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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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8. Ein harter Kopf

Wieder wurde an die Tür des Sprachgelehrten geklopft, und der kleine Sohn desselben öffnete, diesmal aber einem gut gekleideten Herrn.

»Ist Herr Reihenfels zu sprechen, mein Junge?«

»Ich bin kein Junge und deiner nun gleich gar nicht,« klang es trotzig von den roten Lippen zurück.

»Entschuldige, wenn ich dich in deiner Ehre gekränkt habe!« lächelte der Herr. »Also, kleiner Mann, ist Herr Reihenfels zu Hause?«

»Ja, aber er muß jetzt arbeiten.«

»Hat er lange zu tun?«

»Mit dem Kartoffelschälen ist er gleich fertig, dann muß er aber die Suppe ansetzen.«

»Gib ihm diese Karte und sage ihm, ich möchte ihn sprechen.«

Der Knabe nahm die dargereichte Visitenkarte nicht.

»Ich lasse mir von niemandem befehlen, nur von meinen Eltern, von einem Fremden gar nicht.«

»Bist du der Sohn des Herrn Reihenfels?«

»Ja, ich bin Oskar Reihenfels.«

»Bitte, übergib deinem Vater diese Karte.«

Jetzt nahm das Kind sie und sprang die Treppe hinauf.

»Wenn der Sohn den Charakter vom Vater geerbt hat, so werde ich eine schwere Mission zu erfüllen haben,« murmelte der Herr und schüttelte nachdenklich den Kopf.

Schon kam Oskar wieder die Treppe herab und führte den Fremden in das Zimmer. Der Gelehrte war eben dabei, das Mittagessen zu bereiten; denn seine Frau lag hilflos im Bett.

Der Fremde überflog das Zimmer, er sah hier zwar Armut, aber auch Sauberkeit und Fleiß. Über sein steinernes Gesicht zuckte ein verräterischer Zug, als er die bleiche Frau im Bett liegen sah.

Der Gelehrte stand wie erstaunt da, die Augen bald auf die Karte in seiner Hand, bald auf den Eingetretenen heftend.

»Ich weiß nicht, wie ich mir Ihren Besuch erklären soll, Mister Wilkens,« sagte er, »Sie sind Detektiv und ich ...«

»Seien Sie ohne Sorge,« unterbrach der Detektiv ihn lächelnd, »mich führt nicht der Dienst zu Ihnen, Herr von Reihenfels.

Der Gelehrte richtete seine etwas gebeugte Gestalt plötzlich hoch auf.

»Ich bin auch völlig ohne Sorge, denn ich habe ein reines Gewissen!« entgegnete er stolz.

»Sie nannten mich eben Herr von Reihenfels, und jetzt weiß ich, was Sie zu mir führt. Bitte, setzen Sie sich, Mister Wilkens! Entledigen Sie sich Ihres Auftrages, ich bemerke aber gleich, daß Ihre Mission zwecklos ist.«

Oskar wischte einen Stuhl ab und bot ihn dem Detektiven an. Ein Blick der Frau rief den Gatten zu sich.

»Sei nicht so hart, Friedrich!« flüsterte sie ihm bittend zu.

»Ich bin nicht hart, ich tue und sage nur, was ich für recht erachte.«

Er nahm neben dem Bett der Frau Platz, Oskar setzte sich zur Seite auf einen Schemel nieder und blickte den Mann mit dem bartlosen Gesicht mißtrauisch an. Das war ein Detektiv, der Verbrecher aufspürt und verhaftet. Was wollte er von seinem Vater? »Herr von Reihenfels,« begann Wilkens.

»Mein Name ist Friedrich Reihenfels,« unterbrach ihn gleich der Gelehrte.

»Wie Sie wünschen. Bereits vor zwei Monaten hat Ihr Herr Vater die Londoner Polizei beauftragt, sie aufzusuchen und heimlich beobachten zu lassen ...«

»Sehr freundlich von meinem Vater,« erklang es. bitter.

»... und das ist geschehen. Daraufhin ist er entsprechend benachrichtigt worden, und jetzt ist er hier, um sich mit Ihnen zu versöhnen.«

»Hier in London?«

Ja, er wohnt im Hotel.«

»Warum kommt er nicht zu mir?«

»Das weiß ich nicht. Er will, daß Sie zu ihm kommen.«

Keine Muskel zuckte im Antlitz des Gelehrten, in den Zügen der Frau dagegen war eine halb ängstliche, halb freudige Spannung zu lesen, und Oskar runzelte die Stirn.

»Wissen Sie, wodurch das zwischen uns herrschende Zerwürfnis entstanden ist?« fragte er leise nach langer Pause.

»Ihr Vater hat sich nur wenig darüber ausgesprochen.«

»Weil er Grund zum Schweigen hat.«

»Und Sie keinen?«

»Nicht den geringsten.«

»Wollen Sie Ihren Vater aufsuchen?«

»Nein.«

»Bedenken Sie, es ist Ihr Vater.«

»Und er soll bedenken, daß ich sein Sohn bin, den er in höchst ungerechter Weise von sich gestoßen, dem er schon als Kind sein Haus verboten, dem er die Vaterliebe aus dem Herzen gerissen hat!« rief Reihenfels fast heftig. »Ich bin nicht abgeneigt, mich mit ihm zu versöhnen, aber zu mir muß er kommen.«

»Er verlangt, daß Sie den ersten Schritt tun.«

»Ich komme nicht zu ihm!«

»Das war Ihr letztes Wort?«

»Mein letztes!«

Reihenfels nahm die Hand seiner zitternden Gattin und preßte sie in der seinen, der Detektiv rieb sich mit seinem Taschentuche nachdenkend die hohe Stirn.

»So ist also kein Ausgleich möglich?« begann er wieder.

»Auf diese Weise nicht.«

»Wollen Sie nicht erfahren, warum Ihr Vater eine Versöhnung anbahnen will?«

»Es ist mir gleichgültig.«

»Seine zweite Gemahlin ist vor einem Vierteljahre gestorben.«

»O, das ist also der Grund!« rief Reihenfels und sprang auf. »Also nun, da der Rausch verflogen ist, denkt er wieder an seinen Sohn jetzt fühlt er sich einsam, jetzt verlangt er nach anderer Liebe, als die, die ihm jenes Weib, das ich nie Mutter nannte, bieten konnte. Nein, jetzt verlange ich erst recht, daß er selbst mich in meine Heimat zurückführt, wie er mir einst mit dürren Worten erklärt hat, ich müsse aus dem Hause – weil seine zweite Frau es so wünsche.«

»Sie ist tot,« flüsterte seine Gattin ihm zu, »versöhne dich mit ihm! Bringe das Opfer, vielleicht ist es zum Glück unseres Kindes.«

»Und an dich denkst du gar nicht?« fragte Reihenfels mit schneidender Stimme. »Nein, Hannchen, ich weiß es, auch du würdest aus Liebe zu mir, aber mit Widerwillen das Haus betreten, in welchem man von dir mit Verachtung gesprochen hat, dessen Betreten dir unter Androhung von Strafe verboten worden ist. Mister Wilkens, hat mein Vater auch meiner Frau gedacht?«

»Nein,« entgegnete der Detektiv zögernd, »er schien überhaupt zu vermeiden, von ihr zu sprechen. Einmal sagte er sogar, ich solle Sie überreden ...«

»Genug, genug!« unterbrach Reihenfels den Sprecher. »Du siehst, Hannchen, betreff deiner hat der Tod seiner Frau die Ansichten meines ahnenstolzen Vaters nicht geändert, und glaubst du, ich würde da eintreten, wo man dir den Zutritt verweigert oder man dich auch nur scheel ansieht?«

»So gedenke unseres Kindes!«

»Was der Vater an mir gesündigt hat, mag er an meinem Kinde gutmachen, wenn ich nicht mehr bin. So lange ich gesund bin, kann ich Oskar allein erziehen.«

»Ich werde mir mein Geld bald selbst verdienen,« ließ sich Oskars helle Stimme vernehmen, »ich bin ja bald so groß, daß ich an den Schrank hinauflangen kann, und dann bekomme ich viel, viel Geld.«

»Was willst du denn werden?« fragte Wilkens.

»Reich!« war die schlagfertige Antwort.

»Mit Geldverdienen ist uns nicht geholfen,« sagte Reihenfels lächelnd, »man muß mit dem Gelde auch umzugehen gelernt haben.«

»Das kann ich, ich habe mir ja schon bald ein halbes Pfund gespart.«

»So muß ich also Ihrem Herrn Vater die Nachricht bringen, daß Sie sich mit ihm nicht aussöhnen wollen?« begann der Detektiv wieder das Gespräch mit Reihenfels.

»Wohl will ich, aber ich verlange, daß er zu mir kommt und meine Frau und mein Kind anerkennt, denn ich bin der beleidigte Teil.«

»Dann war mein Kommen zwecklos. Mit schwerem Herzen gehe ich zu Ihrem Vater und teile ihm Ihren Entschluß mit. Herr Reihenfels, ich bin Menschenkenner und weiß, daß alle Vorstellungen an Ihrem Willen scheitern würden.«

»Das würden sie, und ehe Sie gehen, hören Sie noch, daß ich nicht ohne Unrecht hart bin.«

Der Detektiv blieb noch. Er hörte die alte Geschichte von der Stiefmutter, die es fertig gebracht hatte, den Erstgeborenen aus dem Vaterhause in Not und Elend zu stoßen, und begann sich immer mehr für diesen Mann zu interessieren.

Reihenfels hatte geendet.

Wortlos hatte Wilkens den Lebenskampf dieses stolzen und edlen Menschen vernommen, und unwillkürlich fragte er: »Sie leben auch jetzt noch in keinen glänzenden Verhältnissen?«

»Es reicht zum Sattwerden, und ich bin zufrieden. Was können Sie mehr vom Leben verlangen? Ich habe Arbeit, wenn Sie mir auch manchmal etwas bitter schmeckt, ich fühle mich kräftig, mein Kind ist gesund, und dem größten Glück sehe ich in kurzer Zeit entgegen.«

»Sie haben eine feste Anstellung in Aussicht?«

»Das würde mich wohl freuen, aber mein Glück nicht ausmachen. Nein, meine Frau ist von einem bösartigen Lungenleiden bald völlig wiederhergestellt.«

Der Detektiv sah den zärtlichen Blick, den die beiden wechselten, und er wußte, daß der Zeisig über dem Fenster hier mit Recht solche luftige Triller schlagen konnte – hier lebte ein sich innig liebendes Menschenpaar.

»Sie beschäftigen sich mit indischen Studien?« fragte er, die vielen Bücher bemerkend, welche über Indien handelten, darunter auch solche in indischer und chinesischer Sprache.

»Ja, es ist mein Lieblingsstudium geworden. Schon in meiner Jugendzeit schwärmte ich für dieses Wunderland, auf der Universität studierte ich Indisch, Chinesisch und Japanesisch, und seitdem ich hier bin, widme ich meine ganze freie Zeit diesem Fache.«

»Waren Sie in Indien? »Nein, diese Gelegenheit wurde mir noch nicht geboten, und ich bedaure es sehr.

»Dann dürfte Ihnen eine gründliche Unterlage für Ihre Studien fehlen.«

»Verzeihen Sie, ich bin anderer Ansicht. Ich habe mit berühmten Männern gesprochen und korrespondiert, die Indien wie ihr Vaterland kennen wollten, die dort ihr halbes Leben zugebracht haben, und ich habe dabei gefunden, daß ich im ganzen und großen mehr von Indien weiß als sie.«

Diese Worte waren zwar bescheiden, aber bestimmt gesprochen und machten auf Wilkens einen seltsamen Eindruck.

»Wie wäre das wohl möglich?«

»Ich lese in Büchern und halte mich sehr viel im britischen Museum auf. Die dort angesammelten Antiquitäten sind für mich keine toten Gegenstände; sie erzählen mir deutlicher, als ein Mensch es könnte, wie es vor Jahrtausenden in Indien ausgesehen hat, und wie es jetzt dort aussieht; sie erzählen mir sogar von den Leidenschaften der damaligen Bewohner des Landes.«

Der Detektiv schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ich will Ihnen einen Beweis geben, daß ich besser orientiert bin, als mancher indische Forscher!« fuhr Reihenfels fort. »Ich habe den Fall Timur Dhars mit dem größten Interesse verfolgt und gesehen, daß sich alle Gelehrten Londons mit ihm beschäftigt haben, welche die indischen Verhältnisse kennen, aber keiner hat den Zweifel geäußert, den ich hege.«

Wilkens spitzte die Ohren; jetzt kam man in sein Fahrwasser.

»Und das wäre?«

»Könnte nicht Timur, der Zauberer aus der Alhambra, der Kindesräuber sein?«

»Nein, denn dieser Timur hat an demselben Abend bei Lord Grey gespielt.«

»Timur könnte zu Grey einen Ersatzmann. geschickt haben, der ihm ähnlich sah.

»Wie kommen Sie auf diese Vermutung?«

»Es ist eben nur eine Annahme!«

»Sie ist unhaltbar. Timur hat sich selbst getötet; dies bezeugt seine Unschuld am besten!«

»Timur hat sich selbst getötet?« wiederholte Reihenfels langsam. »Können Sie das beweisen?«

»Mein Gott!« rief Wilkens erstaunt. »Timur hat seine Zunge verschluckt, derselbe Timur, den ich verhaftete, er ist erstickt. Der Arzt hat ihn in den Fuß geschnitten, es floß kein Blut, er wurde auf dem Kirchhof der Selbstmörder begraben, ich selbst habe gesehen, wie man Erde auf den Sarg warf.«

»Schön; wissen Sie aber auch bestimmt, daß er jetzt noch drin liegt?«

Der Detektiv glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

»Wie? Sie meinen, Timur sei von Leichenräubern gestohlen worden?« brachte er endlich hervor.

»Vielleicht war er gar nicht tot und hat sich selbst aus der Erde geholfen oder sich von Freunden herausscharren lassen.«

»Sir, das ist eine kühne Kalkulation!« rief der Detektiv.

»Ich behaupte nicht, daß es so ist, es könnte aber so sein!«

»Die Ärzte erklärten Timur für tot.«

»Nicht die Ärzte, sondern die gelehrten Kenner von Indien hätten den Tod beglaubigen sollen!«

»Auch diese haben die Leiche untersucht!«

»Und keiner hat einen Verdacht ausgesprochen?«

»Welchen meinen Sie?«

»Ich sehe wieder, daß allen Gelehrten eine Tatsache unbekannt ist, von welcher ich allein zu wissen scheine. Die indischen Fakire verstehen sich durch Abschneiden der Luft in eine Art von Starrkrampf zu versetzen, in dem sie wochenlang Toten gleichen können.«

»Sie könnten sich auch begraben lassen?« fragte der Detektiv ungläubig.

»Als wären sie tot; nur müssen sie vor Ablauf einer bestimmten Frist wieder ausgegraben werden.«

»Woher haben Sie dieses Wissen geschöpft?«

»Von einem alten, indischen Schriftsteller, dessen Werken kein Glaube geschenkt wird, weil er sich zu viel mit übernatürlichen Sachen beschäftigt.«

»Sie aber glauben an ihn?«

»Ja, der Mann bezeichnet durch eine bestimmte Ausdrucksweise stets, ob er das Geschilderte selbst gesehen oder nur gehört hat. Insofern halte ich ihn für glaubwürdig.

Ferner sagt der chinesische Religionslehrer Confuzius, welcher im sechsten Jahrhundert vor Christus lebte, wiederholt in dem Abschnitt, der von solchen Sachen handelt, die er als frevelhaft bezeichnet: du sollst deine Zunge nicht verschlucken und sollst dich auch nicht tot stellen und begraben lassen, nicht dreißig Tage, nicht zwanzig Tage, nicht zehn Tage, auch nicht einen Tag, damit du das Volk nicht aufsässig machst. Diese dunkel erscheinende Stelle ist mir klar; sie bestätigt die Behauptung des Indiers.«

»So sind Sie also der Meinung, daß Timur sich gar nicht getötet hat und vielleicht nicht mehr im Grabe liegt?«

»Halt!« rief Reihenfels schnell. »Sie schieben meiner Aussage einen anderen Grund unter.

»Ich wollte nicht behaupten, daß Timur nicht unschuldig ist und sich nicht getötet hat, sondern ich wollte nur sagen, daß ich mich wundere, wie hervorragende Kenner von Indien gar nichts von der eben erzählten Tatsache wissen. Auf meine Veranlassung hin soll das Grab nicht geöffnet werden, denn, liegt Timur noch drin, so setze ich mich dem Gespötte aus, ist er aber daraus verschwunden. so bringt dies Sir Carters Kind auch nicht zurück. Tun Sie, was Sie für gut finden, mich aber lassen Sie aus dem Spiele.«

Der Detektiv sah lange sinnend vor sich hin und fragte dann wieder: »Möchten Sie Indien gar nicht persönlich kennen lernen?«

»O doch, das wäre mein höchster Wunsch. Ich habe aber wenig Aussicht, daß er jemals in Erfüllung geht.«

»Vielleicht kann ich Ihnen dazu verhelfen. In wenigen Tagen begibt sich eine Gesellschaft nach Indien, welche das Land kreuz und quer durchstreifen wird. Die Auswahl der Mitglieder liegt meist in meiner Hand; Sie wissen, um was es sich handelt?«

»Um die Aufsuchung des geraubten Kindes!« rief Reihenfels in heller Freude, da begegnete er dem Blick seiner Frau, und das Lächeln erstarb sofort.

»Diese Expedition wird von der Regierung ausgerüstet, denn sie verfolgt noch einen anderen Zweck.«

»Ich kann nicht an ihr teilnehmen, Mister Wilkens,« sagte Reihenfels ruhig.

»Warum nicht? Es ist Ihr Wunsch, und Ihre Kräfte können gut gebraucht werden.«

»Ich kann meine Frau nicht verlassen.«

»Geh, Friedrich!« bat die Frau. »Es war immer dein Wunsch, Indien kennen zu lernen!«

»Ja, wenn du mich begleiten könntest! Unter solchen Verhältnissen geht es nicht. Ich bleibe und danke Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten, Mister Wilkens.«

Der Detektiv verabschiedete sich bald, er hatte mit seiner Mission nichts erreicht. An dieses Mannes hartem Kopfe scheiterten alle Versuche einer Versöhnung, und Wilkens mußte zugeben, daß Reihenfels nicht im Unrecht war.

»Ihr Herr Vater hat Ihnen bei einem Bankier unbeschränkten Kredit eröffnet,« sagte Wilkens zum Schluß, »und er hofft, daß Sie wenigstens davon Gebrauch machen werden.

Morgen wird Ihnen ein Scheckbuch übermittelt werden.«

»Es wird unberührt in meinem Schreibtisch aufbewahrt werden!« war die Antwort. »So lange wenigstens, wie ich die Erziehung meines Sohnes aus eigenen Mitteln bestreiten kann, und ob ich dann den Kredit benutze, bedarf noch der Überlegung.«

»Trotz alledem ist es eine glückliche Familie!« murmelte der Detektiv für sich, als er sich wieder auf der Straße befand. »Jeder ist seines Glückes Schmied, das hat dieser Mann bewiesen. Aber es gibt im Menschenleben feindliche Mächte, denen gegenüber der unbeugsamste Mann ohnmächtig ist. Wolle Gott, der Glücksstern ginge auch für das Haus wieder auf, dem mein jetziger Weg gilt.«

»Friedrich,« sagte unterdes die Frau zu Reihenfels, »warum kannst du dich nur gar nicht beugen! Du wirst nie aus deinen jetzigen, drückenden Verhältnissen herauskommen, wenn du alle hilfsbereiten Menschen zurückstößt.«

Der Gelehrte, der schon wieder vor dem Tische saß, wandte sich um.

»Auch du machst mir Vorwürfe?« fragte er leise.

»Von dir hatte ich sie am allerwenigsten erwartet. Du nennst meine Verhältnisse drückend; habe ich dir aber jemals etwas abgehen lassen? Hast du während deiner Krankheit irgendwelcher Pflege entbehrt?«

»Nein, mein Friedrich,« unterbrach ihn die Frau mit tränenden Augen, »nicht an mich dachte ich, sondern an dich. Du arbeitest vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, jede Stunde, welche du zur Erholung, aber auch auf die Arbeit verwendest, mußt du von deinem Schlaf erkaufen. Du verdientest ein anderes Leben, deine Kenntnisse und deine Fähigkeiten berechtigen dich dazu.«

»Wenn dies der Fall wäre, so würde mir das Schicksal auch eine Stellung bescheren, welche ich ausfüllen kann. Und ist das übrigens nicht eine verantwortliche Stellung, der Ernährer einer Frau und der Erzieher eines Kindes zu sein? Wenn dies jeder als seine Hauptaufgabe im Leben betrachtete, fürwahr, es würde anders aussehen. Nein, Hannchen, grolle nicht mit dem Schicksal und nicht mit mir, weil ich so handle, wie mein Gewissen es mir vorschreibt. Wissen wir denn überhaupt, was das Schicksal in diesem Augenblick für uns vorbereitet? Wir Menschen sind so kurzsichtig, wir jammern über ein Unglück und wissen nicht, daß es zu unserem Besten dient. Vielleicht ist es für Oskar gut, daß er nicht in Pracht und Reichtum heranwächst; die Armut ist oft die beste Schule. Wir wollen arbeiten und Gott für die Zukunft sorgen lassen.«

Reihenfels sollte wahr gesprochen haben. Einige Tage später wurde ihm die längst ersehnte Stellung eines Kurators der indischen Antiquitäten im britischen Museum angeboten.

Wer war froher als Reihenfels! Er nahm das Anerbieten sofort an. Dieser Stellung fühlte er sich vollkommen gewachsen.

Nach einigen Tagen siedelte Reihenfels mit Weib und Kind nach dem britischen Museum über; eine Beamtenwohnung stand ihm darin zur Verfügung.

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