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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 14
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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14. Amors Launen

»Wischnu, der göttliche Erhalter hat Gnade mit dir gehabt und dir Leben und Gesundheit wiedergeschenkt. Danke mir nicht, denn ich war nur sein Werkzeug. Wenn ein irdisches Wesen noch Dank verdient außer ihm, so ist es die, welche dich im fieberwirren Schlaf bewacht hat. Aus ihren Händen strömte warmes Blut, aus ihrem Munde neues Leben zu dir über, auch ihr verdankst du deine Rettung. Lebe, wohl, Jüngling, mögest du nie wieder einen Priester Wischnus als Arzt gebrauchen! Lebe wohl!«

Mit diesen Worten verneigte sich der Greis, an dem weißen Stirnband als Priester Wischnus und Arzt kenntlich, vor dem auf dem Diwan sitzenden, blassen, jungen Mann und wandte sich zum Gehen.

Der, dem eben die Genesung nach langer Krankheit verkündet worden, ergriff die Hände des Priesters und drückte sie warm.

»Nein, auch dir habe ich zu danken, edler Mann!« sagte er lebhaft. »Du hast dich in unermüdlicher Sorgfalt um mich bemüht. Habe Dank dafür, mehr kann ich nicht tun, nicht eine Kleinigkeit dir zum Andenken geben, denn ich bin ein Gefangener, und selbst mein Leben gehört mir nicht mehr!«

»Die Priester Wischnus verlangen nichts für geleistete Dienste. Daß sie Wischnu dienen dürfen ist ihnen Belohnung übergenug. Doch du irrst, wenn du sagst, als Gefangener gehöre dein Leben nicht dir selbst. Es gehört dir, denn du kannst es jeden Augenblick verschenken, den Göttern oder den Menschen.«

»Mein Leben kann ich dir, der du es erhalten, nicht anbieten.« »So schenke es dieser!« entgegnete der Priester, auf die weiße Gestalt deutend, die im Hintergrunde des orientalischen Gemaches stand, und entfernte sich. Der junge Indier hatte sich erhoben und ging mit ausgestreckten Händen, aber mit zögerndem Schritt, auf diese Gestalt zu.

»Bega,« sagte er leise, »hast du gehört? Wenn ich mein Leben verschenken darf, so soll ich es dir geben. Willst du es annehmen?«

Die Gestalt verließ die dunkle Ecke, im Dämmerlicht der Ampel warf sich ein junges Mädchen, eine Indierin, dem Entgegenkommenden an die Brust und umschlang ihn mit beiden Armen.

»Endlich, endlich sagst du mir das, worauf ich schon so lange gewartet habe, Eugen!«

lispelte sie. »Wohl wußte ich, daß du mich liebtest, denn im Fiebertraum hast du oft davon gesprochen, doch erwachtest du, so waren deine Lippen stumm, nur deine Augen sprachen.«

»Bega!« jauchzte Eugen auf und drückte das Mädchen leidenschaftlich an sich. »So habe ich mich nicht getäuscht, so liebst du mich wirklich?«

»Wie kannst du so fragen? Was anderes als meine Liebe fesselte mich an dein Krankenbett?«

»Ich hielt es nur für Mitleid. Im Fieber verlangte ich stets nach dir. Ich weiß wohl, daß der Arzt angeordnet hatte, dem Verlangen des Kranken, der eine leidenschaftliche Natur besitzt, in jeder Weise nachzukommen. Sonst könnte er nicht an meine Genesung glauben.

Ich verlangte stürmisch nach dir, und du kamst.«

»Ich kam so gern, Eugen!«

»Im Traume war es mir oft, als sprächst auch du von Liebe zu mir.«

»Es war kein Traum, Eugen, ich tat es.«

»Wie? So gabst du mir deine Liebe schon zu verstehen?«

»So gern hätte ich es auch im Wachen getan, doch vergebens wartete ich, daß du zuerst davon begannest. Was du im Fieber sprachst, das hielt ich für eine andere geltend.«

»Es galt nur dir! Und, Bega, habe ich nicht schon einmal zu dir von meiner Liebe gesprochen?«

»Ich törichtes Mädchen schlug sie damals aus, und darum glaubte ich, du zürntest mir.«

»Im Gegenteil, dein Zorn war es, der mich betrübte und unglücklich machte.«

»O, sprich nicht mehr davon! Schwer habe ich für meine Torheit damals büßen müssen.

Jetzt ist alles wieder gut! Nicht wahr, du zürnst mir nicht mehr, daß ich dich damals verkannte?«

»Kein Wort mehr davon! Bega, ich bin aus langer Krankheit zu neuem, fröhlichem Leben erwacht.«

Eugen zog das Mädchen an sich, führte sie auf den Diwan und blickte ihr zärtlich ins Antlitz, das von dem Ampelschein hell beleuchtet wurde.

»Warum entzogst du mir deine Nähe gerade in der letzten Zeit, als ich mich am meisten nach dir sehnte?« fragte er.

Es war fast, als ob das Mädchen ihr Antlitz den hellen Strahlen entziehen wollte, sie wendete es ab und schmiegte sich an die Brust des Geliebten.

»Weil ich mich vor deinen ersten Worten fürchtete,« flüsterte sie.

Er hob ihr Kinn sanft empor.

»Du hast dich verändert, Bega.«

»Ich habe schwer zu leiden gehabt, ich litt mit dir.«

»Du gefällst mir noch mehr als früher.«

»Schmeichler!«

»Ich schmeichle nicht. Wie könnte ich das überhaupt dir gegenüber? Deine Züge sind sanfter geworden, aus deinen Augen bricht ein sanfterer Strahl als früher, da sie in wilder Glut auflodern konnten. Oder können sie das auch noch jetzt?« »Weißt du nicht, wer ich bin?«

Eugen zuckte etwas zusammen; er wollte das Mädchen etwas von sich entfernen, doch dieses umschlang ihn heftig und preßte ihn an sich.

»Eugen, liebst du mich nicht?«

»Bega!«

»So sage es mir.«

Er gab ihr die Antwort dadurch, daß er sie wiederholt und leidenschaftlich küßte.

»Nun, weißt du, wer ich bin?«

»Die Begum von Dschansi?« flüsterte er wie zaghaft.

»Du sagst die Wahrheit.«

Ein Schauer ging durch den noch schwachen Körper des eben erst Genesenen.

»Ich habe den Namen gehört, es war der Schlachtruf der Rebellen in jener schrecklichen Nacht; ja, ich habe sie selbst in Stahl gepanzert auf dem schwarzen Roß sitzen sehen, wie sie das Schwert schwang. Und das warest du gewesen?«

»Ich war es.«

»Bega, du, die Königin von Dschansi! Ich kann es nicht fassen.«

»Warum nicht? Die Engländer sind meine Feinde, und ich bin eine Indierin.«

»Du, an meinem Krankenlager!«

»Die Liebe kennt nicht Freund und Feind in diesem Sinne. Der, den ich liebe, ist mein Freund.«

»Du, das streitbare Mädchen, an meinem Krankenlager!« wiederholte Eugen ungläubig.

»Nicht immer war ich bei dir, oft blieb ich tagelang entfernt, ohne daß du es wußtest.

Dann führte ich die Meinen an, und war der Kampf beendet, so kehrte ich zu dir zurück.«

»So verstehst du nicht nur Wunden zu heilen?«

»Ich muß auch denen solche zufügen, welche Indien in Knechtschaft halten wollen.«

»Ich kann es noch nicht begreifen. Du, das ernste und doch wieder manchmal so lustige, mutwillige Mädchen, das ich in Wanstead als die Tochter des Radscha Tipperah kennen lernte, du bist wirklich die Begum von Dschansi? O, gib mir Klarheit!«

»Ich kann es, denn es ist so. Ich bin nicht nur die Begum von Dschansi, ich bin die Königin von Indien; alle Radschas und Maharadschas müssen mir gehorchen, und tun sie es nicht, so sind sie meine Feinde und werden ihren Abfall dereinst büßen müssen. Selbst Nana Sahib und Großmogul Bahadur zollen mir Gehorsam.«

Ungläubig schaute Eugen sie an.

»Glaubst du nicht meinen Worten? Ich kann es dir beweisen, ich werde die hier versammelten Fürsten rufen; sie sollen sich vor mir beugen.«

Sie streckte die Hand nach dem Klingelzug aus, doch Eugen hielt sie davon ab.

»Nein, nein, tu es nicht! Du rufst meine Feinde. Ich kann es nicht ertragen, wenn sie sich an dem Anblick des Gefangenen weiden.«

»So glaubst du mir?«

»Ich muß es, du sprichst zu überzeugend.«

Er wollte sich von ihr losmachen, sie aber preßte ihn nur noch leidenschaftlicher an sich.

»Was willst du tun, Eugen? Warum sträubst du dich?«

»Bega, laß mich, du bist für mich nun doch verloren,« kam es ächzend über seine Lippen.

»Verloren für dich?«

»Du bist eine Gegnerin Englands.«

»Und deine Geliebte!«

Es darf nicht sein. Ich bin dein Gefangener.«

»Du bist ein Indier. Sprich ein Wort, und du bist frei.«

Eugen schien zu erstarren. Plötzlich wußte er, was von ihm gefordert wurde.

»Wie meinst du das?« stammelte er. »Du bist ein Indier und wirst fernerhin für Indien kämpfen.«

»Ich schwor der englischen Königin Treue. Bega ich beschwöre dich, verlange nichts Unmögliches von mir.«

»Der Schwur ist durch den Tod ungültig.«

»Ich starb nicht.«

»Nein, denn ich erhielt dir das Leben. Denke an das Wort des Priesters. Dein Leben gehört diesem Mädchen.«

»Ich kann nicht, Bega.«

»Wenn du nicht für Indien kämpfen willst, so kämpfe für die, welche du liebst – für mich.«

»Bega, Bega!« stöhnte der junge Mann.

»Du zögerst noch?«

»Ich kann nicht.«

»Dies ist das einzige, was mich hindert, dir jemals anzugehören,« rief das Mädchen und wollte sich aus seinen Armen heftig lösen.

Diesmal war es Eugen, welcher sie daran verhinderte.

»O, sei nicht so schroff, Bega!« flehte er. »Laß uns überlegen, ob es keinen anderen Weg gibt, daß du die Meine wirst.«

»Es gibt keinen anderen. Ich bin die Beherrscherin Indiens, auf mich sieht das Volk als auf seine Befreierin, von mir verlangt es die Rettung, die Freiheit Indiens, und verlasse ich dieses Land, so ist es für immer der Knechtschaft anheimgefallen. Verlange alles von mir, Eugen, ich will es aus Liebe zu dir tun, nur verlange nicht, daß ich aus Egoismus mein Vaterland den Feinden opfere.«

»Bega, du überschätzest dich.«

»Von jedem anderen würde das eine Beleidigung für mich sein, doch nicht von dir. Du warst krank und weißt nicht, was sich draußen ereignet hat.«

»So wären die Engländer wirklich vertrieben?«

»Ist es auch noch nicht so weit, ja, scheint es auch fast, als ob die Sache der Rebellen schlecht stände, so ist es doch nicht so. Noch hat der Kampf um die Herrschaft Indiens gar nicht begonnen, noch sind nur Plänkeleien vorgefallen. Aber der Sieg wird doch unser.

Eugen, bist du der Unsrige? Indien ist dein Vaterland.«

»Ich kenne meine Heimat nicht.«

»Sagt dir nicht dein Herz, daß du ein Indier bist?«

»Wohl, ich fühle mich als solcher. Aber doch – wer bin ich? Ich kenne Vater und Mutter nicht; edle Engländer haben diese vertreten und mir ihre Ansichten eingeprägt.«

»Fluch ihnen, daß sie dies taten!« rief das Mädchen heftig. »Ich werde sie wieder aus deinem Herzen reißen.«

»Das wirst du nicht können.«

»Geh, Eugen, geh zu den Engländern zurück und kämpfe gegen die, welche du zu lieben vorgabst! Nicht nur im Wachen, selbst im Traume hast du mich belogen. Geh, ich gebe dich frei.«

Eugen umklammerte sie noch fester.

»Ich tat es nicht,« rief er außer sich, »ich liebe dich, Bega! O Gott, was soll ich tun?«

»Rufe den Christengott nicht an, der dir nie helfen wird. Eugen, du sagtest, du kennst deine Eltern nicht. Soll ich sie dir wiedergeben, und wirst du dann erkennen, daß es deine heilige Pflicht ist, für dein Vaterland zu kämpfen, zu leben und zu sterben?«

»Wie? Meine Eltern lebten noch?«

»Sie leben nicht mehr auf Erden, aber sie leben noch in den Herzen aller Indier.«

»Wie meinst du das?« »Dein Vater war ein Held, der für seine Ehre starb. Frage die Fürsten, und sie werden dir sagen: Dein Vater war der Mann, aus dessen Blut der König Indiens hervorgehen soll.«

Sprachlos staunte Eugen das Mädchen an.

»Wer sollte das sein?« flüsterte er.

»Du!«

»Ich habe dich nicht verstanden. Aus meines Vaters Familie sollte der König von Indien hervorgehen?«

»So lautet die Prophezeiung: Deines Vaters Sohn soll die Königin von Indien freien, so wird er König. Du, Eugen, bist dieser Auserwählte, dir gebührt die Krone von Indien, von allen wirst du anerkannt werden, wenn du dich in unsere Pläne fügst.«

Bega war aufgestanden, hatte ihm die Hände auf die Schultern gelegt und schaute ihn mit glänzenden Augen an.

Eugen glaubte zu träumen.

»Eugen,« fuhr das Mädchen mit erhobener Stimme fort, »weigere dich nicht mehr, sei der Unsrige! Du gewinnst dabei mich und durch mich die Krone Indiens.«

»Aber wer bin ich denn?«

»Ich will es dir nicht länger verhehlen. Vor allen Dingen erfahre, daß ich nicht nur die Begum von Dschansi bin. Ich bin die verheißene Königin von Indien; aber noch ist nicht die Zeit, mich auf den Thron zu heben. So hat man mir den Titel der Begum von Dschansi gegeben; denn der Thron von Dschansi steht leer. Der Radscha von Dschansi fiel heldenmütig im Zweikampf mit Nana Sahib, und weißt du, wie dieser Radscha, in dessen Familie der Brahmanenrang erblich ist, hieß?«

»Wie sollte ich das wissen?«

»Er hieß Sirbhanga.«

»Sirbhanga?«

»Ja, es ist der Name, der dir von Brahmanen auf den Arm tätowiert wurde, und du bist sein Sohn – Sirbhanga Brahma, der zukünftige König von Indien!«

Eugen war aufgesprungen.

»Bega, sprichst du die Wahrheit?« stieß er hervor.

»Wenn du mir nicht glaubst, so kann ich Beweise bringen. Aber genügt dir nicht schon die Tätowierung auf deinem Arm?«

»Ich, der Sohn Sirbhangas, des Radschas von Dschansi, der König von Indien!«

»Du bist es. Sei der Unsrige, der Meine! Hand in Hand wollen wir für unser schönes Indien kämpfen, und haben wir es befreit, dann wollen wir auch zusammen die Früchte genießen!«

»Nein, nein, ich kann es nicht fassen!« rief Eugen.

»Du kannst dieses Glück nicht fassen?«

»Das Glück, ach, das Glück! Nein, du zauberst mir phantastische Bilder vor die Augen, ich werde umgarnt.«

Eine Glocke ertönte; Bega hatte sie gezogen. Die Portiere wurde zurückgeschlagen, und ein reichgekleideter, alter Mann mit schneeweißem Haupt- und Barthaar trat herein. Eugen kannte ihn, es war Bahadur, der Großmogul von Indien.

Er verneigte sich tief vor dem Mädchen, führte deren ausgestreckte Hand an die Lippen und wandte sich dann an Eugen:

»Du bist genesen, sagt der Arzt, und stark genug, die Freudenbotschaft ertragen zu können. Ja, Sirbhanga Brahma, erfahre es denn, du bist wirklich der Radscha von Dschansi, die Begum hat dir deinen Thron bewahrt, solange er leer stand, und sie wird dich noch zu einer anderen Höhe geleiten, die zu erklimmen ich von den Göttern nicht würdig befunden bin. Komm, mein Sohn, ich will dir erzählen, wer dein Vater gewesen ist, was du bist, und was die Götter von dir verlangen, damit du der Befreier Indiens wirst.« Traumverloren erhob sich Eugen und wurde von Bahadur am Arme hinausgeführt.

Noch einmal warf sich das Mädchen an seine Brust.

»Geh,« flüsterte sie ihm zu, »sei groß und stark, überzeuge dich von der Wahrheit, und dann bebe vor nichts zurück, was auch von dir verlangt wird. Bedenke, wir gehen Hand in Hand! Was deine Aufgabe ist, ist auch die meine, und so werden wir gemeinschaftlich das Ziel erreichen, die Befreiung Indiens und – unsere Vereinigung.«

»Bega, ich werde alles befolgen,« rief Eugen feurig, »sehe ich doch ein herrliches Ende vor Augen. Auf Wiedersehen, Bega!«

Er verließ mit Bahadur das Gemach. Seltsam, wie sich das Mädchen benahm, als sie sich selbst überlassen sah.

Heftig warf sie sich auf den Diwan und verhüllte das Gesicht mit den Händen.

»Verloren für mich, verloren für immer,« murmelte sie fast unhörbar, »und ich kann ihn doch nicht warnen, denn ich werde immer belauscht, wenn ich mit ihm allein bin. Tod und Verrat umlauerten mich immer, und habe ich meinen Zweck erfüllt, so werde ich als nutzlos fortgeworfen – gerade wie er. Eugen, Eugen, den ich liebe, könnte ich dich doch warnen.

daß du nicht in den Abgrund stürzt, in dessen Tiefe du zerschmettern wirst. Könnte ich dich doch retten!«

Lange saß sie so da, das Gesicht in den Händen verhüllt.

Dann blickte sie auf, sah sich scheu um, als fürchtete sie, auch jetzt in der Einsamkeit belauscht zu werden, sprang auf und huschte durch eine andere Portiere zum Gemach hinaus.

Einsam und still lag das orientalische Zimmer da, in welchem eben von Liebe und Ruhm gesprochen worden war.

Da raschelte und knisterte es, die Tür eines Schrankes öffnete sich leise knarrend, und ein menschlicher Kopf sah durch die Spalte. Als er das Zimmer leer fand, folgte die Gestalt eines Mannes nach, mit der Uniform der Sepoyoffiziere bekleidet.

Also hatte das Mädchen doch einen Lauscher gehabt, aber keinen freiwilligen. Reihenfels mußte sich hier verstecken, als er, während er das Zimmer suchte, in dem möglicherweise seine Schwester war, Stimmen sich nähern hörte.

Er hatte die Unterhaltung zwischen Eugen und dem Arzt, zwischen Eugen und Bega vernommen, er hatte auch noch gehört, wie letztere nach Entfernung Eugens geseufzt und leise gesprochen hatte, aber nicht den Inhalt des Selbstgesprächs.

Er sah bleich aus, als hätte er ein Gespenst gesehen, als er so im Zimmer stand und sich umschaute.

Nein, er hatte nichts gesehen, aber desto mehr gehört. Und was hatte er gehört! War es denn nur Wirklichkeit? Bega sollte solch eine Schlange sein? Ach, Reihenfels wußte nur zu gut, um was es sich handelte. Eugen sollte für die Sache der Rebellen gewonnen, sollte auf alle Fälle als Spion gebraucht werden. Und war er nicht schon dafür gewonnen? Sicherlich, der List des Mädchens war es geglückt.

War es denn aber eine List? Nein, sie sprach offen, sie liebte Eugen also, und ihn, Reihenfels, ihn hatte sie zum besten gehabt. Kein Wort über ihn war gefallen, Eugen hatte nicht an ihn gedacht in seinem Glück, Bega seiner nicht erwähnt, und das mit Absicht.

Diese Schlange, die er an seinem Busen getragen hatte! Wie war ihm in dem Versteck zumute gewesen, als er das Zwiegespräch vernahm! Erst hatte er nicht glauben wollen, daß es Bega sei, aber Eugen nannte sie ja so, sie selbst nannte sich Bega, gab sich als die Begum von Dschansi dem Ahnungslosen zu erkennen. Reihenfels wußte auch, was das frühere Ereignis war, an welches sie beide nicht mehr denken wollten.

Er hatte versucht, die Tür des Schrankes mit den Augen zu durchbohren, er wollte sie öffnen, wenn er nicht noch so viel Vernunft besessen hätte, sich zu sagen, daß er dann verloren sei.

Bega war von jetzt ab seine Feindin, und er wollte sie auch als solche behandeln. Ach, er hatte sie verloren, die er liebte, und an deren Gegenliebe er doch noch immer geglaubt hatte, was auch alles dazwischengekommen, wie ihm das erbarmungslose Schicksal auch feindlich gesinnt gewesen war.

Verloren, verloren, diesmal für immer verloren! klagte es in seinem Innern.

Er hörte noch die Liebesworte, die Küsse, und eine Blutwelle übergoß sein Gesicht.

Alles, alles war umsonst gewesen, alles, wonach er gestrebt und gerungen. Im Augenblick dachte er nicht mehr an seine Schwester, er dachte nur an sein namenloses Elend.

Fort, nur fort aus diesem Hause, wo ihm sein Schicksal zum Bewußtsein gekommen war.

Er lauschte – es war alles still. Dann öffnete er die Tür, die nach dem Korridor führte, und schritt schnellen Schrittes der Treppe zu. Dicke Teppiche dämpften den Tritt.

Als er den Korridor der ersten Etage erreichte, fiel ihm plötzlich ein, was er hier eigentlich gewollt hatte. Es galt ja seine Schwester zu befreien. Ja, war seine Liebe auch verloren, so wollte er doch die anderen Menschen schirmen, er wollte für das Glück Lord Cannings kämpfen, und sollte er auch dabei zugrunde gehen. Was lag ihm noch am Leben? Dem Schicksal seiner Schwester und des Geliebten seiner Schwester wollte er es weihen.

Schon wollte er umkehren, die Treppe wieder zu ersteigen, als er bestürzt stehen blieb.

Über ihm erklang die Stimme Eugens, der jetzt sein Feind geworden war, vor ihm die Stimme Begas. Er konnte also weder vor- noch rückwärts, wollte er nicht gerade denen begegnen, die ihn trotz seiner Kleidung erkennen mußten.

Schnell entschlossen öffnete Reihenfels die erste Tür, vor der er stand und trat ein. Allen anderen wollte er begegnen, nur diesen beiden nicht.

Gott sei Dank, dieses Zimmer war leer! Aber da, da erklang wieder die Stimme Begas, nicht mehr aus dem Korridor, sondern in einem der Nebenzimmer, die nur durch Portieren voneinander getrennt waren, und ein leichter Schritt näherte sich dem Gemach, in welchem sich Reihenfels befand.

Kein Zweifel, sie wollte es betreten oder doch passieren, und Reihenfels durfte von ihr nicht gesehen werden.

Schon zum zweiten Male mußte er ein Versteck suchen, er, der Offizier der Sepoys, und er tat es. Mit einem Sprunge stand er hinter einer spanischen Wand und zog den Schirm, der noch geöffnet war, dicht an sich. Derselbe verdeckte ihn vom Kopf bis Fuß vollkommen; gesehen konnte er nicht werden, wenn nicht jemand die Wand brauchte und auseinanderschlug; dagegen konnte Reihenfels durch die Ritzen, welche von den einzelnen Feldern gebildet wurden, das ganze Zimmer übersehen.

Wie die übrigen, so wurde auch dieses durch eine Hängeampel aus rotem Glas erleuchtet.

Noch ehe die sich nähernde Person eingetreten war, hatte Reihenfels mit Bestürzung erkannt, daß er sich in einem Schlafzimmer befand, und zwar in einem, welches seinen Bewohner erwartete.

Auch hier war die Ausstattung eine sehr reiche, die Polster und Bezüge der Möbel waren von rotem Samt, das Bett mit Spitzen besetzt, aber nicht wie gewöhnlich von einem Baldachin mit Vorhängen überdacht.

Obgleich alle jene Nippsachen, Tischchen mit Toilettengegenständen, Vasen mit wohlriechenden Blumen usw. fehlten, die, wie überall, auch in Indien die Damenzimmer charakterisieren, so konnte doch Reihenfels an den Garderobestücken, die nach dem Kleiderwechsel über den Diwan geworfen worden waren, schließen, daß er in einem Boudoir war.

Um Gottes willen, wenn jetzt die Besitzerin kam und sich zur Ruhe begab, wenn es Bega war! Reihenfels Herzschlag drohte zu stocken.

Doch nein, hinter der Portiere kam nicht Bega sondern ein ihm unbekanntes Weib, ein junges Mädchen hervor. Aber dennoch, wenn dieses jetzt schlafen ging, wenn es ihm nicht gelang, sich lautlos zu entfernen! Es war ein Mädchen, durchaus nicht indisch gekleidet. Es trug ein kurzes, rotes Röckchen, etwas über die Knie reichend, gelbe Schuhe, deren Riemen die Waden kreuzweise umgaben, ein schwarzes Mieder, aus dem die Puffärmel und das Busentuch in verführerischer Weise blickten, und langes, schwarzes, offenes Haar.

Reihenfels hätte sie den dunklen Augen und dem Profil nach für eine Italienerin gehalten, aber ihre Hautfarbe war sehr blaß. Sie wäre hübsch, sogar schön zu nennen gewesen, wenn nicht ihr Gesicht von roten Flecken entstellt gewesen wäre, von denen einige sogar blau umrändert waren. Sogar der Hals zeigte einen solchen Fleck, und hätte der Kragen nicht so weit herausgereicht, so hätte man wohl noch mehr dieser Flecke sehen können.

Einen Augenblick zuckte durch Reihenfels' Kopf die Frage, ob er nicht diesem Mädchen schon einmal irgendwo begegnet sei, doch er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken.

Die Beobachtung dessen, was das Mädchen vornahm, nahm ihn ganz in Anspruch.

Die Vorbereitungen waren allerdings besorgniserregend; denn sie traf offenbar Anstalten zur Nachtruhe, doch nicht für die ihre, sondern für die einer anderen.

Schon ihr Benehmen war das einer Dienerin.

Mit mürrischem Gesicht räumte sie die abgeworfenen Kleider in einen Schrank, nachdem sie vorher jedes von allen Seiten und wie geringschätzend betrachtet hatte; sie befühlte den Stoff, griff in die Taschen eines nach europäischem Schnitt gefertigten Kleides, das sie in dem geöffneten Schrank hängen sah, zog ein Lederetui hervor, öffnete es und steckte es, als sie es leer fand, mit unbefriedigter Miene wieder in die Tasche zurück.

Ebenso untersuchte sie die einzelnen Gegenstände auf dem Nachttischchen, zog die Schubfächer auf, kramte darin herum, legte aber sorgfältig wieder alles auf seinen alten Platz.

Dann rückte sie die Stühle und Sessel zurecht und machte sich daran, die Bettdecken zurückzuschlagen, als draußen auf dem Korridor ein doppelter Schritt ertönte.

Sofort änderte sich das Benehmen der Dienerin. Ihre mißmutige Miene hellte sich auf und war bereit, jeden Ausdruck anzunehmen, den die Gelegenheit verlangte. Vor allen Dingen war jetzt Dienstwilligkeit darin zu lesen, und ebenso schnell arbeiteten jetzt auch die Hände; sie strichen die Decken glatt, zupften hier und da, strichen wieder über das weiße Linnen, und zögerten absichtlich, mit der Bettbereitung aufzuhören, bevor die draußen vor der Tür stehenden Personen das Zimmer betraten.

Sie hätte es nicht so eilig zu haben brauchen, denn draußen fand noch ein Gespräch statt.

»Es ist zu schade, daß die Sprengtonnen naß und so unbrauchbar geworden sind,« hörte Reihenfels eine Stimme sagen, welche er zu seinem neuen Schreck wieder als die Begas erkannte. »Die Nacht ist dunkel, und in einer Stunde können wir den heftigsten Sturm haben, er setzt schon stoßweise ein. Diese Nacht wäre zu einem Ausfall besonders geeignet.«

»Die Sprengtonnen werden noch diese Nach durch neue ersetzt,« entgegnete eine männliche, dem Lauscher unbekannte Stimme in unterwürfigem Ton, »Wir werden morgen das Versäumte nachholen müssen.«

»Wer weiß, ob uns da die Witterung wieder so günstig ist. Eine Nacht mit Sturm und Regen ist die beste, da sucht jeder, der nicht durch den Dienst gebunden ist, das trockene Zelt auf, und selbst die Wachen ziehen den Mantelkragen höher, träumen von der Heimat und schlafen mit offenen Augen. Nun, es geht nicht zu ändern. Sorge also dafür, daß morgen mit Anbruch der Nacht die Bohrungen beginnen. Schlag zwölf Uhr muß die Brücke in die Luft fliegen. Wir stürmen aus dem zweiten Tor gegen die Überraschten vor, die sich in Verwirrung befinden werden, und beschäftigen sie so lange, bis wir die Schanzarbeiten zerstört haben.«

»Wie du befiehlst, Begum. Wem überträgst du die Führung des Ausfallkorps?«

»Ich selbst werde es führen!« Du selbst? Schone deine Person, Begum!«

»Ist sie zum ersten Male der Gefahr ausgesetzt? Bin ich mehr als der Kuli, der für die Freiheit Indiens kämpft? Gute Nacht! Höre, wie der Sturm wieder einsetzt!«

»Gute Nacht, Begum, Brahma segne dich, Wischnu erhalte dich!«

Die Tür ward geöffnet, ein heftiger Luftzug fuhr durchs Zimmer und drohte die Ampel zu verlöschen.

»Schließe das Fenster, Besra!« rief die Begum sofort.

Da stand sie im Zimmer, sie, die Reihenfels mit aller Kraft seiner Seele geliebt hatte und nicht mehr liebte, wie er sich wenigstens unausgesetzt zuflüsterte. Ja, wenn sie ihn nicht wiedergeliebt, ihm ausgewichen, ihn sogar verachtet hätte, er würde sie dennoch fort und fort geliebt haben, aber so – sie hatte sich einem anderen in Liebe ergeben, sie gedachte seiner nicht mehr.

Was er eben erlauscht hatte, machte seine Rückkehr in das Lager nötig. Es handelte sich um eine Sprengung der Brücke und einem gleichzeitigen Ausfall der Indier unter der Begum selbst. Sie wollten die Schanzarbeiten der Engländer zerstören.

Mit Zorn und Wehmut zugleich betrachtete Reihenfels das schöne Mädchen. Jenes andere Gefühl, welches plötzlich so beängstigend warm in seinem Herzen aufstieg, wollte er nicht empfinden.

Wie wunderbar schmiegte sich der schwere, dunkle Seidenstoff an die herrlichen, schlanken Formen an; wie hoch und regelmäßig ging dieser volle Busen, wie scharf und kühn blickten die dunklen Augen, der kleine, rote Mund, dessen Wölbung ihr jetzt einen so bitteren Zug gab. Ach, damals, als er ihn küssen durfte, so oft und so lange er wollte, damals hatte er so fröhlich lachen können, damals, als dieser Busen an seiner Brust gewogt, als die schwarzen Augen ihn so fröhlich angefunkelt hatten, als er sich selbst in ihnen wiederfand.

Vorbei, vorbei für immer! Die lange Schleppe des indischen Gewandes graziös über den linken, halbentblößten Arm gelegt, die Rechte ungezwungen herabhängend, wartete die Begum, bis die Dienerin die Fenster geschlossen hatte, an welche sofort schwere Tropfen schlugen. Das Heulen des Windes begleitete das monotone Geräusch, das dieselben auf den Scheiben hervorbrachten.

Dann wendete sich die Dienerin um und machte, rückwärtsgehend, vor ihrer Herrin eine tiefe Verbeugung. Sonst mochte dieses Mädchen in dergleichen Grüßen sehr bewandert sein; diesmal aber, anscheinend durch die ruhige Majestät der vor ihr Stehenden verlegen gemacht, fiel die Verbeugung linkisch aus, sie stieß dabei an einen Stuhl.

Es war schon seltsam, daß die Begum nicht nach indischer, sondern nach abendländischer Art begrüßt wurde.

»Warum ist Besra nicht hier?« fragte die Begum.

»Besra ist heute morgen erkrankt, gnädige Begum,« entgegnete das Mädchen in nicht besonders geläufigem Indisch.

»Was fehlt ihr?«

»Sie klagt über heftigen Kopfschmerz.«

»So vertrittst du ihre Stelle?«

»Die Duchesse wünscht, daß ich dich, o, Begum, bediene.«

»Welche Duchesse?«

»Ich versprach mich,« verbesserte sich die Dienerin errötend, »Ayda wollte ich sagen.«

»Ich habe dich noch nie in diesem Hause gesehen.«

»Und doch bin ich Ayda seit langem eine treue Dienerin gewesen.«

»Wie heißt du?«

»Mirzi.«

Reihenfels wäre bald plötzlich vorgestürzt; denn jetzt erkannte er das Mädchen, es war die Verführerin aus der Alhambra. »Ah, jetzt weiß ich, wer du bist,« sagte auch die Begum, »jetzt kann ich mir auch die Flecken auf deinem Gesicht erklären, welche mir sehr auffielen! Du bist das arme Mädchen, welches so unglücklich von der Treppe herabstürzte und auf groben Kies fiel.«

»Dein Bedauern, o, Begum, ist mir der beste Trost für diese Flecken, die mich entstellen.«

»Es gibt Flecken, die man nicht sieht, und die doch mehr entstellen als die sichtbaren.«

»Ich verstehe nicht den tiefen Sinn deiner Worte, Begum. Verzeihe meinen schwachen Verstand!«

»Ich meine, es ist besser, man hat Flecken im Gesicht, durch unverschuldetes Unglück erzeugt, als Flecken auf dem Herzen, die man sich stets selbst zugezogen hat. Wenn sie dich also nicht schmerzen, bist du nicht weiter zu bedauern. Du warst lange im Krankenhaus?«

»Ja, Begum.«

»Ayda spricht gut von dir.«

»Ich war ihr immer treu; deshalb gab sie mich dir als Dienerin.«

»Ich brauche wenig Bedienung. Was ist deine Heimat?«

»Das sonnige Malta im Mittelländischen Meer.«

»So hast auch du eine schöne Heimat, welche aber ebenfalls die Sklavenkette Englands tragen muß.«

»Deshalb hasse auch ich die Engländer.«

»Wie kommst du hierher?«

»Der Zufall trieb mich vor einigen Jahren nach Indien. Früher war ich in England.«

»Als was?«

»Ich mußte als Tänzerin in der Alhambra mein Brot verdienen – ein hartes Brot!«

»Ah!« kam es überrascht von den Lippen des fragenden Mädchens. »Mirzi, nicht wahr, so ist dein Name?«

»Mirzi, gnädige Begum.«

Bisher hatte die Indierin bewegungslos wie eine Statue dagestanden, jene Stellung, welche der Hoheit und Majestät eigen ist, jetzt wurde sie von Erregung ergriffen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, fixierte die Dienerin scharf und ging dann mit kurzen Schritten und öfteren Wendungen auf und ab.

»Es ist gut, Mirzi, ich will schlafen gehen.«

»Darf ich dir helfen?«

»Nein, nein, ich kann mich selbst entkleiden, ich brauche nie Hilfe.«

Sie ging an den Nachttisch und zog aus dem Busen ein Etui, um es in die Schublade zu legen.

Ein unwilliger Blick traf die Dienerin, welche sich noch nicht entfernt hatte, weil sie gewohnt war, indischen Damen beim Entkleiden alle mögliche Hilfe zu leisten. In dem Blicke lag aber zugleich auch etwas wie Abscheu oder Widerwillen.

»Es ist gut, Mirzi,« sagte sie nochmals kurz, »du kannst gehen, brauchst auch nicht zu wachen. Wo schläfst du!«

»Im Nebenzimmer.«

»Ist nicht nötig. Du wirst unten im Bedientenzimmer schlafen.«

»Begum, ich ...«

»Ich will es haben.«

»Wie du befiehlst, Begum!«

Die Dienerin verneigte sich und entfernte sich, während Bega in der Schublade suchte.

»Mirzi!« rief sie wieder.

Die Dienerin kam zurück.

»Mirzi, ich wünsche nicht, daß du in dieser Schublade Untersuchungen anstellst.«

»O, Begum, wie sollte ich wagen ...«

»Geh!« Das Mädchen biß sich auf die Lippen, den scharfen Augen ihrer neuen Herrin war ihre Neugier nicht entgangen. Sie mußte aber wahre Argusaugen besitzen, so etwas zu entdecken.

Reihenfels sah, wie die Dienerin beim Hinausgehen hinter dem Rücken Begas eine Grimasse schnitt.

»Mirzi!« erklang es sofort wieder.

»Was befiehlst du, Begum?«

»Behagt dir der Dienst bei mir nicht?«

»O doch, Begum.«

»So geh.«

Diesmal machte Mirzi beim Hinausgehen das freundlichste Gesicht, denn mit solch einer Herrin, die auch hinter dem Rücken sehen, die die kleinste Unordnung sofort entdecken konnte, war nicht zu spaßen, um so weniger, als es einmal ihrer Laune belieben konnte, jemanden wegen eines kleinen Vergehens einen Kopf kürzer machen zu lassen. Man lebte ja zur Zeit eines Aufstandes.

Aber ob die Herrin ihre Dienerin schikanieren wollte, oder ob sie nach einer Gelegenheit suchte, ihr ihren Unmut fühlen zu lassen, kurz, sie rief Mirzi zum dritten Male zurück.

Die Begum hatte sich auf einen Sessel gleiten lassen, stützte den runden Arm auf das Nachttischchen, den Kopf auf die Hand, und schaute die demütig vor ihr stehende Mirzi mit solch durchbohrendem Blicke an, daß diese scheu die Augen zu Boden senken mußte.

Doch Mirzi wußte ganz genau, was jetzt kommen würde, und sie hatte sich auch sonst nicht getäuscht. Es war kein Zufall, daß sie hier als Dienerin angestellt worden war.

»Du warst in der Alhambra zu London als Tänzerin angestellt?« begann die Begum mit leiser, aber fester Stimme, und sonderbar war es, wie ihre Nasenflügel zitterten, was stets heftige, innere Erregung bei ihr verriet.

Auf diese Frage hatte Mirzi nur gewartet.

»Die Not zwang mich dazu, die Fertigkeit, die wir Malteserinnen im Tanzen besitzen, zum Broterwerb zu benutzen. Die tiefste Scham ergreift mich, wenn ich an jene Zeiten zurückdenke. Ach, Begum, wäre ich damals doch lieber verhungert, ehe ich mich zu so etwas hergab.«

Wie verschämt senkte Mirzi den Kopf.

»Es ist kein ehrlicher Beruf, Tänzerin in England zu sein?«

»Ich war in England das, was in Indien eine öffentliche Bajadere ist.«

»Nun, mache das mit dir selbst aus, ich will und darf mich nicht zur Richterin erheben.

Nur eine Frage. Lerntest du in der Alhambra einmal einen Mann namens Reihenfels kennen?«

Mirzi überlegte, dann flog es wie ein zorniger Zug über ihr Gesicht.

»Gewiß, Oskar Reihenfels! Es war jener Elende, der mich, der mich – Begum, ich wage es nicht in deiner Gegenwart auszusprechen.«

»Sage es, ich befehle es dir!«

»Er war daran schuld, daß ich London plötzlich verlassen mußte, denn er stellte mich öffentlich an den Pranger. War ich auch ein gefallenes Mädchen – ich muß es gestehen – so besaß ich dennoch Schamgefühl. Dieser Reihenfels war es, der mich mit roher Gewalt zu überwältigen suchte, und meine Hilferufe lockten die Polizei herbei. Wir wurden wegen Unzucht verhaftet.«

Es läßt sich denken, wie es Reihenfels zumute war. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er hervorgestürzt und hätte die freche Dirne gezüchtigt. Er vermochte sich kaum noch zu beherrschen.

Auch die Begum wurde von Erregung ergriffen. Sie war aufgesprungen und durchmaß das Zimmer mit heftigen Schritten, bis sie mit drohend gefalteter Stirn vor dem Mädchen stehen blieb. »Sprichst du die Wahrheit, Weib?« fragte sie in herrischem Tone.

»Begum, was sollte mich dazu verleiten, dir unwahre Geschichten zu erzählen?«

»Ich kenne den Verlauf jenes Prozesses. Deine Aussage damals lautete ganz anders, du gabst zu, daß Reihenfels durch deine Hilfe in eine Falle gelockt worden war. Er glaubte, eine indische Bajadere kennen zu lernen, er wollte mit ihr über Fakire sprechen, du hieltest dies nur für einen Vorwand und wolltest dich ihm hingeben, aber sofort als er den wahren Sachverhalt erkannte, wendete er sich von dir ab und begehrte, du solltest ihn verlassen. So lautete damals deine Aussage, die jedoch wenig Wert besaß, denn du warst eine Bajadere, und so konnte Reihenfels nur wegen Mangels an Beweisen freigesprochen werden, denn der Hauptzeuge fehlte. Sage, wie kommt es, daß deine jetzige Aussage der damaligen völlig widerspricht? Die Spitzaxt der heiligen Kali soll dich von meiner Hand treffen, wenn du mir die Wahrheit verhehlst.«

Die Dienerin bebte doch bei diesen Worten und besonders bei dem furchtbaren Blick zusammen.

»O, Begum, zürne mir nicht! Du weißt nicht, daß wir Tänzerinnen nichts weiter als willenlose Sklavinnen in der Hand derer sind, die uns bezahlen. So wurde ich damals beeinflußt, für Reihenfels günstig auszusagen, obgleich er doch schuld war. Er hat mich wirklich zu überwältigen gesucht.«

»Wer hat dich beeinflußt?«

»Ein Beamter der Alhambra. Er gab mir Geld und versprach mir, mich sofort nach Frankreich zu schaffen, damit ich nicht weiter mit den Gerichten in Konflikt käme, wenn ich anders als nach meiner Überzeugung aussagte, und ich mußte gehorchen.«

»Wie hieß dieser Beamte?«

Mirzi nannte irgendeinen englischen Namen.

»Kanntest du einen Franzosen namens Giraud?«

»Es war jener, welcher mir zu Hilfe kam. Damals war er noch mein Geliebter. Er rettete mich aus den Händen Reihenfels' und überlieferte diesen der Polizei. Er tat recht daran.«

»Er fehlte, als er als Zeuge geladen wurde.«

»Ich weiß nicht, warum er nicht erschien.«

»Hast du ihn seitdem einmal wieder gesehen?«

»Nie!«

»Würdest du ihn wiedererkennen?«

»Sicherlich.«

»Also du bleibst dabei, daß Oskar Reihenfels dich zu überwältigen suchte?«

»Begum, ich schwöre, daß ich die Wahrheit spreche.«

»Schwöre nicht! Auch damals wurdest du vereidigt, und jetzt gestehst du offen, daß du eine falsche Aussage gemacht hast.«

»Ach, Begum, ich war nichts weiter als eine arme Sklavin!«

»Es ist gut, du kannst gehen!«

Mirzi ging und wurde nicht wieder zurückgerufen.

Der Dienerin Gewissen schlug ängstlich, sie fühlte heraus, daß nicht alles richtig war. Sie mußte sobald wie möglich mit ihrer Herrin, der Duchesse, in deren Auftrag sie handelte, sprechen, das Haus verlassen und die Begum meiden.

Wehe ihr, wenn letztere weitere Untersuchungen anstellte und die ungeschminkte Wahrheit erfuhr!

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