Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/kraftr/kaiserk3/kaiserk3.xml
typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
correctorreuters@abc.de
senderGeorges Huberty
created20121203
Schließen

Navigation:

28. Mirzis Rache

Jim wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, als er von seinem Bette emporfuhr, weil sich eine Hand wiederholt und nachdrücklich auf seine Schulter gelegt hatte. Traumbefangen blickte er um sich; er konnte nichts sehen, denn die undurchdringlichste Finsternis herrschte um ihn herum, aber die Hand fuhr wieder wie liebkosend über seine Wange und ergriff dann auch seine Hand.

»Jimmy, mein lieber Jim,« flüsterte es dicht neben ihm, daß er den warmen Hauch des Atems spürte, »verzeihe mir, daß ich dich aus dem besten Schlafe geweckt habe.«

Und ob Jim verzieh! Das war Nellys Stimme, dies ihre Hand, jetzt sah er auch etwas Weißes leuchten.

»Bist du es, Nelly?«

»Ja, ich bin's. Ich konnte trotz aller Müdigkeit nicht schlafen, ich mußte erst noch einmal zu dir, dich noch einmal küssen.«

Zwei Lippen preßten sich auf die seinen, er umschlang die Gestalt und umfaßte die schlanken, weichen Formen Nellys, die nur leicht verhüllt waren.

Es war kein Wunder, daß der junge Mann nicht mehr an sein Versprechen dachte; er brauchte es auch nicht mehr zu halten, denn Nelly kam ja zu ihm. Des Mädchens Sehnsucht war stärker gewesen als die seine; sie hatte ihrer Kraft zu viel zugetraut.

Sie ließ es geschehen, daß er sie zu sich zog, bis sie neben ihm lag, sie ließ es geschehen, daß er sie küßte und mit ihr koste; ihre schüchternen Widersprüche erstickte er mit Küssen, heiß drangen seine Liebesworte in ihr Ohr. Doch als sich ihre Glieder enger und enger aneinanderschmiegten, als das armselige Lager in dem indischen Bambushause zum Brautbett werden sollte, da ergriff sie mit kräftiger Hand seine Gelenke und hielt sie fest.

»Nicht jetzt!« rief sie.

»Nelly, diese Versuchung kann ich nicht ertragen,« keuchte er.

»Ich führe dich nicht in Versuchung.«

»Wie kannst du so sprechen?«

»Bitte, habe Mitleid mit mir.«

»Mitleid? Du liebst mich nicht.«

»Ob ich dich liebe, Jim. Aber ich denke jetzt an etwas anderes, beruhige mich erst darüber!«

»Über was?«

»Ich muß immer an den Brief denken.«

»An welchen Brief?«

»Den die verschleierte Indierin dir vorhin gab. Wohin hast du ihn gesteckt?«

»Ich begreife nicht, wie du jetzt an den Brief denken kannst,« sagte Jim vorwurfsvoll.

»Auch ich weiß es nicht, aber der Brief liegt wie ein Zentner auf meinem Herzen. Wohin hast du ihn gesteckt? Nicht, Jim – antworte mir erst.«

»In meine Brusttasche. Wie ein Zentner liegt dieser dumme Brief auf deinem Herzchen?«

Jim benutzte diese Worte, um seinen Liebkosungen eine neue Wendung zu geben. Seine heißen Lippen küßten den weichen, elastischen Busen, und Nelly setzte ihm nur schwachen Widerstand entgegen. Mechanisch beantwortete Jim alle an ihn gestellten Fragen, er dachte an etwas ganz anderes, und so merkte er nicht, daß Nelly doch eigentlich alles das wissen mußte, was sie fragte.

»Wer mag das Mädchen wohl gewesen sein?«

»Mir ging schon vorhin eine Ahnung auf, als ich mich schlafen legte. Vielleicht ist es Franziska Reihenfels, die Schwester des toten Reihenfels. Man sagte ja, sie sei mit Lord Canning verlobt.« »Sie wurde aber von den zwölf Puharris streng bewacht. Hier gelang es ihr, unbeobachtet einige Zeilen aufs Papier zu werfen.«

»Was beginnen wir nun mit dem Schreiben?«

»Wir geben es, wie Franziska wünscht, entweder Lord Canning selbst oder einem seiner Freunde. Wenn sie nur gewußt hätte, wohin sie gebracht wird.«

»Ja, das ist schlimm. Was schrieb sie sonst noch?«

»Aber, Nelly, hast du denn ein so kurzes Gedächtnis!«

»Ja, mir ist so komisch zumute.«

»Ach, denke doch nicht mehr an den dummen Brief. Sag, Nelly, willst du mich nur zum Narren haben? Warum kommst du erst zu mir, weckst mich aus dem besten Schlaf und willst nun die Spröde spielen? »Ihr Männer seid doch ganz närrisch. Du darfst nicht glauben, daß ich so eine bin wie die Mirzi, mit der du machen konntest, was du wolltest.«

»O, Nelly, sprich nicht mehr davon!«

»Warum denn nicht? Ich bin dir deswegen nicht mehr böse.«

»Das sind unangenehme Erinnerungen.«

»Ach was! Oder ziehst du Mirzi mir vor?«

Er drückte seine entgegengesetzte Meinung dadurch aus, daß er sie an sich preßte und sein Gesicht an ihrer Brust vergrub. Doch das Mädchen war damit noch nicht zufrieden.

»Hattest du Mirzi eigentlich wirklich lieb?«

»Ich bitte dich, höre von diesem Weibe auf. Du quälst mich,« stöhnte er. »Sonst erwähntest du niemals jener Stunde, und gerade jetzt, da ich dich besitze, erinnerst du mich daran.«

»Eben dadurch will ich dich im Zaume halten; die Erinnerung an deine Sünden sollen dich hindern, mich zu besitzen. Ich bin nicht willens, mich dir hinzugeben. War Mirzi nicht ein ganz hübsches Mädchen?«

»Du bist grausam.«

»War Mirzi nicht wirklich hübsch?«

»Nein, nein doch, sie war grundhäßlich. Ich kann nicht begreifen, wie ich sie je hübsch gefunden habe.«

»Ach, geh, du warst ja ganz vernarrt in sie!«

»Das eben ist mir unbegreiflich. Der Satan muß mit ihr im Bunde gewesen sein. Er verblendete meine Augen.«

»Oder Gott Amor. Ich glaube fest, du hattest damals wirkliche Absichten auf Mirzi.«

»Torheit! Es war nur ein ganz abgefeimtes Weib.«

»Du sprachst zu ihr vom Heiraten.«

»Das ist nicht wahr.«

»O, ich habe euch ja öfters belauscht.«

»Ich habe nie vom Heiraten gesprochen, ein Soldat denkt überhaupt selten ans Heiraten.«

»Aber ich habe es doch gehört. Mirzi fing davon an; sie wollte dich wahrscheinlich ins Garn locken.«

»Nein, nein, du kannst nichts gehört haben, denn wir haben nie darüber gesprochen. Mirzi war nur ein Werkzeug politischer Verbrecher, ich war von ihr als Opfer auserkoren worden.

O, Nelly, daß du mich daran erinnern mußt!«

»Ich glaube, es tat dir leid, daß ich deine Geliebte damals so züchtigte,« fuhr das Mädchen unbarmherzig fort. »Sei aufrichtig, Jim! Nicht wahr, es wäre dir lieber gewesen, Ihr wäret ungestört geblieben?«

»Nelly, Nelly, so habe doch Erbarmen!«

»Du machtest ein so wehmütiges Gesicht, als sie braun und blau geschlagen am Boden lag. Freilich, du warst dir einer bösen Schuld bewußt und durftest deswegen nicht mucksen. Unter anderen Umständen hättest du wohl den kleinen Trommeljungen an die frische Luft gesetzt. Oder kam er überhaupt unerwünscht?«

»Nelly, du zerreißt mir das Herz.«

»Ach geh, so schlimm ist es nicht. Du zerreißt mir das Kleid. Wie, hättest du Mirzi gern geheiratet?«

Wenn Jim nicht an etwas anderes gedacht hätte, er wäre entrüstet gewesen. So beteuerte er nur immer seine Unschuld und das Gegenteil von dem Behaupteten.

»Heiraten? Die? Wo denkst du hin! Du weißt, wie wir Soldaten sind. Hätte ich aber gewußt, daß sie eine Spionin war, dann wäre ich anders mit ihr umgesprungen. Komm, meine süße Nelly!«

»Was hättest du denn mit ihr gemacht?« forschte das unerbittliche Mädchen weiter, ihn abwehrend.

»Dann hätte sie meine Fäuste zu fühlen bekommen.«

»Du hättest das schöne Mädchen geschlagen?«

»Schön? Bah! Ein eitles, aufgeputztes Ding war es, weiter nichts. Ich hasse sie jetzt. Ha, wenn sie mir noch einmal zwischen die Finger käme!«

»Du würdest sie wirklich nicht mehr ansehen?«

»Verachten würde ich sie, anspucken, prügeln, mit Füßen treten. Ja, das würde ich tun.«

»Gott, du machst mir bange!«

»Das will ich nicht, dir gegenüber bin ich ganz zärtlich.«

»Viel zu zärtlich. Ich darf es gar nicht dulden. Aber sag, Jim, willst du mich später auch einmal heiraten?«

Nun bekam das Mädchen die üblichen Schwüre zu hören, daß er sie heiraten würde. Er rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen seiner Ehrenhaftigkeit und schwor bei den unglaublichsten Dingen, bei seiner Seligkeit und beim heiligen Kanonenrohr. Auch die englischen Soldaten haben stets Heiratsschwüre auf Lager.

»Was war das?« unterbrach sich Jim plötzlich.

Er hatte etwas Eisernes rasseln hören.

»Ich habe den Verlobungsring gleich bei mir,« kicherte das Mädchen.

»Auch gleich den Trauring?« fragte Jim, einen Scherz vermutend und darauf eingehend, um so mehr, als er dadurch an das Ziel seines Verlangens zu kommen glaubte.

In England tragen die Frauen sowohl einen Trauring, als auch einen Verlobungsring, beide am Goldfinger der linken Hand. Ersterer ist glatt, letzterer mit einem Muster graviert.

»Gewiß, auch gleich den Trauring! Bist du nun mit mir zufrieden?«

»O, Nelly, du machst mich zum glücklichsten Menschen. Donnerwetter, der ist aber ein bißchen groß!«

Sie hatte ihm einen Ring gegeben, den er bequem über die Hand streifen konnte.

»Das ist der Verlobungsring, komm, laß ihn dir anstecken! Bitte, verdirb mir den Spaß nicht!«

»Aber ich sollte ihn dir anstecken, nicht du mir.«

»Bei uns ist eben alles umgekehrt. Ich war's ja auch, der zu dir kam. So, hiermit sind wir verlobt.«

»Und da hängt ja noch ein anderer dran!«

»Natürlich, das ist gleich der Trauring.«

»Die sind ja mit einem Strick zusammengebunden!«

»Damit sie nicht verloren gehen. Siehst du, was für ein ordnungsliebendes Frauchen du bekommst!«

»Halt, du steckst mir den Trauring ja an die rechte Hand. An die Linke muß er kommen.«

»Ach was, wir kehren uns nicht an die Mode.«

»Woher hast du die Dinger denn?« »Sie lagen in meiner Kammer. So, paß auf, was nun kommt. Das sind nämlich Zauberringe.«

Knips! ging es, und die durch einen Strick verbundenen Ringe schlossen sich plötzlich eng um Jims Handgelenke.

»Nanu, was ist denn das?« rief Jim verwundert. »Ich bin ja gefesselt!«

»Natürlich, willst du mich denn nicht heiraten?«

»Von Herzen gern, aber dabei wird man doch nicht gefesselt?«

»Das verstehst du nicht, mein lieber Jim, aber du wirst's schon noch lernen. Hast du noch niemals von den Fesseln der Ehe gehört? Siehst du, jetzt liegst du drin. Euch Männern schadet's überhaupt gar nicht, wenn euch in der Ehe die Hände etwas gebunden werden, und manchmal auch die Beine, sonst geht ihr durch. Nun, wie gefällt's dir denn in der Ehe?«

»Ich merke schon, daß ich unter den Pantoffel komme. Laß mich nur nicht zu lange gebunden.«

Wie ein Kind ließ Jim mit sich spielen. Er hatte es nur zu gern, daß sich die kleinen Hände mit ihm beschäftigten.

»Und hier habe ich noch etwas,« fuhr Nelly scherzend fort. »Fühlst du, was das ist?«

»Was für ein Ring ist denn das? Der ist ja schrecklich weit.«

»Das ist die Myrtenkrone, welche nur die Unschuld tragen darf. Du darfst sie tragen, denn du bist die Unschuld selbst – wenn du schläfst.«

»Und wenn mir die Hände gebunden sind,« fügte Jim lachend hinzu. Gutmütig ging er auch noch auf diesen Scherz ein, er ließ sich den großen Ring nicht auf den Kopf setzen, sondern über den Kopf stülpen.

»Was machst du denn jetzt wieder?«

Es war ihm, als befestige das Mädchen den Strick an diesem neuen Ring.

»Nun bloß noch das, dann gebe ich dich frei. Hebe die Hände! So! Siehst du, nun bist du völlig mein Gefangener.«

Sie hatte ihm die Hände dicht an den Halsring gezogen, er konnte sie kaum noch bewegen.

»Treibe den Scherz nicht zu weit, Nelly! So feiert man keine Hochzeitsnacht.«

»Nur noch eine Frage, dann sollst du sie feiern können. Was machtest du denn nun, wenn hier statt Nelly Mirzi läge?«

»Komische Frage! Ich würde sie aus dem Bett werfen.«

»Ich denke, du wolltest sie anspucken und dann prügeln?«

»Natürlich, das würde ich vor allen Dingen tun.«

Das Mädchen lachte plötzlich wild auf.

»Haha, denkst du denn wirklich, ich bin deine vielgeliebte Nelly? Erkennst du mich nun?«

Jim war vor Schrecken starr. Das war ja mit einem Male eine ganz andere Stimme! Da gellte ein furchtbarer Schrei durch das Haus.

»Jim, zu Hilfe, Jim!« erklang es einige Zimmer entfernt.

Jim wußte nicht, ob er wirklich wache. Das war Nellys Stimme gewesen, die ihn gerufen hatte. Er sollte nicht lange im unklaren bleiben.

Mit gellendem Gelächter sprang seine Gefährtin aus dem Bett, ein Licht flammte auf, und der entsetzte Jim blickte in die vor Haß verzerrten, von blauen Flecken entstellten Züge Mirzis.

Im Nu war ihm alles klar, mit einem Schreckensschrei sprang er auf, aber unfähig, die Hände zu bewegen.

»Hörst du sie schreien?« hohnlachte das listige Weib. »Sie ruft nach dir! Komm, du sollst zusehen, wenn deine Braut ihre Hochzeitsnacht mit einem anderen feiert.« Sie warf einen bereitliegenden Mantel über, ergriff das Licht und riß den vor Entsetzen halb bewußtlosen Jim an dem Strick mit sich fort, welcher seine Hände an den Halsring schnürte. – – Auch Bob – oder wir wollen jetzt wieder Nelly sagen – sollte beim Erwachen aus tiefem Schlafe Schreckliches erleben.

Es kam ihr wie im Traume einmal vor, als würde ihr ein Tuch über das Gesicht gedeckt.

Sie wollte sich umdrehen und das Störende mit den Händen entfernen, doch mitten in dieser Bewegung schlief sie wieder ein, und zwar sehr fest.

Wie ward ihr aber, als sie endlich erwachte und sich an Händen und Füßen gefesselt fand, im Munde einen Knebel, der sie an jeglichem Laute hinderte. Im ersten Augenblicke konnte sie gar nicht daran glauben, bis ihr die schmerzenden Stricke deutlich bewiesen, daß sie wache und nicht träume.

Sie befand sich in einem anderen Zimmer als dem ihrigen, lag auf einem fremden Bette, nur mit einem Hemd bekleidet, wie sie sich schlafen gelegt hatte, und im Scheine der Kerze auf dem Tische sah sie vor sich einen Mann stehen, der halb höhnisch, halb lüstern auf sie herabblickte.

Beim Anblick dieses ungeschlachten Mannes mit den rot unterlaufenen Augen ging ein Schaudern durch ihren Körper. Sie sah ihr Geschlecht verraten und sich selbst in der Gewalt dieses Indiers. Sie konnte sich nicht verhehlen, was seine Absicht war; es stand schon in seinem Gesicht geschrieben. Sie war unfähig, sich zu wehren, um Hilfe zu rufen! Konnte ihr wohl jemand Hilfe bringen? Wo war Jim? Ohne Zweifel war sie betäubt und dann gefesselt worden, sonst hätte sie doch etwas von alledem merken müssen. Jim's Los war jedenfalls das gleiche, vielleicht war er schon tot. Er war ein Mann; der Indier, der Feind der Engländer, konnte an ihm nur seinen Blutdurst, seine Rache befriedigen, aber sie ...

Nelly hatte gehört und selbst gesehen, wie die Rebellen mit den Weibern verfuhren, wenn diese in ihre Gewalt fielen.

»Hast du gut geschlafen?« fragte der Indier spöttisch.

Das Mädchen konnte nicht antworten; entsetzt starrte sie die unheimliche Gestalt an. Sie erschien ihr wie ein Nachtgespenst, wie der Vampir, der sich nachts auf Menschen wirft und ihnen das Herzblut aussaugt.

»Du sollst nicht die ganze Nacht gefesselt bleiben,« fuhr der Mann fort, »auch den Knebel nehme ich dir dann aus dem Munde. Dann, wenn du bei mir liegst, kannst du zetern und zappeln so viel, wie du willst, das tun solche junge Mädchen, wie du eines bist, immer; das verliert sich schon mit der Zeit. Jetzt aber mußt du noch bleiben, denn Mirzi – du kennst sie doch – ist im Zimmer deines Gefährten. Während er sie umarmt und sie ihn küßt, legt sie ihm die Handschellen an. Nun, ich bin nicht eifersüchtig, ich habe ja Ersatz gefunden. Du bist doch nicht etwa eifersüchtig auf deinen Jim?«

Er setzte sich mit widrigem Lächeln neben sie aufs Bett und kitzelte sie mit dem Finger unterm Kinn. Nelly wünschte, an dem Knebel ersticken zu können. Ein Stöhnen kam aus dem Munde.

»Nun, nun, du brauchst nicht lange zu warten. Hätte ich nicht bei der heiligen Spitzaxt geschworen, Mirzis Rückkehr zu erwarten, ich würde dich schon längst auf meinen Schoß genommen haben. Du gefällst mir, Kleine. Wie kommst du eigentlich dazu, dich in Soldatenuniform zu stecken? Bist wohl auf der Flucht und fürchtest dich, als Mädchen zu reisen? Ja, wir haben aber scharfe Augen. Also der Soldat ist dein Geliebter! Der Arme! Warum hast du ihm deine Liebe versagt? Nun werde ich seinen Platz einnehmen und dich die Freuden der Liebe lehren. Nicht wahr, du kennst sie noch nicht, Kleine? Wie solltest du? Bist ja kaum reif, dir sieht man die Unschuld noch an.« Ach, hätte sie ersticken können! Sie wünschte sich den Tod, gleichviel, in welcherlei Gestalt. Nur tot, tot wollte sie sein, damit sie nichts mehr zu hören brauchte, nicht mehr diesen scheußlichen Kerl sah.

Er beschäftigte sich wieder mit ihr. Sie riß an den Stricken, sie strengte die Lunge zum Zersprengen an, um den Knebel entfernen zu können, sie wälzte sich und wand sich – vergebens, sie konnte nicht verhindern, daß seine Hände tastend über sie fuhren.

Jetzt bückte er sich und küßte sie mit seinen widerlichen Lippen. Noch einmal strengte sie alle ihre Kraft an; Schaum trat ihr vor den Mund, und dann befiel sie ein schrecklicher Husten. Er drohte sie zu ersticken.

»Oho, mit dir werde ich meine Not haben,« kicherte Gholab, »aber desto bester! Es ist mal etwas anderes als eine Bajadere.«

Der Husten wurde immer schlimmer; die Augen drohten die Höhlen zu verlassen.

Gholab wurde von Besorgnis ergriffen, nicht etwa von Mitleid. Diesem Husten konnte ein Lungenschlag ein Ende machen; Nellys zarter Busen flog auf und nieder. Kurz entschlossen nahm er ihr den Knebel aus dem Munde.

Mit der äußersten Energie vermochte sie sofort den Husten zu bändigen, und »Jim, zu Hilfe, Jim!« kam es schrill und gellend von den Lippen.

»Schrei nur, schrei nur zu!« lachte Gholab. »Dein Geliebter wird schon kommen. Sieh, da ist er schon!«

Die Tür ward aufgerissen; Mirzi trat triumphierend ein, Jim wie ein Schlachtvieh am Stricke führend. Gleichzeitig kam auch Gholabs Diener herein, in der Spalte der anderen Tür wurden einige Köpfe sichtbar, dem Mankdrallah und dessen Weibern gehörend.

Jims Blut stockte vor Schrecken. Nelly war in der Gewalt dieses rohen Wüterichs. Er hob sie wie ein Kind auf seinen Schoß, doch liebkosen, wie er es wollte, konnte er sie jetzt nicht, denn das Mädchen versuchte die einzige Waffe, die sie noch besaß, zu benutzen – sie versuchte zu beißen. Er mußte ihren Kopf mit beiden Händen von sich abhalten.

Jim sah im Geiste schon alles kommen. Das war eine teuflische Rache an ihm, dem Engländer; sein Gefährte war als Weib erkannt worden, man wußte auch, daß sie seine Braut war, und nun sollte sie, die Engländerin, nicht nur in seiner, sondern noch in anderer Gegenwart, ganz öffentlich und schamlos entehrt werden.

Mit einem Wutschrei wollte er vorstürzen. Gholabs Diener jedoch erfaßte ihn von hinten beim Halsring und hielt ihn so mit Leichtigkeit zurück. Jims Anstrengungen waren vergebens, er hätte sich höchstens selbst erwürgt.

»Sieh, deine Braut,« rief Mirzi frohlockend, »sieh, wie sie sich sträubt! Geradeso, wie du, als ich von dir die Brieftasche forderte. Erkennst du mich nun? Erkennst auch du mich, mein heldenmütiger Trommeljunge? Ja, sieh mich nur an! Ich bin's, die du damals geschlagen hast. Rache ist süß, Rache, Rache, Rache! Hahaha, wie sie zu beißen versucht.«

In Blick und Worten des Weibes lag halber Wahnwitz, sie konnte sich nicht sättigen an dem Anblick, der sich ihr bot. Bald blickte sie auf Jim, bald auf die sich windende Nelly.

Ersterer wußte nicht, ob er vor Zorn oder vor Scham vergehen sollte. Unfähig, zu helfen, stand er mit erloschenen Augen da und wünschte, der Himmel möge über ihn und über diese Schändlichen herabstürzen.

Auch Nelly wußte nicht, was sie tat. Sie wehrte sich aus Leibeskräften und schrie und flehte Jim um Hilfe an.

»Das ist meine Rache, das ist meine Rache!« wiederholte das Weib in einem fort. »Ah, das labt mich, das stärkt mich, sättigt mich! So habe ich es mir immer ausgemalt, das ist meine Rache! Sieh deine Braut an, Jim! Sieh mich an, süße Nelly! Ich bin es, die an alledem Schuld ist.« Gholab sah ein, daß er so mit dem Mädchen nicht fertig werden konnte. Er hob sie auf und warf sie wuchtig auf das Bett, sich dabei aber in acht nehmend, daß seine Hände nicht von ihrem Munde erreicht werden konnten.

»Ich mache ein Ende!« keuchte er.

»So ist es recht, mache ein Ende!« jubelte Mirzi und sprang hinzu. »Den Knebel! Steck ihr den Knebel in den Mund! Ich habe dir versprochen, ich will heute dein Schamsias sein; ich selbst halte ihr die Hände fest. So, so ist es recht!«

Die Stricke waren durch Gholabs Messer zerschnitten worden, Mirzi ergriff des Mädchens Hände an den Gelenken; mit tierischer Brutalität warf sich Gholab über sie hin.

Jim heulte laut auf; er erwürgte sich fast an dem Halsring.

Da vermischte sich sein Schreien mit dem Schmerzgeheul Gholabs.

Dieser hatte sich aufgerichtet, über sein Gesicht floß Blut, aus dem einen durchbohrten Auge kommend.

Es war Nelly gelungen, eine Hand dem Griffe zu entwinden. Blitzschnell hatte sie unter das Hemd gegriffen, ein an einer Lederschnur hängendes Messerchen ergriffen und dasselbe mit der geschlossenen Klinge dem auf ihr Liegenden ins Auge gestoßen.

Zwar bemächtigte sich Mirzi sofort wieder der freien Hand, doch mit Gholab war es vorbei, und außerdem verwandelte sich die Szene vollkommen.

Plötzlich stand ein Mann im Zimmer, man wußte nicht, ob er durchs Fenster oder durch die Tür gekommen war; mit einem gellenden Schlachtrufe stürzte er auf Gholab zu.

Der Indier hatte die fremde Gestalt in der roten Pelzmütze, in der Hand ein langes Messer, zuerst gesehen, und schneller konnte der Blitz nicht sein, als Gholab zur nächsten Tür hinausschoß, Dick wie sein Schatten ihm nach.

Ebenso ergriff auch Gholabs Diener sofort die Flucht.

Auf Mirzi aber stürzte sich mit einem Wutschrei das mißhandelte Mädchen. Mit einem Ruck lag sie am Boden, auf ihr kniete Nelly, und nun wiederholte sich jene Szene, in welcher sich die junge Irländerin als Meisterin der Boxerkunst gezeigt hatte, in verstärktem Grade.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.