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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 2
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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2. Die Geheimnisse der Burg

Ungehindert hatte Reihenfels unter der Führung Makallis die Burg auf schnellen Rossen erreicht, die sich die Bajadere noch im Schlosse Bahadurs zu verschaffen gewußt. Reihenfels war jetzt vollkommen eingeweiht. Er hatte verschiedene Male das Erkennungszeichen geben müssen, so durften die beiden Gestalten, welche dunkle Kapuzen mit Augenlöchern über dem Kopfe trugen, überall passieren.

»Ihr kommt spät,« flüsterte der Torwächter, »beeilt euch! Kennt ihr den Weg?«

»Wir kennen die Pagode,« entgegnete der verkleidete Indier.

Der Hof des Schlosses war wie ausgestorben, nicht das kleinste Geräusch war zu vernehmen, und doch hatte Makalli vorher versichert, daß schon jetzt die rasende Orgie von Hunderten halb wahnsinniger Indier begonnen haben müßte.

In der Mitte des Hofes stand ein zierliches Gebäude, an den vielen runden Türmchen als eine Pagode, das heißt, als ein Tempel erkennbar, in welchem die Schutzgötter des Hauses verehrt werden, also eine Art von Kapelle.

Die Pforten waren offen, die beiden traten ein.

Eine von der Decke herabhängende Lampe verbreitete einen geisterhaften, bleichen Schein, sie schwankte leise und ließ dadurch auch die schauerliche Dekoration der Wände sich scheinbar bewegen. Diese bestanden aus Mosaik, in den schreiendsten Farben zusammengesetzt, scheußliche Fratzen darstellend, im Luftzug klapperten überall Gerippe von Menschen und Tieren.

Reihenfels konnte einen Schauder nicht überwinden. Wenn schon der Vorplatz zum Eingange in das Reich der Thags so beschaffen war, was mochte dann später erst kommen? In der Mitte dieses Raumes erhob sich ein prächtiger, über und über mit erhabenen Figuren aus Diamanten bedeckter Sarkophag von kolossalen Dimensionen, wie man solche noch manchmal in uralten, indischen Ruinen vorfindet. Er ruhte auf vier zusammengeringelten, schön gearbeiteten Schlangen, deren Augen aus großen Smaragden bestanden, die förmlich ein grünes Licht auszustrahlen schienen.

Am Kopfende des Sarges stand eine kleine Silberschale, in welcher eine weiße Flamme schwebte, scheinbar ohne Nahrung zu erhalten. Kein Öl, kein Docht war vorhanden – nur die leere Schale und darin die aufrecht stehende Flamme.

Die Bajadere zog unter ihrem weiten Gewande eine Lampe hervor und entzündete den Docht an der Flamme.

»Dies ist das heilige Feuer,« sagte sie, »und daß es wieder brennt, ist ein Zeichen, wieviel Menschen in letzter Zeit hier schon getötet worden sind. Lange schon reichte das Gas nicht mehr aus, um die Flamme zu nähren, jetzt brennt sie lichterloh.«

»Es ist Gas?« fragte Reihenfels ungläubig.

»Das Gas, welches den verwesenden Leichen entweicht. Es strömt von unten durch Röhren hierher und wird m diesem Sarkophag gewaschen, daß es leichter brennt.«

Wieviel Menschen mußten schon getötet worden sein, daß die Zersetzungsgase eine solche Flamme nähren konnten! Die beiden schritten der gegenüberliegenden Wand zu, und Reihenfels schrak plötzlich zusammen; denn ein Blitz zuckte durch die Finsternis, die hier herrschte. Er schien aus dem Rachen einer ungeheuren Schlange zu kommen, die halb aus der Wand hervorsah. Sie war nur von Erz und der Blitz ein Warnungszeichen gewesen.

»Wahret euern Fuß, wenn ihr hier fremd seid« sagte leise eine Stimme.

»Wir sind es nicht,« entgegnete Makalli.

Eine dunkle Gestalt trat zur Seite, Makalli senkte die Lampe und beleuchtete eine gähnende Tiefe, zu welcher steinerne Stufen hinabführten.

Sie begannen den Abstieg, der nimmer zu enden schien.

Fast eine Viertelstunde waren sie abwärts gestiegen, als Makalli stehen blieb.

»Dies ist erst die Hälfte des Weges, bald aber werden wir die Thags heulen hören. Sage mir nochmals, Faringi, hast du Mut, mit mir in dieses unterirdische Reich hinabzusteigen?«

»Bin ich dir nicht schon gefolgt? Ich könnte ja auch nicht mehr zurück.«

»Doch, du könntest es. Ich habe dich die Formel gelehrt, die du sagen mußt, solltest du durch irgend ein Ereignis von mir getrennt werden. ›O Kali! Ombra Nurheddin!‹ sagst du zu dem ersten dir Begegnenden, er wird dich für einen fremden Thag halten und dich hinausbegleiten. Besser ist es, du kehrst jetzt schon um, als daß dich nachher der Mut verläßt, wodurch du auch mich in Gefahr bringen würdest.«

»Geh voran, ich habe Mut.«

»Es ist leichter, einen Panther ohne Waffen entgegenzutreten, als den Anblick dessen ohne Zittern zu ertragen, was du zu schauen bekommst.«

»Ich werde nicht zittern.«

»Ich sah dich schon zweimal erschrecken.«

»Es soll nicht wieder geschehen.«

»So schwöre mir nochmals, nichts zu tun, was ich nicht gutheiße, und dich nie von deinen Gefühlen hinreißen zu lassen.«

»Ich schwöre es dir.« Sie setzten den Weg fort. Reihenfels nahm an, daß sie sich schon längst unter dem Felsen befanden, auf welchem die Burg stand, und jetzt gingen sie auch noch einen langen Weg geradeaus, bewegten sich also unter dem Erdboden fort und mußten schon in den das Tal umgebenden Felswänden sein.

Dann stiegen sie wieder zahllose Stufen hinab. Plötzlich war es Reihenfels, als sähe er hier und da unten in der Finsternis Lichter zucken, und nicht lange dauerte es, so schlug ein sonderbares Murren und Brausen an sein Ohr, fast wie ein Wasserfall anzuhören.

Fragend schaute er die Bajadere an. »Wir nahen uns dem heiligen Orte; es ist das Lärmen der versammelten Thags.«

Welche Zahl Menschen mußte sich hier eingefunden haben! Oder aber, jedes Wort wurde von den Wänden in zehnfachem Echo wiedergegeben.

Sie hatten einen engen Quergang erreicht, und hier begegneten sie den ersten Thags. Alle trugen die dunkle Kleidung aus Baumwolle, die Kapuze mit den Augenlöchern über dem Kopfe, und um die Hüften entweder ein Seidentuch oder eine Schlinge aus Seidenschnur – ihr Handwerkszeug.

Jeder machte den beiden neuen Ankömmlingen eine Handbewegung und sagte eine Formel her, die erwidert wurde. Einmal gab auch einer Reihenfels die Hand mit einem eigentümlichen Druck. Dieser Mann trug ein weißes Gewand, seine Kapuze hatte auch einen Ausschnitt am Munde, wodurch er ein noch unheimlicheres Aussehen bekam, und im Gürtel steckte ein blitzendes Messer.

Die Hand war naß gewesen, und als Reihenfels die seine betrachtete, war sie ganz blutig.

»Es war ein Guru, er schlachtet die Opfer,« sagte Makalli.

So war es also Menschenblut gewesen, und Reihenfels mußte alle Willenskraft zusammennehmen, sein Entsetzen nicht merken zu lassen.

Dann sah er Männer, welche eine Art von Hängematten trugen, in denen lange Pakete lagen. Einmal drang aus einem solchen ein Seufzen und Stöhnen.

Einem Manne in weißer Kleidung folgte ein erwachsener Königstiger, der mit seinen grünen Augen Reihenfels anblinzelte und ein behagliches Knurren ausstieß. Er bemerkte noch mehrere solche gezähmte Bestien.

»Auch sie sind der Kali geheiligt,« erklärte die Bajadere, »sie sind besonders die Begleiter der Chams und Gurus.«

Das vorher gehörte Murmeln verwandelte sich in ein donnerndes Gebrüll; ein Brausen erklang, als ob die Meeresflut gegen das felsige Ufer brandete.

Was würde Reihenfels wohl noch zu sehen bekommen? Schon jetzt zweifelte er nicht daran, ähnliches zu erblicken, wie damals Kiong Jang, aber dieser hatte nur durch eine Mauerspalte sehen können, damals gab es auch keine Opfer, aber jetzt – jetzt, da von den Leichengasen Tag und Nach eine Flamme in Brand gehalten werden konnte.

Vor ihnen breitete sich Tageshelle aus, sie erreichten das Ende des Ganges und standen vor einem Abgrund von etwa fünfzig Metern Tiefe, einem Kessel, der gar nicht zu übersehen war, obgleich Hunderte von Fackeln und mächtigen Feuern darin aufloderten. Das Ganze war eine ungeheure Höhle; auch die Decke verlor sich in schwarzer Nacht.

An der Stelle, wo sie gestanden, führten terrassenartige Stufen hinab, Gestalten gingen hinauf und hinunter. Rund um den Kessel lief eine Galerie von mehreren Metern Breite, und diese betrat Makalli.

Hier war niemand, sie waren allein. Makalli führte den Begleiter hinter einen Vorsprung, von wo aus sie den Kessel und was in ihm vorging, übersehen konnten.

Reihenfels' Haare sträubten sich vor Entsetzen. Kiong Jang hatte unrichtig erzählt, oder aber, in jenem Tempel, wo der Chinese sich befunden hatte, war es anders zugegangen. Was er erzählt hatte, erschien noch harmlos gegen das, was Reihenfels jetzt zu sehen bekam. Wohl tausend Menschen, alle in jener unheimlichen Vermummung, die Füße nackt, bewegten sich da unten in dem Kessel.

Ihnen gerade gegenüber, in der Nähe eines ungeheuren Holzfeuers, erhob sich das Standbild der furchtbaren Göttin in riesigen Dimensionen.

Es sah ganz anders aus, als das von Kiong Jang beschriebene.

Der Sockel war nur drei Fuß hoch, die Figur dagegen wohl zehn Meter.

Es war die Gestalt einer Furie, entsetzlich anzusehen, auf einem Tiger reitend. Das Antlitz war scheußlich, halb Wolf, halb Mensch; aus dem geöffneten Munde sahen spitze Reißzähne hervor, die Augen, aus kolossalen Rubinen bestehend, schossen im Scheine des Feuers Blitze. Statt der Füße und Hände hatte sie Adlerkrallen, um den Leib wanden sich Schlangen, keine lebenden, sondern ausgestopfte, und statt anderen Schmuckes trug sie Ketten von menschlichen, noch blutenden Köpfen. Überall waren diese angebracht, am Hals, an den Armen und Füßen.

Dagegen bestand ihr Haar aus lebenden Schlangen, die sich windend und züngelnd um den Kopf bewegten, jedoch mit dem Schwanze immer auf dem Scheitel blieben, als wären sie dort festgewachsen.

Die linke Adlerklaue der Göttin stützte sich auf den Kopf des Tigers, die rechte schwang drohend die blutige Kassy, die eiserne Spitzaxt, das heiligste Symbol der Verbrüderung, bei dem der höchste Schwur geleistet wird.

Die ganze Statue war von reinem Silber. aber mit Blut beschmiert und bespritzt.

Das war Kali, die Göttin der Vernichtung – Bharvani, die Tochter des Berges – oder Parvati, die Unnahbare genannt.

Das Piedestal der Bildsäule war mit Blumen bestreut, zu ihren Füßen lag ein ehernes Bild der Schlange, der Eidechse und des Tigers, also der ihr geheiligten Tiere, daneben eine Schlinge, ein Seidentuch, ein Messer und eine Spitzaxt, die Werkzeuge der Thags, von denen letztere das vornehmste ist, denn nur die Chams und Gurus dürfen dieselbe führen.

Um das Bild herum hatten weißgekleidete Männer Platz genommen, also Chams und Gurus. Unter ihnen erkannte Reihenfels auch den Radscha Tipperah, hier fand er ihn zum ersten Male wieder. Er war der einzige, dessen Gesicht nicht verhüllt war.

Einer, der sich abgesondert hielt, trug auf dem Kopfe einen von Diamanten blitzenden Schmuck. Reihenfels fragte, wer dies sei.

»Der Oberguru, das Oberhaupt sämtlicher Thags, welche die Erde bewohnen und alles Lebendige zu vernichten trachten. Hätte er sein Gesicht nicht verhüllt, so würdest du ihn erkennen.«

»Es ist Radscha Gholab?«

»Ja, fast alle diese Chams sind Fürsten.«

»Wer ist der Unverhüllte?«

»Radscha Tipperah, der Obercham dieses Tempels.«

Also hatte sich Reihenfels nicht geirrt.

»Warum ist er nicht verhüllt?«

»Er muß als erster Priester dieses Tempels die Zeichen beobachten, ob die Göttin ihnen günstig gestimmt ist; er muß die Blicke überall haben, und deshalb hat Brahma ihm Augen geschenkt, die gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen sehen können.«

Um diese Chams herum stand ein Kreis von Körben mit Backwerk und Früchten, auch mit Flaschen, aus denen die Priester manchmal tranken. Sie enthielten nach Makallis Erklärung geistige Getränke; die Priester berauschten sich, ehe die Opferung begann, damit ihre Wut nachher desto mehr durchbrach.

Dieser Kreis von Körben trennte die Priester von der übrigen, tausendköpfigen Menge, aus Männern, Frauen und Kindern bestehend, die auf den Fersen hockten und leise zusammen flüsterten. Der Widerhall des Gemurmels aber erklang in der Höhle wie ein murrender Donner, das Flüstern wie das Brausen eines Wasserfalles.

»Siehst du die goldene Schale am Fuße des Bildes?« fragte die Bajadere. »Es ist das ewige Opfer des Rakkat-Byj.«

»Was ist das?«

»Rakkat-Byj war ein Dämon, der die Kali haßte. Sie tötete ihn, aber aus jedem Blutstropfen, der zur Erde fiel, entstand ein neuer Dämon. Da schuf die Göttin den ersten Thag und gab ihm die Phansi und den Devy. Damit erwürgte er den Dämon, ohne Blut zu vergießen, und jetzt war dieser tot. Seitdem liebt die Kali das Blut über alles, das von Menschen duftet ihr am süßesten. Diese Schale darf nie leer von frischem Blut werden, immer wieder muß man sie füllen. Früher schlachteten wir deswegen Schafe und Ziegen, jetzt kann die Kali sich an Menschenblut satt riechen.«

Der Oberguru gab ein Zeichen; ein Priester nach dem anderen erhob sich, winkte in die Menge, und die Auserwählten der Versammelten traten vor und legten ihre Gaben zu den Füßen der Göttin nieder.

Ganze Berge von Goldstücken, Geschmeide, Arm- und Halsbändern türmten sich nach und nach auf, aber auch Haufen von Edelsteinen, Perlen, Rubinen, Smaragden und Topasen, von Saphiren aus Ceylon, von Türkisen, wie sie in den persischen Minen gefunden werden, roh und geschliffen, häuften sich auf. Andere brachten Ballen von Seidenwaren herbeigeschleppt, Kaschmirschale wurden aufgestapelt und so weiter.

Sie waren den Opfern der Thags geraubt und so lange aufbewahrt worden, bis sie jetzt als Opferspende niedergelegt werden konnten.

Aus allen Ländern waren die Thags zusammengeströmt. Jene kamen aus Meisur und hatten den Diamantenträgern aufgelauert, die aus den westlichen Minen ins Innere des Landes zogen, diese aus Dschaipur, welches Land wegen seiner Fabrikation von Schmuckgegenständen berühmt ist.

Die Bajadere erklärte Reihenfels die einzelnen Volkstypen, woher sie kamen, und welche Leute sie besonders mordeten, woher die Eigenart ihrer Opferspende stammte.

Die Niederlegung der Schätze war beendet.

Der Oberguru bestieg die Stufe des Piedestals und küßte dreimal den Krallenfuß der Göttin. Dann hob er seine Augen zu ihr auf und rief laut:

»O, Kali, die du die Vernichtung liebst und uns befohlen hast, alles Lebendige zu hassen, wir sind bereit, dir zu dienen! Wir haben deinen Segen zu deinen Füßen niedergelegt. Wenn es dir gut dünkt, daß wir deine Schale erneut mit Blut füllen, so gib uns ein günstiges Zeichen!«

Sofort ward ein schwarzes Schaf herbeigebracht; der unverhüllte Priester, Radscha Tipperah, schnitt ihm den Hals durch und beobachtete die Zuckungen des sterbenden Tieres.

Dann flüsterte er etwas zu dem Oberguru hinauf.

»Die mächtige Göttin ist uns günstig gestimmt,« rief dieser, jetzt zur Menge gewandt, »sie will Blut riechen. Freut euch, freut euch, ihr Diener der Vernichtung!«

Ein Geheul und ein Schauspiel begann jetzt, das Reihenfels Blut erstarren machte.

Ein wildes Delirium, ein Wahnsinn schien plötzlich alle Anwesenden zu befallen. Das waren keine Menschen mehr, das war eine Legion von Teufeln.

Gleich Besessenen sprangen sie auf, heulten und tobten umher, einzeln und in Gruppen, drehten sich wie Kreisel um sich selbst, prallten zusammen, stürzten nieder, rafften sich wieder auf und begannen von neuem. Sie rissen sich die Kleider vom Leibe, Männer wie Frauen schlitzten sich Lippen und Ohren mit Messern auf, stießen die Klinge durch die Wangen und saugten ihr eigenes Blut.

Andere wieder, schon völlig nackt, sprangen um die Feuer und dann durch dieselben hindurch, kamen auf der anderen Seite mit verbrannten Haaren heraus, stürzten aber immer wieder hinein, bis sie endlich halb verkohlt zu Boden fielen und liegen blieben. Einige erreichten auch die andere Seite gar nicht, sie verbrannten im Feuer.

Ein alter Mann schlug sich zwei Haken in die Seiten und ließ sich von den anderen an einer Kette emporziehen, bis er über einem Feuer hing, an welchem er langsam zu Tode röstete.

Ein abscheulicher Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft. Die Priester gossen wohlriechende Essenzen ins Feuer, um den Gestank zu verscheuchen.

Als der Tumult den Höhegrad erreicht hatte, als schon einige Leichen am Boden lagen, ertönten oben in der Wölbung der Höhle die Klänge eines Beckens und machten dem Rasen ein Ende.

Die Tänzer blieben stehen, mit Schweiß, Schmutz und Blut über und über bedeckt.

Lautlose Stille war eingetreten.

Nochmals erscholl der Beckenton, und der Oberguru bestieg wieder die meterhohe Treppenstufe, drei andere Chams, darunter Tipperah, traten neben ihn.

Die übrigen Priester hatten sich während des Tumultes entfernt.

Als das Becken zum dritten Male ertönte, teilte sich die Menge, und zwischen ihr hindurch dem Altar zu, bewegte sich langsam ein Zug.

Voran gingen die weißgekleideten Chams, dann kamen fünf Bahren, ebenfalls von Chams getragen, und auf diesen Bahren lag je ein verhüllter, langer Gegenstand, wie Reihenfels sie schon vorher in den Hängematten hatte liegen sehen.

»Jetzt nimm deine Kraft zusammen, Faringi!« flüsterte Makalli ihm zu. »Kannst du den kommenden Anblick ohne Zittern ertragen, dann bist du gegen alles andere gefeit!«

Aber Reihenfels konnte es nicht.

Den Zug beschloß eine koboldartige Gestalt, ein Zwerg, wie Reihenfels ihn häßlicher noch nie gesehen hatte.

Der Kopf war von abnormer Größe, der bucklige Oberkörper verschwindend klein gegen die langen Beine, obgleich er im ganzen nur drei Fuß hoch war. Von gleicher Länge waren die Arme, an ihnen saßen Hände wie die eines Riesen. Die Füße schienen einem Elefanten anzugehören, ebenso die herabhängenden Ohren.

Er war mit Kleidern in den schreiendsten Farben geschmückt; um seinen Leib, um Hals und Arme wanden sich dicke Schlangen.

»Es ist der Wächter der heiligen Schlangen,« erklärte Makalli. »Die, welche er trägt, sind die Lieblinge der Kali und dürfen sich an dem lebendigen Opfer weiden. Die übrigen bekommen nur die Überreste!«

Der Zug hielt vor dem Bildnis; die Bahren wurden auf die erste Stufe geschoben, so daß alles, was vorging, der Menge sichtbar war.

Auf ein Zeichen des Priesters flogen gleichzeitig die Umhüllungen der fünf Pakete davon – Menschen, alles Indier, darunter auch ein Weib, kamen zum Vorschein. Sie waren gefesselt und hatten im Munde einen Knebel. Daß sie lebten und bei Besinnung waren, konnte Reihenfels deutlich sehen, er bemerkte sogar, wie sie angstvoll die Augen rollten.

Kein Brahmane, kein Armer, keine Bajadere und kein Europäer darf das erste Opfer sein.

Die hier lagen, waren zwei reiche Kaufleute, ein indischer Soldat, ein Beamter der indischen Kompagnie, und schließlich eine schöne, junge Frau, die Witwe eines reichen Indiers, die während der Reise zum Begräbnis ihres Gatten in die Hände der Thags gefallen war.

Ein Priester nahm die goldene Schale, von welcher Makalli erzählt hatte, daß sie stets Blut enthalten müsse, tauchte den Finger hinein und malte unter Segenssprüchen auf der Stirn eines jeden Gefangenen ein blutiges Zeichen.

Der Oberguru trat noch eine Stufe höher, winkte, und vier Priester hoben eins der Opfer, einen schon bejahrten Kaufmann, empor und legten ihn zu Füßen der Kali nieder. In einem Augenblick flogen ihm die Kleider in Fetzen zerschnitten vom Leibe, die Banden wurden gelöst, der Knebel aus dem Munde genommen und der Mann an Händen und Füßen von den Priestern festgehalten.

Obgleich seiner Stimme jetzt mächtig, schrie er doch nicht, sondern erwartete gefaßt den Tod. Er wußte, was ihm bevorstand, und als bejahrter Mann hatte er die Lehre der indischen Religion erfaßt, daß man sich in das Unvermeidliche geduldig fügen müsse.

Er hatte bei seiner Gefangennahme den Thags eine ungeheure Summe für seine Freilassung geboten, die schon geraubten Schätze wollte er ihnen schenken, sie weder verraten noch verfolgen lassen – alles vergeblich, darin waren die Thags unbestechlich, er mußte sterben.

Jetzt hatte er weder einen Ruf der Angst noch eine Bitte um Erbarmen, nur Haß sprühte aus seinen Augen, als sich ihm der Oberguru mit dem erhobenen Messer nahte.

Der Stahl blitzte im Scheine des Feuers, er senkte sich, und die Spitze tauchte genau in die Halsschlagader des Schlachtopfers.

In großem Bogen spritzte das Blut empor, aber geschickt wurde es von dem Cham, welcher das goldene Becken hielt, in demselben aufgefangen. Je schwächer der Blutstrahl wurde, desto mehr näherte der Priester es dem Halse, und war die Schale voll, so entleerte er sie in ein größeres Gefäß.

Im Todeskampfe machte der Gequälte unwillkürlich gewaltige Anstrengungen, die ihn Haltenden abzuschütteln, es warfen sich noch zwei andere auf ihn, aber als seine Bewegungen schwächer wurden und der Blutquell nachließ, bewegten sie ihm selbst Arme und Beine, damit das Blut noch flösse, ja, zuletzt sprang einer auf seinen Körper und trat ihn mit den Füßen, bis der letzte Blutstropfen heraus war.

Noch ein Zucken ging durch die Glieder des Gemarterten, dann streckten sie sich und wurden starr.

Schnell wurde der Körper auf die Bahre gelegt und fortgetragen.

Der Oberguru salbte erst seine Stirn mit dem Blute aus der Goldschale, dann die der Chams, worauf diese kleinere Gefäße nahmen, mit frischem Blut füllten und sie unter die sich herzudrängende Menge verteilten, um jeden einzelnen auf gleiche Weise zu salben.

Das zweite Opfer, der indische Beamte, ließ sich nicht so willenlos hinschlachten. Er wehrte sich aus Leibeskräften, natürlich vergeblich, und schrie und wimmerte um Erbarmen, was nur das Entzücken der Menge steigerte. Wieder salbte sich der Oberguru, wieder gingen Chams umher und betupften eines jeden Stirn mit Blut. Auch der dritte und vierte der Unglücklichen hauchte sein Leben aus.

»Es ist genug!« stöhnte Reihenfels. »Führe mich fort von hier, oder ich bin nicht fähig, dich bei deinem Vorhaben zu unterstützen.«

»Schwachherzige Männer,« spottete die Bajadere, »ihr maßt euch die Herrschaft über die Erde an, tut manchmal, als vermöchtet ihr durch eure Tatkraft selbst den Himmel zu erstürmen, und könnt nicht einmal den Anblick von etwas Blut ertragen. Stähle dein Herz! Dein Mut, nicht deine Standhaftigkeit, soll nachher noch auf eine harte Probe gestellt werden.

Sieh! Jetzt wird das erste Weib geschlachtet! Jetzt muß auch Tilomma erscheinen.«

Reihenfels wollte fragen, wer Tilomma sei, aber er kam nicht dazu, etwas ganz Überraschendes und Furchtbares zugleich spielte sich vor seinen Augen ab.

Die junge, schöne Witwe war von rohen Fäusten gepackt und auf den Altar geschoben worden. Wie den Männern, so riß man auch ihr rücksichtslos die Kleider ab, bis sie völlig nackt dalag.

Da, durch eine Unachtsamkeit der Priester, gelang es ihr, deren Händen zu entschlüpfen.

Sie glitt noch einmal vom Altar herunter und warf sich händeringend und mit fliegenden Haaren unter die Menge, um Erbarmen flehend.

Wo hätte sie dieses hier finden sollen! Im Nu war sie wieder ergriffen und lag auf dem Altar. Oben auf der Galerie rang Reihenfels mit der Bajadere. Außer sich vor Entrüstung hatte er den Revolver gezogen; vollständig von der Besinnung verlassen, wollte er dem Weibe zu Hilfe eilen, aber die Bajadere umklammerte ihn und hielt ihn mit der Kraft der Verzweiflung fest.

»Tor, der du bist!« zischte sie ihm ins Ohr. »Was könntest du gegen diese Tausende ausrichten! Hältst du so deinen Schwur? Nur einmal erhebe Einspruch, und du selbst liegst im nächsten Augenblick auf dem Altar – und ich mit.«

Ächzend gab Reihenfels seine Bemühungen auf, denn er sah, daß jede menschliche Hilfe zu spät gekommen wäre.

Schon wand sich der herrliche Leib der jungen Frau zuckend unter den Händen der Priester, schon spritzte ein purpurner Blutstrahl durch die Luft.

Das Volk schrie und jauchzte toller als je; dabei aber sah es weniger nach dem sterbenden Weibe, als vielmehr nach der Göttin.

Reihenfels mußte erst von Makalli aufmerksam gemacht werden, ehe er seine entsetzten Blicke von dem unglücklichen Weibe abwenden konnte.

»Die Tilomma,« sagte Makalli; »sie wohnt dem Tode ihrer Schwester bei und nimmt deren Seele mit.«

Jetzt erst erblickte Reihenfels die Verwandlung der Szenerie.

Neben dem Bildnis der Göttin stand plötzlich wie aus der Erde gewachsen – und aus einer Versenkung mußte es auch aufgestiegen sein – ein goldener Thronsessel, auf welchem ein Weib saß.

Ihr Gewand schien aus Schmetterlingsflügeln zusammengesetzt zu sein, in solch bunter Pracht schimmerte es. Das wunderbarste aber war das Antlitz dieses Wesens. Es war marmorbleich; frischgefallener Schnee konnte nicht weißer sein, und umhüllt wurde es wie von einem Mantel von einer unbändigen Fülle goldenen Haares. Von ebenso durchsichtigem Alabaster war der volle Arm, der sich auf die Lehne des Thrones stützte. Müde lehnte der prächtige, schöne Kopf in der Hand, müde blickten die blauen Augen auf die Frau, welche geschlachtet wurde.

Reihenfels war außer sich. Wer war dieses herrliche, vollbusige Weib mit der schneeweißen Haut und den blauen Augen? Unmöglich eine Lebende. Doch ja, jetzt schlug sie die Augen nieder; matt wendete sie den Kopf und blickte dahin, wo Reihenfels versteckt lag.

»Bei Gott, das ist Nancy, Woodfields Tochter,« murmelte er; »so hat Kiong Jang sie beschrieben.«

»Wer soll es sein?« fragte die Bajadere, die etwas verstanden hatte. »Es ist Tilomma, das Weib mit den goldenen Haaren, welches zu den Füßen der schrecklichen Kali sitzt und sie bedient. Sie war bei der Niederkunft der Kali die Wehemutter und brachte das Kind dann auch zu uns; aber weißt du,« fügte sie dann leise hinzu, »die Priester selbst sind unter sich uneinig. Viele sagen, sie selbst sei die Mutter der Begum, denn die Kali ist ebenso wie Siwa unfruchtbar, Sewadschi liebte die Kali, aber das Kind erzeugte er mit Tilomma, die der Kali untergeschoben wurde, und so glaube ich auch.«

Verständnislos stierte Reihenfels die Bajadere an. Was schwatzte sie da für Unsinn? Tilomma – oder Nancy – sei Begas Mutter? Doch richtig, er war ja in einem indischen Tempel, und was das Mädchen da erzählte, war nichts weiter als die Geschichte von der unbefleckten Empfängnis, welche die Indier schon zweitausend Jahre früher kannten als wir, das heißt, zweitausend Jahre vor Christi Geburt.

Reihenfels hatte jetzt nur noch Augen für das unglückliche Mädchen.

Wie traurig sah sie aus, aber zugleich auch wie teilnahmslos! Ruhig blickte sie hin, wie die Indierin ihr Lebensblut verspritzte, ihr zu Ehren; ja, jetzt nahm der Oberguru einen Wedel, tauchte ihn in das Blut und spritzte damit die vermeintliche Göttin über und über voll. Die Blutstropfen flossen ihr über das Gesicht, wie von Schnee stachen sie ab, und das Weib zuckte mit keiner Wimper, es machte keinen Versuch, das Blut abzuwischen.

Ob sie wohl überhaupt noch eine menschliche Seele besaß? Reihenfels bezweifelte es.

Oft schon mochte sie solchen Schauspielen beigewohnt haben, und entweder war ihr Geist vollständig vertiert oder vom Wahnsinn umnachtet.

Aber wiederum, ihre Augen hatten einen so unendlich traurigen, schwermütigen Ausdruck! Reihenfels fühlte plötzlich etwas Bitteres in sich aufsteigen, was ihn zu ersticken drohte.

Er wußte selbst nicht, was es war, er knirschte mit den Zähnen und umspannte den Revolverkolben so krampfhaft, mit den Fingern, daß das Blut unter seinen Nägeln hervorspritzte.

Es war Haß, ein furchtbarer Haß, den er zum ersten Male in seinem Leben in sich aufsteigen fühlte, und zwar gegen jene gerichtet, welche sich berechtigt glaubten, ihre Mitmenschen zu Tode zu foltern, gegen jene, welche ein Kind aus einer glücklichen Familie rissen und es zwangen, Zeuge solcher Greuelszenen zu werden.

Ja, dieser Haß kehrte sich selbst gegen das Mädchen neben ihm, welches ihm so gleichgültig alles erklärte. Auch sie war kein Mensch mehr, mochte sie noch so viel von Liebe sprechen. Daß sie jetzt ihr Leben und noch mehr, ihre vermeintliche Seligkeit wagte, den Geliebten zu retten, zählte bei Reihenfels plötzlich gar nichts. Das war nur ein tierischer Trieb, lieben doch selbst die Hyäne und die Wölfin ihr Junges mehr als ihr Leben.

»Keine Schonung mehr, Oskar!« flüsterte ihm eine innere Stimme zu. »Du hast dich bis jetzt gescheut, die Waffe gegen einen Menschen zu erheben, weil du auch den Geringsten für deinen Nächsten, für das Ebenbild Gottes hieltest. Aber sind dies etwa Menschen? Nein, nein, und tausendmal nein! Wilde Tiere sind es. Jeder, der solch ein Scheusal tötet, erweist der ganzen Erde eine Wohltat, und Gott wird ihn einst dafür belohnen.«

Aber jetzt konnte Reihenfels nichts ausrichten; nur der Entschluß stand felsenfest in ihm, künftig, wenn er je das Tageslicht als Freier wieder zu sehen bekäme, keine Schonung mehr gegen solche Schurken zu üben. Mit kaltem Blut wollte er sie töten, und sein Gewissen sollte ihn nicht mehr anklagen.

Plötzlich fühlte er sich von hinten berührt. Wie Makalli drehte er sich um, und vor ihnen stand ein Cham mit einer Schale voll Blut.

Seine Hand lüftete die Kapuze des jungen Mannes, und Reihenfels fühlte, wie die feuchte Hand in Zeichen auf seine Stirn malte.

Er schauerte zusammen, das Blut der jungen, unglücklichen Witwe hatte auch seine Stirn befleckt.

Der Cham ging sofort wieder zurück.

»Wohlan,« murmelte Reihenfels ihm nach, »es soll das Blutzeichen sein! Hiermit habe ich die Weihe empfangen, und euer Blut, das ich vergießen werde, komme über euch selbst.«

»Heilige Kali,« rief Makalli jetzt entsetzt, »wir müssen uns beeilen, oder wir kommen zu spät! Schon werden die Faringis geopfert, so bald schon – das habe ich nicht gewußt.«

Reihenfels warf einen Blick hinunter und erstarrte.

Eine einzige Bahre war herbeigetragen worden, das Tuch war schon gefallen, und auf der Bahre lag ein rotbärtiger Mann, auf dem Kopfe eine Pelzmütze – Dick, gefesselt und geknebelt! So war also auch er einer List der Indier zum Opfer gefallen. Dick, der brave, treue Dick, sollte wie ein Schlachtvieh unter Mörderhand enden – und Reihenfels konnte nicht helfen.

Die Bajadere ahnte, was in der Seele ihres Begleiters vorging, als er einen Landsmann am Altar erblickte, sie sah sein furchtbar entschlossenes Gesicht, und schnell riß sie ihn mit fort.

»So muß ich dich haben,« flüsterte sie, »sei furchtlos, entschlossen und hartherzig, und wir werden unser Ziel erreichen, hartherzig vor allen Dingen.« Vor einem neuen Gang, der von dieser Höhle abzweigte, blieb sie stehen, löste die schon erwähnten Seidenschnüre, ein stattliches Bündel, von ihrem Leib, knüpfte das Ende an einen Felsvorsprung und gab die Rolle Reihenfels in die Hand.

»Kein Mensch findet sich aus dem Labyrinth, welches wir jetzt betreten wollen, zurück, wenn er darin nicht zu Hause ist. Sollten wir durch irgend einen Zufall getrennt werden, so hast du ein Mittel, dich hierher zurückzufinden und dann den ans Tageslicht Emporsteigenden nachzugehen. Nimm diese Rolle und wickele sie beim Gehen ab. Mit der anderen Hand fasse mein Gewand und folge mir.«

Sie eilte durch die völlige Finsternis dahin, bald geradeaus, bald abbiegend, ohne je zu zögern oder sich zu stoßen, mußte also in diesen Gängen sehr bekannt sein. Reihenfels tat, wie ihm geheißen.

Bald hörte er ein Rauschen und Brausen und schwaches Donnern, er glaubte nicht anders, als er nähere sich wieder dem Versammlungsorte der Thags, um so mehr, als es in der Ferne hell wurde.

Aber das Donnern und Brausen ward immer lauter, fast übernatürlich. Vor einem Felsvorsprung blieb Makalli stehen und näherte ihren Mund dem Ohre ihres Begleiters, denn ein Wort war sonst nicht mehr zu verstehen, ja, man hätte hier wohl nicht einmal einen Kanonenschuß vernommen.

»Jetzt zeige, daß du ein Mann bist,« schrie sie ihm ins Ohr, »es gilt, gleichzeitig zwei Menschen, die Wächter, zu beseitigen. Deshalb eben brauchte ich einen Gefährten. Zögerst du, einen Menschen von hinten zu töten?«

Reihenfels schüttelte finster den Kopf.

»Ehe wir unser Vorhaben beginnen, überzeuge dich, wie der Platz aussieht, auf dem wir es ausführen müssen,« fuhr die Bajadere fort. »Tritt getrost hervor, wir stehen im Finstern, und können nicht gesehen werden! Du kannst auch Gebrauch von deinem Revolver machen, der Schuß wird nicht gehört.«

Als Reihenfels mit der Bajadere hervorgetreten war, sah er, woher das donnernde Brausen stammte. Es war ein Schauspiel von imposanter Schönheit.

Zwanzig Meter von ihm entfernt, breitete sich ein weites Plateau aus, und im Hintergrund desselben stürzte aus einem Spalt der Wand ein mächtiger Wasserfall herab in einer Breite von wohl zehn Metern. Das Wasser verschwand in der Schlucht, die das Plateau begrenzte, ebenso rätselhaft, wie es gekommen war.

Der Raum war nicht leer.

In dem hier herrschenden Dämmerlicht, das der Wasserfall auszustrahlen schien, erkannte Reihenfels gegen hundert Menschen, alles Europäer, an Händen und Füßen gefesselt. Er fand hier viele englische Offiziere, Beamte und Kaufleute wieder, die er in Delhi kennen gelernt hatte, ebenso ihre Frauen und Kinder, und dort, dort an der Wand lag auch Kätchen, seine Schwester.

Wie bleich und mager sah das arme Mädchen aus! Was mochte sie durchgemacht haben, und ihr Los, von den Thags geopfert zu werden, konnte ihr nicht unbekannt sein.

Aber seine andere Schwester, Franziska, konnte er nicht unter den Gefangenen gewahren, so sehr er auch seine Augen anstrengte.

Nun, so wollte er wenigstens Kätchen dem Leben erhalten und mit ihr alle anderen Gefangenen. Dies war sein fester Entschluß; lieber wollte er selbst sterben, ehe er einen dieser Mörderbande überließ.

Wie Makalli eine Rettung bewerkstelligen wollte, hatte sie ihm noch nicht erklärt. Es wartete seiner noch eine bittere Enttäuschung.

Der Bajadere Augen hingen glühend an einem jungen Offizier, der mit dem Rücken an der Wand lehnte. Reihenfels kannte ihn. Es war Mac Sulivan. Dieser winkte eben mit den gefesselten Händen, und ein Indier trat hervor, der bis jetzt bewegungslos dagestanden hatte. Der stark bewaffnete Mann nahm einen Becher, ging dicht bis an den Abgrund, füllte den Becher an dem Gischt des Wasserfalles und führte ihn dem Dürstenden an die Lippen.

Also Durst brauchten die Gefangenen nicht zu leiden, ebensowenig Hunger, denn in einer Nische stand ein großer Korb mit Brot.

Die furchtbare Göttin wollte ihre Opfer in voller Lebenskraft sterben sehen, damit das Blut schneller floß.

Reihenfels hatte keine Zeit, über das Schicksal Franziskas nachzudenken, andere Personen nahmen sein Interesse ein.

Dort lagen nebeneinander auch Charly und sein Diener August, nicht weit davon Jeremy, ferner bemerkte er Mister Woodfield, in einer Ecke, zwischen anderen Frauen, dessen Schwester, Miß Woodfield.

Sie alle, alle waren also den Menschenjägern in die Hände gefallen und bereiteten sich auf den grausamen Opfertod vor.

Die Bajadere trieb zum Handeln.

»Bist du bereit?«

»Ich bin es.«

»Siehst du die beiden Wächter?«

Reihenfels bejahte.

Der eine gab noch dem Leutnant zu trinken, der zweite drehte den Beobachtern den Rücken zu und stand neben einem Seil, das von oben bis in Schulterhöhe herabhing.

»Deine Aufgabe ist es,« fuhr die Bajadere fort, »diesen Wächter am Seil zu töten. Gebe ich dir das Zeichen, so näherst du dich ihm schnell von hinten, nur schnell, nicht leise, und schießt ihn durch den Rücken ins Herz. Wenn er noch nicht tot sein sollte, so biete alles auf, daß er das Seil nicht noch im Fallen erfaßt; denn gelingt ihm dies, so läutet dort, wo die Thags sind, eine Glocke in donnernden Schwingungen; sie wissen, daß die Gefangenen sich befreien können, und eilen hierher. Er darf also das Seil um keinen Preis erfassen, oder alles war umsonst.«

»Ich verstehe. Und du?«

»Ich werfe mich im geeigneten Moment auf den zweiten und stoße ihm den Dolch ins Herz, denn mit diesem weiß ich am besten umzugehen. Los jetzt!«

Der zweite Wächter bückte sich eben und beschäftigte sich mit den Fesseln des Offiziers.

Im Nu schnellte Reihenfels vor, näherte die Mündung des Revolvers dem Rücken des Wächters am Seil, bis sie ihn fast berührte, und drückte los.

Nur ein Blitz und Rauch war zu sehen, kein Knall zu hören.

Tödlich getroffen sank der Mann zusammen, aber dennoch suchte er den Strang zu erhaschen. Es gelang ihm nicht, denn Reihenfels' Arm schleuderte den Sterbenden zur Seite.

Der zweite Wächter wußte nicht, was hinter ihm vorging. Da aber bemerkte er plötzlich ein freudiges Aufleuchten in den Gesichtern der Gefangenen. Blitzschnell drehte er sich um und sprang, alles andere vergessend, nach dem Glockenstrang.

Wohl hatte Makalli hinter ihm gestanden und auch zugestoßen, infolge der schnellen Wendung aber war der Stoß fehlgegangen. Der Dolch hatte dem Manne nur die Schulter durchbohrt.

Er sollte aber den Strang trotzdem nicht fassen können, auf halbem Wege schon traf ihn Reihenfels' zweite Revolverkugel durchs Herz.

Während dieser auf seine Schwester zueilte, sie ans Herz drückte, ihr die Freiheit mit mehr Zuversicht, als er selbst besaß, verkündete, ihr in einem Atem sagte, daß der Vater, die Mutter und Otto gerettet seien und er Franziska noch zu retten hoffe; überzeugte sich die Bajadere erst, ob es den beiden Wächtern nicht doch noch gelingen könne, den Glockenstrang zu ziehen.

Obgleich beide ihr Leben schon ausgehaucht hatten, bohrte sie ihnen doch noch mehrmals ihren Dolch ins Herz.

Dann wandte sie sich an Mac Sulivan. Der junge Schotte schien sie nicht als seine Retterin zu begrüßen, vielmehr ruhten seine Augen mit Abscheu auf ihr.

»Verräterin! Kommst du, dich auch noch an meinem Todeskampfe zu weiden, nachdem du mich den Thags ausgeliefert hast?« rief er ihr zornig zu.

Die Bajadere deutete auf die beiden Leichen.

»Hätte ich diese dann getötet, Faringi? Nein, ich komme, dich zu befreien!«

»Du hast mich verraten.«

»Ich mußte es tun. Jetzt will ich es wieder gutmachen. Ich bringe dir die Freiheit!«

»Aus welchem Grunde tust du es?«

Seine Fesseln waren schon unter dem Dolch der Bajadere gefallen.

»Weil ich dich liebe, Faringi.«

»Du mich lieben?«

Der hübsche, blasse Offizier brach trotz seiner gefahrvollen Lage in ein spöttisches Lachen aus.

»Hahaha, sehr gut! Also du liebst mich! Nun, du mußt wenigstens zugeben, ich habe dir deine Liebe stets redlich bezahlt.«

»Faringi,« sagte Makalli drohend und trat dicht vor ihn hin, »spotte meiner nicht! Ich wurde gezwungen, mich dir hinzugeben, und als du Gefallen an mir fandest, mußte ich mich dir entziehen, bis ich dich in ein abgelegenes Haus locken konnte. Verstehe mich recht, ich mußte dies auf Befehl eines Höheren tun, deshalb mußte ich auch deine Geschenke an nehmen. Wohl hast du recht, ich bin eine Bajadere, die sich auf dem öffentlichen Markte feilbietet; aber während ich mit dir spielen mußte, streute mir Kama den Samen der Liebe ins Herz, er ging auf, und ich entbrannte zu dir in wahrer Liebe, wie ich sie früher nie gekannt hatte. Ich lieferte dich in Gefangenschaft; ich komme, dich wieder zu befreien; denn dich tot zu wissen, wäre auch mein Tod. Um dich retten zu können, habe ich meinen Eid gebrochen und muß dafür zur Strafe zehntausend Jahre lang unzählige Wandlungen als Tier durchmachen. Sage, willst du mich für dieses Opfer wiederlieben? Ha, wende dich nicht verächtlich ab! Du könntest es furchtbar bereuen.«

Der Offizier, in dessen Gesicht die ausgeprägteste Lebensfreude zu lesen war, streckte die lange gefesselt gewesenen Glieder.

»Mädchen, und selbst wenn du als Engel mit mir durch die Luft flögest, ich könnte dich doch nicht heiraten. Meine Frau würde mich vielleicht zum zweiten Male verraten.«

»Lieben sollst du mich!«

»Das kann ich tun; erst verschaffe aber mir und den anderen die Freiheit.«

»Nur dir kann ich sie geben.«

»Und der Mann, der mit dir gekommen ist?«

»Auch er darf eine Person mitnehmen, die er liebt. Nur vier können diesen Tempel lebendig verlassen.«

»So? Warum befreit er denn alle?«

Rasch drehte sich die Bajadere um und stürzte mit einem zornigen Schrei auf Reihenfels zu, der den meisten Gefangenen die Fesseln abgenommen hatte, wobei ihn die Befreiten schon unterstützten.

»Was tust du da, Wahnsinniger?«

»Entweder wir alle versuchen die Freiheit zu erlangen, oder auch ich verzichte auf sie,« entgegnete Reihenfels bestimmt.

Bestürzt stand die Bajadere da. »Unglücklicher, was hast du getan! Nur vier können den Ausgang gewinnen, alle anderen sind dem Tode geweiht.«

Sagtest du nicht, auch ich könnte noch Gefangene befreien, wenn ich einen Gefährten mitbrächte?«

»Du hast ihn nicht mitgebracht.«

»Hier sind genug.«

Es sind weder Indier, noch sind sie als Indier verkleidet.«

»Du willst den Faringi retten. Wo ist für diesen der Ausgang?«

»Dort.«

Makalli deutete nach dem Wasserfall.

»Wie? Dort soll es einen Ausgang geben?«

»Ja, das Wasser hinunter. Weißt du, woher es kommt?«

»Nein.«

»Und niemand wird je erfahren, was die Götter mit undurchdringlichem Dunkel bedecken. Kennst du den schwarzen See?«

»Er liegt nicht weit von Delhi entfernt. Durch den dunklen Felsengrund erhält das Wasser eine schwarze Farbe. Er muß eine mächtige Quelle besitzen, denn ein breiter Fluß der sich dann in die Dschamna ergießt, strömt aus dem See. Wo diese Quelle liegt, ist allen ein Rätsel.«

»Dies ist die Lösung des Rätsels,« sagte die Bajadere, auf den Wasserfall deutend. »Das Wasser ergießt sich unter der Erde in den schwarzen See. Wir benutzen diesen Weg.« »Der See ist wenigstens hundert Meilen von hier entfernt,« rief Reihenfels.

»Das Wasser reißt uns diesen Weg in wenigen Minuten fort. Wir sehen das Licht in der Mitte des Sees wieder.«

»Ich verstehe dich nicht.«

Statt aller Antwort sprang Makalli nach einer Nische und entnahm derselben einen runden, kreisförmigen Gegenstand. Sie zog ihn auseinander, und es entstand ein Faß, welches mit Guttapercha überzogen war, jenem Gummistoff, dessen Heimat Indien ist.

»Sieh! Drücke ich hier, so schließt sich die Öffnung, und zwar luftdicht. Der Behälter trägt vier Personen, aber dann kann Luftmangel eintreten, für nur drei reicht sie vollkommen, bis das Faß den Wasserweg zurückgelegt hat.«

»Den Wasserfall hinunter?« fragte Reihenfels, und er fühlte förmlich, wie sich seine Haare vor Entsetzen sträubten.

»Ja, wir lassen uns hineinrollen. Dazu eben brauchte ich deinen Begleiter, daß er dies täte.

Zitterst du? Hast du Furcht? Es gibt keinen anderen Ausweg für einen Faringi, denn beim Ausgang wird man genau untersucht.«

Reihenfels dachte im Augenblick an etwas anderes.

»Und mein Freund, der uns in das Wasser hinabstoßen sollte – was wäre denn aus ihm geworden?«

»Er wäre ja als Indier verkleidet worden.«

»Aber die Untersuchung?«

Die Bajadere zuckte die Achseln.

»Sein Los wäre eben kein anderes gewesen als das, was jeden Faringi in Indien noch erwartet,« entgegnete sie gleichgültig.

Reihenfels unterdrückte seinen gegen die Bajadere aufsteigenden Unwillen.

»Und nun?«

Jetzt sind genug vorhanden, welche uns hinabstoßen können. Aber es war eine große Torheit, sie zu befreien. Komm, steige hinein; du, mein Freund und ich wollen die Fahrt unternehmen, und die Götter seien uns gnädig, daß wir in der Mitte des Sees emporgeschleudert werden.« »Wieso war es eine Torheit, die Gefangenen zu befreien?«

»Merken sie, um was es sich handelt, so kann um dieses Faß ein Kampf entstehen.«

»Um dieses Faß? Nimmermehr! Niemand wird wagen, sich ihm anzuvertrauen.«

»Vielleicht hielte die Furcht sie allerdings davon ab. Wüßten sie aber, daß es ihnen unmöglich ist, einen anderen Ausweg zu erlangen, sie würden dieses Faß doch benutzen.

Denn, Faringi, in diesem Behälter droht uns keine Gefahr, die elastische Hülle wird nicht zerstoßen. Ich selbst habe den Wasserweg, vom Los dazu bestimmt, schon einmal zur Probe gemacht.«

»Aber wir sind sechzig starke, entschlossene Männer. Sollte es uns nicht gelingen, uns durch die Thags durchzuschlagen?«

»Es geht nicht, Faringi, höre auf mich, es geht nicht! Ihr habt keine Waffen.«

»Auch die Thags hatten keine.«

»Aber die Tiger sind bei ihnen; die Waffenkammer ist auch ganz in ihrer Nähe.«

»Wir versuchen es doch.«

»Törichter, du kennst die Geheimnisse dieses Tempels nicht. Ihr wäret alle verloren, du mit. Es gibt keinen anderen Weg zur Rettung als diesen Wasserfall. Der Behälter trägt drei, auch vier Personen; suche dir jemanden aus, den du mitnehmen willst. Aber schnell, beeile dich!«

»Nimmermehr, ich bleibe und befreie die anderen oder sterbe mit ihnen.«

Die Bajadere glaubte ganz sicher, Sulivan würde ihr Anerbieten sofort annehmen; aber in diesem hatte sie sich noch mehr getäuscht als in Reihenfels.

»Nein, Mädchen, ich folge dir nicht. Du scheinst keinen schottischen Offizier zu kennen.

Merke dir, er läßt seine Kameraden nicht im Stich, wenn sie in Gefahr sind, und würden ihm noch so lockende Anerbietungen gemacht. Außerdem hast du mich schon einmal betrogen.«

»Wie? Du willst nicht? Ich habe mein Leben und meine Seligkeit aus Liebe zu dir geopfert.«

»Ich folge dir nicht!«

Der Bajadere Augen begannen in unheimlichem Feuer zu glühen.

»Du darfst dich nicht weigern, jetzt gehörst du mir.«

»Nicht mit meinem Willen! Tu, was du willst. Besteige das Faß und rette dich! Ich aber werde kämpfen, und wenn es nur mit den Fäusten ist.«

Reihenfels hatte den anderen schon mitgeteilt, um was es sich handelte, und alle waren sofort damit einverstanden, sich durch die Thags zu schlagen. Sie hielten dies eher für möglich, als wie mit dem dünnen Faß aus Gummi hundert Meilen unter dem Wasser fortgeschleudert zu werden. Besonders Charly war Feuer und Flamme, als er hörte, auch Dick sei ein Opfer der Thags und vermutlich schon geopfert worden. Selbst die Frauen und Mädchen wollten sich von dem Verzweiflungskampf nicht ausschließen, sogar Miß Woodfield rüstete sich zu einem solchen.

Von Nancy hatte Reihenfels noch nichts erwähnt; er fürchtete, Woodfield könne eine Unvorsichtigkeit begehen, wenn er davon erführe.

Er wandte sich an die Bajadere, während die stärksten und erprobtesten Männer sich die Waffen der beiden Wächter aneigneten.

»Du siehst, Makalli, wir alle sind bereit, eher zusammen zu sterben, als daß einer allein sich rettete.«

Die Bajadere stand wie gebrochen da, das Gesicht mit den Händen bedeckt.

»Ich hätte es mir denken können,« ächzte sie, »daß euch der Mut fehlen würde, euch diesem Behälter anzuvertrauen.«

»Durchaus nicht, keiner ist unter uns, der gerettet werden will, wenn die anderen um Leben und Tod kämpfen. Du sprachst von einer Waffenkammer, Makalli. Kannst du uns nicht den Zutritt verschaffen?« »Es nützt euch nichts. Ihr seid verloren.«

»Zeig uns die Kammer!«

»Ihr kennt nicht die Geheimnisse des Tempels.«

»So kläre uns darüber auf!«

»Ich?«

Ihre Augen loderten plötzlich in gehässiger Glut auf, sie sah nach dem Schotten.

»Bist du bereit, mit mir die Fahrt zu unternehmen?«

»Fahre du allein, ich werde kämpfen.«

»So kämpfe, und ich werde das Anfangszeichen zum Kampfe geben.«

Mit diesen Worten eilte sie dem Glockenseil zu.

Im Nu ward Reihenfels klar, was die Folge sein würde, wenn die Thags durch ein Alarmzeichen erfuhren, was hier vor sich ging, daß die Gefangenen frei waren. Sie würden sich bewaffnen, ihnen entgegeneilen, und was konnten die wenigen Befreiten mit den paar Waffen in den dunklen Gängen gegen die ausrichten, welche sich hier auch im Finstern zurechtfanden, wie Makalli bewiesen hatte.

Er war schneller als das Mädchen.

Mit einem Satze stand er unter dem Seil und hielt der vor Enttäuschung Rasenden den Revolver entgegen.

»Du berührst das Seil nicht!«

Makalli prallte zurück und eilte dem Gange zu, durch den sie gekommen waren. Charly mochte geahnt haben, was das Mädchen vorhatte, und schnell vertrat er ihm den Weg. Die Bajadere besaß jedoch einen Dolch, verstand ihn zu gebrauchen und fürchtete den herkulischen Mann nicht Sie warf sich auf ihn.

Doch bei dem Pelzjäger kam sie an den Unrechten. Er fing ihr Handgelenk mit sicherem Griff und hatte sie sofort entwaffnet, gab sie aber frei.

Die Bajadere sah keine Möglichkeit den Plan der befreiten Faringis zu vereiteln, keinen, sich zu entfernen und die ahnungslosen Thags zu warnen. So drückte sie sich an die Wand und beobachtete mit glühenden Augen den Schotten. Sie war verachtet, in ihrer Liebe beleidigt worden, und die Liebe der heißblütigen Indierin, die unter Mördern groß geworden, verwandelte sich sofort in Haß. Was galt ihr das Leben aller anderen? Wenn sie nur an diesem einen sich rächen konnte! Reihenfels beriet sich, ohne seinen Posten unter dem Seil zu verlassen, mit den urteilsfähigsten Männern, wie man sich durch die Thags schlagen könne. Den Weg wollte er schon finden, die Seidenschnur geleitete ihn. Dann hieß es, möglichst unbemerkt, so nahe, wie es nur ging, an die nach oben führende Treppe zu gelangen. Wurden sie vorher bemerkt, so mußten Frauen und Kinder in die Mitte genommen werden, die nächste Schutzwehr um diese bildeten die unbewaffneten, um diese wieder die bewaffneten Männer. Wer von letzteren fiel, dessen Waffen ergriff ein anderer. Es waren allerdings nur einige Dolche, zwei krumme Schwerter und zwei Pistolen vorhanden.

Die Bajadere hatte aus den Gesten den Kriegsplan erraten, und sie brach in höhnisches Lachen aus.

»Und die Tiger? Vergeßt diese nicht! Springen sie nicht von selbst in eure Mitte, so wird sie der Oberguru hineinschleudern!«

Freilich daran hatte Reihenfels nicht gedacht, ebenso fiel ihm erst jetzt ein, daß der Ausgang oben vielleicht durch irgend etwas geschlossen werden konnte. Die Bajadere hatte von Geheimnissen des Tempels gesprochen, doch er verzichtete darauf, von dem schönen Mädchen, das eine häßliche Seele besaß, noch etwas darüber zu erfahren.

Es mußte eben gehandelt werden, mochte es kommen, wie es wollte. Es gab keinen anderen Ausgang als den, den sie gekommen waren, oder durch das Wasser. Wo das Licht hereinfiel, wußte Reihenfels nicht, wäre aber da ein Ausgang gewesen, so hätte Makalli selbst ihn benutzt.

August hatte sich inzwischen eingehend mit der Gummitonne beschäftigt, hatte sie zusammengeklappt, wieder auseinandergezogen, den Verschluß probiert und war selbst einmal hineingestiegen.

Jetzt trat er zu Reihenfels.

»Herr Reihenfels,« sagte er auf deutsch zu diesem, »die Sache, die Sie da vorhaben, kann kitzlig werden. Jeder von uns hat verdammt wenig Aussicht, mit heiler Haut davonzukommen.«

»Es muß gewagt werden, August! Sei ein Mann!«

»Hm! Lieber aber möchte ich ein lebender sein als ein toter Mann!«

»Gott wird uns schützen!«

»Das ist ja alles ganz hübsch, aber besser wär's doch, ich könnte von hier spurlos verduften. Was meinen Sie wohl, Herr Reihenfels, wie wär's, wenn Sie mir einen tüchtigen Tritt gäben?«

»Einen Tritt? Was meinst du damit?«

»Nu ja, ich stecke mir in diese Gummitrommel, und dann geben Sie mir einen Tritt.«

»Was? Du wolltest die Fahrt durch das Wasser wagen?« rief Reihenfels in namenlosem Erstaunen.

»Zu wagen ist da gar nischt dabei. So oder so, dorten sind die Indier und dorten die Fische, und fressen wollen sie mir alle beide, und ehe ich mich mit den wilden Kerlen rumbalge und abschlachten lasse, da mache ich lieber so eine kleine Wasserpartie! Sie haben doch nischt dagegen, Herr Reihenfels?« »Bedenke aber, es sind wohl hundert Meilen, die du unter dem Wasser zu machen hast.«

»Wie das Mädchen sagt, geht's ja mit Extrapost, in ein paar Minuten soll man an der Endstation angelangt sein. Na, und wenn ich nicht gar zu viel Luft schnappen tu, dann werde ich's wohl aushalten. Ist der schwarze See tief?«

»Sehr, sehr tief!«

»Und die Quelle kommt unten raus?«

»Sicherlich!«

»Herrje, muß das aber ein Vergnügen sein, wenn da der Luftballon von unten nach oben raufschießt und dann auch noch zehn Ellen und mehr über das Wasser raushuppt! Das machen wir, Herr Reihenfels, Sie haben doch nischt dagegen?«

Dieser wußte noch immer nicht, ob August so mutig oder so dumm war, daß er dieses Unternehmen so gleichmütig antreten wollte. Aber wenn es ihm gelänge! Am schwarzen See hatten vorgestern noch die Truppen General Wilsons gelegen. Hatten sie inzwischen auch das Quartier gewechselt, so konnten sie doch nicht weit sein. Dann konnte August zu ihnen eilen und erzählen, wie es den Gefangenen unter den Thags gegangen war.

»So versuch's, August, und Gott sei mit dir!«

Zum Schrecken und Staunen der übrigen stieg der Held des Augenblicks in die Tonne.

»Na, Miß Woodfield,« sagte er, mit dem Kopf aus dem Fasse sehend, »wie wär's denn? Wollen Sie mir nicht bei der Rutschpartie Gesellschaft leisten? Platz ist noch genug hier. Das gäbe so ein gemütliches Tete-a-tete, wie die Franzosen sagen. Es ist ganz fein hier, sogar die Beene kann man ausstrecken.«

Die alte Dame näherte sich August, um gerührt Abschied von dem zu nehmen, mit dem sie schon so manches heiße Wortgefecht im Guten und im Bösen gehabt hatte.

Aber August faßte ihr Näherkommen falsch auf.

»Ne, ne, Madameken!« rief er und winkte abwehrend mit der Hand. »Bleiben Sie man, wo Sie sind, da sind Sie am besten aufgehoben. Die Kutsche ist voll, für Sie ist kein Platz mehr! Sie sind, weiß Gott, imstande und halten mir in den paar Minuten noch eine Predigt von einigen Stunden! Adjäs, Madameken! Sehen wir uns nicht mehr in dieser Welt, dann ist auch nicht viel daran gelegen. So, Mister Reihenfels, die Fuhre kann abgehen; bezahlt ist schon!«

Dieser schüttelte ihm die Hand – Zeit war nicht mehr zu verlieren – August duckte den Kopf und schloß von innen den Überzug, wie er es vorher schon ausprobiert hatte.

»Fertig – fort!« klang es dumpf aus der Tonne. Reihenfels stieß sie mit dem Fuße kräftig an, um sie gleich möglichst weit von dem Felsrand zu entfernen.

Mit Grausen sahen alle sie blitzschnell verschwinden, sie alle, ohne Ausnahme, hielten August für verloren.

»Vielleicht ist er der Klügste gewesen!« murmelte Reihenfels. »Er kann wenigstens über sein Schicksal nicht im unklaren sein. Und doch, wenn es ihm gelänge! Die Bajadere schien ihrer Sache so sicher zu sein!«

»Er war schuld daran, daß wir in die Hände der Thags fielen,« sagte Charly. »Wir waren auf dem Wege, Mister Woodfield aufzusuchen, bei dem wir auch Sie zu finden hofften. Ich sah, wie die Mörder ein Opfer überfielen, es töteten und vergruben, sie bemerkten uns nicht – da muß es August plötzlich einfallen, auf eine Taube zu schießen, die über uns hinwegstrich, und im Nu waren wir gefangen. Erst gestern abend kam ich hierher. Nun, er hat seinen Übermut gebüßt; ich zürne ihm nicht mehr!«

Reihenfels wollte Charly sagen, daß er Nancy gesehen habe, als an dem Eingange ein Indier erschien, bei dessen Anblick natürlich alle furchtbar erschraken, denn sie glaubten sich schon verraten.

Aber auch der Indier, ein großer, starker Mann, stand, wie mit Blut übergossen, vor Schreck wie versteinert da, beide Hände über dem Kopf erhoben.

»Akkallah!« schrie die Bajadere mit gellender Stimme, und es klang mehr wie Freude als wie Entsetzen.

Reihenfels hob den Revolver, um den vermeintlichen Feind zu töten.

»Halt!« rief aber der Indier mit weitschallender, selbst noch das Brausen des Wasserfalles übertönender Stimme. »Ich komme nicht als Feind, sondern als euer Freund. Ich sehe, ihr seid schon frei und zum Kampfe bereit. Kommt, folgt mir, ich selbst führe euch an und siege oder sterbe mit euch. Schnell, ich will euch auch vorher bewaffnen. Der rote Mann, dessen Mayadar zu sein ich geschworen habe, ist in Gefahr, und um ihn zu retten, opfere ich mich selbst.«

Es gab keine Zeit zu weiteren Auseinandersetzungen und Fragen, man traute diesem Indier und ordnete sich schnell zum Zuge. Neue Hoffnung schwellte das Herz. Man hatte einen Freund unter den Thags gefunden, man bekam Waffen.

Akkallah, der die Höhle schon verlassen wollte, blieb plötzlich erschrocken stehen; Entsetzen malte sich auf seinem Antlitz, und es befiel auch alle anderen.

Ein furchtbar gellender Ton erscholl, die Felsenmauern erbebten davon, und fort und fort wiederholte sich dieser Ton.

Nur einen Augenblick währte die Überraschung des Sirdars, dann machte er einen ungeheueren Satz rückwärts und hatte Makalli gepackt, welche die Alarmglocke in Schwingungen setzte.

Man hatte des Mädchens nicht mehr gedacht.

Der Indier riß es los und schleuderte es mit starkem Arm in den Abgrund, in den sich das zischende, schaumbedeckte Wasser ergoß.

Die Bajadere war ein Opfer ihrer guten und bösen Leidenschaften geworden.

»Zu spät!« stöhnte der Indier. »Die Thags sind gewarnt, mein Mayadar ist verloren. Ich kann nichts mehr tun.«

»Wir kämpfen dennoch gegen sie,« rief Reihenfels. »Zu spät! Ihr erster Gedanke ist an die Waffenkammer, sie bewaffnen sich.«

»Dennoch bleiben wir nicht hier. Fort, fort, führe uns den kürzesten Weg. Können wir deinen Freund nicht mehr retten, so überraschen wir sie noch in der Waffenkammer und rächen ihn.«

Der Sirdar stürzte davon, die anderen ihm nach, entschlossen, zu sterben oder die Freiheit zu erlangen. Lebendig sollten die Thags sie nicht wieder bekommen.

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