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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 34
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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34. Der vergiftete Dolch

Die Wände haben Ohren, das heißt, Lauscher finden sich immer und überall, und ganz besonders in England, wo es von Zeitungsreportern wimmelt.

Keiner derjenigen, die der Erzählung des Chinesen beiwohnten, hatte geplaudert, und doch war alles in die Öffentlichkeit gelangt.

Auch Westerlys Ohr hatte die Erzählung erreicht, er hätte gar nicht so unter der Hand danach zu forschen brauchen, und fort und fort klangen in ihm die Worte wieder: Und der, der sie freit, ist der, welcher uns von der geheimen Order in Kenntnis gesetzt hat. Er ist der Hochverräter.

Damit war er, Westerly, gemeint, und seit dem Hören dieser Worte war es mit seiner Ruhe vorbei.

Des Gauklers Prophezeiungen hatten sich bis zu dem Zeitpunkte erfüllt, da dem Chinesen die Flucht gelungen war.

Kiong Jang war in Westerlys Augen ein Schurke. Jetzt hätte er schon Gatte der reichen Lady Carter sein können, all das Besitztum der kinderlosen Frau hätte schon ihm gehört. Aber da mußte dieser gelbhäutige Schuft im letzen Augenblicke kommen und alle seine Pläne zerstören.

Was mochte erst sein Los sein, wenn Kiong Jang den Weg nach dem Felsentempel zeigte, wenn Carter lebend gefunden wurde, und wenn dann, nachdem alles ans Tageslicht gekommen war, gegen ihn, Westerly, die Klage des Hochverrats erhoben wurde? Vorderhand war sein einziger Trost, daß noch niemand, selbst Kiong Jang nicht, wußte, wo der Felsentempel eigentlich lag. Jetzt herrschte am meisten noch der Unwille darüber in Westerly vor, daß aus der Heirat nichts geworden war. – – Westerly saß in dem zur ebenen Erde gelegenen Zimmer seines Häuschens in Greenwich, des letzten Besitzes, welches er aus einem wüsten Leben gerettet hatte.

Eine Tür ging nach dem Garten hinaus; man sah durch die Glasfenster Büsche und Bäume und hörte das Rauschen der Themse, welche, dicht an der Besitzung vorbeifloß.

In diesem Zimmer befand sich Westerly und las im Scheine der untergehenden Sonne einen Brief aus Indien, welchen ihm die Abendpost nebst einem Paket gebracht hatte.

Der Brief war von einem Freunde, mit dem Westerly einst als Sekretär zusammen in Indien stationiert gewesen war. Dieser Freund, in dem Glauben, daß Westerlys Hochzeit schon vor sich gegangen sei, gratulierte ihm herzlichst nachträglich und wünschte ihm und seiner Gemahlin Glück und Segen auf dem ferneren Lebenswege.

Mit einem Fluche sprang Westerly auf und durchmaß das kleine, für einen Junggesellen recht niedlich ausgestattete Zimmer.

»Hölle und Teufel,« knirschte er, »man könnte fast annehmen, daß diese Freunde und Bekannten im Auslande alle ihren Spott mit mir treiben! Diese Blamage für mich, diese Schadenfreude für andere, wenn sie erfahren, wie ich im letzten Augenblicke gleich einem nicht mehr gebrauchten Gegenstande zur Seite geworfen bin. Hölle und Teufel, ich fühle, wie mir beim Lesen eines jeden solchen Glückwunschbriefes die Schamröte ins Gesicht steigt!«

Mit geballten Fäusten ging er auf und ab und betrachtete mit bitteren Empfindungen die Einrichtung des Zimmers. Das Häuschen und ein kleines Vermögen war alles, was er noch besaß, es reichte kaum, seine Bedürfnisse zu befriedigen, so sehr er auch diese in letzter Zeit reduziert hatte. Als er die reiche Heirat für gewiß hielt, hatte er überdies Schulden gemacht.

Was nun? Sollte er die in Indien gesammelten Reliquien und Kunstschätze für einen Spottpreis veräußern, um seine ihn drängenden Gläubiger zu befriedigen? Nein, so weit war es noch nicht. Nur Ruhe, es kamen ihm schon Gedanken, auf welche Weise er sich über Wasser halten konnte! Er nahm wieder Platz und las den Brief weiter.

»Ich kenne deine Vorliebe für alte, ausländische Waffen,« schrieb der Freund, »du hast manchen Leichenhügel nach ihnen durchwühlt und mit manchem jüdischen Händler stundenlang gefeilscht, um in den Besitz einer Seltenheit zu kommen. So glaube ich dir denn eine Freude zu machen, wenn ich deiner Sammlung beifolgenden Dolch einverleibe, den ich nach vieler Mühe einem alten Indier abhandelte...«

»Hahaha,« lachte Westerly, »schickt mir der Narr als Hochzeitsgeschenk einen Dolch, eine alte, von Rost zerfressene Waffe. Oder sollte das vom Schicksal ein Fingerzeig sein, daß es für mich besser wäre, wenn ich die Klinge gegen mich erhöbe? Torheit, so weit ist es mit mir noch nicht! Nun, wollen einmal sehen, was für ein Monstrum mein alter Freund mir da schickt.«

Er öffnete das Paket, entfernte mehrere Papierschichten, mußte noch verschiedene Leinwand zerschneiden, bis ein schön gearbeiteter Kasten aus wohlriechendem Holze zum Vorschein kam. Beim Druck auf einen Knopf sprang der Deckel auf, und aus dem Kasten drang, von den Strahlen der Abendsonne erzeugt, ein wunderbares Feuergefunkel von Diamanten. Auf dem schwarzen Samtgrunde des länglichen Behälters lag ein gebogener Dolch in goldener Scheide, diese wie der Griff reich und in künstlerischer Form mit Edelsteinen besetzt.

Westerly war von Bewunderung ergriffen. Er nahm den Dolch und näherte sich dem Fenster, mit Kennerblick die Arbeit prüfend.

»Fürwahr, alter Freund,« murmelte er, »ich habe dir unrecht getan. Dieser Dolch wäre ein Hochzeitsgeschenk, dessen sich kein Fürst zu schämen brauchte. Ich hoffe, daß ich nicht einmal in die Lage komme, es veräußern zu müssen. Eine anständige Summe würde ich allerdings dafür erhalten, vielleicht ein Vermögen. Nun, alter Freund, ich danke dir zwar herzlich, aber deinen Großmut bewundere ich nicht besonders. Du bist eben ein Glückspilz; Fortuna hat ihre Gaben in unerschöpflicher Fülle in deinen Schoß geworfen.«

Westerly legte den Dolch vorläufig achtlos auf den Tisch und verglich sein eigenes Leben mit dem seines Freundes.

Dieser hatte wirklich sein Glück in Indien gemacht, wenn es unter Reichtum verstanden werden darf.

Er hatte die Tochter eines kleinen Nabob geheiratet, also eine Indierin mit einer ungeheuren Mitgift. Westerly entsann sich noch recht gut des Familiennamens dieses Mädchens, weil dessen Bruder erst vor einigen Jahren von der Königin von England im höchsten Grade ausgezeichnet worden war. Dieser Bruder, Dollamore, hatte eine Verschwörung gegen England entdeckt und sich nicht begnügt, dieselbe anzuzeigen, sondern sie selbst mit einigen rasch um sich gesammelten Treuen im Keime erstickt.

Überall, wohin Westerly blickte, sah er Reichtum, Glück und Ehre, er selbst hatte davorgestanden, da aber war ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht worden.

Lange, lange saß er so in trübe Gedanken versunken da und gedachte nicht mehr des wertvollen Dolches. Er bemerkte auch nicht, wie es immer finsterer wurde, bis in der Stube vollkommene Dunkelheit herrschte.

Da trat ohne Aufforderung Aleen ein, seit langen Jahren Westerlys indischer Diener, und brachte die brennende, von einem grünen Schirm verhüllte Lampe.

Aleen war ein Indier von etwa fünfzig Jahren mit kurzem, schwarzem Vollbarte, großer Nase und Augen, welche keinen Augenblick stillstanden, sondern scheu ununterbrochen umherwanderten.

Überhaupt trug Aleen ein sonderbares Wesen zur Schau. Er war gegen jeden kriecherisch höflich, aber dabei immer ängstlich, wenn er mit jemandem sprach; es war, als würde er von einer beständigen Angst verfolgt.

Seinem Herrn war er äußerst treu ergeben. Westerly hätte von ihm verlangen können, was er wollte, der Indier hätte es für ihn getan. Diese Zuneigung kam daher, daß Westerly ihn einmal aus einer Schlimmen Lage befreit hatte, als Aleen beinahe von seinen eigenen Landsleuten getötet worden wäre.

Er hatte einst zu Madras versehentlich einen heiligen Affen getötet und war von dem wütenden, fanatischen Pöbel verfolgt worden, als Westerly dazukam und in einem Anfalle von Großmut den dem Tode Geweihten in Schutz nahm. Durch Herbeirufen einer eben vorübermarschierenden Abteilung englischer Soldaten gelang es ihm, den Nachstürmenden Halt zu gebieten und den Strafwürdigen in Sicherheit zu bringen.

Aleen vergaß ihm dies nie; Westerly wußte, was er an ihm für einen Getreuen hatte und kümmerte sich nicht weiter um das seltsame, scheue Wesen des Dieners.

Als der Indier, bekleidet mit gelben Schnabelschuhen, weißen, engen Beinkleidern, langem, rotem Rock und mit einem mächtigen Turban von derselben Farbe, eintrat, erhob sich Westerly, um wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. In einer dunklen Ecke blieb er aber stehen und betrachtete überrascht das Gebaren seines Dieners.

Aleen wollte die Lampe auf den Tisch setzen, als er den Dolch erblickte; plötzlich fing seine Hand so an zu zittern, daß sie kaum noch die Lampe halten konnte.

Sein Benehmen war ganz verstört.

Er ging der Tür zu, drehte sich wieder um; das Auge starr auf den Dolch geheftet, näherte er sich dem Tische, ergriff die Lampe, hob sie auf, als wollte er sie hinaustragen, und setzte sie wieder hin.

Dann streckte er die Hand aus, um den Dolch, zu ergreifen, zog sie aber wie erschrocken zurück.

»Aleen, was hast du?« rief Westerly aus seiner Ecke hervor.

Der Indier schrak furchtbar zusammen. Wieder griff er nach der Lampe.

»Was ist denn mit der Lampe?« fragte Westerly.

»Sie raucht, Sahib,« stammelte der Indier.

»Unsinn, laß sie stehen! Belüge mich nicht, Aleen, der Dolch ist es, der dich so unruhig macht!«

Damit näherte er sich dem Diener.

»Der Dolch, Sahib? Welcher Dolch?« stotterte dieser.

»Verstelle dich nicht, dieser da! Was ist mit ihm?«

Des Indiers braunes Gesicht wurde aschfahl, seine Lippen waren blutleer, als er den Dolch aufnahm und ihn betrachtete. Die Hand, die ihn hielt, zitterte wie Espenlaub.

»Nun, was ist's mit ihm?«

»Sahib, das ist ein wertvoller Dolch..«

»Gewiß, die Diamanten sind kostbar. Kennst du aber den Dolch?«

»Ja, Sahib, ich kenne ihn! Es existieren in Indien nur zwei solche Dolche, beide gehören mächtigen Radschas. Sieh hier die milchweißen Opale, in Halbmonden zusammengestellt.

Dies ist einer der beiden Dolche.«

»So, das freut mich zu hören. Also ist er wegen seiner Seltenheit doppelt kostbar. Aber was sollte es wohl für eine Seltenheit sein? Man kann ihn ja nachmachen. Besonderes Alter verrät er eben nicht.«

Aleen zog den Stahl aus der Scheide, und sein Gesicht nahm dabei einen furchtbaren Ausdruck an. Es drückte zu gleicher Zeit Angst, Verzweiflung und eine wilde Unentschlossenheit aus. So hatte Westerly seinen Diener noch nicht gesehen. Als derselbe so, mit dem blanken, blauen Stahle, der mit eingeätzten Zeichen und Arabesken bedeckt war, vor ihm stand, begann er sich fast vor ihm zu fürchten.

Der Indier hob den Stahl hoch und deutete auf die nach, unten gerichtete Spitze.

»Siehst du den Tropfen an der Spitze hängen?« fragte er mit heiserer Stimme und rollenden Augen. Westerly konnte nichts sehen.

»Doch, diesen Tropfen, wie er in allen Farben schillert!«

»Ich sehe nichts.«

Aleen schwenkte den Dolch, als wolle er den Tropfen abspritzen.

»Es ist das Gift,« sagte er dann leise.

»Indische Dolche sind oft vergiftet.«

»Aber nicht so wie dieser. Nur zwei Dolche in ganz Indien gleichen ihm.«

Er stieß den Stahl in die Scheide zurück, zog ihn wieder heraus und deutete abermals auf die Spitze.

»Siehst du den Tropfen hängen?«

Westerly sah genauer hin. »Du täuschst dich, es ist keiner daran!«

»Es ist einer daran! Siehst du ihn denn nicht? Wie er glänzt, wie er schimmert, in allen Regenbogenfarben, wie das Gift der Cobra!«

Westerly wollte den Dolch nehmen, doch schnell zog Aleen die Hand zurück.

»Rühr ihn nicht an!« schrie er laut und in höchstem Entsetzen, daß Westerly erschrocken zurückprallte. »Rühr ihn nicht an! Das ist kein Gift, wie Menschen es herzustellen verstehen, das ist Gift, gebraut von den Feuergeistern, welche die giftigen Pflanzen treiben.«

»Ist das Gift so furchtbar?«

»Entsetzlich! Es ist kein Stich, nur eine Berührung nötig, und der Getroffene sinkt auf der Stelle tot nieder, ohne noch ein Wort, einen Schrei ausstoßen zu können. Ein leichtes Ritzen der Haut genügt schon, nicht einmal sichtbar.«

Er stieß den Stahl zurück, legte ihn auf den Tisch, machte gegen Westerly mit über dem Kopf gehaltenem Arm eine tiefe Verbeugung und schritt der Tür zu.

Im Rahmen derselben drehte er sich noch einmal um.

»Ein furchtbares Gift, Sahib,« murmelte er. »ein furchtbares Gift! Es tötet, wenn die Spitze nur die Haut ritzt, es tötet ohne Schmerz und ohne Schrei auf der Stelle! Ein entsetzliches Gift, Sahib!«

Kopfschüttelnd blickte Westerly ihm nach.

»Der Kerl ist manchmal nicht ganz richtig im Kopf, oder aber er hat ein sehr schlechtes Gewissen, vielleicht einen Mord auf der Seele, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er ihn mit diesem oder einem ähnlichen Dolche ausgeführt hätte.

Wie er beim Anblick desselben erschrak! Wie er erbleichte, zitterte, die Augen verdrehte, als er sich von mir beobachtet fand. Nun, meinetwegen mag er verbrochen haben was er will, wenn er mir nur treu ist und nicht plaudert.«

Er versenkte sich noch einmal in die Betrachtung der wertvollen Waffe, ging aber dabei sehr vorsichtig mit ihr um, denn er schenkte Aleens Worten Glauben. Die Indier verstehen es, ihre Waffen mit Giften zu imprägnieren. So oft Westerly aber auch den Stahl hervorzog, von einem Tropfen an der Spitze konnte er nie etwas entdecken.

Dann erging er sich in Schätzungen des Wertes der einzelnen Steine und brachte eine namhafte Summe zusammen.

Plötzlich strich ein leiser Luftzug durchs Zimmer. Erschrocken wendete Westerly den Kopf nach der Tür, die nach dem Garten führte; sie war geöffnet, und im Rahmen stand eine hohe Gestalt in schwarzem Mantel und breitkrempigem Hut, unter dem ein blasses, schwarzbärtiges Gesicht mit tiefliegenden Augen hervorsah.

Westerly behielt den Dolch in der Hand und stand auf.

»Haben Sie Ihren Weg verfehlt oder glaubten Sie, hier niemanden vorzufinden?«

Der Fremde benahm sich nicht verdächtig. Er nickte zum Zeichen, daß Westerly nichts von ihm zu fürchten habe.

»Wissen Sie, wer ich bin?« fragte eine sonore Stimme.

»Nein, geben Sie sich nicht zu erkennen! Ich bin kein Liebhaber von solch mystischen Besuchen.«

»Wenn Sie meinten, ich kam in dem Glauben hierher, niemanden vorzufinden, also recht gemütlich eine Haussuchung vorzunehmen, so hatten Sie meinen Charakter allerdings erkannt,« erklang es spöttisch; »denn ich werde die schwarze Maske genannt. Das schwarze Läppchen hat man mir freilich abgenommen.«

Vor Westerly stand also der überall steckbrieflich und von zahlreichen Polizisten verfolgte Räuber.

»Wie? Sie wagen, zu, mir zu kommen?« rief Westerly, sich empört oder erstaunt stellend, während es ihm eigentlich recht schwül zumute wurde. »Es ist meine Pflicht, Sie festzunehmen und dem Gericht auszuliefern!«

»Das werden Sie nicht tun!« entgegnete der Bandit ruhig und trat völlig in die Stube.

»Wissen Sie, wer ich bin?«

»Ein von der Polizei verfolgter Räuber!«

»Ja, und nebenbei der Bräutigam der Madame Dubois, welche Sie doch kennen.«

»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Entfernen Sie sich, oder ich schlage Lärm und lasse Sie festnehmen!«

»Wenn Ihnen so viel an meiner Festnahme gelegen wäre, so hätten Sie es ja schon längst tun können. Drohen Sie mir also nicht mehr mit solchen Redensarten, die haben bei mir gar keinen Zweck. Ich stelle mich Ihnen nochmals als Bräutigam der Madame Dubois vor.«

»Was gehen mich Ihre Verhältnisse an?«

»Sehr viel. Ich war nahe daran, der Schwager des Monsieur Francoeur zu werden. Kennen Sie vielleicht den Herrn?«

»Oberflächlich.«

»Was Sie sagen! Sehen Sie, ich stand mit Monsieur Francoeur in sehr, sehr intimem Verkehr, natürlich, ich wollte ja seine Schwester heiraten –« »Warum haben Sie es nicht getan?«

»Meine Braut ist mir durchgebrannt und hat ihren Bruder mitgenommen. Die mir übermittelte Mitgift ist wertlos geworden, weil sie in einer Anweisung bestand – Sie wissen ja, warum sie wertlos werden mußte.«

»Ich begreife nicht, warum Sie mir das alles erzählen! Es interessiert mich nicht. Ich nehme zwar Teilnahme an Ihnen, aber –« »Bitte, sparen Sie die Worte! Ich möchte die mir versprochene Mitgift von Ihnen holen, aber in bar!«

»Von mir?«

»Von Ihnen!«

»Sie Sind – –« »Wahnsinnig? Durchaus nicht! Wenn Sie nicht geneigt sind, mir durch Auszahlen einer größeren Summe, die ich nachher bestimmen werde, zur Flucht behilflich zu sein, so werde ich festgenommen, und dann kenne ich keine Rücksicht mehr. Ich werde alles erzählen, was ich durch Monsieur Francoeur und seine Schwester über Sie erfahren habe.«

Mit einem hörbaren Ächzen ließ sich Westerly auf den Stuhl fallen. Er sah sein Geheimnis abermals einem gewissenlosen Menschen, einem Verbrecher preisgegeben, der ihn vernichten konnte.

»Nun, sind Sie bereit, mich zu unterstützen?« fragte Lacoste.

Westerly sammelte sich. es gelang ihm, Gleichgültigkeit zu heucheln.

»Was hat denn Monsieur Francoeur von mir zu erzählen gehabt? Ich wüßte nichts Besonderes, wie ich überhaupt nur selten mit ihm verkehrt habe,« sagte er ruhig.

»Reden Sie doch nicht!« lachte Lacoste. »Die Heirat war zwar von Ihnen projektiert, Francoeur aber machte sie möglich, indem er Carter durch eine Schwindelei für tot erklären ließ. Habe ich recht?«

Westerly starrte den Sprecher mit gläsernen Augen an.

»Ferner hat mir Monsieur Francoeur erzählt,« fuhr dieser gelassen fort, »daß Sie nicht der Sohn des Lord Westerly sind, sondern nur ein Bastard von diesem und einer halbblütigen Indierin, und das Geheimnis, daß Sir Carter eine geheime Order bei sich trug, haben Sie ebenfalls –« »Schweigen Sie,« zischte Westerly, »oder reden Sie wenigstens nicht so laut!«

»Also Sie fühlen sich getroffen?«

»Sie sprechen furchtbare Anklagen aus.«

»Die ich beweisen kann! Ich kenne den Aufenthaltsort Ihrer werten Frau Mutter, die als ehrwürdige Greisin in Indien ein recht hübsches Bungalo bewohnt und eine kleine Rente genießt, ebenso eine gewisse Ayda, Frau im Harem eines indischen Großen –« »Hören Sie auf,« knirschte Westerly, »es ist genug! Was verlangen Sie von mir für Ihr Schweigen?«

Wie spielend hatte er den Dolch vom Tisch genommen und den Stahl aus der Scheide gezogen.

»Lassen Sie das Ding stecken,« sagte der Bandit kalt, »mit so etwas können Sie mir gar nicht imponieren. Ich bin, obgleich französischer Marquis, Räuber von Profession und gewohnt, mit Bewaffneten umzuspringen. Sie würden mir mit dem Ding da höchstens die Haut ritzen, dann würde der Dolch in Ihr eigenes Herz fahren.«

»Sie haben sich kürzlich nicht eben geschickt gezeigt.«

»Weil ich mich überrumpeln ließ? Mein Gott, das kann jedem einmal passieren. Ich war meinen Wächtern schnell genug wieder entschlüpft.«

»Nachdem Sie alles verraten hatten.«

»In der Not frißt der Teufel, Fliegen! Doch wir schweifen ab. Wollen Sie mir meine Verschwiegenheit abkaufen? Ich bin nicht teuer.«

»Und wenn ich es tue, wer bürgt mir dafür, daß Sie nicht morgen schon wieder kommen und eine neue Summe verlangen?«

»Der Grund, daß ich das nicht tue, ist sehr einleuchtend. Ich werde verfolgt, und zwar wie ein toller Hund. Sofort, wenn ich also Geld habe, verlasse ich England und werde mich hier niemals wieder sehen lassen. Ich will nur genügend Geld zur Flucht haben.«

»Wohin gehen Sie?«

»Nach Indien.«

»Warum?«

»Meine Braut ist dort, und ich kann nicht von ihr lassen, wenn sie mir auch durchgebrannt ist.«

Westerly wußte, daß dies nur Spott war. Lacoste hatte einen ganz anderen Grund, nach Indien zu gehen – er wollte sich wieder Francoeur anschließen.

»Warum unterstützte Francoeur Sie nicht?«

»Er hatte es mit seiner Abreise so eilig, daß er vergaß, mir bares Geld zu hinterlassen.«

»Nun gut, wieviel brauchen Sie?«

»So viel, um die Augen, welche mich beobachten könnten, mit Gold zu blenden, damit sie meine Flucht nicht sehen. Sie kennen das Sprichwort; wie gewonnen, so zerronnen. Ich habe mir ein anderes gebildet, und das heißt: wie erbeutet, so vergeudet, das heißt mit anderen Worten, ich habe von dem Ertrage meiner Beutezüge nichts, rein gar nichts ins Trockene gerettet, ich bin augenblicklich vollständig mittellos. Wenn man aber vor der Polizei, fliehen oder sich vor ihr verbergen will, so braucht man vor allen Dingen Geld. Da ich keins habe, führe ich ein Leben wie ein gehetzter Hund, nie und nirgends bin ich sicher, auch nicht hier bei Ihnen. Konstabler können mich über den Gartenzaun steigen gesehen haben und hier Suche nach mir halten ...«

»Dann machen Sie schnell, daß Sie fortkommen! Wieviel brauchen Sie?«

»Mit tausend Pfund ist mir geholfen.«

»Taufend Pfund?«

»Ja, nicht mehr.«

»Sie sind verrückt! So viel beträgt kaum noch mein Vermögen.«

»Dann geben Sie Ihr Vermögen her!«

»Einschließlich des Hauses.«

»Verkaufen Sie es!«

Westerly spielte mit dem Dolch und blickte starr vor sich hin. Keine Gesichtsmuskel zuckte, der Räuber ahnte nicht, was in Westerly vorging. Er glaubte, derselbe überlege sich, ob er die geforderte Summe schaffen könne.

»Sie lassen nicht mit sich handeln?« fragte der Bedrängte schließlich mit gepreßter Stimme.

»Nein! Tausend Pfund und nicht weniger! Dann haben Sie auch vor mir Ruhe.«

»Gut, ich will sehen, ob ich Sie befriedigen kann.«

»Natürlich gleich jetzt, wenigstens noch heute nacht. Die Zeit drängt.«

Westerly ergriff eine Glocke und klingelte.

»Wen rufen Sie?« fragte Lacoste rasch, den Hut in das Gesicht ziehend.

»Einen indischen Diener, treu wie Gold. Sie brauchen sich nicht vor ihm zu verbergen.«

Aleen trat ein. Mißtrauisch musterte ihn Lacoste, und ebenso scheu und unruhig wie gewöhnlich wanderten des Indiers Augen von seinem Herrn, mit dem er sprach, fortwährend zu dem Fremden hinüber, als habe er von diesem etwas Schlimmes zu erwarten.

»Hat Mister Neward heute seine Karte abgegeben?« fragte Westerly den Indier.

»Nein, Sahib.«

»Also er war nicht da. Es ist gut.«

Aleen ging wieder hinaus.

»Ich hatte heute meinen Rechtsanwalt zu mir bestellt,« wandte sich Westerly an Lacoste, »war jedoch den ganzen Tag nicht zu Hause. Er sollte mich über den Stand meiner Vermögensverhältnisse aufklären, mir mitteilen, was noch zu retten ist.«

Der Räuber wußte natürlich nicht, daß das Hereinrufen des Indiers nur eine diplomatische List gewesen war. Westerly war ja Diplomat und hätte es, wenn er seine Karriere nicht verlassen, darin infolge seiner Begabung weit bringen können.

»Was geht mich das alles an?« entgegnete Lacoste schroff. »Ich frage Sie: Sind sie gewillt, mir die verlangten tausend Pfund Sterling zu geben?«

.Ja.«

»Jetzt sofort?«

»Ich habe sie nicht, ich muß sie erst schaffen.«

»Was Ihnen ein leichtes sein wird.«

»Nicht so leicht, wie Sie denken.«

»Ich muß sie bis morgen haben. Sie sind noch immer ein wohlhabender Mann; wer einen mit Diamanten besetzten Dolch auf dem Tisch liegen hat und mit ihm spielt, für den bedeuten auch tausend Pfund nicht viel, und übrigens wird es Ihnen nicht schwerfallen, sollten Sie das Geld wirklich nicht haben, sich diese Summe irgendwo zu borgen.«

»Ich habe keinen Kredit mehr.«

»Mir gleichgültig, ich brauche das Geld. Wann soll ich es mit abholen und von wo?«

Nach einigem Überlegen entgegnete Westerly: »Seien Sie morgen abend um dieselbe Zeit wieder hier, ich werde Ihnen das Geld einhändigen. Ich hoffe aber, daß ich dann vor Ihnen Zeit meines Lebens Ruhe haben werde.«

»Dessen dürfen Sie vollkommen versichert sein, ich werde mich hüten, den englischen Boden noch einmal zu betreten, oder auch nur ein Lebenszeichen von mir nach hier zu geben.

Hüten Sie sich aber, mich noch länger hinhalten zu wollen. Habe ich das Geld morgen abend nicht, so komme ich nicht wieder, denn es ist mir nicht möglich, mich noch länger hier versteckt zu halten. Dann aber kenne, ich keine Rücksicht mehr, ich würde dafür sorgen, daß Sie entlarvt werben.«

»Genug der Worte! Ich werde zahlen und verlange dafür unbedingtes Schweigen. Doch ich muß noch bemerken, daß ich auf keinen Fall durch Ihr Kommen kompromittiert werden darf.«

»Ohne Sorge, man soll mich nicht zu Ihnen gehen sehen, ich komme bei Nacht und vorsichtig.«

Lacoste entfernte sich ohne Abschiedsgruß durch die Gartentür. Westerly sah ihn wie einen Schatten zwischen den Büschen verschwinden. Dann blitzten seine Augen in unheimlichem Feuer auf, ein Entschluß schien in ihm zu entstehen, welcher der Abficht des Räubers entgegen ging.

Der Plan, den Westerly spann, während er, den Kopf in beide Hände gestützt, am Tische saß, war ein furchtbarer.

Er entwickelte dabei eine Kombinationsgabe, die einer besseren Sache wert gewesen wäre.

Das rote Licht der Lampe begoß sein schönes, scharf markiertes Gesicht und die hohe Stirn mit blutigem Schein, und blutige Gedanken waren es auch, die in seinem Gehirn wühlten oder vielmehr nicht wühlten, sondern sich in klarer Aufeinanderfolge ordneten, bis sie sich zu einem großen Ganzen gebildet hatten.

Westerly lieferte hier den Beweis, daß er zum Diplomaten geboren war, der mit gegebenen Größen rechnen und die Verhältnisse seinem Willen dienstbar machen kann.

Dann ließ seine Hand die Tischglocke ertönen, sie rief Aleen herein.

Westerly wendete sich ihm zu, schlug die Beine übereinander, stützte sich auf die Stuhllehne und schaute den Indier mit durchdringenden Blicken an.

Dieser stand in unterwürfiger Haltung vor seinem Herrn, ohne ihn anzuschauen, er fühlte aber dessen Blicke, und als die durchbohrenden Augen minutenlang auf ihm ruhten, konnte er seine Unruhe kaum mehr bemeistern; er wußte nicht, was er tun sollte. Seine Finger zuckten nervös, und seine Augen wanderten durchs ganze Zimmer, nur denen Westerlys immer ausweichend.

»Sahib?« brach er endlich das Schweigen.

Seine Stimme klang, als stäke ihm etwas im Halse.

»Aleen,« begann Westerly, »kanntest du den Herrn, welcher mich eben verlassen hat?«

Wie erschrocken schaute der Indier auf, doch er senkte die Augen schnell wieder.

»Er kommt aus Indien,« sagte Westerly, als er keine Antwort erhielt.

»Es sind viele Engländer in Indien.«

»Du kanntest ihn wirklich nicht?«

»Nein, Sahib.«

»Er aber kannte dich, Aleen.«

»Das ist nicht wahr!« fuhr der Indier auf, und sein Gesicht drückte dabei fast Entsetzen aus.

»Doch, er kannte dich von Indien her.«

»Nicht möglich, Sahib!«

»Es ist so. Er ist dir in Indien begegnet und heute zum ersten Male wieder hier. Er hat dich sofort wiedererkannt. Warum sollte das überhaupt nicht möglich sein?«

»O–ich–ich dachte nur so, Sahib,« stammelte Aleen, dessen Verwirrung wuchs.

Eine lange Pause folgte; fest ruhten Westerlys Augen inzwischen auf dem Indier.

»Aleen,« begann ersterer dann wieder, »du bist mir nun seit zwanzig Jahren ein treuer Diener gewesen.«

»Du findest keinen treueren Menschen, Sahib,« murmelte der Indier, sich verbeugend.

»Und ich war immer sehr zufrieden mit dir.«

»Du wirst es stets sein.«

»Warum aber hast du Geheimnisse vor mir?«

»Ich habe keine. Mein Herz liegt wie ein Spiegel vor dir.«

»Du lügst!«

»Sahib!«

»Jener Herr hat mir von dir und deiner Vergangenheit erzählt.«

Der Indier zuckte zusammen.

»Was sollte er von mir zu erzählen haben?« murmelte er dumpf.

»Sprich, Aleen, was hast du früher begangen?«

»Ich – Sahib – ich? Nichts – nichts – ich weiß von nichts – ich bin – bin ...«

Aleen wurde von einem furchtbaren Schrecken befallen, er konnte kaum noch sprechen.

»Ja, was hast du begangen?« fragte Westerly streng. »Der Herr, ein Freund von mir, hat Andeutungen über dich gemacht, er warnte mich vor dir. Offen wollte er nicht sprechen, es wäre zu fürchterlich, was du begangen hättest. Er fragte mich zuerst, wie ich zu diesem Dolche hier käme, und als du eintratest, erkannte er dich; er sagte, du ständest zu diesem Dolche in einem Verhältnis, du hättest mit ihm eine ungeheuerliche Tat ausgeführt. Was hast du getan? Sprich, ich muß es wissen, oder du kannst nicht länger mein Diener sein!«

»Nichts, Sahib!« hauchte der Indier, dessen Aussehen dem eines Toten glich.

»Also du willst es mir nicht gestehen? Nun, morgen abend kommt der Herr wieder, er will den Dolch kaufen, und da wird er mir wohl sagen, was er von dir weiß. Eher gebe ich den kostbaren Dolch nicht aus den Händen, den er durchaus besitzen will,« Der Indier war vollständig geknickt, er zitterte wie Espenlaub.

»Morgen – morgen – abend – kommt er – wieder?« stammelte er endlich.

»Morgen abend, ja, und in deiner Gegenwart soll er mir von deiner Vergangenheit erzählen. Geh jetzt und überlege dir, ob du gestehen willst. Erst aber lege den Dolch in das Kästchen und setze es dort auf den Schrank!«

Der Indier tat, wie ihm geheißen, und entfernte sich dann mit schleppenden Schritten. Er ahnte nicht, daß Westerly sein Gesicht in einem Wandspiegel beobachtete.

Westerly sah schreckliche, von einer wilden Leidenschaft entstellte Züge.

»Ich werde mich nicht getäuscht haben,« murmelte er, als er allein war, »Aleen wird so handeln, wie ich vermute; der Stachel hat gesessen. Und ist es nicht, nun dann muß ich mir anders helfen.«

Am anderen Tage traf Westerly nicht die geringste Vorbereitung, sich taufend Pfund Sterling zu verschaffen, obgleich ihm dies möglich gewesen wäre. Westerly war der zweite Sohn eines Lords oder galt doch allgemein als solcher. Nach dem Tode seines Vaters hatte er eine ganz bedeutende Erbschaft empfangen, diese aber durch Spiel und allerlei andere kostspielige Vergnügungen bis auf ein Minimum reduziert.

In England ist es nun einmal Sitte, daß der erste Sohn, und ganz besonders beim Landadel, bei der Erbschaft den Löwenanteil, bestehend in barem Vermögen und Grundbesitz, erhält, während die anderen Kinder mit geringeren Geldsummen abgespeist werden.

So war auch der jetzige Lord Westerly, der Bruder unseres Westerly, ein sehr reicher Mann, der sein Vermögen überdies noch zu vermehren wußte. Da er Familie besaß, so durfte Westerly nicht hoffen, dereinst den älteren Bruder zu beerben, und da zahlreiche männliche Sprößlinge da waren, so war nun gleich gar keine Aussicht vorhanden, daß er etwa noch dereinst die erbliche Lordwürde erhalten könnte.

Zu diesem Zwecke mußte die ganze Familie des Bruders von der Erde verschwinden.

Mit solchen Illusionen gab sich Edgar Westerly also nicht ab. Seine Hoffnung bestand darin, durch eine reiche Heirat seine derangierten Verhältnisse wieder in Ordnung zu bringen.

Zum Glück waren dieselben noch nicht so bekannt, daß man ihm den Kredit verweigert hätte.

Er hätte also die tausend Pfund auftreiben können, aber er tat es nicht.

Ebensowenig erwähnte er dem Indier gegenüber wieder das Thema von gestern abend, er schien es vergessen zu haben, aber er sah, welche Angst und finstere Entschlossenheit zugleich aus jeder Bewegung und jeder Miene Aleens sprach.

Am Abend saß er, von Schriftstücken umgeben, wieder in dem erwähnten Zimmer und schrieb. Mit einer absichtlichen Bewegung warf er das neben ihm stehende Wasserglas vom Tische, rief Aleen herein und trug ihm auf, aufzutrocknen.

Dadurch bekam er Zeit, mit dem Indier zu sprechen, ohne anscheinend eigentlich eine Unterhaltung gewünscht zu haben.

»Nun, Aleen,« begann er, während dieser am Boden hantierte, »hast du dir überlegt, was der Herr, welcher um 10 Uhr kommt, von dir erzählen wird?«

Ein scheuer Blick traf den Frager von dem knienden Indier.

»Ich weiß nichts, Sahib.«

»Ich bin begierig darauf, es zu hören; etwas Gutes ist es sicherlich nicht. Übrigens wäre es mir zehnmal, nein, hundert- tausendmal lieber, dieser Freund käme nicht zu mir. Ich würde sonst etwas darum geben.«

Die Indier kennen eigentlich nicht die Angewohnheit anderer Diener, welche mit ihren Herren, sobald diese plauderhaft angelegt sind, ein Gespräch anfangen, auch neugierige Fragen stellen, diesmal aber vergaß sich Aleen.

Er hob den Kopf, seine Augen glänzten.

»Haßt du ihn, Sahib?« fragte er gedämpft.

»Hassen eben nicht, aber er ist mir eine unangenehme Person,« entgegnete Westerly bereitwilligst; »ich wünschte nichts sehnlicher, als daß ich einmal, womöglich recht bald, seinen Tod erführe.«

»Du möchtest, er wäre tot?«

»Trauern würde ich um ihn jedenfalls nicht.«

»Er hat dir ein Unrecht zugefügt?«

»Ein Unrecht? Unsinn. Ich Schulde ihm Geld, und das will er sich heute abend holen; aber ich habe es nicht. Doch sei jetzt ruhig, ich muß schreiben.«

Des Indiers Neugier war indes noch nicht befriedigt; nach wiederholtem Räuspern gelang es ihm, die Aufmerksamkeit seines Herrn nochmals auf sich zu lenken.

»Nun, was gibt's?«

»Dein Freund will den Dolch kaufen?«

»Nicht kaufen, ich muß ihn ihm als Pfand geben. Störe mich nicht mehr!«

Aleen ging hinaus, verfolgt von einem teuflischen Blicke Westerlys.

Es war ein ungastliches Wetter. Vom Westen her kam über den atlantischen Ozean ein Sturm gebraust, der in Amerika gewütet hatte, und nachdem er sich an den Wellen des Meeres ausgetobt, nun seine letzte Kraft in England zeigte.

Die Bäume des Gartens beugten sich wie Strohhalme; Blätter und ganze Zweige sausten durch die Luft und flogen prasselnd gegen die Fensterscheiben.

In nervöser Unruhe saß Westerly vor dem von rotem Lichte übergossenen Schreibtisch und gab sich Mühe, beschäftigt zu erscheinen; aber die Feder schrieb nicht, die Augen vermochten die Buchstaben nicht zu unterscheiden. Seine Gedanken waren ganz wo anders.

Jetzt hob die, Uhr zum Schlage aus, die zehnte Stunde zu verkünden. In diesem Augenblicke fuhr wie gestern abend um dieselbe Stunde ein Luftzug durchs Zimmer, aber ein viel stärkerer. Die Lampe flackerte hoch auf und drohte zu verlöschen, und schon stand vor der schnell wieder geschlossenen Tür die vom schwarzen Mantel verhüllte Gestalt des Räubers.

Er sah noch bleicher aus als gestern. Seine Augen glänzten wie die des verfolgten Raubtieres.

»Haben Sie das Geld?« fragte er ohne weitere Einleitung schnell und leise.

Westerly erhob sich.

»Ich habe es. Sind Sie gesehen worden, als Sie zu mir kamen?«

»Nein.«

»Sie werden nicht verfolgt?«

»Noch nicht. Doch morgen soll nach mir eine Treibjagd abgehalten werden, der ich nicht entgehen kann, wenn ich nicht heute noch fliehe. Das Geld, das Geld!«

»Einen Augenblick. Setzen Sie sich!«

»Sie haben es nicht hier?«

»Nein, mein Geldschrank befindet sich oben im Schlafzimmer. Dieses Zimmer liegt zu frei.«

»Schon gut, ich warte. Nur machen Sie schnell!«

»Setzen Sie sich. Hier, das wird Sie interessieren.«

Er schob ihm ein beschriebenes Blatt hin und ging hinaus.

Lacoste griff nicht erst nach dem Blatt, seine scharfen Augen aber überflogen es; es mußte ihn interessieren, er nahm es, las und vertiefte sich so in die Lektüre, daß er auf dem Stuhle Platz nahm, ohne davon zu wissen.

Westerly hatte alles notiert, was von der Erzählung des Chinesen in die Öffentlichkeit gelangt war. Auch die Namen Francoeur, Dubois, Bega und so weiter, kamen in dem Berichte vor, und der Räuber interessierte sich natürlich dafür höchlichst. Da er jeden Umgang meiden mußte, um nicht entdeckt zu werden, hatte er nur wenig von dem jetzigen Tagesgespräch gehört. Hier erhielt er eine vollkommene Übersicht.

Westerly aber hatte sich nicht in sein Schlafzimmer begeben, er besaß ja gar nicht die taufend Pfund. Er stieg nur die Hälfte der Treppe hinauf und blieb an einem kleinen Fenster stehen, spähte durch die Vorhänge und konnte so in das untenliegende Zimmer sehen, in welchem Lacoste saß und las.

Kaum hatte er eine halbe Minute so dagestanden, als er Zeuge eines unheimlichen Vorganges wurde, der für jeden anderen rätselhaft gewesen wäre, doch für den Lauscher nicht.

Lacoste saß da, den rechten Arm auf den Tisch gestützt, den Kopf in der hohlen Hand, den linken Arm herabhängend, und las das vor ihm auf dem Tische liegende Schreiben.

Er war darin so vertieft, daß er nicht bemerkte, wie hinter ihm im Rücken die Seitentür aufging und der Indier eintrat.

Aleen bewegte sich zwar anfangs ganz harmlos, allerdings äußerst leise und vorsichtig, aber kaum wußte er, daß ihn der Lesende nicht bemerkt hatte, als sich sein Gesichtsausdruck, sein ganzes Benehmen furchtbar änderte.

Seine Augen, starr auf den Lesenden geheftet, begannen plötzlich wie glühende Kohlen zu funkeln. Er nahm die Bewegungen einer Katze an, und so schlich er auf den Fußspitzen, ohne den Lesenden aus den Augen zu lassen, dem Schränkchen zu, auf welchem der Kasten mit dem Dolch stand.

Er öffnete ersteren, entnahm ihm die Waffe und entblößte den Stahl. Dann schlich er, den Körper weit vorgebeugt, den Dolch in der erhobenen Hand, von hinten auf Lacoste zu.

Nicht das geringste Geräusch verriet ihn, selbst für die scharfen Ohren des Räubers herrschte die tiefste Stille im Zimmer. Nur draußen heulte der Sturm.

Jetzt hatte Aleen den Lesenden erreicht. Der Dolch war zum Stoße erhoben, aber nur langsam senkte sich der blanke Stahl herab.

Die Spitze berührte den Hals des Lesenden; für den beobachtenden Westerly kaum merklich.

Lacoste hob die linke, herabhängende Hand, als wolle er vom Halse eine Fliege verscheuchen, aber mitten in der Bewegung sank die Hand wieder schlaff herab, der Oberkörper brach etwas zusammen, und der Kopf legte sich schwer auf die Hand.

Ein teuflisches Lächeln verzerrte die Züge des Indiers. Schneller, als man erzählen kann, hatte er den Dolch wieder im Kasten geborgen und das Zimmer verlassen, ohne noch einmal einen Blick nach Lacoste geworfen zu haben.

Dies alles hatte kaum eine Minute gedauert; für Westerly schien es eine Ewigkeit gewesen zu sein.

Sein Gesicht war bleich; er hatte die Lippen zusammengekniffen und hielt sich an dem Fenstersims fest, als müsse er ohne diese Stütze zusammenbrechen.

Dann stieg er gemächlich die Treppe hinunter und betrat das Zimmer. Ohne weiteres ging er auf Lacoste zu, betrachtete ihn aufmerksam und ergriff dann nach Überwindung einiger Scheu die herabhängende Hand.

»Tot!« murmelten dann seine bleichen Lippen. »Aleen hatte mich nicht belogen; das Gift des Dolches ist entsetzlich. Wohlan, Aleen ist der Mörder, nicht ich!«

Er klingelte; der Indier kam. Westerly empfing ihn, der ein ganz harmloses Gesicht zeigte, mit unheilverkündender Miene.

Stumm deutete er auf Lacoste, der dasaß, als ob er noch lebe und lese.

»Sahib?« fragte Aleen unschuldig, und jetzt konnte er auch den Blick seines Herrn ruhig ertragen, zum ersten Male während seiner Dienstzeit.

»Lacoste ist tot!«

»Tot!« schrie Aleen und taumelte zurück. Er verstellte sich meisterhaft.

Gleichzeitig ging Westerly nach dem Schränkten, nahm den Dolch und zog den Stahl aus der Scheide.

»Ja, tot,« sagte er, »und der ihn ermordet hat, bist du, Aleen!«

»Ich?«

Aber mit seiner Verstellungskunst war es nun doch vorbei. Ein Zittern befiel ihn, und sein letzter, unsicherer Ausruf war nur eine Bestätigung zu des Anklägers Behauptung. Seine Augen quollen fast aus den Hohlen, als er seinen Herrn mit dem vergifteten Dolche in der Hand vor sich stehen sah. Er schien sich auf ihn stürzen zu wollen, doch sein Gegner besaß eine furchtbare Waffe. Er blieb stehen, vor Schrecken wie gelähmt.

»Du hast ihn ermordet!« wiederholte Westerly voll Nachdruck! »Du hast ihn mit diesem Dolch in den Nacken gestochen. So klein die Wunde ist, man kann sie doch bemerken.«

»Sahib, ich weiß nicht ...« stammelte der Indier.

»Leugne nicht, es nützt dir nichts! Ich stand dort am Fenster,« Westerly deutete nach der Stelle, »und wurde zufällig Zeuge deiner Untat. Warum hast du das getan, Aleen?«

»Du wolltest es, Sahib!« entgegnete der Indier unsicher.

»Ich?« fuhr Westerly auf. »Du träumst wohl!«

»Es wäre dir lieb, wenn er tot sei, sagtest du vorhin.«

»Habe ich dir geheißen, ihn zu töten?«

»Nein.«

»Aber du wolltest seinen Tod, weil er ein Geheimnis, wahrscheinlich ein furchtbares Verbrechen von dir weiß, und weil du fürchtetest, er könnte es mir verraten; darum hast du ihn getötet. Aleen du bist zum Mörder geworden.

Ich muß dich der Polizei ausliefern.«

Der Indier richtete sich aus seiner gebeugten Stellung auf.

»Du hast den vergifteten Dolch, Sahib,« sagte er fest.

»Stoße ihn mir ins Herz oder ritze mir nur die Haut, denn ich will sterben. Was ich getan habe, bereue ich nicht; ich mußte diesen Mann töten!«

»Kanntest du ihn?«

»Nein.«

»Also habe ich das Richtige getroffen? Du fürchtetest, er könnte dich verraten?«

»Ja, Sahib.«

»Was für ein Geheimnis wußte er?«

»Keine Gewalt der Erde wird es mir entreißen. Töte mich, Sahib! Ich fürchte den Tod nicht!«

Westerly steckte den Stahl in die Scheide, behielt den Dolch aber zur Vorsicht in der Hand.

»Du kennst diesen Mann also nicht?« fragte er nach einigem Überlegen.

»Er ist mir ganz fremd. Töte mich, ehe du mich dem Gericht auslieferst, denn dann werde ich gehängt.«

»Da hast du allerdings recht, aber ich will deinen Tod nicht. Höre mich an, Aleen! Was du vorhin sagtest, war eine wahnsinnige Vermutung, die dir niemand glauben würde. Du weißt, wer ich bin, und was du bist. Ich haßte diesen Mann nicht, er war mir nur eine unangenehme Person, weil ich ihm Geld schuldete. Aber mich an seinem Leben zu vergreifen oder auch nur an so etwas zu denken, wäre mir nie eingefallen. Oder denkst du, ich sei ein Mörder und Verbrecher, der ein Menschenleben, welches ihm im Wege ist, einfach vernichtet?«

»Nein, Sahib!« entgegnete der Indier zerknirscht, der sich diesem vornehmen Engländer gegenüber stets wie ein ganz untergeordnetes Geschöpf vorkam.

»Aber du warst mir immer ein treuer Diener,« fuhr der schlaue Westerly fort, »und ich will dich um keinen Preis verlieren, denn Treue ist heutzutage nicht mehr für alles Geld der Erde zu erhandeln. Dieser Mensch war für mich gar nichts, du bist mir sehr viel, Aleen. Ich liefere dich nicht der Polizei aus, obgleich ich es eigentlich müßte; ich will dich bei mir behalten.

Laß jetzt den Toten verschwinden und sprich nicht mehr über ihn!«

Es dauerte lange, ehe der arme, unwissende Kuli die Worte seines Herrn begriffen hatte.

Dann aber glaubte er wirklich, er wäre Westerly lieber als andere; nur um ihn nicht zu verlieren, zeige sein Herr ihn nicht an.

Die Engländer verstehen es ja, das Volk, über welches sie herrschen wollen, in Dummheit und Verblendung zu lassen, und Westerly war nicht umsonst in die Schule der Kolonial-Politik gegangen.

»Wie, du verzeihst mir wirklich?« rief Aleen mit verklärtem Gesicht.

»Es fällt mir zwar sehr schwer, meine Pflicht so zu verletzen, doch ich habe dich lieb. Wer ist im Hause noch wach?«

»Niemand mehr, Sahib.«

»Sie schlafen alle?«

»Alle, Sahib.«

»Bringe diesen Mann fort!«

»Wohin?«

Westerly öffnete die Gartentür und deutete nach der Richtung, wo die Themse floß.

»Dorthin!«

»So, wie er ist?«

»Ja. fort mit ihm!«

Noch einmal zögerte der Indier.

»Und wenn man seine Leiche findet?«

»Sie kann gefunden werden. Fürchte dich nicht, ich verrate nichts und würde dafür sorgen, daß kein Verdacht der Täterschaft auf dich fällt.«

»Ich weiß, o, Sahib, du bist der Sohn eines mächtigen Lords, der in deinem Lande zu befehlen hatte, wie du noch jetzt darin zu befehlen hast,« sagte der Indier, trat zu dem Toten und nahm ihn auf seine sehnigen, kräftigen Arme.

Westerly sah, wie der Mörder mit seiner Last im Dunkel des Gartens verschwand – er hatte sich nicht verspekuliert, sondern seinen Zweck erreicht.

Bald kehrte Aleen zurück; sein Gesicht zeigte eine aschgraue Farbe, er bebte am ganzen Leibe.

»Von jetzt an sprichst du nie mehr über das, was heute vorgefallen ist,« flüsterte Westerly ihm zu. »Ich schweige und verzeihe dir, damit genug!«

Plötzlich stürzte Aleen zu den Füßen seines Herrn nieder und ergriff und küßte dessen Hand.

»O, Sahib!« schluchzte er. »Du rettest mich zum zweiten Male! Womit habe ich armseliger Kuli deine Gnade verdient? Wie soll ich dir danken?«

»Indem du mir treu bist.«

»Verlange von mir, was du willst, verlange das Unmöglichste, und ich will es ohne Zögern tun. Mein Leben gehört nicht mehr mir, es gehört dir!«

»Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, da du deine Dankbarkeit beweisen kannst. Jetzt verlasse mich, benimm dich wie gewöhnlich, daß du keinen Argwohn erregst.«

Aleen entfernte sich, gefolgt von Westerlys im Triumph strahlenden Augen.

»Das nennt man: zwei Fliegen mit einem Schlage treffen!« murmelte er. »Der, welcher mich vernichten konnte, ist tot, und Aleen ist sein Mörder. Ich habe ihn jetzt in meiner Tasche; er muß nach meiner Pfeife tanzen. Selbst wenn ich seiner Dankbarkeit nicht so versichert wäre, ich könnte doch von ihm das Unmöglichste verlangen, denn ich weiß, daß er ein Mörder ist, und ich werde es ihm manchmal vorhalten, damit er es nicht vergißt.«

Er nahm den Dolch und steckte ihn in die Tasche.

»Und dich, der du mich aus dieser Not befreit hast, dich will ich wie ein Kleinod aufbewahren. Ich denke, ich werde dich noch manchmal gebrauchen – durch die Hand Aleens. Noch leben einige, die mir hinderlich sind; sie werden alle durch dich fallen, bis ich freie Bahn habe.«

Dann nahm er die Lampe vom Tisch und leuchtete im Zimmer umher, aber er bemerkte nichts, was die Anwesenheit des Räubers verraten hätte.

Befriedigt legte er sich zu Bett, doch es dauerte lange, ehe er Schlaf fand, denn ein überirdischer Finger pochte vernehmlich und wie drohend an sein Gewissen.

Durch Vorgaukeln angenehmer Bilder suchte er derartige Vorwürfe des Gewissens zu verwischen, was ihm schließlich auch gelang. Der Schläfer hatte anfangs einen recht angenehmen Traum, der aber zuletzt eine schlechte Wendung nahm.

Im Traum hat man sonderbare Einfälle, und doch kommt einem alles ganz natürlich vor, so unglaublich und töricht es auch nach dem Erwachen erscheint So träumte Westerly, vor ihm erhebe sich ein riesengroßer, pyramidenähnlicher Bau, dessen oberste Spitze er zu erklimmen suchte. Jede Stufe brachte ihm neue Überraschungen, und je höher er stieg, desto schöner wurden diese.

Auf der untersten Stufe glaubte er sich plötzlich nach dem Besitztum seines Vaters versetzt. Er stand im Schlosse von Leicaster, sein Auge überflog blühende Felder und Triften und ausgebreitete Wälder; aber er befand sich nicht als Gast seines Bruders hier, sondern die sich verbeugenden Diener nannten ihn, Edgar Westerly, den Lord von Leicaster, ihm gehörte das Schloß und alles, so weit er sehen konnte.

Dann erklomm Westerly im Traum die zweite Stufe der Pyramide.

Eine jauchzende Volksmenge empfing ihn; brausende Militärmusik ertönte ihm zu Ehren, auf den Befehl hoher Offiziere präsentierten die Regimenter das Gewehr vor ihm.

Dann kamen ihm schöne Frauen und Mädchen entgegen, sie schmückten seine Stirn mit Lorbeeren und beugten sich vor ihm, sie lagen zu seinen Füßen und, flehten um seine Gunst.

Er nahm die schönste und am reichsten gekleidete, und während die übrigen mit neidischen Augen auf die von ihm Erwählte blickten, führte er sie vor den Altar, Kurz, Westerly machte im Traum ein ganzes Leben durch, welches mit Reichtum, Ehre und Glück überfüllt war.

Endlich erklomm er die letzte Stufe der riesigen Pyramide, er erreichte ihr Plateau.

Auf diesem stand ein Indier im prächtigen Schmuck der Maharadschas, demütig gebeugt und in der Hand eine von Juwelen funkelnde Krone. Er streckte sie dem ankommenden Westerly entgegen.

»Heil dem Lord von Leicaster, Heil dem König von Indien!« hörte der Träumende eine Menge von Hunderttausenden jubeln, und klirrend wurden Waffen zusammengeschlagen.

Schon wollte Westerly die Krone ergreifen, als neue Gestalten auftauchten.

Neben dem Indier erschien die Gestalt eines alten grauhaarigen Mannes, gebeugt und zusammengeschrumpft. Drohend streckte er die Hand gegen Westerly aus und rief mit starker Stimme: »Das ist der Hochverräter, für den ich siebzehn Jahre im Felsentempel geschmachtet habe!«

Doch Westerly erschrak nicht ob der Anschuldigung.

»Ich?« hohnlachte er. »Wer könnte das wohl beweisen, du Narr?«

»Ich!« entgegnete eine andere Stimme, und neben dem grauhaarigen Manne tauchte ein Weib auf, mager, elend, das Gesicht von Leidenschaften entstellt, nur in Lumpen gehüllt.

»Ich kann es beweisen, denn mir hast du das Geheimnis verraten. Kannst du es leugnen? Hier ist das Medaillon, welches ich dir nahm.«

Wieder erschien eine neue Person, abermals ein Weib, schön, aber mit traurigem und drohendem Gesicht zugleich.

»Wo ist Alfons de Lacoste?« fragte sie.

»Was weiß ich, wo der Räuber geblieben ist?« lachte Westerly im Traum.

»Du, du sollst ihn getötet haben!«

»Torheit, ich habe es nicht getan!«

»Wer sonst?«

»Aleen, mein Diener,« gestand Westerly offen, die Wahrheit nicht verbergend.

Plötzlich stand der Indier vor ihm.

»Nein, dieser, dieser hat es getan,« schrie er, »ich war nur sein Werkzeug! Er hat mich aufgefordert, Alfons de Lacoste zu töten.«

»Hast du meinen Geliebten gemordet, so morde ich dich!« rief das schöne Weib und faßte Westerly mit starken Armen.

Vergebens suchte er sich zu wehren; wie ein Spielzeug hob ihn das starke Weib empor, wirbelte ihn in der Luft herum und schleuderte ihn herab von der Pyramide.

Sausend fuhr er hinab in die Tiefe, tiefer und tiefer ging es, bis er ...

Mit einem Schreckensschrei wachte Westerly auf. Gott sei Dank, er lag im Bett, allerdings in Schweiß gebadet.

Im Nu kam ihm das gestern Erlebte in die Erinnerung zurück.

Bah, Träume sind Schäume, und Westerly vor allen Dingen war nicht im geringsten abergläubisch, wenigstens konnte er über Aberglauben nicht genug spotten.

Während er sich ankleidete, warf er ab und zu einen Blick in die ihm von Aleen gebrachte Morgenzeitung.

Eine Notiz war für ihn von besonderer Wichtigkeit. Auf einer Sandbank in der Themse hatte die Flut während der Nacht einen Leichnam angeschwemmt. Eine polizeiliche Untersuchung war noch nicht angestellt worden, aber die Zeitungsreporter, über viele Dinge besser orientiert als die Polizei, behaupteten, es sei der gesuchte Räuber de Lacoste, der talentvolle, aber verkommene Sohn eines französischen Herzogs, und da eine andere Verletzung nicht vorliege, so müsse er ertrunken sein, vielleicht in einer Anwandlung von moralischer Selbstanklage sich ertränkt haben.

Westerly atmete erleichtert auf; Aleen wollte er diese Nachricht noch nicht mitteilen, welche später auch noch von den Behörden bestätigt wurde. Mochte der Indier immer in der Besorgnis leben, daß sein Mord doch noch einmal ans Tageslicht käme.

Unten wurde die Hausglocke gezogen. Aleen trat ein und brachte seinem Herrn die Karte eines hohen Londoner Gerichtsbeamten, welcher Westerly zu sprechen verlangte.

Der Schuldbewußte erschrak im ersten Augenblick furchtbar; unwillkürlich griff er nach dem vergifteten Dolch, ob er ihn noch in der Brusttasche habe. Ob er ihn wohl bei einer Anklage gegen sich selbst erheben wollte? Doch gleich beruhigte er sich wieder, denn Aleen fügte hinzu, auch Mister Neward, sein Rechtsanwalt, sowie ein Schreiber mit Akten unterm Arm sei in Begleitung des Gerichtsbeamten.

Was wollte man von ihm? Westerly fürchtete schon die Ankündigung einer Pfändung, veranstaltet von seinen Gläubigern. Doch das Schlimmste war dies noch nicht.

Das Gebaren der drei Herren, als Westerly zu ihnen kam, benahm ihm indes jede Besorgnis, wenn er auch noch nicht wußte, was ihm bevorstand.

Der Gerichtsbeamte, ein kleiner Herr in schwarzem, tadellosem Anzug, verbeugte sich tief vor dem Eintretenden, der Schreiber knickte wie ein Taschenmesser zusammen, einen Kratzfuß nach dem andern machend, und der Rechtsanwalt nickte Westerly schmunzelnd und augenblinzelnd zu.

»Mir ist eine Mission zuteil geworden, welche ich nur mit schwerem Herzen erfülle,« begann der schwarze Herr nach einigem Räuspern mit salbungsvoller Stimme. »Ich möchte Sie erst etwas vorbereiten, ehe ich mich meines Auftrags entledige.«

»Bitte, sprechen Sie gleich offen,« unterbrach ihn Westerly, »ich bin kein Mann, welcher bei einer unerwarteten, freudigen oder traurigen Nachricht gleich einen Nervenschlag bekommt. Ist es gut oder schlecht?«

»Traurig, sehr traurig für Sie.«

»Und das wäre? Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter!« rief Westerly ungeduldig.

»Ihr Herr Bruder« Harry Westerly, Seine Herrlichkeit der Lord von Leicaster, befindet sich nicht mehr unter den Lebenden.«

Eine kurze Pause trat ein. Der kleine schwarze Herr wischte sich mit einem seidenen Taschentuch über die Augen, Westerly schaute ihn starr an.

»Mein Bruder,« flüsterte er dann, »welcher sich mit seiner Familie in Venedig aufhielt – so gesund und kräftig – wie ist das gekommen – woran starb er? Es muß auf See passiert sein.«

»Ein furchtbarer Unglücksfall,« fuhr der Beamte mit zitternder Stimme fort, »fassen Sie sich, um das Unglück in seiner ganzen Tragweite erkennen zu können! Am 17. dieses Monats verließ der Lord von Leicaster mit seiner Familie Venedig auf dem englischen Dampfer >Stag<. In der spanischen See, kurz vor dem Kanal, trat starker Nebel ein, er herrschte die ganze Nacht hindurch, und da – da ist der >Stag< von einem spanischen Dampfer gerammt worden ...«

Dem Erzähler drohte die Stimme zu versagen.

»Und die Passagiere?« fragte Westerly leise.

Der schwarze Herr hob wie in namenlosem Jammer beide Hände empor und flüsterte: »Alles, alles dahin! Nur ein Matrose blieb übrig, um uns zu sagen, auf welche Weise der >Stag< unterging.«

»Die Familie meines Bruders?«

»Gattin, Töchter und Söhne liegen neben der Leiche des Vaters aufgebahrt – man hat ihre Körper aufgefischt. Sie sind der letzte Sproß des erlauchten Hauses von Leicaster.«

Westerly wandte sich schnell ab und verbarg sein Gesicht im Taschentuch. Nicht Schmerz beherrschte ihn, sondern triumphierende Freude. Der Bruder und seine Familie waren tot, jetzt war er der Lord von Leicaster.

Unwillkürlich faßte er nach dem vergifteten Dolche, als wolle er mit ihm die eben erhaltene Herrschaft gegen jeden verteidigen, der sie bedrohe.

Trotzdem entstürzten seinen Augen Tränen, hervorgerufen durch die maßlose Erregung, in welche ihn die, unerwartete Nachricht versetzt hatte. So hatte es wirklich den Anschein, als trauere er um den Tod seiner nächsten Verwandten.

Nach einigen Minuten wendete er sich, die Augen trocknend, wieder dem Herrn zu. Der Beamte hatte von dem Schreiber die Akten auf den Tisch ausbreiten lassen.

»Mylord,« sagte er mit tiefer Verbeugung zu Westerly, »darf ich Euer Herrlichkeit ersuchen, einen Blick, in diese Schriftstücke zu werfen, welche über den Untergang des >Stag< berichten und den Tod der erlauchten Familie von Leicaster beglaubigen?«

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