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Um die indische Kaiserkrone III.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone III. - Kapitel 11
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone III.
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11. Vom Strumpfwirker zum General

Von dem Hügel aus, der sich eine Meile vor Delhi erhob, konnte man fast die ganze Stadt überschauen, und in diesen Anblick war auch der junge Mann versunken, der auf dem Hügel unter dem Schatten eines großen Baumes lag.

Dem Berliner Gassenhauer nach, den er aus voller Lunge pfiff, mußte er sich in recht guter Laune befinden, dagegen drückten die Züge Mißmut aus. Auch das Funkeln der vergoldeten Dächer der Minaretts und der prächtigen Paläste Delhis konnten diesen griesgrämigen Ausdruck nicht verwischen.

Er merkte nicht, wie sich ihm jemand von hinten näherte, erschrak aber auch nicht, als sich ihm eine Hand auf die Schulter legte. Er stellte nur das Pfeifen ein, wendete langsam den Kopf und blickte ohne Zeichen von Staunen in das Gesicht einer jungen Indierin, die einfach wie eine Bäuerin gekleidet war.

»Was tust du hier?« fragte sie.

Der Mann gähnte erst einmal herzhaft, ehe er, aber nicht auf indisch, sondern auf englisch erwiderte.

»Wenn du nichts weiter als dieses Kauderwelsch von indisch kannst und nicht etwas Eßbares bei dir hast, dann sei so gut und mach' daß du fort kommst, damit ich dich von hinten bewundern kann. Denn wenn man Hunger hat, ist man nicht im geringsten zu Liebesabenteuern aufgelegt, und wenn du auch eine noch so schöne Nymphe wärst.«

Der Mann hatte dies in der Meinung gesagt, von dem Bauernmädchen nicht verstanden zu werden, aber er hatte sich getäuscht.

»Ihr seid nicht sehr höflich,« entgegnete sie lächelnd, wobei zwei Reihen schneeweißer Perlenzähne zum Vorscheine kamen.

»Alle Wetter, Sie sprechen Englisch?«

»Etwas besser als du.«

»Dann haben Sie wohl in einem Mädchenpensionat für höhere Töchter Ihre Erziehung genossen?«

»Beinahe erraten! Ihr dagegen scheint nicht etwa bei einem Haushofmeister in die Schule gegangen zu sein.«

»Bei einem Haushofmeister nicht, aber Hausdiener bin ich schon selbst gewesen. Nun sagen Sie einmal, wertes Fräulein, wollen wir uns eigentlich Siezen, Ihrzen oder Duzen? Das geht ja alles durcheinander.«

»Schlagen wir den Mittelweg ein.«

»Also es geht per Ihr. Dann möchte ich vor allen Dingen mitteilen, daß ich vor Hunger bald sterbe und das kann der Zehnte nicht vertragen.«

»Das Hungern?« »Nein, das Sterben.«

»Das glaube ich, daß das der Zehnte nicht vertragen kann,« lachte das Mädchen. »Mir scheint, Ihr seid ein Witzbold.«

»Ach, mit leeren Magen ist es äußerst schwer, witzig zu sein. Wenn Eure Hütte oder Euer Palast nicht gar so weit ist, wäre es doch eigentlich ganz hübsch, wenn Ihr mich zu Euch einlüdet und mir was vorsetztet.«

»Das tut mir leid; meine Behausung haben die Faringis abgebrannt, ich bin obdachlos.«

»Jawohl, immer die Faringis, und deine braunen Brüder sind natürlich die reinen Tauben an Unschuld. Also könnt Ihr mir wirklich gar nichts Nahrhaftes verschaffen? Gras habe ich schon gekaut, aber ein wie großer Esel ich auch manchmal gewesen bin, einen Eselmagen besitze ich doch nicht.«

»Esel lieben Disteln, Ochsen fressen Gras.«

»Na, Ihr könnt aber auch schön grob werden.«

»Dafür will ich Euch entschädigen.«

Das Mädchen brachte unter dem Mantel ein wohlverschnürtes Bündel zum Vorschein, öffnete es, und das freudige Erstaunen des hungrigen Mannes läßt sich begreifen, als vor ihm im Grase auf einem weißen Tuche plötzlich ein großer, gebratener Vogel und Brot lag.

»Herrjeses, das ist ja das reine Tischchendeckdich! Blitzmädel, wo hast du denn das her?«

»Es ist mein Reiseproviant, und ich will ihn Euch opfern, wenn Ihr nicht mehr aus der Rolle fallen wollt.«

»Aus welcher Rolle?«

»Ihr habt mich eben wieder du genannt.«

»O, Ihr seid aber kitzlich! Na, denn man zu, ich werde es auf Eure Gesundheit verzehren.

Messer und Gabel habe ich nicht nötig, führt Ihr aber zufälligerweise etwas Salz bei Euch?«

»Das tut mir leid.«

»Mir auch. Nun setzt Euch zu mir und seht zu, wie's mir schmeckt. Darf ich Euch einladen?«

»Danke, ich habe keinen Hunger. Übrigens seid Ihr sehr liebenswürdig, mich zu meinem Essen einzuladen.«

Lachend setzte sich das Mädchen ins Gras und schaute zu, wie der Mann heißhungrig über den gebratenen Vogel herfiel.

»Wenn Ihr so sehr hungrig seid, hättet Ihr Euren Hunger schon längst stillen können,« begann sie dann wieder. »Dort wachsen Apfelsinen, dort ist ein Busch mit Bananen. Ihr hättet nur zuzulangen brauchen.«

»Hm, so,« entgegnete der Mann mit vollen Backen. »Wenn hier also das Essen einem vor der Nase hängt, warum versorgt Ihr Euch denn mit Reiseproviant?«

»Wenn ich es haben kann, so ziehe ich Fleisch Früchten vor.«

»Mir geht's genau so.«

»Aber Ihr habt nichts gehabt.«

»Erstens war ich zu faul, aufzustehen, zweitens bin ich kein Vegetarianer, und drittens habe ich immer das Glück, daß mir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Ich habe darauf gewartet, und sind mir etwa die gebratenen Vögel nicht auch jetzt wieder in den Mund geflogen?«

»Ja, wenn ich aber nun nicht gekommen wäre?«

»Dann wäre es jemand anderes gewesen.«

»Ihr seid ein seltsamer Kauz, manchmal übrigens nichts weniger als bescheiden. Dann will ich Euch etwas anderes fragen.«

»Bitte! Nur verlangt keine Indiskretion. Ich frage auch keine Dame nach ihrem Alter – das kann der Zehnte nicht vertragen.« »Ihr seid doch der Mann, welcher sich im Tempel der Kali in den Wasserfall stürzen ließ und einige Minuten später mitten im schwarzen See auftauchte?«

Erstaunt ließ der Gefragte den Geflügelknochen sinken und fuhr sich mit der fettigen Hand durch das brandrote Haar.

»Woher wißt Ihr denn das?«

»Ich war mit unter denen, welchen Ihr Euer Abenteuer erzähltet.«

»Unter den versammelten Herren?«

»Nein, unter den Damen.«

»Ihr? Eine Indierin?«

»Natürlich, es waren auch eingeborene Damen darunter.«

»Aber nur solche aus den feineren Kreisen.«

»Warum sollte ich nicht zu denen gehören?«

August musterte die Gestalt neben sich von der Seite und fand, daß das Mädchen trotz des groben Bauernrockes recht hübsch, sogar schön, dabei fein gebaut und anmutig war. Bei dieser Musterung vergaß er nicht die Bearbeitung des Hühnergerippes.

»Hm, selbst der scharfsinnigste Mensch kann sich täuschen. Also gehört Ihr auch zu den Offiziersdamen?«

»Ja, ich bin beim Aufbruch von ihnen getrennt worden.«

»Dann geht's mir ebenso wie Euch. Ihr habt doch gesehen, daß ich mit der Gummitonne auf dem Rücken der Schwadron nachritt?«

»Ich sah Euch. Ihr saßt wie angegossen auf dem Rücken des feurigen Tieres.«

»Richtig, det stimmt, aber es war ein Biest von einem Racker, schlug vorn und hinten zugleich aus, bockte und stellte sich auf den Kopf, buchstäblich auf den Kopf, und da dachte ich, Mensch ärgere dich nicht, stieg gemütlich ab und ließ das Vieh laufen. Aber Ihr habt recht, ich bin der Mann in der Gummitonne. Ihr wollt nun wohl gern erfahren, wie's mir unterwegs bei der unterirdischen Reise unter Wasser erging? Schrecklich, sage ich Euch, ich mußte mit Messer und Revolver gegen die schauerlichen Bestien kämpfen, die mich anfielen.«

»Was Ihr sagt!«

»Es waren grausige Ungetüme, einfach scheußlich, mit meterlangen Zähnen und Saugrüsseln, gegen die Elefantenrüssel die reinen Lämmerschwänzchen sind. Mit dem einen lag ich wohl eine halbe Stunde im Kampfe, es hatte die Gummitonne ...«

»In den wenigen Minuten, die Ihr zu der Fahrt gebraucht habt, kämpftet Ihr eine halbe Stunde?«

»Faktisch, ich will an dem Hühnerknochen ersticken, wenn ich nicht die Wahrheit rede! Da unten gab es lauter Wunder, und das ist eben auch eins. Ein Ungeheuer hatte meine Gummitonne mit seinen Armen umklammert, und ich mußte ihm jeden Arm einzeln mit dem Dolch abschneiden, ehe ich weitersegeln konnte.«

»Ich denke, Ihr wart in der Tonne?«

»Natürlich, wo denn sonst?«

»So konntet Ihr doch nicht heraus.«

»Warum denn nicht? Ich machte sie immer einstweilen auf, wenn ich mich gegen so ein Scheusal wehren sollte.

»Und dabei drang kein Wasser hinein?«

»Etwas wohl, aber das schöpfte ich schnell wieder heraus, wenn der Kampf beendet war. Ja ja, zu so etwas gehört Mut und Geistesgegenwart, und die könnt Ihr bei Augusten finden.«

»Ihr seid der Diener des Mister Reihenfels, nicht wahr?«

»Nur sein Freund, nichts weiter als sein Freund. Denkt Ihr, so ein Mann wie ich spielte den Diener? Hat sich was! Die Sache ist die, Reihenfels braucht mich, braucht mich unbedingt; denn wenn er auch manche gute Eigenschaft besitzt, so hat er doch immer einen Mann nötig, der ihn mit starker Hand und mit Umsicht leitet, denn Oskar ist ein bisschen leichtsinnig. Er huppt immer gleich drauf, ohne zu überlegen. Oskar, habe ich ihm erst neulich gesagt, Oskar, Selbstbeherrschung ist die erste Tugend des Mannes, darnach Nüchternheit, und wo diese fehlen, da ...«

»Wie lange seid Ihr schon der Freund von Mister Reihenfels?« unterbrach ihn das Mädchen.

»Na, das ist aber nicht gerade hübsch von Euch, daß Ihr mich egal unterbrecht,« entgegnete August gekränkt; »wenn Ihr nicht aus besserer Familie wärt, dann setzte es bei so etwas Backpfeifen. Ich bin erst bei ihm, seit er in Indien ist, ich erkläre ihm die Eigentümlichkeiten des Landes.«

»Länger nicht?«

»Na, wenn es Euch weiter nicht geniert!«

»Seid Ihr denn in Indien bekannt?«

»Wie ein bunter Hund. Wo ich einmal gewesen bin, da kennen sie mich alle und schreien; der August kommt.«

»Ich meine, ob Ihr Indien kennt.«

»Wie meine Hosentasche.«

»Ihr seid schon lange hier?«

»Das nicht, ich habe in England Indien studiert. Ich war nämlich Direktor der indischen Ausstellung zu London in der Alhambra.«

»In der Alhambra?«

»Ja, ja. Kennt Ihr die auch?«

»Nein.«

»Wart wohl einmal als Bajadere dort engagiert?«

»Nein.«

»Na, woher kennt Ihr sie denn da?«

»Ich kenne sie gar nicht.«

»So, ich dachte, weil Ihr so aufjauchztet. Gegen die Alhambra in Berlin ist das aber doch nischt, dorten geht's viel fideler zu. Wart Ihr schon einmal in Berlin?«

»Nein. Lerntet Ihr Euren Freund in der Alhambra kennen?«

»Den Oskar? Natürlich! Wo denn sonst?«

»Er verkehrte viel dort?«

»Na, so manchmal. Dabei ist mein lieber Oskar einmal eklig reingesenkt worden, der arme Kerl!«

»Wieso denn?«

»Es war eine heikle Geschichte mit einem Mädchen – Mirzi hieß die Dirne. Man hatte Oskar in ein Hinterstübchen gelockt, indem man ihm vorspiegelte, die Mirzi könnte ihm etwas über die Fakire erzählen, aber daderbei sollte er nur blamiert werden. Na, und das ist denn auch gründlich gelungen, so ein Halunke, der alles erst arrangiert hatte, verriet das Rendezvous, die Polizei kam dazu, und man überraschte Oskarn, der sich bei dem Mädchen bald zu Tode schrie. Aber es half ihm nischt, mitgefangen, mitgehangen hieß es, und man machte dem armen Kerl den Prozeß wegen Unzucht – na, Ihr braucht nicht gleich so rot zu werden, ich kann das Kind wahrhaftig nicht bei 'nem andern Namen nennen.«

»Es ist schrecklich!«

»Ach, piepst doch nicht! Was ist denn daderbei?«

»Euer Freund war verlobt, sagtet Ihr?«

»So, sagte ich das? Ist mir nichts mehr bewußt dadervon, aber wahr ist es. Na, und ob er verlobt war! Bis an den Halskragen!«

»Und dennoch ließ er sich in so etwas ein?« »Herrgottsdonnerwetter, habe ich Euch nicht schon gesagt, daß es gar nicht wahr gewesen ist?« fuhr August zornig heraus; denn er aß den letzten Bissen des Bratens, und damit hörte auch seine Liebenswürdigkeit auf. »Man hat ihm ganz infam eine Schlinge gestellt, um ihm seine Braut abspenstig zu machen, und mein Oskar in seiner Duseligkeit sprang natürlich auch gleich mit beiden Beinen in die Falle. Nu hat er das Nachsehen.«

»Mit wem?«

»Mit seiner Braut.«

»Wer ist das?«

»Früher hieß sie Bega, jetzt Begum, und adelig ist sie auch gleich geworden; von Dschansi hat sie hinten drangehängt. Na, Ihr als weibliche Indierin wißt doch auch ganz genau, wer die Begum von Dschansi ist.«

»Gewiß kenne ich sie; sogar sehr gut. Ihr also könnt den Beweis liefern, daß Oskar nicht schuldig gewesen ist, daß er seiner Braut die Treue nicht gebrochen hat?«

»Den kann ich allemal liefern.«

»Wodurch?«

»Durch meine Aussage.«

»Sonst durch nichts weiter?«

»Nee, und darum gehe ich ja eben mit Oskarn; er will die Begum, seine verlobte Braut, aufsuchen, und ich soll ihr dann sagen, daß er gar nicht dadervor kann, daß er unschuldig wie ein neugeborenes Kind ist. Den Gefallen hab ich ihm auch getan; nu ziehe ich schon lange mit ihm herum, aber wir können das Blitzmädel nicht finden. Und dann ist noch sehr die Frage, ob sie meiner Aussage glaubt – ich zweifle nämlich etwas daran.«

»Daran, daß Oskar unschuldig ist?«

»I Gott bewahre. Ich habe ja selbst gehört, wie der Plan ausgemacht worden ist, Oskar in das Hinterstübchen zu locken, ihn mit der Mirzi zusammenzubringen und beide dann zu überraschen und Oskarn an den Pranger zu stellen, wie man sagt. Ich meine eben, die Begum wird wohl meine Erzählung nicht gleich glauben, denn es soll ein verdammt mißtrauisches Mädel sein. Ja, wenn uns die Mirzi nicht wieder entkommen wäre!«

»Ihr habt sie schon einmal gehabt?«

»Freilich, ich sah sie in Delhi wieder.«

»In Delhi?«

»Ja, im Hause der sogenannten Duchesse. Sie mochte dort wohl so eine Art von Kammerzofe gewesen sein.«

»Gewesen?«

»Als ich nähere Bekanntschaft schließen oder vielmehr erneuern wollte, war sie verschwunden, und ich habe sie nie wieder gesehen.«

»Was war sie in der Alhambra?«

»Sie spielte eine indische Bajadere, obgleich sie eine Malteserin ist. Ich hatte sie schon immer auf dem Strich, weil sie mir zu viel mit jenem Franzosen kokettierte.«

»Mit welchem Franzosen?«

»Nu, der eben die gemeine Sache mit Oskarn eingefädelt hatte. Er bestimmte Mirzi dazu, Oskar anscheinend zu verführen, und das ist denn auch glänzend gelungen. Ja, wenn wir diesen Halunken hätten, dann würde es meinem Freunde leicht sein, seine Unschuld zu beweisen.«

Das Mädchen schaute träumend vor sich hin, ihre Augen hatten einen seltsamen Ausdruck angenommen. August reinigte sich die fettigen Hände an den Haaren und an Blättern und begann dann, in den Taschen zu wühlen.«

»Raucht Ihr nicht?« fragte er, als sein Suchen erfolglos blieb.

»Danke!« »Bitte! So war das auch nicht gemeint. Ich meine, ob Ihr nicht ein bißchen Tabak bei Euch habt.«

»Nein.«

»Kautabak?«

»Nein.«

»Hm, es gehört sich aber eigentlich, daß man seinem Gast nach dem Essen eine Havanna vorsetzt. Ihr Indier lebt überhaupt in einem ganz heidnischen Lande. Ich würde nicht hierbleiben.«

Es trat eine lange Pause ein. Das Mädchen blickte noch vor sich hin; August pfiff wieder Gassenhauer und sah seine Nachbarin manchmal von der Seite an.

»Ihr indischen Mädchen seid doch eigentlich zu bedauern,« nahm er das Gespräch wieder auf.

»Warum?«

»Weil Ihr hier in der reinen Wildnis lebt.«

»Indien ist ein schönes Land, nur muß es frei sein.«

»Ich danke für Obst und Freiheit. Da will ich lieber in Berlin Tagelöhner sein als hier der Großmogul.«

»Ist denn Berlin so schön?«

»Na, ich sage Euch, da kann man sich amüsieren. So zum Beispiel im Orpheum – au! Und was habt Ihr Mädchen denn hier in Indien? Nichts, rein gar nichts! Apfelsinen könnt Ihr essen und Kokosnüsse auslutschen und dabei Kinder warten, ja, aber nach Berlin müßt Ihr kommen! Wißt Ihr was schwofen ist?«

»Nein.«

»Dann verrate ich's auch nicht. Ach Gott, mein schönes Berlin,« seufzte August, der plötzlich vom Heimweh befallen wurde, »wenn ich an dich denke, dann wird's mir allemal ganz wapplig ums Herz. Diese Theater, Kroll, das Orpheum, die Alhambra – aber eine andere als die in London – diese Tingeltangels, diese Tanzlokale mit vollem Orchester – und hier, hier dagegen! Der Affe könnte einen beißen!«

»Was ist das, Tingeltangel?«

»Das kann man nicht beschreiben, da muß man selbst hineingehen. Sehen, hören, lachen und staunen ist eins! Ach Gott, wenn ich daran denke, als ich das letztemal in so einem Dinge war! Da waren die Balletteusen wie Amazonen angezogen, und sie mußten wie Soldaten exerzieren, und wie nun die Weibsbilder so unter dem Kommando von einem Offizier herummarschierten und der tat, als säße er auf einem Pferde und gallopierte immer um die Soldaten herum – na, war das aber possierlich!«

August lehnte sich zurück und lachte, in Erinnerung versunken, aus vollem Halse.

»Es waren Amazonen?« fragte das Mädchen, das sich plötzlich für dieses Gespräch zu interessieren schien.

»Ja, das heißt, eigentlich waren es Balletteusen, solche Mädchen, die auf einem Beine stehen und mit dem anderen in der Luft Buttermilch quirlen wollen.«

»Also Bajaderen!«

»Hier heißen sie Bajaderen, aber an unsere Balletteusen können die lange nicht tippen.«

»Und sie mußten exerzieren?«

»Wie die Soldaten. Und Schmiß lag da drinne, Donnerwetter!«

»War denn das so komisch?«

»Natürlich, die Frauenzimmer mit die kurzen Höschen und die dicken Beine! Aber das komischste war der Offizier – das war ein Mann – wie der die Mädchen kujonierte und wie er den schneidigen Gardeoffizier nachmachte. Herrgott, das Publikum hat sich den Bauch gehalten vor Lachen.«

»In Delhi gibt es auch solche Amazonen, welche exerzieren.« »Ach nee! »Gerade wie Soldaten.«

»Ich glaube, Ihr flunkert. Ich müßte doch auch davon wissen, ich bin ja lange in Delhi gewesen.«

»Diese Truppe wurde erst eingerichtet, nachdem die Faringis vertrieben worden waren.«

»Die Mädchen haben sich freiwillig dazu gemeldet?«

»Nein, die Bajaderen des Großmoguls, welche jetzt nicht mehr den Fürsten durch Tanz zu ergötzen brauchen, denn es gibt genug Kriegstanz, sind dazu herangezogen worden.«

»Also ausgehoben? Ach nee! Wer ist denn auf diese gottvolle Idee gekommen?«

»Die Begum von Dschansi.«

»Warte, die wird diese faulen Biesters schon ordentlich drillen! Die soll ja auch die reine Amazone sein. Das möchte ich einmal sehen, wenn sie diese Bajaderen einexerziert!«

»Sie tut es nicht selbst.«

»Wer denn sonst?«

»Ein französischer Offizier ist dazu auserwählt.«

»Donnerwetter, der möchte ich auch sein!«

»Warum denn?«

»Na, solche Mädchen als Soldaten auszubilden, das wäre so mein Fall.«

»Das ist nicht so leicht; die Bajaderen sind widerspenstige Geschöpfe.«

»Also hartmäulig! Schadet nichts, ich würde sie schon kriegen.«

»Wart Ihr Soldat?«

»Nee.«

»Warum nicht?«

»Weil ich – weil ich rotes Haar habe. Das ist so bei uns in Deutschland, Rothaarige werden nicht genommen.«

In Wirklichkeit war August wegen Plattfüßigkeit zum Dienste untauglich gewesen.

»Dann wäret Ihr freilich nicht geeignet, die Bajaderen einzuexerzieren. Ihr kennt ja keine Kommandos.«

»Oho, und ob! Soll ich Euch einmal militärische Haltung beibringen? Hab's oft genug gesehen und gehört, um es nachmachen zu können. Donnerwetter, das wäre so etwas für mich, solche Mädchen einzudrillen! Da könnten sie einmal preußische Unteroffiziersflüche zu hören bekommen.«

»Wollt Ihr diese Stellung annehmen?«

August riß den Mund vor Staunen auf. »Hört mal, foppen lasse ich mich von keinem Menschen nicht.«

»Ich spreche im Ernst.«

»Ihr? Ihr wäret gerade die Rechte, eine solche Stelle zu vergeben. Da muß Euch das Haar, das Ihr auf dem Kopfe habt, unter der Nase wachsen, dann könnt Ihr mir so etwas weismachen.«

»Wenn ich diese Stelle aber wirklich zu vergeben habe?« lächelte das Mädchen belustigt.

»Wer seid Ihr denn? Wie kommt Ihr denn überhaupt hierher? He? Hier ist feindliches Terrain, morgen oder noch heute besetzt diesen Hügel die englische Artillerie und bombardiert Delhi mit Pfeffernüssen, und Ihr seid eine Indierin mit Leib und Seele, wie ich immer deutlicher merke.«

»Und ich merke, daß Ihr nicht gerade einen Feldherrnblick habt. Seht Ihr hinter den Schanzen die schwere Batterie?«

»Nee, keene Spur davon.«

»Dann habt Ihr überhaupt schwache Augen. Wenn hier Artillerie auffahren sollte, so ist sie in fünf Minuten in Grund und Boden geschossen. So dumm werden die englischen Offiziere wohl nicht sein.« August kratzte sich hinter den Ohren. Es lag etwas in der Stimme des Mädchens, was keinen Widerspruch duldete.

»Ihr habt ja die reinen Feldherrnaugen,« meinte er. »Da seid Ihr wohl gar eine von den Amazonen?«

»Und wenn ich's nun wäre?«

»Dann ist's meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Euch festzunehmen und den Engländern als Gefangene auszuliefern, denn ich kämpfe und sterbe auf ihrer Seite.«

»In diesem Falle würde ich Euch diesen Dolch ins Herz stoßen, denn ich bin eine Feindin der Engländer.«

Plötzlich blitzte ein Dolch in ihrer Hand, der August jedoch nicht besonderen Schreck einjagte.

»Was wollt Ihr denn tun?« fragte er gelassen.

»Euch den Dolch ins Herz stoßen.«

»Donnerwetter, das kann der Zehnte nicht vertragen.«

Lachend steckte das Mädchen den Dolch ein. Sie amüsierte sich über den Burschen immer mehr.

»Wollen wir Waffenstillstand schließen, bis unsere Unterhandlung zu Ende ist?« fragte sie.

»Wenn's Euch nicht weiter geniert, wie mein Bruder sagt, mir soll's recht sein.«

»Wollt Ihr also die Stellung annehmen?«

»Welche?«

»Als Kommandeur der Amazonentruppe.«

»Ach, geht, Ihr treibt Scherz!«

»Ganz und gar nicht.«

»Gehört Ihr denn zu denen dort?« Er deutete nach Delhi.

»Ja.«

»Was, Ihr seid doch nicht etwa gar ...?« rief August, diesmal wirklich erschrocken.

»Die Begum von Dschansi? Nein, nur ihre Freundin, und bin von ihr beauftragt, die Amazonen auszubilden.«

»Oho, und das will Euch wohl nicht gelingen?«

»Ich habe keine Zeit, mich selbst mit ihnen zu beschäftigen, ich soll sie der Begum nur einexerziert vorführen. Zum Instruktor habe ich einen Offizier erwählt, doch ich bin nicht mit seinen Leistungen zufrieden. Es sind nur noch drei Tage, bis ich sie vorführen soll, und die Mädchen können noch nicht links und rechts unterscheiden.«

»Dann ist der Kerl schlapp, da würde ich schon Dampf dahintermachen. Drei Tage ist freilich etwas wenig, aus Rekruten Soldaten zu machen.«

»Acht Tage würden noch zugegeben werden.«

»O, das genügt!«

»Ihr würdet nur die Aufsicht übernehmen, der Offizier bedarf derselben. Ihr müßtet eben Dampf dahintermachen, wie Ihr vorhin sagtet.«

»Ich verstehe, verstehe vollkommen. Was für ein Offizier ist denn das? Ein Indier?«

»Ein Franzose.«

»Hei, das sollte mir Freude machen, den Kerl zu kujonieren. Alle Hagel, wollte ich dem und seinen Mädels warm machen.«

»Nun, wollt Ihr?«

»Was?«

»Seid Ihr aber manchmal unbeholfen. Eben jene Aufsicht über die Amazonen übernehmen.«

»Na, wenn Ihr es denn durchaus wollt, so nehme ich diesen Posten an. Aber umsonst ist der Tod.« »Natürlich werdet Ihr bezahlt.«

»Wie viel?«

»Das kommt darauf an, welche Charge Ihr bekleidet.«

»Unter einem General tue ich's nicht.«

»Gut, so erhaltet Ihr täglich vierzig Rupien.«

»Teufel, Ihr seid freigebig!«

»Wir bezahlen unsere fremden Offiziere gut.«

»Aber eine Generalsuniform will ich auch haben.«

»Sollt Ihr bekommen.«

»Und einen Schleppsäbel.«

»Den tragen unsere Offiziere nicht.«

»Wenn ich einen Säbel habe, dann muß er auch schleppen.«

»So wird er eben schleppend gemacht.«

»Und wie steht's mit langen Stiefeln und Orden?«

»Sollt Ihr alles haben. Sagen wir also, in zwölf Tagen müßt Ihr mit den Bajaderen so weit sein, daß ich sie der Begum vorführen kann. Für jeden Tag, den Ihr erspart, erhaltet Ihr tausend Rupien extra.«

»Donnerwetter, das läßt sich hören!«

»Zeit ist Geld. Doch Ihr sollt die Mädchen nicht selbst einexerzieren, sondern das den Kapitän tun lassen. Ihr führt nur die Aufsicht über diesen.«

»Also er steht unter mir?«

»Vollkommen.«

»O, dann will ich ihn schon zwiebeln. Ja so, wenn er mir aber nun nicht parieren will?«

»Ihr habt über Leben und Tod zu verfügen.«

»Na, dann kann's gut werden. So kann man mich wohl auch einmal einen Kopf kürzer machen?«

»Ihr habt keinen Vorgesetzten und steht unter dem persönlichen Schutz der Begum. Eure Aufgabe ist nur, die Bajaderen unter dem Befehl des Kapitäns – Duplessis heißt er – auszubilden. Ihr seid also damit einverstanden?«

»Nu, allemal!«

»Gelingt es Euch nicht, so werdet Ihr nach Verlauf der zwölf Tage sofort auf freien Fuß gesetzt, respektive unter sicherem Geleit nach dem Lager der Engländer gebracht.«

»Das läßt sich alles hören. Nun habe ich noch einige Bedingungen zu stellen.«

»Stellt, welche Ihr wollt, sie sollen Euch alle gewährt werden. Selbst ein Reitpferd soll Euch als General geliefert werden – rein arabischer Rasse.«

»Nee, ich reite nur Karussellpferde, aber Sporen nehme ich dankbar an. Die Amazonen sollen doch nicht etwa beritten sein?«

»Nein, es sind Amazonen zu Fuß.«

»Dann geht alles gut. Also nun noch einige Bedingungen. Wenn ich die Mädels einexerziert habe, muß ich die Bescheinigung bekommen, daß ich in der indischen Armee als General gedient habe.«

»Auch das gestehe ich Euch zu.«

»Und die Mädels müssen dann, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, mit mir kommen.«

»Wozu das?«

»Ich will sie im Berliner Panoptikum auftreten lassen, und Ihr sollt auch mit mir kommen, und nun merkt Euch das: wenn Ihr noch einmal einen Dummen braucht, mit dem Ihr Euren Jux treiben wollt, dann sucht Euch nicht wieder August Hefter aus; denn ehe Ihr den verhonibeln könnt, da müßt Ihr freilich etwas früher aufstehen.« Damit sprang August lachend auf, aber im Nu erstarb ihm das Lachen. Soweit sein Auge reichte, erblickte er in der Ferne indische Soldaten marschieren, wohl einige Regimenter, direkt auf Delhi zu, und in demselben Augenblick stürmten von allen Seiten Sepoys auf den Hügel zu.

Im Nu waren August und das Mädchen umzingelt. August war wirklich erschrocken, er sah sich zum zweiten Male in den Händen der Indier.

Das Mädchen dagegen war ruhig aufgestanden und besprach sich mit einem der Sepoys, der seiner Uniform nach ein Offizier war. Er gab ihr ein Fernrohr, durch welches sie den Horizont nach allen Richtungen musterte.

August hatte die Unterredung nicht verstanden, weil sie auf indisch geführt worden war.

Als er jetzt mechanisch der Richtung des Fernrohrs folgte, sah er überall am fernen Horizont ein Blitzen und Gleißen im Sonnenlicht, und an einigen Stellen stiegen Rauchwölkchen auf.

Dort mußten Kämpfe stattfinden.

»General Hefter,« wendete sich das Mädchen lächelnd an August, »wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich? Nicht im mindesten.«

»Als General der Amazonengarde müssen Sie sich nach und nach einen militärischen Blick angewöhnen. Die englischen Truppen suchen Delhi einzuschließen, wir hindern sie so lange daran, bis sich unsere Sepoys in die Festung zurückgezogen haben. Wir sind nicht stark genug, eine Schlacht zu beginnen, aber Delhi sollen die Engländer nimmermehr bekommen.«

»I – ich – soll – sollte –« stotterte August.

»Wie?«

»Ich sollte wirklich General werden?«

»Ich hoffe, Sie werden Ihr Wort nicht brechen. Sonst würde ich mich genötigt sehen, Sie zu zwingen, die Ausbildung der Amazonen zu übernehmen.«

August schaute sie mit großen Augen an, er sah sich von den Sepoys umzingelt, eine Flucht war nicht möglich, er wußte überhaupt nicht, wo ihm der Kopf stand.

»Aber, allerschönstes, gnädigstes, liebstes Fräulein, Sie erlauben sich doch nur ein kleines Späßchen mit mir?« sagte er dann in kläglichem Tone.

»Ganz und gar nicht, es ist mein völliger Ernst, wie ich Ihnen schon oft wiederholt habe.

Kommen Sie! Wir schließen uns den nach Delhi marschierenden Truppen an. Bei den Bedingungen bleibt es.«

»Aber gnädiges Fräulein ...«

Das Mädchen legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter.

»Sie haben mir vorhin so viel erzählt, wie die Amazonen in Berlin exerzierten, daß ich dergleichen selbst einmal sehen möchte. Es wird eine langwierige Belagerung werden, Sie können uns dabei die Zeit etwas vertreiben.«

»Na, dann mal los!« schrie August plötzlich und richtete sich stramm aus. »Ja, ich will Ihre Amazonen wohl dressieren und den Franzosen mit, aber die Hundepeitsche zu gebrauchen müssen Sie mir erlauben.«

»Oho, ich merke schon, für so etwas scheinen Sie sich zu eignen. In Ihnen schlummert ein Feldherrntalent.«

»Und ob ich mich dazu eigne! War ich doch früher einmal in einem Affentheater und habe Hunde und Affen dressiert.«

»Dann versuchen Sie Ihre Kunst an den Bajaderen. Der Gebrauch der Peitsche ist Ihnen erlaubt.«

Stolz aufgerichtet marschierte August mit.

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