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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 20
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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20. Die böse Saat reift

Kehren wir zurück zu der Katastrophe von Delhi! Die Folgen der Brückensprengung, welche unter Wasser vorgenommen sein mußte und eine bedeutende technische Fertigkeit voraussetzte, waren furchtbar.

Alles, was sich in nächster Umgebung befunden hatte, war vollkommen vernichtet, die Zeltstangen gebrochen, Menschen und Pferde von den umhergeschleuderten Steinen zerschmettert oder doch verwundet. Der Luftdruck war so stark gewesen, daß auch die weit entfernten Personen zu Boden geworfen wurden, darunter die Begleiter Lord Cannings.

Dieser war der einzige, der seinen Platz im Sattel behalten hatte, und kaum war diese erste Bestürzung vorüber, so dachte er schon wieder an das Todesurteil und an die Hinrichtung Reihenfels'.

Ohne sich um etwas anderes zu kümmern, sprengte er dahin, wo die Exekution vorgenommen worden war, und nach und nach gesellten sich ihm auch seine Begleiter bei.

Sein Auge erblickte sofort die sechs Soldaten, welche auf Reihenfels geschossen hatten.

Sie lagen unter Steinen, zerquetscht und zermalmt, keiner mehr am Leben. Selbst ihre Gewehre waren von Steinen breitgedrückt worden. Ferner sah er den Leutnant, ebenfalls tot, aber wo war Kapitän Barber, den Canning vorhin mit dem Degen in der Hand das verhängnisvolle Kommando hatte geben sehen? Lord Canning sprang ab, ebenso die übrigen; sie wollten das Terrain absuchen.

»Ich will das Todesurteil haben, das von mir unterzeichnet worden sein soll,« rief Canning, immer noch außer sich.

Da richtete sich hinter einem Felsblock eine blutige Gestalt auf, der Waffenrock zerfetzt, das Haar wirr um den Kopf hängend. Es war der Gesuchte.

»Lord Canning,« rief Kapitän Barber mit schwacher Stimme, »hierher, zu mir! Schnell, ich werde es nicht mehr lange machen.«

Mit gleichen Füßen sprang der Gerufene über die ihm im Wege liegenden Steine und eilte auf Barber zu, der ihm auch noch heftig mit der Hand winkte. Hier lag ein Geheimnis vor, dieser Mann wollte ihm ein Geständnis machen.

Noch ehe Canning ihn erreicht hatte, fiel hinter ihm ein Schuß, und gleichzeitig brach Barber wieder zusammen.

Canning glaubte, die Kraft habe den Verwundeten nur verlassen, wie er den Schuß und das Zusammenbrechen überhaupt noch nicht in Zusammenhang brachte. Als er sich aber über den unbeweglich Daliegenden beugte, fand er einen Toten. Ein Bein war ihm abgequetscht, eine Hand vollkommen abgerissen, und der Boden war mit Blut überschwemmt.

»Auch hier zu spät!« stöhnte Lord Canning. »Er hat sich bereits verblutet.«

»Nein, Mylord,« rief der eben hinzugekommene Kolonel Harquis, »haben Sie den Schuß nicht eben gehört? Er ist im letzten Augenblick von unsichtbarer Hand erschossen worden.«

Ungläubig blickte Canning den Sprecher an. »Sehen Sie doch dieses Loch im Waffenrock! Die Kugel ist ihm gerade ins Herz gegangen.«

Canning riß dem Toten Rock und Hemd auf. Wirklich, aus der Herzgegend drang ein Blutquell; Rock und Hemd zeigten ein kleines Loch. Doch Lord Canning war damit noch nicht zufrieden, er scheute sich nicht, den Wundarzt zu spielen, und nach einigem Suchen brachte er aus dem Fleische eine kleine Kugel zum Vorschein.

»Eine Revolverkugel!« rief er in namenlosem Erstaunen. »Wer hat sie abgefeuert?«

Er blickte sich um, er sah in die Gesichter der unterdes herbeigekommenen Offiziere, die ihn umringten, begegnete aber überall nur ernsten oder staunenden Mienen.

»Meine Herren, wer hat diese Kugel abgefeuert?«

Niemand meldete sich. »Der Schuß fiel hinter mir,« versetzte Harquis, »ich blickte mich um, sah aber niemanden.«

»Mir ging es ebenso,« sagte ein zweiter.

»Mir auch,« ein dritter.

Canning erklomm einen Trümmerhaufen und blickte sich um. Nichts war zu sehen als Leichen, jammernde Verwundete und sonst angerichtetes Unheil.

»Kapitän Barber ist stumm gemacht worden, als er mir ein Geheimnis gestehen wollte,« sagte er, als er die Trümmer herabstieg, und sein Antlitz sah furchtbar ernst aus. »Wer mag es getan haben? Dieser könnte wohl alles erklären.«

»Er hätte wohl auch etwas über die Brückensprengung aussagen können,« meinte einer.

Canning zuckte die Schultern und begann mit eigner Hand die Taschen des toten Kapitäns zu untersuchen. Er fand Briefe von persönlichem, unschuldigem Inhalt, dienstliche Befehle, sonstige Schriftsachen, aber nicht das gesuchte Todesurteil. Und wo hätte dieses anders sein können als bei dem Toten? »Haben Sie das Schriftstück wirklich gesehen?« wandte der Generalgouverneur sich an Mac Sulivan.

»Exzellenz, ich versichere bei meiner Ehre, daß ich das Todesurteil des Mister Reihenfels in dieser meiner Hand gehabt habe. Als ich es Barber zurückgab, steckte er es in seine Brusttasche.«

»Es ist nicht mehr darin.«

»Das ist mir unbegreiflich, Exzellenz!«

»Kolonel Harquis, begeben Sie sich nach dem Zelte Kapitän Barbers, wenn dieses noch stehen sollte, und halten Sie jeden fern. Die übrigen Herren bitte ich, mir beim Durchsuchen der Toten, welche bei der Exekution tätig waren, behilflich zu sein. Es ist dies nötig, um jeden Unberufenen fernzuhalten.«

Das Todesurteil wurde nicht gefunden.

Mit verstörtem Gesicht richtete sich Lord Canning auf, wischte sich die blutigen Hände an einer Uniform ab und strich sich die Haare aus der Stirn.

»Meine Herren,« sagte er dumpf, »Mister Reihenfels ist erschossen worden, haben Sie auch das gesehen?«

Die Offiziere bejahten einstimmig.

»Und zwar auf ein von mir geschriebenes Todesurteil hin. Dieses Urteil kann nicht gefunden werden. Was haben Sie dazu zu sagen?«

»Rätselhaft! Seltsam!« klang es durcheinander.

»Und in dem Augenblick, da mir der noch lebende Barber etwas sagen will, trifft eine Kugel ihn ins Herz. Das ist mehr als rätselhaft, dahinter steckt eine Schurkerei. Aber was hat man mit mir vor?«

Es lag in den Augen Lord Cannings etwas wie Irrsinn, als er sich scheu im Kreise der Offiziere umsah.

»Mylord,« sagte Wilson mit tiefer Stimme, »ich bitte Sie, regen Sie sich nicht zu sehr auf! Keiner von uns zweifelt auch nur im geringsten daran, daß Sie von dem Todesurteil gar nichts wissen. Lassen Sie ...«

»Wirklich nicht? Zweifelt wirklich niemand daran, daß ich das Urteil von Mister Reihenfels nicht unterschrieben habe?« unterbrach Canning ihn mit bitterer, verletzender Ironie. »Das finde ich hübsch von den Herren!«

General Wilson nahm es ihm nicht übel.

»Lassen Sie uns nach dem Hauptlager zurückreiten und die Ordonnanz vernehmen, welche von Ihnen das Urteil empfangen haben will,« fuhr er ruhig fort.

»Ja, das wollen wir; irgendwo muß doch Klarheit werden. Halt, meine Herren!« Er blieb noch einmal stehen. »Was sagen Sie nun, wenn diese Ordonnanz behauptet, ich hätte es doch getan, und bereit wäre, seine Aussage zu beschwören? Nach allem Vorangegangenen halte ich nämlich nichts mehr für unmöglich.«

»Dann binde ich den Kerl an den Schwanz meines Pferdes und reite eine Stunde spazieren,« entgegnete Wilson.

Die Offiziere ritten zurück, begaben sich ins Beratungszelt und schickten nach der Ordonnanz, welche am Morgen mit dem unterschriebenen Todesurteil bei Barber eingetroffen war.

Während die Herren warteten, ging Canning ungeduldig im Zelte auf und ab.

»Teufel,« schrie er endlich wild auf, als eine halbe Stunde vergangen war, »schmiedet man denn einstweilen neue Pläne? Wird die Ordonnanz schnell noch instruiert? Wo steckt der Kerl?«

»Der Mann ist noch nicht aufgefunden worden,« meldete ein Offizier.

»Alarmiert das ganze Lager, ich will ihn sehen, tot oder lebendig.«

Das letzte Wort war noch nicht gesprochen, als ein anderer Offizier ins Zelt trat.

»Exzellenz,« meldete er, »der Gefreite Mark Harrison ist gefunden worden. Er wird unter Führung eines Leutnants und Mannschaft hierhergebracht.«

»Gefunden worden? Was soll das heißen? Hat er sich versteckt gehabt? Aber wie sehen Sie denn aus? Schnell, sprechen Sie, was ist geschehen?«

Der meldende Offizier sah erschüttert aus.

»Mark Harrison, Gefreiter in meiner Kompagnie, Stabsordonnanz, ist allein in seinem Zelt gefunden worden,« dem Offizier begann die Stimme zu versagen, »mit durchschnittenem Hals – Selbstmord!«

»Was?« schrie es von allen Seiten. Da wurde eine Bahre herbeigetragen, ein Offizier begleitete sie. Auf ihr lag ein junger Engländer mit frischem Gesicht, aber durch Todeskampf entstellt. Bahre und Uniform waren mit Blut bedeckt, das noch jetzt aus dem durchschnittenen Halse quoll. Alles war so gelassen worden, wie man den Toten gefunden, nur daß man ihn auf die Bahre gehoben hatte. Die rechte Faust umklammerte noch krampfhaft ein geöffnetes Rasiermesser, aus der linken Faust sah ein Papier hervor.

Lord Canning stand unbeweglich da, seine Augen waren stier auf den Toten gerichtet.

»Woraus schließen Sie auf Selbstmord?« fragte er mit heiserer Stimme.

»Exzellenz, ich weiß nicht – wie kann es anders sein?«

»Ah, richtig, Sie haben recht. Wie kann es anders sein? Natürlich, der Mann muß sich selbst den Hals durchschnitten haben – wahrscheinlich aus Lebensüberdruß. Man öffne ihm die Hand.«

Es war nicht schwer, dies zu tun. Lord Canning nahm das mit Bleistift beschriebene Papier und las es. Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht.

»Ja, es ist wirklich ein Selbstmord; begangen aus beleidigtem Ehrgefühl. Hören Sie, was der Mann schreibt. Ich mache meinem Leben freiwillig ein Ende, weil ich merke, daß mir Schlingen gestellt werden, durch welche meine Ehre gebrandmarkt wird. Ich habe das Todesurteil für Reihenfels zu Kapitän Barber gebracht auf Befehl Lord Cannings hin, ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, daß ich gesehen habe, wie Lord Canning das Urteil mit eigener Hand unterzeichnet hat. Nun streitet er es ab, wie ich gehört habe, er will nichts davon wissen, und so steht zu erwarten, daß meine Aussage nichts gelten wird, wenngleich sie auch auf Wahrheit beruht. Was ist meine Aussage gegen die des Generalgouverneurs? Was gilt es ihm, einen ehrlichen Mann als Schurken und Meineidigen hinzustellen? Ich werde als von den Feinden Lord Cannings erkauft bezeichnet, meine Schuld ist so gut wie erwiesen. Deshalb greife ich zum Selbstmord, nachdem ich zuvor nochmals bei allem, was mir heilig ist, schwöre, daß ich Lord Canning das Urteil mit eigener Hand habe unterzeichnen sehen, Dorf Makobo, nachts zwei Uhr. ›Reiten Sie direkt zu Kapitän Barber, lassen Sie sich von niemandem aufhalten, er soll das Urteil sofort, hören Sie, sofort vollziehen!‹ Das waren seine letzten Worte. Ich sterbe unschuldig, und wenn jemand mir glaubt und Mitleid mit mir hat, so bitte ich, dieses meinen Eltern in Bradford zuzuwenden, dasselbe bitte ich Lord Canning, und weil ich weiß, daß er im Innersten seines Herzens sein Unrecht doch eingestehen muß und es zu sühnen suchen wird, wenigstens an meinen Eltern, deshalb verzeihe ich ihm – Mark Harrison.«

»Nun ist es ja erwiesen, daß ich das Urteil doch unterschrieben habe und daß ich nur nichts davon wissen will,« sagte Lord Canning anscheinend gleichgültig und gab das Papier an General Wilson. »Oder zweifelt jemand noch an dieser Aussage, welche der Mann mit seinem Tode bekräftigt hat? So kurz vor dem Ende pflegt man nicht zu lügen.«

Alles stand wie erstarrt da, bald auf die Leiche, bald auf Lord Canning blickend.

Wilson war der erste, der die Sprache wiederfand.

»Mylord, was tun Sie?« rief er außer sich. »Sie klagen sich ja selbst an.«

»Durchaus nicht, nur treten von allen Seiten Ankläger gegen mich auf, ebenso wie vorher gegen Mister Reihenfels. Hahaha, es ist köstlich, erst Sir Carter, dann Reihenfels, dann Lord Canning, Generalgouverneur von Indien. Ah, ich durchschaue ihre Absicht sehr wohl.«

»Ich bitte Sie, Mylord, fassen Sie sich! Und wenn Sie die Pläne durchschauen, so teilen Sie es uns mit. Es fällt uns ja gar nicht ein, gegen Sie Verdacht zu hegen.«

Plötzlich richtete sich Lord Canning auf und blickte sich majestätisch im Kreise um.

»Allerdings müssen Sie Verdacht gegen mich hegen, meine Herren, Sie müssen, sage ich, denn ich werde angeklagt. Als Generalgouverneur bin ich der höchste Richter in Indien, und ich werde ein ebenso vorurteilsfreier und unerbittlicher Richter gegen mich selbst sein, wie gegen jeden anderen. Glauben Sie deshalb ja nicht, daß ich nun zerknirscht mein Amt niederlege und nach England hinüberschreie, wie unrecht mir geschehen ist, und daß ich die Königin frage, ob sie mich einer solchen Tat für fähig hält. Solange sie mich nicht abberuft, werde ich als ihr Vertreter in Indien stehen und unnachsichtlich nach meinem Urteil handeln – auch gegen mich. Leutnant, was für einen Leumund geben Sie dieser Ordonnanz?«

»Mark Harrison war in jeder Hinsicht ein tüchtiger Soldat und Mensch, brav und ehrlich, und nie hätte ich ihm zugetraut, daß er einen Selbstmord begehen könnte.«

»Sie sehen, meine Herren, dieser Mann, der vor uns als Leiche liegt, besaß einen ehrenwerten Charakter,« sagte Canning, »wie dürfen wir also wagen, das zu bezweifeln, was er kurz vor seinem Tode geschrieben? Warum glauben Sie nicht, Leutnant, daß er hätte einen Selbstmord begehen können?«

»Ich weiß wohl, Exzellenz,« entgegnete der Offizier offen, »daß es auch ehrenwerte Menschen gibt, welche den Selbstmord gutheißen, und vielleicht nicht mit Unrecht. Ich will nicht darüber streiten. Ich bin ein Soldat, kein besserer als Mark Harrison, doch ich würde mich nie töten, wenn ich meine Ehre unverschuldet in Gefahr sähe. Ja, sie kann beschmutzt werden, ich will mich verachtet sehen, aber zum Selbstmord würde ich nicht greifen, wenn ich mich unschuldig weiß.«

»Was würden Sie tun?«

»Ich würde so lange meine Unschuld beteuern, als ich noch ein Wort sprechen könnte, und meine Strafe würde ich fortwährend als ungerecht bezeichnen. Ich würde nicht den Kopf senken, sondern ihn noch stolzer als sonst tragen, denn auch im Erleiden von Unrecht kann man Grund zum Stolz finden. O, Exzellenz, glauben Sie nicht, daß sich ein Soldat Ihrer Majestät wegen eines erlittenen Unrechts töten würde!«

»Was würde Mark Harrison tun?«

»Er war ein braver Soldat, ich kenne ihn seit langer Zeit. Er hat keine andere Ansicht als ich.«

»Aber da liegt er ja als Leiche vor uns, hat sich selbst gemordet, weil er Unannehmlichkeiten entgegensah, die er nicht zu bestehen glaubte, oder vor denen er sich fürchtete.« Im Augenblick hatte der Leutnant nicht daran gedacht, daß er sich widersprochen hatte.

»Exzellenz, das verstehe ich nicht. Harrison soll sich wirklich aus einem so erbärmlichen Grunde getötet haben? Und er gesteht es auch noch offen ein? Das begreife ich nicht.«

»Aber ich begreife es,« rief Lord Canning mit blitzenden Augen. »Die Intrige gegen mich ist sehr fein eingefädelt, warum und von wem, mag Gott wissen. Der Anstifter ist entweder ein weißer Schurke oder einer meiner indischen Feinde, und beiden verzeihe ich, denn durch ihre Kurzsichtigkeit geben sie mir schon den Schlüssel zum Rätsel. Dieser Leutnant hat recht, kein braver Soldat würde sich töten, wenn er seine Ehre bedroht sieht und sich seiner Unschuld bewußt ist. Nein, nur ein Schurke kann so handeln oder, meine Herren, nur ein Indier, dessen Denkungsart durch seine Religion eine ganz andere ist als die unsrige. Der Indier geht Unannehmlichkeiten lieber durch den Tod aus dem Wege, als daß er sie erträgt.

Also, meine Herren, sage ich: Dieser Gefreite ist ermordet worden, dann erst hat man ihm in die rechte Hand das Rasiermesser, in die andere den beschriebenen Zettel gedrückt.«

Laute Beistimmungsrufe wurden hörbar; das, was Canning sagte, war von allen schon geahnt worden. Die Schrift war wie noch viele andere gefälscht. An ein Untersuchen des Zeltes, in welchem der Mord stattgefunden, wollte man nicht erst gehen, denn es waren unterdessen so viel Menschen darin gewesen, daß eine etwaige Spur schon vernichtet worden sein mußte.

»Was aber hat das alles zu bedeuten, Mylord?« fragte Wilson. »Gegen Sie wird ein Komplott geschmiedet, man hat es darauf abgesehen, Sie bestimmt als den zu bezeichnen, welcher das Todesurteil unterschrieben hat.«

»Mag das Gott im Himmel wissen, ich weiß es nicht. Aber wir werden es wohl noch erfahren, umsonst werden solche großartige Vorbereitungen nicht getroffen.«

»Und alles dies dreht sich um die Person von Reihenfels,« fuhr Wilson kopfschüttelnd fort, »ist es doch gerade, als messe man ihm eine große Bedeutung bei. Hat er denn eine solche?«

»Daß ich nicht wüßte. Nein, er ist nur das Mittel, mich zu verdächtigen. Und doch nicht, Sie haben recht. Die Feinde müssen doch ganz genau wissen, daß das Unsinn ist. Nein, Reihenfels ist es, um den sich alles dreht. Aber warum? Nun, hören wir die anderen Ankläger an! Wer will noch gegen Reihenfels auftreten?«

»Der Überläufer, welcher den Zettel von Dollamore gebracht hat oder vielmehr gebracht haben will. Er sagt ebenfalls, er hätte Reihenfels in Delhi gesehen.«

»Leicht möglich, denn ich habe ihn selbst dorthin geschickt. Noch einer?«

»Der Jude Sedrack. Er sagt, er könne, wenn man ihn bezahle, die schlagendsten Beweise von Reihenfels Schuld bringen, und noch vieles mehr.«

»Natürlich, wenn man ihn bezahle.«

»Das vergißt er nie hinzuzusetzen.«

»Ich werde ihn anhören.«

In das Beratungszelt ward Sedrack geführt. Lord Canning trat etwas zurück, um ihn erst zu beobachten, ehe er von ihm gesehen wurde.

Der Jude trug wie immer sein ehrwürdiges und doch listiges Gesicht zur Schau, das Lächeln sollte ihm einen gemütlichen, wohlwollenden Ausdruck geben, die stechenden Augen wanderten fortwährend von einem der Herren zum anderen.

»Der Gott Israels und Jakobs ist mir gnädig, das er mich führt unter ein Dach, wo versammelt sind so viele schöne Leit, gekleidet in Gold und Silber, zu hören den armen Sedrack,« begann er mit schnarrender Stimme, sich eines Kauderwelsches aus Indisch und Englisch bedienend.

»Bist du der Jude, welcher Zeugnis über Mister Reihenfels ablegen will?« fragte Canning und trat plötzlich vor. Seltsam, wie sich der Jude benahm! Bei Anblick Cannings erweiterten sich seine Augen um das Doppelte, den Mund halb geöffnet, so starrte er den Frager an.

»Nun, willst du mir antworten?«

Der liebe Leser wird sich noch aller früheren Ereignisse entsinnen können. Sedrack sah hier den Mann zum ersten Male wieder, der einst seine Tochter gerettet hatte. Canning dagegen kannte ihn. Andererseits hielt ja Sedrack Lord Westerly für den Generalgouverneur.

Der Jude verstand sich zu beherrschen, er raffte sich zusammen.

»Ja, ich bin der Jude Sedrack, welcher ist gekommen hierher, um Handel zu treiben mit den Sepoys und zu verkaufen ihnen, was sie haben nötig. Habe ich nun gehört, daß Mister Reihenfels soll sein ein Spion, wogegen andere sagen wieder, er sei kein Spion. Werde ich doch sagen können, ob er ein Spion ist oder nicht, wo ich ihn doch habe gesehen in Delhi und habe gehört, wie er hat gehandelt mit der Begum und den Radschas, um ihnen abzukaufen seine Schwester, die Franziska, welche ist die Braut von Lord Canning, dem großmächtigen Generalgouverneur von Indien.«

Todesstille herrschte im Zelt. Die Augen Cannings ruhten durchbohrend auf dem Juden, doch dieser hielt den Blick aus.

»Jude, kennst du mich?«

»Soll ich dich nicht kennen? Bist du doch ein edler Mann, ein guter Mann, welcher hat gerettet mein Tochterleben aus dem reißenden Strome, wo es wimmelt von Salamandern.«

»Kennst du meinen Namen?«

»Wie heißt Namen? Der Name ist Schaum, welcher schwimmt oben und hat nichts Wert.

Gott wird dich nennen nach deinen Taten und nicht nach dem Namen.«

»Was du bis jetzt gesagt hast, läßt noch gar nicht erkennen, daß Reihenfels als Spion in Delhi gewesen ist.«

»Hat er doch auch nicht gesagt, daß er als Spion dort war, wollte er doch nur unterhandeln im geheimen mit den Indiern im Auftrage Lord Cannings.«

»Lord Cannings?« fragte Canning langsam. »Woher weißt du das, Jude?«

»Weil ich habe es gehört. Der Sedrack ist schlau und wird herangezogen, wenn es gilt, abzuschließen einen Handel.«

»Was für ein Handel ist abgeschlossen worden?«

»Nu, wegen der Franziska. Es ging alles glatt vonstatten. Reihenfels zahlte und hat unterschrieben, wie war ausgemacht worden vorher, und ist gegangen zurück. Viel spioniert haben mag er nicht.«

Canning griff sich an die Stirn, es wurde ihm immer unklarer im Kopf. Plötzlich sah er fast wie erschrocken auf.

»Weißt du, daß Reihenfels erschossen worden ist?«

Der Jude prallte zurück.

»Nein.«

»Was soll Reihenfels gewesen sein?«

»Ein Spion, welcher gekommen ist nach Delhi auf eigene Rechnung und im Einverständnis mit Lord Canning.«

»Reihenfels ist als indischer Spion erschossen worden.«

Sedrack riß die Augen auf und brach dann, zum Staunen aller, in ein herzliches Lachen aus.

»Gott, was wollt Ihr aufbinden dem alten Sedrack?« lachte er. »Habe ich doch gesehen, wie Reihenfels hat gegeben dem Radscha Soundso einen ganzen Stoß Papiere, und mir hat gegeben Lord Canning einen Wechsel von 10 000 Pfund Sterling, daß ich soll bringen lassen die Franziska nach der Burg Tokirha, was wird kosten natürlich viel Geld. Wird aber alles besorgt. Das Mädchen ist schon unterwegs und kann eintreffen morgen oder übermorgen in Tokirha, welche Burg liegt in der Nähe von Berar. Was soll da sein Reihenfels ein indischer Spion, wenn er macht Geschäfte in Delhi für seinen Herrn?«

Wieder trat Todesstille in dem Zelt ein. Es war, als ob Canning mit sich ringen müßte, um seine Ruhe zu behalten. Es gelang ihm.

»Du besitzt von Lord Canning einen Wechsel?«

»Ja, lautend auf 10 000 Pfund, fällig am ersten Januar 1858. Er ist gut, der Wechsel von Lord Canning.«

»Hast du ihn hier?«

»Werde ich tragen so viel Geld bei mir!«

»Ich möchte ihn gern sehen.«

»Werde ich ihn dir zeigen.«

»Wessen Unterschrift trägt er?«

»Wessen? Natürlich die von Lord Canning.«

»Er selbst gab ihn dir?«

»Gewiß!«

»Und was gab Reihenfels dem Radscha, mit dem er unterhandelte.«

»Einen Stoß Papiere.«

»Was für Papiere waren es?«

»Wie soll wissen ein armer Handelsjüd das?«

»Also du glaubtest, Reihefels sei als englischer Spion, der keine Erlaubnis zum Spionieren hatte, hier festgenommen worden?«

»So glaubte ich, und ich wollte es beweisen, denn Lord Canning hat an mir gehandelt unehrlich. Er wollte überlassen die Befreiung Franziskas mir allein, hat mir aber nicht getraut und hat geschickt den Reihenfels nach Delhi, zu spionieren, ob seine Braut ist auch wirklich darin.«

»Ah, die Sache nimmt eine ganz andere Wendung! Nun aber sage ich dir, Jude, daß Lord Canning Reihenfels hat festnehmen und erschießen lassen, als er aus Delhi hierher zurückkam.«

»Tat er das wirklich?«

»Reihenfels ist bereits tot, erschossen auf Befehl Lord Cannings.«

Der Jude blinzelte mit den Augen und machte ein überaus dummschlaues Gesicht, wie solche Leute, welche ihre Dummheit dadurch verstecken wollen, daß sie eine kluge Miene aufsetzen.

»Gott der Gerechte, was ist dieser Lord für ein schlauer Mann. Wie heißt, hat er gemacht ein unsauberes Geschäft und will nun haben keinen Menschen, der – hm, hm.«

Sedrack hustete, und er hätte auch nicht weiter sprechen können, denn ein Sturm der Entrüstung unterbrach ihn.

Eine gebieterische Handbewegung Cannings brachte die Offiziere wieder zur Ruhe.

»Sprich dich aus, Jude! Was wolltest du sagen?«

Doch Sedrack schüttelte den Kopf und machte die abwehrende Handbewegung, wie sie Leuten seiner Rasse eigentümlich ist.

»Sprich, Jude!«

»Wie heißt, werde ich mir doch nicht verbrennen den Mund.«

»Sprich, Jude, was wolltest du sagen?« donnerte ihn Canning jetzt an. »Ich habe die Tortur in Indien zwar abgeschafft, aber deinetwegen würde ich die Marterwerkzeuge noch einmal hervorholen lassen.«

Sedrack tat, als erschrecke er furchtbar, er knickte förmlich zusammen und verstand sogar zu zittern.

»Es darf nicht mehr gemartert werden,« stotterte er.

»Bei Juden gibt's Ausnahmen. Was hätte Lord Canning gemacht?« »Ein unsauberes Geschäft sagte ich, aber ...«

»Nicht aber. Was für eins?«

»Es war edel von ihm, er wollte seine Braut retten.«

»Vorhin sagtest du kaufen.«

»Hat er auch. Er gab mir einen Wechsel über 10 000 Pfund.«

»Ja, für dich. Aber er traute dir nicht und trat auch direkt mit den indischen Anführern in Unterhandlungen.«

»Gott, was hast du für einen scharfen Verstand!«

»Bleib bei der Sache. Du meinst, Lord Canning hat den Anführern seine Braut abgekauft?«

»So ist es,« gab Sedrack kleinlaut zu.

»Die indischen Radschas sind reich.«

»Ja, Geld hätten sie wohl nicht genommen.«

»Ah, jetzt kommt's. Was sonst?«

»Was weiß ich?«

»Deine Meinung, Jude, deine Meinung! Denk an die Folter.«

»Nun, was wird er haben gegeben den Indiern?« lispelte Sedrack, während die Offiziere atemlos lauschten. Etwas, was ihnen wird bringen Nutzen. Vielleicht so einige Plänchen, Kärtchen und ähnliches, damit sie wissen, was sie nicht wissen dürfen, und möchten es doch so gern wissen. Doch was weiß ich, bin ich doch ein ehrlicher Jüd und sehe nur zu, wie ich kann machen mein Leben und sorgen für meine alten Tage.«

»Hund von einem Juden!« brauste Wilson auf. Lord Canning brachte ihn abermals zur Ruhe.

»Also Lord Canning hätte den Indiern Kriegsgeheimnisse verraten?«

»Wenn ich nicht spreche aus meine Meinung, werde ich gefoltert. Ja, ich denke so.«

»Und als Zwischenhändler hätte er sich dieses Reihenfels bedient?«

»Sicher.«

»Und um keinen Mitwisser seines Verrates zu haben, ließ er diesen töten?«

»Gott, sieh mich nicht an so schrecklich. Meine Väter haben getan ähnliches und waren doch Gott angenehm.«

»Kannst du uns irgendeinen Beweis bringen, daß du deine Behauptungen nicht aus der Luft gegriffen hast?«

»Wenn mir die Herren schenken wollen einige Minuten Gehör, werde ich es können beweisen. Ich habe versprochen Lord Canning, zu bringen seine Braut nach der Burg Tokirha, wofür er mir hat gegeben einen Wechsel über 10 000, Pfund. Ich hätte gern gehabt mehr, aber der Lord hat direkt verhandelt mit den Radschas, welche haben seine Braut als Gefangene und wollen sie nicht geben frei, eben weil sie ist die Braut des Generalgouverneurs ...«

»Das heißt mit anderen Worten,« unterbrach Canning ihn, »du hättest dein Versprechen nicht halten können, du wußtest es, und hättest den Gouverneur also betrogen.«

»Wie heißt betrogen? Ich hätte gefordert noch mehr und hätte versucht mein möglichstes, bis es mir wäre gelungen.«

»Du hättest ihn also bis zum letzten Blutstropfen ausgesaugt. Weiter!«

»Daß Lord Canning hat gegeben den Indiern etwas sehr Wertvolles, kann man sehen daraus, daß die Indier mir haben ausgeliefert die Braut, damit ich sie bringe oder bringen lasse nach Tokirha.«

»Und du hättest das getan?« fragte Canning ungläubig.

Der Jude verneigte sich.

»Herr, ich bleibe dir zum Pfand, und ich selbst will meinen Kopf dir zu Füßen legen, wenn übermorgen Franziska nicht ist in der Burg Tokirha. Reise hin und überzeuge dich!« Canning fuhr auf, er konnte es nicht fassen.

»Sprichst du die Wahrheit?«

»Herr, ich bleibe hier als Pfand. Geh und überzeuge dich. Schon sind meine Leute unterwegs, Franziska zu bringen nach Tokirha, und Bahadurs Krieger werden schützen ihren Weg.«

»Also das wäre der Lohn für Lord Cannings Verrat!«

Sedrack zuckte wie bedauernd die Achseln.

»Ich kann nicht sagen etwas anderes, als was wahr ist.«

Canning sah sich im Kreise der Offiziere um, er begegnete teils erstaunten, teils unwilligen Gesichtern, einige waren auch dabei, welche offenbar Mißtrauen zeigten.

»Kolonel Harquis,« sagte Canning mit tiefer Stimme, »lassen Sie eine Schwadron Dragoner aufsitzen, Sie reiten nach Burg Tokirha. Wenn Sie marschfähig sind, melden Sie sich bei mir. Ich gebe Ihnen Befehle und Vollmacht mit.«

Der Kolonel salutierte und verließ schweigend das Zelt.

»Nun noch eins, Sedrack,« wandte sich Canning wieder an den Juden, »ich will nicht weiter fragen, denn ich weiß, daß du für Geld lügst. Eins aber will ich noch erfahren. Für wen hältst du mich?«

»Für einen edlen Mann, der hat viel Macht und welcher wohl gleich kommt nach dem Generalgouverneur.«

»Ich bin Lord John Canning, Generalgouverneur von Indien.«

Diese Worte waren ganz ruhig gesprochen und hatten keine andere Wirkung, als daß Sedrack ungläubig lächelte.

»Du scheinst mir nicht zu glauben. Meinst du, ich würde mir in Anwesenheit dieser hohen Offiziere einen falschen Namen und einen Rang beilegen, der mir nicht gebührt? Ich, der ich deine Tochter aus dem Ganges gerettet habe, ich bin Lord John Canning, Generalgouverneur von Indien, Franziska Reihenfels ist meine Braut, und sieh, verdammter Jude,« Cannings Stimme wurde drohend, »so schlau deine Pläne auch eingefädelt sind, sie werden doch zuschanden, weil du selbst von vornherein betrogen worden bist, indem du einen anderen für Lord Canning gehalten hast. Nun?«

Das war es, was Canning bis zuletzt aufbewahrt hatte; das war es womit er das ganze Lügengewebe plötzlich aufdeckte.

Er hatte sich nicht verrechnet.

Sedrack glich einem Menschen, der ein Gespenst erblickte. Er sah sich um, überall die finsteren, grimmigen Gesichter der Offiziere, welche die Wahrheit des Gesagten bestätigten, und alles, alles, was er mühsam aufgebaut hatte, sah er plötzlich unaufhaltbar zusammenbrechen.

Er war in die Knie gesunken und starrte Lord Canning wie ein Gespenst an, Mund und Augen weit aufgerissen.

Der Gouverneur hatte seine Fassung wiedergewonnen.

»Ich will dich jetzt nicht weiter verhören, denn du bist momentan deines Verstandes nicht mächtig. Ich gebe dir einige Stunden Bedenkzeit; überlege, ob du dann willig bist, auf alle Fragen wahre Antworten zu geben, und vergiß nicht, daß ich sonst die Folter anwenden lassen werde. Ich verabscheue diese Barbarei, aber bei solchen Schurken, wie du, ist sie am Platze.«

Auf seine Veranlassung wurde Sedrack von zwei herbeigerufenen Soldaten aufgegriffen und unter Begleitung eines Offiziers hinausgeführt. Wie ein Bündel Wäsche hing der Jude an den Armen der beiden Soldaten; seine Kinnladen klapperten hörbar, so groß war der Schreck über das eben Gehörte.

»Es hat jetzt keinen Zweck, mehr über die Sache zu sprechen,« fuhr dann Canning, zu den Offizieren gewendet, fort, »der Jude wird uns schon noch alles enthüllen. Sie sehen wenigstens, daß ich verstehe, den Punkt zu finden, von dem man ausgehen muß. Warum dies alles gegen mich arrangiert wird? Ich weiß es nicht. Sprechen wir jetzt über die Sprengung der Brücke, es ist uns damit ein ganz empfindlicher Schaden zugefügt worden.«

Während man dieses Thema behandelte, warf sich in Cannings Kopfe immer wieder die Frage auf: Warum, warum mir alles das? Was hat man mit mir vor? Umsonst fädelt man doch nicht solche ungeheuer verwickelte Intrigen ein.

Diese Gedanken beunruhigten ihn so, daß er nur mit halbem Ohre den Berichten und Ratschlägen der Offiziere zuhören konnte.

Trompetensignale ertönten; gleich darauf trat ein wachthabender Offizier ins Zelt mit der Meldung, aus dem Festungsturm von Delhi wehe eine weiße Flagge, und schon sei ein Parlamentär auf dem Wege nach dem Hauptlager. Er halte noch weit außerhalb der Schanzwerke.

»Er wird als Parlamentär behandelt,« sagte Lord Canning, »führen Sie ihn direkt hierher!«

»Mit verbundenen Augen?«

»Nein, es scheint hier wenig mehr zu geben, was noch verraten werden könnte.«

Einige Minuten später stand vor den höheren Offizieren, welche Canning zurückbehalten hatte, ein junger, schöner Indier, weißgekleidet, waffenlos, die weiße Parlamentärsflagge in der Hand. Er hatte keinen Gruß für die Herren, mit edlem Anstand stand er da und wartete auf die Anrede.

»Wenn du als Parlamentär kommst, so ist deine Person heilig,« begann Canning, »wessen Botschaft hast du auszurichten?«

»Ich komme, die Worte zu sagen, welche mir die Begum von Dschansi für den in den Mund gelegt hat, welcher Lord Canning heißt, Oberbefehlshaber dieses Lagers ist und sich Generalgouverneur von Indien nennt.«

»Er steht vor dir, ich bin Lord Canning.«

»So läßt dich die Begum von Dschansi fragen, ob du gewillt bist, ihr eine Unterredung zugewahren.«

Canning zögerte.

»Ja oder nein?« sagte der Indier kurz.

»Wo soll sie stattfinden?«

»In diesem Lager, wo du befiehlst. Sie kommt mit einigen ihrer Offiziere und will dich sprechen, in einem Zelte allein.«

»Was für Bürgschaft verlangt sie?«

»Keine für sich.«

»Dann denkt sie edel von mir.«

»Du irrst, die Begum fürchtet sich nicht, in dein Lager zu gehen und mit dir zu sprechen.

Doch für ihre Begleiter verlangt sie Bürgschaft.«

»Wer sind diese?«

»Mächtige Fürsten.«

»Wieviel?«

»Sie verlangt sechs Offiziere von dir als Bürgen.«

»Sie sollen ihr werden. Um was handelt es sich?«

»Ich weiß es nicht. So bittet dich denn die Begum, ein Zelt herrichten zu lassen, welches dicht an ein anderes, großes stößt, so daß man von einem ins andere gehen kann, ohne gesehen zu werden. Bist du damit einverstanden?«

»Wozu diese Vorsicht?«

»Die Personen, welche die Begum mitbringt, wollen von niemandem erkannt werden als nur von dir.«

»Ich gehe auf alles ein. Wann wird die Begum kommen?«

»Bis wann kannst du das Zelt hergerichtet haben?« »In einer Stunde.«

»So wird die Begum in einer Stunde vor deinem Lager stehen.«

»Sie soll mir willkommen sein, auch wenn sie meine Feindin ist. Ich werde sie in diesem Zelt empfangen.«

Nur leicht das Haupt neigend, verließ der Parlamentär das Zelt und begab sich nach Delhi zurück. Lord Canning ahnte, daß der Besuch der Begum mit dem Vorhergegangenen zu tun hätte.

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