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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 15
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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15. Vereint und wieder getrennt

Heftig peitschte der Regen die Fensterscheiben, wild heulte der Sturm um die winkligen Häuser Delhis, und dazwischen erklang die Kanonade.

Diese Musik der Elemente und der menschlichen Zerstörungskunst paßte zu dem seelischen Zustand des Mannes, der noch immer hinter der spanischen Wand stand.

Mirzi hatte ihn wider ihr besseres Wissen verleumdet, dort saß das Mädchen mit plötzlich glanzlosen Augen, sie mußte der Lügnerin Glauben geschenkt haben. Sie gehörte ja schon einem anderen an, sie hatte sich nur noch einmal überzeugen wollen, ob Reihenfels wirklich ein so schlechter Mann sei, damit sie sein Bild für immer mit Recht aus ihrem Herzen reißen konnte.

Aber seltsam, wie sie die Fragen gestellt hatte! War es nicht gewesen, als ob sie doch noch an die Unschuld Reihenfels glaube? Als ob sie das Lügengewebe Mirzis durchschaue und das Mädchen noch zur Rechenschaft ziehen wolle? Was half das? Bega war für Reihenfels doch verloren; er hatte gehört, daß sie Eugen liebe. Aber sich so geschmäht zu hören, brachte sein Blut in empörte Wallung. Gern wäre er vorgestürzt und hätte seine Unschuld beteuert, doch einmal wußte er, daß dies wie früher vergeblich sein würde, und dann dachte er an Franziska. Was bürgte ihm dafür, da Bega ihn nicht festnehmen ließe, und daß ihm der Prozeß als Spion gemacht würde? Bega hatte den Kopf wieder in die hohle Hand gestützt. Sie sah nicht zornig aus, vielmehr lag ein trauriger, schwermütiger Ausdruck über ihr schönes Antlitz gebreitet. Dann seufzte sie tief auf und entnahm der Tischschublade eine Karte, die sie lange und mit traurigen Augen betrachtete.

Reihenfels konnte nicht erkennen, was dieselbe enthielt.

Endlich warf sie die Karte heftig auf den Tisch, ging einige Male auf und ab und begann, sich zu entkleiden.

Sie löste die Heftel und Schlingen, streifte das dunkle Obergewand ab und stand in dem silberglänzenden Schuppenpanzer da, den sie ebenfalls fortwährend trug, wie die Radschas und andere in angesehener Stellung, weil sie sich niemals vor heimtückischen Dolchstichen und Kugeln sicher glauben. Sind doch diese geschmeidigen Panzer aus solch gutem Stahl gefertigt, daß sie selbst Kugeln abzuhalten vermögen.

Auch die Kettchen, welche den Panzer zusammenhielten, wurden gelöst, Bega streifte ihn ab. Durfte Reihenfels Zeuge dieser Toilette werden? Er wollte den Blick abwenden, die Augen schließen, aber er vermochte es nicht. Wie gebannt hingen seine Augen an dem schönen Mädchen.

Bega, eine Indierin, und diese weiße Haut! Nur Gesicht, Hals und die Unterarme waren gebräunt, alles andere schneeweiß. Doch Reihenfels wunderte sich nicht darüber.

Er machte sich Vorwürfe, daß er hinsah, aber er konnte nicht anders. Ein Zeichen seiner Anwesenheit durfte er nicht geben, und wegzusehen war ihm nicht möglich.

So wurde er Zeuge aller ihrer Toilettengeheimnisse, bis sie endlich im leichten Nachthemd vor ihm stand. Wenn sie ahnte, daß hinter der spanischen Wand ein Mann sie belauschte, dessen Blut heißer und heißer zu wallen begann, und daß dieser Mann jener war, den sie einst liebte und jetzt verachtete, weil sie glaubte, er hätte sich ihrer unwürdig benommen! Bega stieg ins Bett und setzte sich aufrecht, mit dem Rücken an das erhöhte Kissen gelehnt. Ihr Blick verweilte wieder auf dem Karton, den sie vor sich hinhielt, und wieder nahmen ihre Augen einen solch schwärmerischen Ausdruck an.

Sie seufzte, sie atmete schwer, der Beobachter sah das Heben und Senken ihres Busens.

Da, was war das? Jetzt drückte sie die Lippen auf den Karton zum langen, langen Kuß. Kein Zweifel mehr, es war ein Bild, und wessen Bild sollte es anders sein, als das Eugens? Von ihm, von Reihenfels, besaß sie kein Bild – seltsamer Gedanke überhaupt! Wie konnte er glauben, sie küsse das Bild des Mannes, den sie haßte? Besäße sie eins von ihm, so würde sie es sicherlich vernichtet haben.

Der Sturm heulte, der Regen klatschte an die Fensterscheiben. Wie traulich war es hier! »Es wäre mein, mein, mein!« schrie es in dem Innern des jungen Mannes.

Er wünschte, er wäre tot, um nicht mehr dieses Antlitz, diese Schultern, diesen Busen sehen, um nicht mehr an die herrlichen, schwellenden Glieder denken zu müssen, die er geschaut hatte.

Und Bega küßte Eugens Bild! Jetzt sauste eine Windsbraut um das Haus, daß es in seinen Grundfesten erbebte.

Wie erschrocken sprang Bega auf und aus dem Bett. Sie eilte zu der Portiere an der Tür, Reihenfels glaubte, sie wolle das Gemach verlassen, um ein menschliches Wesen zu sich zu rufen, doch sie schob nur aus der Türfüllung eine Seitentür, so daß der Ausgang besser als nur durch die Portiere verschlossen war.

Ebenso machte es Bega mit dem Ausgang auf der anderen Seite und verriegelte auch noch die Korridortür.

Dann schritt sie auf die spanische Wand zu. Reihenfels drohte der Atem zu stocken. Doch sie nahm nur die Mandoline, welche davor auf dem Diwan gelegen.

Sie war dem Lauscher so nahe gewesen, daß er ihren heißen Atem gespürt hatte.

Bega setzte sich wieder aufrecht ins Bett, stellte das Bild vor sich hin, indem sie es an ihre Knie lehnte, und begann die Saiten der Mandoline zu schlagen.

Es waren erst nur wilde, abgerissene Akkorde, eine Begleitung zu dem Konzert des Sturmes, dann wurden sie zusammenhängend, eine leidenschaftliche Phantasie, und endlich gingen sie in eine schöne, herzergreifende Melodie über.

Was war das für eine Weise? Sie kam Reihenfels sehr bekannt vor, doch er konnte sich nicht gleich besinnen, welche. Vergebens zermarterte er sein Hirn. Offenbar mußte es ein deutsches Lied sein, jede Nation hat ihre eigentümliche Melodie, wie ihre eigene Sprache.

Die Melodie schloß ab, sie wiederholte sich, setzte von vorn ein, und zu den Klängen der Mandoline begann das Mädchen zu singen.

Und ob Reihenfels dieses Lied kannte! »Er ist gekommen In Sturm und Regen, Ihm schlug beklommen Mein Herz entgegen.

Wie konnt' ich ahnen, Daß seine Bahnen Sich einen sollten meinen Wegen?«

So klang es in süßen Tönen von den Lippen des Mädchens; wie in trunkenem Glanze hingen ihre Augen an dem auf ihren Knien liegenden Bilde, das Reihenfels nicht sehen konnte.

Ja, wachte oder träumte er denn? Bega sang jenes Lied, sein Lied, das er sie gelehrt, daß sie zusammengeführt hatte, und sie sang es vor dem Bilde Eugens! Bega sang weiter:

»Er ist gekommen In Sturm und Regen.

Er hat genommen Mein Herz verwegen.

Nahm er das meine? Nahm ich das seine? Die beiden kamen sich entgegen.«

Ja, so war es. Beide waren sich in Liebe entgegengekommen. Aber das Lied paßte nur auf frühere Zeiten, nicht mehr auf die jetzigen. Merkte denn Bega das gar nicht? Der dritte Vers erklang, der Schlußvers:

»Er ist gekommen In Sturm und Regen, Nun ist entglommen Des Frühlings Segen.

Der Freund zieht weiter –«

Jäh brach das Lied ab, die Mandoline entsank den Händen, sie glitt mit einer gesprungenen Saite zu Boden, das Bild rutschte von den Knien, und den Augen des Mädchens entstürzte ein Tränenstrom. Laut jammernd verhüllte sie ihr Gesicht in den Händen.

Das Bild hatte sich so gedreht, daß Reihenfels es sehen konnte – es war das seine, in bunten Farben gemalt.

Furchtbar erschrocken fuhr das Mädchen auf, ihr erster Griff war nach dem auf dem Nachttisch liegenden Revolver gewesen; denn vor ihrem Bett stand ein Mann in indischer Offiziersuniform, doch auch die schon ausgestreckte Hand sank wie gelähmt herab – sie hatte Reihenfels trotz seiner Verkleidung erkannt.

Sie vermochte sich nicht zu bewegen, sie dachte nicht, daß sie sich den Augen eines Mannes im Nachtgewand zeigte, wie eine Geistererscheinung starrte sie den einstigen Geliebten an.

»Bega!« sagte Reihenfels in flehendem Tone und streckte ihr die Hände entgegen. Was nicht in dem Tone dieses einen Wortes lag, das konnte sie in seinen Augen lesen. ›Vergeben, vergessen, wir wollen wieder einander gehören!‹ hieß es.

Da kam Leben in ihre bewegungslose Gestalt.

Das war nicht mehr die kriegerische Begum, das war das vor Scham erglühende, jungfräuliche Mädchen.

Sie zog die Decke mit einem Ruck über sich, daß nur der Kopf aus den weißen Kissen hervorsah.

»Oskar, flüsterte sie wie geistesabwesend, »bist du es wirklich?«

»Ich bin es, Bega. Laß wieder Eintracht zwischen uns herrschen, sei wieder die Meine!«

Sie kam zur Besinnung. Ihr Gesichtsausdruck wechselte; nicht mehr Furcht und Schrecken, sondern Zorn schien sie zu beherrschen.

»Tollkühner, wie wagst du hier einzudringen!«

»Ich war schon hier, als du kamst. Ich glaubte, es sei ein Feind, und versteckte mich.«

»Was, du wärst schon hier gewesen?«

»Jene Wand verbarg mich. Ich hörte dein Gespräch mit Mirzi – ein jedes Wort aus ihrem Munde war eine Lüge.«

»Du warst hier, als ich mich entkleidete?«

»Verzeihe mir, ich durfte mich nicht verraten! Konnte ich doch nach allem Vorangegangenen nicht wissen, daß du mich noch liebst. Jetzt aber weiß ich es, und ich bin glücklich. O, Bega, meine Bega!« Eine tiefe Glut übergoß ihr Gesicht, die Hand schlüpfte unter der Decke hervor und streckte sich dem abwehrend entgegen, der sich über sie neigen und sie küssen wollte.

»Zurück, Vermessener!« herrschte sie ihn zornig an. »Was bildest du dir ein, zu glauben, daß ich dich liebe? Was du getan, hat eine unübersteigbare Kluft zwischen uns geöffnet.«

»Du liebst mich nicht und singst mein Lied?«

»Es gefällt mir.«

»Und dieses Bild, mein Bild?«

Sie nahm es und schleuderte es mit einer hastigen Bewegung von sich.

»So viel halte ich von dir und deinem Bilde. Fort, du Vermessener, oder ich rufe Leute herbei.«

»Bega, ich flehe dich an, laß deinen Trotz, du marterst mich und dich, du machst uns beide unglücklich!«

Er ergriff ihre noch immer ausgestreckte Hand; sie riß sich wie mit Widerwillen los.

»Fort, sage ich noch einmal, oder ich rufe um Hilfe. Ja, wäre ich nicht in solch einer Lage, ich würde aufspringen und dich selbst züchtigen, wie es ein Bube verdient, der in ein Mädchengemach dringt, sich versteckt und die Bewohnerin beim Entkleiden beobachtet. Ha, diese Schande! Doch was anders kann man von jemandem erwarten, der Mädchen mit Gewalt schändet und hinter dem Rücken seiner Braut mit Freudendirnen buhlt? Fort, elender Wicht, oder ich kenne keine Schonung mehr!«

Bei diesen mit maßloser Heftigkeit hervorgestoßenen Worten taumelte Reihenfels zurück, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten.

Todesblässe überzog sein Antlitz, dann knirschte er mit den Zähnen. Auch bei ihm, dem ernsten, gelassenen Manne, konnte der Zorn einmal zum Durchbruch kommen »Mir das, mir, der ich mich stets bemüht habe, der Wahrheit die Ehre zu geben, mein Gewissen reinzuhalten?« rief er mit heiserer Stimme. »Bega, wahre dich! Auch meine Geduld hat Grenzen. Schweig! Jetzt rede ich, nicht du, jetzt verantworte dich vor mir! Ich war dir treu, ich kann mir keine Vorwürfe machen, alle Anschuldigungen gegen mich sind erlogen.

Ja, jetzt sehe ich, du liebst mich nicht mehr; denn hättest du auch nur noch ein Fünkchen Liebe zu mir, so etwas würdest du nicht zu mir sagen. Ich weiß nicht, was dich veranlaßte, das Lied unserer Liebe zu singen, während du mein Bild betrachtest, das du selbst gemalt haben mußt. Aber nie soll es dir gelingen, Eugen, den unverdorbenen Jüngling, zu umgarnen und ihn zum Verräter an denen zu machen, denen er Treue geschworen hat. Nie soll es dir gelingen, solange ich noch lebe; denn so lange will ich noch reden und ihn warnen.

Schamloses Weib, das den aufgibt, der es liebt, um einen anderen zum Werkzeug des Verrates zu machen! Ich gehe, um Eugen zu warnen, daß er dir nicht ferner Glauben schenkt, daß jedes Wort, was du zu ihm vorhin von Liebe gesprochen hast, Lüge gewesen ist. Ich gehe. Als Gefangenen wirst du mich wiedersehen. Du bist an meinem Tode schuld.«

Bega hatte sich aufgerichtet, achtlos ließ sie die Decke wieder herabgleiten, und ihr Blick war ein so erstaunter, daß Reihenfels bewogen wurde, noch zu bleiben.

»Was sagst du da? Ich hätte mit Eugen gesprochen?«

»Leugnest du es etwa?«

»Ich weiß nicht, was – ich soll mit Eugen gesprochen haben?« wiederholte sie, immer erstaunter werdend.

»Also du leugnest es mir wirklich ins Gesicht, daß du Eugen vorhin deine Liebe gestanden hast?« sagte Reihenfels bitter. »Für so verdorben hätte ich dich nicht gehalten. Ich glaubte dich bisher nur von Irrtum befangen, nicht wirklich schlecht; denn ein Lügner ist in meinen Augen ein niederträchtiges Geschöpf, wenn er nicht bereut.«

»Oskar,« rief das Mädchen und richtete sich noch höher auf, »ich habe nicht mit Eugen gesprochen! Welchen Eugen meinst du denn?« »Wen anders als jenen, der über uns, in diesem Hause, seine Genesung unter deiner Pflege abgewartet hat.«

»Eugen Carter?«

»Den Pflegesohn des unglücklichen Sir Carter.«

»Oskar, du träumst!« rief Bega erschrocken, alles Übrige vergessend. »Eugen ist ja gar nicht hier.«

»Recht so, häufe Lüge auf Lüge!« entgegnete Reihenfels, den Hohn nicht mehr unterdrücken könnend. »Sage mir noch ins Gesicht, ich hätte vorhin nicht gehört, wie ihr euch die Liebe gestanden habt, wo mir doch kein Wort von eurer Unterhaltung verloren ging.«

»Oskar, ich beschwöre dich, hier waltet ein Irrtum ob.«

»Etwa wieder solch ein Irrtum, wie in der Alhambra mit mir? Hahaha, hier versteht man es vortrefflich, die Worte zu verdrehen und seine Unschuld zu beteuern. Aber Gott wird euch ein Ziel setzen, er wird nicht zulassen, daß du auch noch Eugen zum Verräter machst. Und dennoch wage ich es, Bega, dich um etwas zu bitten,« fuhr Reihenfels fort, ohne das Erstarren des Mädchens zu beobachten. »Du bist mir durch teuflische Hinterlist geraubt worden. ich glaube fast, es war dein Wille, und ich verzichte darauf, dich noch zu dem zu machen, was ich mit dir vorhatte: zu einem glücklichen Wesen, das Heimat und Geschwister kennt. Ich sehe, meine Kraft reicht nicht aus dazu, ich gebe die Hoffnung auf. Bega, ich habe dich geliebt, das Schicksal will nicht, daß wir einander gehören, so raube mir wenigstens nicht das noch, an dem mein Herz hängt, hilf mir vielmehr, es zu retten. Du hast die Macht dazu. In jener Nacht, als die Sepoys in Delhi die Faringis vernichten wollten, entfloh ein Mädchen ihren Wächtern; Nana Sahib bemächtigte sich ihrer abermals und brachte sie, deinem Befehl zum Trotz, nicht zu den übrigen Gefangenen, welche du schirmen wolltest, sondern hierher, um sie zu einer Privatrache gegen Lord Canning oder als Geisel für seine eigene Sicherheit zu benutzen. denn jenes Mädchen ist die Braut Lord Cannings, und, Bega, es ist meine Schwester! O, wenn du noch ein Herz besitzt, hilf mir wenigstens, Franziska zu retten, meine Schwester, die ich liebe! Bega, entziehe mir nicht deine Hand, ja, du hast noch ein Herz, du hast es gezeigt, als du den Gefangenen der Thags zu Hilfe kamst, obgleich es doch deine Feinde waren. Bega, verzeihe mir meine vorige Heftigkeit, sieh mich hier auf den Knien liegen, mich, der ich sonst die Knie vor keinem Menschen gebeugt hätte, es sei denn vor dem Mädchen, das ich liebe, ich liege hier und flehe dich mit erhobenen Händen an: hilf mir, meine arme Schwester zu befreien, die wahrscheinlich noch in diesem Hause gefangengehalten wird!«

Reihenfels hatte sich vor dem Bett niedergeworfen, hatte des Mädchens Hand erfassen wollen, als sie ihm aber entzogen wurde, die seinen flehend aufgehoben.

Bega dachte nicht mehr daran, den Eindringling in ihr Schlafgemach auszuliefern. Es war zu Neues, Wunderbares, was sie jetzt plötzlich zu hören bekam.

»Ich kann nicht fassen, was du alles sagst. Eugen soll hier sein? Auch deine Schwester?«

»So ist es. Bega, hilf mir, sie retten! Ich opfere umsonst mein Leben, wage ich Franziskas Rettung allein. Wie ein Dieb schleiche ich durch dieses Haus; vor jedem, dem ich begegne, möchte ich mich verstecken!«

»Aber Eugen, Eugen soll hier sein?«

Reihenfels erhob sich; er schien erstaunt.

»Wie? So hättest du wirklich nicht mit ihm gesprochen?«

»Kein Wort!«

»Nicht ihm gesagt, daß du ihn liebst?«

»Hüte deine Zunge! Dies ist eine Beleidigung, und noch weiß ich nicht, ob ich dich nicht gefangennehmen soll. Es ist meine Pflicht!« »So erfülle sie! Du hättest nicht Eugens Liebesbeteuerung vorhin, vor einer Stunde etwa, angehört?«

»Nein. Ich war im Gesellschaftszimmer!«

»Nicht über uns in der zweiten Etage?«

»Mit keinem Schritt habe ich diese betreten.«

Mehr erschrocken, als erstaunt sah Reihenfels das Mädchen an. Sie konnte nicht lügen, nein, diese Augen trogen nicht.

»Bega, so liegt hier ein Mißverständnis vor!« rief er endlich.

»Wie schon so manches.«

»Welches andere?«

»Dein Zusammentreffen mit Mirzi in der Alhambra.«

Reihenfels sah, wie sie plötzlich lächelte; eine Ahnung ging in ihm auf, eine glückliche Zukunft wollte sich vor ihm eröffnen. Doch er beherrschte sich noch, er warf sich ihr nicht abermals zu Füßen und umschlang sie. Nein, nein, er täuschte sich wieder, Bega besaß kein Herz, sie war grausam und unberechenbar.

»Bega, ich weiß nicht mehr, was ich denken soll,« stöhnte er. »Beantworte mir nur diese eine Frage: Du hast vorhin nicht mit Eugen gesprochen?«

»Ich will dir offen antworten, wenn du mir ebenso die Wahrheit sagen willst!«

»Frage, Bega! Ich kann nicht lügen, selbst die kleinste Notlüge ist mir unerträglich, und doch ist sie oft nicht zu vermeiden. Aber dich belügen könnte ich nimmermehr!«

Das Mädchen richtete sich wieder auf, hüllte sich aber in die Decke ein. Ihre Augen strahlten in früherem Glanze.

»Was hast du mit jener Bajadere, Makalli, in der Nacht gehabt, als ich sie dir zuteilte?«

Also das war es; wieder Eifersucht! »Sie teilte mir mit, daß ihr Geliebter, ein gewisser Mac Sulivan, im Felsentempel der Kali von den Thags gefangengehalten würde und geopfert werden sollte. Makalli verriet mir die Geheimnisse der Sekte, bat mich, den Geliebten retten zu helfen, sagte mir ihren Plan, und ich ging darauf ein, weil ich so Aussicht hatte, die anderen Gefangenen zu befreien, unter denen ich meine beiden Schwestern wähnte. Das Wagnis gelang mir auch, wie du weist.«

»Wo ist jene Makalli geblieben?«

»Ich weiß es nicht. Du hast gewiß auch gehört, wie es uns in dem Tempel ergangen ist?«

»Ich habe es aus Gesprächen, die ich belauschte, ehe ich mich entfernte, erfahren, doch nichts von Makalli.«

»Sie verschwand in den dunklen Gängen, um sich selbst den Tod zu geben, wie sie sagte.«

»Sie starb nicht, ich habe sie gesprochen.«

»Ah! Was sagte sie?«

»Davon später! In jener Nacht lauschte ich an dem Zimmer, das euch beide barg, und ich hörte Koseworte.«

»Sie waren nötig, um einen etwaigen Lauscher zu täuschen.«

»Ich hörte Küsse.«

»Makalli verlangte es, ich mußte es tun, um ebenfalls den Lauscher zu täuschen, während sie mir den Plan mitteilte. Ach, daß es mir gelungen ist! Und doch, ich mußte es tun!«

»Du liebtest eine andere und gabst dich doch dieser elenden Bajadere hin? Pfui!«

»Ich tat es nicht!« rief Reihenfels in halber Verzweiflung. »O Gott, wie soll dies enden! Ich tat mein Bestes, um anderen zu helfen, und verscherzte mein eigenes Glück!«

Er verbarg sein Antlitz in den Händen.

»Ich habe Makalli gesprochen,« wiederholte Bega nach einer kleinen Pause leise.

»So wird auch sie mich verleumdet haben, um sich an mir zu rächen, weil ich ihr nicht behilflich war, ihre Absicht, die auf eine Schändlichkeit hinauslief, auszuführen.« »Du irrst, Oskar, Makalli gab mir, als sie in meinen Armen starb, der Wahrheit gemäß Antwort. Du bist unschuldig, ich kann dir keinen Vorwurf machen.«

Reihenfels hob den Kopf. Was sollte das heißen? Begas Augen ruhten wie verklärt auf ihm.

»Und nun die zweite Frage,« fuhr sie schnell fort; »ich frage dich nicht, ob du mich damals in der Alhambra wirklich betrogen hast, sondern ich frage dich: Liebst du mich noch immer, Oskar?«

Reihenfels antwortete nicht, mit einem unartikulierten Freudenruf sank er in die Arme, die sich ihm öffneten, an die Brust, in der ein Herz für ihn schlug, und Mund preßte sich auf Mund.

Es dauerte lange, ehe beide die Sprache wiederfanden. Die Stunde des Wiedersehens, der Wiedervereinigung war nicht so schnell ausgekostet.

»Bega,« flüsterte Reihenfels dann, während er auf ihrem Bett saß und sie umschlungen hielt, »wie konntest du mir das antun?«

»Ich litt nicht weniger als du. Zweimal glaubte ich mich von dir getäuscht, hatte ich da nicht Grund, dir nicht mehr zu trauen? Und sahen wir uns wieder, so warst du so kalt.«

»Konnte ich denn anders, da ich kein Entgegenkommen von dir fand? Und vorhin diese bösen Worte!«

»Die Entrüstung darüber gab sie mir ein, daß du, von dem ich nicht geliebt zu werden glaubte, in mein Schlafzimmer drangst und mich beobachtetest. O, Oskar!«

Verschämt barg sie den Kopf an seiner Brust.

»Not kennt kein Gebot!« lachte er zum ersten Male wieder. »Ich durfte doch nicht verraten, daß ich mich hier versteckt hatte.«

»Aber du konntest doch die Augen schließen!«

»Wer sagt dir denn, daß ich das nicht getan habe?«

»Das würde ich nicht glauben,« lächelte sie an seiner Brust.

»Aber wie konntest du mir solche Betrübnis bereiten?« fuhr er dann fort.

»Ach, Oskar, die meine war nicht kleiner! Bedenke, ich mußte mehr als Argwohn haben.«

»Du kanntest mich nicht genug, sonst hättest du keinen gehabt. Böse Menschen machten dir Einflüsterungen, ich verzeihe dir!«

»Und dann Makalli!«

»Sie gab der Wahrheit die Ehre. Was aber sollte vorhin dein Gespräch mit Mirzi? Ich bekam dabei von neuem die Vermutung, daß du der Verleumdung Glauben schenktest.«

»Im Gegenteil, ich wollte ihr nur Gelegenheit geben, noch einmal sich in Lügen zu verwickeln, damit ich sie dafür züchtigen kann. Von August, deinem Diener, wurde mir der Beweis deiner Unschuld.«

»So brachte er mir also doch Nutzen. Er soll seinen Dank dafür haben.«

»Er hat ihn schon, er ist General geworden,« lachte Bega.

»Ja, Narrengeneral.«

»So weißt du es? Woher?«

»Ich habe ihn gesehen und gesprochen. Bega, meine Bega, so liebtest du mich also doch noch?«

»Ich suchte das Andenken an dich mir aus dem Herzen zu reißen, doch es gelang mir nicht.«

»Ebenso mir nicht. Wer war es denn, der dem Brahmanen damals zu einem Pferd und zur Flucht verhalf?«

»Ich; denn ich hatte dich erkannt.«

»Und wer befreite mich aus den Ketten?«

»Ich konnte dich nicht sterben sehen.«

»Und wer küßte mich, den Gefangenen, so heiß und innig?« »Schweig,« lispelte Bega errötend, »was ich damals tat, war unnatürlich. Forsche nicht weiter!«

»So haben wir uns also endlich in Liebe wiedergefunden!«

»Endlich, Oskar!« Brust an Brust, Mund an Mund hielten sie sich umschlungen. Dann schreckte Bega zusammen. »Wir dürfen nicht so sorglos sein,« flüsterte sie angstvoll, »du hast dich hier eingeschlichen, du bist mein Feind.«

»Nicht mehr!«

»Doch, doch, wir müssen bereden, was wir tun. Schnell! Die Zeit drängt, du darfst nicht hier bleiben.«

Reihenfels raffte sich zusammen. Es fiel ihm ein, was ihn überhaupt hierhergeführt hatte.

»Du weißt nicht, daß meine Schwester hier ist?«

»Ich habe davon gehört, doch ich glaubte es nicht.«

»Jedenfalls wurde sie zuerst hier heimlich von der Duchesse und von Nana Sahib gefangengehalten.«

»Von wem weißt du das?«

»Von Mirja.«

»Von Mirja, der Tochter des alten Juden Sedrack?«

»Ja.«

»Merkwürdig!« sagte Bega nachdenklich. »Was für einen Grund hatte sie, dir dies zu sagen?«

»Sie ist Lord Canning zu Dank verpflichtet; Franziska ist seine Braut, sie will sie ihm retten.«

»Merkwürdig!« wiederholte Bega.

»Kannst du mir behilflich sein, sie zu retten? Erspähe wenigstens ihren Aufenthalt!«

Bega fuhr aus ihren Träumereien auf.

»Das kann ich und will ich tun, und die sollen ihrer Strafe nicht entgehen, die mir die Gefangene entzogen haben. Die Engländer haben in letzter Zeit viele Gefangene gemacht, wir werden sie austauschen.«

»Gott sei Dank,« jubelte Reihenfels auf, »so nimmt mein so gefahrvoll begonnenes Abenteuer ein friedliches Ende! O, Bega, wie bin ich glücklich!«

»Und was sagtest du vorhin von Eugen?«

»Es ist mir ein Rätsel. Ich hörte dich vorhin mit ihm sprechen.

»Von Liebe?«

»Ihr gestandet euch eure Liebe!«

»So habe ich eine Doppelgängerin, und ich werde sie ausfindig machen. Wehe denen, die hinter meinem Rücken ein solches Spiel mit mir treiben!«

»Du wirst überhaupt hintergangen. Weißt du noch nicht, Bega, daß du keine Indierin bist?«

»Das vermutete ich schon längst; aber gleichgültig, ich habe Grund, die Engländer zu hassen, und ich werde daher für Indien kämpfen. Auch du, Oskar, bist kein Engländer. Tritt zu uns über! Nichts hindert dich, und wenn du noch nicht weißt, daß wir Rebellen für eine gerechte Sache kämpfen, so will ich es dir beweisen.«

»Halte ein, Bega,« rief Reihenfels erschrocken, »du weißt nicht, wer du bist, sonst würdest du nicht so sprechen! Du sollst es erfahren. Wohl weiß ich, daß die Indier allerdings Grund genug haben, die Herrschaft der Engländer von ihren Schultern abzuschütteln, aber nimmermehr darfst du, Bega, deine Hand gegen sie aufheben.«

»Nicht ich? Wer sonst?« rief Bega. »Oder ist es eine Lüge, als man mir erzählte, daß meine Eltern durch die Eigenmächtigkeit elender Kreaturen, englischer Beamten, schmählich zugrunde gingen?« »Ich weiß nicht, was man dir erzählt hat; keinesfalls war es die Wahrheit. Erfahre denn, wer du bist, bejammere dein Schicksal und das deiner unglücklichen Eltern, und dann versuche, das wieder gutzumachen, was du in Verblendung begangen hast ...«

»Ich habe nichts begangen, was ich nicht vor Gott und den Menschen verantworten kann.«

»Erfahre erst, wer deine Eltern sind. Du bist ...«

Reihenfels kam nicht zur Erklärung.

Bisher hatten nur zeitweise die Kanonen gefeuert, jetzt erschütterte ein furchtbarer Donner die Luft, so schrecklich, das das Haus erzitterte und die beiden meinten, die Mauern fielen über ihnen ein.

»Was war das?« stammelte Bega, zum Sprunge bereit im Bett sitzend.

Da näherten sich schnelle Schritte.

»Erfahre erst, wer du bist, ich muß es vollenden, denn du wirst anders denken,« flüsterte Reihenfels, wurde aber wieder unterbrochen.

»Nicht jetzt, Oskar, ich kenne diesen Schritt!«

Schon wurde heftig an die Tür geklopft.

»Öffne, Begum, wach auf, wenn du schläfst,« ertönte draußen eine Stimme im Tone der Verzweiflung. »Wir brauchen deine Hilfe. Der Pulverturm hat Feuer gefangen! Die Feinde rüsten sich zum Sturm!«

Bega drängte Reihenfels zurück, sie verschloß ihm den Mund; denn immer wieder wollte er zu sprechen beginnen.

»Nicht jetzt!« wiederholte sie. »Verbirg dich, oder du bist verloren. Zum dritten Male darf ich dich nicht retten.«

Reihenfels gehorchte, drehte sich um, und da ward er schon von Bega selbst nach der spanischen Wand geschoben und dahintergedrängt. Als er durch die Ritzen blickte, hatte sie schon mit zauberhafter Schnelligkeit ihr Panzerhemd umgeworfen, stand an der Korridortür und öffnete sie.

Ein kleiner, bärtiger Mann stürzte herein.

»Was gibt es?«

»Der Pulverturm ist in Gefahr, in die Luft zu fliegen, der südliche Teil brennt, und die Engländer rüsten sich zum Sturm,« stieß der Mann atemlos hervor.

Das Mädchen gürtete ein Schwert um.

»Woher die Meldung?«

»Sie geht von Mund zu Mund.«

»Was war das für ein Knall?«

»Nur eine Tonne explodierte.«

»Wie? Auch du kannst die Fassung verlieren?«

»Schrecken hat sich der Unseren bemächtigt, sie wollen dich sehen, wenn die Feinde stürmen.«

»So komm! Es wird wohl nichts daran sein.«

Beide eilten hinaus; Reihenfels war allein. Verzweiflung erfüllte ihn, daß ihm der Zufall die Gelegenheit genommen, seine Erklärung abzugeben, doch dagegen war jetzt nichts zu machen. Der einzige Trost war ihm der, daß Bega ihm versprochen, sich seiner Schwester anzunehmen, und er baute auf ihr Wort; er wußte, welche Macht sie besaß. Ihr die Gefangene vorzuenthalten, nachdem sie von deren Existenz erfahren, würde man wohl nicht wagen.

Vorläufig verhielt er sich ruhig in seinem Versteck, des Kommenden wartend.

Die Kanonen donnerten nach wie vor; nichts Ungewöhnliches war zu hören, nur einmal war es, als ob er lautes Jauchzen und Siegesrufe vernehme.

Bega würde ihn doch hier nicht vergessen? Sicherlich nicht! Und wie gewann er den Ausweg? Das war so leicht, wenn er die Begum auf seiner Seite wußte. Vielleicht behielt sie ihn auch hier, und er konnte seine Schwester gleich selbst nach dem Lager und dem Geliebten zuführen.

Ach, er war so glücklich! Endlich, endlich hatten sie sich wieder in Liebe gefunden.

Hastig trat eine Gestalt ein, in dunkelbraunes Tuch gehüllt, auch das Gesicht von jenem Mantel bedeckt, den die Indierinnen beim Ausgehen über die Kleidung zu werfen pflegen.

Sie war schlank und zierlich, der Tritt schnell, leicht und kurz, es war ein Weib, ein Mädchen, und ohne sich umzuschauen oder zu zögern, schritt sie nach der spanischen Wand, schob sie zur Seite und ergriff Reihenfels' Hand. Dieser wußte nicht, wie ihm geschah. Doch schnell löste sich das Rätsel.

»Du mußt fort, schnell fort von hier,« flüsterte es hinter dem Kopftuch, »man weiß, daß du in dieses Haus gedrungen bist, daß du dich hier befindest, und man fahndet auf dich.«

O, wie gut kannte er diese weiche, tiefe Stimme, es war die Begas, er fühlte die kleine, volle und doch so kräftige Hand.

»Um Gott, was ist geschehen?« fragte er bestürzt, während sie ihn schon fortzog.

»Ich habe es dir gesagt, ich kann dich nicht schützen, auch meine Macht ist beschränkt.

Aber den Weg zu den Deinen kann ich dir öffnen. Wir sehen uns wieder.«

Sie ließ ihm keine Zeit zu neuen Fragen, sie zog ihn mit sich fort, ob er wollte oder nicht, die Treppe hinunter, zum Haus hinaus.

»Folge mir,« flüsterte sie ihm zu und ging ihm mit schnellem Schritt voran, so daß Reihenfels, aufs äußerste bestürzt, kaum folgen konnte.

Die breiten Straßen, in denen einst Equipagen mit schönen Damen rollten, hatten ein kriegerisches Gepräge bekommen, nur Indier, Männer, alle bewaffnet, drängten sich in ihnen.

Es war etwas Besonderes vorgefallen, die Menge war von Erregung ergriffen, man schrie und jubelte.

Jetzt vernahm Reihenfels auch einen bestimmten Ruf.

»Dollamore, Dollamore!« erklang es plötzlich von allen Seiten, mißtönend, höhnend.

Die Leute bückten sich und hoben Steine auf, Kinder rafften den Kot der Straße zusammen.

In der Mitte der Straße entstand ein Gedränge, und da sah Reihenfels den kommen, der diesen Namen führte, Dollamore. Der Mann, den die Königin von England einst den Treuesten der Treuen in Indien genannt hatte, wurde gefangen einhergeführt.

Trotzig schritt der hünenhafte Mann zwischen den zahlreichen Wächtern; an den Füßen trug er schwere Ketten mit Kugeln, auch die Hände waren mit Ketten umschlungen; denn man kannte die ungeheure Kraft des jungen Riesen. Aber hochaufgerichtet trug er das Haupt, als hätte er auch noch als Gefangener zu befehlen; Hohn und Verachtung sprachen aus seinen blitzenden Augen, und weder durch die schweren Gewichte, noch durch die zahlreichen Wunden konnte sein Gang an Elastizität verlieren.

Es mußte einen harten Kampf gegeben haben, ehe man ihn überwältigt hatte, wahrscheinlich war er einer Hinterlist zum Opfer gefallen.

Sein Blick traf den vorbeieilenden Reihenfels, den er kannte, und dunkles Feuer sprühte ihm aus dem Auge. Wie verächtlich wandte er sofort den Kopf und spuckte aus.

Was sollte das heißen? Galt das ihm, oder war es nur Zufall? Von dem Mädchen konnte er nichts erfahren, dieses hielt sich nicht auf. Jetzt bog es ab und wandte sich in dunkle Gäßchen, wobei es wieder Reihenfels' Hand ergriff.

»Bega, ich bitte dich, was soll dies alles bedeuten?« fragte er; denn es wurde ihm unheimlich zumute.

»Ich gebe dir später die Erklärung, wir sehen uns wieder,« klang es hastig zurück, »wir können das Tor jetzt nicht passieren, ich muß dich einstweilen wo anders verstecken. So, wir sind am Ziel! Verhalte dich ruhig, du wirst gut verpflegt, ich besuche dich öfters.« Das Tor eines kleinen, fensterlosen und sehr stark gebauten Häuschens wurde geöffnet, düsteres Licht fiel ihm entgegen, und schon wurde er von der kräftigen Hand des Mädchens hineingeschoben.

Doch Reihenfels setzte Widerstand entgegen.

»Ich gehe nicht eher, als bis du mir sagst, um was es sich handelt. Was soll mit mir geschehen?«

»Ich muß dich hier einstweilen verbergen, dein Hiersein ist verraten worden, man sucht dich. Oder mißtraust du mir, Oskar?«

Sie umschlang ihn und drückte ihn an sich. Er fühlte das harte Panzerhemd an seiner Brust.

»Nein, ich traue dir, Bega, und will dir gehorchen. Vergiß meine Schwester nicht!«

»Mit dir soll sie den Rückweg ins englische Lager antreten, verlaß dich darauf.«

»Bega, jetzt vollende das Lied, welches du vorhin abbrachst!«

»Der Freund zieht weiter, Ich seh' es heiter Denn er bleibt mein auf allen Wegen.«

erklang es zurück, er fühlte zwei Lippen auf den seinen, dann trat er ein, und sofort fiel die Tür hinter ihm ins Schloß, durch den Klang verratend, daß sie aus Eisen bestand.

Reihenfels war nicht allein in dem quadratischen Gemach, welches das ganze Haus einnahm; eine dunkle Gestalt erhob sich in einer Ecke und enthüllte sich, als sie in den Schein der Öllampe trat, als ein alter Mann, der Reihenfels mit ehrfürchtigen Grüßen bewillkommte, wobei aber zugleich ein widriges Grinsen sein faltiges Gesicht verzerrte.

Wäre Reihenfels nicht durch die letzten Worte des Mädchens überzeugt gewesen, daß er Bega als Begleiterin gehabt hatte, er würde geglaubt haben, man hätte ihn mystifiziert und ihn in eine Falle gelockt.

»Gegrüßet seist du mir, edler Faringi!« sagte der Alte, immer häßlich lächelnd. »Die mächtige Begum von Dschansi hat mir, ihrem treuesten Diener, den Befehl gegeben, dich während einiger Tage zu verpflegen. Siehe, nichts wirst du hier vermissen. Dein Bett ist weich, dort stehen Wein, Brot und Früchte, und was du begehrst, wird dir sofort werden; du brauchst nur zu verlangen.«

Reihenfels sah sich um und fühlte sich als Gefangener. Das Gemach war fensterlos, die Tür aus Eisen, innen ohne Schloß und Riegel, die Decke ziemlich hoch und oben mit einem Loch versehen, welches wahrscheinlich in die obere Etage führte. Doch eine Treppe oder Leiter fehlte.

Fragen an den Alten hatten keinen Erfolg, er wiederholte nur in einem fort seine Unterwürfigkeit. Seufzend fügte sich Reihenfels in das Unvermeidliche; er wurde von bösen Ahnungen erfaßt. Lange sollte seine Gefangenschaft übrigens nicht dauern.

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