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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 23
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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23. Blutrache

Dollamore hätte nicht nötig gehabt, seine Erlebnisse zu schildern. Im englischen Lager herrschte sowieso die größte Panik, und zwar nicht nur unter den abergläubischen Indiern, sondern auch unter den englischen Soldaten. Wußten doch nicht einmal die Offiziere, wie sie sich die letzten Vorkommnisse erklären sollten, und wenn sie ihre Leute beruhigten, so taten sie es gegen ihre Überzeugung. Sie selbst waren mit Besorgnis, ja, einige mit Furcht erfüllt.

Daß die rätselhafte Begum, deren Herkunft niemand kannte, ihre bisherige Rolle nun aufgab und gewillt war, mit Feuer und Schwert gegen die Feinde zu kämpfen, hatte sie schon in jener Nacht gezeigt, und was für eine furchtbare Gegnerin sie war, wurde immer klarer.

Die Ausfälle wiederholten sich, und gelang es den Indiern auch niemals, durchzubrechen – was sie wahrscheinlich auch nie beabsichtigten –so fügten sie den Engländern doch stets empfindlichen Schaden zu, töteten viele, machten Gefangene, schleppten Vorräte weg, und was sie nicht erbeuten konnten, das vernichteten sie durch Feuer. Immer war an der Spitze die Begum auf ihrem Falben, kein Schwert, keine Kugel, keine Lanze konnte ihr etwas anhaben, dagegen wütete sie wie ein Würgengel unter den Feinden.

Was Wunder, wenn es keinen Indier mehr im englischen Lager gab, der gegen die Ausfallenden kämpfen wollte. Der Ruf »die Begum von Dschansi!« genügte für alle Sepoys, die Waffen wegzuwerfen und zu fliehen.

Aber nicht allein diese unwiderstehliche Tapferkeit war es, welche Schrecken und Entsetzen verbreitete. Es kam noch viel mehr hinzu.

Dollamores Erzählung, er hätte mit der Begum gesprochen, während sie doch einige Kilometer weit entfernt gekämpft, fand höchstens bei den Indiern Glauben, natürlich nicht bei den Engländern. So aufgeklärt waren doch selbst die Soldaten, welche sonst an kugelfeste Briefe, Talismane und so weiter glauben. Nein, daß ein Mensch durch die Luft fliegen oder an verschiedenen Orten zugleich erscheinen könnte, das ging nicht an.

Da wurde das Wunder bestätigt, die Begum war an verschiedenen Stellen zugleich gesehen worden.

Auf der einen Seite des Lagers kämpfte sie, auf der anderen machte sie Gefangene, ja, dann wurde sie an einem dritten Orte beobachtet, wie sie die Schanzarbeiten zerstören ließ.

Man konnte sagen was man wollte, es blieb eine Tatsache. Es war dieselbe Figur, dasselbe Stahlgewand, der Helm mit dem Visier, jede Bewegung war dieselbe, und wer die Stimme hörte, konnte schwören, daß sie ein und derselben Person gehörte. Zugleich wurde es ruchbar, daß sich die Begum unter allerhand Verkleidungen durch das Lager schlich, um zu spionieren, die schwächsten Punkte zum Angriff auszukundschaften, man fand Posten mit durchschnittener Kehle, erwürgt, einmal lag die Mannschaft eines ganzen Wachfeuers entseelt am Boden, und stand man noch starr vor Entsetzen bei den noch, warmen Toten, da stürmte schon die Begum aus den Toren Delhis und trug Tod und Vernichtung in das englische Lager. Das waren keine Gerüchte, sondern Tatsachen, aber es kann nicht gesagt werden, daß die Offiziere selbst an die überirdische Kraft des Mädchens glaubten. Sie versuchten es den Abergläubischen so zu erklären, daß es mehrere Weiber gab, welche die Rolle einer Begum von Dschansi spielten, doch diese Erklärung kam zu spät und fand keinen Boden. Die Indier, wie die englischen Soldaten hielten eben die Begum von Dschansi seit dieser Zeit für ein übernatürliches Wesen. Letztere wurden durch die verschärfte Disziplin daran verhindert, etwa ihre Waffen wegzuwerfen und gegen die Ausfallenden nicht zu kämpfen, bei den Indiern indes hatte man schweren Stand.

Diese weigerten sich nicht nur, gegen solch ein diabolisches Weib zu kämpfen, sie gaben sogar offen ihre Absicht kund, jetzt lieber unter die Rebellen zu gehen, weil sich das Waffenglück auf deren Seite wandte. Man konnte es den Leuten auch wahrlich nicht verdenken, wenn sie lieber für als gegen solch ein übernatürliches Wesen fochten.

Sie machten ihre Absicht zur Tat, das heißt, sie liefen in hellen Scharen zu den Rebellen über. Als Lord Cannings strenge Ermahnung nichts half, ließ er eine solche überlaufende Truppe von einigen hundert Mann in Grund und Boden schießen. Die Folge davon war, daß man nur noch bei Nacht und Nebel zu fliehen wagte, aber es war gefährlich, denn die Engländer hielten gut Wache und schossen jeden Überläufer nieder.

Unterdessen kam General Nicholson mit Verstärkung und schwerer Artillerie, die Schanzgräben wurden besetzt, und das Bombardement begann, welches von Delhi aus lebhaft und nicht ohne Erfolg erwidert wurde.

Fast jeden Tag sah man die Begum auf dem Wall neben einer kleinkalibrigen, aber langgezogenen Kanone stehen und Schuß auf Schuß mit eigener Hand abfeuern. Diese Schießübung schien ihr Spaß zu machen. Sie nahm weniger Menschenmassen aufs Korn, wie sie auch nicht mit Granaten schoß, sondern entfernte und schwierige Ziele, etwa eine Zeltstange oder eine verlassene Kanone, und zerschmetterte sie mit unfehlbarer Sicherheit durch eine Spitzkugel.

Dann erglänzte ihr Panzer im Sonnenlicht, man konnte durch ein Fernrohr deutlich erkennen, wie die schönen Züge vor Vergnügen strahlten, wenn die Kugel das Ziel zerschmetterte, und man vermochte beim Anblick dieses lieblichen Gesichts nicht zu begreifen, daß es dem Weibe gehörte, das in der Nacht wieder wie ein Würgengel im englischen Lager erschien; denn General Nicholsons Ankunft verhinderte diese Ausfälle nicht.

Man machte riesige Anstrengungen, um bald zum Sturm schreiten zu können. Einer war schon riskiert worden und von den Indiern mit Leichtigkeit, ja, mit höhnender Spielerei zurückgeschlagen worden. Jetzt galt es, Breschen zu schießen.

Die Belagerer hatten einen schweren Stand. Außer mit einem verzweifelten Feinde, hatten sie mit glühender Sonnenhitze, Cholera, Ruhr und gelbem Fieber zu kämpfen. Sie hatten schon mehrere Generäle und gute Führer verloren.

Aber alles dies war nichts gegen die Furcht, welche die Person der Begum von Dschansi hervorzauberte.

Endlich traten einige Offiziere zusammen, welche sich zur Aufgabe machen wollten, diese Gespensterfurcht zu verbannen. Das erste war, daß sie tausend Pfund dem versprachen, der die Begum von Dschansi, tot oder lebendig im englischen Lager ablieferte. Dieses Versprechen war daran schuld, daß nicht alle Offiziere der Vereinigung beitraten. Lord Canning erklärte als erster, er halte es für Unrecht, auf den Kopf der tapferen Begum, der man Edelmut nicht absprechen dürfe, eine Belohnung wie auf den eines Räubers und Mörders zu setzen. Schnell wurden seiner Ansicht noch viele andere Offiziere, besonders durch die Schilderung Dollamores, und so kam es, daß schließlich nur noch ein kleiner Kreis von Offizieren übrigblieb, welche der Ansicht waren, daß zur Vernichtung des Aberglaubens und zur Aufklärung jedes Mittel erlaubt sei; gegebenenfalls sogar ein Wortbruch. Diese Herren hatten nicht so ganz unrecht. Vielleicht erinnert sich der liebe Leser noch jener spiritistischen Gesellschaft, welche einst die ganze Welt verdummen wollte und auch verdummt hat. Ein näherer Einblick in ihre Mysterien war daher nicht möglich, weil jeder Zuschauer sein Ehrenwort abgeben mußte, in die Vorstellung nicht tätlich einzugreifen. Der Mann nun, welcher den erschienenen Geist packte und ihn der Polizei auslieferte, war ein Offizier aus fürstlichem Geblüt, und niemand machte ihm einen Vorwurf, daß er sein Ehrenwort gebrochen, denn er hat der Menschheit einen großen Dienst dadurch erwiesen, er hat Hunderttausende vor Verrücktheit gerettet, als er den Schwindler entlarvte.

Einer, welcher am eifrigsten auf Enthüllung des Geheimnisses drang, das die Begum mit einem mysteriösen Schleier umhüllte, war Lord Westerly, welcher dem Leser schon öfters als ein Aufgeklärter vorgestellt wurde.

Lord Westerly gehörte zu den Schlachtenbummlern, die sich den englischen Truppen anschlossen, sich auch manchmal am Kampfe beteiligten, und ab und zu sogar die Rolle eines Anführers spielten, ohne Militär zu sein.

Er hatte sich an jenem Tage aus dem Lager entfernt, als die Begum schwere Anklagen gegen Lord Canning erhoben hatte, zugleich mit dem Kolonel, der von Canning ausgeschickt worden war, Franziska von Burg Tokirha abzuholen. Dieser war noch nicht zurückgekehrt, er schien mit seinen Leuten verschollen zu sein, dagegen war Westerly vor einigen Tagen wieder eingetroffen. Von dem Kolonel und den hundert Dragonern wollte er nichts wissen, er hätte sie nicht begleitet.

Also Westerly drang hauptsächlich darauf, die Begum tot oder lebendig zu fangen, um endlich dem Aberglauben ein Ende zu machen, und zu den tausend Pfund zeichnete er den größten Teil.

Er schien sich überhaupt ganz ungemein für die Person der Begum zu interessieren.

Stundenlang konnte er an einem verborgenen Orte stehen und sie auf dem Wall beobachten, wie sie das kleine Geschütz bediente. Er hatte Infanteristen aufgefordert, sich an den Wall zu schleichen und diesem verfluchten Weibe eins auf die Rippen zu brennen, ja, er hatte einmal selbst eine Kanone dahin gerichtet, wo die Begum stand, und abgeschossen, freilich ohne Erfolg.

Mit dem Preise auf den Kopf des Mädchens war es überhaupt eine eigentümliche Sache.

Es mußte doch ganz leicht sein, sie zu töten, es konnte ja im Kampfe mit Gewehr oder Revolver auf sie geschossen werden, der Platz, wo sie stand, konnte mit Kartätschenhagel überschüttet werden, und man tat dies auch alles, aber sonderbar – das Mädchen mußte wirklich gegen Tod und Wunden gefeit sein, nichts vermochte ihr etwas anzuhaben. Rings um sie her stürzten die Indier nieder, sie blieb aufrecht stehen.

Daher kam es, daß sich niemand fand, der sich den Preis von tausend Pfund verdienen wollte. Was konnte man mit jemandem anfangen, dessen Körper gegen Schuß, Hieb und Stich gefeit war! So dachten nicht nur die Sepoys, sondern selbst die englischen Soldaten.

Der nächste Vorschlag eines Offiziers aus dem Bunde war, das Mädchen durch Meuchelmord aus der Welt zu schaffen. Man erhöhte den ausgesetzten Preis, man lauschte herum, ob sich jemand fände; aber wer hätte gewagt, sich nach Delhi zu schleichen, dicht in die Nähe der Begum, und ihr den Dolch ins Herz zu stoßen? »Sie hat ja drei Leben und ist an drei verschiedenen Orten zugleich, sonst würde ich's wagen,« entgegnete der verwegenste Indier, ein verkommenes Subjekt, der für Geld sonst alles tat.

Lord Westerly war es, der hier Rat wußte. An einem Morgen fand man wieder sieben Posten mit durchschnittenem Halse; an jedem Toten war die Karte befestigt, welche das Zeichen der Begum trug.

Wie gewöhnlich, sollten auch diese sieben Leichen in einem gemeinsamen Grabe bestattet werden. Da widersetzte sich ein eingeborener Soldat, ein junger, schöner Mann mit feurigen Augen und herabhängendem Schnurrbart, daß einer der Toten von den Leichengräbern fortgeschafft würde.

»Es ist mein Bruder,« sagte er mit dumpfer Stimme, »ich möchte ihn selbst begraben.«

»Man bestattet deinen Bruder mit allen Ehren,« entgegnete man ihm. »Ist er auch nicht im offenen Kampf gefallen, so ist er doch den Tod für die englische Nation gestorben.«

»Aber wir sind Perser und beten die Sonne und das Feuer an. Mein Bruder darf nicht an der Seite von Buddhisten liegen.«

Ohne weiteres wurde dem Manne seine Bitte gewährt, aber nur unter der Bedingung, daß die Leiche innerhalb vier Stunden außerhalb des Lagers begraben sein müsse, denn in Indien haucht der tote Körper schon am ersten Tage giftige Gase aus.

Der Mann schien bei dieser Bedingung zu erschrecken.

»Herr, vier Stunden sind zu wenig,« sagte er zu dem Offizier.

»Dann kommt er ins Massenbegräbnis.«

»Gib mir zwölf Stunden Zeit, zehn Stunden. Ein Feueranbeter darf nicht einfach in die Erde gelegt werden.«

»Vier Stunden, nicht länger.«

Der Perser überlegte einen Augenblick.

»Gut, in vier Stunden soll er begraben sein,« entgegnete er dann.

Doch der Offizier traute dem Manne nicht auf sein Wort hin, weil er so lange gezögert hatte.

»Natürlich muß jemand dabeisein, der aufpaßt, daß du die Beerdigung in vier Stunden vollzogen hast. Wir achten zwar die Religion eines jeden, ob Buddhist oder Feueranbeter, doch die Gesundheit ist die Hauptsache jetzt.«

»Nur ein Feueranbeter dürfte der Beerdigung beiwohnen,« sagte der Perser finster.

»Unter den englischen Offizieren befindet sich bis jetzt leider noch kein solcher. Nun also, entweder – oder.«

Westerly hatte dieses Gespräch mit angehört, und mehr aus Neugier als aus Wißbegier hätte er gern solch einer Beerdigung eines Feueranbeters, also eines Anhängers des mysteriösen Zoroasters beigewohnt. Ohne geheimnisvolle Zeremonien ging es dabei wohl nicht ab.

Kurz entschlossen trat er zu dem Offizier und bat um Erlaubnis, diese Beerdigung überwachen zu dürfen, und zu dem Perser gewendet, fuhr er fort:

»Verlaß dich darauf, ich werde dich weder stören noch verlachen, noch darüber plaudern.

Ich interessiere mich für die Jünger Zoroasters, dessen Verehrer ich bin. Willst du mich als deinen Begleiter annehmen?«

Mit scharfem Blick musterte der Perser Westerly und bejahte nach einigem Zögern. Der englische Offizier nahm das Anerbieten des Lords nicht nur an, sondern bedankte sich auch noch für dessen Zuvorkommenheit.

Die Leichenträger entfernten sich mit den sechs Toten, der letzte, der Bruder des Persers, fast noch ein Knabe, blieb liegen. Der Perser stand vor ihm mit gekreuzten Armen, Wehmut sprach aus seinem Blick, nach und nach aber wurde dieser immer finsterer und furchtbarer.

Westerly erinnerte ihn mit schonenden Worten daran, daß er nur noch vier Stunden Zeit habe.

Der Mann fuhr jäh aus seinem Brüten auf.

»Was heißt das?« fragte er, Westerly das Kärtchen zeigend, das auf die Brust des Toten geheftet worden war.

»Das heißt: Die Begum von Dschansi. Es ist der Name des Weibes, das deinen Bruder gemordet hat.«

»Gemordet, gemordet!« wiederholte der Perser mit zuckenden Lippen. »Du mußt das Weib doch kennen, das schon so viele der Unsrigen gemordet hat. Man spricht ja jetzt nur von ihm.«

»Ein Weib? Ha, ein Weib hat ihn gemordet!« knirschte der Mann.

Westerly wurde aufmerksam. Dieser Mann, ein Perser, sprach ganz anders von der Begum als die Buddhisten und die Mohammedaner.

»Du hast doch sicher auch schon von der Begum gehört, die die Tochter einer Göttin ist, nicht verwundet werden kann und an verschiedenen Orten zugleich erscheint?« fragte er prüfend.

Was Westerly gedacht, das erfuhr er jetzt aus dem Munde dieses Mannes selbst.

»Ich bin kein Buddhist oder Mohammedaner, der an Götter und Gespenster glaubt!« stieß er wild hervor. »Ich bin ein Feueranbeter und glaube das, was Zoroaster lehrt, an die allmächtige Sonne und an das belebende und tötende Feuer. Aber ich bin auch kein Tadschick, sondern ein Ihlat, und weiß daher, was ich zu tun habe.«

Westerly war in der persischen Völkerkunde erfahren genug, um den angedeuteten Unterschied zu verstehen. Die Perser scheiden sich in die Stämme der Tadschicks und der Ihlats. Erstere sind die Ureinwohner und von letzteren unterjocht worden. Die Tadschicks sind lebhaft und klug, aber auch ihre schmeichlerische Falschheit, Hinterlist und Feigheit sind in ganz Vorderasien sprichwörtlich. Die Ihlats, ihre Unterdrücker, sind wilde Nomaden, von Jagd und Viehzucht lebend, aber wegen ihrer Selbständigkeit, Sittlichkeit und vor allem wegen ihrer Tapferkeit bekannt: die Blutrache ist ihnen heilig.

Dachte dieser Mann an Blutrache? Das mußte von Westerly benutzt werden.

»Du hast recht, die Begum ist nur ein menschliches Weib und feig dazu, daß sie den Feinden bei Nacht die Kehle durchschneidet; und außer dir sind alle anderen Narren, sie für ein überirdisches Wesen zu halten. Dieser arme Knabe! Wie schändlich, von der Hand eines Weibes zu fallen!«

»Herr, reizt mich nicht noch mehr!« fuhr der Perser auf. »Mein Blut kocht schon! Bedenkt, ich bin ein Ihlat!«

Er ging davon und kehrte mit einer Decke und einer Schaufel zurück. Nachdem er den toten Bruder in erstere eingeschlagen und ihn sorgsam in seine sehnigen Arme genommen hatte, schritt er dem Walde zu. Westerly folgte ihm in einiger Entfernung, ihn aber nicht aus den Augen verlierend.

Als er wieder zu dem Perser stieß, grub dieser schon ein Grab, und zwar ein sehr tiefes.

Obgleich Westerly sich ganz in der Nähe aufhielt, wehrte jener ihn doch nicht ab, ja, wenn er mit seiner Arbeit einmal innehielt, blickte er nach dem Lord hin. Er schien zu überlegen und mit einem Entschluß zu kämpfen. Er verbat sich auch die Anwesenheit eines Fremden nicht, als Westerly dicht an das Grab trat.

Das Begräbnis war zwar ungewöhnlich, aber einfach genug.

Der Perser füllte erst die Grube mit einer hohen Schicht von kleingehacktem, trockenem Holze aus, dann legte er den Toten darauf, warf wieder Holz über die Leiche, und schüttete nun erst Erde darüber. Dabei ließ er einige Kanäle offen, sowohl in den Holzschichten als auch in der Erddecke, so daß er also etwa einen Meiler wie der Köhler baute.

Nach zwei Stunden war die Arbeit beendet.

»Diese offenen Kanäle mußt du jedenfalls erst verstopfen,« sagte Westerly, »sonst hat die ganze Beerdigung gar keinen Zweck, denn die Leichengase treten durch dieselben an die Luft.«

Der Perser blickte finster auf das Grab.

»Er darf auch nicht beerdigt werden, wenigstens jetzt noch nicht.«

»Warum denn nicht?«

»Weil der noch lebt, der ihn gemordet hat.«

»Ach so, du denkst an Blutrache.« »Die Blutrache ist uns heilig!«

»So töte doch die Begum. Du weißt ja, daß du dir damit tausend Pfund verdienen kannst.«

»Was schert mich das Geld!« sagte der Perser verächtlich. »Blut fordert Blut! Der Tote ist mein Bruder, ich muß ihn rächen!«

»So tu's! Was hindert dich daran?«

»Nichts!« stieß der Mann rauh hervor. »Ich werde es auch tun, und sei sie auch ein Geist! Ich will doch sehen, ob mein Dolchstoß sie nicht niederstreckt!«

»Das war brav gesprochen!« rief Westerly erfreut. »Nun, so laß denn meinetwegen die Kanäle offen; ich will nichts verraten.«

Der Perser trat einen Schritt auf ihn zu.

»Herr, ich glaube, du meinst es gut mit mir!«

»Ich wünsche dir sicherlich nichts Böses. Was willst du von mir?«

»Einen Dienst sollst du mir leisten. Ich werde die Begum töten, und du erhältst das Geld dafür, das ich nicht annehmen darf.«

»Danke!« lachte Westerly. »Was für einen Dienst soll ich dir leisten?«

»Sieh, wir Feueranbeter verbrennen die Körper unserer Toten; wer aber ermordet worden ist, der darf nicht eher verbrannt werden, als bis der Mörder seine Strafe gefunden hat, und sollte die Leiche auch inzwischen verwesen. Ich darf meinen Bruder hier nicht liegen lassen; ich begrub ihn, ließ aber Luftlöcher, so daß das Holz von außen angesteckt werden kann. Er ist so nur scheinbar begraben.«

»Ah, und wenn du den Mörder bestraft hast, so kehrst du zurück und setzt das Holz in Brand.«

»Und wenn ich nicht zurückkehre?«

»Nun, so tut es eben ein anderer für dich.«

»So ist es! Willst du dieser andere sein?«

»Gewiß. Hoffentlich aber kommst du gesund wieder und meldest uns den Tod dieser Mörderin!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch diese Nacht fällt sie noch so sicher von meiner Hand, wie die Sonne am Himmel steht. Und bin ich morgen nicht zurück, so bitte ich dich, das Holz für mich in Brand zu setzen, damit die Seele meines armen Bruders Ruhe findet.«

»Gern will ich dies tun. Ich verspreche es dir auf mein Wort. Aber hältst du es denn für so leicht, dich an die Begum zu schleichen und sie zu töten?«

»Es muß sein; und ich werde es vollbringen! Sie ist kein Geist, denn es gibt keinen.«

»Davon ist natürlich keine Rede. Doch die Begum wird von Vertrauten umgeben sein, die dich festnehmen können.«

»Ich schwöre, daß sie morgen nicht mehr leben soll,« sagte der Perser feierlich.

»Gut, ich glaube dir,« entgegnete der Lord, der im Innern entzückt war. »Wie heißt du?«

»Ardschir.«

»Warum dienst du hier in Indien?«

»Mein Bruder und ich gingen nach Indien, um Geld zu verdienen. Wir arbeiten für unsere alten Eltern. Der Sold, den die Engländer zahlen, ist hoch; wir ließen uns werben und sind unserem Versprechen treu geblieben.«

»Nun, Ardschir, laß dir noch etwas sagen. Du mußt einsehen, wieviel uns Engländern daran gelegen ist, diese Begum tot zu wissen. Deshalb setzten wir tausend Pfund aus für den, der sie tötet. Ich selbst gab viel dazu. Und wenn du dein Vorhaben glücklich ausführst, so sollen die tausend Pfund deinen Eltern zukommen.«

Des Persers Augen leuchteten einen Augenblick auf.

»Ich werde sie ihnen wohl nicht bringen können. Ich steche die Begum nieder, und man wird auch mich töten.« »Dennoch sollen deine Eltern das Geld erhalten, ebenso wie die Nachricht, daß du den Tod des Bruders an seinem Mörder gerächt hast, und daß die Leiche nach Vollstreckung der Rache verbrannt worden ist.«

»Das wolltest du wirklich für mich tun?« rief Ardschir erfreut.

»Gewiß, ich verspreche es dir! Komm dann in mein Zelt, dort sollst du mir sagen, wo wir deine Eltern finden können, und wir können dir auch Ratschläge geben, wie du am leichtesten nach Delhi und in die Nähe der Begum gelangst.«

»O, nichts leichter als das! Auch ich werde heimlich nach Delhi gehen wie so viele andere, und keine Wache soll mich fangen. Eine Gelegenheit, in die Nähe der Begum zu kommen, werde ich finden, und ehe sie mich fassen, steckt mein Dolch schon im Herzen der Verruchten.«

»So suche mich dann wenigstens auf, damit ich den Wohnort deiner Eltern erfahre.«

Westerly beschrieb ihm die Lage seines Zeltes, entfernte sich und hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Offiziere des Aufklärungsbundes bei sich zusammenzurufen.

Triumphierend verkündigte er ihnen das Vernommene, und die Offiziere waren nicht minder erfreut, endlich einen Mann gefunden zu haben, der sich nicht scheute, dem Mädchen ernstlich zu Leibe zu gehen.

»Nicht zu voreilig, meine Herren!« warnte ein Besonnener. »Bedenken Sie wohl, daß die Begum kein gewöhnliches Mädchen ist, das in Ohnmacht fällt, wenn es sich mit der Nähnadel in den Finger sticht. Wer unseren Dollamore zu entwaffnen versteht und einen unserer besten Fechter beim ersten Hieb aus dem Sattel sticht, der hat auch nicht den ersten besten Meuchelmörder zu fürchten.«

Die übrigen stimmten ihm bei.

»Deshalb eben habe ich Ardschir hierher bestellt,« nahm Westerly wieder das Wort, »er denkt sich die Sache viel zu leicht, wir müssen ihm raten, wie er den Mord am sichersten vollführt.«

»Ein Stich von hinten ins Herz, sehr einfach!«

»Die Begum hat stets kampfgeübte Berater um sich, die sie wie ihren Augapfel bewachen. Wir haben ja davon erzählen hören.«

»Dann wird der Dolch vergiftet.«

»Die Indier verstehen sich aus Gifte und Gegenmittel.«

So wechselten die Reden hin und her, es wurden noch viele Vorschläge gemacht.

»Und was ist Ihre Meinung, Mylord?« fragte einer Westerly, der schweigend, überlegend zugehört hatte.

»Ich bin für den vergifteten Dolch. Wir geben einen solchen unter einigem Hokuspokus dem Perser in die Hände, sagen, gerade mit diesem müsse die Begum getötet werden, und sorgen, daß er unbelästigt nach Delhi kommt.«

»Das war schon unsere Meinung. Doch das Gift tötet nicht so schnell, und die Indier kennen für jedes Gift ein Gegenmittel.«

»So, kennen Sie es?« fragte Westerly, und ein höhnisches Grinsen verzerrte dabei sein Gesicht. Nein, es gibt ein Gift, das augenblicklich tötet, so daß ein Gegenmittel nichts mehr hilft. Der kleinste Ritz von der Waffe, die mit diesem Gift imprägniert ist, hat den augenblicklichen Tod zur Folge.«

»Ein indisches Gift?« riefen die Herren.

»Aus einer indischen Pflanze gewonnen.«

»Und die Indier sollten dieses Gift nicht kennen?«

»Einmal ist die Pflanze sehr selten, und dann gibt es kein Gegenmittel dafür.«

»So müßten wir uns dieses Gift erst verschaffen.«

»Ist nicht nötig, ich besitze einen damit imprägnierten Dolch.« Dabei zog Westerly die Waffe, mit der er schon einen Mord vollführt hatte, aus der Tasche. Wieviel mochte diesem Manne an dem Tod der Begum liegen, daß er das Geheimnis des furchtbaren Dolches preisgab! Die Offiziere bewunderten die außerordentlich kostbare Waffe, bezweifelten aber die sofortige Wirkung.

»Der Tod träte sofort ein?«

»Augenblicklich, schon beim leisesten Ritz oder Stich, ja, fast schon bei einer Berührung.

Nehmen Sie sich in acht, meine Herren, wenn Sie den Stahl entblößen!«

»Haben Sie die Wirkung schon probiert?«

»Einmal bei einem Pferd, das den Fuß gebrochen hatte,« log Westerly, »es fiel augenblicklich tot nieder.«

»Kaum glaublich!«

»Ich werde Ihnen eine Probe geben.«

Er lockte einen Pariahund, wie solche die Indier überall begleiten, ins Zelt, berührte nur leicht die Schnauze des Tieres, und ohne Röcheln, ohne Zuckungen stürzte es nieder und war sofort tot.

Die Offiziere konnten sich eines Schauderns nicht erwehren. Die Waffe wurde jetzt mit Scheu betrachtet und nur mit den Fingerspitzen angefaßt.

Westerly stieß den Stahl in die Scheide zurück und zog ihn wieder heraus.

»Frisch geladen!« sagte er mit häßlichem Lächeln. »Das zweite Opfer ist die tapfere Begum von Dschansi.«

»Bei Gott,« sagte ein Offizier leise und erschüttert, »ich wünschte meinem ärgsten Feinde nicht einen solchen Tod. Das Mädchen hat einen anderen verdient.«

Westerly zuckte kaltblütig die Achseln. »Was wollen Sie? Tod bleibt Tod, und je schneller er eintritt, desto besser für jeden, ob Mensch oder Tier. Diese Begum ist ein gefährliches Weib, und wir haben die Sache genug besprochen. Einer einfachen Waffe sich zu bedienen, ist bei ihr nicht so leicht, sie wird, wie wir erfahren haben, von Männern bewacht, die jede Art von Meuchelmord und dessen Abwehr förmlich studiert haben. Ein Gift, das nicht sofort wirkt, hat keinen Zweck. Aber dieser Dolch hier– ein Ritz, nur ein leiser Stich, ein Zuck der Hand, und tot ist sie.«

»Meine Herren,« fügte ein anderer hinzu, »bedenken Sie, es handelt sich nicht nur darum, den Glauben zu vernichten, daß es kein überirdisches Wesen gibt, sondern auch darum, unseren Soldaten, Indiern und Engländern, wieder Mut einzuflößen, denn sonst steht es wahrhaftig schlimm mit uns. Wir blamieren uns ja ganz unsterblich, weil wir uns von solch einem Weibe ins Bockshorn jagen lassen.«

Die übrigen stimmten ihm bei, es gab keine Rücksicht – und der Tod der Begum von Dschansi war beschlossen.

Man wartete, bis Ardschir kam. Inzwischen teilte Westerly seine Absicht mit, bald das Lager wieder zu verlassen. Nur den Tod der Begum wolle er noch erfahren. Wohin er zu reisen beabsichtigte, darüber drückte er sich nicht deutlich aus.

»Sie befinden sich ja fortwährend auf Reisen. Wenn Sie nur nicht einmal den Rebellen in die Hände fallen. Warum schließen Sie sich nicht einem Regiment fest an? In diesem Kriege gibt es noch Lorbeeren genug zu erwerben.«

»Nicht wahr, nach Bombay reisen Sie?« fragte ein anderer.

»Nach Bombay?« rief Westerly wie erschrocken. »Nein,« setzte er dann so nachdrücklich hinzu, daß man glauben mußte, eben Bombay sei sein Ziel.

»Ich glaubte nur, Sie wollten sich dort auch wie so viele andere, die in diesem Feldzug noch eine Stellung annehmen möchten, Sir Hugh Rose anschließen. Er soll stark zu einem Siegeszuge durch Mittelindien rüsten.« »Leicht möglich, daß ich in seine Dienste trete,« entgegnete Westerly gleichgültig, »noch möglicher aber, daß ich mich nach England einschiffe.«

Diese Unterhaltung mußte abgebrochen werden, denn der Perser kam.

Nach Anhören der Ratschläge der Offiziere sah er die Richtigkeit derselben ein und versprach, sie auf's genaueste zu befolgen. Wenn er während der Nacht nach Delhi ging, wurde ihm keine Schwierigkeit in den Weg gelegt, er meldete sich drüben als Überläufer, und wieder gab ihm Westerly den besten Rat, wie er in die Nähe der Begum käme.

Ein düsteres Lächeln umspielte die Lippen des Bluträchers, als er den vergifteten Dolch in den Busen steckte – jetzt war der Begum Tod unabwendbar.

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