Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/kraftr/kaiserk3/kaiserk3.xml
typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
correctorreuters@abc.de
senderGeorges Huberty
created20121203
Schließen

Navigation:

26. Ein Kaufpreis

Der liebe Leser entsinnt sich noch jenes Dorfes, in welchem Lord Westerly einst als Generalgouverneur empfangen wurde und von dem wirklichen Gouverneur, Lord Canning, eine derbe Züchtigung empfing.

Dasselbe Zimmer im Hause des Mankdrallah, des Ortsvorstehers, wo sich einst Mirja gegen Westerly nicht ohne Erfolg gewehrt hatte, wurde seit zwei Tagen von einer Dame bewohnt, von einer wirklichen Dame, die eines Tages im kurzen Reitkleid, eleganten Stiefelchen und einigem Gepäck in der Hand zu Fuß angekommen war und von dem Mankdrallah irgendein Reittier zur Fortsetzung ihrer Reise gefordert hatte. Ihr Maulesel habe sich nur noch bis einige Meilen vors Dorf schleppen können, dann sei er hingefallen und verendet, wahrscheinlich an einer Eingeweidekrankheit, von welcher in Indien besonders die Zugtiere oft befallen werden. Der höfliche Mankdrallah hätte der feinen Dame sicher keinen Wunsch abgeschlagen, um so weniger, als sie sagte, sie würde das Tier mit barem Gelde bezahlen, aber er konnte ihn nicht erfüllen, denn das ganze Dors besaß weder ein Pferd noch sonst ein Reittier.

Das Aussehen des Dorfes und der Umgegend hatte sich geändert. Die Felder waren zerstampft; nur hier und da war ein kläglicher Rest von Feldfrucht zu sehen; nur wenige Schafe weideten noch auf den Wiesen, und Rinder gab es überhaupt nicht mehr. Der Mankdrallah klagte, daß die Engländer ihnen erst den Zehnten weggenommen, und als eine Rebellenschar durchs Dorf zog, wäre alles mit ihr gegangen, was nicht niet- und nagelfest gewesen wäre. Nur einige Schafe konnten gerettet werden, indem sie, unbemerkt von den Plünderern, in den Wald getrieben wurden.

Man hörte dem Manne an, daß er viel feindlicher auf seine Landsleute als auf die Engländer gesinnt war, welche nicht geplündert, sondern nur furagiert hatten. Der Mankdrallah hatte Grund zur Sorge: sein Dorf stand vor einer Hungersnot.

So gern er auch das bare Geld der Dame genommen hätte, er konnte ihr doch kein Tier verschaffen. Aber zu feig, ihr, der Faringi, das ohne weiteres zu gestehen, schien er sich die größte Mühe zu geben, ein Reittier aufzutreiben. Er schickte Kulis aus, welche in der Umgegend suchen sollten, und entschuldigte sich dann, wenn die Leute mit leeren Händen zurückkamen.

Wer war nun die Dame, welche allein durch Indien reiste, durch das vom Krieg heimgesuchte Land? Fürchtete sie denn nicht, eine Beute der umherstreifenden Rebellen zu werden? Es war offenbar eine Italienerin, jung und von guter Figur, in einem einfachen, aber modernen Reiseanzug, zum Reiten geeignet, gekleidet; ihr Gesicht wäre recht hübsch zu nennen gewesen, wenn es nicht von merkwürdigen, blauen Flecken, die gelb umrändert waren, entstellt worden wäre.

Der liebe Leser erkennt in ihr Mirzi, die Malteserin, wieder.

Diese brauchte die Rebellen also nicht zu fürchten, denn sie hatte jedenfalls Beweise bei sich, durch welche sie sich als Freundin jener legitimierte. Als Europäerin durfte sie andererseits auf den Schutz der ihr begegnenden Engländer rechnen.

Mirzi bewohnte also dasselbe Zimmer, welches einst Westerly innegehabt hatte, und dieser hatte damals in der Eile seines schnellen Aufbruchs ein kleines Tischchen zurückgelassen. Mit weiblicher Neugier hatte Mirzi sofort die Schublade aufgezogen, welche sie leer fand. Schon wollte sie dieselbe wieder zuschieben, als sie aus einer Ritze etwas Weißes hervorschimmern sah.

Mit dem Fingernagel zog sie es hervor, ein Stück Papier, und zwar mit englischen Schriftzeichen bedeckt. Nun konnte die ehemalige Tänzerin zwar recht gut auf englisch schwatzen und schimpfen, aber es weder lesen noch schreiben. Sie rief den Mankdrallah.

Dieser kam in jener gebückten Haltung herein, die schon einmal beschrieben wurde. Es sah aus, als liefe er auf allen vieren, und er richtete sich auch nicht auf, denn Mirzi benahm sich ihm gegenüber äußerst herrisch; die Reitpeitsche lag auf dem Tisch immer zum sofortigen Gebrauch bereit.

»Kannst du Englisch lesen?« fragte sie.

Der Mankdrallah verneinte ängstlich, als fühle er diese Unkenntnis wie eine Schuld auf seinem Gewissen ruhen.

»Warum nicht?« fragte Mirzi sehr geistreich weiter.

Der Ortsvorsteher stammelte eine Entschuldigung und wünschte im Innern alle Faringis in die indische Hölle.

»Gehört dieser Tisch dir?«

»Nein.«

»Wem sonst?« »Ein edler Faringi hat ihn einst zurückgelassen, ein mächtiger Sahib, der uns viele, viele Ochsen und Schafe und Hühner zum Schlachten und Essen geschenkt und sie dann nicht bezahlt hat. Es war der große Gouverneur von Indien; Brahma sei mit ihm!«

Überrascht vernahm Mirzi diese Mitteilung und ließ sich von dem Manne mehr von jenem Besuche erzählen, bekam aber nur ganz konfuses Zeug zu hören, in welches sie trotz aller Fragen keine Ordnung zu bringen vermochte. Schließlich gab sie den Versuch auf.

»Kehrte in diesem Hause sonst noch einmal ein Faringi ein?«

»Nein.«

»Oder vielleicht eine Faringi, ein Weib?«

Mirzi verstand zwar nicht die englischen Buchstaben zu entziffern, aber sie hatte doch schon genug Briefe in Händen gehabt, um beurteilen zu können, daß diese mit Bleistift geschriebenen Worte von der Hand eines Weibes stammten.

Seltsamerweise wurde der Ortsvorsteher bei dieser letzten Frage plötzlich furchtbar unruhig.

»Nein,« stammelte er, »es war – es war – niemand hier.«

Mirzi ergriff schnell die Reitpeitsche und hob sie zum Schlage aus.

»Hund, willst du mich belügen?« fuhr sie den Zitternden an. »Ist hier ein Weib eingekehrt?«

»Ich darf es nicht sagen, Herrin.«

»Was darfst du nicht sagen?«

»Daß hier eine Faringi gewesen ist. Sonst werde ich gehängt.«

»Ah, sieh da! Willst du mir antworten?«

»Ich darf nicht, Herrin.«

»Was darfst du nicht?«

»Ich darf niemandem sagen, daß vor einigen Tagen viele bewaffnete Indier hier gewesen sind und eine weiße Dame mit sich führten.«

Nach und nach erfuhr Mirzi, daß vor einigen Tagen, eines Abends ein Trupp von zehn bis zwölf stark bewaffneter, mit Lanzen versehener, wilder, indischer Reiter im Dorfe eingetroffen wären und übernachtet hätten. Sie führten eine junge, weiße Dame mit sich, die sehr, sehr traurig ausgesehen hatte. Aber widersetzt hätte sie sich ihren Begleitern nicht. Sie schlief in diesem Zimmer; der Anführer des Trupps hielt Wache vor der Tür, benahm sich aber sonst sehr höflich gegen sie. Der Mankdrallah konnte nicht sagen, zu welchem Stamme die Reiter gehört hatten. Es wäre ein ihm ganz fremder Menschenschlag gewesen. Beim Weiterritt am nächsten Morgen nahm der Anführer den Ortsvorsteher scharf ins Gebet und sagte ihm, wenn er wieder hier durchkäme und erführe, der Mankdrallah hätte von diesem Besuche zu irgend jemandem geplaudert, so würde er ihn erst peitschen und dann aufhängen.

Dasselbe gelte für die anderen Dorfbewohner.

Dann seien die Männer mit der Dame fortgeritten. Mehr konnte Mirzi nicht erfahren.

»Wie sah die Dame aus?« examinierte sie.

»Sehr, sehr traurig und bleich.«

»War sie hübsch?«

»Wunderschön – aber nicht so schön wie du,« setzte der Ortsvorsteher, der nicht so dumm war, wie er aussah, vorsichtig hinzu.

»Laß mich allein, und wenn du mir heute im Laufe des Tages kein Reittier verschaffst, so lege ich den Sattel auf deinen Rücken und reite auf dir weiter. Deine Figur paßt dazu.«

Der Mankdrallah warf sich auf den Hinterbeinen herum und trabte hinaus.

Der Tag verging, der nächstfolgende auch, und Mirzi saß noch immer ohne Tier in dem Zimmer. Bald weinte sie vor Wut, bald machte sie ihrem Ärger in italienischen, spanischen und englischen Schimpfwörtern und Flüchen Luft. Sie, des Gehens überhaupt ganz ungewohnt, konnte doch nicht auf durch Wildnisse führenden, holprigen Landstraßen zu Fuß marschieren! Ihre gelben Stiefelchen wären bald in Fetzen abgefallen.

Am Morgen des dritten Tages wurde Mirzi durch ein Geschrei aus dem Schlummer geweckt, das ihr sonst sehr mißtönend, diesmal aber wie Sphärenmusik klang. Es war das krächzende, melancholische Y – y– y – ah eines Esels.

Sie warf die Kleider über, sprang ans Fenster und sah wirklich auf dem Hofe einen Grauschimmel stehen, der die über den Zaun hereinragenden Distelbüsche beknusperte.

Ihr Ruf holte den Ortsvorsteher herbei.

»Ich hatte dir zwar zehn Rupien für einen Esel versprochen,« sagte sie, sich ungnädig stellend, »da ich aber zwei Tage und die Nächte habe warten müssen, so ziehe ich dir von dieser übrigens enormen Summe fünf Rupien ab. Fünf erhältst du, mehr nicht.«

Mirzi verleugnete nicht, daß ihre Heimat Malta war. Die Malteser sind das gaunerhafteste Handelsvolk Europas.

Der Mankdrallah drückte und schluckte, ohne eine Antwort herausbringen zu können.

»Nun, bist du mit den fünf Rupien etwa nicht zufrieden? Jetzt bekommst du gar nichts, verstehst du?«

»Verzeihe, Herrin, der Esel ist gar nicht mein.«

»Nicht? Wem sonst?«

»Dein Schlummer war süß, o, Herrin, und so hörtest du nicht, wie diese Nacht ein vornehmer Indier an meinem Hause anklopfte und Einlaß begehrte.«

»Der Esel gehörte ihm?«

»Er ritt ein Pferd, sein Diener den Esel.«

Ärgerlich stampfte Mirzi mit dem Fuße auf.

»Ist er ein Rebelle, oder hält er zu den Engländern?« fragte sie dann vorsichtig mit gedämpfter Stimme.

»Ich durfte nicht fragen, und gesagt hat er es mir nicht.«

»Er ist ein vornehmer Indier?«

»Er tritt sehr vornehm auf; am liebsten begleitet er jedes Wort mit einem Fausthiebe.«

»Wie sieht er aus?«

»Groß und dick, Augen hat er, die sind so schön wie die eines Ochsen und ganz rot, und essen kann er – ach, Herrin, wenn der lange hierbleibt, so muß ich verhungern!«

»Weiß er, daß ich hier bin?«

»Er fragte, und ich mußte antworten.«

»Was sagte er?«

»Er wollte dich sprechen.«

»Warum sagst du mir das nicht früher? Dummkopf! Geh hin und melde ihm, ich wünsche ihn zu empfangen.«

»Er schläft jetzt noch, Herrin, und er hat mir befohlen, ich soll dich rufen, wenn er ausgeschlafen hat.«

»Oho, dieser große und dicke Indier scheint sich ungemein viel einzubilden. Wo ist sein Diener? Schläft er auch noch?«

»Nein, er ist bei dem Pferd.«

»So rufe ihn zu mir!«

Es dauerte sehr lange, ehe der Diener es für gut fand, sich bei der Faringi einzufinden. Es war ein noch junger, starkgebauter Indier mit pfiffigem Gesicht.

»Wer ist dein Herr?« wollte Mirzi ihn ausforschen.

»Ein Sohn Indiens,« sagte der Kuli mit schlauem Lächeln.

»Das kann ich mir denken. Hier, nimm, vielleicht macht dies deine Zunge geläufiger.« Sie gab ihm eine kleine Silbermünze, der Indier nahm sie, wog sie in der Hand und warf sie dann verächtlich auf den Tisch. Das war für einen Indier unerhört, denn sonst bedanken sie sich für die kleinste Kupfermünze unzählige Male.

»Bah, zu leicht! Behalte dein Silber. Ich bin gewohnt, von meinem Herrn in Gold bezahlt zu werden, und nicht von jedem nehme ich etwas an.«

Das Blut stieg Mirzi zu Kopfe; sie nahm die Reitpeitsche.

»Lege die Peitsche hin!« sagte der Indier kaltblütig. »Es wäre dein letzter Schlag gewesen.«

»Mein letzter? Du drohst mir?«

»Mein Herr würde dich sofort erdrosseln. Er duldet nicht, daß man seinen Diener schlägt, und am wenigsten duldet er es von einer Faringi.«

Schnell senkte Mirzi die Peitsche.

»So ist dein Herr ein Rebell?«

»Er liebt die Freiheit Indiens.«

»Das sagt genug. Auch ich halte zu denen, welche ihr Vaterland nicht von Fremden geknechtet sehen wollen. Kann ich deinen Herrn sprechen?«

»Er schläft noch. Was willst du von ihm?«

Mirzi hielt es nicht für angemessen, den Diener über ihre Wünsche aufzuklären, um so weniger, als sie den Esel in ihren Besitz haben wollte, der doch dem Diener als Reittier diente. Gewährte der Herr ihre Bitte, so mußte der Diener ihn während seiner weiteren Reise zu Fuß begleiten, wenn er ihn nicht gar entlies.

»Ich weiß, du möchtest den Esel haben,« fuhr der Diener von selbst fort, »nun, ich glaube, mein Herr ist nicht abgeneigt, ihn dir zu überlassen. Ich werde dir sagen, wenn er erwacht ist.«

Mirzi mußte noch einige Stunden warten, ehe sie gerufen wurde. Sie verbiß ihren Unmut und machte ihr freundlichstes Gesicht; denn es lag ihr vor allen Dingen daran, ein Reittier zu bekommen. Sonst konnte sie zeitlebens im Dorfe sitzen bleiben, wenn sie sich nicht entschloß, zu Fuß weiterzugehen.

Der vornehme Indier tat, als wäre er hier zu Hause, und noch mehr. Obgleich er wußte, daß eine europäische Dame sein Zimmer betrete, hatte er es nicht einmal für nötig gehalten, sein Bett zu verlassen. Die Decke verhüllte nur den Unterkörper, das vorn offene Hemd ließ die zottige Brust sehen. So lag er bequem auf einem Arm gestützt und rauchte mit mächtigen Zügen aus der vor dem Bett stehenden Wasserpfeife.

Mirzi erschrak, als sie diesen Mann erblickte. Wo hatte sie diese mächtige, herkulische Figur, diesen Büffelkopf, dieses sinnliche Gesicht mit den hervorquellenden Augen und der herabhängenden Unterlippe schon gesehen? Auch der Mann schien sie zu erkennen; ein Zug des Erstaunens glitt über sein brutales Gesicht; dann schienen seine dicken, blutunterlaufenen Augen die schöngebaute, üppige Gestalt des Mädchens im kurzen Reitkleid förmlich zu verschlingen.

»Hei, ist das nicht die Kammerzofe von Ayda?« rief seine grobe Stimme sichtlich erfreut.

»Du täuschst dich nicht, ich bin es allerdings,« entgegnete Mirzi, keineswegs davon erbaut, einen Bekannten zu treffen. »Wer aber bist du? Ich kenne dich nicht.«

»Ist auch gar nicht nötig, mein Schätzchen. Hier, setze dich. Das ist hübsch, daß ich dich getroffen habe.«

Mit immer größerem Abscheu wurde Mirzi gegen diesen Mann erfüllt, der sich gleich im Anfang so vertraulich gegen sie benahm. Ja, wenn sie wenigstens gewußt hätte, wer er war! Aber vergeblich zermarterte sie ihr Hirn.

»Nun, willst du dich nicht setzen?«

Er rückte den Schemel näher zu sich ans Bett heran.

»Nicht eher, als bis ich erfahre, wer du bist.« »Sollst du. Nur setze dich erst, und erzähle mir, wie du eigentlich hierherkommst.«

Es blieb Mirzi nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Jedenfalls hatte sie einen Anführer der Rebellen vor sich; dieser Mann war gewohnt, zu befehlen. Sie erzählte, ohne einen besonderen Grund anzugeben, daß sie sich mit der Begum von Dschansi überworfen hätte, und daß diese verlangte, Mirzi sollte sofort das Haus der Duchesse verlassen.

Grimmig nickte der Mann mit dem Stierkopf.

»Ja, diese verfluchte Begum!« murrte er. Die Pest mag über sie kommen und über alle jene Narren, welche an dieses Weib glauben.«

Gott sei Dank, er war auch ein Feind der Begum! »Ich machte nicht nur Gebrauch von der Erlaubnis, das Haus der Duchesse zu verlassen,« fuhr sie dann fort, »sondern ich verließ auch heimlich das belagerte Delhi; die Indier hinderten mich nicht daran, die Engländer bekamen mich nicht zu fassen, und so bin ich jetzt auf dem Wege nach der nächsten Hafenstadt. Meine Rolle ist hier ausgespielt, ich werde mich in Sicherheit zurückziehen. Unterwegs ...«

»Warum hast du dich mit der Begum gezankt?« unterbrach der Mann sie, gerade als sie auf das Wichtigste zu sprechen kam.

»Wegen ihres Geliebten, eines Engländers oder Deutschen, mit dem ich sie in einer höchst intimen Situation überraschte.«

Wild fuhr der Indier empor.

»Wegen Reihenfels'?« stieß er heiser hervor.

»Ja, so hieß er.«

»Nun, der Schurke hat schon seinen Lohn, er ist tot.«

Er ließ sich wieder zurückfallen.

»Er ist tot?« fragte Mirzi, neugierig werdend.

»Ja, die Engländer haben ihn als Spion erschossen. Was wolltest du also weiter erzählen?«

»Unterwegs erkrankte mein Maultier; einige Meilen vor diesem Dorfe fiel es und verendete. Mit vieler Mühe schleppte ich den schweren Sattel und mein Gepäck hierher und versuchte ein anderes Reittier zu bekommen – bis jetzt vergeblich. Dein Pferd und der Esel sind die einzigen, die ich seit drei Tagen zu sehen bekomme.«

»Du möchtest nun eins von diesen haben?«

»Gern! Ich bitte dich darum.«

»Ich kann meinen Diener nicht entbehren.«

»Überlaß mir den Esel wenigstens bis zur nächsten größeren Stadt. Ich werde deinen Diener für die Mühe des Fußgehens reichlich entschädigen.«

»Und wenn ich nun nicht darauf eingehe?«

»Dann wüßte ich mir keinen Rat. Ich würde verzweifeln.«

»Nun, das sollst du nicht. Frage heute abend noch einmal, dann wollen wir wieder darüber sprechen. Ich bin lange gereist und will heute Rasttag halten.«

Er gähnte, wobei er den Mund übermäßig aufriß. Mirzi bekam ein Wolfsgebiß zu sehen.

»Ich möchte aber bald abreiten, die Zeit drängt.«

»Heute abend sprechen wir darüber, nicht eher.«

Er winkte ihr mit der Hand zur Entlassung, wie einem Sklaven.

»Sage mir wenigstens deinen Namen, damit ich weiß, daß man deinen Worten trauen kann.«

Der Mann wälzte sich auf die Seite und sah das Mädchen mit lüsternen Blicken an.

»Weißt du wirklich nicht, wer ich bin?«

»Nein.«

»Ich verkehrte oft in jenem Hause, wo das Kammerzöfchen feurige Blicke nach den jüngeren Männern warf,« grinste er; »mich Alten beachtete es natürlich nicht.« »Ich kenne dich nicht.«

»Auch nicht, wenn du dir den Vollbart wegdenkst?«

Einen Augenblick glaubte Mirzi, ihn zu erkennen, doch gleich verschwand die Gestalt wieder, die in ihrer Erinnerung traumartig aufgetaucht war. Sie hatte im Hause der Duchesse zu viele Männer aus- und eingehen sehen.

»Nein, ich entsinne mich nicht. Der Vollbart entstellt dich zu sehr.«

»So so, er entstellt mich! Du findest mich also häßlich?«

»Ich meinte, er verändert dich.«

»Auch du hast dich sehr verändert, mein schönes Schätzchen. Ich glaube fast, die Begum hat dir beim Abschied ihr Andenken ins Gesicht geschrieben.«

Mirzi färbte sich dunkelrot.

»Nein, da täuschst du dich. So etwas würde sich eine Malteserin nicht bieten lassen. Ich tat einen unglücklichen Sturz von der Treppe herab und fiel mit dem Gesicht auf Kies.«

»Also sie hat dich die Treppe hinuntergeworfen!« lachte der Mann spöttisch. »Na, es tut dir keinen Abbruch in meinen Augen – bei Nacht sind alle Katzen grau. Heute abend sprechen wir, wie gesagt, nochmals eingehender zusammen, jetzt will ich schlafen.«

Mirzi war entlassen. Sie kochte im Innern vor Zorn über diese Behandlung, aber was konnte sie dagegen tun? Sie verstand des Alten Anspielungen nur zu gut, sie wußte, was er von ihr verlangte, wenn er ihr den Esel abließ. Dieser alte, häßliche, ekelhafte Kerl mit den blutigen Ochsenaugen und der herbhängenden Unterlippe, der zottigen Brust und den plumpen Fingern! Pfui, sie ekelte sich, wenn sie nur an ihn dachte, und sie sollte – – – – Unruhig ging sie in ihrem Zimmer auf und ab, nagte an ihren Lippen und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Was sollte sie tun, um diesem scheinbar Unvermeidlichen auszuweichen und doch in den Besitz des Esels zu kommen?«

Halt, mußte es denn gerade ein Esel sein? Ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf.

Sie trat ans Fenster. Der Hof war leer, der Esel wahrscheinlich von dem Diener in den Stall geführt worden. Im Hause war alles still.

Mit fieberhafter Schnelligkeit packte Mirzi ein Bündel mit alledem zusammen, was sie am notwendigsten brauchte. Das Paket legte sie an das offene Fenster, welches so niedrig war, daß ein Reiter es mit der Hand erlangen konnte.

Mirzi wollte versuchen, sich eines der Tiere mit List zu bemächtigen, womöglich des Pferdes. Sie konnte gut genug reiten, um sich auch im Herrensattel oder auf dem bloßen Rücken des Pferdes zu halten. Einmal darauf, war sie schnell um die Ecke der Dorfstraße verschwunden, schneller noch, als eine Pistole nach ihr abgefeuert werden konnte.

Mit der harmlosesten Miene begab sie sich hinunter, sah dahin und dorthin, lockte das einzige, magere Huhn, welches auf dem Hofe noch gackerte, und öffnete die Hoftür, als wolle sie einen Blick ins Freie genießen.

Dann ging sie zurück, betrat den Stall und – wurde von dem Diener empfangen, der auf einem umgestülpten Eimer saß und rauchte. Der Mann lächelte ganz eigentümlich und legte die Hand auf den aus dem Leibtuche hervorblickenden Pistolenkolben.

»Ein schöner Tag heute,« begann Mirzi. »Ja, schön zum Reiten, jedoch nicht für dich.«

»Wie meinst du?«

»Ich meine, der Tag ist nicht schön für dich zum Reiten, weil du kein Pferd hast, und damit du nicht eins loskettest, sitze ich hier und werde den Stall nicht verlassen.«

Diese Antwort war deutlich. Ärgerlich warf Mirzi die Tür hinter sich zu und begab sich wieder auf ihr Zimmer, das sie Stunde für Stunde mit Schritten maß.

Auch das gefundene Schreiben fiel ihr wieder ein. Sie bedauerte, den Indier nicht gefragt zu haben, ob er Englisch lesen könne. Die weibliche Neugier ließ ihr keine Ruhe. Als ihr der Mankdrallah das Mittagessen brachte, über dessen Dürftigkeit sie redlich schimpfte, fragte sie, ob der Indier jetzt zu sprechen sei, und empfing abermals den Bescheid, er schlafe und schnarche.

Es war gegen Abend, als sie zu ihm gerufen wurde. Sie fand den Dicken mit gekreuzten Beinen auf einem dicken Teppich sitzen, vor sich eine einfache, aber reichliche Mahlzeit, bestehend aus Brotfladen und einer Art von gekochtem Gemüse. Es erfüllte Mirzi mit neuem Ekel, als sie diesen Mann essen sah. Er riß ein Stück von dem dünnen Brote ab, häufte darauf von dem Kraute und schob dann den übermäßig großen Bissen schmatzend und schnalzend in den weit geöffneten Mund, wobei ihm der Saft in den Bart lief.

Energisch schlug sie die Einladung ab, an dem Gastmahl teilzunehmen.

»Kannst du Englisch lesen?« fragte sie.

»Ich verschmähe, die Sprache der verfluchten Faringis zu lernen,« entgegnete er.

»Aber du mußt doch Englisch sprechen können.«

»Auch nicht,« entgegnete der Indier, erhob sich nach dem letzten Bissen und wusch seine Hände in dem bereitstehenden Becken mit Wasser.

Dann wandte er sich mit grinsendem Lächeln an Mirzi.

»Nun, mein Schätzchen,« begann er, »hast du dir überlegt, ob du deine Weiterreise erst morgen antreten willst?«

»Was bleibt mir denn anderes übrig? Hast du dir aber überlegt, ob du mir deinen Esel abläßt oder nicht? Ich will ihn nicht umsonst haben; fordere, und ich werde zahlen.«

»Wieviel willst du für den Esel geben? Es ist ein schönes Tier.«

»Der durchschnittliche Preis ist fünf Rupien.«

»Ja, früher, aber jetzt nicht mehr.«

»Wieviel verlangst du?«

»Ein Esel ist für Geld überhaupt nicht verkäuflich, wenigstens hier nicht, denn es gibt nur einen, und der gehört mir.«

»Das heißt mit anderen Worten, du willst ihn mir nicht verkaufen. Das hättest du gleich sagen sollen.«

»Doch, er ist verkäuflich, jedoch nicht für Geld.«

Unter dem Fenster erscholl ein Stimmengemurmel, gleich darauf trat der Mankdrallah ins Zimmer, wie immer in gebückter Haltung.

»Herr, die Mädchen des Dorfes sind unten versammelt,« meldete er, »keine fehlt. Möge dein Auge gnädig auf ihnen ruhen und die auswählen, welche würdig ist, dein Lager zu teilen.«

Der Dicke trat ans Fenster, ebenso Mirzi. Die Frau des Mankdrallah, welche an Körperfülle sehr verloren hatte, stellte die Dorfschönen der Reihe nach auf; aber ach, die armen Geschöpfe sahen so verhungert aus, sie waren mit Lumpen bedeckt, und scheuer denn je senkten sie die Blicke zu Boden. Sie mochten im Laufe des Krieges, wo die schon gelockerte Zucht vollständig aufhörte, trübe Erfahrungen gemacht haben.

»Führe sie weg,« befahl der Dicke, »meine Wahl ist schon getroffen. Nicht wahr, Mirzi?«

Mit Abscheu wollte das Mädchen den Arm von sich stoßen, der sie umschlang; aber ein so furchtbarer Blick traf sie aus den blutunterlaufenen Augen, daß sie es willenlos duldete.

»Dies ist der Preis des Reittieres,« sagte er mit heiserer Stimme.

»Du bist nicht billig,« versuchte sie zu lächeln.

»Ich hoffe, du sträubst dich nicht.«

»Was würde es mir helfen?«

Da leuchtete ihr Auge plötzlich auf; mit zusammengezogenen Brauen spähte sie durch das Fenster scharf ins Weite, und dann flog ein namenlos gehässiger Ausdruck über ihr Gesicht.

Der Dicke war ihrem Blicke gefolgt. Ein zischender Laut fuhr über seine Lippen, er wechselte die Farbe und ließ das Mädchen frei. »Faringis!« keuchte er.

»Zwei Soldaten!« fügte Mirzi hinzu. »Ob es noch mehr sind?«

Es kamen nicht mehr als die zwei, ein großer und ein kleiner, die Gewehre über die Schulter – Jim und Bob.

Triumphierend wandte sich Mirzi an den Dicken, der seine Fassung noch immer nicht zurückerlangt hatte.

»Nur zwei Soldaten; was fürchtest du dich, was zitterst du?«

»Ich –ich – sie müssen sterben!« stieß er atemlos hervor.

»Sie müssen sterben,« wiederholte sie mit grimmiger Miene. »Gholab – in diesem Augenblicke erkenne ich dich – Gholab, du bist ein Phansigar, ich weiß es, erwürge diese beiden, langsam, laß sich meine Augen an ihrem Tode ergötzen, und ich will die ganze Nacht dir gehören, ich will dir diese Stube zum Paradiese machen, und nichts anderes von dir verlangen.«

»Ja ja, erst diese Verfluchten tot, dann sollst du mich lieben, und wir wollen nicht mehr an sie denken.

Mankdrallah!«

Der Gerufene kam.

»Siehst du die beiden Faringis dort? Wenn sie von dir ein Nachtlager fordern, so gewährst du es ihnen, sowie alles, was sie verlangen, und wollen sie vorübergehen, so nötigst du sie, bei dir zu bleiben. Aber der Tod soll über dich und dein Haus kommen, wenn du verrätst, daß du schon Gäste hast.«

»Halt,« warf Mirzi dazwischen, welche ebenfalls von furchtbarer Aufregung befallen worden war, »ich will erst mit ihnen sprechen.«

»Du? Warum?« fragte Gholab mißtrauisch.

»Ich will erst erfahren, was sie hierherführt. Vielleicht sind sie nur der Vorposten eines größeren Trupps, vielleicht können wir etwas Wichtiges erkunden.«

»Aber sterben müssen sie.«

»Sie müssen sterben, ich hasse sie.«

»Du kennst sie?«

»Ja, aber sie sollen mich nicht erkennen. Mankdrallah, führe mich in den Raum, wo deine Weiber sind. Ich will mich als Indierin ankleiden. Die Faringis leitest du in ein Zimmer, in welchem ich sie gut belauschen kann. Wehe dir, Mann, wenn du anderer Gesinnung bist als wir!«

Dem Mankdrallah fiel es gar nicht ein, eine eigne Meinung zu haben. Vor allem fürchtete er sich vor dem Dicken ganz entsetzlich, er hätte jeden Befehl desselben befolgt.

Einige Minuten später, als die Soldaten das Haus erreichten, lag dieses in tiefer Stille da.

Wie gewöhnlich zeigten sich einige neugierige Weibergesichter am Fenster, die schnell verschwanden, um verschleiert wieder zu erscheinen und die Fremden zu mustern. Niemand kam, die beiden zu begrüßen; sie mußten ihre Anwesenheit erst bemerkbar machen.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.