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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 19
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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19. Die beiden Freunde

Die Kriegstüchtigkeit der englischen Armee wird vielfach bezweifelt, und das nicht mit Unrecht. Man mag aber Bücher der Weltgeschichte aufschlagen, welche man wolle, immer wird man Verwunderung darüber ausgedrückt finden, wie sich die Engländer zur Zeit des Ausbruches des Aufstandes in Indien gehalten haben.

Die Beamten und Offiziere in Indien galten allgemein für verweichlicht, und sie waren es auch, als es aber sein mußte, da entwickelte John Bull Spitzname für den Engländer. eine Energie, die im höchsten Grade Bewunderung verdient.

Eine Handvoll englischer Soldaten weiß nicht nur den Aufstand in einem Lande von vierzig Millionen Seelen in Schranken zu halten, bis Unterstützung eintrifft, sondern ergreift auch gleich die Offensive und entreißt dem Gegner eine Beute nach der anderen, und die Gegner waren nicht etwa unzivilisierte Wilde, mit Bogen und Pfeilen ausgerüstet, sondern reguläre Soldaten, in englischer Kriegstaktik ausgebildet.

Da ist so recht bewiesen worden, wie berechnende Besonnenheit fanatischer Wut überlegen ist; keine Schlacht ist geschlagen worden, in der der Engländer nicht einem wenigstens dreifach stärkeren Feind, ganz genau so ausgerüstet, gegenüberstand; oftmals war derselbe aber auch zwanzigmal so stark.

Das muß man den Engländern lassen, daß sie damals heldenmütig gefochten haben. Wie die Löwen haben sie gekämpft, und Taten haben sie vollbracht, die denen der Kriegshelden keiner Nation nachstehen.

Es ist auch dafür gesorgt worden, daß das Andenken an diese Männer und ihre Taten dem Volke erhalten bleibt und die Nachkommen begeistert, diesen Helden nachzueifern. Dichter haben dafür gesorgt, Volkslieder sind aus sich selbst entstanden. Niemand weiß, wer sie zuerst gesungen hat.

Geht man in England an Kasernen vorüber, am Tower, an Wachtlokalen, oder auch da, wo Mädchen und Militär zu Tanz und Spiel versammelt sind, dann hört man immer wieder ein und dasselbe fröhliche Lied erschallen. Einige singen es, besonders Mädchen, die anderen machen mit Hand und Mund die Trommelbegleitung dazu, und dieses Lied wird so lange ertönen, als es ein England gibt. Ja, diesem Liede ist ein Tag im Jahre geweiht – es ist das Lied vom Trommeljungen – Doch wir wollen nicht vorgreifen, der liebe Leser wird es noch später kennen lernen. – Ein Zeuge britischer Tapferkeit war auch die Stadt Agra geworden. Beim Ausbruch des Aufstandes zog sich die Besatzung der Stadt in die Festung zurück; Kommandeur war Kapitän Spleen. Spleen heißt zwar nun so viel wie Verrücktheit, Wahnsinn, doch Kapitän Spleen war durchaus nicht spleenig, vielmehr besonnen, mutig und ausdauernd, und als ihn die Rebellen zur Übergabe aufforderten, entgegnete er, er wolle ihnen den Schlüssel zur Festung wohl geben, aber sie sollten ihn sich selbst holen, und als man ihn darauf aufmerksam machte, daß in der Festung kein Wasser sei, erwiderte er: aber Pferdeblut genug.

Er hielt sich denn auch mit seinen wenigen Mann und schlug jeden Sturm zurück, bis General Lloyd mit seinen Truppen zum Entsatz heranrückte.

Dieser General Lloyd hatte ein ganz eigentümliches Schicksal gehabt. Um der Besatzung von Agra zu Hilfe zu eilen, mußte er einen über zwanzigmal stärkeren Feind angreifen. Er tat es auch zu wiederholten Male, wurde aber immer in die Flucht geschlagen, seine Truppen versprengt, wenigstens anscheinend, doch immer wieder wußte er die Leute um sich zu sammeln und führte sie von neuem gegen die siegreichen Indier vor, bis diese endlich in heller Verzweiflung den Versuch aufgaben, dem unverwüstlichen Lloyd Widerstand entgegenzusetzen. Obgleich siegreich, waren die Indier schließlich doch vollkommen verzweifelt.

Endlich war der Weg frei; die tapferen Streiter zogen unter den Klängen der Trommeln und Pfeifen in die befreite Festung ein und wurden natürlich hier mit enthusiastischem Jubel empfangen.

Solange die einziehenden Truppen noch durch die Straßen und durch die Zugänge der Festung marschierten, hielt die militärische Disziplin sie davon ab, einander um den Hals zu fallen. Dies geschah erst, als sie den Burghof erreichten, wo sich die Ordnung löste.

Nur einer konnte die Zeit des Auseinandertretens nicht erwarten. Am Eingange zur Festung waren die Trommeljungen aufgestellt welche so oft ihre Instrumente hatten ertönen lassen, wenn der Feind zu neuem Sturm heranrückte. Jetzt bearbeiteten sie das Kalbfell und bliesen die Pfeifen zur Ehre ihrer Kameraden.

Plötzlich stürzte aus der Reihe dieser kleinen Burschen einer hervor, ein Trommeljunge, und fiel dem jungen Unteroffizier um den Hals, der, das Gewehr über der Schulter, im vollen Bewußtsein seiner hohen Stellung, zur Seite der ihm untergeordneten Kameraden schritt. Die zwei Winkel auf dem linken Arm kennzeichneten ihn als Korporal.

Das Gesicht des jungen Mannes färbte sich dunkelrot, als er den ihn Umschlingenden erkannte. Hastig zog er ihn vorwärts, bis sie den Hof erreichten, wo sich die Ordnung löste.

Der Trommeljunge ließ jedoch schon jetzt, alles andere vergessend, seiner Freude vollen Lauf.

»Jim, mein lieber Jim!« rief er ein übers andere Mal. »Also du lebst wirklich noch, sie haben dich in Delhi nicht massakriert? Ach, wenn du wüßtest, was ich bisher für Sorgen durchgemacht habe. Es hieß, die Indier hätten selbst die Kranken im Hospital nicht geschont, alles wäre niedergemacht worden. Ich habe es schon hundertmal bereut, Delhi überhaupt verlassen zu haben, die Haare hätte ich mir ausraufen können, und ich mußte immerwährend nur an dich denken.«

So sprudelte es von den frischen Lippen des Jungen, und jetzt, als er den gefundenen Freund dem Gedränge entzogen hatte, fiel er ihm abermals um den Hals und küßte ihn sogar herzhaft.

Das vorige Erröten Jims war nicht der Scham entsprungen; denn er schämte sich auch jetzt nicht, daß er, der Unteroffizier, von einem Trommeljungen, der noch nicht einmal im Range eines Gemeinen stand, vor den Augen seiner Kameraden so geherzt und geküßt zu werden. Er ließ sich die Liebkosung vielmehr ruhig gefallen und schaute dabei halb mit Zärtlichkeit, halb mit Scheu auf den Jungen.

Dieser trat einen Schritt zurück und betrachtete den Freund mit vor Glück lachenden Augen.

»Was, der Tausend,« rief er dann erstaunt, »man hat dich zum Korporal befördert?«

»Bob, ich bitte dich,« entgegnete Jim mit gepreßter Stimme, »sprich nicht davon; denn niemand als du und ich weiß, was vorgefallen ist, und was ich getan habe, habe ich wieder gutzumachen gesucht. Man gab mir den Wink nicht umsonst.«

»Aber, Jim, wie kannst du so sprechen? Glaubst du, mir macht es Freude, daran zu denken? Nein, wir reden nicht mehr davon, wir haben es vergessen. Armer Kerl, die Gedanken mögen dich auf dem Krankenbett schön gequält haben.«

»Das haben sie,« sagte Jim dumpf, »und noch jetzt bin ich manchmal im Zweifel, ob es nicht besser gewesen wäre, der Dolch des Meuchelmörders hätte mein Herz, nicht nur die Schulter getroffen. Bob, ich habe dir viel zu danken. Ich habe auch gehört, wie es dir ergangen ist. Du bist aus dem Arrest entflohen, meinetwegen, und man hatte dich mit Schimpf und Schande fortgejagt, weil du mir zuliebe nicht den Grund zu deiner Flucht angeben wolltest. Bob, ich habe dir viel zu danken.« »Ach, laß das nur!« sagte der Junge leichthin. »Das war auch ganz gut, daß man mich in die höchste Kammer des Turmes einsperrte. Weißt du warum?«

»Ich habe im Krankenhaus alles erfahren. Du warst der erste, welcher die Meuterei der Indier entdeckte, und veranlaßtest den Hornisten, Alarm zu blasen.«

»Na ja, so ungefähr war es, wenn auch nicht ganz so. Ich schlug mich unter der Führung Leutnant Carters mit durch, ich erreichte das Freie und vereinigte mich, mit Truppen, welche nach Agra zogen. So kam ich hierher und habe wacker mitgeholfen, die Festung gegen die Indier zu verteidigen. Aber Leutnant Carter habe ich nicht wiedergesehen, er verschwand vor meinen Augen im Getümmel des Straßenkampfes.«

»Er wird gefallen sein, wie so mancher brave Engländer.«

»Aber wie in aller Welt kommst du denn hierher? Ist denn Delhi schon eingenommen worden, daß die Gefangenen, kranke und gesunde, freigekommen sind?«

»Nein, das nicht. Die Begum von Dschansi hat Gefangene und Kranke unter ihren Schutz genommen und betreibt ganz im Gegensatz zu den anderen Fürsten den Austausch von Gefangenen. So wurde auch ich, als ich genesen war, gegen einen gefangenen Indier eingetauscht. Alle anderen Fürsten schlachten die Gefangenen erbarmungslos hin, nur die Begum von Dschansi handelt edler und klüger; jedoch glaube ich, in ihrem Charakter wird jetzt ein Wechsel eintreten.«

»Die Begum von Dschansi!« lachte Bob. »Immer hört man von diesem Mädchen, und es existiert doch nur in der Einbildung der abergläubischen Indier.«

»Ich glaube das Gegenteil. Es existiert ein solches Mädchen, und wenn wahr ist, was ich von ihm habe erzählen hören, so wollen wir nicht wünschen, daß wir es näher kennen lernen.«

»Na, wollen 's abwarten. Und du meinst, es würde die Gefangenen jetzt nicht mehr schonen?«

»Ich glaube, ich bin der letzte der gewöhnlichen Soldaten gewesen, der eingetauscht worden ist. Kanntest du Oskar Reihenfels?«

»Gewiß, von Wanstead aus.«

»Er ist wegen Spionage erschossen worden.«

»Reihenfels ein Spion?« rief Bob erschrocken. »Wie konnte er sich auch den Engländern zu so etwas hergeben?«

»Du irrst, er ist von den Engländern – als indischer Spion erkannt und erschossen worden.«

Bob schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Aber das ist ja gar nicht möglich!« brachte er dann hervor.

Jim zuckte die Schultern.

»Ich und wir alle, die wir hier sind, können nicht viel mehr davon erzählen, denn wir mußten an demselben Tage, da Reihenfels erschossen wurde, noch nach Agra marschieren, um uns mit General Lloyd zu verbünden. Es soll nicht alles in Ordnung sein. Lord Canning will das Todesurteil nicht unterschrieben haben, die Ordonnanz aber beschwört es, und wie man den Mann verhören will, findet man ihn tot. Jeder, der wegen einer Aussage vernommen werden soll, stirbt eines jähen und gewaltsamen Todes, und als Urheber wird immer Lord Canning bezeichnet, natürlich nur heimlich. Ganz außer sich soll aber die Begum sein. Bei einem Ausfall hat sie das Lager der Buranis vollständig vernichtet, nicht ein Mann ist da, der uns etwas erzählen kann, alle Offiziere sind gefangen. Als wir abmarschierten, verlangte die Begum Aufklärung; denn sie sagt, Reihenfels wäre kein indischer Spion gewesen, er wäre unschuldig gestorben. Sie will das Todesurteil sehen, das aber ist spurlos verschwunden, sie bezeichnet Lord Canning als einen Schurken, der Reihenfels' Tod aus irgendeinem Grunde gewollt habe, und wenn er es nicht gestehe, so würden die Gefangenen samt und sonders auf den Mauern Delhis erschossen werden. Ich weiß nicht, was sie sonst noch androht, es sind schreckliche Sachen. Es sieht überhaupt traurig aus im Lager der vereinigten Truppen.

Reihenfels' Tod hat böses Blut gemacht. Im westlichen Lager wütet die Pest, sie ist von den Indiern künstlich eingeschleppt worden, die steinerne Brücke ist gesprengt, Verrat lauert überall, General Wilson erhielt einen Brief aus Bombay, er läßt ihn durch seinen Schreiber öffnen, und als dieser das Kuvert aufreißt, geschieht eine Explosion, ein Knall, und der Schreiber fliegt in lauter kleinen Stückchen davon. Im südlichen Lager sind an unserem Abmarschtage siebenundzwanzig Mann an der Cholera gestorben; ein Brunnen ist vergiftet worden, einer ganzen Schwadron sind die Pferde verendet ...«

»Höre auf, höre auf!« sagte Bob. »Das sind traurige Zustände. Wenn das nur ein gutes Ende nimmt!«

Sie gingen ins Innere der Festung, wo in den Baracken für die eingezogenen Krieger Essen hergerichtet war. Die Baracken waren aber nur klein und konnten die doppelte Besatzung nur fassen, wenn die Stuben dicht gedrängt voll waren. Ebenso reichten die Betten und improvisierten Lagerstätten nicht.

Kapitän Spleen war in mancher Hinsicht sehr genau und ordnungsliebend. Voraussehend, daß mancher Zank entstehen würde, wenn die Soldaten bei Wahl ihres Aufenthaltes sich selbst überlassen blieben, ließ er schon jetzt während des Essens von Unteroffizieren die Namen der neuen Soldaten aufschreiben, Listen der Stubenbesatzung machen und je zwei Mann ein Bett zuteilen.

Da waren Zank und Streit ausgeschlossen, die Vorgelesenen mußten die Stube und das Bett teilen, gleichgültig, ob sie Freunde waren, oder ob Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte.

Vorläufig saßen sie noch in den Stuben, wie Zufall oder Bekanntschaft sie zusammengeführt hatte. Da gab es viel zu erzählen, man fragte nach den letzten Erlebnissen und sprach von der unsicheren Zukunft.

Auch früherer Zeiten wurde gedacht, wie immer, wenn man sich bei guter Laune befindet, und dies war jetzt bei allen ohne Ausnahme der Fall. Die Leute der eigentlichen Besatzung genossen das Glück der Sicherheit nach langer Belagerung, die neuen Ankömmlinge das der Ruhe nach vielen Strapazen und Beschwerden.

Auch Jim und Bob saßen noch zusammen und sprachen über dies und jenes, nur nicht von dem Abenteuer mit Mirzi.

»Wie sagtest du eigentlich vorhin?« fragte Jim. »Du kenntest Oskar Reihenfels von Wanstead aus?«

Bob sah nicht auf, während er die gebratene Banane, die in Indien die Rolle unserer Kartoffel spielt, schälte.

»Freilich kenne ich ihn von Wanstead aus,« entgegnete er gleichgültig, »das heißt, ich habe ihn dort einmal gesehen und seinen Namen gehört. In Indien traf ich ihn später wieder, und hier kennt ihn ja jeder.«

»Ach was, so bist du in Wanstead bekannt? Ich denke, du bist Irländer; du sprichst ja auch den irländischen Dialekt.«

Bob warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Ich bin Irländer, aber durch ganz Großbritannien gekommen. Ich verlor meine Eltern früh, man wollte mich ins Waisenhaus stecken, ebenso wie meine Schwester, ich aber ließ mir das nicht gefallen, rückte aus und schlug mich nach London durch, wo ich mich unter die Trommeljungen werben ließ. Auf dem Wege nach London kam ich auch durch Wanstead.«

Jim hatte Messer und Gabel sinken lassen und den Sprecher unverwandt angeblickt.

Dieser senkte die Augen nicht unter dem forschenden Blick, er schaute den Kameraden recht dreist an.

»Sage einmal, Bob, was ist denn dein Vater gewesen?« begann dann Jim bedächtig. Doch der Junge war nicht geneigt, sich über seine Familienverhältnisse ausforschen zu lassen, was in England überhaupt als unschicklich gilt, selbst unter Freunden.

»Mein Vater? Er war ein Irländer, der sehr gern Whisky trank, am allerliebsten, wenn er ihn nicht zu bezahlen brauchte, und das kam daher, weil er ein Irländer war.«

»Das ist bei einem Irländer leicht zu begreifen,« lachte Jim. »Na, nimm's nicht gleich übel, du fingst ja erst an zu spotten. War dein Vater vielleicht Tambourmajor?«

»Hei, hast du ihn denn gekannt?« rief Bob erstaunt.

»Das nicht. Aber wenn du eine Schwester hast, so werde ich die wohl kennen und sogar sehr gut.«

»Und ob ich eine Schwester habe – die Nelly! Aber woher in aller Welt kennst du denn die? Das arme Mädel sitzt ja im Waisenhaus und muß Wolle zupfen.«

»Ne ne,« lachte Jim, »die zupft keine Wolle, sondern hat es ebenso gemacht wie du, sie ist ausgerissen und verdient sich ihr Brot selbst. Und weißt du, wo ich sie getroffen habe?«

»Na?«

»In Wanstead bei London.«

»Ach was! Wann denn?«

»Kurz nach der Abreise des Bataillons nach Indien.«

»Heiliges Kreuz,« schrie Bob, »zu jener Zeit war ich ja auch gerade in Wanstead.

Donnerwetter, daß ich sie nicht getroffen habe. Das hätte eine Freude gegeben! Was machte die Nelly denn dort?«

»Sie diente bei einer Familie Namens Moore, und es ging ihr sehr gut. Sie war aus dem Waisenhause geflohen, war überall umhergewandert, und an einem Morgen nach einer grausig kalten Winternacht fand der alte Moore das arme Mädchen halberfroren vor seiner Hüttentür liegen. Er nahm sie zu sich, und sie blieb bei ihm. Also du bist der Bruder Nellys?«

»Ja, ich bin ihr Bruder. Wenn du aber Nelly kennst, so hättest du mich doch auch gleich erkennen müssen, denn wir beide sind uns sehr ähnlich. Du kennst sie wahrscheinlich nur so oberflächlich.«

Jim schmunzelte.

»Im Gegenteil, ich kenne sie nicht nur bloß so. Du nimmst es doch als Bruder nicht übel, wenn ich dir sage, daß Nelly meine Braut war?«

»Hei, ist das wahr?« rief Bob erstaunt. »Gott, nun kennen wir uns schon so lange, und ich erfahre das erst jetzt! I wo nehme ich das übel! Tommy Atkins muß seine Braut haben, das heißt, er muß ihr auch treu bleiben, sonst soll ihn der Teufel holen.«

Der Korporal besaß vor dem Trommeljungen einen gewaltigen Respekt, sonst hätte er eine solche Meinungsäußerung betreffs der Soldatentreue nicht ruhig angehört. Bob war durchaus Idealist, und es vergingen wohl noch einige Jahre, ehe er anderer Meinung wurde.

Jetzt war er noch zu jung dazu. Verlegen kraute Jim sich in den Haaren.

»Nun ja, seiner Braut muß man treu bleiben,« entgegnete er zögernd, »aber so ganz richtig war es zwischen uns beiden auch nicht.«

Bob machte ein sehr finsteres Gesicht.

»Wieso nicht?«

»Wir kannten uns ja nur einige Tage, dann mußte ich schon wieder fort.«

»Das bleibt sich ganz egal; habt ihr euch geküßt?«

»Na und ob!«

»Habt ihr euch auch als Verlobte getrennt?«

»Ja.«

»Hat sie dir die Treue versprochen?«

»Ja, leider.«

»Warum denn leider?« fragte Bob zornig. »Siehst du, Bob, das verstehst du nicht,« begann Jim vorsichtig, wurde aber sofort unterbrochen.

»Ach was, Papperlapapp, so viel wie du verstehe ich allemal von der Geschichte. Wenn sie dir die Treue versprochen hat, so hast du sie ihr doch auch versprochen.«

»Freilich, ich mußte ...«

»Ruhe da! Keine unnützen Worte! Hast du ihr die Treue versprochen? Ja oder nein?«

»Ja.«

»Siehst du, so ist es auch deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, daß du ihr Treue hältst; denn sie ist deine Braut, und ganz besonders ein Soldat muß treu sein, oder die schwere Not soll über ihn kommen. Verstanden?«

Jim ließ die Ohren hängen. Dieser Trommeljunge hätte ihn um den Finger wickeln können.

»Na, ich glaub's schon, daß du ihr treu geblieben bist,« begann Bob wieder, der seinem Freunde nicht wehtun wollte. »Nicht wahr, du hast meine Schwester doch auch lieb?«

Jetzt wußte Jim einen Rat, sich bei dem Bruder seiner Braut wieder in Gunst zu setzen.

»Ich will offen mit dir sprechen, Bob. Freilich sind wir beide verlobt, die Nelly und ich, und was ich vorhin mit dem ›leider‹ meinte, das ist etwas ganz anderes. Die Nelly ist wirklich ein gutes Ding, so hübsch und freundlich und gut. Nun hat sie mich einmal gesehen und sich gleich in mich vernarrt. Ich war's freilich auch gleich, aber das ist bei uns etwas anderes. Mit einem Wort: ich bin die Nelly gar nicht wert, sie ist viel zu gut für mich, und es ist jammerschade, daß sie keinen anderen gefunden hat als einen Tommy Atkins, und besonders einen solchen, der gleich nach der Verlobung fort nach Indien muß.«

Bobs Antlitz hatte sich aufgehellt, doch den strengen Ton behielt er bei.

»Höre, Jim, mache mir die Soldaten nicht schlecht, das dulde ich auf keinen Fall. Mein Vater war Soldat, mein Großvater auch, die Großmutter war die Tochter eines Hellebardiers, meine Mutter war Marketenderin, die hat meinen Vater kennen gelernt, als er ihren Karren aus dem Graben ziehen half – damals lebte ich aber noch nicht – und ich bin deshalb auch Soldat geworden, und wenn ich Nelly wiedersehe, und sie hat einen anderen Schatz als einen Soldaten, dann gnade ihr Gott, dann haue ich ihr die Knochen entzwei.«

Hierdurch fühlte sich Jim doch etwas beleidigt.

»Da hätte ich wohl auch ein Wort mitzusprechen,« meinte er, »und wenn du gleich ihr Bruder bist, anrühren solltest du Nelly doch nicht.«

»So ist es recht. Nun sehe ich doch, daß du etwas auf deine Braut hältst. Was hast du denn überhaupt an dir auszusetzen? Bist du nicht ein hübscher, schmucker Bursche?«

»Na ja, mir ist es ja auch ganz lieb, ein solch hübsches Mädchen als Braut zu haben, aber eben, weil ich sie gern hatte, wäre es mir noch lieber gewesen, sie hätte sich einen anderen Schatz genommen, so einen Mann, der eine feste Anstellung hat.«

»So etwa den Schreiber von einem Advokaten der wöchentlich acht Schillinge bekommt?« warf Bob geringschätzend ein.

»Du, so einer bin ich auch gewesen, ehe ich Soldat wurde.«

»Und warum gabst du denn diese sichere Stellung auf?«

»Weil ich dabei verhungert wäre,« lachte Jim.

»Siehst du, und ebenso denkt Nelly. Ich kenne meine Schwester. Die hätte den höchsten Beamten ausgeschlagen, und wenn er Briefträger gewesen wäre. Einen Soldaten wollte sie haben, das hat sie schon gesagt, als sie noch im Wickelbett lag. Das heißt aber, wenn du sie nicht magst, dann ist es besser, du schreibst an sie.«

»Ich möchte sie schon haben, aber sie?«

»Du, das darfst du nicht sagen. Was Nelly versprochen hat, das hält sie auch, und wenn alles bricht. Oder zweifelst du an ihrer Treue?« »Es war ein so merkwürdiges Ding; unsere Verlobung ging so schnell vor sich, und als wir uns eben etwas kennen gelernt hatten, da mußte ich wieder fort. Ach ja, es wäre recht hübsch gewesen, hätte ich drüben bleiben können, 's war wirklich ein reizendes Ding!«

»Desto schöner wird das Wiedersehen. Gab sie dir nicht ein Andenken mit? Das muß der Soldat immer von seiner Braut haben.«

Jim brach in ein lautes Lachen aus und erzählte seine ganze Liebesgeschichte, vergaß auch nicht, wie sie auf den Händen getrommelt und geblasen hätte.

»Ja, das konnte sie immer,« nickte Bob. »Aber wo bleibt denn nun das mit dem Andenken?«

»Sie hatte nichts bei sich oder wollte mir keins geben; denn das Geld, das sie mir in die Tasche gesteckt hatte, konnte ich doch nicht als Andenken betrachten. Sie versprach, mir noch eins zu schicken, und gerade, wie ich aufs Schiff gehen wollte, bekam ich auch noch einen Brief von ihr. Was meinst du, was da drin war?«

»Ich weiß nicht.«

»Ihre Haare, die sie sich abgeschnitten hatte. Ist das nicht rührend?«

Jim hatte dies wirklich als ein Andenken betrachtet und aufgehoben; Bob machte ein erstauntes Gesicht, als der Korporal seinen Rock aufknöpfte, ein Lederbeutelchen öffnete und aus diesem einige Dutzend dünner, schwarzer Haarsträhnen hervorzog. Sie waren noch geflochten, aber die ominösen Papierwickel, ohne welche man sich ein englisches Mädchen in den Morgenstunden nicht denken kann, waren nicht mehr vorhanden.

»Ist das nicht rührend?« fragte Jim nochmals.

Der Trommeljunge sah ihn groß an, denn so heimlich Jim auch tat, er konnte doch nicht verbergen, wie er mit dem Finger das Nasse aus den Augen wischen wollte.

»Weiß der Teufel,« sagte er, sich entschuldigend, »wenn ich die Haarsträhnen sehe, dann kommt mir immer das Wasser in die Augen, und ich weiß doch eigentlich gar nicht, warum.«

»Ich will dir's sagen, warum,« entgegnete Bob ernsthaft, »und du brauchst dich deshalb auch gar nicht zu schämen. Das kommt eben daher, weil du Nelly wirklich liebhast.«

»Ja, du hast recht, ich habe sie wirklich liebgehabt und habe sie noch immer lieb, und was ich dir vorhin sagte, das war alles nur dummes Zeug. Es ist nun einmal so, wenn wir Soldaten untereinander von Liebe sprechen, dann muß man immer tun, als sei das alles nur Unsinn. Du aber bist anders, du kannst die Wahrheit hören. Ja, ich habe Nelly wirklich lieb, und mein größter Wunsch ist, daß ich sie wiedersehe und sie so wiederfinde, wie ich sie verlassen habe, und was ich einmal für eine Dummheit gemacht habe, na, das ...«

Seine letzten Worte verklangen in einem unverständlichen Murmeln, Bob sah, wie er sich nochmals mit der flachen Hand über die Augen wischte.

»Hast du ihr kein Andenken gegeben?« fragte er nach längerer Pause.

»Ein kleines Taschenmesser, das ich mir ganz neu gekauft hatte. Ob sie es wohl auch gut aufhebt und an mich denkt, wenn sie es ansieht?«

»Sicherlich! Mädchen sind überhaupt treuer als Männer.«

»Nanu! Woher hast du denn solche Erfahrung?«

»Ich dachte an meine Schwester und an – an mich«, sagte Bob, hatte aber etwas anderes sagen wollen, stand hastig auf und verließ das Zimmer.

Nach dem Essen wurden die Leute zum Appell gerufen, man las ihnen vor, wie sie sich in der Festung zu verhalten hätten, machte ihnen bekannt, daß anderentags nach Freiwilligen gefragt werden würde, die nach Delhi marschieren und an der Belagerung teilnehmen sollten, und verlas die Verteilung.

Da die Namen der Leute in den Stuben aufgeschrieben worden waren, war es ganz natürlich, daß sie auch so zusammenkamen. Ein merkwürdiger Zufall war dagegen, daß Jim und Bob ein und dasselbe Bett angewiesen erhielten. »Jim,« sagte der Trommeljunge, als sie die Stube wieder betreten hatten, »willst du mir einen Gefallen tun?«

»Da brauchst du wohl nicht erst zu fragen.«

»Dann frage nicht erst lange, wieso und warum, wenn ich dir hiermit ausdrücklich erkläre, daß ich mit keiner anderen Person in einem Bett schlafe.«

Erstaunt blickte Jim den Jungen an. Hätte dieser ihm erklärt, er dulde nicht, daß sein Kamerad ihn du nenne, wäre er nicht weniger erstaunt gewesen, und merkwürdig war, daß Bob plötzlich hochrot im Gesicht wurde.

»Aber warum denn nicht?« fragte Jim sofort.

»Habe ich dir nicht gesagt, du sollst nicht fragen?« zürnte Bob.

»Na, das finde ich denn doch etwas zu komisch.«

»Ich gar nicht.«

»Soldaten, und nicht zusammen in einem Bett schlafen, und noch dazu im Krieg! Da muß man ja glauben, du seist ein Mädchen!«

»Unsinn! Mach keine Dummheiten! Wenn du darauf bestehst, so soll es denn meinetwegen sein. Mein Grund war ein ganz anderer, du würdest ihn doch nicht begreifen.«

»Ich würde dir schließlich auch den Gefallen tun, aber dann müßte ich geradezu auf der Diele schlafen.«

»Du könntest dich auf Wache melden.«

»Dazu habe ich verdammt wenig Lust.«

»Oder ich täte es. Aber nein, du sollst nicht denken, es wäre irgendeine Heimlichkeit dabei. Gut, wir schlafen zusammen.«

»Warum wolltest du denn das nicht gleich?«

»Den Grund erzähle ich dir später einmal, und dann paß auf, Jim, wie ich dich auslachen werde.«

Weiter ließ sich Bob nicht ausfragen, er gab keine Antwort, war aber dafür von einer ausgelassenen Lustigkeit. Die ganze Stubenbesatzung wurde von diesem Mutwillen angesteckt, das Bewußtsein, in Ruhe und Sicherheit hinter festen Mauern, bewacht von treuen Kameraden, eine Nacht und hoffentlich noch viele verbringen zu können, trug auch noch dazu bei, die gute Laune zu erhalten.

Bis zum Zapfenstreich währte das Scherzen und Lachen, und als den strengen Festungsbefehlen gemäß je zwei und zwei die zwar harten, aber doch bequemen Lager aufgesucht hatten, wollte das Schwatzen auch noch lange nicht aufhören und als endlich die Müdigkeit die Augen den meisten doch zudrückte, da erklang noch immer Bobs helles Lachen.

»Worüber freust du dich eigentlich so?« fragte Jim, der sich dieses Lachen nicht erklären konnte; denn der Junge hatte absolut keinen Grund dazu.

»Ach, wenn du wüßtest!« war immer die einzige Antwort, und Bob lachte weiter, bis auch er darüber einschlief.

Das ruhige Leben auf der Festung von Agra konnte nicht von langer Dauer sein, denn man war im Krieg. Schon einige Tage später finden wir Jim und Bob bei der Truppenabteilung, welche Agra verlassen hatte und nach Delhi marschierte.

Welch ein beschwerlicher Marsch, solch ein Zug einer ganzen Truppenabteilung durch die indische Wildnis! Vor einigen Monaten gab es noch bequeme Heerstraßen, doch seit dem Beginn des Krieges waren auch diese wie durch Zauberei verschwunden. Die Vegetation im heißen Indien ist so außerordentlich fruchtbar, daß sie die Arbeit des Menschen in wenigen Tagen unkenntlich macht, das heißt, die Heerstraßen waren schon wieder verwildert; Kanonen hatten Risse von Metertiefe eingefurcht, Regengüsse hatten sie überschwemmt; sie waren also Sümpfe, und so zog man vor, mitten durch die Wildnis zu ziehen. Im Gänsemarsch drang man vorwärts, einer hinter dem anderen; die ersten hieben mit Beilen Bahn, die mittelsten beobachteten ihre vorderen Kameraden und die hintersten deckten ihnen den Rücken.

Wehe, wenn jetzt der Kampfruf der Indier erscholl! Dann galt es für den führenden Offizier, zu zeigen, daß er verstand, seine Leute sich schnell und dem Terrain gemäß entwickeln zu lassen.

Er sollte die Prüfung bestehen müssen! Die letzten des Zuges fast bildeten Jim und Bob. Der Korporal hatte die zehn Mann zu leiten, Bob war ihm als Hornist beigegeben. Diese Deckung war von dem Mitteltrupp einige hundert Schritt entfernt, man konnte die Vorausschreitenden nicht sehen, sondern folgte nur den deutlich sichtbaren Spuren.

Es war am späten Nachmittag. Die beiden Freunde hofften jeden Augenblick, das Signal zum Sammeln zu hören, welches zur Lagerarbeit rief. Dann gab es noch eine Stunde harte Arbeit, und man hatte für die Nacht Ruhe.

Da erklang auch das Signal zum Sammeln, aber es war ein ganz anderes Sammeln damit gemeint. Die langgezogenen Hörnertöne sagten: zusammenziehen nach der Mitte und ausschwärmen zur Schützenlinie! Noch war das Hörnersignal nicht verklungen, als sich schon die Ursache dazu zeigte.

Kommandos erschollen, Schüsse knallten, im Walde rasselte und knackte es, als ob ein Trupp wilder Ochsen durchbräche, dann riefen die Offiziere die Kommandos zum Salvenfeuer.

Seltsam, daß nicht das gellende Kriegsgeschrei der Indier erklang. Aber es kam etwas anderes.

»Ram ram mahadeo!« heulte plötzlich der Ruf von allen Seiten, ein Trompetenton erschütterte die Luft, und der Boden erbebte unter wuchtigen Tritten.

Es war der Schlachtruf, durch welchen die Kriegselefanten in Wut versetzt werden; den Trompetenton gaben die gereizten Dickhäuter von sich, die sich jetzt blindlings auf den Feind warfen, alles niederstampften und niederschlugen, was ihnen vor die Füße oder vor die Rüssel kam.

Ihnen gegenüber waren Infanteriegewehre unnütz; um sich dieser Angreifer zu erwehren, mußte man zu anderen Mitteln greifen.

Die zehn Mann unter Jims Führung wußten sofort, daß der Vortrupp eine Blöße erreicht hatte und dort von Indiern mit Kriegselefanten angegriffen worden war. Was in diesem Falle zu tun war, wußten alle auch ohne des Korporals Befehl.

Das Gewehr schußfertig im Arm, stürmten sie vorwärts, um sich mit dem Haupttrupp zu vereinigen und am Kampfe teilzunehmen.

Doch es war schon zu spät; die Indier, in der Wildnis zu Hause, hatten sie überlistet, waren ihnen zuvorgekommen.

Einige Schüsse krachten; links und rechts neben Jim sanken die Kameraden zu Tode getroffen nieder, und ebenso schnell warfen sich auch die Unverwundeten zu Boden, womöglich hinter Bäume, denn vor ihnen tauchten wilde Gestalten auf, die, Gewehre, Lanzen und Schwerter schwingend, auf sie einstürmten.

Ein schnelles Einzelfeuer bewog die Feinde noch einmal zur Umkehr. Aber was half das? Immer mehr gesellten sich zu denen, welche die Engländer im Rücken hatten angreifen wollen; als sie nun den kleinen Trupp bemerkten, wendete sich ihr Angriff erst gegen diesen.

Jim war von den Kameraden ein für allemal abgeschnitten, es sei denn, diese behielten sogleich siegreiche Hand und gingen nun auch rückwärts vor. Doch daran war jetzt nicht zu denken, um so weniger, als das Kriegsgeheul der Indier und der Schlachtruf der Elefanten, das scharfe Knattern der Gewehre mit immer erneuter Heftigkeit erklangen.

Nein, Jims Aufgabe konnte jetzt nur sein, sich und die Seinen durch die Flucht zu retten. Zwei seiner Leute waren schon gefallen, man konnte sich nicht einmal um sie kümmern.

Während die Indier noch unter lebhaften Gestikulationen schwatzten, besprach man sich flüsternd und versuchte sich durch Kriechen am Boden den Augen jener zu entziehen.

Aber ihr Plan wurde entdeckt, wieder stürmten die Feinde vor und wurden durch eine neue Salve zurückgescheucht. So ging es fort. Die Engländer versuchten sich zurückzuziehen, wurden aber beharrlich verfolgt. Wohl schmolzen dabei die Feinde zusammen, aber auch einer der Engländer verlor nach dem andern sein Leben, besonders wenn es freie Stellen zu überspringen gab.

Zuletzt sah Jim, daß man ihn von allen Seiten einschließen wollte, und ehe es so weit kam, mußte er eilig flüchten.

Hinter ihm eröffnete sich ein Wald, dessen Bäume so dicht nebeneinander standen, daß eine schnelle Flucht möglich war. In der Ferne erhob sich der Boden, dort fand man vielleicht eine Stelle, wo man sich nach allen Seiten hin verteidigen konnte. Hier war das nicht möglich, hier war ihr Tod gewiß.

»Auf, marsch, marsch!« schrie Jim und sprang auf.

Ach, außer Bob konnten ihm nur noch vier Mann folgen, und einer von diesen brach schon bei den ersten Schritten zusammen.

Furchtbar erklang das Geheul der Feinde, als sie die Engländer durch den Wald stürmen sahen. Sie hatten gar nicht gewußt, daß es nur so wenige waren, sonst hätten sie sich nicht zurückhalten lassen, sie durch einen Anlauf zu überwältigen.

Kugeln wurden ihnen nachgesandt, Speere sausten zischend um sie her und blieben mit zitternden Schäften in den Bäumen stecken. Noch eine Blöße mußte überschritten werden, ehe die Soldaten den Hügel erreichten, und wieder stürzten zwei von ihnen getroffen nieder.

Jim sah, wie auch Bob zusammenbrach; da riß er das Gewehr hoch und blieb stehen.

Seinen kleinen Freund wollte er auch im Tode nicht verlassen.

Doch im selben Augenblick schnellte Bob wieder auf und rannte mit unverminderter Eile weiter. Er konnte nur gestrauchelt sein. Jim holte ihn bald ein.

Sie erreichten wieder den dichten Wald und den Hügel, um welchen sie bogen, wodurch sie den Feinden aus den Augen kamen. Aber ach, von jetzt ab dehnte sich eine Steppe, nur mit kurzem Gras bedeckt, vor ihnen aus. Setzten sie ihre Flucht hier fort, so wurden sie auf der Stelle niedergeschossen. Da erblickten sie etwas, was dem Zugang zu einer Höhle oder doch zu einem Erdloch ähnlich sah. Am Fuße des Hügels öffnete sich eine Spalte, meterlang und eben breit genug, um einen Menschen hineinzulassen, und von großen Steinen wie eingerahmt.

Das wäre ein Versteck gewesen, oder, wenn die Feinde sie hineinkriechen gesehen hätten, doch ein Ort, wo die beiden sich lange erfolgreich verteidigen konnten. Aber es war auch zu bedenken, daß solch ein Erdloch der Schlupfwinkel von Raubtieren oder von Schlangen sein konnte.

Doch lieber solchen zum Opfer fallen, als den fanatischen Indiern, die ihre Gefangenen stets entsetzlich marterten.

Die Büchse von Jim fand Grund, er sprang hinein, Bob ihm sofort nach, und letzterer konnte eben noch mit dem Kopfe heraussehen. Wie weit sich das Loch unter der Erde erstreckte, wie es am Ende aussah, konnte jetzt nicht untersucht werden.

Der dritte und letzte der noch lebenden Soldaten zögerte, in das Loch zu springen; denn eben ertonte aus demselben ein Fauchen und Miauen wie von kleinen Katzen. Das Zögern sollte des Mannes Tod werden.

Aus dem Walde fiel ein Schuß; durch den Kopf getroffen brach der Soldat neben dem Loch zusammen. Jim und Bob waren die letzten, beiden unverwundet.

Da kamen die Verfolger schon angestürmt. Ohne Aufforderung zog Bob des gefallenen Soldaten Gewehr an sich heran – denn die Trommeljungen tragen in Kriegszeiten nur Pistolen – und ebenso die Patronentasche. Sie enthielt noch etwa vierzig Patronen.

»Abwechselnd du und ich,« schrie Jim und sandte den ersten Schuß, den zweiten Bob, und so ging es in regelmäßigen Zwischenpausen weiter.

Die Indier standen schnell von dem Versuche ab, diese kleine, improvisierte Festung im Sturm zu nehmen. Bei jedem Schritt fiel einer von ihnen, während ihnen durchaus kein Ziel geboten wurde, denn die Köpfe der beiden verschwanden hinter dem Steinwall vollkommen.

Schnell zogen die Angreifer sich wieder hinter die schützenden Bäume zurück, wahrscheinlich beratend, wie sie sich der beiden Überlebenden bemächtigen könnten, womöglich lebendig.

Es war Jim, sowohl auch Bob bekannt, daß die Indier wohl Außerordentliches an Tapferkeit zu leisten vermochten, wenn ihnen Gewinn oder viele Gefangene in Aussicht standen, daß aber ebensowenig wegen dieser beiden Engländer jemand ohne weiteres sein Leben aufs Spiel setzen würde. Dagegen war auch nicht daran zu denken, daß sie sie laufen lassen würden. Nein, mit List wollten sie ihrer habhaft werden; Zeit hatten sie ja dazu.

In der Ferne erklangen noch Schüsse, anscheinend fand ein Handgemenge statt, und hatten es die Indier erst zu einem solchen kommen lassen, und sie waren nicht zu sehr in der Überzahl, dann stand ihre Sache schlimm; denn im Nahkampfe, mit Bajonett und Säbel, waren ihnen die Engländer stets überlegen.

»Wir sitzen hier wie die Maus in der Falle,« flüsterte Jim, nach dem Walde spähend, ohne einen Feind erblicken zu können.

»Höre nur dieses greuliche Fauchen,« fügte Bob hinzu, »es kommt hinten aus der Höhle! Was mag das sein?«

»Etwas Gutes sicherlich nicht. Ich halte es für das Fauchen von jungen Katzen, manchmal miauen sie auch.«

»Junge Katzen?«

»Ja, das heißt junge Panther oder Tiger.«

»Jesus Christus und General Jackson,« schrie Bob plötzlich entsetzt und schmiegte sich an den Rand; denn in diesem Augenblick huschte eine große, grünliche Schlange an ihm vorbei ins Freie.

Der Junge war aber doch nicht so erschrocken, wie er tat, jedenfalls besaß er große Geistesgegenwart. Im Nu hatte er sein Seitengewehr gezogen und der Schlange einen Hieb versetzt, der den Kopf vom Rumpf trennte.

Es dauerte lange, ehe der kopflose Leib zur Ruhe kam, und die Zuckungen und Windungen, das Rollen der Augen im abgehackten Kopf waren ganz schrecklich.

»Um Gottes willen, Bob, wohin sind wir geraten?« hauchte Jim, der die Farbe verloren hatte. »Hier bleibe ich nicht.«

»Ich glaube, wenn wir hinausklettern, erwartet uns auch kein besonders angenehmes Los,« bemerkte Bob sehr richtig.

»Lieber eine Kugel durch den Kopf, als von Schlangen aufgefressen werden! Hu, ich fühle schon, wie sie mir die Beine heraufkrabbeln.

»Unsinn, wir haben ja Gamaschen an, und unsere Schnürschuhe schließen gut. Übrigens glaube ja nicht, daß die jetzt nach uns schießen werden. Sie werden uns so sicher lebendig fangen wollen, wie zweimal zwei vier ist.«

»Da hast du recht, so sicher, wie mir jetzt eben eine Schlange am Bein heraufkriecht.«

»Tritt sie doch tot!«

»Und die Pantherkatzen beißen mich schon in die Waden. Au – verflucht, ist das eine höllische Lage!«

»Sei froh, wenn du Waden hast! Tritt das Ungeziefer tot!« »Du hast gut spotten.«

»Nun, bin ich etwa besser daran als du?«

»Wie kannst du denn aber jetzt spotten?«

»Wird's vom Weinen etwa besser? Mut, Jim, Mut! Wenn wir sterben müssen, dann wollen wir's wenigstens froh und heiter tun. Zum Teufel mit dem Geplärre! Da, du Canaille!«

Bei den letzten Worten hatte der Junge das Gewehr hochgerissen und dahin abgedrückt, wo zwischen den Bäumen eine braune Gestalt sichtbar geworden war. Der nachfolgende Schmerzensschrei verriet, daß der Schuß sein Ziel nicht verfehlt hatte.

»Mach's auch so, Jim! Wenn sie uns hier noch zu fangen gedenken, wollen wir ihnen wenigstens noch etwas Tüchtiges auswischen, solange Zeit dazu ist.«

Jim fühlte sich durch die Courage seines jungen Gefährten ermutigt. Jetzt beobachtete auch er die Indier, und wo sich einer sehen ließ, wurde geschossen, größtenteils mit Erfolg.

Dabei war noch immer Zeit, sich zu unterhalten.

Freilich, sie waren in einer verzweifelten Situation, und nur dadurch, daß sie die Sache leicht nahmen, konnten sie sich den Mut erhalten. Vor ihnen die Indier, die sich beredeten, wie sie den beiden zu Leibe rücken konnten, ohne sich selbst dem Tote auszusetzen; unter ihnen die kleinen Tigerkatzen, welche die Eltern erwarteten, womöglich auch noch giftige Schlangen.

Es war wahrlich kein Wunder, wenn sie immer von einem Fuße auf den anderen tanzten, in der Meinung, Schlangen abzuschütteln, die sie schon an den Beinen zu fühlen glaubten.

»Wenn nun der Panther von hinten gekrochen kommt und beißt uns alle vier Beine ab?«

versuchte Jim zu scherzen, während er nach einem Indier zielte, der sich unvorsichtig zeigte.

»Wäre einer hier unten, dann hätten wir seine Zähne schon zu fühlen bekommen.«

»Wenn die Mutter aber nun kommt, um nach ihren Jungen zu sehen?«

»Nun, dann brennen wir ihr einfach eins aus den Pelz – au!«

Bob machte doch ein bestürztes Gesicht, es mochte unter ihm nicht alles mit rechten Dingen zugehen; er trampelte hin und her, ein Miaun erscholl, er bückte sich und brachte eine kleine Pantherkatze am Fell zum Vorschein.

»Verdammt, also doch eine Pantherhöhle!« rief Jim erschrocken.

»Das hübsche Tier!« sagte Bob dagegen. »Da, geh wieder hinunter zu deinen Geschwistern!«

Dabei warf er den kleinen Panther wieder in die Höhle.

Doch dieser Galgenhumor schwand nach und nach. Was mochte wohl ihr Los sein? Darüber waren sie sich nicht im unklaren, und sie durften es sich auch nicht länger verhehlen.

Die Absicht der Indier begriffen sie, als sie dieselben Baumstämme fällen sahen. Die Gegner wollten also mit Schutzwehren auf sie zudringen. So waren den beiden die vielen Patronen, die sie noch besaßen, also unnütz.

»Jim,« sagte Bob mit einem schweren Seufzer, »ich halte es für das beste, wir nehmen schon jetzt Abschied.«

»Ja, unser Schicksal wird bald entschieden sein. Armer Bob, es ist traurig, so jung sterben zu müssen.

»Na, einmal müssen wir schließlich doch daran glauben, und da ist es immer besser, wir sterben jung und kräftig, als im Alter ohne Zähne und von Gicht geplagt.«

»Die Indier werden uns den Tod auch nicht leicht machen.«

»Und wir ihnen nicht unsere Gefangennahme. Erhalten wir einen Hieb oder Stich dabei, desto besser. Ah, sieh da, diese schlauen Schufte!«

Die Indier hatten unterdessen zwei Baumstämme von Mannesdicke gefällt, und plötzlich rollten diese beiden wie durch eigene Kraft auf das Erdloch zu. Den beiden Belagerten war diese List nicht unbekannt. Einige geschmeidige Indier hielten sich hinter den Stämmen verborgen und rollten sie vor sich her, ohne sich selbst eine Blöße zu geben. Waren sie nahe genug, so sprangen sie hervor und hatten sich der Feinde bemächtigt, ehe diese Gebrauch von ihren Schußwaffen machen konnten.

»Wollen wir sie herankommen lassen?« fragte Jim.

»Gott bewahre! Auf fünf Meter Entfernung springen wir vor und schießen noch einmal, oder wenn du keine Zeit mehr dazu hast, schlägst du wenigstens mit dem Kolben noch einem den Schädel ein. Lebe wohl, Jim, und nun will ich dir noch schnell etwas gestehen ...«

Der verwunderte Jim bekam das Geständnis nicht mehr zu hören. Die beiden waren doppelt überlistet worden.

Während sie früher auch die Hügelfläche im Auge behalten, hatten sie ihre Aufmerksamkeit jetzt nur noch auf die beiden schnell nebeneinander daherrollenden Baumstämme gerichtet gehabt. So bemerkten sie nicht, wie den Hügel hinab einige Indier geschlichen kamen.

Ihre früheren Versuche waren mit Schüssen zurückgewiesen worden, der diesmalige gelang.

Plötzlich ertönte Geschrei neben Jim und Bob; zwar drehten sie sich blitzschnell um und schlugen die Gewehre an, aber schon waren die braunen Gestalten vor ihnen, und ebenso schnell sprangen die hinter den Stämmen verborgen gewesenen Indier vor und hatten die beiden von hinten gepackt.

Noch zwei stürzten getroffen nieder, dann waren Jim und Bob in der Gewalt der Feinde.

Sie wurden aus der Grube gezogen, an Händen und Füßen gebunden, auf die Erde geworfen und erst einmal mit Fausthieben und Fußtritten mißhandelt.

Nun war es vorbei mit ihnen. Ach, hätte man ihnen doch den krummen Dolch ins Herz gestoßen, dann hätten sie wenigstens schnell ausgelitten! Aber die Indier verstanden es, ihre Gefangenen auf eine entsetzliche Art zu quälen. Schon die früheren Aufstände können von derartigen Schandtaten erzählen; doch niemals sollte man unterlassen, hinzuzusetzen, daß auch die Beamten der ostindischen Kompanie schreckliche Torturen beim Steuereintreiben anwendeten, wenn sie glaubten, die Steuern würden unterschlagen. Es gab ganze Gegenden, wo die Brüste der Weiber vom Krebs zerfressen waren, weil man die Torturschrauben an sie gesetzt hatte. So vergalten die Indier schließlich nur Gleiches mit Gleichem.

Die Sonne sank mit der in den Tropen eigentümlichen Schnelligkeit, die Indier schwatzten, wiesen auf die Gefangenen und berieten sich anscheinend, was mit diesen nun zu beginnen sei, ob man sich gleich an ihren Qualen weiden, oder ob man sie mitschleppen sollte.

Die Sprache der Eingeborenen konnten die beiden nicht verstehen, es war ein ihnen unbekannter Dialekt.

Zuletzt hatte man sich geeinigt. Jim und Bob wurden an zwei einander gegenüberstehende Palmbäume gebunden. Dann sahen sie, wie einige trockenes Holz sammelten, andere dieses zuspitzten, und es war ihnen kein Zweifel mehr, daß sie gemartert werden sollten. Spitze, glühende Holzstäbchen wurden ihnen ins Fleisch, besonders unter die Nägel gebohrt, bis sie endlich dem Verbrennungstode verfielen.

Zu gleicher Zeit nahmen andere Indier die Pantherhöhle aus, denn das Miaun der Jungen war gehört worden. Einstweilen band man die vier gefundenen Tierchen zusammen und legte sie neben der Höhle hin. Solange so viele Menschen hier versammelt waren, Stimmen laut wurden und die Waffen blitzten, war ein Überfall durch die Pantherin nicht zu fürchten, wenn sie durch den Anblick ihrer geraubten Jungen auch noch so in Wut versetzt wurde.

Da, als man schon Feuer anzündete, kamen neue Indier an; einer von ihnen trat sehr befehlshaberisch auf; lautes und heftiges Geschnatter erfolgte, die neuen deuteten in die Ferne, die, welche die Vorbereitungen zur Tortur trafen, auf die Gefangenen, und schließlich brachen alle in Lachen aus. Seltsam, was jetzt vorgenommen wurde! Die Gefangenen konnten es sich anfangs nicht erklären.

Die Reisigstöße wurden zur Seite geschoben, dafür legte man die vier Katzen, nachdem man sie nochmals fest mit den Schwänzen zusammengebunden hatte, zwischen die beiden Gefangenen. Dann untersuchte man deren Fesseln, verdoppelte sie, band jeden Arm einzeln fest, und gab ihnen noch einige Fußtritte. Die Indier nahmen die gefundenen Waffen mit und entfernten sich in der größten Eile in der Richtung der Sonne, die eben noch über dem Horizont stand.

Erstaunt sahen sich Jim und Bob an. Neue Hoffnung loderte in ihren Herzen auf. Sie waren allein, die Indier hatten sie verlassen und kehrten nicht wieder.

»Was soll denn das heißen?« unterbrach Bob zuerst das Schweigen.

»Ich glaube fast, die Indier fürchten, von den Unsrigen verfolgt zu werden und nehmen Reißaus. Sollte der Haupttrupp umgekehrt sein und uns suchen?«

Jim ließ plötzlich wieder den Kopf hängen.

»Ach, Bob, bei deinen Worten sinkt mir gleich wieder der Mut,« sagte er. »Wenn sie wirklich fliehen mußten, so hätten sie uns wohl nicht im Stich gelassen, sondern uns wenigstens vorher getötet.«

»Du hast recht. Aber was soll das?«

Sein Blick fiel auf die Pantherkatzen zu seinen Füßen.

»Mir geht eine Ahnung auf,« fuhr er dann fort, »umsonst haben sie die angebundenen Tiere nicht hierhergelegt.«

»Sicher nicht. Sie sollen durch ihr Schreien die Mutter anlocken.«

»Die uns dann in aller Gemütlichkeit frißt.«

»Oder vielmehr erst ihre Wut an uns ausläßt, wenn sie die Jungen von Menschen geschändet sieht. Es ist schrecklich.«

»Aber warum sind die Indier fort?«

»Ich weiß nicht. Der große schien ein Häuptling zu sein und die anderen aufzufordern, mit ihm zu kommen. Es ist besser, wir töten die Tiere, dann können sie nicht mehr schreien.

Mein Fuß kann sie erreichen, ich ersticke sie.«

»Tu es nicht, Jim. Die Tierchen haben uns nichts getan, und vielleicht verschont uns die Panthermutter, wenn wir ihre Jungen schonen.«

Jim lachte bitter auf.

»Du hast sonderbare Begriffe von Panthern. Ebensogut hättest du die Indier um Mitleid anflehen können.«

»Trotzdem, töte die armen Tiere nicht, nimm deinen Fuß zurück. Ich bitte dich darum.«

»So wird uns die Mutter dafür fressen,« sagte Jim dumpf, zog aber doch den Fuß zurück, den er schon auf die Kehle einer der Katzen gesetzt hatte.

»Das tut sie sowieso; 's ist fatal!«

Die infolge der Entfernung der Indier entstandene Hoffnung hatte diese neue Lebenslust erzeugt – sie sank schnell wieder.

Auge in Auge standen sie sich gegenüber, Arme und Hände an die Stämme gefesselt, die etwas über einen Meter voneinander entfernt waren.

Stunde nach Stunde verstrich schweigend, jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Die Sonne war schon längst gesunken, Nacht umgab sie, und die Raubtiere des Waldes begannen ihr Konzert. Die Füchse und Schakale bellten, die Wölfe heulten, die Hyänen lachten heiser, und in noch weiter Ferne erscholl ab und zu das scharfe, fauchende Geheul des Panthers.

Die jungen Katzen zu ihren Füßen miauten dann stets lauter und suchten fortzukriechen, da aber jedes eine andere Richtung einschlagen wollte und sie mit den Schwänzen zusammengebunden waren, so kamen sie nicht von der Stelle. Wie lange würde es noch dauern, und das von dem Lärm und den Schüssen fortgescheuchte Pantherweibchen würde zurückkehren, um nachzusehen, ob seine Jungen verschont geblieben wären? Und was würde die Mutter mit den Gebundenen machen, zu deren Füßen sie die Jungen fand, von Menschenhänden berührt? Der Mond schien hell und ließ manchmal zwei nebeneinanderstehende Punkte grün aufleuchten – es waren Augen von Raubtieren, welche die beiden Gefangenen gierig betrachteten. Sie gehörten Füchsen, Wölfen und Schakalen an, welche nicht so leicht wagen, die Menschen anzugreifen, denn auch der Wolf braucht in Indien keinen Hunger zu leiden, so daß er sich nicht an dem Herrn der Schöpfung vergreift. Ebensowenig greift die Hyäne den Menschen an, und alle Erzählungen, welche dies behaupten, sind Fabeln.

Aber das Pantherweibchen war nicht unter den Tieren, denen die grünleuchtenden Augen angehörten; denn dieses hätte die kleinen Katzen nicht ungerächt schreien und wimmern lassen.

Da ertönte, etwas schwächer als vorhin, das Heulen eines Panthers. Vielleicht war es die Mutter der Jungen; sie näherte sich.

Noch blieb Bob standhaft, weniger Jim. Er legte sich so weit wie möglich nach vorn und stöhnte tief auf.

»Woran denkst du, Jim?« fragte Bob.

»An Nelly, deine Schwester.«

»Und darum stöhnst du so?«

»Ich dachte an sie und versuchte zugleich, die Banden zu sprengen. Tief schnitten dabei die Stricke in das Fleisch ein.«

»Auch ich habe mich bemüht, an den Stricken zu reißen. Sie halten wie Eisen. Laß das nur, Jim!«

»Nein, nein,« rief dieser leidenschaftlich, »ich fühle, daß sich mein rechter Arm lockert.

Und mögen die Stricke mein Handgelenk durchschneiden, ich bekomme ihn doch frei.«

Er legte sich wieder nach vorn, riß, ruckte und stöhnte doch manchmal, obgleich er die Lippen fest zusammengepreßt hatte, und plötzlich mit einem Jubelruf hielt er Bob frei den rechten, ausgestreckten Arm entgegen, von dem im Mondschein das Blut herablief.

Auch Bob war außer sich vor Freude, er feuerte den Gefährten an, nichts unversucht zu lassen, um auch den anderen Arm freizubekommen.

Jim tat sein möglichstes, er schonte sein eigenes Fleisch und Blut nicht, er schob die Finger der rechten Hand unter die Stricke und riß, er tastete vorsichtig, um den Knoten zu finden und zu lösen, aber es gelang nicht, und das Heulen des Panthers klang immer näher und lauter.

»Es geht nicht,« seufzte Jim, »ich habe auch gleich im Anfange gespürt, daß der rechte Arm lockerer als der linke gefesselt war. Dieser ist mir abgestorben, ich habe keine Kraft mehr darin.«

»So versuchen wir es auf andere Weise!« ermutigte Bob. »Strecke deinen Arm aus, ob du mich erreichen kannst.«

Jim tat es und konnte mit den Fingerspitzen eben die Brust seines Gefährten berühren.

»Du mußt meinen Rock fassen, aufknöpfen oder aufreißen können,« rief Bob energisch.

»Paß auf, ich lege mich vor.«

Er biß die Zähne zusammen und legte sich schwer in die schneidenden Banden, so daß sein Körper zwei Zoll näher an Jim herankam.

»Reiß mir den Rock vorn auf!«

Jim packte den Drillichrock und riß ihn mit einem Ruck von oben bis unten auf. Unter ihm tragen die englischen Soldaten noch Weste und Hemd.

»Nun schiebe die Hand unters Hemd, ich trage auf der nackten Brust ein Messer.« Jim tat, wie ihm geheißen, aber erschrocken fuhr er zurück und starrte seinen Gefährten an.

»Bob, du du bist ja ein Mädchen,« stammelte er.

»Und wenn ich ein Mädchen bin, so wundere dich jetzt nicht darüber! Hör den Panther! Nimm das Messer, es hängt an einer Lederschnur.«

Die zitternde Hand tastete wieder unter das Hemd, faßte ein kleines Messer und zog es hervor. Die Lederschnur war lang genug, daß sich Bob wieder aus seiner schmerzenden Stellung zurücklehnen konnte, ohne das Messer dem Genossen aus der Hand zu reißen.

Jim hielt das Messer noch immer in der Hand und besah es. Die Perlmutterschale glänzte im Mondschein. Er kannte dieses Messerchen noch sehr gut.

»Das ist das Messer, welches ich Nelly gab,« fauchte er, »und jetzt, jetzt endlich erkenne ich dich. Du selbst bist Nelly.«

»Ja, ich bin Nelly, die dir gefolgt ist.«

»Wie konnte ich dich nicht erkennen?«

»Die abgeschnittenen Haare, die Uniform, wie konntest du überhaupt ahnen – doch, lieber Jim, laß das alles jetzt! Noch sind wir nicht dem Tode entronnen. Das Messer mußt du erst von meinem Halse lösen, und ich glaube, das ist noch die schwerste Arbeit.«

Es war auch so. Beide neigten sich so weit wie möglich nach vorn, und Jim versuchte, die Lederschleife über den Kopf Nellys zu streifen, aber so unzählige male er es auch versuchte, es gelang ihm nicht. Die Lederschnur blieb entweder an den Ohren oder am Hinterkopf hängen.

Bob – oder Nelly, wie wir jetzt wenigstens sagen wollen – stöhnte, sie konnte die Stellung nicht mehr aushalten.

»So wird es nichts, lieber Jim,« klagte sie, »versuche die Schnur zu zerreißen.«

»Die Lederschnur? Das geht nicht.«

»Es muß. Rucke, ziehe, reiße tüchtig, schone mich nicht, und wenn mir auch der Kopf dabei abbricht. Wenn du nur das Messer frei bekommst, damit du deine Stricke zerschneiden kannst.«

Jim zog denn auch, ruckte und riß, Nelly forderte ihn auf, sich immer mehr anzustrengen, sie nicht zu schonen, sie biß die Zähne immer fester zusammen, um ihren Nacken mußte ein blutiger Streifen entstanden sein, aber es ging nicht.

»Nichts! Ich gebe die Hoffnung auf,« sagte Jim und ließ das Messer mutlos fallen.

»Nun, so wollen wir uns auf den Tod vorbereiten. Hör, wie der Panther jetzt schnell näherkommt,« entgegnete Nelly. »Sage, liebst du mich wirklich Jim?«

»Ach, Nelly, wie kannst du fragen! Ich habe dich gleich von Anfang geliebt, als ich dich gesehen, aber du weißt jetzt selbst, wie wir Soldaten die Mädchen zu behandeln gewohnt sind; ich habe viel und oft an dich gedacht, mich gesehnt, dich wiederzusehen, und jetzt, da ich dich erkannt habe, möchte ich weinen, daß du mir wieder verloren gehst.«

»Weine nicht, Jim! Wenn wir sterben, so sterben wir ja zusammen und werden ja gleich wieder vereint. Du hast mich wirklich nie erkannt?«

»Wenn ich dich sah, so mußte ich immer an Nelly denken, aber wie konnte ich ahnen, daß du diese selbst seiest?«

»Ich ließ mich kurz vor der Abreise, verkleidet als Trommeljunge anwerben. Vorher schnitt ich mir die Haare ab und schickte sie dir.«

»So warst du wohl jener Trommeljunge, der neben mir stand, als ich den Brief öffnete?«

»Ja, ich fragte dich noch, ob du ihn von einer Braut bekämst, die du treulos verlassen hättest.«

»Und ich sagte, da wären schon Löcher drin.«

»Weil du ein Mädchen bist, wußtest du auch so bestimmt, daß man dich nicht schlagen würde, als du aus Unmut die Trommel fortwarfst und mit ihr Fußball spieltest.« »Natürlich! Wenn man mich schlagen wollte, hätte ich mich als Mädchen zu erkennen gegeben, aber dann hätte ich dich nicht mehr begleiten können.«

»So wurdest du nur Trommeljunge, um mich zu begleiten?«

»Einmal das; aber weißt du, lieber Jim, dann wollte ich auch zeigen, daß ein irisches Mädchen ebenso wie ein Mann alle Strapazen in den Kolonien durchmachen kann. Du hattest es damals bezweifelt.«

»Du warst es auch, der dem Hornisten im Turm das Zeichen zum Alarmsignal gab?«

»Ich gab es ihm nicht, sondern ich blies es selbst auf der Hand, als ich die Meuterer anrücken sah. Ach, hätte ich doch jetzt nur eine Hand frei, vielleicht würde mein Signal gehört.«

»Arme Nelly, was hast du alles für mich gelitten!«

»Gar nichts, ich tat es gern. Was hat mir es damals für Freude gemacht, als ich das schändliche, schamlose Weib so prügeln konnte!«

»O, Nelly, erinnere mich nicht in meiner letzten Stunde daran, in der Stunde des Wiedersehens und des Abschiedes! Die Scham würde mir noch im Todeskampf zu Kopf steigen, dächte ich daran, was ich damals getan habe.«

»Du brauchst es dir nicht so zu Herzen zu nehmen, lieber Jim; das Weib hatte es nur darauf abgesehen, dir die geheimen Papiere abzunehmen, und wie ihr Männer seid, wenn ein Weib etwas von euch haben will, na, das wissen wir ganz genau.«

»So zürnst du mir nicht, Nelly?«

»Ganz und gar nicht. Ein scharfes Auge muß man auf euch Männer eben immer haben.«

»Du hast es auch stets auf mich gehabt.«

»Ja, lieber Jim, du warst immer etwas leicht.«

»Du bist mir auf Schritt und Tritt gefolgt.«

»War auch sehr nötig bei dir. Weißt du, eifersüchtig bin ich überhaupt ein bißchen, und das hat dir gar nichts geschadet.«

»Im Gegenteil! Ach, nun weiß ich auch, Nelly, warum du neulich in der Festung nicht mit mir in einem Bett schlafen wolltest.«

»Weißt du es nun endlich? Darum mußte ich auch immer so furchtbar lachen. Wenn der wüßte, dachte ich, daß ich ein Mädchen, und daß ich sogar die Nelly bin!«

»Sag mal, Nelly, wie lange wolltest du nun eigentlich den Trommeljungen spielen?«

»Bis wir wieder nach England kamen. Dann wollte ich mich dir und allen anderen zu erkennen geben und sagen: Seht, ihr denkt immer so schlecht von uns Mädchen, aber wir können ebensoviel wie ihr Männer, und wenn es der Königin einmal an Soldaten fehlt, dann laßt mich als Werbetambour durch die Straßen ziehen, und aus allen Teilen Großbritanniens werden die Mädchen zusammenströmen und mir folgen. Na, nun ist's zwar schon verraten, wer ich bin, aber du darfst es niemandem sagen, Jim, ich bleibe nach wie vor Bob, der Trommeljunge, und wir bleiben Kameraden wie vorher.«

»Gott bewahre, ich verrate nichts, und ich werde auch nie Nelly zu dir sagen ...«

Die beiden hatten ganz vergessen, in welch furchtbarer Lage sie sich befanden. Da erscholl dicht neben ihnen ein donnerndes Geheul, sie sahen einen mächtigen Panther, lang ausgestreckt, zum Sprunge bereit, auf sich zuschleichen, und sie kamen wieder zum Bewußtsein ihrer Lage.

»Gott sei uns gnädig, Nelly!« stammelte Jim.

»Lebe wohl, mein lieber, lieber Jim!«

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