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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 27
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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27. Alte Bekannte

»Gott sei's getrommelt und gepfiffen, daß der Alte den glücklichen Einfall gehabt hat, uns allein gehen zu lassen,« sagte Bob, als er sich außer Hörweite von Dick befand. »Ich weiß nicht, mir ist immer, als säße mir ein Frosch in der Luftröhre, wenn ich mit ihm spreche. Er treibt's doch ein bißchen zu toll mit der Menschenjägerei.«

»Ja, man kann sich gar nicht aussprechen, wenn er dabei ist. Er ist uns doch immer ein Fremder. Was, Bob, dich freut's doch hauptsächlich, daß wir nun einmal allein sind? Und nun erst da im Dorfe, hurrjeh, das soll eine Nacht werden!« Bob blieb stehen und sah seinen Gefährten ernsthaft an.

»Höre, Jim, du hast doch nicht etwa böse Nebengedanken?«

»Was denn für Nebengedanken?« fragte Jim unschuldig.

»Nun, von wegen – das gibt's nicht. Ich bin Soldat und trage der Königin Rock.«

»I wo, Bob, wo denkst du hin? Ich freue mich nur, daß wir allein sind, nun können wir uns einmal ordentlich aussprechen. Komm, gib mir den Arm!«

»Unsinn, die Bauern können uns ja hier schon sehen. Du darfst nicht vergessen, daß ich Bob, der Trommeljunge, bin.«

Schwatzend und lachend wendeten sie sich dem Dorfe zu und ließen an ihren Augen noch einmal die kurze Vergangenheit vorüberziehen, das Liebesglück in Wanstead und die treue Kameradschaft in Indien. Beide aber vermieden sorgfältig, dabei jener Szene Erwähnung zu tun, in welcher Jim durch die Verführungskunst eines Weibes um ein Haar Ehre und Leben verloren hatte.

Die wenigen Bauern, die ihnen im Dorfe begegneten, wichen den beiden Soldaten scheu aus. Als sie einen anhalten und fragen wollten, ergriff er schleunigst die Flucht. Sie brauchten auch nicht lange zu suchen, die zwei sich gegenüberstehenden größeren Bambushäuser waren bald gefunden. Das eine war leer – die Karawanserei; aus dem Fenster im ersten Stock des anderen Hauses lugten einige Frauengesichter.

Bob hatte nichts Eiligeres zu tun, als Kußhändchen hinaufzuwerfen, worauf die Weiber lachten – wahrscheinlich weil der Soldat so klein war – und verschwanden, aber gleich mit Schleiern vor den Gesichtern wiederkamen.

»Sieh, wie verliebt die sind!« sagte Bob. »Ich glaube, ich hab's ihnen angetan. Wie sie lachen, wie die eine mit dem Finger auf mich deutet!«

»Weil du so klein bist und schon ein Gewehr hast.«

»Sooo?« sagte Bob gedehnt und schnitt nun eine Grimasse hinauf, was erneutes Gelächter hervorrief.

»Hier scheint's ja lustig herzugehen, wenn es sonst auch traurig aussieht. Aber wenn die mich als komische Person ansehen, das will ich mir stark verbitten.«

»Dort steht auch eine andere, die scheint nicht zum Hause zu gehören.«

Aus einem abseits gelegenen Fenster schaute ebenfalls eine Frauensperson heraus, tief verschleiert, und zwar durch jenes Kopftuch, welches die indischen Weiber tragen, wenn sie sich im Freien aufhalten.

»Vielleicht schon Einquartierung,« meinte Bob. »Die Tür ist verschlossen; freiwillig will uns niemand Einlaß gewähren. Nun, ich will sie einmal auf uns aufmerksam machen.«

Er setzte die Hände vor den Mund, und wie aus einer Trompete erklang schmetternd ein langes Signal.

Drinnen entstand hastiges Laufen; ein männlicher Kopf sah aus dem Fenster, dann wurde die Haustür geöffnet, und der Mankdrallah erschien auf der Schwelle. Beim Anblick der beiden Uniformierten knickte er wie gewöhnlich zusammen, blieb so stehen und murmelte etwas Unverständliches.

»Bist du der Mankdrallah?« fragte Bob, der die Rolle des Sprechers übernahm; denn als weibliches Wesen hatte er die indische Sprache bedeutend schneller und besser erlernt als Jim.

Der Mann bejahte murmelnd.

»Du, der hat vor Schreck einen Hexenschuß bekommen. Also, mein lieber Mann, Stall und Futter für zwei Personen.«

Verstand auch der Ortsvorsteher diese Ausdrucksweise nicht, so wußte er doch, was die beiden fremden Gäste wollten, und lief ihnen die Treppe hinauf voran.

Er führte sie in ein Zimmer, welches ein sehr breites Bett enthielt. »Bist du so krumm gewachsen?« fragte der neugierige Bob, während er sich den Patronengurt abschnallte.

»Nein, Sahib.« »Na, da bring uns erst einmal etwas zu essen.«

»Wir sind arm, Sahib, die durchziehenden Soldaten haben uns nichts mehr gelassen.«

»Bring, was du hast. Wir wollen nichts umsonst, wir bezahlen alles gut.«

Während der Indier das Gewünschte besorgte, entledigten sich die beiden ihrer Waffen, machten es sich bequem, und Jim legte sich ausgestreckt und sich dehnend auf das Bett.

»Ah, das ist besser als die vorige Nacht am Palmbaum. Bob, was haben wir da nicht durchgemacht! Einen Augenblick länger, und wir hätten uns gegenseitig sterben sehen.«

Der Mankdrallah brachte dasselbe Gericht, wie Radscha Gholab es zum Abendessen gehabt hatte.

»Wo ist mein Zimmer?« fragte Bob.

Der Mann starrte ihn verständnislos an. Als Bob die Frage wiederholte, deutete er auf das Bett.

»Breit genug für vier,« schmunzelte er.

»Ja, wenn sie übereinanderliegen. Du hast doch noch ein anderes Zimmer?«

»Ja, aber kein Bett.«

»So mußt du mir eins herrichten.«

»Dort ist ja eins.«

»Ich will ein anderes in einem anderen Zimmer haben, verstehst du? Laß eins herrichten!«

Der Mankdrallah konnte dies nicht verstehen. Er hatte schon manchmal Soldaten beherbergt, und ein solcher Anspruch war ihm noch nie vorgekommen. Er mußte dies seinen beiden anderen Gästen mitteilen, die sich vor den Soldaten unsichtbar hielten.

»Das ist sonderbar,« sagte Mirzi, »und was meinte der Große dazu?«

»Gar nichts, er sagte kein Wort.«

»Nun, besorge für den kleinen ein Bett im Zimmer nebenan und sage ihnen, wenn sie mit Essen fertig sind, eine vornehme Indierin, welche sich hier auf der Durchreise befindet, bäte sie um eine kurze Unterredung.«

Eine halbe Stunde später betrat Mirzi, wie eine reisende Indierin gekleidet, unkenntlich verschleiert, das Zimmer, in welchem sich noch die beiden zusammen befanden. Sie entschuldigte die Störung in geläufigem Indisch, und kam sofort auf den Zweck ihres Besuches zu sprechen. Bob bejahte lächelnd die Frage, ob er Englisch lesen könnte.

»Willst du mir auf indisch sagen, was mir meine Freundin hier geschrieben hat? Sie glaubte, ich wäre der englischen Sprache mächtig.«

Es war Mirzi vollkommen gleichgültig, ob ihr dies geglaubt würde oder nicht, der Tod dieser beiden, die sie zu hassen alle Ursache hatte, war doch unwiderruflich beschlossen.

Bob empfing aus ihrer Hand, die sie unter dem weiten Ärmel zu verbergen suchte, ein Blatt Papier. Er las es, und Erstaunen prägte sich auf seinem Antlitz aus.

»Was heißt es?« fragte Mirzi mit Spannung Bob räusperte sich, warf der Verschleierten einen durchdringenden Blick zu und sagte:

»Hier steht: Ich bitte denjenigen, welcher dieses Papier in seine Hand bekommt, es in die Rocktasche zu stecken und es keiner anderen Person zu zeigen, am wenigsten einer Indierin, die nicht Englisch lesen kann. Mit vielen Grüßen und Küssen Deine Dich liebende Freundin!«

Damit steckte Bob das Papier gelassen in die Brusttasche seines Waffenrocks. Hinter dem Schleier drang ein Zornesruf hervor.

»Was soll das heißen?«

»Ich habe es ja eben vorgelesen.«

»Willst du mir das Schreiben nicht wiedergeben?« »Augenblicklich nicht.«

»Du bist ein Unverschämter.«

»Danke, gleichfalls!«

»Her mit dem Papier!«

»Fällt mir nicht im Traume ein.«

»Was für einen Zweck hat es für dich?«

»Ich handle nur strikte nach dem Wunsche der Schreiberin. Wo hast du es gefunden?«

»Das geht dich nichts an. Du hast mich betrogen; es steht etwas anderes darauf.«

»So? Na, dann lerne erst Englisch lesen, dann kannst du wieder einmal vorfragen.«

Als die Verschleierte sah, daß ihre Bemühungen nichts nutzten, drehte sie sich kurz um und verließ das Zimmer. Sie wollte den eigentlichen Inhalt trotzdem erfahren.

»Nun höre, was ich hier zu erfahren bekomme,« wandte sich Bob an Jim, zog das Schreiben wieder hervor und las leise vor:

»Wolle Gott, daß diese Zeilen ein Engländer findet. Wer es aber auch sei, wenn er ein Herz besitzt, so bitte ich ihn, dies Lord John Canning, Generalgouverneur von Indien, oder einem seiner Freunde zu übermitteln. – Ich wurde in Delhi gefangengehalten. Vor sechs Tagen verkündete man mir die Freiheit; acht Sepoys sollten mich nach der Burg Tokirha, in der Nähe von Attola, Berar, bringen, wo ich, wie man mir sagte, mit Lord Canning vereinigt werden würde. Zwei Tage nach der Abreise überfielen uns zwölf berittene Indier, welche die Sepoys bis auf den letzten Mann niedermachten. Sie redeten in der Sprache der Puharris. Der Anführer sagte mir, die Sepoys hätten mich in die Sklaverei bringen sollen, er aber und seine Leute hätten von einem Manne der mir näher stände, die Aufforderung bekommen, mich zu befreien und in Sicherheit zu bringen. Wohin, kann ich nicht erfahren. Der Anführer hatte quer über das Gesicht eine tiefe Narbe, sein linkes Ohr ist durchschossen. In diesem Dorf, wo man das Papier hoffentlich findet, gelingt es mir, diese Zeilen zu schreiben. Ich lege es in den Tischkasten. Den Namen des Dorfes kenne ich nicht, der Mankdrallah verbeugte sich immer sehr tief und richtete sich nicht wieder auf. Ich glaube den Puharris nicht, ich fürchte Unheil.

Das Datum ist mir unbekannt, es wird Anfang September 1857 sein. Franz –«

»Hier bricht das Schreiben ab, gerade wie er seinen Namen schreiben wollte,« schloß Bob, »ein Punkt ist nicht dahinter.«

Mit überlegenem Lächeln las Jim das Schreiben.

»Ein Franz ist das nicht, das hat ein Mädchen geschrieben. Ich bin nicht umsonst Schreiber bei einem Advokaten gewesen. Wenn das kein Frauenzimmer geschrieben hat, so.

will ich dich niemals heiraten.«

»Geh, mach jetzt keine Dummheiten. Aber hier steht doch Franz, nur der Zuname fehlt.«

»Sie brach mitten im Worte ab, Franzy oder Franziska wollte sie schreiben. Den Zettel heben wir jedenfalls auf und geben ihn an die gewünschte Adresse ab. Vielleicht ist es die Liebste Lord Cannings.«

»Oder seine Schwester.«

»Hat er nicht; es muß seine Liebste sein. Die Verschleierte hat den Zettel hier gefunden und will uns nun aushorchen. Die Indierin soll aber lange nichts zu sehen bekommen.«

»Weißt du, ich glaube fast, es ist gar keine Indierin,« meinte Bob nachdenkend.

»Warum nicht?«

»Als sie den Zettel wiederhaben wollte, steckte sie die Hand aus dem Ärmel, und da sah ich, daß diese fast weiß war.«

»Indierinnen haben manchmal fast ganz weiße Hände. Aber diesen Mankdrallah wollen wir doch einmal aushorchen.«

Eben kam dieser herein und meldete, daß im Nebenzimmer ein gutes Bett hergerichtet worden sei. In diesem Augenblicke ertönten unten die Klänge von Tamburins, und der Mankdrallah nötigte die beiden, ans Fenster zu treten. In der eintretenden Dämmerung sahen sie unten einige Mädchen stehen, welche Tamburins schwangen und nach dem Fenster die freundlichsten Blicke hinaufwarfen, die ihnen zu Gebote standen. Hätten die beiden sich hinausgebogen, so würden sie auch die würdige Ehehälfte des Mankdrallahs gesehen haben, wie sie in der Türe stand, eine Peitsche in der Hand, und die armen Mädchen mit den Blicken und Gebärden einer Tierbändigerin aufforderte, ihre Kunststücke zu zeigen.

Die geknechteten Geschöpfe taten denn auch ihr Bestes, den herabblickenden Soldaten zu gefallen. Ihr Tanzen, Lachen und Schäkern kam ihnen aber wahrlich nicht von Herzen.

Sie waren jetzt viel mehr herausgeputzt als vorhin, da sie sich dem dicken Indier präsentieren mußten, und zwar hatte Mirzi den Befehl hierzu nebst einem beigefügten Geschenk an die Frau Ortsvorsteherin ergehen lassen. Was von den Lumpen nicht gesehen werden sollte, das verhüllte die Dämmerung, und so machten die Mädchen wirklich einen ganz hübschen Eindruck, um so mehr, da sie jetzt lustig waren.

»Ist es nicht ein Skandal, dieser Mädchenhandel?« flüsterte Bob. »Ich möchte den Ortsvorsteher ohrfeigen, daß er uns so eine Vorführung bietet und von uns eine Wahl verlangt.«

»Ländlich sittlich!« entgegnete Jim achselzuckend. »Der Ortsvorsteher ist unschuldig, wurde ihm doch erst von englischen Beamten geheißen, jedem Durchreisenden solch eine Gefälligkeit zu erweisen. Nun, Bob, wie wird's, willst du dir nicht eine aussuchen?«

Bob lachte und trat vom Fenster zurück.

»Und du?«

»Du kränkst mich, Bob.«

»Haben die Sepoys ihre Wahl getroffen?« fragte hinter ihnen der Mankdrallah.

»Nein, führe sie fort!«

»Es sind aber die schönsten.«

»Wir wollen überhaupt keine.«

Der Mankdrallah machte ein ganz verblüfftes Gesicht. Es war wahrscheinlich das erstemal, daß er von Soldaten solch eine abschlägige Antwort bekam.

»Ich weiß nicht – soll ich – sollen sie ...,« stammelte er.

»Wir wollen überhaupt keine!« herrschte Bob ihn an. »Hast du uns nun endlich verstanden?«

Der Mann verließ kopfschüttelnd das Zimmer. So etwas war ihm noch nie vorgekommen.

Bob warf den Mädchen ein Geldstück hinab und sagte ihnen selbst, sie sollten sich entfernen. Noch fröhlicher, als sie gekommen, zogen sie wieder ab.

Da öffnete sich die Tür, und der Mankdrallah kam nochmals in derselben Angelegenheit.

»Ich habe auch noch Töchter und ...«

»Hinaus, Schurke!« donnerte Bob ihn entrüstet an. »Wage nicht, uns nochmals zu belästigen!«

In einem abseits gelegenen Zimmer empfingen Gholab und Mirzi die wunderbar klingende Nachricht, daß die beiden Soldaten sich durchaus weigerten, Mädchen in ihr Zimmer zu nehmen.

»Dahinter steckt etwas,« sagte Mirzi. »Schon der Umstand, daß der Kleine darauf besteht, in einem anderen Zimmer zu schlafen, ist verdächtig. Ehe wir uns ihrer bemächtigen, wollen wir uns darüber klar werden. Vielleicht findet sich ein anderer Plan.«

Sie erfuhren, daß man die beiden Soldaten durch einen Schlitz in der baufälligen Wand sehr wohl beobachten könnte, und sofort nahm Mirzi ihren Lauscherposten ein.

Das Zimmer war noch hell genug erleuchtet, um alles erkennen zu können. Jim und Bob standen sich gegenüber und hielten einander bei den Händen gefaßt.

»Warum denn nicht, Bob?« hörte Mirzi den größeren in bittendem Tone fragen. »Weil ich nicht will,« entgegnete der Kleine mutwillig, »es sähe ja zu komisch aus, wenn sich zwei Soldaten küßten.«

Mirzi horchte hoch auf. Das klang seltsam.

»Nur einen einzigen,« bat Jim wieder; »es sieht ja niemand.«

»Nein, Jim, nicht eher, als bis wir wieder in England sind.«

»Du bist grausam.«

»Ach, Jim, tu doch nicht so weinerlich, das steht einem Korporal gar nicht. Hast du denn früher auch immer so gefleht und gebettelt, wenn du von einem Mädchen einen Kuß haben wolltest?«

»Du hast recht, ich benehme mich ungeschickt. Du, was ist denn das?« unterbrach er sich plötzlich erschrocken und deutete nach dem Dache der gegenüberliegenden Karawanserei.

Bob war natürlich ebenfalls erschrocken und blickte nach der angedeuteten Richtung.

Diesen Augenblick der Regungslosigkeit benutzte Jim nach besten Kräften. Ehe sich der Kleine wehren konnte, hatte Jim ihn umschlungen und drückte den Mund auf seine Lippen.

Da war das Eis gebrochen. Bob duldete nicht nur den Kuß, er erwiderte ihn sogar, und Kuß nach Kuß erklang an das Ohr der Lauscherin.

»Nelly, meine Nelly, warum wehrst du dich denn jetzt nicht mehr?« lachte Jim fröhlich immer wieder Küsse auf die frischen Lippen drückend.

»Weil ich ein Mädchen bin,« entgegnete Nelly, welche ihre Natur nicht mehr verleugnen konnte ebenfalls lachend.

Also das war es! Die lauschende Mirzi staunte nicht mehr, sie schloß die Augen, und im Nu war in ihrem Kopfe der Plan entstanden, auf welche Weise sie diese beiden nicht nur fangen und vernichten, sondern auch noch quälen konnte. Mirzi war ein Weib und wußte, womit sie noch mehr martern konnte als mit spitzen Waffen und Feuer.

Vorläufig mußte sie noch lauschen und beobachten.

»Geh jetzt,« sagte Nelly, den Geliebten sanft von sich drängend.

»Ach, Nelly, du verlangst viel.«

»Es muß sein.«

»Warum denn? Es muß nicht sein.«

»Geh, verlaß mich, ich bitte dich. Bedenke doch, wir sind im fremden Land, im Kriege, ich bin Soldat. Laß mir doch die Freude, meine Rolle durchzuspielen.«

»Du gehorchst mir auch nicht, wenn ich dir als Korporal befehle, bei mir zu bleiben?«

»Dann erst recht nicht. Nur Bob, der Trommeljunge, kennt Vorgesetzte, nicht Nelly.

Nicht wahr, du versprichst, mir die Ruhe der Nacht nicht zu stören? Ach, Jim, ich bedarf so sehr des Schlafes.«

»Dann schlafe wohl, meine Nelly, und träume von mir!«

Diesmal war es das Mädchen, welches ihn mit Liebkosungen fast erdrückte; er konnte sie gar nicht erwidern, nur dulden, und als er endlich frei kam, da schlüpfte Nelly wie ein schüchternes Reh zur Tür hinaus.

Jim hielt sein Wort, er folgte ihr nicht und nahm sich vor, sie unbelästigt zu lassen.

Der Lauscherin Blut war bei dieser Szene in Wallung gekommen; ein furchtbarer Haß stieg auf gegen die, welche sie einst geschlagen, nein, nicht geschlagen, gemißhandelt hatte.

Es war ein Weib, ein Mädchen, und der, den sie liebte, vor dem hatte sie sich einstmals maßlos erniedrigt. Das Mädchen liebte diesen Mann; das war der Grund gewesen, warum sie ihn aus den Armen der Verführerin gerettet hatte. Ha, wie wollte sie sich jetzt rächen, an ihr und an ihm, und sie konnte es! Während Mirzi sinnend auf dem finsteren Flur stand, schmiedete sie in ihrem Kopfe schurkische Pläne. Jetzt wußte sie, so ging es.

Sie schlüpfte in ihr Zimmer, wühlte in ihrem Gepäck, steckte etwas zu sich und begab sich zu Gholab, der ihrer in kaum zähmbarer Ungeduld wartete. »Kommst du endlich?« empfing er sie. »Warum läßt du mich so lange warten, bis ich die beiden erdrossele? Ja, ich bin ein Phansigar. Da du es weißt, gestehe ich es. Ich bin sogar ein Oberguru, und glaubst du, ich brauche erst lange Vorbereitungen, sie zu töten? Ja, wenn ich sie aus der Mitte ihrer Kameraden holen müßte, aber so – sie sind allein.«

»Deshalb eben können wir mit Ruhe operieren. Wir wollen sie qualvoll sterben lassen, qualvoller, als du je einen Menschen gemordet hast, und ich will dabei dein Schamsias sein.

Nicht wahr, so heißt der Mann, der dem Opfer die Hände hält? O, ich habe schon etwas von der Sprache der Thags gelernt.«

»So sprich, wie wollen wir sie töten? Ich glaube nicht, daß du mich eine neue Todesart lehren kannst.«

»Doch, ich töte den einen, während du dich mit dem anderen ergötzest. Denkst du nicht mehr an den Preis des Esels?«

Die Mordgedanken hatten jetzt, da Gholab sein Opfer sicher wußte, nicht vermocht, die sinnliche Begierde zu unterdrücken. Seine Augen leuchteten lüstern auf.

»Du bist ein gutes Mädchen. Laß uns sie schnell töten, dann bist du mein.«

»Ich werde dir nicht gehorchen.«

»Nicht? Oho, dann werde ich dich zwingen.«

»Du wirst mir nicht viel tun,« lächelte Mirzi. »Hast du den kleineren der Soldaten gesehen?«

»Ein Milchgesicht. Ich erwürge ihn mit zwei Fingern.«

»Sprich nicht von ›ihm‹. Es ist ein Mädchen.«

»Was sagst du?« rief Gholab ungläubig.

»Ein achtzehnjähriges Mädchen, als Soldat verkleidet, frisch und unberührt. Ich sah, wie der andere, ihr Geliebter, gute Nacht zu ihr sagte. Vergebens drang er in sie, die Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen zu lassen – sie schlug es ihm energisch ab, und er gab endlich ihren Bitten nach – bis zur Hochzeit mit der Teilung des Lagers zu – warten. Hahaha!«

»Es ist nicht möglich,« staunte Gholab.

»Du selbst kannst und sollst dich davon überzeugen, übernimm du die Rolle des Bräutigams, sie spielt die meine. Kannst du dir nun erklären, warum sie die Mädchen abschlugen und warum der Kleine darauf bestand, in einem besonderen Zimmer zu schlafen?«

»Ja, du hast recht, es ist ein Mädchen – und es gehört mir.«

»Gemach, gemach! Bedenke, sie haben Waffen bei sich ...«

»Bah, was fürchte ich von diesen beiden.«

»Wir wollen sie aber nicht mit Gewalt überwältigen, sondern mit List. Sie sollen in Verzweiflung sterben. Verstehst du denn nicht? Der Große ist der Geliebte des Mädchens, das ihm als Soldat verkleidet folgt. Wahrscheinlich befinden sie sich auf der Flucht, und die Verkleidung ist ganz gut gewählt. Ich hasse beide. Wie groß muß die Verzweiflung des Mannes sein, wenn er die, welche er liebt, und die ihm noch nicht angehören will, sich in den Armen eines Fremden vergebens winden sieht. Ja, er muß der Szene beiwohnen, gefesselt, und die ihn bindet, bin ich.«

»Du?«

»Es ist mir ein leichtes. Sieh hier diese Fesseln.«

Sie zog unter dem Mantel zwei Handschellen hervor, die durch einen kurzen, starken Strick verbunden waren. Die Handschellen selbst bestanden aus Stahl oder Eisen, waren aber viel zu weit, als daß sie sich um die Handgelenke festgelegt hätten. Auch war kein Schloß oder sonst eine Öffnungsvorrichtung daran zu sehen – einfache, geschlossene, und sehr weite Ringe.

»Strecke deine Hände aus, ich will dir den Mechanismus zeigen.« Unwillkürlich streckte Gholab seine Hände vor; im Nu hatte Mirzi die beiden Ringe übergestreift, es knackte etwas, und wie angegossen saßen plötzlich die beiden Ringe um die Handgelenke – Gholab war gefangen.

»Das ist eine sinnreiche Vorrichtung!« sagte er.

»Nicht wahr? So werde ich den Großen fangen. Nun versprich mir, dich nicht eher an dem Mädchen zu vergreifen, als bis ich das Zeichen dazu gebe.«

»Ich lasse mir nicht gern Vorschriften machen.«

»Ich verlange es aber von dir.«

»Du von mir?« lachte Gholab höhnisch auf. »Weib, was bildest du dir denn ein?«

»Ich verlange deinen Schwur, daß du mich ruhig gewähren läßt, bis das Mädchen dein Eigentum ist.«

»Unsinn, das habe ich zu bestimmen. Befreie mich von den Handschellen!«

»Nicht eher, als bis du geschworen hast; du bist mein Gefangener.«

»Was?« brauste Gholab auf und wollte sich auf das Mädchen stürzen, da aber blickte ihm der Lauf des Revolvers entgegen.

»Du bist in meiner Hand!« sagte Mirzi kaltblütig. »Schwöre bei dem Heiligsten, was du kennst, schwöre mir bei der Spitzaxt der Kali, daß du dich meinen Anordnungen fügen willst.

Du bist in meiner Hand, und mein Leben gefährden kannst du nicht, eher nehme ich dir das deinige.«

Gholab schäumte vergebens, er mußte nachgeben.

»Gut denn! Was verlangst du?«

»Nichts anderes, als was in deinem eigenen Interesse ist. Ihr Thags habt Mittel, den Menschen zu betäuben.«

»Die haben wir.«

»Es gibt verschiedene, so zum Beispiel eins, durch welches man nur einen Augenblick betäubt wird, eben so lange, daß man gefesselt und geknebelt werden kann.«

»Das werde ich anwenden,« grinste Gholab.

»So hast du es also bei dir?«

»Ja.«

»Gut. Schwöre mir, daß du das Mädchen zwar fesseln und knebeln wirst, dich aber nicht eher an ihm vergreifst, – als bis ich es dir heiße.«

»Ich schwöre es dir bei der heiligen Spitzaxt der Kali – und nun befreie mich von den höllischen Ringen.«

Mirzi tat es, aber so, daß sie den Revolver immer zum Gebrauche bereit hatte. Doch Gholab dachte nicht an sie, sondern nur an das bevorstehende Abenteuer, das für ihn ein Fest nach seinem Geschmack zu werden versprach.

»Und was willst du tun?« fragte er Mirzi.

»Das laß meine Sorge sein. Ich werde dir den Großen, welcher Jim heißt, gefangen abliefern, er soll zuschauen, wie Nelly – so heißt das verkleidete Mädchen – von dir überwältigt wird. Das soll meine Rache sein, die für die beiden fürchterlicher als der Tod ist.

Diesem entgehen sie nachher doch nicht.«

»Sterben müssen sie, und zwar von meinen Händen,« setzte Gholab grimmig hinzu.

Mirzi ging, um sich zu überzeugen, ob die beiden schliefen, während Gholab Vorbereitungen traf, um Nelly in Betäubung zu versetzen und sie unschädlich und stumm zu machen. Sein Diener, ebenfalls ein Thag, half ihm dabei.

Bald kam Mirzi wieder und brachte die Nachricht, daß die beiden, von langer Reise und Strapazen völlig erschöpft, in todähnlichem Schlafe lägen.

Die Zeit des Handelns war gekommen; auf den Zehenspitzen schlichen die drei den Zimmern ihrer Opfer zu.

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