerlys scheuer Blick abermals die Tote streifte.

»Ich glaube fast, Sie wissen alles, obgleich mich das sehr wundert. Ja, Mylord,« der Kolonel ging zu der Toten und ergriff ihre kalte Hand, »ich will Ihnen offen sagen, was bei Durchmusterung des Inhalts der Kommodenschublade in mir zur Überzeugung geworden ist, – Sie können nur eine Ahnung davon haben. Mögen Sie denken, was Sie wollen, mag mich die Welt verurteilen und verdammen, weder Ihren Vater noch diese Frau trifft eine Schuld.

Ihr junger Vater war zwar schon hier in Indien mit einer Engländerin verheiratet, aber es war keine glückliche Ehe, und so konnte man es ihm nicht verdenken, wenn sein Herz sich nebenbei ein anderes Wesen aussuchte, an welches er sich schmiegte. Hier, diese Indierin, jetzt eine alte Frau, war es gewesen, mit der sich einst Ihr Vater in Liebe begegnete. Wir alle wußten darum, daß sie wie Mann und Frau zusammen lebten, aber wir alle hielten dieses Liebesverhältnis wie unser eigenes geheim. Ich selbst besorgte oft Briefe hin und her, ich wurde sehr vertraut damit, und, weiß es Gott, es war etwas anderes, als nur eine Liebelei mit einer Indierin, wie sie hier bei Offizieren an der Tagesordnung ist, es war eine heilige Ehe, nur nicht vom Priester gesegnet. Dieser Ehe entsprang kein Kind, soviel wir wissen. Später, als Lord Westerly nach England gegangen war, heiratete sie einen Indier, der immer treu zu ihr gehalten hatte, den Gärtner vom Gouvernementsgarten zu Delhi. Diesem schenkte sie einen Sohn, der von christlichen Missionaren Abel getauft wurde. Und das ist die furchtbare Tragödie, daß diese Frau, wie ihr Sohn Abel, durch Mörderhände eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Fluch ihrem Mörder!«

Westerlys Gesicht nahm mehr und mehr den Ausdruck eines Wahnsinnigen an.

»Meine Mutter!« hauchten seine blutleeren Lippen.

»War es auch nicht Ihre leibliche Mutter, so dürfen Sie ihrer doch als Mutter gedenken, denn sie war Ihrem Vater wirklich eine Gattin. Ihre Mutter, Lady Westerly, starb bei Ihrer Geburt. Als Ihr Vater nach England ging, zögerte er nicht, Sie vorläufig der Obhut seiner Geliebten anzuvertrauen. Sie pflegte Sie wie ihr eigenes Kind. Später kamen Sie in eine militärische Erziehungsanstalt, Sie sollten von Jugend auf für den indischen Dienst herangebildet werden. Mylord, nehmen Sie die Hand der Toten, bitten Sie für die Seele derer, die Ihren Vater treu liebte, und die auch Sie liebte, obgleich Sie das Kind einer anderen waren, und versuchen Sie auch für den bei Gott zu bitten, der sie ermordet hat – ich kann es nicht. Nehmen Sie ihre Hand! Aber was ist Ihnen denn, Lord?« rief der Kolonel erschrocken.

Westerly begann plötzlich wie ein Trunkener zu taumeln, seine Augen wurden gläsern, er griff mit den Händen in der Luft umher und wäre gestürzt, wenn Harquis ihn nicht aufgefangen hätte.

»Bringen – Sie mich – fort von hier – fort –- fort – fort – ich werde wahnsinnig!«

lispelte er erst, bis er fast zu toben begann. »Ich werde wahnsinnig – wahnsinnig – fort – – fort – dies wäre meine Mutter? Das ist nicht wahr! Das ist eine Lüge! Ich kenne das Weib nicht! Fort – bringen Sie mich fort!«

»Auch das noch!« seufzte der Kolonel und ließ den ganz Gebrochenen dann neben der Toten auf den Diwan gleiten, doch wie von einer Natter gebissen schnellte dieser von dort auf.

»Das ist nicht wahr!« schrie er. »Das ist nicht meine Mutter! – Die Begum – – die Begum –«

Harquis konnte ihm nicht mehr beistehen.

Dort, wo das Lager sich befand, erscholl ein tausendstimmiger, gellender Schrei.

Einen Augenblick stand der Kolonel erstarrt da, dann stürzte er dem Lager zu, nicht anders glaubend, als das Kriegsgeschrei der Feinde gehört zu haben, obgleich es sich nicht wiederholte. Jetzt erklang nur noch ein dumpfes Murmeln.

In der Stube saß Westerly im Lehnstuhl und stierte mit gläsernen Augen nach den roten Flecken am Halse der Toten. Dann tastete er an seiner Stirn herum, wo sich die Narbe vom Treppensturz befand.

»Kain,« murmelte er tonlos, »Kain, wo ist dein Bruder Abel? Du hast ihn erschlagen, das Zeichen des Brudermörders ist auf deiner Stirn, und dort, dort liegt deine Mutter, das Weib, das dich unter Schmerzen geboren hat, der du an der Brust gelegen hast. Auch deine Mutter hast du erschlagen, Kain! Siehst du die roten Stellen am Halse? Sie rühren von deinen Händen her, du hast sie erwürgt, Kain! Wehe, wehe, wenn das Gericht kommen wird!«

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