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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 17
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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17. Zum Tode verurteilt

Drei Tage hatte Reihenfels Gefangenschaft gewährt, als ihm die Stunde der Erlösung schlug. Während dieser Zeit hatte er ängstlich darauf gewartet, daß eine Detonation erfolge, welche von der Sprengung der steinernen Brücke herrühre. Weder eine solche vernahm er noch Waffenlärm und Kriegsgeschrei.

So war der Plan, den er belauscht, entweder aufgeschoben, oder aufgehoben worden, und seine Gefangenschaft hatte weiter keine üblen Folgen gehabt. Was Franziskas Befreiung anbetraf, so baute er auf Begas Wort.

Von seinem Wärter konnte er nichts erfahren, denn es war ein blödsinniger Alter, wenn er sich nicht so stellte. Er versorgte ihn mit allem, was er verlangte. Die Sachen wurden von unsichtbarer Hand an einem Strick im Korbe durch das Loch in der Decke herabgelassen.

Am Abend des dritten Tages öffnete sich zum ersten Male wieder die eiserne Tür, und Bega trat ein. Reihenfels sah ihre Gestalt, die er nicht zu verkennen glaubte, er hörte ihre Stimme und fühlte ihre Lippen auf den seinen. In dem Gemach herrschte ein mattes Dämmerlicht; sehen konnte er dabei das Gesicht nicht, vor welchem nur für einen Augenblick der Schleier gelüftet wurde.

Das Wiedersehen war nur äußerst kurz; das Mädchen ließ sich auf keine Unterhaltung ein; sie drang darauf, daß Reihenfels ihr sofort und ohne Zögern folge, denn nur jetzt, sei es möglich, die Torwache zu passieren.

Die Wächter hielten die beiden nicht an, sie waren wahrscheinlich vorher instruiert worden. Reihenfels stand vor dem Tor und glaubte sich auf der Seite, wo die Brücke liegen mußte.

Seine Begleiterin bestätigte es.

»Wird man dich nicht, wenn du nun bei den Deinen anlangst, als Spion festnehmen, weil du aus Delhi kommst?« fragte sie.

»Die Nennung meines Namens wird jeden Irrtum aufklären.«

»Dennoch kannst du in Gefahr kommen, es kann nach dir geschossen werden.«

Bega hatte recht, er war in indischer Uniform.

»Ich habe schon daran gedacht,« fuhr sie fort, ihm das Bündel gebend, das sie mitgebracht hatte, »hier ist ein europäisches Gewand, ziehe es an, sobald du in der Nähe des Lagers bist.

Vorläufig bist du in dieser Uniform sicherer; denn auch in der Umgegend von Delhi streifen unsere Patrouillen umher. Solltest du dennoch in Unannehmlichkeiten kommen, so schützt dich diese Karte. Doch suche jedem auszuweichen. Vergiß das nicht.«

Reihenfels nahm sie und versuchte zu lesen, was darauf geschrieben stand, konnte aber in der Finsternis nichts erkennen.

»Du gehst also von hier aus nach der Brücke. Erst hinter den Schanzgräben kleidest du dich um.«

»Erst hinter ihnen? Ich denke, bevor ich in das englische Revier komme, muß ich dies tun.«

»Ach so! Du kannst ja nicht wissen, daß diese Schanzgräben sich in unseren Händen befinden.«

»Wie?«

»Wir zerstören sie nicht, sondern benutzen sie gegen die Engländer. Brahma und dein Gott segne dich! Lebe wohl, und auf Wiedersehen, Geliebter!«

Reihenfels konnte sie nicht mehr zurückhalten; denn schon war sie verschwunden, und er hätte sich so gern mit ihr unterhalten, ihm lag so viel auf dem Herzen, das er ihr sagen mußte.

Abermals war ihm die Gelegenheit dazu geraubt.

Über ihm waltete ein grausames Schicksal. Stets, wenn er sich mit Bega vereint glaubte, wurde er wieder von ihr getrennt, Irrtum folgte auf Irrtum, und nie kam er dazu, ihr das zu sagen, was ihm das Wichtigste erschien. Entweder hinderten ihn seine augenblicklichen Gefühle oder ein Zufall daran.

Unter solchen Gedanken schritt er, das Bündel unter dem Arme, dahin, ohne angehalten zu werden. Er trug die vollständige Uniform der indischen Sepoy-Offiziere, nur der Säbel fehlte, den Bega ihn nicht hatte umschnallen lassen.

Da war es ihm, als hörte er Stimmen flüsternd sprechen, und der Ermahnung eingedenk, einer Begegnung möglichst auszuweichen, blieb er stehen.

Bega hatte vollkommen recht gehabt. Wurde er hier festgenommen, so konnte er leicht eine üble Behandlung erfahren, ehe er seine Legitimation vorzeigen konnte, und wer weiß, ob man ihm auch dann Glauben schenkte.

Die Stimme näherte sich; Reihenfels schritt leise zur Seite und verbarg sich hinter einem Busch, um die Patrouille vorbeizulassen. Er befand sich noch weit entfernt von den Schanzgräben, und diese waren ja im Besitz der Rebellen, wie Bega ihm gesagt hatte, und sie wußte es sicher bestimmt.

Die Stimme entfernte sich wieder, schon wollte sich Reihenfels wieder erheben, als sich plötzlich jemand auf ihn warf und ihn mit Gewalt am Aufstehen verhinderte.

»Zu Hilfe, ein Spion!« gellte der Ruf durch die Nacht, und im Nu sah sich Reihenfels von dunklen Gestalten umringt.

Ehe er sich versah, war er gebunden und stand in der Mitte der ihn Umringenden, in denen er Indier erkannte. Natürlich hielt er sie für Rebellen, doch zu unterscheiden von denen, welche den Engländern treu geblieben, waren sie nicht, denn die Sepoys beider Mächte trugen dieselbe Uniform. »Ein Sepoy-Offizier!« rief einer und trat vor den Gefangenen. »Wen haben wir da? Zu wem hältst du, zu den Rebellen, oder zu den Engländern?«

»Zu keinem von beiden, ich bin weder das eine, noch das andere,« entgegnete Reihenfels.

»Oho, das ist eine seltsame Antwort! Du kommst aus Delhi?«

»Ja.«

»So bist du ein Rebelle!« Das Wort Rebelle täuschte Reihenfels.

»Ich komme aus Delhi und will allerdings in das englische Lager. Wenn ihr Rebellen seid, so gebt mir die Hände frei, und ich will euch zeigen, daß ihr mich ungehindert ziehen zu lassen habt.«

Ein Hohngelächter schnitt ihm das fernere Wort ab.

»So hältst du uns wohl für Meuterer?« lachte ein anderer als der vorige Sepoy.

Reihenfels erschrak. Doch war er unter zu den Engländern Gehörenden geraten, so schadete das ja auch nichts weiter.

»Seid ihr Engländer?«

»Nicht Engländer, aber wir halten zu diesen.«

»So bringt mich zu eurem Kommandeur.«

»Oho, Bursche, du trittst auf, als hättest du hier zu befehlen! Wir treffen dich, wie du dich vor uns verstecken willst, obwohl du dich auf englischer Seite befindest. Was willst du hier? Was hast du hier zu suchen? Antwort, Bursche, oder wir hängen dich sofort auf. Wir haben das Recht dazu, dies merke dir.«

»Ich verlange, vor euren Kommandeur geführt zu werden.«

»Du kannst viel verlangen. Antwort: Bist du ein Spion?«

»Nein.«

»Was hast du hier zu suchen?«

»Das werde ich eurem Kommandeur sagen.«

Unter den Männern entstand ein Geflüster, nach dessen Beendigung sie Reihenfels in die Mitte nahmen und fortführten.

Erst nach längerem Marsch erreichten sie die Schanzgräben, an denen gearbeitet wurde, und jetzt erst erkannte Reihenfels, daß Bega ihm, jedenfalls unwissentlich, eine Unwahrheit gesagt hatte. Sie befanden sich noch immer in den Händen der Engländer, diese arbeiteten nach wie vor an ihnen, wenigstens auf dieser Seite. Vielleicht waren sie ihnen auf anderen Stellen verloren gegangen.

Ferner erkannte Reihenfels im Scheine der Fackeln, welche den Arbeitern leuchteten, daß er Indier von der Burani-Armee vor sich hatte, und dies erfüllte ihn mit neuer Besorgnis.

Die Buranis gehörten einem westlich an den Abhängen des Himalajagebirges wohnenden Volksstamm an, wild, verwogen und beutelustig, ein Räubervolk, und es war bekannt, daß es sich die Engländer viel Geld hatten kosten lassen, diese Krieger für ihre Zwecke zu werben.

Wer sie bezahlte, dem dienten sie, ohne sich um weiteres zu kümmern. Sie besiegten den Feind, dann nahmen sie die Beute und stillten ihre Wut an den Gefangenen. Es waren tüchtige Krieger, aber sie gingen über, wenn der Feind mehr bezahlte. An Grausamkeit und Selbstsucht übertrafen sie alle anderen Indier.

Wachtfeuer flackerten auf, andere Soldaten kamen ihnen entgegen, und mit Freuden sah Reihenfels unter ihnen auch einen englischen Offizier.

»Ein Sepoy-Offizier ohne Degen,« rief dieser. »Was soll das heißen? Es ist kein Indier.«

»Wir haben ihn gefangen, wie er einer ihm begegnenden Patrouille ausweichen wollte, indem er sich versteckte,« meldete ein Burani, »es ist ein Spion, wir wollten ihn hängen, aber vielleicht kann er etwas gestehen.«

»Sie sind kein Indier, mein Herr?« redete der Offizier Reihenfels auf englisch an.

»Nein, wenn Ihnen aber der Name Oskar Reihenfels bekannt ist, ich bin dieser. Genügt Ihnen das, um zu beweisen, daß ich kein Spion bin?« Die Wirkung dieser Worte war eine ganz andere, als Reihenfels erwartet hatte.

»Oskar Reihenfels? Ah, das paßt ja vortrefflich! Einen solchen Fang zu machen, hatte ich heute abend nicht mehr vermutet. Sie kommen aus Delhi?«

Reihenfels kannte den Offizier nicht. Er war nicht jung und hatte aller Wahrscheinlichkeit nach indisches Blut in seinen Adern, wie die Buranis überhaupt nur ungern ein fremdes Kommando duldeten.

»Sie scheinen sich in meiner Person zu täuschen,« entgegnete er. »Wenn ich Ihnen meinen Namen genannt habe, so kann Ihnen das keinen Anstoß geben. Bitte, melden Sie mich dem Kommandeur dieser Truppe und senden Sie nach General Wilson oder Lord Canning, daß sie von meinem Hiersein erfahren.«

»Der Kommandeur der Buranis bin ich,« entgegnete der Offizier, seinem Abzeichen nach ein Kapitän, stolz, »und wenn Sie sich auf Lord Canning und General Wilson berufen, so begehen Sie ein Versehen. Vom Generalstab ist mir der Befehl zugegangen, Oskar Reihenfels zu verhaften, wenn er unser Lager betritt.«

»Nicht möglich!« stieß Reihenfels hervor.

»Sie stehen im Verdacht der Spionage; jeder englische Offizier ist beauftragt, Sie zu durchsuchen. Lassen Sie sehen, was Sie bei sich tragen!«

Als hätten die Soldaten nur darauf gewartet, so begannen sie sofort mit der Untersuchung des Gefangenen. Das erste war das Bündel, und bestürzt sah Reihenfels, wie die Soldaten vor seinen Augen dieselbe Kleidung auspackten, die er bei seiner abenteuerlichen Unternehmung im Anfang getragen hatte.

»Ist dies Ihre Kleidung?« fragte der Offizier scharf.

»Ja, aber ...«

»Genug, kein Aber, Sie haben bejaht. In derselben Kleidung sind Sie gesehen worden, als Sie unser Lager verließen. Wie kommen Sie eigentlich zu der Uniform der Sepoy-Offiziere?«

Reihenfels stieg plötzlich das Blut zu Kopf. Wie, man behandelte ihn wirklich als Spion? »Ihre Fragen sind unerhört,« rief er mit starker Stimme, »ich verlange, augenblicklich vor Lord Canning geführt zu werden, in dessen Auftrag ich gehandelt habe!«

»Sparen Sie solche Verteidigungsmittel für später auf, wenn sie Ihnen überhaupt noch etwas nützen können. Lord Canning werden Sie wohl nicht wiedersehen. Leutnant Sulivan!«

Zum freudigen Erstaunen von Reihenfels trat Mac Sulivan, der seine Rettung aus dem Felsentempel der Thags hauptsächlich ihm zu verdanken hatte, in den Kreis. Doch der sorglose Zug in dem Gesicht des leichtlebigen, jungen Offiziers war verschwunden, Trauer war jetzt darauf ausgedrückt.

»Untersuchen Sie den Gefangenen,« befahl der Kapitän, »visitieren Sie seine Taschen.«

Die Karte kam zum Vorschein, welche Bega ihm eingehändigt hatte, und noch andere Papiere, von deren Vorhandensein er gar nichts gewußt hatte.

Schon die Art, wie der Kapitän die Karte las, war besorgniserregend, immer wieder schüttelte er den Kopf und warf dem Gefangenen mißtrauische Blicke zu.

Dann nahm er ein Federmesser, schabte an den Rändern der Pappe und zog zur größten Bestürzung von Reihenfels aus der ersten Karte eine zweite hervor, die voll beschrieben war.

»Das ist ein alter Witz!« lachte der Kapitän. »Wenn die Rebellen keine andere List kennen, um Spionage zu treiben, so ist es schlecht mit ihnen bestellt. Nun wollen wir die andern Lumpen untersuchen.«

Er beschäftigte sich mit den früheren Kleidern von Reihenfels, die zusammengepackt gewesen waren, und tat dabei gerade, als hätte er es mit den Kleidern eines Aussätzigen zu tun.

Reihenfels Blut kochte, aber sein Zorn über diese Behandlung verwandelte sich in neuen Schrecken, als er die Kleider unter den Händen des Kapitäns knistern hörte, als dieser das Futter aufschnitt und ein Papier nach dem anderen hervorbrachte. »Aha, immer mehr Beweise! Das bricht dir vollends den Hals, Schurke! Schade, daß du nur eines Todes sterben kannst! Hörst du, wie sie dort drüben aufheulen? Das sind die Gurgghas, die soeben erfahren, daß der Schuft gefangen worden ist, der ihren Führer verraten hat. Gnade dir Gott, wenn du denen in die Hände fällst.«

»Das ist nicht wahr,« brauste Reihenfels auf, »hier waltet ein Irrtum oder ein furchtbarer Betrug ob. Diese Papiere – ich weiß gar nicht, was sie enthalten –-sind ohne mein Wissen in meine Kleider praktiziert worden. Mein Name ist Oskar Reihenfels, ich verlange, vor den Generalgouverneur oder vor den Oberbefehlshaber dieser Truppenmacht geführt zu werden.

Dann wird sich der Irrtum sofort aufklären, und Sie, Kapitän, werden sich genötigt sehen, mir Abbitte für die schmachvolle Behandlung zu leisten, die Sie mir zuteil werden lassen.«

»Gemach, mein Bursche, setze deine Worte anders, oder auch ich rede anders, handgreiflicher zu dir. Mit solchen Gesellen, wie du einer bist, macht man wenig Federlesens. Ja ja, mit deiner Liebschaft mit der Begum wird es nun wohl ein Ende haben.

Dich holt der Teufel, wie er auch bald das tolle Mädchen holen wird. Fort mit dem Schuft! Leutnant Sulivan, Sie bürgen mir für den Gefangenen.«

Reihenfels wußte nicht, ob er wache oder träume. Er ein Spion? Sein Verhältnis zu Bega war selbst dem Anführer dieser wilden, rohen Buranis bekannt? Er ward in die Mitte genommen und nach einem Zelt gebracht, das ihm vorläufig als Aufenthalt dienen sollte. Ehe er es betrat, sah er noch, wie Sulivan ringsum einen Gürtel von Posten aufstellte, und hörte die scharfe Instruktion, beim Fluchtversuch des Gefangenen auf diesen zu schießen. Fehlschüsse würden schwer bestraft werden.

Dann wurden Reihenfels die Fesseln gelöst, und er war allein.

Lange Zeit lag er in dumpfem Brüten auf dem Teppich des Zeltes. Er konnte seine Lage noch gar nicht fassen, es kam ihm alles wie ein Traum vor. Nur das strahlte wie ein helles Licht in dem dunklen Gewirr, welches seine Seele umnachtete, daß Lord Canning und jeder andere Offizier, der die Sache zu entscheiden hatte, von seiner Unschuld überzeugt sei.

Der einzige, welcher in Indien über Leben und Tod zu entscheiden hatte, war der Generalgouverneur, früher im Frieden, nach dem neuen, königlichen Erlaß auch jetzt im Kriege. Doch etwas anderes war es mit Spionen. Jeder Offizier, der jemanden bei Spionage, bei Verräterei oder im Begriff, zum Feinde überzugehen, fand, hatte das Recht und die Pflicht, ihn einfach zu untersuchen, zu verhören und aufzuknüpfen, wenn er es nicht für gut hielt, ihn wegen genaueren Verhörs dem Kriegsgericht, an dessen Spitze Lord Canning stand, vorzuführen.

Dies alles wußte Reihenfels. Sollte es dem Kapitän etwa einfallen, ihn so ohne weiteres zu verurteilen? Nein und abermals nein, er konnte diesen Gedanken nicht fassen.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als jemand das Zelt betrat. Es war Mac Sulivan.

»Armer Freund,« redete er den schlaflos Daliegenden an, »ich kann mir denken, wie Ihnen zumute ist. Was in aller Welt kann Sie aber auch veranlassen, ein so tolles, waghalsiges Spiel zu treiben? Freilich, Sie stehen auf keiner von beiden Seiten; aber trotzdem, Sie hätten Ihre Finger doch nicht so der Gefahr des Verbrennens aussetzen sollen.

Ich sage es ja immer: diese verfluchten Weiber!«

Halb erstaunt, halb entrüstet richtete sich Reihenfels auf.

»Wie, auch Sie, Leutnant Sulivan, halten mich für einen Spion? Es ist nicht möglich.«

Er sah nicht das ungläubige Achselzucken des Offiziers.

»Wissen Sie, heutzutage ist alles möglich; es ist alles schon dagewesen, sagte Ben Akiba.

Sie sind wirklich unschuldig?«

»Ich antworte gar nicht auf solche Fragen. Aber ich bitte wenigstens um die Erklärung, was mich denn eigentlich in den schrecklichen Verdacht bringt.«

»Die Papiere, die man bei Ihnen gefunden hat.«

»Kenne ich nicht, man hat sie mir untergeschoben.« »Was haben Sie denn in Delhi zu suchen gehabt? Sie verstehen, ich frage nicht etwa als Richter, sondern nur, damit Sie sich auf das Verhör präparieren können.«

»Ich muß verhört werden?«

»Nun, das ist nicht gerade nötig, es ist schon lange über Sie disputiert worden.«

»Über mich? Himmel, ich begreife das alles nicht!«

»So antworten Sie mir doch! Was haben Sie denn in Delhi zu suchen gehabt?«

»Lord Canning hat mich hingeschickt.«

»Hören Sie, den lassen Sie aus dem Spiele! Ich glaube, Reihenfels, Sie sind ein ehrlicher Kerl, aber mit Ihrer Sache steht es verflucht faul, und vor allen Dingen rate ich Ihnen, nicht noch andere mit hereinzureißen. Im ganzen Lager herrscht eine wahre Empörung gegen Sie, man dürstet förmlich nach Ihrem Blute.«

»Gegen mich, der ich gezeigt habe, daß ich mein Leben für die Sache der Engländer gern opfere? Habe ich mich nicht, als Brahmane verkleidet, durch die Reihen der Feinde geschlichen und General Nicholson benachrichtigt? Habe ich nicht ganz allein versucht, den Gefangenen der Thags zu Hilfe zu kommen? Es ist mir unbegreiflich, wie mir jemand die Spionage vorwerfen kann.«

»Es ist alles wahr, was Sie da sagen. Ja, Sie haben Großes vollbracht, und ich muß Ihnen meinen Dank zollen; denn mir haben Sie schließlich auch das Leben gerettet. Aber man ist zu der Ansicht gekommen, daß Sie das alles nur aus Egoismus getan haben.«

»Aus Egoismus?«

»Nun ja, nicht direkt aus Egoismus. Es galt ja immer, Ihre Familienangehörigen zu retten, einmal Ihre ganze Familie, dann Ihre Schwestern.«

»Schändlich!« knirschte Reihenfels.

»So geht das Gerücht, und dann heißt es auch, Sie hätten sich nur darum so um England – denn im Grunde genommen sind Sie doch kein Engländer – verdient zu machen gesucht, um desto besser und sicherer die Spionage betreiben zu können.«

»Schändlich!« stieß Reihenfels abermals hervor. »Ich bitte Sie, Leutnant, mich in Ruhe zu lassen, wenn Sie mich für einen Spion halten.«

»Nicht doch, es kann ja sein, daß Sie unschuldig sind, oder daß die Sache gar nicht so schlimm ist, wie man sie macht. Gott, ich habe manchen harmlosen Streich begangen, weswegen man mich gleich aus der Armee stoßen wollte. Freilich, die Liebelei mit der Begum hätten Sie nicht anknüpfen sollen.«

»Was weiß man denn davon?«

»Gestern ist ein indischer Offizier aufgeknüpft worden, der sich als Spion entpuppt hat.

Vor seinem Tode machte der Schuft Geständnisse; er verriet seine Kollegen, und unter diesen waren auch Sie.«

»Das war eine Lüge,« schrie Reihenfels wild auf; »der Mann war bestochen, mich zu verdächtigen!«

»Ja, er hat aber gesagt, Sie versuchten mit der Begum eine Liebelei anzuknüpfen, und um ihre Gunst zu erwerben, hätten Sie ihr Ihre Dienste als Spion angeboten. Sie wären schon längst als solcher tätig; er, der Gehangene, stände mit Ihnen in innigem Verkehr.«

Reihenfels ächzte, er sah sich als Opfer einer Intrige. Dieser Verleumder hatte sein Geständnis sogar mit dem Tode bestätigt.

»Daraufhin nahm man Ihre Sachen in Beschlag, untersuchte die Koffer und fand Aufzeichnungen der englischen Truppenmacht, Stellungen, Festungspläne, von Ihnen gezeichnet, ein Notizbuch, welches gegen Sie ungeheuer belastend wirkt, und schließlich auch die Korrespondenz mit Führern der Meuterer.«

»Es ist erbärmlich. Und was sagen die Richter, was Lord Canning?«

»Die Generäle, denen die Beweise Ihrer Schuld vorgelegt wurden, und welche Sie alle hoch achteten, zuckten die Schultern und meinten, man könne nicht eher etwas machen, als bis Sie zur Stelle wären; denn Sie waren mit einem Male spurlos verschwunden. Niemand wußte, wohin, und das war für Sie auch nicht gerade günstig.«

»Und Lord Canning?«

»Der hat gestern das Lager verlassen, ich weiß nicht, wohin er gereist ist. Es wurde ihm sofort Meldung von dem Vorgefallenen nachgeschickt, nun erwarten wir seine Antwort.«

»Wenn er davon erfährt, wird er sofort hierher eilen, mich auf freien Fuß setzen und meine Ehre wiederherstellen. Auch die übrigen werden es tun, sobald sie hören, daß ich hier bin.«

»Na, na, bauen Sie nicht zu sehr darauf. Wie in aller Welt kommen Sie denn nur zu der Karte, die man bei Ihnen fand?«

»Welche Karte?«

»Die Sie in der Brusttasche trugen.«

Es war also die, welche ihm Bega mit dem Bemerken gegeben hatte, er könne sich mit ihr legitimieren. Ein furchtbarer Verdacht stieg plötzlich in dem Unglücklichen auf.

»Was stand darauf?«

»Wissen Sie es wirklich nicht?«

»Bei allem, was mir heilig ist, bei den Häuptern meiner Eltern, ich weiß es nicht.«

»Merkwürdig! Die Karte war an jenen Offizier adressiert, der gestern gehängt worden ist, aber sie war doppelt, man konnte noch eine andere herausziehen – übrigens ein schon sehr alter Kniff – und diese andere Karte enthielt für den Offizier die Aufforderung, Ihnen, dem Überbringer, den Plan der Schanzgräben zu geben. Man hat auch bei jenem Offizier eine Kopie des Belagerungsplanes vorgefunden.«

Reihenfels wagte kaum noch zu atmen, der Verstand wollte ihm versagen. So hatte ihn also Bega selbst auf solch erbärmliche Weise verraten, nein, nicht verraten, sondern – es gab keinen Ausdruck dafür.

»Und was enthielten die anderen Papiere?« fragte er dann leise.

»Ähnliche Aufforderungen, Befehle, Fragen und so weiter, immer an jene gerichtet welche jetzt an Ästen baumeln.«

»Keiner lebt mehr von ihnen?«

»Nein, jener Offizier hat sie alle angegeben, sie sind sofort gelyncht worden.«

»Nun, ich lasse den Mut nicht sinken; wenn mir das Herz auch gebrochen ist, meine Ehre will ich doch wiederherstellen, und leicht soll es mir auch werden. Wenn nur erst Lord Canning erscheint! Haben Sie sonst noch eine Hiobsbotschaft? Sprechen Sie sich aus, damit ich alles erfahre.«

»Nun, es ist auch noch ein Überläufer ins Lager gekommen, der bringt einen Zettel von dem gefangenen Dollamore. Dieser schreibt, Sie, Mister Reihenfels, hätten wahrscheinlich den verräterischen Überfall möglich gemacht, durch den er in die Hände der Feinde fiel, er hätte Sie auch in Delhi gesehen, wie Sie mit den indischen Heerführern freundlich sprachen, und er warnt uns vor Ihnen, wir sollen Sie dingfest machen, sobald Sie sich wieder zeigen.«

»Schändlichkeit über Schändlichkeit!« stöhnte Reihenfels. »Alles Lug und Trug, wohin ich auch sehe! Allerdings hat mich Dollamore in Delhi erblickt; aber warum dieser Verdacht? Ha, ich entsinne mich, wie er sich verächtlich von mir abwandte; aber warum nur? Nur darum, weil er mich in Delhi sah?«

»Ja, warum waren Sie denn nur in Delhi? Was hatten Sie denn dort zu suchen?«

»Ich war dort auf Veranlassung von Lord Canning.«

»Um Gottes willen, stürzen Sie sich nicht durch solche haarsträubende Aussagen in noch größeres Unglück.«

»Kann denn mein Unglück überhaupt noch größer werden als es schon ist?« lachte Reihenfels bitter. Ich nehme nichts zurück, ich war auf Veranlassung von Lord Canning dort, und er selbst wird es bezeugen.« »Auch ein alter Jude ist im Lager erschienen, der Sie als Spion bezeichnet. Er sagte, um Ihre Schwester zu befreien und hauptsächlich, um die Gunst der Begum, die Sie leidenschaftlich liebten, zu gewinnen, hätten Sie sich erboten, gegen die Engländer für die Rebellen zu arbeiten.«

»Ein alter Jude? Ist sein Name Sedrack?«

»Ja, so heißt er. Er will Sie ganz genau kennen und ist erbötig, gegen Sie aufzutreten und die schlagendsten Beweise für Ihre Verräterei zu geben.«

»O weh, diese Intrige ist fein geknüpft, und ich glaube, ich selbst könnte nichts dagegen machen. Was aber bezweckt man nur damit? Es scheint, als ob man mich vernichten wollte, aber nicht einfach durch den Tod, sondern man will mich ehrlos sterben lassen. Lord Canning, wann kommst du, mich zu retten!«

Reihenfels versank in verzweifeltes Grübeln, und der leichtsinnige Offizier war so erschüttert, daß er ihn lange nicht zu stören wagte.

»Sie hoffen wirklich auf Lord Canning?« fragte er dann.

»Ich sehe, nur er kann mir jetzt noch Rettung bringen. Wohin ist er gereist?«

»Das ist nur dem Generalstab bekannt. Die erste Ordonnanz wird ihn schon erreicht haben.«

»Dann wird er sofort umkehren und mich rechtfertigen. Was ist mein vorläufiges Los?«

»Jetzt sind die Sachen, die man bei Ihnen gefunden hat, nach dem Hauptlager hinübergebracht worden. Der Kriegsrat wird sie wohl untersuchen und an Lord Canning darüber Meldung machen.«

Nach längerem Überlegen ergriff Reihenfels des jungen Offiziers Hand.

»Sprechen Sie offen, Leutnant, halten Sie mich für einen Spion?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich's im Innern meines Herzens tue! Aber was soll man machen? Alle Welt sagt, Sie seien ein Spion, meine Vorgesetzten behaupten es, und kann ich gegen den Strom schwimmen, wo ich keine Gegenbeweise zu bringen vermag?«

»Sie haben recht, Ihre Beteuerungen meiner Unschuld würden mir gar nichts nützen, vielmehr würden Sie sich nur Unannehmlichkeiten aussetzen. Glauben Sie, daß meine Lage wirklich so schlimm ist, wie sie aussieht?«

»Leider muß ich das bejahen.«

»Kann man mir ohne weiteres den Prozeß machen?«

»Ja, den Kriegsgesetzen nach.«

»So könnte mich Ihr Kapitän schon zum Tode verurteilen?«

»Nein, das kann er nicht. Ihre Sache ist schon vors Kriegsgericht gekommen, dessen Vorsitzender Lord Canning ist. Dieser muß Ihr Todesurteil unterschreiben, wenn er nicht einen Stellvertreter während seiner Abwesenheit ernannt hat, was diesmal nicht geschehen ist, soviel ich weiß.«

»Nun, dann bin ich nicht verloren. Lord Canning wird mir sofort beistehen, wenn er von meiner Lage erfährt. Aber trotzdem, es kommt mir fast vor als wäre von mächtiger Seite aus mein Tod beschlossen worden, und die Intrigen sind so fein eingefädelt, daß ich meinen Feinden alles zutraue. Leutnant Sulivan, wollen Sie mir einen Dienst erweisen?«

»Wenn ich kann, natürlich. Haben Sie doch Ihr Leben nicht geschont, um meins zu erhalten.«

»Ich will Ihnen jetzt keine Geständnisse machen – denn ich hoffe leben zu bleiben – indem ich Ihnen erzähle, was mich nach Delhi geführt, daß mich also nicht der verurteilen wird, in dessen Auftrag ich gehandelt habe. Dem will ich dann das gestehen, was ich in Delhi gesehen und gehört habe. Verstehen Sie mich?«

»Nicht ganz.«

»Nun, sollte doch mein Leben bedroht werden, dann bitte ich Sie, Einsprache dagegen zu erheben. Dann bitte ich Sie, die Vollstreckung meines Urteils so lange hinzuhalten, bis mir die Möglichkeit verschafft ist, vor das Kriegsgericht und besonders vor Lord Canning selbst zu kommen; denn sollte ich zum Tode verurteilt werden, ohne vorher vernommen zu sein – was bei den Spionen der Fall ist – so handelt das Kriegsgericht in einem Irrtum, der von meinen Feinden künstlich hervorgerufen worden ist; Lord Canning dagegen weiß gar nichts von meiner Lage.«

»Sie meinen, Sie sind das Opfer einer Intrige?«

»So ist es. Meine Erzählung soll Ihnen erklären, wie Lord Canning nimmermehr ein Urteil über mich fällen kann, ehe er mich nicht gesprochen hat. Hören Sie mich an.«

Reihenfels erzählte mit kurzen Worten, ohne Einzelheiten zu berühren, wie Franziska, seine Schwester Lord Cannings Braut, in Delhi gefangen sei und wie er mit der Einwilligung Lord Cannings ihre Befreiung unternommen habe. Unter ungeheuren Schwierigkeiten sei er, als Sepoy-Offizier verkleidet, in die belagerte Stadt eingedrungen, auch in das Haus in welchem er die Schwester vermutete, habe diese aber nicht darin gefunden. Auf der Straße sei er allerdings von Dollamore gesehen worden. Dann habe er den Rückweg angetreten. Wie er zu den Papieren gekommen sei, wisse er nicht. Er habe den Anzug öfters wechseln müssen, und dabei seien sie ihm wahrscheinlich zugesteckt worden.

Alles andere ließ er unberührt, er erwähnte nichts von Eugen und Bega noch von den unterirdischen Bewohnern Delhis, denn er hielt Sulivan nicht für die geeignete Person, der er alles anvertrauen konnte. Nur, falls er seinen unvermeidlichen Tod vor Augen sah, hätte er ihm und jedem anderen und noch vieles mehr erzählt.

»Sie können sich denken, mit welcher Ungeduld nun Lord Canning auf mich, seinen zukünftigen Schwager, wartet,« schloß Reihenfels, »und er sollte meine Verurteilung bestätigen, ohne mich vorher gesprochen zu haben? Ich glaube, ich habe nichts weiter hinzuzusetzen!«

»Wenn es so ist, dann haben Sie allerdings große Hoffnung, sich aus dieser heiklen Sache glücklich herauszuwickeln,« rief Sulivan herzlich und drückte ihm die Hand. »Verlassen Sie sich auf mich; was ich tun kann, werde ich tun, um die voreilige Vollstreckung eines Urteiles zu verhindern. Es ist verdammt, daß die Spione so ohne weiteres abgefertigt werden. Na, bei Ihnen wird's schon etwas anderes sein, einem Oskar Reihenfels schickt man das Todesurteil nicht einfach auf einem aus dem Notizbuch gerissenen Blatt Papier durch einen gemeinen Soldaten. Ich will schon dafür sorgen, daß Sie nicht eher exekutiert werden, als bis Lord Canning davon erfährt, und wenn ich dabei zehn Pferde tot reite.«

Reihenfels gab auf die Versicherung nicht viel, er sah den leichtsinnigen Offizier nicht mit günstigen Augen an, aber jetzt war er sein letzter Hoffnungsanker, der sein von der Strömung fortgerissenes Fahrzeug hielt.

Sulivan trennte sich von ihm mit der Versicherung seiner wärmsten Freundschaft. Auf den Kapitän, Barber hieß er, sei gar nicht zu zählen, er habe mehr indisches als englisches Blut in den Adern und sei wegen seiner Hartherzigkeit bekannt.

Reihenfels verbrachte noch einige schlaflose, bange Stunden in Sorgen und Grübeln, bis durch die Ritzen der Zeltleinwand die Morgensonne drang. Als er den Vorhang zurückschlug, sah er die Posten in wachsamer Haltung um sein Zelt stehen; bei seinem Anblick legten sie die Gewehre schußbereit an die Hüften. In einiger Entfernung standen der Kapitän und Sulivan zusammen und besprachen sich, jedenfalls über den Gefangenen, denn ihre Blicke streiften öfters das Zelt. Sulivan redete eifrig auf seinen Vorgesetzten ein; dieser zuckte fortwährend die Achseln und strich den Schnurrbart. Sein Anzug und besonders die taunassen Reitstiefel trugen den Anschein, als hätte er heute Morgen schon einen weiten Weg zurückgelegt.

Dann entfernte sich Sulivan, bestieg sein Pferd und ritt davon. Wahrscheinlich revidierte er die Wachen. Als Reihenfels noch unter dem Zelteingang stand, erblickte er in der Ferne einen Reiter, der dem Lager der Buranis zustrebte. Sein Pferd war infolge des hastigen Rittes schaumbedeckt.

Bei Kapitän Barber, der ihn erwartete, sprang er aus dem Sattel und überreichte ihm ein Schreiben von dem ein kleines Siegel herabhing. Der Kapitän löste die Schnur, wobei das Siegel zerbrach, las das Schreiben, steckte es kopfschüttelnd ein und sah nach Reihenfels hinüber, dem plötzlich – er wußte selbst nicht, warum – ein Schauer durch den Körper lief, und der fühlte, wie er bis in die Lippen erblaßte.

»Es ist gut,« hörte er den Kapitän zu der Ordonnanz sagen. »In einer Stunde wird drüben die Meldung eintreffen, daß das Urteil vollzogen worden ist.«

Die Ordonnanz, ein Indier, saß auf, der Kapitän schritt dem Zelte zu und sprach unterwegs mit zwei der Posten, die ihre Gewehre den Kameraden übergaben und ihm folgten.

Reihenfels wurde von einer furchtbaren Ahnung befallen. Er merkte gar nicht, wie die beiden Soldaten hinter ihn traten, und ehe er sich versah, waren ihm die Arme abermals gefesselt.

»Marsch ins Zelt!« sagte der Kapitän rauh und stieß den Gefangenen vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Die beiden Soldaten entfernten sich wieder.

Der Kapitän hielt nicht für nötig, einem Spion sein Urteil erst vorzulesen.

»Oskar Reihenfels,« sagte er in einem Ton, in den er einiges Mitleid zu legen versuchte, »Sie sind dabei betroffen worden, wie Sie aus Delhi auf Schleichwegen in unser Lager dringen wollten, und man hat bei Ihnen Papiere gefunden, die Sie zum Spion stempeln ...«

»Ich bin kein Spion, ich weiß nichts von diesen Papieren,« unterbrach ihn Reihenfels, der seinen Blick nicht von der Rolle in des Kapitäns Hand abwenden konnte.

»Schweigen Sie, jede Verteidigung ist unnütz; denn das Urteil ist bereits gefällt und bestätigt. Außerdem können Ihnen noch andere Ankläger gegenübergestellt werden, die Sie als Spion bezeichnen. Ihre Schuldrechnung ist ganz unglaublich. Also hören Sie Ihr Urteil. Es lautet auf Tod durch Erschießen. Sie können noch von Glück sagen, daß Sie dem Stricke entgehen, denn ein Spion ist keinen Schuß Pulver wert.«

Leichenblaß taumelte Reihenfels zurück.

»Ich – ich – soll – erschossen werden – ich?« stammelte er.

»Das Urteil ist bestätigt.«

»Nicht möglich – von wem?«

»Von seiner Exzellenz dem Generalgouverneur Lord Canning.«

Sprachlos starrte Reihenfels den Sprecher an.

»Das ist nicht wahr!« schrie er dann.

»Hier ist die Bestätigung.«

Der Kapitän hob die Rolle.

»Das ist nicht wahr!« wiederholte Reihenfels in gesteigerter Heftigkeit. »Lord Canning hätte mein Todesurteil unterzeichnet?«

»Ich hätte nicht nötig, Ihnen dasselbe zu zeigen, aber ich will es tun, damit Sie sehen, daß ich nach meinem Rechte handle. Hier, überzeugen Sie sich.«

Er entrollte das Papier und hielt es Reihenfels vor die Augen.

Dieser sah die wenigen mit Tinte geschriebenen Worte, als Aufgabeort ein einige Meilen von hier entferntes Dorf, das Datum, er las seinen Namen – zum Tode verurteilt – durch die Kugel – wegen Spionage – Lord John Canning. Es war die rechte Unterschrift, er kannte sie nur zu gut.

Reihenfels konnte nicht alles lesen, die Buchstaben tanzten ihm plötzlich vor den Augen, und dumpf stöhnend brach er in die Knie zusammen.

Nicht die Ankündigung seines Todes war es, was dem starken Manne plötzlich alle Kraft raubte, nein, sondern die furchtbare Erkenntnis, wie er plötzlich von dem, den er für seinen Freund gehalten, schmählich verlassen wurde, und das nur wegen eines Verdachtes. Dann lachte er gellend auf, es war ein furchtbares Lachen. Freundschaft, Liebe, alles Gute, Schöne und Edle, alles war nur Lug oder Schwärmerei – die Lüge, das Betrügen, Verräterei und herzloser Egoismus beherrschten die Welt! »Bereiten Sie sich vor. In einer Viertelstunde werden Sie nicht mehr leben,« sagte der Kapitän wieder rauh. »Was Sie Ihrer Familie mitzuteilen haben, können Sie mir mündlich sagen; es wird bestellt. Die Hände bekommen Sie nicht wieder frei, denn Sie sollen ein ganz verzweifelter Bursche sein.«

Er verließ das Zelt.

Der Unglückliche richtete sich auf. Es war ihm, als wäre sein Herz plötzlich zu Eis erstarrt, so kalt und regungslos. Aber, nein, es war ja gar nicht möglich! Doch sollte man solch einen Scherz mit ihm treiben? Hatte er nicht Lord Cannings Unterschrift gelesen? »Lord Canning – Bega!« stöhnte er schmerzlich auf. Er hatte den Glauben an die Menschen verloren.

Noch ein anderer wollte nicht an sein Verhängnis glauben. Reihenfels hörte die Galoppsprünge eines Pferdes, es hielt vor seinem Zelte, und Sulivans Stimme fragte in hastigem Tone: »Was, Kapitän, Lord Canning hat das Todesurteil des Mister Reihenfels bestätigt?«

»Allerdings!« entgegnete Barber gleichgültig. »Finden Sie das so wunderbar? Er ist ein Spion.«

»Höchst sonderbar! Ich kann es gar nicht glauben, nein, es kann gar nicht sein.«

»Glauben Sie etwa, ich mißbrauche den Namen des Generalgouverneurs?« fragte der Kapitän scharf.

»Das nicht, aber ich kann es mir nicht erklären. Ich reite sofort hinüber ins Hauptlager ...«

»Was wollen Sie da?«

»Melden, daß das Urteil bestätigt worden ist und ...«

»Hahaha,« lachte Barber rücksichtslos, »Sie sind ein sonderbarer Kauz, wollen dorthin melden, woher das Urteil kommt.«

»Herr Kapitän, ich verbitte mir dergleichen Ausdrücke,« brauste Sulivan plötzlich auf.

»Vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Vorgesetzter bin.«

»Sie irren, nicht in diesem Augenblick,« entgegnete Sulivan spöttisch. »Wie Sie sehen, trage ich die Schärpe, ich reite die Ronde, und kein anderer ist für diese mir vom Wachtdienst vorgeschriebene Stunde mein Vorgesetzter als der Höchstkommandierende und die über diesem Stehenden. Kapitän Barber, ich reite nach dem Hauptlager, und ich ersuche Sie, so lange mit der Exekution zu warten, bis ich zurück bin.«

»Reiten Sie zum Teufel!«

»Sie warten nicht?«

»Fällt mir nicht ein, ich handele nach Instruktion.«

»Das Blut des Gefangenen komme auf Ihr Haupt, wenn es unschuldig vergossen ist, und wegen Ihres sonderbaren Kauzes werde ich mir noch einmal mit Ihnen zu sprechen erlauben.«

Reihenfels hörte lange Galoppsprünge; Sulivan jagte davon. Er war brav und meinte es gut, aber was nützte das ihm dem unglücklichen Delinquenten? »Gut, daß er fort ist!« brummte der Kapitän und rief dann einen Leutnant herbei, dem Namen nach einen Indier, ebenso sechs Soldaten, und Barber mußte ein gutes Gedächtnis besitzen, denn er nannte jeden einzelnen bei Namen.

»Untersuchen Sie Gewehr und Patronen,« sagte er laut, »diese sechs Mann schießen. Es sind eigentlich zu viel für einen Spion, da er aber nun einmal ganz gegen sonstige Sitte erschossen werden soll, so mag es geschehen. Das Grab ersparen wir uns. Was braucht ein Spion die Erde zu verpesten. Er kniet auf dem Uferdamm rechts neben dem Brückenpfeiler nieder, dicht am Strom, so fällt er gleich ins Wasser, und wir sind ihn los. Sie übernehmen das Kommando, ich wohne der Exekution selbst bei. Sonst alles wie gewöhnlich!«

»Zu Befehl, Kapitän!«

Die Leute entfernten sich. Reihenfels merkte, man machte Ernst. Es befiel ihn kein neues Entsetzen; nur noch mehr Bitterkeit, ein wahrer Haß stieg in ihm auf. Wenn nur erst alles vorbei wäre! Er ein Spion! Er wollte dem Kapitän nichts hinterlassen; mochte sich Lord Canning denen gegenüber verantworten, die nach ihm fragten, hier oder dort, wo alles ans Licht kam.

Immer mehr bemächtigte sich seiner eine gewisse Gleichgültigkeit. Undank ist doch einmal der Welt Lohn, er war nicht der erste, der ihm zum Opfer fiel. Aber auch seine Geheimnisse wollte er nun mit ins Grab nehmen.

Da ward der Vorhang zurückgeschlagen, und der Kapitän trat wieder ein.

Sein Gesichtsausdruck, wie auch sein Benehmen war ein ganz seltsames. Er überzeugte sich sorgfältig, daß der Zeltvorhang den Eingang gut verschloß und wandte sich dann an Reihenfels, der ihn mit Spannung betrachtete. Die veränderten Züge entgingen ihm nicht.

Der Kapitän schien förmlich verlegen zu sein; er räusperte sich, ehe er zu sprechen begann.

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