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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 35
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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35. Nach Indien

»Auch ich bin Ihrer Meinung, daß der Aufenthalt dieses Monsieur Francoeur und des angeblichen Radscha von Tipperah in England von politischer Bedeutung war,« sagte Wilkens sechs Tage nach der unterbrochenen Hochzeit zu Reihenfels, der ihn aufgesucht hatte, »und es fragt sich nur, was die Indier wieder vorhaben. Wollte Gott, daß in ihren unruhigen Köpfen nicht abermals der Plan zu einem Aufstand entstanden ist.«

»Dieser Überzeugung bin ich,« entgegnete Reihenfels, »und ich glaube, das Schlagwort »hundert Jahre nach der >Schlacht bei Plassy'«, welches zu hören und zu lesen wir schon öfters Gelegenheit hatten, hängt damit zusammen. Es wird jedenfalls ein Aufstand vorbereitet; langsam und vorsichtig, der erst hundert Jahre nach der Schlacht bei Plassy losbrechen soll. Bis dahin ist es nicht mehr lange. Nun, wir werden ja sehen; das Kriegsministerium ist, von uns benachrichtigt und gewarnt, unsere Sache ist es nicht, einen etwaigen Aufstand zu vereiteln. Wie schon gesagt, ich gehe wieder nach Indien, schließe mich jedoch nicht meinem Vater an, sondern begebe mich auf die Suche nach dem Felsentempel, wobei mich Lady Carter begleitet, denn sie hofft, ihren Gemahl, zu dem ihre alte Liebe in neuer Stärke erwacht ist, dort lebend zu finden und befreien zu können.«

»Es freut mich ungemein, daß sie nicht Missis Westerly oder vielmehr Lady Westerly geworden ist. Westerly scheint den Tod des Bruders und dessen Familie nicht eben tragisch zu nehmen, auch Lady Carter, seine einstige Braut, scheint er vergessen zu haben, seitdem er Lord geworden ist.«

»Er hat jetzt sehr viel zu tun,« nahm Reihenfels für den Partei, mit dem er eigentlich auf gespanntem Fuße lebte. »Nun noch eine Frage: Was denken Sie über Miß Bega?«

»Dieselbe Frage wollte ich an Sie richten. Der Radscha, ohne Zweifel der Priester der Thags, gab sie für seine Tochter aus.«

»Wenigstens Francoeur, tat dies, denn der Radscha war ja stumm – eine Lüge welche einen neuen Verdacht auf die Familie wirft. Nach Kiong Jangs Erzählung war dieser Indier weder stumm noch taub. Glauben Sie, daß Miß Bega seine Tochter war?«

»Ich halte sie jetzt eher für die Tochter Francoeurs selbst, oder vielleicht auch für die der Madame Dubois. Nun, ich hoffe, daß es Ihnen gelingt, den Felsentempel sowohl, als auch jene intrigante Gesellschaft aufzuspüren, und dann werden sich wohl alle Rätsel lösen. Also Hira Singh begleitet Sie, obgleich er fürchten muß, der Rache der fanatischen Fakire zum Opfer zu fallen, weil er ihre Geheimnisse verraten hat?«

»Ja, er will ihrer Rache trotzen,« entgegnete Reihenfels, aber anscheinend an etwas anderes denkend; »seit der Erzählung Kiong Jangs über das schändliche Treiben der Thags hat er einen förmlichen Haß gegen seine Nation gefaßt. Er gibt seine ihm so viel einbringenden Vorstellungen hier auf, um mir beim Aufspüren der Mördergesellschaft behilflich zu sein. Um auf Miß Bega zurückzukommen, glauben Sie nicht, daß auch sie in einem etwaigen Aufstande eine Rolle spielen sollte?«

»Das wäre leicht möglich. Dann müßte sie in die Pläne der Intriganten eingeweiht gewesen sein. Auf mich machte das Mädchen, welches ich allerdings nur einmal gesehen habe, freilich einen sehr unschuldigen Eindruck.«

»Sie wußte auch nichts davon,« rief Reihenfels fast heftig, »sie ist unschuldig! Ich glaube, sie genoß nur eine Erziehung, welche sie darauf vorbereitete, in dem kommenden Aufstande eine Rolle zu spielen, und der, welcher dies alles leitet, ist kein anderer als Timur Dhar, der Räuber der Tochter der Lady Carter.«

Erstaunt betrachtete Wilkens den leidenschaftlich sprechenden Reihenfels.

»Ich möchte fast glauben, Sie wären mehr in die Verhältnisse eingeweiht, als Sie zugeben wollen,« sagte er; »oder wissen Sie sogar, wer diese Miß Bega ist?«

»Und wenn?«

»Wirklich, Sie wissen es?«

»Ja.«

»Und Sie verheimlichen es?«

»Ja, ich habe einen Grund dazu.«

»Welcher ist das?«

»Durch mein offenes Bekenntnis würde ich nur noch mehr Unglück über jemanden bringen, der schon unglücklich genug ist, und auch in England wie in Indien böses Blut erzeugen. Ich müßte gegen einige mächtige, bedeutende Personen furchtbare Anklagen erheben, die ich nicht beweisen kann, wenigstens jetzt noch nicht. Die fehlenden Beweise zu sammeln, soll meine Aufgabe sein, und ich versäume dabei nicht das Aufsuchen des Felsentempels und Sir Carters. Die Personen, welche ich im Verdacht habe, stehen mit den Thags im Bunde.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Ich bitte Sie, fragen Sie mich nicht weiter darüber. Sie sollen alles erfahren, sobald ich Gewißheit habe und offen als Ankläger auftreten kann. Sollte aber mein Tod eher erfolgen – ich beginne ein gefährliches Unternehmen – so habe ich schon dafür gesorgt, daß mein Verdacht auch anderen mitgeteilt wird, welche die weitere Verfolgung übernehmen. Mister Wilkens, wollen Sie der sein, welcher meine Bemühungen fortsetzt oder fortsetzen läßt, wenn vielleicht einmal mein Tod nach England gemeldet wird?«

»Gewiß! Vertrauen Sie mir getrost Ihr Geheimnis an.«

Reihenfels entnahm seiner Brusttasche ein großes, dickes und mit vielen Siegeln versehenes Kuvert.

»Hier drin ruht es,« sagte er; »dieses Kuvert enthält meine Vermutungen und den Weg, den man meiner Ansicht nach einschlagen muß, um die von mir Verdächtigten zu entlarven.«

»Ich verstehe Sie nicht ganz.«

»Ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken. Nehmen Sie diese Schriftstücke und erbrechen Sie das Kuvert nicht eher, als bis Sie die sichere Nachricht von meinem Tode haben. Wenn möglich, werde ich Ihnen noch mein Tagebuch zukommen lassen, das als Kommentar zu diesen Angaben dienen könnte. Sollte mir Gott ein längeres Leben als Ihnen schenken, so sorgen Sie dafür, daß Sie einen Nachfolger haben, der meinen Wunsch an Ihrer Stelle erfüllt. Ich betrachte dies als eine Art von Testament, als meinen letzten Willen, und ich bitte Sie, denselben zu erfüllen.«

Wilkens nahm das versiegelte Schreiben und verschloß es in seinen Sekretär.

»Sie brauchen nicht darum zu bitten,« sagte er, »sondern dürfen es von mir verlangen, denn wir streben ja Hand in Hand nach ein und demselben Ziel, ohne Lohn zu erwarten. Ich werde genau nach Ihrer Vorschrift handeln und gleich nachher eine Schrift aufsetzen, damit bei meinem etwaigen Tode ein anderer Ihren Wunsch erfüllt. Ich bin zwar sehr neugierig, was für Offenbarungen das Kuvert enthält, da Sie es aber fordern, werde ich auch keine Fragen deswegen mehr stellen.«

Reihenfels reichte dem Detektiven die Hand zum Abschied und zum Dank.

»Ich begebe mich jetzt zu Lady Carter, um mit ihr die letzten Vorbereitungen zur Reise zu besprechen. Unsere Unternehmung wird sehr beschwerlich werden, besonders da eine Dame, vielleicht noch eine Dienerin daran teilnimmt, und so ist noch mancherlei anzuordnen. Ich habe jetzt alle Hände voll zu tun, und bis morgen ist nur noch eine kurze Zeit.«

»Sie wollen wirklich das Transportschiff benutzen, welches das englische Bataillon nach Bombay bringt? Die Reise auf dem mit Menschen vollgepfropften Schiffe, noch dazu in der nicht eben angenehmen Gesellschaft von englischen Soldaten dürfte Lady Carter nicht willkommen sein.«

»Sie vergessen, daß auch Offiziere dabei sind, darunter Eugen, den Lady Carter liebt.«

»Richtig, daran hatte ich nicht gedacht. Auch Mister Woodfield schließt sich an, ebenso seine beiden Diener?«

»Natürlich, wir verfolgen ja alle dasselbe Ziel: Das Auffinden des rätselhaften Felsentempels. Lady Carter hofft dort ihren verschollenen Gemahl, Mister Woodfield seine, geraubte Tochter zu treffen. Weniger angenehm ist es mir, zu hören, daß auch Miß Woodfield ihren Bruder, also auch uns begleitet. Doch ich kann nichts dagegen tun. Auf Wiedersehen, Mister Wilkens, wir sprechen uns morgen noch einmal vor der Abreise!«

Reihenfels ging.

Als er das Haus Lady Carters betreten wollte, kam ihm daraus Westerly, oder vielmehr Lord Westerly entgegen. Sein Gesicht sah sehr finster aus.

Ohne Gruß schritten die beiden Männer aneinander vorüber.

Emily kam Reihenfels gegenüber selbst sofort auf ihren einstigen Bräutigam zu sprechen, wie sie überhaupt den jungen Gelehrten von jetzt ab vollständig als ihren Freund betrachtete; widmete er doch alle seine Kräfte ihrer Sache.

»Sie begegneten Lord Westerly?« fragte ihn die schöne, schwermütig blickende Frau.

»Ja, er sah unwillig aus. Darf ich fragen, ob dies das erstemal gewesen ist, daß Sie ihn wiedergesehen haben?«

»Ich habe ihn seit jenem Tage noch gar nicht wiedergesehen.«

»Aber doch jetzt.«

»Nein, ich habe ihn nicht empfangen.«

»Sie wollen also den Verkehr mit ihm, den er vielleicht fortsetzen möchte, abbrechen? Ich finde das auch ganz natürlich, wie ich mich überhaupt wundere, daß Lord Westerly eine Annäherung noch sucht.«

»Sie haben recht. Ich finde an ihm zwar nichts auszusetzen, er hat nichts getan, was mich veranlaßte, ihn meiden zu müssen, aber dennoch, ein unbestimmtes Gefühl stößt mich von ihm zurück. Seit ich die Gewißheit habe, daß mein Gemahl, dessen Namen ich trage, noch lebt, ist mir Westerly ganz gleichgültig geworden. Ich fürchte mich sogar, mit ihm zusammenzutreffen. Wie kommt es nur, daß meine frühere so starke Liebe zu ihm plötzlich gestorben ist?« fragte Emily, mehr zu sich.

»Sollte nicht die Vermutung daran schuld sein, welche Kiong Jang betreffs Westerlys geäußert hat?«

»Wegen des Hochverrats, für den mein Mann statt seiner büßen mußte? Ich glaube nicht daran, es war nur eine aus der Luft gegriffene Behauptung Timur Dhars. Nein, etwas anderes ist es, was mich von diesem Manne plötzlich zurückstößt, ich kann meine Gefühle nicht definieren, und dann finde ich es geradezu anstößig, daß sich Lord Westerly gestern bereiterklärt hat, mich beim Aufsuchen meines Gatten zu unterstützen. Er wollte mich nach Indien begleiten, in meiner Gesellschaft sein.«

»Tat er das wirklich?« fragte Reihenfels erstaunt »Er schrieb es mir gestern, heute wollte er sich persönlich meine Antwort holen. Daß ich ihn nicht empfangen habe, wird ihm meinen Entschluß deutlich zu erkennen gegeben haben.

Sein Anerbieten ist zwar sehr menschenfreundlich, es verrät einen edlen Charakter, aber ein solcher Edelmut kommt mir geradezu unnatürlich vor.«

»Ich möchte mich noch stärker ausdrücken,« stimmte Reihenfels bei, »da ich jedoch gegen Lord Westerly sowieso Antipathie hege, enthalte ich mich meines Urteils. Doch ich freue mich, zu hören, daß Sie entschlossen sind, ferneren Verkehr mit ihm durchaus zu meiden, der übrigens anstößig gefunden werden könnte. Verzeihen Sie mir, wenn ich als junger Mann so zu Ihnen spreche, es kommt aus. einem teilnahmvollen Herzen. Betrachten Sie sowohl die Unterbrechung der Trauung, als auch den Umstand, daß Ihre Liebe zu Westerly so schnell erkaltet ist, ohne daß Sie sich dies erklären können, als einen Fingerzeig Gottes, daß er Sie nicht für Westerly bestimmt hat, sondern Ihrem Gatten erhalten will. Gottes Ratschlüsse und Wege sind wirklich unerforschlich. Das hat er uns diesmal herrlich, geoffenbart.«

Reihenfels merkte, wie unerquicklich dieses Gespräch für Emily war. Wenn sie sich auch ihm gegenüber hatte aussprechen wollen, und lenkte deshalb auf die morgende Reise ab.

Währenddessen fand unten vor dem Hoftor eine Szene statt, deren Urheber den Bewohnern des Hauses noch manche Überraschung bereiten sollte.

Miß Woodfield wollte eben das Tor verlassen, um über den Hof nach dem Schuppen zu gehen, wo die schon zur Reise gepackten Kisten und Koffer standen, als ihr ein Mann entgegentrat, der aller Wahrscheinlichkeit nach ein Hausierer war.

Er war ganz mit Schachteln, Kästen und Raketen behangen; hier guckte der Griff eines Spazierstocks, dort der untere Teil eines Regenschirms hervor, an der einen Seite rasselten bei jeder Bewegung blecherne Töpfe und Pfannen zusammen, auf der anderen war eine Puppe an den Beinen aufgehangen.

Der Mann hatte brennend rotes Haar und einen Anflug von einem roten Schnurrbart; wie die grauen Augen, so blickte auch die Stulpnase aus dem von Gesundheit strotzenden Gesicht recht frech in die Welt.

Als er mit der alten Dame zusammenstieß, klappte er sofort den Deckel des Kastens, den er vorn trug, auf, und eine Menge Galanteriewaren, wie Uhrketten, Ringe, Armbänder, Tabaksdosen und so weiter, alles recht glitzernd aussehend, aber wertlos, lag ausgebreitet da.

»Etwas gefällig, gnädige Frau?« begann er in einem schlechten, aber recht zungengeläufigen Englisch. »Alles elegant, dauerhaft und spottbillig, die größte Auswahl, die Sie in der Welt finden. Da ich nur wenig Ladenmiete zahle, bin ich in der Lage, billiger als alle meine Konkurrenten zu verkaufen, Ohrringe, Handschuhknöpfer, Haarpomade, Trauringe, von echtem Gold nur am Tage zu unterscheiden, Schnupftabaksdosen, klein und zierlich, Damenuhrkettchen, ganz manierlich; hier Zigarrenspitzen für Ihren wertesten Mann, der würde sich aber schön freuen, wenn Sie heimlich eine kauften und ihm schenkten. Sehen Sie, wenn man auf der anderen Seite hineinbläst, dann pfeift's; das ist die neueste Errungenschaft unseres Jahrhunderts.«

Der Hausierer war schlau genug, einzusehen, daß diese Dame seine Schmuckgegenstände aus Messing nicht kaufen würde, und bot ihr daher solidere Waren an, wenn auch vorläufig für ihren Mann.

Jetzt, da er auf der Zigarrenspitze pfiff, fand Miß Woodfield überhaupt zum ersten Male eine Gelegenheit, den redseligen Mann abzuweisen.

»Ich habe keinen Mann und ...« begann sie. Der Hausierer schlug die Hände zusammen.

»Ach, das tut mir aber leid.« unterbrach er sie schon wieder, »so jung und schon Witwe! Woran ist denn Ihr Seliger gestorben? Ach, Gott, die armen Kinderchen! Wieviel haben Sie denn? Wie wäre es denn hier mit dem Püppchen? Da würde sich aber Ihr Jüngstes freuen, wenn es das Püppchen wiegen könnte. Kostet nur einen Schilling, die Kleider sind von schwerer chinesischer Seide, waschecht, nur dürfen sie nicht in den Regen kommen, natürliches Haar ...«

»Ich bitte Sie ...«

»Na, dann neun Pence zum ersten. Ich bin ein billiger Mann, habe freilich Verlust dabei.

Bedenken Sie nur, ich importiere alle meine Sachen selbst und direkt aus Indien, komme dabei kaum auf meine Kosten ...«

»Ich kaufe nichts!« sagte Miß Woodfield jetzt energisch und suchte sich vorbeizudrängen, doch der Hausierer setzte ihr Widerstand entgegen. Er hatte das goldene Kreuz mit dem Heiland darauf an ihrem Halse hängen sehen und, mit den englischen Verhältnissen wahrscheinlich gut bekannt, änderte er sofort seinen Angriffsplan.

»Da, wie wär's denn hier mit seidenen Strümpfen, gnädige Frau? Die sind von den christlichen Hindumädchen im Missionsgebäude von Haidarabad gesponnen worden. Ach, Sie sollten einmal die kleinen Geschöpfchen sehen, wenn sie so auf ihren Stühlchen sitzen, beten und dabei Strümpfe wirken. Diese Taschentücher haben sie auch gemacht, ebenso diese Hosenträger; sehen Sie diese köstliche Stickerei, das hier ist die weltberühmte Lotosblume.

Was die Mädchen verdienen, fließt in die Kasse der Heidenmission in Indien. Unterstützen Sie dieses wohltätige Unternehmen, gnädigste Frau.«

»Sie irren, ich bin keine Frau,« sagte jetzt die alte Dame, durch die letzten Erklärungen des Hausierers nachgiebiger geworden, die vor ihr ausgebreiteten Schätze zu mustern, wozu Sie vor die Brille noch eine Lorgnette hielt »Was, Sie sind nicht verheiratet?« rief der Mann. »Ach, Gott, das ist aber Schade! Daß ich alter Dummkopf das aber auch nicht gleich gesehen, daß Sie noch Miß sind. Jedes Kind muß es ja gleich merken, so eine schlanke, elegante, graziöse und schön gewachsene Figur wie Sie haben.«

»Hören Sie auf mit den Schmeicheleien. Sind diese Tücher wirklich in Indien gemacht?«

»Natürlich, wo denn sonst anders!«

Sie befühlte ein Taschentuch.

»Das ist aber keine Seide, sondern Baumwolle.«

»Es ist Seide dazwischen.«

»Meiner Ansicht nach nicht.«

»Die Missionsmädchen in Indien haben es gesagt, und ich glaubte es ihnen. Solche fromme Geschöpfe werden doch nicht lügen. Betrachten Sie nur dieses Muster, ist das nicht rührend? Hier geht die Sonne unter, wie gewöhnlich natürlich im Westen, das Vögelchen auf dem Zweiglein badet sich im Abendsonnenschein und singt dabei ein lustiges Morgenliedchen, zum Preis des Schöpfers Himmels und der Erden. Diese roten Punkte bedeuten die Tränen, welche das Hindumädchen vor Rührung geweint, als es dieses Muster in dem Tuche verewigt hat Ein herrlicher Gedanke, nicht? Diese Sonne, der Vogel und der Ast, dazwischen die Tränen. Geradeso sieht es aus, wenn in Indien die Sonne auf- und untergeht, in Wirklichkeit ist es nur etwas größer. Aber solche kleine Vögel wie hier, gibt es dort in Lebensgröße.«

»Waren Sie in Indien?«

»Nu, das wollte ich meinen, hochgeehrtes Fräulein. Sie noch nicht?«

»Nein; aber wir reisen morgen für längere Zeit nach Indien.«

»Was, morgen schon? Herrgottsackerlot; und das sagen Sie erst jetzt? Sind Sie denn schon mit allem Nötigen versehen? Hören Sie auf mich, ich bin Zeit meines Lebens in Indien gewesen, ich kenne es in- und auswendig. Vorder-, Hinter- und Mittelindien, ganz egal, Indien ist meine zweite Heimat geworden. Sehen Sie, die indische Sonne hat sogar mein Haar ganz rot gebrannt. So lange bin ich dort gewesen, egal mitten unter den Hottentotten und anderen Kaffern. Haben Sie denn eigentlich schon die berühmte Elefantensalbe, von Doktor Bernardus, dem weltberühmten Brahmanen, hergestellt aus den Extrakten der Lotosblume? Die müssen Sie haben, oder Sie sind einfach verloren. Am ersten Tage fressen die Mücken Sie mit Haut und Haaren, mit Stumpf und Stiel auf.«

Er präsentierte eine Holzschachtel, mit ganz gewöhnlicher Zinksalbe gefüllt.

»Das ist die berühmte Elefantenfalbe von Doktor Bernardus, ordentlicher Brahmane, Leibarzt Seiner Majestät des Großmoguls von Indien,« fuhr er in dozierendem Tone fort; »heutzutage wagt kein Indier mehr sein Haus, sei es Palast oder Hütte zu verlassen, ohne diese Salbe in der Tasche oder sonst wo bei sich zu haben. Reibt man sich mit ihr ein, so ist man gegen jeden Biß und Stich gefeit, kein Tiger, Löwe, Panther wagt zu beißen, keine Mücke, Schlange oder sonst ein kleines, unangenehmes Insekt wagt den zu stechen, der sich mit dieser Salbe eingerieben hat. Ferner ist dieselbe das beste Mittel gegen Sommersprossen, Flechten und andere Hautkrankheiten. Sie heilt wunde Füße, auf ein Läppchen aufgetragen und auf Hühneraugen gelegt, entfernt es selbige mit unheimlicher Geschwindigkeit. Nun, gnädigstes Fräulein, wie wär's denn mit einem Dutzend Schächtelchen dieser Wundersalbe?«

Miß Woodfield steckte ihre lange Nase in die Schachtel, roch daran und entschloß sich dann, sechs Schachteln dieses wunderbaren Präparates zu nehmen.

»Haben Sie schon einen Schirm für Indien?« fragte der Hausierer und begann Regen- und Sonnenschirme auszupacken.

»Danke, damit bin ich versorgt.«

»Haben Sie sich einen extra für Indien gekauft?«

»Die hiesigen werden dort wohl dieselben Dienste leisten.«

»Um Gottes willen, werteste Miß, da sind Sie ganz kolossal auf dem Holzwege. Glauben Sie etwa, solch ein gewöhnlicher englischer Schirm könnte einem indischen Regen Trotz bieten? Jawohl, was glauben Sie denn! Dort prasselt es nur so vom Himmel, als wenn die himmlische Feuerwehr alle Spritzen losgelassen hätte. Ein Regen, sage ich Ihnen, na, das ist gar kein Regen mehr zu nennen, das gießt wie mit Eimern herab. Ein gewöhnlicher Regenschirm ist im Nu in Atome zersplittert, und der Besitzer kann froh sein, wenn er nicht wie nasse Pappe aufgeweicht wird; aber sehen Sie einmal hier diesen Regenschirm, ja, das ist ein Schirmchen!«

»Ich finde ihn aber gerade sehr schwach,« meinte Miß Rachel.

»Geben Sie nichts aufs Äußere, Verehrteste, Sie täuschen sich. Das ist inwendig alles mit Stahl gefüttert, sogar das Tuch, glaube ich. Er bietet nicht nur Schutz vor Regen, Sturm und Unwetter, selbst die Pfeile der wilden Indier prallen wie an einem Stahlpanzer von seinem Schutzdach ab, und Sie wissen doch, daß die Indier mit vergifteten Pfeilen schießen. Nehmen Sie den Schirm, rate ich Ihnen; Vorsicht ist besser als Nachsicht.«

Die alte Dame ließ den Schirm einstweilen beiseite stellen. Jetzt begann der Hausierer, ihr einen Sonnenschirm aufzuschwatzen.

»Den habe ich schon,« wehrte Rächet zuerst ab.

»Aber nicht einen solchen, wie man in Indien trägt.«

»Das wird sich wohl gleich bleiben.«

»Gott bewahre, Gnädigste! Alle besseren Damen tragen dort genau dieses Muster hier, besonders nachts.«

»Nachts? Ich denke, es ist ein Sonnenschirm?«

»Nur dem Namen nach, in Wirklichkeit dient er zum Schutze gegen die verderbliche Wirkung der Sonnenstrahlen des Mondes.«

»Gegen die Sonnenstrahlen des Mondes?« staunte die alte, leichtgläubige Dame.

»Gegen die Sonnenstrahlen des Mondes!« versicherte der in Indien bewanderte Mann ernsthaft. »Der Mond fängt die Strahlen der Sonne am Tage auf und gibt sie in der Nacht wieder von sich, und zwar ganz besonders in Indien. Diese Strahlen haben eine furchtbar schädliche Wirkung. Nicht nur, daß sie den Teil des Körpers, den sie treffen, dick anschwellen lassen, sie machen auch die Haut quittengelb. Deshalb sind auch der indische Tiger, Panther und manches andere Tier gelb, oft haben dieselben ganz geschwollene Backen, ebenso die dummen Indier, welche sich unvorsichtig den Strahlen des Mondes ausgesetzt haben. Die gebildeten Herren und Damen vermeiden solche Unannehmlichkeiten, vor allen Dingen wahren Sie sich ihren schönen Teint, indem Sie solche Mondschirme tragen.«

Miß Rachel kaufte den Mondschirm und ließ sich von dem Hausierer noch manches andere aufschwatzen, was sie seiner maßgebenden Ansicht nach während ihrer Reise in Indien unbedingt brauchen mußte, wollte Sie dort nicht ihren Tod finden oder doch als Krüppel und häßlich nach England zurückkehren. Eben pries er ihr ein Pulver an, gegen welches das fiebervertreibende Chinin gar nichts sei, als von oben herab eine rauhe Stimme auf deutsch rief: »Mich soll doch das Mäuschen beißen, wenn das nicht ein Deutscher ist!«

Der Hausierer blickte auf, konnte aber erst nichts weiter sehen als nur eine große, rote Pelzmütze. Dann, als er zurücktrat, sah er noch ein Paar listig blinzelnde Augen und einen roten Vollbart – das Gesicht von Dick Red.

»Nu allemal, ich bin ein Deutscher!« rief der Hausierer in derselben Sprache. »He, Landsmann, willst du auch nach Indien?«

»Wenn's dich nicht weiter geniert!«

»Mir genieren? I wo, ganz und gar nicht, im Gegenteil, es freut mich. Komm einmal runter, hier kannst du sehen, was du noch nie gesehen hast, und kaufen dazu; alle Sachen, die du in Indien nötiger brauchst, als das Hemd auf dem Leibe.«

Der Gerufene zögerte nicht lange; nach einer Minute war er unten, und der Hausierer staunte nicht schlecht den Mann in dem rohen Lederkostüm an. Gleich darauf erschien auch Charly, der auf das spöttische Anraten Dicks seinen modernen Anzug, der ihm nicht paßte und in allen Nähten geplatzt war, schon wieder mit seiner Pelzjägerkleidung vertauscht hatte.

»Herrgott, solche Kerls,«, rief der Hausierer, »die sehen ja gerade aus wie die Männer, welche immer in den Indianerbüchern abgebildet sind.«

»Geniert dich das etwa, daß wir solche Kerls sind? Na, da zeige uns einmal deine Raritäten, aber Gott behüte dich, wenn du uns betrügen willst!«

Der Hausierer bot an, die beiden Männer wühlten in seinen geöffneten Paketen, warfen alles geringschätzend beiseite, bis es vor der Haustür aussah, als wäre der Verkäufer geplündert worden.

»Nun, kein Geschäft zu machen?«

Dick schüttelte ungnädig den Kopf.

»Ne, Landsmann, mit solchem Ausschuß können wir nichts anfangen, da ist nichts für uns dabei, und einen Preis, verlangst du, der sich gewaschen hat. Bei uns in Berlin bekommt man solche Schundsachen für ein paar Neugroschen, und du willst ebensoviel Schillinge dafür haben. Pack ein, alter Gauner!«

Bis jetzt hatte der Hausierer vergebens versucht, den Pelzjäger; der jedenfalls ein Deutscher war, während des Handelns auszuforschen, was er eigentlich sei, woher er stamme; wie er hierherkomme und so weiter. Dick hatte unverständlich gebrummt oder gar keine Antwort gegeben.

Nun erfuhr er, das Dick in Berlin gewesen sei.

»Was, du bist aus Berlin?« rief er erfreut. »Da bin ich nämlich auch her.«

»Ich nicht.«

»Aber aus der Umgegend?«

»Ja.«

»Doch nicht etwa aus Potsdam? Dort hat nämlich meine Wiege gestanden.«

Dick ließ den Spazierstock, den er eben prüfend betrachtet hatte, sinken und musterte den Sprecher.

»So so, aus Potsdam! Woher denn da?«

»Aus der Friedrichgasse.«

»So so, aus der Friedrichsgasse, die kenne ich auch noch. Bist du schon lange von dort fort?«

»So ein Stücker zwei Jahre.«

»Wie kommst du denn eigentlich hierher?«

»Ich ging von Muttern weg, um mir die Welt anzusehen. Ich wünschte, ich wäre hinterm warmen Ofen geblieben, besonders gut ist es mir bis jetzt noch nicht gegangen.«

»In Indien warst du also auch?«

»I Gott bewahre!«

»Du sagtest es aber doch vorhin der Dame.«

»Heutzutage muß man manche Notlüge machen, um fortzukommen.«

Dick brummte etwas in den Bart, was ungefähr wie >Lügenluder< klang. Er fragte nicht weiter, und da der Hausierer keine Antwort bekam, so stockte das Gespräch.

Charly ließ sich trotz des Abratens Dicks, von dem >Schund< etwas zu kaufen, verführen, doch einige Sachen zu nehmen, er bezahlte, und dann halfen beide dem Hausierer, alles wieder einpacken.

Schon wollte er die Ballen wieder auf dem Rücken befestigen, als er noch einmal absetzte, denn Dick zog bedächtig einen Beutel hervor, den der Hausierer zu seinem Erstaunen mit Goldstücken gefüllt sah.

»Ich will dir nichts abkaufen,« sagte Dick langsam, »aber umsonst sollst du nicht hierherkommen. Es geht dir schlecht, sagtest du, das glaube ich dir. Würdest du wieder nach Hause reisen, wenn du Geld dazu hättest?«

»Nu allemal, direktemang nach Potsdam!«

»Wieviel kostet die Reise wohl bis dahin?«

»So ungefähr vierzig Mark, das heißt, dann muß ich mir unterwegs den Hungerriemen etwas stramm anziehen. Aber das Hungern bin ich schon gewöhnt.«

»Gehören diese Sachen nicht dir?«

»Nein, die sind mir nur auf mein ehrliches Galgengesicht hin auf Kredit gegeben worden.«

»Dann liefere sie wieder ab, und hier gebe ich dir zehn Pfund, das sind zweihundert Mark.

Damit wirst du wohl nach Potsdam kommen.«

Der Hausierer war starr, als er die zehn Goldstücke in seiner Hand hielt.

»Umsonst gebe ich sie dir nicht,« fuhr Dick fort, »ich verlange dafür etwas von dir.«

»Was soll ich dafür tun?«

»Nichts weiter, als daß du dich in Potsdam nach einer Familie erkundigst und ihr etwas von mir bestellst.«

»Wie heißt sie denn?«

»Die Alten mögen wohl nicht mehr leben, aber hoffentlich noch; einige der Jungen.

Kennst du den Namen Hefter in Potsdam?«

»Herrgott, so heiße ich ja selber!« schrie der Hausierer und ließ seinen Pack fallen.

»August Hefter!«

»Den kenne ich nicht. Mein Vater hieß Emil Hefter.«

»Emil Hefter? So hieß ja auch mein Vater!«

Der Hausierer riß plötzlich seine Augen weit auf und starrte den vor ihm Stehenden an, der seinerseits den Hausierer fast wie erschrocken anschaute.

»Weiß Gott, der Kerl hat auch rote Haare,« murmelt Dick wie verdutzt, »das ist doch nicht etwa ...«

»Du bist doch nicht etwa Richard,« unterbrach ihn der Hausierer, »der als kleiner Junge von seinen Eltern gelaufen ist? Damals wohnten wir noch am Tore, das heißt, ich war noch gar nicht geboren, aber erzählt ist mir von dem Tunichtgut oft genug worden.«

Da stieß Dick plötzlich einen unartikulierten Schrei aus, sprang auf den Hausierer zu, umschlang ihm und schwenkte ihn in der Luft herum.

»Herzensjunge,« schrie er ein über das andere Mal, »dann bist du ja mein Bruder!«

Als der Hausierer dem Erstickungstode, dem er durch die Umschlingung der muskulösen Arme des Pelzjägers ausgesetzt gewesen, glücklich entgangen war, folgten noch einige Fragen und Antworten aus denen sich deutlich ergab, daß die beiden, August und Dick, wirklich aus Potsdam von ein und denselben Eltern abstammten. Nur war August geboren worden, als Richard oder englisch Dick, der Tunichtgut, schon lange dem elterlichen Hause entlaufen war.

Dick führte den gefundenen Bruder, von dessen Vorhandensein er überhaupt keine Ahnung gehabt hatte, in sein Zimmer, und nun ging's an das Erzählen.

Er erfuhr, daß der Vater schon lange tot wäre, daß aber die Mutter noch lebe, und zwar in guten Verhältnissen.

»Ich hatte die Absicht,« sagte Dick, »einmal nach Hause zu reisen, wenn mein Herr hier seine Geschäfte erledigt hätte. Daraus wird nun freilich nichts; ich muß mit ihm nach Indien, um seine Tochter suchen zu helfen. Du gehst nach Hause und bringst die, Nachricht, daß ich bald nachkomme. Ewig wird es wohl nicht dauern, bis wir das Mädchen aufgespürt haben. An solche Sachen sind wir schon gewöhnt.«

»Kannst du mich nicht mitnehmen?« fragte August, in dem beim Erzählen der Abenteuer seines Bruders die Reiseluft wieder erwacht war.

Dick nahm die Pelzmütze ab und kratzte sich den kahlen Kopf, auf dem einst ebenfalls rotes Haar gesessen hatte.

»Nein, mein Junge, das geht nicht!« entschied er dann. »Ich könnte die Reise wohl bezahlen und dich erhalten, aber was sollst du dabei machen? Du würdest uns nur hinderlich sein. Ich bin kein Freund von solchen unnützen Brotessern; ja, wenn du etwas leisten könntest! Was hast du denn gelernt?«

»Ich bin Strumpfwirker,« sagte August kleinlaut.

Dick lachte auf.

»Du machst also jene Dinger, welche man an den Füßen trägt, ehe man in die Schuhe fährt. Kann mich gar nicht mehr entsinnen, je welche getragen zu haben. Nein, geh du nur nach Hause und bleibe bei Muttern. Ich lasse mich auch noch einmal dort sehen, ehe ich sterbe, das heißt, wenn es nicht anders bestimmt ist. Das Reisegeld hast du, damit basta. Ja, wenn du dir zu der Reise irgend eine Stelle verschaffen könntest, dann wäre es ganz hübsch, wenn wir beisammen blieben.«

»Als was denn?«

»Nun, etwa so als Diener. Aber wer soll dich Grünfinken, der die Welt nicht kennt, als Diener zur Reise mitnehmen? Da braucht man andere Kerls dazu!«

»Oho, gerade zu so etwas würde ich mich sehr gut eignen!«

»Das müßtest du erst beweisen.«

»Habe ich das nicht schon?«

»Womit denn?«

»Nun, versuche du einmal, als Hausierer in England herumzuwandern und etwas zu verkaufen. Dazu gehört ein Mundwerk, das sich gewaschen hat.«

»Dazu würde ich mich freilich nicht eignen,« lachte Dick, »und daß du ein gutes Mundwerk hast, habe ich vorhin allerdings selbst gehört. Aber mit dem Reden allein ist nichts getan. Geh nur nach Hause und warte, bis ich komme.«

»Wer ist das?« rief August plötzlich und deutete zum Fenster hinaus in den Garten, wo ein junger Mann zwischen den Beeten promenierte.

»Das ist Mister Reihenfels,« erklärte Dick, »so ein Mann, der Forschungen in Indien anstellt. Er führt unsere Expedition, denn wir anderen sind alle in jenem Lande ganz unbekannt, nur einige Diener, die uns begleiten, waren schon dort, wissen aber auch nicht mehr als wir. Kennst du ihn denn?«

August war aufgesprungen.

»Natürlich kenne ich ihn; vor einem Jahre habe ich ihn immer gesucht, konnte ihn aber nie finden. War der stets hier?«

»Er war ein Jahr lang in Indien und geht jetzt wieder mit uns hin.«

»Den muß ich sprechen!«

Damit eilte August hinaus und fand Reihenfels in einer Laube sitzen. Mit einem linkischen Gruß näherte er sich ihm.

»Was wollen Sie?« fragte Reihenfels den ihm völlig fremden Mann. »Ach so, Sie sind der Hausierer!« fuhr er lächelnd fort. »Tut mir leid, ich nehme von Ihren echten, aus Indien importierten Waren nichts, sie sind mir nicht echt genug. Geben Sie mir also keine Probe Ihres Rednertalents, ich kaufe nichts.«

Reihenfels hatte die Szene zwischen Miß Woodfield und dem Hausierer vorhin vom Fenster aus beobachtet.

»Ich will nichts an Sie verkaufen, ich bin auch gar kein Hausierer mehr. Entsinnen Sie sich nicht, wer ich bin?«

»Ich kenne Sie nicht.«

»Wir trafen uns in Indien!« sagte August mit pfiffigem Lächeln.

»In Indien? Waren Sie denn wirklich dort?«

»Ja, aber hier in London.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, in der indischen Ausstellung hatten Sie die Freundlichkeit, mit mir zu sprechen.«

»Ah so!« entgegnete Reihenfels, von dieser Erinnerung peinlich berührt. »Aber ich entsinne mich Ihrer nicht mehr.«

»Damals hatte ich eine braune Haut, schwarze Haare, und meine Fingernägel waren durch die Hand gewachsen.

Reihenfels besaß ein vorzügliches Gedächtnis. Im Augenblick wußte er, wer vor ihm stand. Doch dieser Mann interessierte ihn nicht im geringsten.

»Richtig, Sie sind der Strumpfwirker aus Potsdam, der in der Alhambra die Rolle eines Fakirs spielte. Also Sie haben Ihren Beruf abermals gewechselt und sind Hausierer geworden.

Nun, sehen Sie nur zu, daß Sie viel verkaufen, das Zeug haben Sie dazu und des Englischen sind Sie ja recht gut mächtig. Ich bedaure, nichts weiter für Sie tun zu können.«

»Sie sagten damals zu mir, ich sollte Sie am anderen Tage im Hotel aufsuchen, vielleicht könnten Sie mir eine Stelle verschaffen ...«

»Ich weiß. Ich konnte Sie, obgleich stets zu Hause, nicht empfangen.«

Reihenfels, dem die Unterhaltung immer unangenehmer wurde, griff in die Tasche, um den sich Aufdrängenden durch ein Geldgeschenk loszuwerden.

»Lassen Sie nur stecken,« sagte August gemütlich, »Sie brauchen mir nichts zu schenken.

Sie waren damals in eine recht eklige Sache verwickelt, Sie saßen tief in der Patsche, und da war es ganz natürlich, daß Sie sich nicht um einen solchen Vagabunden, wie ich einer war, kümmerten. Ich nehme Ihnen das nicht weiter übel.«

»Das ist hübsch von Ihnen,« sagte Reihenfels und stand auf.

»Warten Sie nur noch ein Augenblickchen, ich muß Ihnen doch noch etwas sagen. Sie sollten damals doch Faxen gemacht haben, und da wartete ich nur darauf, daß man Sie vor das Gericht verdonnerte, dann wollte ich auftreten und aussagen, wie Sie ganz unschuldig waren und jener Musjeh, Musjeh ... wie hieß er doch gleich, der kleine Franzose mit dem Gaunergesicht?«

»Monsieur Giraud?« fragte Reihenfels, der jetzt aufmerksam wurde, und setzte sich wieder.

»Richtig, Musjeh Giraud. Ja, daß dieser Musjeh Giraud ein ganz infamer Lump war, der mit der Mirzi unter einer Decke spielte und Sie ins Unglück reiten wollte. Ihre Verhaftung in dem kleinen Zimmer war nur eine abgekartete Geschichte, der Musjeh und die Mirzi haben lange darüber disputiert, und dann hat der Franzose Ihnen auch noch den deutschen Detektiv auf den Hals gehetzt.«

Jetzt nötigte Reihenfels den Mann, ausführlicher zu erzählen, und er wurde auch nicht ungeduldig, was sonst bei ihm der Fall war, wenn jemand weitschweifig schilderte und gerade da, wo es nicht nötig war.

August erwähnte viele Namen, welche Reihenfels kannte, so z. B. den von Francoeur, und es war gar kein Zweifel mehr, daß die Intrige von letzterem angezettelt worden war, um Reihenfels zu blamieren, so daß Bega das Verhältnis mit ihm löste. Francoeur hatte ja seinen Zweck auch vollkommen erreicht.

Der Erzähler konnte nichts weiter als die Wahrheit aussagen, woher hätte er sonst alles nehmen sollen. Er hatte den Franzosen Giraud als ständigen Besucher der Alhambra gekannt und ihn heimlich beobachtet, als dieser so viel mit der Mirzi zu verkehren begann, für welche August eine heimliche Neigung besaß. Der Eifersüchtige verfolgte Giraud auf Schritt und Tritt und wurde so Zeuge mancher intimen Unterredung, die für keine fremden Ohren bestimmt gewesen war. Selbst den Namen Bega hörte er öfters, ganz besonders aber den von Reihenfels, und dann lachten beide stets ausgelassen.

Reihenfels zweifelte um so weniger an der Wahrheit, als der Erzähler den Stempel der Ehrlichkeit an der Stirn trug, trotz des listigen Augenspiels. Dagegen glaubte sich Reihenfels wieder nicht zu täuschen, wenn er August für etwas beschränkt hielt. Dieser gehörte zu den Menschen, welche Schlauheit mit Dummheit vereinigen. Aus übergroßer Schlauheit begehen sie Dummheiten, und ohne daß sie es wollen, machen sie in ihrer Dummheit oft die gescheitesten Sachen.

»Warum haben Sie mir das nicht gleich erzählt?« fragte Reihenfels. »Sie wußten ja, wie Sie vorhin selbst gesagt haben, in welch unangenehme Lage ich geraten war. Ihre Aussage, bekräftigt von einem Schwur, hätte mich von dem Verdacht sofort gereinigt.«

»Ich wollte Sie immer aufsuchen, aber es durfte ja niemand zu Ihnen.«

»Sie haben recht, es war meine Schuld. Ich schloß mich damals von jedem Verkehr ab.

Aber trotzdem, Sie hätten mir öffentlich beistehen können, indem Sie sich als Zeuge vor Gericht meldeten. Es wurden damals überall solche gesucht.«

»Ich habe nicht gern mit den Gerichten zu tun. Ich wollte warten, bis Sie verdonnert würden, dann wäre ich schon noch vorgetreten. Ich war selbst mit im Gerichtssaale. Als ich Sie freisprechen hörte, dachte ich: na, da ist alles gut.«

»Ich wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen.«

»Das ist doch ganz egal.«

»Für mich nicht.«

»Ach, gehen Sie, so zimperlich ist doch unsereiner nicht.«

Reihenfels bat den Mann, einige Minuten in her Laube zu verweilen, und ging während dessen selbst überlegend in den Gartenanlagen auf und ob.

Als er zurückkehrte, stand sein Entschluß fest.

Dieser Mann war der einzige, welcher seine Unschuld vollständig beiweisen und gegen die, welche die Intrige angezettelt, als Ankläger auftreten konnte. Seine Angaben waren trotz aller Weitschweifigkeit klar und deutlich gewesen, er besaß ein gutes Gedächtnis, er konnte viele der belauschten Reden wörtlich wiederholen, er entsann sich aller gehörten Namen.

»Sie sagten vorhin, Sie würden Ihr Hausiergeschäft, aufgeben. Was gedenken Sie jetzt zu tun?« fragte Reihenfels.

August erzählte, wie er hier seinen Bruder gefunden habe, über welches zufällige Zusammentreffen Reihenfels nicht wenig erstaunt war, und was er mit Dick ausgemacht hatte.

»Sie würden lieber hierbleiben?«

»Das weniger. Am liebsten möchte ich mir noch ein bißchen mehr von der Welt anschauen, das heißt, aber nicht so ein Hungerleben wie bisher führen.«

»Dazu kann ich Ihnen Gelegenheit bieten; kommen Sie mit mir als Diener nach Indien.«

Wer war froher als August! Ohne Bedenken nahm er das Anerbieten an, und Dick hatte keine Einwendungen zu machen.

In dem Kontrakte, machte Reihenfels nur noch aus, daß August ihn, solange sie in Indien wären, nicht verlassen, das heißt kein anderes Engagement annehmen durfte, und dieser war ohne weiteres damit einverstanden.

Zur gleichen Zeit beschwor Hedwig, die Indierin, ihre Herrin, auch Sie mit nach Indien zu nehmen, sie vergehe vor Sehnsucht nach ihrer Heimat, und Emily ließ sich nicht lange bitten.

Sie brauchte sowieso eine Dienerin, und Hedwig, an deren Treue und Ergebenheit Emily nicht zweifelte, eignete sich in Indien jedenfalls am besten dazu.

So bestand die Gesellschaft, welche das Transportschiff anderentags nach Indien bringen sollte, aus Emily, in deren Begleitung Hedwig und Jeremy, aus Miß und Mister Woodfield und seinen beiden Pelzjägern, und schließlich aus Reihenfels, Hira Singh, Kiong Jang und August. Das Ziel aller war ein und dasselbe: der Felsentempel der Göttin Kali, in welchem der eine Teil ein schönes Weib mit goldenen Haaren, der andere Teil einen gebeugten, durch Verzweiflung und Entbehrungen zum Greis gealterten Mann zu finden hoffte.

Als Führer der Expedition galten Reihenfels, Hira Singh und Kiong Jang; doch Reihenfels hatte dabei noch ein ganz anderes Ziel im Auge. Er wollte einer schwarzlockigen Gestalt nachjagen und nicht eher ruhen, als bis er sie erreicht und sie von den Ketten befreit hatte, die ein grausames Schicksal um sie geschmiedet

*

Den Engländern ist nur sehr selten einmal Gelegenheit geboten, ihre militärischen Truppen im Paradeschmuck zu sehen. Offiziell findet eine Parade nur zum Geburtstage des Königs statt, sonst höchstens beim Besuch eines fremden Herrschers.

Kann der Engländer aber einmal ausnahmsweise die Truppen in Parade sehen, dann sucht er sich unter allen Umständen freizumachen, um dem uns gewohnten Schauspiele beizuwohnen. Ein Offizier in Paradeuniform ist in England eben eine Kuriosität.

So zählte die Volksmasse, welche um den großen Platz des Tower Spalier bildete, nach Hunderttausenden, alle Fenster waren mit unzähligen Köpfen besetzt, Männer wie Kinder erklommen die Laternenpfähle, und um die Ecksteine entstanden wahre Kämpfe.

Der Tower, zu deutsch >Turm< heißt die alte, mächtige Festung Londons, an der Themse liegend und diesen Strom beherrschend. Einst mit Kanonen bespickt und wirklich eine furchtbare Festung, dient der Tower jetzt nur noch als Aufbewahrungsort von Reliquien; man zeigt in ihm die alten königlichen Gemächer, und nur wenig Soldaten liegen darin. Aber der den Tower umgebende Platz wird noch immer zum Exerzieren und zum Abhalten von Paraden benutzt.

Auf diesem Platze standen heute alle die in London liegenden Bataillone und Schwadronen in vollem Paradeschmuck, zur Seite je eine Kapelle, die Offiziere in goldstrotzenden Uniformen auf herrlichen Rossen.

Den aufgestellten Truppen gegenüber erhob sich unter einem Baldachin ein rotsamtener Thron, und hinter diesem eine Tribüne, welche hauptsächlich mit Damen und Kindern besetzt war. Es waren dies die Gattinnen und Kinder der Offiziere, welche als Führer des heute nach Indien abreisenden Bataillons bestimmt waren. Die meisten Frauen begleiteten wie gewöhnlich ihre Männer, dauerte das Kommando doch drei Jahre. Selbst die Kinder wurden mitgenommen.

Den Thronsessel nahm Viktoria, die Königin von Großbritannien ein. Sie wohnte dem Abschiede der Söhne ihres Landes in eigener Person bei.

Die hohe, schöne Herrscherin hielt die Hand einer Dame. welche ihr zur Linken saß, und diese Dame war keine andere als Lady Carter. Die Königin gab ihr noch einmal einen Beweis ihrer Gunst, war sie doch der Gattin Sir Carters, auf dessen Namen unverdientermaßen Schmach um Schmach gehäuft worden, einen solchen schuldig.

Zur Rechten der Königin stand ein alter, weißhaariger Mann in der überreichen Uniform eines Generalfeldmarschalls. Dies war Havelock, welcher vor siebzehn Jahren als Oberster in das Leben der Lady Carter eingegriffen hatte. Er begab sich jedenfalls mit dem Transportschiff nach Indien, um den dortigen Oberbefehlshaber der gesamten indischen Truppen abzulösen.

Hinter diesen dreien befanden sich Damen und Herren des Hofes, der Königin am nächsten aber Clarence, des Generals Tochter, welche mit Kapitän Atkins verheiratet war, nebst ihren beiden Kindern.

Unter der Volksmenge entstand eine Bewegung, Kommandos erschollen, und die Parade nahm ihren Anfang. Unter schmetternden Märschen marschierten die Musikchöre vor, schwenkten rechts ab und stellten sich dem Thronsessel gegenüber auf. Dann defilierten die Truppen an der Königin vorüber, erst Kavallerie, Kürassiere, Dragoner und Husaren – zuletzt die verschiedenen Bataillone der Infanterie.

Es war ein wunderschöner Anblick, diese schmucken Krieger in der glänzenden Paradeuniform, die Offiziere, deren von Gold strotzenden Waffenröcke in der Sonne funkelten, und sie bewiesen alle, daß man auch ohne unnötig anstrengenden Exzerzierdienst einen guten Parademarsch liefern kann.

Dieser ist bei der englischen Armee anders als bei der deutschen. Er wird im Geschwindschritt ausgeführt, wie man überhaupt englische Truppen in geschlossenen Massen sich nur im Geschwindschritt bewegen sieht.

Die einzelnen Bataillone schwenkten gleich hinter dem Throne rechts und links ob und stellten sich auf, so eine Gasse bildend, welche vom Thron bis zum Eingang des Katharinen-Docks führte, in welchem das Transportschiff lag.

Als das letzte Bataillon placiert war, verstummten die Musikchöre plötzlich, die ganze unabsehbare Gasse entlang wurden die Gewehre präsentiert, die Offiziere, vom höchsten herab bis zum Fähnrich, neigten die Degen.

Statt des rauschenden Parademarsches erscholl plötzlich ein seltsames, quiekendes Pfeifen, vermischt mit wirbelnden Trommelschlägen; das Bataillon, welches nach Indien gehen sollte, und dem die ganze Feierlichkeit galt, kam vorbeimarschiert.

Die Königin erhob sich, und mit ihr alle anderen Zuschauer auf der Tribüne.

Was konnte man den armen Soldaten, welche zur Wahrung her Interessen des Vaterlandes nach den Kolonien zogen, Höheres bieten als solch ein Zeichen von Hochachtung? Wie mochte das Herz manches jungen Mannes schlagen, als er sah, wie seine Kameraden vor ihm präsentierten, wie die Offiziere, welche ihm sonst befahlen, den Degen vor ihm senkten, ja, wie selbst die Königin und ihr ganzes Gefolge vor ihm aufstand! Alle diese Ehrerbietung galt ihm, ihm sowohl, als dem geringsten der neu eingestellten Trommeljungen.

Wie seltsam stach dieses Bataillon gegen die vorigen ab. Es befand sich nicht in Parade, sondern trug die graue Tropenuniform, alles grau, vom Kopf bis zu den Gamaschen hinab.

kein Knopf funkelte, keine Helmspitze, nur die Waffen glänzten.

Im Geschwindschritt marschierten sie vorbei, voran die Trommeljungen, alles fast noch Kinder, welche ihrem Bataillon selbst zum Marsch aufspielten. Luftig ließen sie die quiekende Pfeife ertönen, munter rührte die Hand die Trommelschlägel, und zur Seite hing am langen Riemen das Hifthorn, welches auf Befehl des höchsten Offiziers die Schlachtsignale geben sollte.

Die Kinder, meist Waisen und Söhne von Soldaten, sahen so fröhlich drein, als ginge es nicht nach einem Lande, wo der Tod in tausenderlei Gestalt ihrer wartete, sondern zum heiteren Spiele, und ebenso stolz und fröhlich sahen die nachfolgenden Soldaten aus.

Die unter den grauen Tropenhelmen hervorblickenden Gesichter waren von der englischen Sonne nur wenig gebräunt worden. Wie aber mochten sie aussehen, wenn die Soldaten nach Ablauf dreier Jahre nach England zurückkehrten? Ob überhaupt einer von ihnen das Heimatland wiedersah? Die unendliche Reihe der Kameraden präsentierte zum Abschied. Diese wußten nicht, daß kurze Zeit darauf ein Wehgeschrei durch England schallen werde, ein Ruf nach Hilfe, der sie alle, alle nach Indien führte, und noch zahllose andere. Und wieviel kamen von ihnen zurück? Nur einige wenige, eine Handvoll, zum Tode erschöpft, allerdings als Helden.

Dort winkten die Frauen und Kinder ihren Gatten, Vätern und Brüdern zu; sie wußten nicht, was ihnen in Indien bevorstehen würde.

Hätte die Königin eine prophetische Gabe besessen! Sie ahnte nicht, welches Unglück ihrem Lande bevorstand, nicht, woher es kam, sonst hätte Sie nicht so liebevoll die Hand der Nachbarin zur Linken in der ihren gehalten.

Auch die Offiziere dieses Bataillons waren zu Fuß, aber die Sporen verrieten, daß sie eigentlich beritten waren. Sie erhalten ihre Pferde erst in Indien.

Der Kommandeur war Kapitän Atkins. Das Neigen seines Degens vor dem Throne galt weniger der Königin, als vielmehr seiner Gattin. Die Kinder jubelten dem Vater laut zu, sie begleiteten ihn nach Indien.

Jetzt grüßte Emily herzlich hinunter, denn Eugen kam vorbei. Er zog im Dienste Englands in seine Heimat. Wie blitzten seine schwarzen Augen im Jugendfrohsinn und Stolz, als er grüßend wiederholt den Degen neigte! Das Bataillon verschwand im Katharinen-Dock.

Diejenigen, welche es begleiteten, folgten ihm nach, während die Königin und ihr Gefolge an den Quai gingen, wo für sie eine Jacht bereitlag, auf welcher sie dem Transportschiff die Themse hinunter das Geleit geben wollten.

Im Dock fanden die letzten Abschiedsszenen zwischen den Soldaten und deren Eltern, Geschwistern und Verwandten statt. Auch Briefe, die letzten aus der Heimat, wurden verteilt.

»Jim Green, Jim Green!« rief eine Ordonnanz, einen Brief hochhaltend.

»Hier!« schrie unser Freund und drängte sich durch.

»Ein Brief von Muttern! Sie schickt noch ein Paket mit Hundertpfunden!« sagte die Ordonnanz und gab ihm einen dicken, großen Brief.

»Banknoten werden's nun freilich nicht sein,« lachte Jim; »aber gespannt bin ich doch wie ein Regenschirm, was da wohl drin sein mag!«

Die Aufschrift war von einer ganz ungelenken Hand geschrieben. Es sah fast so aus, als ob Krähen mit Tintenfüßen darüberhinspaziert wären, und die Adresse nur zufällig entstanden sei. Außerdem fühlte sich der Brief so weich und schwülstig an.

In der Nähe stand ein Trommeljunge, ein junges Kerlchen mit einem hübschen, mädchenhaften Gesicht, in dem eine kecke Stulpnase saß. Mit lachenden Augen betrachtete er den mißtrauischen Soldaten.

»Na, Tommy Atkins,« redete er Jim an, »bist wohl bange, den Brief aufzumachen? Hast wohl deine Braut heimlich verlassen?«

»Halt's Maul, dummer Junge!« schnauzte ihn Jim an. »Sonst ziehe ich dir die Haut von deinem Milchgesicht ab und spanne sie auf deine Trommel!«

»Da wären aber gleich von vornherein Löcher darin!« lachte der Bursche und ging.

Jim öffnete den Brief und – war vor Staunen sprachlos. Er hielt in der Hand eine Anzahl kurzer, dünner, schwarzer Haarzöpfchen, mit Papierwickeln durchflochten.

»Gott bewahre mich!« brachte er endlich hervor, »Wenn das nicht Nellys Zöpfe sind, so will ich noch heute freiwillig Spießruten laufen!«

Er steckte sie schnell in die Brusttasche, ehe sie von seinen Kameraden gesehen wurden, was ihm Spott vielleicht für seine ganze Dienstzeit eingebracht hätte.

»So ein verrücktes Ding!« murmelte er dann. »Etwas Tollheit lasse ich mir schon gefallen, aber das ist doch zu viel! Richtig, sie wollte ein Andenken von mir haben, ich gab ihr mein Taschenmesser und forderte auch von ihr ein Geschenk. Sie versprach, mir noch eins zu schicken, ehe ich abreise.«

Den jungen Soldaten überkam etwas wie Wehmut.

»Also die Zöpfe hat sie sich abgeschnitten, um mich zu beglücken!« fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort. »Das arme Kind, ich habe mich seit jenem Tage nicht mehr um sie gekümmert, und sie schien mich wirklich liebzuhaben! Aber das ist eben Soldatenliebe.

Na, ich werde ihre Zöpfe also als Andenken aufheben, und sollte ich einmal in den Besitz einer Uhr kommen, mir aus ihnen eine Uhrkette machen lassen.«

Die Soldaten mußten das Schiff besteigen, denn schon näherten sich die Damen und Kinder, die die Reise mitmachten.

Dann ertönten die Signale der Dampfpfeife, die Musik auf dem Quai setzte ein, und unter dem Jubel und Hurrarufen der Volksmenge nahm das Schiff seine Fahrt auf – nach Indien zu.

Von hinten näherte sich schnell eine kleine Dampfjacht, an deren Gaffel das königliche Banner wehte. An Bord befand sich Ihre Majestät, sie gab ihrem Bataillon, das für sie nach Indien ging, das Geleite.

Die beiden Schiffe waren schon lange verschwunden, die Hurrarufe verstummt, die Menge hatte sich schon längst verlaufen, als noch immer ein Mann auf dem Quai stand und in die Richtung blickte, wo die Schiffe seinen Augen verschwunden waren.

Er war kein Europäer, wenn auch nach der Mode gekleidet. Sein Gesicht war tief braun, die Nase gebogen, die Augen dunkel und blitzend. – Er war ein Indier.

Die Hände hatte er in die etwas zu langen Ärmel zurückgezogen – was alle Chinesen und Hindus mit Vorliebe tun, auch wenn sie europäische Kleidung tragen – und so konnte man nicht sehen, daß sie zu Fäusten geballt waren.

Lange stand der Indier so unbeweglich auf dem Quai.

»Fahret nur hin!« kam es dann zischend, wie in maßlosem Haß über seine schmalen Lippen. »Fahret nur hin, ihr stolzen Engländer! In Indien soll Euch eine andere Musik empfangen. Hundert Jahre nach der Schlacht bei Plassy - bald ist die Zeit erfüllt.«

Er wandte sich um und verlor sich in einer engen Dorfstraße.

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