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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 12
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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12. Dunkle Wege

Die Belagerung Delhis hatte begonnen. Noch außer Schußweite der indischen Kanonen in den Forts lagen die englischen Truppen unter General Wilson; sie waren zu schwach, um schon jetzt den Sturm zu wagen; nicht einmal ein Bombardement versprach Erfolg, und so begnügten sie sich damit, vorläufig die umfassendsten Schanzarbeiten vorzunehmen, den Eingeschlossenen die Zufuhr abzuschneiden, etwaige Ausfälle zurückzuschlagen und den Feind zu beobachten.

In jeder Nacht rückten die Pioniere näher an die Stadt heran und warfen Schanzen auf, sie wurden zwar immer von feindlichen Kugeln belästigt, doch zu jener Zeit kannte man noch nicht die Hilfsmittel unserer heutigen Artillerie, welche bei Nacht ebenso sicher schießt wie am Tage.

Die Kugeln und Granaten aus Delhi schadeten den verwegenen Pionieren nur wenig.

Beim Morgengrauen zogen sie sich in sichere Entfernung zurück, und dann begannen die feindlichen Geschütze erst recht zu spielen, um die nächtliche Arbeit zu zerstören. Doch die englischen Pioniere verstanden ihre Sache, die Kugeln vermochten den aus Weidengeflecht und Erde hergestellten Schanzen nichts anzuhaben, und wollten die Indier mit Hacken und Schaufeln die Arbeiten zunichte machen, so überschütteten die englischen Kanonen sie mit tödlichem Hagel.

Näher und näher zogen sich die im Zickzack laufenden Graben und Schanzen an Delhi heran, man wartete nur noch auf General Nicholson, in dessen Begleitung schwere Artillerie war, dann erst begann die eigentliche Belagerung. Es sei schon jetzt erwähnt, daß diese Belagerung fast drei Monate dauerte und schließlich mit einem heldenmütigen Sturm endete, heldenmütig sowohl für die Engländer wie auch für die Indier.

Es war im Anfange der Belagerung. Kleine Erdhaufen und andere Merkmale bezeichneten erst die Richtung, welche die Schanzgräben nehmen sollten.

Die englischen Anführer waren sich vollkommen klar darüber, welche schwere Aufgabe sie ausführen wollten. Sie wußten recht gut, daß an ein Aushungern Dehlis fast gar nicht gedacht werden konnte, die größten Vorräte von Lebensmitteln lagen darin aufgespeichert, das Abschneiden des Wassers war ebenso unmöglich, man hätte dann den breiten Strom, der dicht an Delhi vorüberfloß, die Dschamna, ableiten müssen. Es wurde schon erwähnt, daß aus diese hinaus Wassertore führten. Sonst gab es keinen Zu- und Ausgang. Die hohen Mauern erhoben sich jäh aus dem Wasser, durch die Scharten schauten drohend die Mündungen schwerer Geschütze, bereit, jeden Übergang über den Strom, sei es in welcherlei Weise, zu vereiteln.

In sicherer Entfernung vor den Kanonenkugeln hatten die Engländer südlich von Delhi eine schwimmende Brücke hergestellt, nördlich davon schwang sich eine steinerne über den Strom, ein uraltes Bauwerk, die Brücke Tail-Nasrab. Es kam den Engländern sehr gelegen, daß auch diese nicht im Bereiche der feindlichen Geschütze lag. So hatten sie eine sichere Verbindung über den Strom, welche von Artillerie und Kavallerie benutzt werden konnte.

Jenseits der Dschamna stand neben dem Zelte des General Wilson das Lord Cannings, und wir finden außer diesem noch Reihenfels darin, der staunend der Erzählung des Gouverneurs gelauscht hatte.

»Sind Sie nun gewillt, das auszuführen, was mir aufgetragen und eigentlich meine Pflicht ist?« fragte Lord Canning, nachdem er geschlossen, und betrachtete mit besorgter Miene den vor ihm sitzenden jungen Mann.

»Wie können Sie denn so fragen?« entgegnete dieser begeistert. »Ist es doch meine Schwester, deren Befreiung ich mich weihen will. Ich habe nichts zu verlieren als mein Leben, Ihr Leben dagegen ist wertvoll und gehört nicht nur Ihnen, sondern ganz England; Ihr Rat ist unentbehrlich, und ist Franziska auch Ihre Braut, so dürfen sie dennoch nicht sagen, daß es Ihre Aufgabe ist, sie zu retten. Es warten Ihrer noch andere, höhere Pflichten.«

»Hundertmal habe ich mir dasselbe gesagt, ich habe es in den Augen der pflichttreuen Freunde gelesen, besonders in denen des alten Wilson; er ahnt vielleicht, was ich vorhabe, und hat es mir sogar direkt zu verstehen gegeben, aber alle meine Vernunftgründe wurden übertönt von einer inneren Stimme, die mir fort und fort zuflüsterte: der beizustehen, die du liebst, ist deine erste und höchste Pflicht. Wehe dir, wenn du mir nicht folgst, denn ich bin ein göttlicher Befehl.«

Canning schaute Reihenfels gespannt an, und dieser senkte wie beschämt den Kopf.

»Ja, es ist eine göttliche Stimme,« sagte er dann leise; »ihr müssen wir vor allen Dingen gehorchen, wollen wir ihre Anschuldigungen nicht Zeit unseres Lebens hören.«

»Von Ihnen wundert mich am allermeisten, daß Sie mir widersprachen und mich an die Pflicht mahnten, die ich gegen das Vaterland habe.«

»Mylord, ich will offen sein. Meine Absicht war, Sie zum Danke gegen mich zu verpflichten. Sie sollten es als ganz selbstverständlich betrachten, daß Sie von dem Versuche abstehen, ich mich dagegen demselben unterziehe. Es ist mir mißlungen.«

»O, Mister Reihenfels, Sie sind zu edel. Ist nun aber nicht alles gut? Ich stehe davon ab, denn ich habe einen Ersatzmann gefunden, der mich vertreten kann und wird. Sie haben schon oft Proben Ihres Mutes und Ihrer Tatkraft abgelegt, daß ich Ihnen alles anvertrauen würde, und Franziska ist Ihre Schwester, Sie sind mein Schwager. mein Herz ist übervoll, weil ich Gottes Walten wieder einmal in seiner ganzen Herrlichkeit erkannt habe. Herr, führe mich nicht in Versuchung, habe ich noch gestern aus tiefstem Herzen zum Himmel aufgeschrieen; denn heute ist schon der Tag, daß ich mit Pflicht und Gewissen einen furchtbaren Kampf ausfechten sollte; da kamen Sie gestern Abend an, Sie brachten die gefangenen Freunde mit, Sie berichteten von der Vernichtung der Thags; das Gerücht, daß Sie, der unscheinbare Gelehrte, der Held gewesen seien, dem man alles verdanke, der nichts gescheut habe, die Unglücklichen zu befreien, durchflog wie ein Lauffeuer das ganze Lager, und da erkannte ich mit Staunen, daß Gott mir einen Retter gesandt hatte. Sie waren der Mann, der mich vertreten sollte; ich sprach mit Ihnen, und nun sagen Sie mir Ihre Hilfe zu.«

»Es ist dies ganz selbstverständlich,« entgegnete Reihenfels; »lassen Sie uns nur noch das Für und Wider überlegen. Sie würden also ohne jedes Bedenken der Ausforderung folgen?«

»Ohne Zögern. Schon allein das rätselhafte Erscheinen und Verschwinden jener froschähnlichen Mißgeburt hat mich so ergriffen, daß ich das Rätsel lösen möchte.«

»Sie denken an keine Falle der Indier, Sie in Gefangenschaft zu bekommen?«

»Es könnte sein – aber nein, diese Falle wäre denn doch zu eigentümlich und kompliziert! Nein, und abermals nein! Die Feinde würden sich wohl anderer Listen bedienen, um sich meiner zu bemächtigen, wenn ihnen daran überhaupt so viel gelegen wäre, was ich nicht glaube.«

»Das Schreiben stammt von Mirja, es muß aus Delhi kommen. Sie aber meinten, die Jüdin, deren Bekanntschaft Sie schon zweimal unter solch seltsamen Umständen gemacht, im Lager am schwarzen See gesehen zu haben?«

»Ich meinte es allerdings. Die Gestalt und Tracht war die Mirjas.«

»Nun, wenn Sie nicht ihr Gesicht gesehen haben, können Sie nicht bestimmt urteilen. Die Jüdinnen ähneln sich alle im Wuchs und in der bunten Tracht.«

»Sie war in Begleitung des alten Sedrack, den ich ganz genau erkannt habe.«

»Das wäre der einzige Umstand, der zu bedenken ist. Doch was hilft jetzt das Zögern? Glauben Sie, daß jene Jüdin Mirja gewesen ist?«

»Dann will ich mit nein antworten.«

»Ich glaube es auch nicht. Vielmehr vermute ich, daß dieses vermummte Wesen jenes gewesen ist, welches während der Nacht im Lager spioniert hat.« Erstaunt blickte Canning auf.

»Die Begum von Dschansi?«

»Ich denke es,« entgegnete Reihensfels achselzuckend; »doch lassen wir das, es gehört nicht hierher, nachdem wir uns darüber geeinigt haben, daß die Briefschreiberin Mirja und diese in Delhi gewesen ist. Ich habe noch andere Fragen.«

Er nahm vom Tisch ein Zettelchen und las dasselbe nochmals. In mit Bleistift gekritzelter Frauenschrift stand darauf:

»Mirja, die Jüdin, welche du einst aus Feuer, Wasser und aus den Rachen der Krokodile zugleich gerettet hast, welche du vor Schande bewahrtest, schreibt dir dies: Sei in der Nacht des nächsten Neumonds am Pfeiler der Brücke Tail-Nasrab jenseits von Delhi mit einem Boot. Komm allein. Kulwa, der Froschmensch, welcher dir diese Kapsel bringt, erwartet dich dort. Folge ihm, er bringt dich zu mir! Über mir, im Hause des Weibes, welches man die Duchesse nennt, und welches die Gattin Nana Sahibs ist, wird ein Mädchen gefangengehalten, das sich nach dem Geliebten sehnt. Sie heißt Franziska Reihenfels, und der, nach dem sie sich sehnt, bist du. Wir können sie retten, wenn du nicht zweifelst an der Wahrheit meiner Worte. Wenn du nicht kommst, so wisse, daß es besser gewesen wäre, du hättest mich nicht gerettet. Doch du wirst kommen und mich nicht zum unglücklichsten aller Geschöpfe machen.«

Reihenfels legte den Zettel wieder hin.

»Was meint sie mit dem letzten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sollte Mirja nicht, um dem einen Gegendienst zu leisten, der sie gerettet hat, sich auf eine ungeheuerliche Weise geopfert haben?«

Es war fast, als ob Canning den forschenden Augen seines Gegenübers ausweichen wolle.

»Nicht wahr, auch Sie haben eine Ahnung?« fuhr Reihenfels fort.

»Es wäre zu schrecklich!« seufzte Canning endlich. »Die Mißgeburt machte allerdings Andeutungen, daß er erst seit einigen Tagen mit einer jungen, sehr schönen Frau verheiratet sei, und Mirja ist wirklich eine Schönheit. O, Gott, wenn sie mir solch ein Opfer gebracht hätte!«

»Nun, es wird sich finden; machen Sie sich deshalb keine Vorwürfe. Setzten nicht auch Sie Ihr Leben für sie aufs Spiel?«

»Das hier ist etwas anderes, etwas Unnatürliches.«

»Nicht doch,« wehrte Reihenfels ab, »es ist eben eine Tatsache, daß das Weib, wenn es darauf ankommt, zu heroischeren Leistungen fähig ist als der Mann. Ein Weib kann für den, den es liebt, mehr opfern als selbst das Leben. Nun aber, Lord, Sie sind aufgefordert, zu kommen, und es wird ein anderer Ihre Stelle einnehmen.«

»Mirja wird die Gründe einsehen, aus denen der Tausch erfolgte.«

»Und Kulwa?«

»Er kann mich nur einmal gesehen haben, vielleicht merkt er die Verwechslung gar nicht.«

»Und wenn, so muß ich ihm eben begreiflich machen, warum sie nötig war. Sie hielten die Mißgeburt nicht für schwachsinnig?«

»Nein, sie war nur sehr unbewandert mit unseren Verhältnissen. Sonst gab sie klare Antworten.«

Reihenfels erhob sich.

»So haben wir nichts mehr zu besprechen. Der Abend wird mich am bezeichneten Brückenpfeiler finden.« »Brauchen Sie keine Hilfe von mir?«

»Nein. Nur sorgen Sie dafür, daß ein kleines, schmales Boot mir zur Verfügung steht, und daß ich auf dem Wege nicht von Posten angehalten werde. Ich verstehe mit guten Waffen und solchen leicht zu handhabenden Instrumenten umzugehen, wie Einbrecher sie verwenden. Vielleicht könnte ich sie gebrauchen. Alles andere müssen wir dem Zufall überlassen.« – Als die anbrechende Nacht das Zeichen zum Wiederbeginn der Pionierarbeiten gab, glitt ein schlankes, schmales Boot am östlichen Ufer der Dschamna dahin. Der Ruderer saß im Hinterteil und bediente sich eines sehr langen Ruders, das an beiden Seiten mit Schaufeln versehen war. Er tauchte es abwechselnd links und rechts in die Flut, und so kräftig die Schläge auch waren, so konnte dieses Ruder doch so lautlos bewegt werden, daß nicht einmal das Quaken der Frösche im Schilf verstummte.

Einmal rannte das Boot gegen einen dunklen Gegenstand, der wie ein Baumstumpf aus dem Wasser hervorsah, doch der Gegenstand verschwand gleich, es plätscherte, andere dunkle Punkte tauchten auf – es waren aufgescheuchte Krokodile.

Das Boot fuhr durch die weitgeschweifte Steinbrücke und legte an einem Pfeiler an. Hier mußte der Versammlungsort der Frösche sein; das Quaken war fast ohrenzerreißend. Der Mann lenkte das Boot direkt ins Schilf hinein, tauchte das Ruder ganz ins Wasser, fand Grund und hielt sich an der Stange fest.

In weiter Ferne krachten Kanonenschüsse; die Indier beschossen aus Delhi die Pioniere, doch keine Kugel konnte sich hierher verirren. Dagegen waren die Krokodile unangenehme Nachbarn; der Ruderer überlegte, ob er nicht lieber aus dem Schilf herausfahren sollte, ehe er einen Schlag von einem beschuppten Schwanz erhielt, der ihn ins Wasser und in einen bezahnten Rachen schleuderte.

Hier aber mußte ihm wiederum das Rascheln der Pflanzen die Annäherung eines Krokodils ankündigen, und so blieb er liegen.

Es war eine stockfinstere Nacht; weder Mond noch Sterne standen am bewölkten Himmel.

Da verstummte plötzlich das Quaken der Frösche einige Sekunden; es setzte wieder ein und hörte wieder auf. Ein Rascheln erscholl, und der einsame Ruderer dachte bereits an Flucht.

Doch er zögerte noch einmal; denn er glaubte aus dem Quaken eine menschliche Stimme zu vernehmen. So hatte ihm Lord Canning die des Froschmenschen beschrieben.

»Die silberne Kapsel!« quakte es.

»Ich habe sie. Bist du's, Kulwa?« entgegnete Reihenfels schnell.

Neben dem Boot tauchte etwas Dunkles auf, ein Kopf, und von diesem kam die Stimme.

»Es ist Kulwa. Bist du Lord Canning?«

»Ich bin's!«

»Der General-Gouverneur von Indien?«

»Ja,« erwiderte Reihenfels abermals, der Ort und Gelegenheit noch nicht für passend hielt, die Wahrheit zu sagen.

»Kennst du ein Mädchen?«

»Franziska Reihenfels, meine Braut.«

»Gut, so hat Mirja die Wahrheit gesprochen. Kennst du diese?«

»Mirja ist eine Jüdin, die Tochter des alten Sedrack. Ich habe sie einst aus dem Ganges gerettet.«

»Es ist alles richtig.«

»Und hier ist auch die silberne Kapsel.«

»Gib sie mir wieder!« Eine Hand streckte sich über den Bootsrand, nahm die dargereichte Kapsel und steckte sie in den Mund.

»Bist du allein?« fuhr der Kopf fort.

»Allein.«

»Du wirst nicht beobachtet?«

»Nein.«

»So wollen wir fort. Du bist klug gewesen, daß du solch ein kleines, schlankes Boot ausgesucht hast. Bist du auch so mutig wie klug?«

»Ich fürchte nichts.«

»Auch nicht, mit mir durchs Wasser zu schwimmen?«

Reihenfels zögerte doch, er dachte an die Krokodile, und Kulwa erriet, warum er zögerte.

»Du fürchtest dich vor den Krokodilen?«

»Sie lieben Menschenfleisch.«

»Bist du bei mir, so werden sie dir nichts tun. Paß auf und gib mir deine Hand!«

Es war Reihenfels schon gewesen, als ob neben dem Kopfe noch ein anderer erschienen wäre. Er streckte die Hand aus, sie wurde auf den dunklen Gegenstand geführt, und mit Schaudern fühlte Reihenfels den beschuppten Kopf eines Krokodils.

So lag der Froschmensch also ganz sorglos neben solch einem furchtbaren Reptil im Wasser.

»Die Krokodile aller Gewässer kennen und lieben oder fürchten mich, und der, welcher bei mir ist, ist ebenfalls vor ihren Zähnen sicher. Fürchtest du dich noch, mit mir durchs Wasser zu schwimmen?«

»Nein, ich glaube dir.«

»Kannst du tauchen?«

»Ja.«

Es klang fast wie ein spöttisches Lachen.

»Wie lange?«

»Eine halbe Minute, denke ich.«

»So lange mußt du es auch aushalten können. Der Weg, den ich dabei zurücklege, ist ziemlich lang.«

»Gut, ich bin mit allem einverstanden. Wir schwimmen also durch den Strom? Wozu dann aber das Boot?«

»Wir benutzen es, um dann deine Braut herüberzubringen. Doch du brauchst dasselbe auch jetzt noch nicht zu verlassen, ich werde dich darin hinübergeleiten. Bist du bewaffnet?«

»Ja.«

»Es wäre nicht nötig gewesen. Lege jetzt das Ruder und dich selbst flach auf den Boden des Bootes, nur den Kopf darfst du etwas heben, damit du siehst, wohin ich dich führe. Du traust mir doch?«

»Ich traue dir,« entgegnete Reihenfels und tat, wie ihm geheißen, obgleich er nicht wußte, wie das Boot hinübergelangen sollte, denn der Strom war in der Mitte überaus reißend; daß ein Mensch dagegen anschwimmen konnte, schien gar nicht möglich.

Und doch geschah es.

Plötzlich nahm das Boot eine selbständige Bewegung an, es fuhr nicht, es schoß über das Wasser. Reihenfels konnte nicht begreifen, wie ein Mensch so schnell schwimmen konnte.

Zog Kulwa das Boot? Oder schob er es, oder trug er es gar auf dem Rücken? Reihenfels wußte es nicht, konnte den Kopf des Mannes aber auch nicht sehen.

Das Boot strebte einer direkten Richtung zu, und auch mitten im stärksten Strom wurde diese nicht im mindesten geändert. So konnte höchstens ein Fisch schwimmen. Nach zehn Minuten erreichte das Boot das jenseitige Ufer. Hier erhob sich nicht nur die Mauer des Walles, sondern die hohe Wand eines fensterlosen Gebäudes, jedoch mit Scharten versehen.

Dieses Haus war einst eine Getreideniederlage gewesen, das wußte Reihenfels. Als Schutzwehr benutzten die Indier es wohl nicht; denn, wurde Delhi bombardiert, so fiel es zu allererst.

Gesehen konnte das Boot nicht worden sein, denn kein Ruf war erschollen. Doch nicht weit fort auf der eigentlichen Flußmauer ging es lebhaft zu; ein Geschütz sandte seine Kugeln zu den arbeitenden Pionieren am jenseitigen Ufer.

An diesem hohen Gebäude hielt das Boot, und neben Reihenfels tauchte Kulwas Kopf auf. Obgleich die Strömung hier stark war, vermochte er das Boot doch ohne scheinbare Schwimmbewegungen und ohne sich irgendwo anzuklammern, auf einem Punkte zu halten.

»Wir sind am Ziel,« flüsterte er, was aber bei seiner Stimme wie ein Röcheln klang, »von hier aus geht der Weg unter Wasser weiter.«

»Ich bin bereit. Was soll ich tun?«

»Nichts, als still liegen bleiben.«

»Im Boot?«

»Ja. Höre mich an, und du wirst mich begreifen! Wir müssen das Boot mitnehmen. Lasse ich dich zurück, so kannst du fortgetrieben werden, denn es ist hier nichts, woran du dich festhalten kannst, ebenso würde es dem Boote ergehen. Deshalb nehme ich euch beide zugleich mit hinab in die Tiefe und tauche durch das Loch. Wirst du es auch aushalten können? Ich weiß, ihr Menschen könnt nicht lange ohne Luft leben.«

Drückend fiel Reihenfels aufs Herz, daß dieser froschähnliche Mensch nicht mit den Verhältnissen gerechnet hatte. Ehe dieser durch das Loch getaucht, war Reihenfels vielleicht schon erstickt, während das für Kulwa eine Kleinigkeit war.

»Eine halbe Minute kann ich es ohne Luft aushalten.«

»Ich weiß nicht, wie lange das ist. Paß auf: wenn ich sage ›jetzt‹, so hältst du den Atem an, und wenn du nicht mehr kannst, so seufzt du laut. Dann weiß ich, wie lange du es aushältst. Reicht es nicht, so nehme ich einen kürzeren, aber auch gefährlicheren Weg. Also – jetzt!«

Es vergingen fast drei Viertelminuten, ehe Reihenfels wieder Atem holen mußte.

»Es war viel, viel länger, als nötig ist,« sagte Kulwa befriedigt; »nun erschrick nicht über das, was ich verlange. Wenn man tief Atem geholt hat, so kann man viel länger unter Wasser bleiben, als wenn man den Atem vorher ausgestoßen hat. Begreifst du das?«

Reihenfels bejahte, er wußte auch, warum. Es ist dann eben noch Sauerstoff vorhanden, welchen die Lunge verbraucht. Der Froschmensch kannte diese Tatsache nur aus Erfahrung.

»Bist du aber voll Luft,« fuhr er fort, »so treibst du nach oben, und das darfst du nicht.

Deswegen werde ich dich in dem Boote festbinden, ehe ich mit demselben untertauche.«

Es kostete einige Sekunden, ehe Reihenfels einen Schauder überwunden hatte. Er sollte also im Boote festgebunden und dann unter das Wasser gezogen werden.

»Tue mit mir, was du willst, ich traue dir.«

Sofort brachte Kulwa einen Strick zum Vorschein den er wahrscheinlich um seinen Leib getragen hatte, und umschlang damit das Boot nochmals, so daß Reihenfels sich nicht mehr erheben konnte.

»Bist du bereit?« flüsterte Kulwa.

»Ich bin's. In Gottes Namen!«

»Halte den Atem an – jetzt!«

Reihenfels holte noch einmal möglichst tief Atem und schloß die Augen. Er fühlte, wie das Boot in wagerechter Lage hinabgezogen wurde, wozu eine riesige Kraft nötig war, Wasser umspülte ihn, und dann schoß er in die Tiefe, mit einer Schnelligkeit, als würde er von Zentnergewichten hinabgezogen.

Nur einige Sekunden, für Reihenfels aber eine Ewigkeit, mochte diese Bewegung dauern.

Wäre er nicht festgebunden gewesen, er wäre wie ein Ballon wieder emporgeschleudert worden.

Dann war es ihm, als würde er horizontal fortgezogen, das Boot stieß mehrmals an, und er fühlte, wie er wieder nach oben getrieben wurde. Er spürte Luft an seinem Gesicht, er konnte atmen.

Dies alles mochte nur eine Viertelminute gedauert haben, für Reihenfels aber eben lange genug, obgleich er noch vollkommen bei Atem war. Nirgends vergeht die Zeit langsamer, als beim Tauchen unter Wasser.

Reihenfels konnte wieder atmen und war sich bewußt, mit Blitzeseile durch einen langen, unterirdischen Wasserkanal fortgezogen worden zu sein. Es umgab ihn undurchdringliche Finsternis, sein Körper lag noch im Wasser.

»Sprich zu mir!« flüsterte es neben ihm.

»Wo bin ich?«

»Im Innern der Erde, unter der Stadt.« Das Boot wurde gehoben, zur Seite geneigt, so daß das Wasser herauslief, und wieder niedergesetzt. Jetzt schwamm es wieder. Zu alledem mußte eine übermenschliche Kraft gehören.

Die Seile wurden gelöst, und Reihenfels konnte sich aufrichten.

Ein Feuerschein flammte auf, er wurde hin und her geschwenkt, und bald leuchtete eine Fackel.

Reihenfels sah sich in einem ähnlichen Gang, wie ein solcher schon beschrieben wurde.

In der Mitte floß ein zwei Meter breites, dunkles Gewässer, hüben und drüben erhoben sich wie Galerien die Ufer. Erst betrachtete Reihenfels aufmerksam die froschähnliche Mißgeburt, die auf dem einen Ufer lag und eben die Fackel in ein Loch der Wand steckte. So war Kulwa ihm von Canning beschrieben worden.

Der Durchnäßte sprang ans Ufer, um das Wasser etwas abfließen zu lassen, was Kulwa nicht nötig hatte.

Nachdem der Froschmensch die Fackel befestigt hatte, wandte er sich schwerfällig um und heftete seine hervorquellenden Augen auf den Mann, den er hierher in seinen Schlupfwinkel gebracht hatte, und sonderbar war es: diese Augen schienen immer mehr hervorquellen zu wollen.

»Du bist Lord Canning?« fragte er dann.

»Nein,« entgegnete Reihenfels, der nach seinen nassen Revolverpatronen sah, jetzt der Wahrheit gemäß, »ich will dir offen sagen, daß ich ...«

Er kam nicht weiter, denn mit einem Sprunge schnellte Kulwa auf ihn zu, packte ihn, riß ihn rücklings zu Boden und warf sich mit voller Wucht auf seinen Körper. Dabei umklammerten die froschähnlichen Finger die Kehle des Opfers.

»So hast du mich betrogen, du bist nicht Lord Canning, du kennst das Mädchen nicht, du willst etwas anderes. Aber ich will dich – du mußt sterben.«

Reihenfels war diesem riesenstarken Ungeheuer gegenüber vollkommen machtlos, er konnte auch keine Erklärung geben, denn die umstrickenden Finger schnürten ihm die Kehle zu. Seine Anstrengungen waren vergebens, mehr und mehr schwanden ihm die Sinne.

»Nein, nicht hier,« murmelte Kulwa, sich eines anderen besinnend, »hier soll kein Mord geschehen. Die Fische und Krokodile will ich draußen mit dir füttern.«

Er hob Reihenfels an den Armen wie ein Kind auf und machte Miene, sich mit ihm ins Wasser zu stürzen. Reihenfels sah ein, es war die höchste Zeit, dieses Ungetüm eines anderen zu belehren, sonst war er verloren.

»Franziska Reihenfels ist meine Schwester,« rief er schnell, »Lord Canning selbst kann nicht kommen. Ich will sie befreien.«

Diese Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Kulwa ließ nach im eisernen Griff und legte ihn wieder hin. Sein Gesicht drückte Erstaunen aus.

»Du willst die Freundin Mirjas retten?«

»Ja, sie ist meine Schwester.«

»Schwester? Was ist das?«

»Wir haben einen Vater und eine Mutter gehabt.«

»So liebst du sie?«

»So, als wäre sie meine Braut,« entgegnete Reihenfels, mit der Unerfahrenheit dieses Geschöpfes schnell und richtig rechnend. »Lord Canning kann nicht selbst kommen, darum schickt er mich.«

»Er kann nicht kommen?«

»Nein.«

»Ist Franziska nicht seine Braut?«

»Doch.«

»Er liebt sie?«

»Mehr als sein Leben.«

»Und er kann nicht selbst kommen, die zu retten, die er liebt?«

Dies war es, was Kulwa nicht begreifen konnte, und Reihenfels mußte abermals zu einer Notlüge greifen, denn er taxierte dieses Geschöpf ganz richtig. Den wahren Grund hätte Kulwa doch nicht eingesehen.

»Lord Canning ist krank, verwundet, deshalb kann er nicht kommen und schickt mich.«

Kulwa überlegte, ohne die Hände seines Gefangenen loszulassen.

»Ich würde dir glauben, wenn du mich nicht schon einmal belogen hättest.«

»Ich tat es, weil vorhin keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen war. Du bist zu mißtrauisch, Kulwa, du hättest vielleicht gezögert, mich mitzunehmen. Und dann bedenke.

Lord Canning gab mir die silberne Kapsel, er weihte mich in alles ein, und hätte ich mich solchen Gefahren unterzogen, wenn ich nicht willens wäre, Mirjas Freundin, meine Schwester, zu befreien? Habe ich dich nicht hier gleich über den Irrtum aufgeklärt?«

»Du hast recht, du kannst mich nicht betrügen wollen. Mirja soll entscheiden, ob du der bist, welcher ihre Freundin befreien darf. Komm ins Boot!«

Er ließ Reihenfels los, der sich erhob, die Glieder nach dem schmerzhaften Sturze dehnte und das Boot bestieg. Kulwa gab ihm die Fackel, glitt ins Wasser und schob das Boot vor sich her.

Reihenfels sah, wie er gleich einem Frosch schwamm, jedoch nur mit den Armen. Die Beine schleppten untätig hinten nach. Sein ungeheuer breiter Mund hielt das spitze Hinterteil des Bootes gefaßt.

Es war ein langer Weg. Die Beschaffenheit änderte sich nicht, immer dasselbe dunkle Gewässer mit den beiden, meterbreiten Rändern.

»Wo sind wir hier?« fragte Reihenfels einmal.

Kulwa ließ das Boot für eine Minute los.

»Ich weiß es nicht. Es ist ein Kanal, der unterhalb der Stadt hinfließt.«

Reihenfels konnte nicht mehr erfahren, als daß sich derartige Kanäle, oft teilend und wieder zusammentreffend, unter der ganzen Stadt erstreckten, oft aber vollkommen trocken waren, und daß das Wasser in ihnen steige und falle. Jetzt stand es hoch.

Die Fahrt wurde fortgesetzt; bald sah Reihenfels in der Ferne Lichter blinken, und da kam auch schon eine weibliche Gestalt auf dem Ufer herbeigeeilt. Es war Mirja. »Lord Canning, ich wußte, daß du kommst!« rief sie frohlockend, blieb aber dann erschrocken stehen.

»Wer ist das?« schrie sie. »Das ist nicht der, dem ich geschrieben habe.«

»Nein,« entgegnete Reihenfels, »ich bin der Freund Lord Cannings. Franziska ist meine Schwester, und ich komme, sie zu befreien, wenn es möglich ist.«

»Ihr Bruder, wahrhaftig, ich erkenne dich als solchen an der Ähnlichkeit der Züge.«

Reihenfels sprang ans Ufer, und es ward ihm nicht schwer, Mirja zu überzeugen, daß er dieselbe Pflicht wie Canning habe, Franziska zu retten. Doch bei seiner Aussage, dieser sei verwundet und deshalb verhindert, blieb er, einmal um sich Kulwa gegenüber nicht nochmals eine Blöße zu geben, und dann, weil er zweifelte, daß Mirja, ebenso wie Kulwa das Pflichtbewußtsein eines Mannes, der eine verantwortliche Stelle hat, begreifen könne.

Die Jüdin bestürmte den Ankömmling mit Fragen, fast nur Canning betreffend, sie schien vor Angst über seine Verwundung vergehen zu wollen, bis es Oskar gelang, sie darüber zu beruhigen. Die Wunden seien nicht von Bedeutung.

Mit Staunen sah Reihenfels die häusliche Einrichtung der beiden Mißgeburten, und er brauchte nicht erst wie Mirja viel zu fragen, um das Vorleben und die jetzige Existenz der beiden beurteilen zu können.

Ferner sah er, wie der aus dem Wasser gesprungene Kulwa die Jüdin begrüßte. Er schloß sie in seine Arme, küßte sie wieder und wieder, und Mirja duldete nicht nur seine Liebkosungen, sondern erwiderte sie sogar.

Doch es entging Reihenfels nicht, daß sie mit der größten Energie ihren Widerwillen zu besiegen wußte, als sie ihre rosigen Lippen auf das breite Froschmaul des Ungeheuers drückte, wie scheu sie dabei den Beobachter anblickte, und wie schnell und verschämt oder zerknirscht sie die Augen senkte, als sie sich beobachtet sah.

Reihenfels wurde von einer tiefen Rührung ergriffen. Es war kein Zweifel, diese Jüdin hatte sich dem Froschungeheuer als Frau hingegeben, um die Braut des Mannes aus der Gefangenschaft zu befreien, dem sie das Leben verdankte, sie hatte ihm also sich selbst und mehr als das geopfert.

Was für Kämpfe mochte das junge Mädchen durchgemacht haben, ehe es sich dazu entschlossen hatte! Fürwahr, sie brauchte sich nicht zu schämen; hoch stand sie in seinen Augen da; es war ihm, als habe ein Engel dieses Reich der Nacht aufgesucht und verscheuche die Finsternis.

Während Mirja Fische für den lange fern gewesenen Kulwa briet, erzählte sie offen und ehrlich, ohne den kleinsten Umstand zu vergessen, ihre Schicksale, die Gefangennahme Franziskas. Reihenfels hörte gespannt zu, aber neue Zweifel und Besorgnisse stiegen in ihm auf.

»Du weißt nicht, ob Franziska noch in dem Hause der Duchesse ist?« fragte er.

»Wie sollte ich das wissen?«

»Der Aufstand in Delhi fand vor vier Wochen statt.«

»Vor wieviel Wochen?«

»Vor vier Wochen.«

»Und so lange wäre ich schon hier unten?«

»Gewiß!«

Mirja ließ vor Schreck die Pfanne fallen.

»Mein Gott, und ich denke, ich bin höchstens vier Tage hier.«

»Ich kann deinen Irrtum leicht begreifen, nimm ihn dir nicht zu Herzen. Ich werde versuchen, in das Haus der Duchesse zu gelangen und Franziska zu befreien. Wir wollen uns nicht mit Vermutungen quälen, ob sie noch drin ist oder nicht. Also das Loch ist leicht zu erklettern, Kulwa?« »Ich war schon oben und habe dafür gesorgt, daß es noch leichter ist. Du brauchst dir nicht einmal die Kleider naß zu machen. Ich habe aus Stricken eine Leiter gemacht und sie oben gut befestigt, so daß du bequem hinaufsteigen kannst.«

»Das ist vorzüglich. In diesem Falle ist es vielleicht nicht einmal nötig, mit Franziska diesen Weg zurück zu wählen.«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Mirja, »oder würdest du wagen, mit Franziska offen das Haus zu verlassen? Bedenke, ihr Fehlen würde bald entdeckt, ihr würdet angehalten werden, und die Tore Delhis könnt ihr nicht passieren.«

»Du magst recht haben, um so mehr, als Delhi eine belagerte Festung ist. Ich dachte an etwas anderes. Müßte ich wieder Wasser passieren, so könnte ich mich nur bei Nacht in das fremde Haus schleichen; gelange ich trocken hinein, so wäre mein Auftreten ganz anders. Ich sehe dort die Uniform eines indischen Offiziers liegen, mit derselben bekleidet, könnte ich mich wohl einige Zeit frei in der Stadt bewegen. Nun, kann ich meine Schwester nicht anders entführen, so benutze ich eben wieder den Wasserweg.«

»Dann erfahre ich aber gar nicht, ob dir die Rettung gelungen ist,« klagte Mirja.

»Das sollst du auf jeden Fall erfahren, und auch der Dank soll dir nicht entgehen, verlaß dich darauf! Wann können wir uns nach dem Loch begeben, Kulwa?«

»Sofort, wenn du willst.«

»Kommen wir trocken hin?«

»Nicht eher, als bis das Wasser gefallen ist.«

»Wie lange dauert das noch?«

Darauf wußte niemand eine Antwort zu geben.

»Steigt und fällt dieses Wasser mit dem des Stromes?« forschte Reihenfels auf andere Weise weiter.

Kulwa bejahte.

»Dann sind bis dahin noch acht Stunden. Nun noch eins, Kulwa: Ist es nicht möglich, von hier unten an die Oberfläche der Erde zu kommen, ohne das Wasser passieren zu müssen?«

»Ich kenne ein Loch, von dem aus du die Häuser sehen kannst. Bist du geschmeidig, wird es dir gelingen, hindurchzuschlüpfen.«

»Es wird mir gelingen, wenn es sein muß. Willst du mir dieses Loch jetzt schon zeigen?«

»Ruhe dich noch aus, es ist Nacht. Wenn wir nach der Grube gehen, in welche Mirja gestürzt ist müssen wir an dem Loch vorbei.«

»Gut, so warte ich.«

»Es gibt auch noch andere Gänge, die ich nicht kenne,« fuhr Kulwa von selbst fort; aber es entging Reihenfels nicht, daß er zögernd sprach.

»Warum kennst du sie nicht?«

»Es ist kein Wasser darin, und ich bewege mich ungern auf trockener Erde.«

»So warst du drin, Phangil?«

Auch dieser wollte nicht recht mit der Sprache heraus.

»Nur früher, jetzt lange nicht mehr,« grunzte er endlich; »die Gänge führen weit, ich habe nie ihr Ende erreicht, und immer kommen andere dazwischen.«

»Warum gehst du jetzt nicht mehr hinein?«

»Es sind nicht mehr viele Ratten drin.«

Reihenfels sah Mirja an.

»Warum sagt ihr nicht die Wahrheit?« fragte sie. »Dieser Mann muß alles wissen. Ja, Herr, es geht hier manchmal nicht mit rechten Dingen zu. Kulwa und Phangil fürchten sich, diese Gänge zu betreten, weil von dort manchmal ein jämmerliches Geheul hierher schallt; es klingt, als ob man einen Hund schlägt, aber doch wieder mehr wie das Weinen eines Kindes.«

Reihenfels wurde nachdenklich.

»In diesen Gängen? Wie sehen sie aus?« »Sie sind groß,« erklärte Phangil, »viel größer als diese, und trocken. Nur ab und zu steht Wasser da, das aus der Erde dringen muß.«

»Es klingt wie Heulen?«

»Wie Heulen und Winseln, dann aber wieder wie ein heiseres Lachen gleich dem der Hyänen; einmal war es mir auch, als hörte ich eine Frauenstimme rufen. Es sind ...«

Plötzlich sprang Reihenfels auf. Doch gleich ließ er sich kopfschüttelnd wieder nieder.

»Was mag es sein?«

»Kilwa und Phangil meinen, es sind böse Geister, und ich glaube es auch,« fuhr Mirja fort.

»Waren sie schon hier?«

»Um Gottes willen!«

»Habt ihr sie schon gesehen?«

»Wie sollen wir sie gesehen haben?« sagte Phangil. »Dann würden wir ja auch nicht mehr leben.«

Also auch bis hierher hatte sich der Geisteraberglaube verirrt! Natürlich! Je geringer die Geistesbildung eines Menschen ist, desto mehr ist er geneigt, an überirdische Wesen zu glauben, die ihm nützen oder schaden.

»Hast du noch manchmal Menschen in jener Grube gefunden, Kulwa?« fragte er.

»Gewiß, aber nur tote.«

»Einmal vielleicht gleich zwei?«

Kulwa besann sich und schüttelte den Kopf.

»Nein, nie. Ich gehe sehr oft hin, um die Leichen zu entfernen, denn der Ausfluß ist zu schmal, als daß sie von selbst weggespült werden könnten.«

»Die Krokodile werden sie holen.«

»Diese gehen gar nicht in das Loch.«

»Warum nicht?«

»Weil sie sich in demselben nicht umdrehen können.«

»Hast du nicht einmal die Leiche eines alten, graubärtigen Mannes gefunden?«

»Nein, ganz sicher nicht.«

Reihenfels bedauerte, daß diesen Leuten ganz die Zeitrechnung abging, sonst hätte er genauer fragen können.

Dann traf er ebenso wie die anderen Vorbereitungen zum Schlafen; denn es war hier unten doch nichts anderes anzufangen. Phangil schnarchte schon wie ein Murmeltier, und Kulwa schien ebenfalls zu schlafen, obgleich er mit offenen Augen dasaß.

Reihenfels beobachtete ihn lange, und mußte immer mehr gestehen, daß er schlief.

Da berührte jemand seine Schulter, Mirja stand hinter ihm.

»Was willst du, Mirja?«

»Sprecht Englisch,« flüsterte das Mädchen, »und wenn Kulwa aufwacht, was Ihr an dem Zucken seiner Augen bemerken könnt, so sprecht wieder Indisch und über irgend etwas anderes.«

»Ich werde es tun. Was wollt Ihr?«

»Ihr kennt Lord Canning?«

Er ist mein Freund, meine Schwester seine Braut.«

»Da er nicht selbst gekommen ist, so kann ich ihn auch niemals wiedersehen.«

»Warum denn nicht?«

»Ich werde diese Gänge nie wieder verlassen.«

»So habt Ihr Euch wirklich geopfert, um Lord Canning Eure Dankbarkeit zu beweisen? Ich kann es nicht fassen.«

Ein leichtes, aber glückliches Lächeln huschte über Mirjas Antlitz. »Ich tat es gern und bereue es nicht. War ich doch auch schuld, daß Franziska wieder in Gefangenschaft kam.«

»Und Ihr hättet diesen Froschmenschen wirklich geheiratet?«

»Ich tat es.«

»Mirja, Mirja, Ihr tatet mehr, als Ihr durftet. Lord Canning hätte so etwas nimmermehr zugegeben.«

»Er würde mir zürnen, wenn er es erfährt?«

»Nein, das nicht. Er wird erst darüber traurig sein und dann Euren Edelmut segnen.«

»So möchte ich wenigstens, daß er es erfährt.«

»Ich verstehe Euch, es ist so schön, zu wissen, daß man auf Dankbarkeit rechnen darf, wenn diese auch nicht ausgedrückt werden kann.«

»Wollt Ihr ihm sagen, wie Ihr mich gefunden habt?«

»Nicht nur er, alle Welt soll erfahren, was Ihr, Mirja, eine Jüdin, an Eurem Freund getan habt. Doch ich hoffe, daß Ihr nicht immer hier unten bleiben werdet. Ich werde, wenn ich selbst wieder in Sicherheit bin, Mittel und Wege finden, Euch dem Leben unter dem Sonnenlicht wiederzugeben.«

Traurig schüttelte Mirja den Kopf.

»Ich bitte laßt dies!«

»Wie, Ihr wollt freiwillig dieses Leben auf Euch nehmen?«

»Ja, denn ich –«

»Was, Mirja?«

»Denn ich bedaure Kulwa. Er liebt mich, er kann ohne mich nicht mehr leben.«

»Mirja, sagt mir nur das eine! Ihr seid wirklich Mann und Frau?«

»Nein, ich werde als Mädchen sterben. Gute Nacht, schlaft wohl, edler Herr, Gott gebe Euch Kraft!«

Sie ging über das Brett hinüber und legte sich angekleidet auf die Decke, gerade dorthin, wohin Kulwas Augen glotzten.

Reihenfels hatte sie verstanden. Kulwa wußte nicht, was die Ehe war, er war einer solchen nicht fähig. Anfangs war dies für Reihenfels ein Trost, dann aber überkam ihm nur ein um so größeres Mitleid mit dem Mädchen, das hier wie eine Blume aus Mangel an Luft, Licht und Liebe verdorren sollte. Er hatte es stets als eine Sünde betrachtet, auch nur einer Pflanze das zur Existenz Nötige zu entziehen, und war es nicht seine Pflicht, dieses junge Mädchen dem Leben wiederzugeben? Unter solchen Gedanken schlief er ein. – Das Wasser im Kanal war tief gesunken, als Reihenfels und Kulwa ihre unterirdische Expedition begannen. Ersterer hatte die vorgefundene indische Offiziersuniform eingepackt, auch einen Offiziersdegen hatte er entdeckt und konnte sich so ganz gut verkleiden. Seine Waffen waren in bester Ordnung, den eingefetteten Revolverpatronen hatte das Wasser nichts zu schaden vermocht.

Unter den Segenswünschen Mirjas bestieg er das Boot, das mit Stricken und Brechstangen ausgerüstet war, und wurde von Kulwa auf dem Wasser davon geführt.

Das Haus der Duchesse lag durchaus nicht über dem Gange, den die Mißgeburten bewohnten. Ein weiter Weg war bis zu ihm zurückzulegen. Der Kanal wurde von einem anderen gekreuzt, dann mündete auch einmal ein hochgelegener, trockener Gang hinein.

Kulwa hielt an und deutete nach oben.

»Dort befindet sich eine Treppe, und steigst du sie hinauf, so stößt du auf das Loch, durch welches du die Häuser schon sehen kannst.«

Reihenfels wollte jetzt erst sein eigentliches Ziel erreichen und fuhr also weiter. Er gelangte schließlich, nachdem man lange über trockenes Land gegangen war, wobei er Kulwas Sprünge bewundern konnte, an einen meterlangen Tunnel, den er auf Händen und Füßen passieren mußte, und stand dann in jener Grube, in welche Mirja gestürzt war.

Sie mochte einen Meter breit und drei Meter lang sein, wie hoch sie war, konnte er nicht sagen, denn es herrschte hier Dunkelheit, und die Kerze, welche er anzündete, langte nicht, die obere Decke zu beleuchten.

Wieder mußte er bedauern, daß auch Kulwa nichts von Ellen oder Metern wußte, doch dieser konnte bestimmt behaupten, daß sie zehnmal die Größe von Reihenfels betrüge. Kam das Wasser durch den Kanal, so stand es hier ungefähr vier Meter hoch, die Marke konnte man genau erkennen.

An der Wand hing eine Strickleiter, sie war von Kulwa oben befestigt worden. Ob der Deckel von unten zurückzuschlagen ging, konnte er nicht sagen, denn er hatte es nicht probiert.

Reihenfels machte gleich selbst den Versuch, er stieg ohne Mühe hinauf, stieß an einen eisernen Deckel, etwa einen Quadratmeter groß, aber wie er auch daran hob oder hauptsächlich zog, er konnte ihn nicht herabschlagen. Ebenso fand er weder Schloß noch Riegel noch sonst einen Mechanismus, der den Deckel zum Herabfallen brachte.

Da war nun freilich guter Rat teuer. Der Deckel konnte nur von oben bewegt werden wahrscheinlich mit Hilfe eines geheimen Mechanismus.

Unbefriedigt stieg Reihenfels wieder hinunter.

»Es geht so nicht, ich bringe den Deckel nicht herab.«

»Ich will es versuchen, ich bin stark.«

»Es ist kein Loch und keine Handhabe daran. Nein, es muß erst jemand ins Haus dringen und dafür sorgen, daß der Deckel offen ist, wenn eine Flucht durch diese Grube nötig wird.

Das Wasser steigt hier mit dem des Stromes?«

»Ja.«

»So ist die Grube also am Tage trocken und während der Nacht mit Wasser gefüllt; um Mitternacht ungefähr hat es den höchsten Punkt erreicht. Gut, damit müssen wir rechnen.

Nun brauche ich deinen Rat, Kulwa. Gesetzt den Fall, ich benutze bei einer Flucht aus dem Hause, in welches ich von der Straße aus eingedrungen bin, diese Grube am Tage, so ist dabei keine Schwierigkeit. Ich klettere eben die Strickleiter hinab. Wie nun aber während der Nacht, wenn hier Wasser steht?«

»So springst du hinunter ins Wasser. Ich warte hier.«

»Der Zufall könnte wollen, daß du nicht hier bist. Dann würde ich ertrinken und meine Schwester ebenfalls. Bedenke, daß diese aller Wahrscheinlichkeit nach den Sprung mit wagen müßte. Nein, mir müssen wenigstens etwas haben, worauf wir stehen können.«

»Das Boot.«

»Ja, aber wie kann es hier hereinkommen?«

»Ich werde es hereinschleppen.«

Kulwa machte sich sofort an die Arbeit, während Reihenfels überlegte, wie er diese Gänge auf einem anderen Wege verlassen könne. Die einzige Hoffnung blieb das von Kulwa beschriebene Mauerloch, und er ließ sich von ihm sofort den Weg dorthin zeigen.

Es zeigte sich erst, wie tief er sich unter der Erde befand, als er die Treppe emporstieg.

Dann stand er in einem Gewölbe, das er zu seiner Verwunderung als einen gewöhnlichen Hauskeller erkannte.

Türen waren nicht zu sehen, dagegen ein kleines Fenster dicht über dem Erdboden, durch welches das Tageslicht hereinfiel. An ein Durchschlüpfen war gar nicht zu denken, darin hatte sich Kulwa verrechnet.

Reihenfels wußte nicht, daß er sich unter einem vollständig zerfallenen Hause befand, nach dessen Abtragung niemand gelüstete. Daher kam es, daß niemand den verschütteten Keller betrat, denn wenn dies geschah, so war das Geheimnis dieser unterirdischen Gänge bloßgelegt.

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