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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 33
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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33. Weit entfernt vom Ziel

»Sir Frank Carter lebt, er lebt als Sklave im Felsentempel der Göttin Kali! Hier sieht der von dort entflohene Kiong Jang, sein Diener, als Zeuge!«

Nach diesen lauten, mit Nachdruck gesprochenen Worten des Detektivs verstummte das Gemurmel plötzlich, eine lautlose Stille trat in der Kirche ein. Dann sprang Emily plötzlich auf und stieß einen furchtbaren Schrei aus, sie schien auf Wilkens zustürzen zu wollen, sank aber ohnmächtig zusammen.

Westerly hätte sie auffangen können, er tat es nicht. Er sah nichts mehr als die Gestalt des Chinesen und hörte nichts weiter als die Worte: »Sir Frank Carter lebt!« – Seine Augen quollen fast aus den Höhlen, und seine geballten Hände zitterten.

Da erscholl wieder der vorige Ruf durch die Kirche: »Wo ist Monsieur Francoeur? Wo ist der Kindesräuber?«

Der alte Woodfield kannte keine Rücksichten mehr, die Trauung war schon gestört; er drängte sich dem Altar zu, wo die Gäste saßen, ihm nach seine beiden Begleiter.

Jetzt brach in der Kirche die größte Aufregung aus, es entstand ein Tumult, eine wahre Panik. Die Hintersten hörten nur die Rufe, sie wollten wissen, was da eigentlich vorging, und drängten nach vorn, die Vordersten glaubten, in dem alten Manne, der sich wirklich wie rasend gebärdete, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben und drängten nach hinten. Sie alle wollten den Ort dieser aufregenden Szene so schnell wie möglich verlassen konnten es aber nicht.

Das Wort des Priesters wurde nicht mehr gehört, er bat vergeblich um Ruhe, und so verließ er seinen Platz und bemühte sich ebenso wie Wilkens und Reihenfels um die bewußtlose Braut.

Sie wurde in die Sakristei getragen. Als die Träger die Tür passierten, hakte sich der Brautschleier an der Klinke fest und riß von oben bis unten in zwei Hälften.

»Wo ist ihr Trauring?« fragte die Küstersfrau, welche die Behandlung der Bewußtlosen übernahm.

Niemand könnte eine Auskunft geben, er war eben verloren gegangen.

Wilkens und Reihenfels kehrten schnell zurück, um Woodfield zu beruhigen, welcher noch immer vergebens nach Monsieur Francoeur unter den Gästen suchte. Er erhielt die Versicherung, daß sich weder der Franzose, noch ein Mitglied der Familie in der Kirche hätte sehen lassen, was Reihenfels ebenfalls mit äußerster Bestürzung erfüllte.

Alle drei, Woodfield, Reihenfels und Wilkens machten sich sofort auf den Weg nach der indischen Villa, nachdem Wilkens von ersterem erfahren hatte, um was es sich handelte, daß nämlich nach Aussage der schwarzen Maske und nach dem bei ihm gefundenen Armband kein anderer als Francoeur der Räuber Nancys sein konnte.

In der indischen Villa wurden sie mit der äußersten Bestürzung empfangen. Die Diener behaupteten steif und fest, die Herrschaft sei nach der Kirche gefahren, sie hätten sie selbst im festlichen Anzug den Wagen besteigen sehen. Die Überraschung der Leute, als sie erfuhren, ihre Herrschaft sei nicht in der Kirche, war so groß und natürlich, daß man nicht an der Wahrheit ihrer Aussage zweifeln konnte.

»Dann sind sie geflohen!« riefen alle drei gleichzeitig.

Woodfield war über diese Entdeckung außer sich, Reihenfels niedergeschlagen. Wilkens konnte jetzt nichts anderes tun, als sofort nach London fahren, Anzeige erstatten und Francoeur unter Angabe des Verdachts verfolgen lassen. Da noch nicht lange Zeit verstrichen war, so mußte man ihn noch irgendwo festnehmen können, entweder auf einem Bahnhof oder im Hafen, und wurden die benachbarten Länder noch benachrichtigt, so war eine Flucht fast unmöglich, es sei denn, man habe vorher die raffiniertesten Vorbereitungen dazu getroffen.

»Ist auch Ihnen so viel daran gelegen, dieses Franzosen habhaft zu werden?« fragte der Detektiv Reihenfels, ehe er ging.

Dieser wich der Frage aus; er machte sich schleunigst auf den Weg nach der Kirche zurück, während Woodfield, dem sich unterdessen seine beiden Begleiter beigesellt hatten, in der indischen Villa zurückblieb und die Diener beobachtete.

Als Reihenfels ankam, bestieg Emily eben ihren Wagen. Westerly stand abseits, er zögerte beim Anblick derjenigen, welche er noch heute sein Weib zu nennen gehofft hatte. Er schien einen kurzen, heftigen Kampf zu kämpfen, dann sprang er an den Wagen, um Emily hineinzuheben.

Doch sie nahm seine Hand nicht. Sie schien ihn nicht zu bemerken, und als er sie berührte, machte sie eine so heftige, abweisende Bewegung, daß Westerly sich abwandte.

Ihr Blick streifte Reihenfels.

»Armes Weib!« murmelte dieser. »Der Himmel hat heute furchtbar mit dir gespielt, und ich will dir nicht neue Enthüllungen machen, wenigstens so lange, wie sie für dich nicht erfreuliche sind!«

Die Hochzeit war gestört. Ohne Abschiedsgruß fuhr Emily fort, nur in Begleitung von Miß Woodfield; die Gäste benutzten ebenso ihre Wagen, und es bedurfte Eugens Bemühungen nicht, seine Mutter zu entschuldigen, man konnte sich denken, welch stürmische Empfindungen das Herz der Unglücklichen bewegten, sie konnte jetzt fürwahr keine Rücksichten nehmen.

Westerly war plötzlich verschwunden, man wußte nicht wohin.

Einige Stunden später durchlief die ganze Gegend die Nachricht, daß der gefangene Bandit, die schwarze Maske, auf dem Transport nach London seinen Wächtern mit einer unerhörten Keckheit entsprungen sei.

Alle Versuche, seiner wieder habhaft zu werden, schlugen fehl.

Woodfield raste, Dick und Charly fluchten über die tölpelhaften Polizisten, dies alles brachte aber den Entschlüpften nicht wieder.

Ebenso tauchte auch im Laufe der nächsten Tage weder Francoeur noch ein anderer der Familie auf, sie schienen wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Man hatte sie noch einmal in London gesehen, als sie den Bahnhof verließen, dann nicht wieder.

Später tauchte das Gerücht auf, Francoeur hätte immer einen kleinen Dampfer für sich bereit liegen gehabt und diesen benutzt; wenigstens hatte der Dampfer, welcher seit Monaten untätig, aber mit voller Besatzung im Katharinen-Dock lag, plötzlich die Anker gelichtet und war abgesegelt, niemand wußte wohin, die Bemühungen der Polizei, es zu erforschen, blieben erfolglos. – Erst nach diesen Ereignissen erfuhr man aus dem Munde des Chinesen sein und Carters Schicksal. Wilkens war klug genug, die Erzählung sich nicht allein vortragen zu lassen, er lud diejenigen dazu ein, deren Rat er dabei gebrauchen konnte: Reihenfels und den Fakir Hira Singh.

Als bekannt wurde, um was es sich handelte, drängten sich noch mehrere hinzu, Wilkens jedoch gestattete nur wenigen den Zutritt.

So schlug er auch Westerlys dahingehende Bitte ab, und zwar auf Kiong Jangs ausdrücklichen Wunsch.

Reihenfels wiederum forderte Mister Woodfield, dessen Lebensgeschichte er kannte, auf, die Erzählung mit anzuhören, und der alte Herr folgte der Einladung. Spielte jene doch in Indien, und kam doch Francoeur, der ihm aller Wahrscheinlichkeit nach sein Kind geraubt hatte, auch von dorther.

Staunend hörte man die Erzählung des Chinesen; oft schien sie kaum glaublich, aber Kiong Jang sprach so überzeugend, nie geriet er in Widersprüche, und sein Aussehen war der beste Beweis für die Wahrheit seiner Erzählung.

Wilkens leitete den Vortrag, oft unterbrach er den Erzähler, erkundigte sich nach den Namen der Personen, ließ sie sich beschreiben und stellte andere Zwischenfragen.

Als der Chinese den dicken Priester schilderte, entstand unter den Zuhörern erst ein Gemurmel, dann wurden Ausrufe des Erstaunens laut.

»Haben Sie eine Ahnung wer das sein könnte?« fragte Wilkens Reihenfels.

»Ich vermute dasselbe, was Sie denken. Und doch, es ist kaum glaublich.«

Der Detektiv wandte sich wieder an Kiong Jang.

»War der betreffende Priester bis zuletzt im Tempel? Hast du ihn immer gesehen?« fragte er.

»Jeden Tag. Nur zuletzt kam er nicht mehr.«

»Wann blieb er zuerst aus?«

»Das kann ich nicht mehr sagen.«

»Entsinne dich! Dies zu erfahren ist uns von höchster Wichtigkeit.«

Der Chinese überlegte lange, schüttelte dann aber den Kopf.

»Ich kann es unmöglich sagen. Uns Gefangenen fehlte jede Kenntnis der Zeit; glaubte ich doch, ich wäre etwa vierzig Jahre im Felsentempel gewesen, erst später erfuhr ich, daß es nur siebzehn Jahre waren.«

»Gut, wenn du glaubst, deine Gefangenschaft hätte vierzig Jahre gedauert, wie lange blieb dann in diesem Verhältnis der Priester aus?«

»Ich schätze es vielleicht auf fünf bis sechs Jahre.«

»Das heißt, du glaubst, während der letzten Zeit deiner Gefangenschaft?«

»Ja.«

»Das wären dann, umgerechnet, etwa zwei Jahre.« Wilkens und Reihenfels sahen einander an.

»Der Priester war dick, sagtest du?« forschte ersterer.

»Sehr dick.«

»Und pockennarbig?«

»Ja.«

»Er schielte?«

»Das gerade nicht. Das eine Auge konnte nach links, das andere nach rechts blicken, er konnte sie nach Belieben bewegen.«

»Kein Zweifel,« rief Reihenfels, »dieser Priester der Thags war kein anderer als der Mann, der sich hier Radscha Tipperah nannte.«

»Wie? Der ist hier?« fuhr der Chinese mit glühenden Augen auf.

»Er war hier, er ist geflohen.«

»O, wenn ich ihn sehen könnte!« knirschte Kiong Jang.

»Wir werden ihn verfolgen. Sag, Kiong Jang, konnte dieser Mann sprechen?«

»Sprechen? Natürlich!«

»Er war nicht taub?«

»Nein.«

Wieder sahen Reihenfels und Wilkens sich an.

»Er war es dennoch,« sagte ersterer; »seine Stumm- und Taubheit waren nur Verstellung.

Warum er sie heuchelte, wissen wir nicht, er mag einen Grund dazu gehabt haben.«

Der Detektiv war derselben Ansicht.

»Was hat ihn aber hierhergeführt? In welcher Beziehung stand Francoeur zu ihm?«

»Wir wollen hoffen, daß wir die Erklärung noch finden,« entgegnete Reihenfels. »Fahre in deiner Erzählung fort, Kiong Jang!«

Als der Chinese von dem Mädchen sprach, das an seiner und Carters statt den Tod erleiden mußte, fuhr Mister Woodfield von seinem Sitz halb auf, wollte den Sprecher unterbrechen, sank aber gleich mit einem ungläubigen Kopfschütteln wieder zurück.

Gespannt hörte er dann die Schilderung des Mädchens an, und als Kiong Jang nicht lange genug von den prächtigen, goldenen Haaren sprechen konnte, die sie wie ein Mantel eingehüllt hatten, da wollte er abermals an den Erzähler eine Frage richten, doch Reihenfels hielt ihn davon ab.

»Nicht jetzt!« sagte er zu ihm. »Gedulden Sie sich noch! Ich weiß, was in Ihnen vorgeht.

Vielleicht bringt schon die Erzählung Aufklärung über alles, was Sie wissen wollen.«

Ach, Reihenfels sollte recht haben! « ... Sinkolin, verlaß mich nicht, rief die Jungfrau dem fortgehenden Gaukler nach,« fuhr der Chinese fort. »Sie mußte ihr Los erkannt haben, eine furchtbare Verzweiflung lag in ihrer Stimme. Ich sah noch, wie sie zu Boden sank, wie sie wieder empor gerissen und nach dem Standbilde der Göttin geschleppt wurde, zu deren Füßen die Schlangen zischten, dann wurde ich, wie auch Sir Carter hinausgeführt ...«

Mit einem dumpfen Stöhnen verbarg Woodfield das Gesicht in den Händen – er hatte bei der Schilderung des Mädchens an seine geraubte Tochter gedacht. Aber hatte es denn Zweck, noch länger nach ihr zu fragen? Sie war ja tot, von Schlangen gefressen oder auf dem Altar der Göttin in grausamster Weise geopfert.

Teilnahmslos hörte der unglückliche Mann die fernere Erzählung an, er kam auch die anderen zwei Tage und blieb bis zum Schluß da, als Kiong Jang sagte, wie er endlich in England eingetroffen sei und sofort Wilkens aufgesucht habe.

Als der Chinese schwieg, saßen auch die Zuhörer lange schweigend da, ein jeder in Gedanken versunken, überlegend, was nun zu tun sei, und einige Zweifel sich zu erklären suchend.

Woodfield nahm zuerst das Wort.

»Schildere mir noch einmal, wie jenes Mädchen aussah!« sagte er mit zitternder Stimme zu dem Chinesen. »Vergiß nichts dabei, es kann nicht ausführlich genug sein.«

Kiong Jang trat näher an den alten Herrn heran und willfahrte ihm.

»Kennst du sie?« fragte er dann, den Alten aufmerksam betrachtend.

»Ach, so hätte meine Nancy aussehen müssen!« seufzte Woodfield. »Weißt du denn gar nicht, aus welchem Lande sie stammte? Welcher Sprache bediente sie sich?«

»Als sie Timur Dhar jene Worte nachrief, bediente sie sich des Arabischen, welches auch ich verstehe. Später sprach sie zu mir Englisch.«

»Wie? Du sprachst mit ihr später noch?« erklang es von allen Seiten wie aus einem Munde.

»Ja, nur wenige Sekunden, auf sonderbare Weise, und sie hat mir viel aufgetragen.«

»Wir denken, sie starb?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich glaubte, sie wäre geopfert worden, und war dann selbst sehr erstaunt, als ich sie nach vielen, vielen Jahren im Felsentempel noch einmal lebend traf.«

Der Chinese hielt plötzlich inne, eine furchtbare Erinnerung mußte in ihm auftauchen, denn ein sichtbarer Schauer lief durch seinen Körper.

»Warum hast du uns das bis jetzt verschwiegen?« fragte ihn Wilkens.

»Weil das nicht in meine Erzählung paßte, es bildet eine Episode für sich.«

»So berichte uns jetzt darüber!«

»Es war gegen das Ende meiner Gefangenschaft,« begann Kiong Jang, »als ich einmal Augenzeuge wurde, auf welche Weise die Thags ihrer Göttin dienen. Entsetzen erfaßt mich noch jetzt, denke ich an jene schreckliche Orgie zurück. In einer Nacht schien im Felsentempel wieder ein Fest stattfinden zu sollen; am Abend waren viele fremde Indier gekommen, Männer und Weiber, alte und junge, und sie waren in mir unbekannten Räumen verschwunden. Mit Anbruch der Nacht begann ein schauerliches Heulen, vermischt mit Jauchzen und Lachen, und ich wußte, daß der Göttin Kali wieder geopfert wurde. Schon oft hatte ich solchen Lärm vernommen, so stark wie heute waren die Freudenausbrüche der Unholde aber noch nie gewesen, es klang wie das Heulen der Teufel in der Hölle.

»Wie von einer geheimen Macht getrieben, mußte ich mich stets in einen Gang begeben, wo ich den Jubel am lautesten vernahm, weil nur eine dünne Steinwand mich dort von der Tempelgrotte trennte. So tat ich's auch damals wieder. Atemlos lauschte ich den unheimlichen Tönen, wie gebannt stand ich auf der Stelle und malte mir Bilder aus, welche zu dem teuflischen Jubel paßten.

»Da bemerkte ich plötzlich, wie aus einem Loche, welches sich an der Erde befand und sonst einer Schlange zur Wohnung gedient hatte, ein Rauchwölkchen aufstieg, und gleichzeitig erfüllte den Gang ein süßlicher, betäubender Geruch. Ich legte mein Auge an das Loch, es gestattete mir den Einblick in die Grotte, in welcher das Fest stattfand.«

Der Erzähler schwieg wie erschüttert.

»Nun, und was sahst du?« fragte Wilkens.

»O, Herr, ich möchte dich fast bitten, mir diese Schilderung zu erlassen – es war zu schrecklich. Doch ihr müßt erfahren, was für Unholde diese Thags sind. Alles, was man bisher von ihnen gesagt hat, und wäre es noch so haarsträubend gewesen, ist nichts gegen das, was ich gesehen habe. Wohl gegen zweihundert Menschen, Männer, Frauen und Mädchen, sogar Kinder, alle völlig nackt, sprangen unter sinnverwirrendem Geschrei teils um das Standbild der Göttin, teils um eine andere Person, welche ich dann erwähnen werde. Andere drehten sich mit ausgestreckten Armen wie Kreisel blitzschnell um sich selbst, prallten zusammen, stürzten nieder, rafften sich wieder auf und drehten sich wieder, bis sie zusammenbrachen. Tempeldiener schürten die heiligen Feuer des Agni und warfen Weihrauch hinein, und dann, dann mußte ich auch sehen, wie man einen weißen Mann, wahrscheinlich einen Engländer, auf dem Altar der Göttin schlachtete –« »Also wirklich?« erklang es entsetzt.

»Man schlachtete ihn nicht, man quälte ihn langsam zu Tode; ich sah, wie Schlangen ihm in die Augen bissen –.«

Wieder hielt der Chinese inne, und niemand wagte, ihn zum Fortfahren zu nötigen.

»– ich hörte sein Jammergeschrei und sah ihn sterben,« erzählte er dann leise weiter; »er war langsam zu Tode gemartert worden, unter so entsetzlichen Qualen, daß ich sie nicht zu schildern vermag. Dann erst wurde er geschlachtet wie ein Stück Vieh, sein Blut wurde gesammelt, die Menge wendete sich einer Art von Thron zu, der neben dem Standbild der Göttin stand, umtanzte ihn unter Heulen und Verzückungen, und der Priester bespritzte fortwährend die Person, welche auf diesem Throne saß, mit Blut.«

»Wer war das?«

»Eben jenes Mädchen, welches am ersten Tage unserer Gefangenschaft an unserer Stelle zum Sterben bestimmt wurde.«

»Also war es damals nicht getötet worden?«

»Nein, denn die Unglückliche lebte sechzehn Jahre später noch.«

»Warum hatte man sie verschont?«

»Ich weiß es nicht. Es schien mir, als spiele sie eine heilige Rolle, als bete man sie an.

Trotz der langen, inzwischen vergangenen Zeit erkannte ich sie sofort, doch war ich erst in dem Glauben, es wäre nur ihr aus Wachs gefertigtes Bild, welches da auf dem Thronsessel saß. Dieses Bild war entzückend, nie haben meine Augen etwas Schöneres gesehen. Das Antlitz so weiß wie Alabaster, kein Hauch von Rot verriet Leben, die langbewimperten, blauen Augen blickten so traurig, ach, so traurig über die rasende Menge hin. Die Pracht der Haare habe ich schon beschrieben – sie waren noch wundervoller geworden. Ihr Kleid schien aus buntfarbigen Schmetterlingen zusammengesetzt zu sein; alles schillerte, schimmerte und glänzte in blendenden Farben, der weiße Arm, wie er sich aus der zarten Umhüllung hervorstahl und sich leicht auf die Lehne stützte, der schöne Kopf – aber es war ja nur ein Bild, eine Wachsfigur – nein, da hob sie plötzlich die Hand und wischte das Blut, womit die rasenden Priester es bespritzt hatten, aus dem Antlitz – es war kein Bild, es war ein Weib, ein Mädchen, dasselbe, welches Timur Dhar für uns als Auslösung gegeben hatte –« »Weiter, weiter!« unterbrach Woodfield den in Begeisterung geratenen Chinesen ungeduldig. »Du willst sie gesprochen haben, du sagtest vorhin sogar von einem Auftrag, den sie dir gegeben hat.«

Kiong Jang sammelte sich, betrachtete den alten Mann dabei mit seltsamen Blicken und fuhr dann fort: »Ja, ich habe sie gesprochen, oder ich habe eine Geisterstimme gehört, welche mich narren wollte –« »Sprich deutlicher!« rief Wilkens.

»Ich kann nicht deutlicher sprechen, ich übertreibe nicht. Als ich mich einst, kurz vor meiner Flucht, in einem sehr entlegenen Gange befand, horte ich plötzlich ein seltsames Geräusch, welches ich mir auch jetzt noch nicht erklären kann. Es klang wie ein Seufzen und Weinen, ganz deutlich, aber doch wie aus weiter, weiter Ferne kommend. Ich war im Gehen, und kaum hatte ich einige Schritte weiter getan, so waren diese Töne wieder verstummt. Als ich zurückging, hörte ich dasselbe Geräusch auf der selben Stelle wie vorher, entfernte ich mich aber von dieser, so hörte ich auch nicht mehr das Seufzen und Weinen –« »Wir verstehen.« unterbrach Reihenfels den Erzähler; jener Gang hatte in Verbindung mit einem anderen Raum eine akustische Eigenschaft, welche nur an jener Stelle wirkte. Fahre also fort! Was hörtest du?«

»Ich blieb auf dieser Stelle stehen und hörte, wie eine Frauenstimme weinte, seufzte und stöhnte, dann vernahm ich aber auch ganz deutlich die Worte: >Mein Gott, mein Gott, erlöse mich von dieser Qual!<«

»In arabischer Sprache?« fragte Reihenfels.

»Nein, auf englisch.«

»So war jenes Mädchen eine Engländerin?«

»Ihre Muttersprache war Englisch. Höre weiter! Unwillkürlich fragte ich ebenfalls auf englisch sofort wieder, wer dort spräche, und ich erhielt auch Antwort. Ich entsinne mich nicht mehr wörtlich der Unterredung, welche zwischen uns stattgefunden hat, das Weib – es war kein anderes, als das mir bekannte – sprach hastig, als fürchte es immer eine Unterbrechung. Sie wußte, daß ich jener Gefangene der Thags sei, von dem sie gehört hatte.

Sie bat mich, wenn mir einmal die Flucht gelänge, nach Nordamerika zu gehen und dort ihren Vater zu benachrichtigen, derselbe lebe dort –.«

»Ihr Vater?« schrie Woodfield m höchster Aufregung und sprang von seinem Stuhle auf.

»Ja, ihr Heimatsort hieße BIess – Bless –.«

Der Chinese legte nachdenklich die Hand an die Stirn.

»Blessinworth!« rief Woodfield.

»Ja, Blessinworth, ich entsinne mich. Es läge an der Hudsonbai. Ihr Vater heiße James Woodfield, sie selbst heiße –.«

»Nancy, Nancy! Ist es nicht so?«

»Ja, Nancy,« sagte der Chinese und trat dicht vor den alten Mann hin, »und wenn du James Woodfield bist, so soll ich dir sagen, daß deine Tochter Nancy im Tempel der Göttin Kali von den Thags als Gefangene gehalten wird und hofft, daß du, ihr Vater, noch dereinst kommst und sie befreist. Mehr habe ich nicht gehört, das Gespräch brach schnell ab, wahrscheinlich, weil sie gestört wurde.«

In dem großen Raume trat eine tiefe Stille ein. Man hörte nur das Schluchzen des alten Mannes, der nach sechsundzwanzig Jahren das erste Zeichen, die erste Nachricht, direkt an ihn gerichtet, von seinem Kinde zu hören bekam. Es war zwar ein Schluchzen, wie namenloser Schmerz es erzeugt, aber doch klang es wie ein unterdrücktes Jubeln hindurch.

Als nach langem Warten Woodfield keine neue Frage stellte, weil er von dem eben Gehörten zu sehr angegriffen worden war, nahm Wilkens wieder das Wort.

»Hast du sonst noch etwas mit diesem Mädchen gesprochen?« fragte er: »Nein, sie brach mitten in der Rede ab, in welcher sie mich bat, ihren Vater von ihrer Gefangenschaft in Kenntnis zu setzen. Sie beschwor mich wiederholt, es zu tun, wenn ich noch einmal die Freiheit wiedererlangen würde. Eine einmalige Aufforderung hätte schon genügt.«

»Du sahst sie nicht wieder?«

»Nein.«

»Du haft sie auch nicht mehr gesprochen?«

»Nein. Ich machte wiederholt den Versuch, ob meine Stimme von ihr gehört würde – ich erhielt keine Antwort mehr. Bald darnach erfolgte meine Flucht. Ich war manchmal geneigt, die Unterredung für einen Traum zu halten. Jetzt aber sehe ich, daß das Weib wahr gesprochen hat, ihre mir erst unverständliche Aufforderung hat das Ohr gefunden, welches sie versteht. Ich vernahm, daß hier ein Mister Woodfield anwesend ist, und sofort wußte ich, daß dies der Mann war, dem der Auftrag galt.«

Also hast du auch nicht erfahren, warum ihr Leben verschont worden ist?«

»Ich habe es mir nicht enträtseln können. Ihre Schönheit hielt ich für den Grund, daß man ihr das Leben ließ; aber wiederum suchen Thags nur darum schöne Mädchen zu fangen, um sie ihrer Göttin zu opfern, das heißt, zu schlachten, weil sie nur schöne, reine Mädchen annimmt oder vielmehr über deren Tod sich freut.«

Wilkens, der die Versammlung leitete, sah sich im Kreise der Zuhörer um.

»Wir haben nun gehört, was uns der Chinese zu sagen hatte. Nach den vielen Zwischenfragen, die gestellt und beantwortet wurden, glaube ich nicht, daß noch ein Zweifel existiert. Oder möchte noch jemand der Anwesenden etwas erfahren?«

Wilkens wartete lange; jedoch niemand nahm das Wort. Reihenfels saß da, den Kopf auf die Hand gestützt und den Chinesen sinnend betrachtend. Als auch er nicht antwortete, fuhr Wilkens fort: »Ich habe noch eine andere Frage zu stellen. Ich tue es, ohne unseren braven Kiong Jang beleidigen zu wollen, und ich weiß, daß er sie nicht übelnimmt, weil die Verhältnisse sie erfordern. Wir haben gehört, in welcher Weise Sir Carter und Kiong Jang in die Hände der Thags fielen, wir haben gehört, daß Sir Carter die geheime Order nicht ausgeliefert, den Hochverrat also nicht begangen hat, wir haben von Kiong Jang gehört, wie er und Sir Carter in dem Felsentempel der Göttin Kali als Sklaven ein elendes Leben gefristet haben, wie er geflohen ist, während sich Sir Carter noch dort befindet. Ehe wir nun beraten, auf welche Weise wir ihn und das gefangene Mädchen, anscheinend die Tochter Mister Woodfields, befreien und dem Treiben der Thags ein Ende machen können – wozu wir nach Inkenntnissetzung der Behörden natürlich die Hilfe Englands erwarten dürfen – muß ich an die Anwesenden die Frage stellen, »ob jemand die Glaubwürdigkeit der Erzählung Kiong Jangs bezweifelt.« »Nein, ich nicht,« erklang es von allen Seiten.

»Und ich ebensowenig,« fügte Wilkens hinzu, »ich kenne Kiong Jang von früher, auch ich glaube ihm vollkommen. Wenn seine Erzählung an die Öffentlichkeit gelangt, werden zwar viele Zweifler erstehen, und dann ist es unsere Sache, zu beweisen, daß seine Angaben auf Wahrheit beruhen. Doch ich sah noch zwei Herren, welche nicht beigestimmt haben, Mister Reihenfels und Hira Singh, an dessen Aussagen uns sehr viel, wohl sogar am meisten gelegen ist.«

»Kiong Jang hat mir über das Treiben der Thags nichts Neues erzählt,« entgegnete der wortkarge Fakir kurz, »was er gesagt, habe ich schon oft gehört, ich glaube ihm.«

»Und Sie, Mister Reihenfels?«

Dieser hatte bisher noch immer, wie in tiefe Gedanken versunken, dagesessen. Jetzt erhob er sich, und man sah ihm an, daß er entweder anderer Meinung war als die übrigen oder doch noch eine wichtige Sache zu besprechen hatte.

»Auch ich zweifle nicht im geringsten an der Wahrheitsliebe Kiong Jangs,« sagte er, »aber es scheint mir, als gebe es in seiner Erzählung Punkte, die sich widersprechen. Ich wenigstens kann sie mir nicht zusammenreimen.«

»Herr, ich habe nicht mehr und nicht weniger gesagt, als ich erlebt habe!« rief der Chinese fast unwillig.

»Du hast in der Überzeugung gesprochen, nur die Wahrheit zu sagen – das glaube ich dir. Aber in einigen, wenigstens in einem Falle, mußt du dich gewaltig geirrt haben.«

»Was sollte das sein? Wenn du es beweisen kannst, so will ich es zugeben.«

»Gut, laß mich einige Fragen stellen! Glaubst du, daß du dich nach dem Felsentempel zurückfinden wirst?«

Die Zuhörer, deren Spannung gewachsen war, hatten eine andere Frage erwartet, ebenso Kiong Jang. Nach einigem Nachdenken bejahte er.

»Du scheinst deiner Sache nicht sicher zu sein,« fuhr Reihenfels fort, »und ich kann es mir daraus erklären, weil du, als du entflohen warst, dich in großer Aufregung befandest, denn du wähntest dich immer verfolgt. Würdest du jenen Talkessel wiederfinden, welchen du durch den Felsengang erreichtest?«

»Ja« »Du sprichst das Ja jetzt sehr sicher aus. Weißt du es bestimmt? Überlege es dir!«

»Es war ja nicht sehr weit ab von Akola, höchstens sind wir vierundzwanzig Stunden auf einem trabenden Kamel entführt worden. Der Felsen, in dem sich der Tempel befand, muß äußerst hoch und mächtig gewesen sein, ich muß ihn leicht wiederfinden können. Sehe ich die Schlucht, so kann ich auch sofort sagen: hier ist es, wo ich zuerst das Tageslicht erblickte. Ich gestehe allerdings, daß ich mich damals nicht genügend orientiert habe.«

»Passiertest du auf deiner Flucht Akola?« examinierte Reihenfels weiter.

»Nein, und hätte ich die Stadt gesehen, ich würde sie vermieden haben, den Grund habe ich schon erwähnt.«

»Aber andere Städte hast du passiert?«

»Keine Stadt, keine Ortschaft.«

»Du hast auch die Namen derer nicht erfahren, die du gesehen?«

»Nein, denn ich wich jedem Menschen aus. In jedem fürchtete ich einen Verräter.«

»In welcher Zeit erreichtest du die Ostküste?«

»Das kann ich nicht sagen. Es dauerte sehr, sehr lange, vielleicht zwei Monate; ich wanderte des Nachts, und ich war erschöpft. Meine Nahrung bestand nur aus rohem Reis, den ich auf dem Felde fand.«

»Bist du in der Provinz Berar, ganz besonders in der Umgegend von Akola bekannt?«

»Gar nicht, Herr. Ich war mit Sir Carter nur für wenige Stunden dort zum ersten Male.

Indien ist groß, ich kenne nur den östlichen Teil.«

»Die Gegend, in der man euch überwältigte, war hügelig?«

»Ja.«

»Und wie war sie, als du den Tempel verließest?«

»Sehr, sehr gebirgig. Himmelhohe Felsen und Berge türmten sich auf, mein Weg war beschwerlich; könnte ich keine Pässe gewinnen, so mußte ich wie ein Steinbock klettern.«

»Und wie lange wandertest du in diesem bergigen Teil des Landes?«

»Ich schätze die Zeit auf Wochen.«

»Wie kommt das, da du dich von Akola nur eine kurze Strecke entfernt, in einer hügeligen Gegend befandest und nur etwa vierundzwanzig Stunden transportiert wurdest?«

Der Chinese stutzte einen Augenblick, dann antwortete er: »Ich schlug bei meiner Flucht in der Verwirrung einen falschen Weg ein, der mich von Akola entfernte und in die Berge führte.«

Jetzt wandte sich Reihenfels an die Zuhörer, welche nicht wußten, wohin er mit diesem Verhör zielte.

»Meine Herren, wer von Ihnen kennt genau die Beschaffenheit der Provinz Berar und die ihrer Umgebung?«

Genau konnte diese Frage niemand beantworten, einige meinten, sie sei hügelig, andere.

sie sei bergig.

»Und was sagt Hira Singh dazu?« fragte Reihenfels den Fakir.

»Ich habe verstanden, was mein englischer Freund meint,« entgegnete dieser. »Berar ist nicht bergig, sondern nur hügelig, und das nur in der Umgegend von Akola. Dann hört das Hügelland auf, es wird wieder flach. Nein, die beiden Gefangenen sind von den Thags, viel, viel weiter geschleppt worden, als in vierundzwanzig Stunden möglich ist.«

»Und ich,« fügte Reihenfels sofort hinzu, »ich behaupte dies ganz bestimmt. Weder in Berar noch in der Umgebung von Hunderten von Quadratmeilen gibt es einen einzigen Felsen, welcher so groß wäre, daß sich darin auch nur eine kleine Grotte befinden könnte. Sir Carter und Kion Jang sind nicht vierundzwanzig Stunden, sondern viel länger, wahrscheinlich viele Tage lang von den Thags fortgeschleppt worden. Ich vermute, jener Felsentempel der Göttin Kali befindet sich im Himalajagebirge – so verlautet auch das Gerücht – dorthin sind die beiden gebracht worden, dort befindet sich Sir Carter noch jetzt. Meine Herren, fuhr Reihenfels mit erhobener Stimme fort, »wir haben zu früh gejubelt, als wir glaubten, dieser von dort entflohene Chinese könnte uns den Weg auch zeigen, um Sir Carter zu befreien und dem Unwesen der Thags ein Ende zu machen. Nein, noch niemand hat sagen können, wo dieser Felsentempel eigentlich liegt, und Kiong Jang kann es auch nicht. Durch eine an ihm vorgenommene Manipulation ist er vollständig über Ort und Zeit getäuscht worden, er wird den Rückweg nicht wiederfinden können. Wir sind jetzt gerade so weit wie zuerst, doch Kiong Jang ist kein Vorwurf zu machen.«

Die Bestürzung war natürlich eine große. Bei Kiong Jang fanden die Worte Reihenfels' keinen Glauben.

»Oho, wie hätte ich mich so täuschen können!« rief er. »Ich verlor nur das Bewußtsein, weil man mich so fest in das Sacktuch packte, daß mir fast der Atem verging. Dann muß man mir schnell Luft gemacht haben, denn sonst wäre ich ja erstickt, und so kam ich also auch schnell wieder zum Bewußtsein. Ich weiß bestimmt, daß ich am Abend oder in der Nacht desselben Tages das Ziel, den Felsentempel, erreichte.«

»Durch Mangel an Luft verliert man nicht eher das Bewußtsein, als bis der Tod eintritt,« erwiderte Reihenfels.

»So weit war es eben bei mir.«

»Du machtest also die Qualen des Erstickungstodes durch?«

»Das nicht, ich entsinne mich wenigstens nicht. Aber bedenke auch jene Schreckensnacht, die Gedanken, die mich befielen, als ich erkannte, daß sich die menschenopfernden Thags unserer bemächtigt hatten.«

»Du glaubst also bestimmt, du wurdest nur 24 Stunden transportiert?«

»Höchstens.«

»Du erwachtest bald aus deiner Betäubung?«

»Sicherlich.«

»Ich behaupte das Gegenteil.«

»Womit?«

»Wie befandest du dich, als du von der dich umhüllenden Verpackung befreit wurdest?«

»Ich war wie zerschlagen. Die Banden waren ja so eng geschnürt, daß ich kein Glied bewegen konnte.«

»Wie lange dauerte es, ehe du den Gebrauch deiner Glieder wiedererlangtest?«

»Stundenlang.«

»Siehst du! Du erzähltest, du hättest noch nach vielen Stunden nur auf Händen und Füßen kriechend dich fortbewegen können; als ihr von den Thags zum Aufstehen aufgefordert wurdet, bracht ihr beide wieder zusammen; ihr mußtet geschleppt werden. Daraus schließe ich, daß ihr viel länger als nur 24 Stunden in den Säcken gelegen habt, ihr seid wahrscheinlich viele, viele Tage lang auf den Tieren in bewußtlosem Zustande transportiert worden, und die Thags, vielleicht als wandernde Gaukler reisend, haben euch eben wie gefüllte Säcke behandelt und als solche ausgegeben. Was meinst du dazu, Hira Singh?«

Der Fakir war derselben Ansicht wie Reihenfels. Kiong Jang schüttelte den Kopf.

»Ich kann es noch nicht glauben.«

»Dann etwas anderes,« fuhr Reihenfels fort. »Du erzähltest von Sir Carter, er habe, als er mit dir wieder zusammentraf, solch außerordentlichen Hunger und Durst gehabt.«

»Das ist wahr. Im ersten Augenblick dachte er wohl nicht daran, als ich ihm aber sagte, ich hätte Brot und Wasser, verlangte er danach und fiel mit förmlicher Gier darüber her.

Glücklicherweise war genug von beidem vorhanden, denn ich hatte schon ungeheuer viel gegessen und den großen Steinkrug bis zur Hälfte geleert.«

»Also auch du warst halb verschmachtet?«

»Ja.«

»Erst, als du in den Felsentempel kamst?«

Jetzt wurde der Chinese stutzig, dann verlegen.

»Nein, schon vorher.«

»Wann?«

»Gleich, als ich aus meiner Betäubung erwachte.«

»Bist du nun eher gewillt, mir zu glauben, daß du nicht nur wenige Stunden bewußtlos gewesen bist?«

»Ja, es scheint mir jetzt so,« gab Kiong Jang kleinlaut zu. »Aber wie ist das nur möglich gewesen?«

»Hira Singh, gib du dein Urteil ab!« wendete sich Reihenfels an den Fakir.

»Was ich von den Thags weiß, habe ich nur von anderen vernommen,« begann dieser, »und viel davon mag nur Fabel sein. Wenn das wahr ist, was ich über sie hörte, so kann ich die Erklärung geben: Die Thags morden ihre Opfer durch Erdrosselung, und werden daher auch Phansigars genannt, denn Phansi heißt Schlinge. Wenn das Opfer durch den Ruck der Schlinge nicht getötet wird, so bekommen die Schlangen es lebendig zu fressen oder es wird der Kali zu Ehren geschlachtet. Die Thags bestehen aus vier Klaffen: die unterste ist die der Spione, der Suthas, welche die Opfer anlocken, dann kommen die Totengräber, die Lughas, dann die Phansigars und schließlich die Erdrosseler, die Buthotes, die mit einem Seidentuch arbeiten. Das sind die wörtlichen Übersetzungen aus ihrer Sprache, die sie sich selbst gebildet haben, und die Ramasi genannt wird. Die Spione kundschaften ein Opfer aus, die Totengräber bleiben in seiner Nähe und sind den Buthotes oder Erdrosselern behilflich, daß es in den Bereich der Schlinge kommt. Wenn möglich, suchen sie die Opfer aber lebendig zu bekommen, und zu diesem Zwecke verwenden die Thags Betäubungsmittel, nach deren Einatmung man den Sinn für Ort und Zeit vollständig verlieren soll. Das Gift ist Datura Stramonium, der Stechapfelsamen, der in das Chillum der Hukah (Pfeife) gemischt wird und dessen betäubende Dämpfe beim Rauchen eingeatmet werden. Diese Abteilung der Thaks wird von den Engländern Datureas genannt. Außerdem gibt es noch die Dacoits, die nur mit Feuer arbeiten und aus der Kaste der Rechuks stammen. Dies habe ich von vielen Seiten erzählen hören, behaupten kann ich es nicht.«

Reihenfels setzte in längerer Rede auseinander, daß er derselben Ansicht wäre, daß also Sir Carter und Kiong Jang durch eine Substanz betäubt worden seien, ohne daß sie davon etwas gemerkt hätten, weder vorher noch nachher.

Kiong Jang sei also nicht nur 24 Stunden, sondern wahrscheinlich viele Tage lang fortgeschleppt worden, wohin, wisse er nicht, er könne auch den Rückweg nach dem Felsentempel nicht wiederfinden, es sei denn durch Zufall.

Der Chinese gab sein Zugeständnis zu diesen Ausführungen, dadurch zu erkennen, daß er den Kopf hängen ließ.

So hatte man also keine Hoffnung mehr, den Felsentempel so leicht finden zu können, wie man während der Erzählung des Chinesen geglaubt hatte.

Eine große Verstimmung bemächtigte sich der Anwesenden, man sah sich vom Ziele weit, weit entfernt.

Da plötzlich sprang Woodfield hastig auf.

»Ich werde jene Mördergrube dennoch finden!« rief er. »Meine arme Nancy hat mich gerufen, ich habe ihren Verzweiflungsschrei gehört, und ich werde kommen und sie befreien! Ich habe treue Begleiter, welche gewohnt sind, den geringfügigsten Spuren zu folgen, selbst wenn sie kaum zu sehen sind; sie verstehen Schlüsse zu ziehen; mit ihrer und mit Gottes Hilfe werde ich den Felsentempel und in ihm meine Tochter finden. Mögen alle anderen an dem Gelingen zweifeln und das Suchen aufgeben, ich tu's nicht!«

»Davon ist keine Rede,« entgegnete Wilkens ruhig. »Wir sind Männer, die sich nicht so leicht entmutigen lassen. Ich denke übrigens, wir haben Anhaltepunkte, so zum Beispiel den Radscha von Tipperah, der ohne Zweifel früher die Rolle eines Priesters der Thags spielte, ferner Monsieur Francoeur der mit ersterem im Bunde war. Haben sich diese auch, durch irgend etwas gewarnt, uns durch Flucht entzogen, so kennen wir sie doch, und sie, zu finden, soll unsere Aufgabe sein. Auch ist da jener Räuber, der sich als Marquis entpuppt hat. Er stand, wie sich herausgestellt hat, mit Francoeur in reger Verbindung und wird uns sicher etwas erzählen können. Daß er geflohen ist, darüber wollen wir uns nicht beunruhigen – wir.

wollen seiner bald wieder habhaft werden. Also, Mister Woodfield, die Sache ist noch nicht verloren. Zählen Sie dabei auf unsere Hilfe!«

»Was sagen Sie denn zu dem, was jener Gaukler über Mister Westerly geäußert hat?«

fragte ein anderer Herr. »Wir sind unter uns, wir dürfen darüber sprechen.«

»Ich vermeide es aber, hier meine Meinung zu äußern, ob etwas Wahres daran ist oder nicht,« entgegnete Wilkens. »Diese Sache gehört auch nicht hierher, sondern vor eine höhere Versammlung. Das beste ist, daß wir vorläufig darüber schweigen. Vielleicht wird später die ganze Wahrheit enthüllt, und dann mag sich jener Herr verantworten.«

Ein zur geheimen Polizei Londons gehörigem Beamte betrat das Zimmer und überbrachte Wilkens ein Schreiben. Als dieser es gelesen, sagte er: »Meine Herren, soeben erhalte ich als Detektiv eine Nachricht, welche eigentlich nur die Polizei angeht, die ich Ihnen aber mitteilen will, weil sie für Sie Interesse haben wird. Wir haben abermals jemanden verloren, der uns Angaben machen könnte. Heute morgen wurde unterhalb Londons an einer Sandbank in der Themse ein männlicher Leichnam angetrieben. Die Feststellung der Personalien hat ergeben, daß es die Leiche des Marquis Alphons von Lacoste ist, genannt die schwarze Maske. Da keine sichtbare Verletzung vorhanden ist, so liegt die Vermutung nahe, daß dieser Räuber, der Sprosse eines altadeligen Geschlechts, seinem schimpflichen Leben durch Selbstmord ein Ende gemacht hat!«

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