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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 6
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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6. Der erste Schritt auf schiefer Bahn

»Kommen Sie mit auf die Pantherjagd, Lord? Soeben habe ich, der unersättliche Jäger von Akola, die Nachricht erhalten, daß in einem Dorfe, eine halbe Meile von hier ein Panther zwei Schafe zerrissen hat. Die hasenherzigen Hindus beten, die Weiber zetern und die Kinder wimmern; alles schreit nach mir. Kommen Sie, machen Sie sich fertig, es gibt einen Anstand bei mondheller Nacht.«

Mit diesen Worten trat eines Abends ein junger Mann in Lord Cannigs Zimmer, das im Gouvernementsgebäude lag. Es war Edgar Westerly, der zweite Sohn eines englischen Lords, und konnte als solcher nur die Anrede Mister mit dem Zusatz Honourable beanspruchen.

Doch Westerly machte sich aus Würden nichts, Hauptsache war ihm, daß er außer seinem Gehalt als Angestellter im geheimen Kabinett von seinem Vater einen tüchtigen Zuschuß bezog, mit dem er sich alle Freuden des Lebens verschaffen konnte.

Er war der tüchtigste Arbeiter im Büro und genoß das vollständigste Vertrauen des Gouverneurs. Daß Westerly ein großer Freund von Vergnügungen war, welche manchmal sogar ausschweifend wurden, kümmerte den Vorgesetzten nichts – während der Bürostunden tat er ja seine Pflicht.

Lord Canning war Westerlys Mitarbeiter und erhielt von ihm, der seit seinem siebzehnten Jahre in Indien war und der einst die Stelle eines Gouverneurs erwarten durfte, manche treffliche Lehre. Auch seinen Vergnügungen schloß er sich an, nur konnte Westerly ihn nie bewegen, an seinen nächtlichen pikanten Abenteuern mit teilzunehmen, deren man in den indischen Städten zahlreiche erleben kann.

Der junge Mann war in ein elegantes, aber zweckmäßiges Jagdkostüm gekleidet. Sein Gürtel mit Patronen gespickt, und unter dem Arm trug er die schwere, doppelläufige Büchse.

Lord Canning saß noch angekleidet auf seinem schon zum schlafen fertiggemachten Bett und verrührte in einem Glas Wasser ein weißes Pulver. Trübe lächelnd schüttelte er den Kopf.

»Nicht? Wollen Sie etwa schon schlafen gehen, und, machen sich vorher Zuckerwasser?«

»Blicken Sie mir ins Auge, und lesen Sie dann die Aufschrift dieser Büchse, dann wissen Sie, was mir fehlt.«

Westerly sah die Augen seines Freundes im Scheine der Lampe verräterisch leuchten, die dicke Flasche mit dem weißen Pulver trug die Aufschrift Chinin.

»Was Teufel,« rief Westerly erstaunt, »Sie haben ja das Fieber! Wie in aller Welt kommen Sie in dieser Jahreszeit dazu, wo kein Mensch es hat!«

»Ich werde mich etwas erkältet haben. Mit einigen Dosen Chinin hoffe ich eine gute Nacht zu haben und morgen gesund aufzustehen. Ans Mitgehen ist natürlich nicht zu denken.«

»Das ist schlimm, auch für mich, denn so werde ich die Jagd aufgeben müssen. Allein gehen mag ich nicht, und einen anderen Begleiter kann ich nicht mehr finden.«

Westerly rückte einen Stuhl heran und setzte sich, das Gewehr zwischen den Knien haltend. Lächelnd betrachtete er seinen Freund.

»Lord,« begann er dann, »Sie werden hier so lange am Fieber leiden, bis Sie sich akklimatisiert haben.«

»Ich tue mein möglichstes, dies zu erreichen.«

»Ja, im Essen und Trinken, aber nicht in den Gewohnheiten.«

»Ich richte mich nach der Lebensweise der Eingeborenen.«

»Nein, das tun Sie nicht. Sonst könnten Sie unmöglich jetzt, in der gesündesten Jahreszeit, Fieber haben. Wissen Sie, warum Sie es bekommen? Das hübsche Mädchen mit der kleinen Hand – Sie wissen, in der zerbrochenen Sänfte – ist daran schuld; Sie malen sich den Augenblick, als Sie es in die Sänfte hoben, und als sie so zärtlich angeblickt wurden, immer wieder aus, und solche platonischen Liebesgedanken sind hierzulande unter der heißen Sonne nicht gut, sie machen krank und reiben den Menschen schließlich auf.«

»Torheit!« lachte der Lord ärgerlich. »Wenn mich das Weib auch einen Moment fesselte, so habe ich es doch längst vergessen.«

»Desto schlimmer für Sie!«

»Wieso?«

»Das Weib wird diese Vergeßlichkeit rächen. Nicht ungestraft wird hier eine Leidenschaft, und wenn sie auch nur einen Augenblick währt, erregt, ohne daß sie befriedigt wird.«

»Hebe dich weg von mir, Versucher!« lachte Canning. »Übrigens haben Sie mir selbst einmal gesagt, daß man mit Haremsdamen nicht anbinden darf, einmal, weil mit den heißblütigen Gatten nicht gut Kirschenessen ist, zweitens, weil man die Indier ja nicht zur Eifersucht aufregen darf, da dieselbe die törichtesten Streiche erzeugt.«

»Wahr gesprochen!« rief der als Wollüstling bekannte Westerly. »Aber wenn Sie sich auch aus diesen Gründen das schöne Haremsweib aus dem Kopfe schlagen müssen, so hätten Sie der einmal erregten Leidenschaft – und entflammt waren Sie, das können Sie nicht leugnen – auf anderem Wege einen Ausgang verschaffen müssen. Ein Weib ähnelt dem anderen, und in Indien stehen einem die schönsten immer bereitwilligst zur Verfügung.

Verschmähen Sie nur meine Warnungen, trotzen Sie den Forderungen der Natur, und Sie werden es dereinst an Ihrem Körper zu büßen haben!«

Das, was Westerly seinem Freunde jetzt sagte, ist die Ansicht der größeren Hälfte der Ärzte, welche Indien kennen, während die kleinere Hälfte eine völlige Entsagung zur Erhaltung der Gesundheit predigen. Für die Mäßigkeit im Genuß hört man selten eine Stimme sprechen.

»Wollen Sie etwa, daß ich mich in meinem fieberhaften Zustande auf die Suche nach Abenteuern begebe?« fragte Canning.

»Das natürlich nicht; wenn Sie aber wiederhergestellt sind, dann vergessen Sie nicht, daß Sie in einem Lande leben, wo alles in der Natur gebieterisch zur Liebe auffordert.«

Westerly erhob sich und stellte sein Gewehr, an dem statt des Kornes ein leuchtender Diamant funkelte, in die Ecke.

»Aus meiner Jagdpartie wird also nichts,« sagte er, »ich werde mich dafür entschädigen.

Borgen Sie mir Ihren Mantel und Ihren Schlapphut; denn in diesem Kostüm kann ich unmöglich auf galante Abenteuer ausgehen.«

»Sie wollen sich akklimatisieren?« fragte Canning lachend.

»Ja, ich will dafür Sorge tragen, daß ich nicht gleich Ihnen ohne Grund vom Fieber befallen werde.«

Er hing sich des Lords langen Staubmantel um und setzte statt der Jagdkappe dessen Filzhut auf, der sein Gesicht beschattete. Da er die Größe und Gestalt des Lords hatte, ähnelte er diesem fast vollkommen.

»Gute Nacht, lieber Freund! Hoffentlich sehe ich Sie morgen früh gesund im Büro.«

Westerly warf noch einen spöttischen Blick auf das Porträt an der Wand, das die junge Königin von England darstellte, und verließ das Zimmer.

»Der Narr ist doch noch liebeskrank, mag er sagen was er will,« murmelte er, »Sonst würde er nicht so lange der Natur Indiens trotzen. Freilich, es war ein Sturz aus schwindelnder Höhe, und ich kann mir schon vorstellen, daß Canning ihn nur schwer verschmerzen kann. Wäre dieser Prinz von Koburg nicht gekommen, so säße Canning vielleicht schon auf dem Thron von England, während er Indisch lernen und Amtsbriefe schreiben muß. Ja, die Liebe, die Liebe, sie ist unberechenbar!«

Drinnen aber lag Lord Canning mit erhobenen Händen vor dem Bildnis der schönen Königin. Der Fieberanfall war jetzt mit voller Kraft ausgebrochen, seine Augen strahlten, und seine Stimme zitterte wie sein Körper.

»Gespielin meiner Jugend, du meine treueste Freundin, bete für mich im fernen Vaterlande, daß ich ein guter Mensch bleibe, wie ich stets für dein Glück beten will. Wir beide allein wissen, daß uns von Kindheit auf nur die edelste Freundschaft verband, und als in mir ein anderes Gefühl für dich entstand, da riß ich es in dem Augenblicke aus meinem Herzen, als du mir dein süßes Geheimnis gestandest. Es war eine schwere Stunde für mich, doch die wahre Liebe zu dir überwog alles andere – ich wollte dich ja nur glücklich sehen.

Zwei Jahre hütete ich dein Geheimnis und spielte selbst den Vermittler zwischen euch. Mag die Welt auch aus Neid über mich spotten, dir ist es doch bekannt, welch aufopfernden Freund du an mir hast, und das soll mich trösten. Glück und Segen dir und deinem zukünftigen, hohen Gemahl, ihr habt in mir euern treuesten Untertan.«

Sichtlich beruhigt legte sich Lord Canning schlafen, morgen hoffte er mit klarem Kopfe aufzustehen. Wie sein Schutzengel schaute die schöne Königin auf ihn nieder.

Als Westerly die Treppe hinunterschritt, stellte sich ihm plötzlich ein halbnackter Hindu entgegen.

»He, was gibt's, was hast du hier herumzuspionieren? Hinaus mit dir!« herrschte ihn Westerly an.

Der Indier zog ein grinsendes Gesicht, brachte aus einer Falte seines Brusttuches eine Karte zum Vorschein und überreichte diese dem jungen Manne. Eine Treppenlampe machte das Lesen der in korrektem Englisch von einer Frauenhand geschriebenen Karte möglich.

»Endlich ist es mir gelungen, Ihre Adresse ausfindig zu machen.

Vielleicht entsinnen Sie sich, einst einer Dame, deren Sänfte auf der Straße zerbrach, behilflich gewesen zu sein; diese Dame hat in dem Blicke, den Sie auf ihr zufällig entschleiertes Gesicht warfen, Teilnahme für sie gelesen.

Wenn Sie gewillt sind einer Unglücklichen eine Stunde ihrer Zeit zu kürzen, so folgen Sie möglichst unbemerkt dem Überbringer dieser Karte.«

Eine Unterschrift war nicht vorhanden.

Fast augenblicklich blitzte im Gehirn des jungen Engländers ein nichtswürdiger Gedanke auf. Diese Karte war für Lord Canning bestimmt; wie wäre es, wenn er selbst von dieser Einladung Gebrauch machte? Aber das war eigentlich eine Unterschlagung, und überdies wünschte die Schreiberin Lord Cannings Gesellschaft.

»Bah, Lord Canning hat Fieber,« dachte Westerly schnell. »Diese Karte würde ihn aufregen, und so handle ich nur als ein guter Freund, wenn ich sie ihm vorenthalte. Die Schreiberin ist ein einigermaßen gebildetes Haremsweib mit etwas europäischem Blut, ihr strenger Gemahl ist auf der Tigerjagd, und so hält sie die Gelegenheit für günstig, ein Abenteuer anzuknüpfen! Wer zu ihr kommt, ist ihr ganz gleichgültig, nur hübsch muß er sein.

Ich habe sie auch gesehen – sie ist eine imposante Schönheit. Ein Narr wäre ich, ließe ich mir diese Gelegenheit entgehen. Solch ein pikantes Abenteuer habe ich noch nie erlebt, ein Haremsweib – Teufel, ich gehe hin!«

»Ist es weit?« fragte er den Indier.

Dieser schüttelte den Kopf.

»So führe mich! Halte dich hundert Schritte vor mir und sorge, daß ich dich nicht aus den Augen verliere. Hier, dein Lohn im voraus!«

Grinsend steckte der Indier das große Silberstück ein und lief voraus, Westerly folgte.

»Ja, ich will die Unglückliche trösten,« lachte er in sich hinein; »ich hätte doch nicht geglaubt, daß dieser Abend noch so ein gesegneter für mich würde. Lord Canning wird mir meinen Streich ebensowenig übelnehmen wie das Weib, übrigens braucht er gar nichts zu erfahren; die Indier sind verschwiegen wie – wie – nun eben wie ein Harem.«

Der Bote schien gut instruiert zu sein; er vermied alle belebten Straßen und bewegte sich nur in engen, von Eingeborenen bewohnten Gassen.

Westerly versicherte sich, daß er seinen scharfgeladenen Revolver in der Tasche hatte, denn das Abenteuer konnte vielleicht gefährlich werden. Doch durch so etwas ließ sich der junge Engländer nicht abschrecken, es wurde dadurch nur um so interessanter.

Als er um eine Ecke bog, prallte er mit einem Herrn zusammen, den er sofort als einen seiner Freunde, einen leichtlebigen Offizier, erkannte.

»Hallo, Lord Canning, rief dieser, »wandeln Sie auch einmal auf Abwegen? Kommen Sie mit mir, wir lassen zwanzig Bajaderen tanzen! Es wird köstlich!«

»Habe keine Zeit,« entgegnete Westerly mit verstellter Stimme und eilte weiter.

»Der bleibt immer derselbe Tugendheld,« murmelte der Offizier ihm nach. »Schade um den Mann, der paßte in unsere fidelen Kreise!«

Westerly hatte die Sachlage sofort erkannt.

»Vortrefflich,« sagte er, »ich werde für Lord Canning gehalten! Wenn mich das schöne Haremsweib auch in Gnaden statt seiner annimmt. So geht alles gut. O, ich kenne die Neugier dieser Weiber. Sie hören von uns nur als von Barbaren sprechen, die mit Vorliebe indische Säuglinge verspeisen; wenn sie aber in ihren Sänften durch die Straßen getragen werden, sehen sie doch, daß die Engländer ganz hübsche manierliche Kerls sind, und sie brennen vor Verlangen, mit ihnen in nähere Berührung zu kommen. Ja, meine arme Unglückliche, ich will dich für eine Stunde und hoffentlich noch länger trösten und deine Neugier befriedigen. Ich will dir zeigen, daß wir Engländer auch Menschen von Fleisch und Blut sind und ein fühlendes Herz in der Brust tragen.«

Am Eingange einer schmalen Gasse blieb der Führer stehen und erwartete den Engländer.

»Sind wir am Ziele?«

»Gleich, Sahib, Sahib ist ein hoher, indischer Titel, bedeutet aber im Grunde genommen nur >Herr', z. B. Nana Sahib ist: >Herr Großvater<, also ein Kosename. Mit >Sahib< reden die Indier alle besser aussehenden Fremden an. in dieser Gasse ist es.«

»Wer ist deine Herrin?«

»Eine mächtige, mächtige Frau.«

»Und wohnt in solch einer Gasse?«

»Sie besucht eine Freundin.«

Westerly wußte genug. Die Haremsweiber machen ihre Besuche bei Anbruch der kühlen Nacht. Die, welche ihn zu sich beschieden, hatte in ihrem Hause angegeben, eine Freundin besuchen zu wollen, und, sich durch ihr ergebene Diener hierhertragen lassen. Vielleicht dienten diese kleinen Gebäude öfters zu solch verbotenen Zusammenkünften.

Nach einigen Schritten hielt der Indier vor einem kastenähnlichen, fensterlosen Hause und klopfte in seltsamer Weise an die Tür. Diese öffnete sich, und beide traten in einen völlig finsteren Raum.

»Einen Augenblick, Sahib,« flüsterte der Indier, und ließ Westerly allein.

Es wurde dem jungen Engländer doch etwas unheimlich zumute, als er sich so in einem fremden Hause von Dunkelheit umgeben sah. Er konnte nicht die Hand vor den Augen erkennen. Sollte er in eine Falle gelockt worden sein? Die Ermordung von Engländern war in Indien nichts Neues, eine Sorte von religiösen Schwärmern, die der Thags oder Thugs, machten es sich zur Lebensaufgabe, soviel Engländer wie möglich heimlich zu ermorden, denn sie dienten der Kali, der Göttin der Vernichtung.

Noch einmal fühlte Westerly nach dem Revolver – er war am Platze und schon schußfertig gemacht.

Jetzt hörte er undeutlich einige Stimmen sprechen, dann ertönte neben ihm ein Hüsteln, seine Hand wurde gefaßt und er fortgezogen. Eine Tür wurde geöffnet, Licht strahlte ihm entgegen, und Westerly stand in einem nur schwach erleuchteten Gemach. Es war eben hell genug, daß er den raffinierten Luxus erkennen konnte, mit dem es ausgestattet war; nie hätte er solchen in dem alten Gemäuer vermutet.

Noch stand der junge Mann in voller Verwunderung da, als sich in einer Ecke eine weiße Gestalt erhob und auf ihn zugeschwebt kam. Sie war zwar tief verschleiert, aber schon konnte Westerly an den herrlichen Formen, die durch das leichte Gewand schimmerten, erraten, daß er vor der Gesuchten stand.

»Sie sind gekommen,« sagte unter dem Schleier eine volltönende Altstimme in erfreutem Tone, »ich wußte beim ersten Blick, daß ich bei Ihnen kein erbarmungsloses Herz finden könnte. Buddhas Ratschlüsse sind unerforschlich, endlich hat er mir einen Freund geschickt, der mir Teilnahme erweisen wird.«

Westerly war entzückt. So leichtes Spiel zu haben, hatte er nicht geglaubt. Schnell war er entschlossen, Lord Cannings Rolle weiterzuspielen. Das Weib hatte diesen nur eine halbe Minute gesehen, er sah ihm nicht unähnlich, und wurde der Betrug entdeckt – nun, der Gouverneur war nicht umsonst so oft mit der Schlauheit seines Sekretärs zufrieden.

»Wer könnte Ihrer Bitte widerstehen, wenn er einmal Ihr Antlitz erblickt hat?« entgegnete er. »Es müßte ein Mensch mit dem Blute eines Fisches und einem Herzen von Stein sein.

Befehlen Sie über mich, Schönste aller Schönen, ich bin Ihr gehorsamer Sklave!«

Die Dame war vor ihn hingetreten und betrachtete ihn aufmerksam im matten Scheine der Lampe, deren Öl einen berauschenden Duft verbreitete.

»So haben Sie unser Zusammentreffen nicht vergessen?«

»Wie sollte ich! Tag und Nacht habe ich nur an dich gedacht, ich habe nach dir geschmachtet, ich habe von dir geträumt, und ich fühle, daß ich vergehen müßte, wenn ich nicht noch einmal in dein herrliches Antlitz schauen dürfte!«

Der in Liebesszenen erfahrene Westerly hatte sich auf ein Knie niedergelassen und schaute das Weib mit schwärmerischen Augen an. Sie legte beide Hände auf seine Schultern und beugte sich zu ihm herab, als wollte sie ihn küssen.

Doch plötzlich sprang sie zurück und stieß einen gellenden Schrei aus.

»Sie sind nicht Lord Canning!« rief sie.

Schnell stand der junge Engländer auf, warf Hut und Mantel weg und sagte mit fester Stimme: »Nein, ich bin nicht Lord Canning, aber ich stehe an seiner Stelle hier, weil ich dich Herrliche mehr liebe als er!«

Diese Worte brachten nicht die beabsichtigte Wirkung hervor, sondern eine ganz entgegengesetzte, furchtbare.

Das Weib klatschte in die Hände, Portieren wurden zurückgerissen, eine Menge dunkler Gestalten sprangen von allen Seiten hervor, und ehe Westerly noch an Widerstand denken konnte, war er schon gepackt und an den Händen gebunden.

Doch er verlor den Mut nicht, im Angesicht einer Gefahr wuchs dieser ihm stets. Nie verlor er die Besinnung.

Das Weib rief den Indiern einige Worte zu, diese verschwanden, und wieder stand der junge Engländer ihr allein gegenüber, diesmal aber gebunden. Sie trat auf ihn zu, in ihrer Hand blitzte ein Dolch, ihre Augen funkelten hinter dem Schleier hervor.

»Sprich, wer bist du?« herrschte sie ihn an, ihm den Dolch auf die Brust setzend.

»Stoß zu, ich kenne kein größeres Glück, als von deiner Hand zu sterben!« war die freudige Antwort. Der Dolch sank herab, das Weib schien erstaunt.

»Wie kommst du hierher? Wer bist du?«

»Ich folgte deinem Diener.«

»Nicht möglich!«

»Es ist so! Kennst du mich nicht?«

»Nein!«

»Als deine Sänfte brach, sprangen zwei Männer vor, dir zu helfen. Lord Canning war schneller als ich, er kam mir zuvor. Konnte ich auch deine Hand nicht berühren, so hatte ich doch das Glück, einen Blick auf dein himmlisches Antlitz zu erhaschen. Tag und Nacht verfolgte mich dein Bild, und ich wußte, daß ich dich noch einmal wiedersehen müßte. O, schlage deinen Schleier zurück, gönne mir noch einmal einen Blick in deine sonnigen Züge, und dann stoße mir den Dolch ins Herz – dann will ich dir sterbend noch die Füße küssen.«

»Wie aber kommst du in den Besitz meiner Karte? Erzähle! Du bist in meiner Gewalt, und weigerst du dich, mir zu antworten, so mache ich Gebrauch davon.«

»Deine Drohungen schrecken mich nicht, du brauchst nur zu befehlen, und nichts wird dir versagt bleiben. Nicht ich, sondern Lord Canning empfing deine Karte; wahnsinnige Eifersucht erfüllte mein Herz, wußte ich doch, von wem sie kam. Ganz anders verhielt sich der Lord. Mit einem verächtlichen Lachen warf er die Karte hin, erklärte, an solchen Affären keinen Geschmack zu finden, und. statt dir zu Hilfe zu eilen, spottete er deiner.«

»Wie? Sprichst du die Wahrheit? Er hat mich wegen der Aufforderung verspottet?« klang es schneidend hinter dem Schleier hervor.

Sie ist eifersüchtig, dachte Westerly, das zeugt von Leidenschaft, und so stehen meine Chancen gut.

»Wie könnte ich in deiner Gegenwart anders als die Wahrheit sprechen?« sagte er laut.

»Mir blutete das Herz, als ich seine teilnahmslosen Worte hörte; ich sah dich im Geiste verzweiflungsvoll die Hände ringen, weil niemand kam, der dir die quälende Langeweile des traurigen Haremslebens verkürzte, und so eilte ich hierher. Wußte ich doch, die herrlichste der Frauen hier zu finden. Ist es mein Tod, wohlan, ich sterbe glücklich, nur laß mich noch einmal dein Antlitz schauen!«

Der Schleier wurde zurückgeschlagen. Westerly erblickte ein wirklich wunderschönes Gesicht mit feurigen Augen, die durchaus nicht finster den jungen Engländer anschauten, und dieser wußte sofort, daß er ein Haremsweib vor sich hatte, in dessen Adern nur sehr wenig, vielleicht gar kein indisches Blut floß.

Er täuschte sich nicht, es war Isabel.

»Kennst du mich?« fragte sie.

»Ja, ich kenne dich, du bist die, nach deren Nähe mich verlangte.«

»Und wer bist du?«

»Dein Diener, über den du befehlen sollst!«

»Sprich deutlicher! Bist du ein Freund Lord Cannings?«

»Ich nannte ihn meinen Freund, doch seitdem er dich verspottet, ist er mein Feind!«

»Wohnst du bei ihm?«

»Nein. Ich bedaure schon, daß ich gezwungen bin, den ganzen Tag neben ihm zu arbeiten.

Ha, wie verhaßt er mir jetzt geworden ist! Nun zögere nicht mehr – entweder liebe mich oder stoße mir den Dolch ins Herz, daß ich zu deinen Füßen sterbe!«

Bei den ersten Worten Westerlys hatten die Augen des Weibes aufgeleuchtet, jetzt blitzte wieder der Dolch in ihrer Hand, Sie näherte sich dem Gefesselten, doch nicht um ihn zu töten.

sondern um seine Banden zu durchschneiden.

Der Befreite sank wieder vor der schönen Frau nieder und umschlang leidenschaftlich ihre Knie. Seine schlaue Berechnung hatte gesiegt, dieses Weib gehörte jetzt ihm!

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