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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 32
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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32. Die Erzählung des Chinesen

Mister Wilkens saß am frühen Morgen im Arbeitszimmer seiner Privatwohnung, als die Aufwärterin hereinkam und ihm einen Mann meldete, der ihn durchaus zu sprechen wünsche.

»Nicht hier,« entgegnete der mit Geschäften überbürdete Detektiv. »Gebt ihm die Adresse meines Dienstbüros, dort will ich ihn anhören.«

»Ich weiß überhaupt gar nicht, was er will. Ach, Mister Wilkens, der Kerl sieht schrecklich aus, gerade, als wäre er in einer Kaffeetrommel geröstet worden, die Knochen stehen ihm nur so aus dem Leibe hervor, und Kleider – na, du lieber – hilf Himmel, da ist er schon!«

Damit rannte die alte Aufwärterin schreiend durch eine andere Tür aus dem Zimmer, und herein trat eine Gestalt, genau so aussehend, wie die Frau sie eben beschrieben hatte.

Es mochte wohl ein langer Mann sein, er ging aber gebeugt, war zusammengeschrumpft und zum Skelett ausgetrocknet, das bartlose Gesicht braungelb, und die Augen hohl.

Gekleidet war er nur in Lumpen, die ehemals ein buntes, indisches Kostüm gebildet haben mochten; auf dem Kopfe trug er einen türkischen Fes, die Füße waren nackt. Er sah aus, als müsse er jeden Augenblick zusammenbrechen und seinen letzten Seufzer tun.

Wilkens konnte nicht so leicht überrascht werden. Furcht war ihm unbekannt. Ruhig blieb er sitzen und schielte nur nach dem Revolver, ob der Kolben handbereit aus dem Schubfache des Schreibtisches hervorsah.

»Ja, Freund,« wandte er sich an die unheimliche Gestalt, die langsam näher gekommen und vor dem Tische stehen geblieben war, »bei mir ist das nicht Mode, ohne Erlaubnis in mein Zimmer zu kommen.«

»Ich muß dich sprechen,« erklang es dumpf in mangelhaftem Englisch.

»So, Ihr müßt? Laßt hören! Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?«

»Ich bin Kiong Jang,« erklang es wieder im Grabeston.

»Kiong Jang? Den kenne ich nicht.«

»Kiong Jang, früher Londoner Detektiv, dein Gehilfe, dann der Begleiter Sir Carters.«

»Was!« schrie jetzt aber Wilkens und sprang so hastig auf, daß sein Stuhl umschlug.

»Was? Du bist der Chinese Kiong Jang?«

Der Mann nahm den Fes ab, kurzgeschorenes Haar kam zum Vorschein.

»Ich bin kein Chinese mehr, man hat mir den Zopf abgeschnitten,« sagte er, und die tiefliegenden Augen leuchteten plötzlich in unheimlichem Feuer; »aber Kiong Jang wird sich seinen Zopf und seinen Gott wiederholen.«

Wilkens rang lange vergeblich nach Fassung.

»Bist du wirklich Kiong Jang?« fragte er dann endlich.

»Ich bin's.«

»Woher kommst du?«

»Aus Indien, wo ich siebzehn Jahre lang im Felsentempel der Göttin Kali als Sklave gefangen gehalten wurde. Mir gelang die Flucht, ich habe dabei furchtbar gelitten – Sir Carter ist noch dort.«

»Wer?« schrie Wilkens.

»Sir Frank Carter, mein Herr.«

»Er lebt?«

»Er füttert noch jetzt die heiligen Schlangen und verrichtet die niedrigsten Arbeiten, die kein Priester tun darf.«

Wilkens stürzte auf den Chinesen zu und packte ihn an den Schultern.

»Sir Frank Carter lebt?« schrie er nochmals. »Es ist so, und ich will den Weg zeigen, wie wir ihn befreien und rächen können.«

Der Chinese hob die Hand auf wie zum Schwur.

»Sir Frank Carter lebt,« fuhr er feierlich fort, »meine Hand soll verdorren, und ich will in den tiefsten Höllenpfuhl fahren, wenn ich nicht die Wahrheit spreche! Sir Carter lebt noch, und er hat nicht die geheime Order an die Verräter ausgeliefert, er hat nie die Aufforderung bekommen, sie gegen sein Kind auszutauschen, sondern man hat ihn nur in einen Hinterhalt gelockt und dort versucht, ihm die geheime Order mit Gewalt zu entreißen, er aber hat sich gewehrt, und als er überwältigt wurde, das Papier ins Feuer geworfen, wo es trotz aller Versuche, es zu retten, verbrannte. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen!«

Wilkens hörte nur mit halbem Ohre diese Worte, die ihm zum Teil völlig unverständlich waren. Nur das eine hatte er vernommen: Carter lebte! Und seine Gattin trauerte um ihn, nein, nicht mehr, sie stand im Begriffe, die Frau eines Anderen zu werden.

Was für ein Datum war heute? Heiliger Gott, heute fand ja die Trauung statt, vielleicht eben jetzt; vielleicht hieß die Unglückliche schon Missis Westerly.

Wilkens stürzte aus der Tür, kam nach einer Minute zum Ausgehen bereit wieder herein und riß den Chinesen mit sich fort, ohne ihm erst eine Erklärung zu geben, oder ohne selbst eine solche zu verlangen.

Sir Frank Carter lebte! Das genügte.

Fort, auf dem schnellsten Wege zur Kirche nach Wanstead! Vielleicht war es noch nicht zu spät.

Wir haben gesehen, daß Wilkens noch zur Zeit kam, Emily war Westerly noch nicht angetraut worden. Wilkens hatte eigentlich auch kein Recht, die Zeremonie zu unterbrechen; es kam nur auf Emily an, so mußte die Trauung doch vollendet werden, denn ihr früherer Gatte war schon seit fast siebzehn Jahren spurlos verschollen. Sie durfte also jetzt nach dem Gesetze einen anderen freien.

Wilkens wollte die Vermählung auch nicht hindern, sondern nur erst Emily mit dem vertraut machen, was er eben erfahren hatte, dann mochte sie tun, was ihr beliebte.

Der liebe Leser wird sich erinnern, daß Carter und sein chinesischer Diener die Nacht im Hause Mr. Stanhopes, des englischen Gouverneurs der Provinz Berar, zubrachten, und daß am anderen Tage Carter in Begleitung Lord Cannings dem Radscha Nana Sahib einen Besuch abstatten wollte, um von ihm einen Geleitbrief zu erbitten.

Die Zimmer der beiden lagen nebeneinander im ersten Stock, die Fenster führten zum Garten hinaus.

Der Chinese ging bald schlafen; Carter aber wanderte noch lange, in trübe Gedanken versunken, in seinem Zimmer auf und nieder. Noch hatte er nicht den geringsten Anhaltspunkt gefunden, der zur Entdeckung seines Kindes oder dessen Räuber geführt hätte, die Schlauheit Kiong Jangs war bis jetzt an der List und Sorgfalt gescheitert, mit welcher jede Spur der Tat verwischt worden war.

Auf dem Tische brannte die Lampe, die Fenster waren geöffnet, denn es war eine äußerst schwüle Nacht, die für morgen Regen versprach.

Endlich setzte sich Carter an den Tisch, las noch einmal den Brief seiner unglücklichen, wahnsinnigen Gattin und überlegte, wie er ihn am besten beantworten könne, ohne sie in ihrem Wahnsinn stutzig zu machen. Es war dies der erste Brief, den er ihr zukommen lassen wollte, und deshalb war eine lange Überlegung notwendig.

Schließlich hatte er die rechte Art gefunden, er ergriff die Feder und begann den Brief, unsägliche Bitterkeit im Herzen, denn er mußte schreiben, als wäre er der glücklichste Mensch, als sehne er nur die Zeit herbei, da er wieder zu seiner Frau und zu seiner kleinen Eugenie heimkehren könne, während er doch hier trostlos das Land durchstreifen mußte, nicht nur sein geraubtes Kind zu suchen sondern auch Geschäfte zu erledigen, durch die ihm gewisse Fesseln auferlegt worden waren.

Noch hatte er nicht die Einleitung mit herzlichen und sehnsüchtigen Worten beendet, als er erschrocken auffuhr.

Ein harter Gegenstand war plötzlich auf die Diele aufgeschlagen; dort am Fenster sah Carter ein Stück Papier liegen, in welches ein Stein gewickelt zu sein schien.

Ehe er das Papier aufhob, sah er zum Fenster hinaus – nichts zu erblicken, alles totenstill.

Was hatte das zu bedeuten? Carter hob das Papier auf – er hatte richtig geahnt, ein Stein war hineingewickelt, und auf der Innenseite des Papiers standen indische Buchstaben.

Im Scheine der Lampe las Carter mit wachsender Erregung: »Wenn du wissen willst, wer dir dein Kind hat rauben lassen, und wer es jetzt besitzt, so erfahre es: Es ist Isabel, deine Schwägerin, das Weib eines Hindus. Und wenn du wissen willst, wo du Isabel finden wirst, so folge dem Kuli der deiner am Gartentor wartet. Er bringt dich zu Isabels unversöhnlicher Feindin.«

Jeder anderen Aufforderung wäre Carter mit Mißtrauen begegnet, dieser nicht. Daß Isabel bei dem Kindesraub die Hand im Spiele hatte, daran zweifelte er nicht, und besaß sie eine Feindin, so konnte er auch von dieser Auskunft erwarten, denn ein Weib vergißt über dem Haß und der Sucht nach Rache alles, alles andere, dann gelten ihm selbst Vaterland, Mann und Kind nichts mehr.

Carter war sofort entschlossen, mit dem Kuli zu gehen, war er doch selbst ein heißblütiger Mann.

Von seiner auf der Brust verborgenen geheimen Order wußte niemand als er, das Kriegsministerium in London und die Gouverneure und Sekretäre, die schon davon Kenntnis genommen hatten – auch Kiong Jang wußte nichts von dieser geheimen Sendung – und so kam Carter also gar nicht erst auf den Gedanken, daß man es vielleicht nur auf sein Geheimnis abgesehen hätte.

Mit klopfendem Herzen öffnete er den Koffer und entnahm ihm eine Jagdkleidung, die er anziehen wollte, denn in solchem Kostüm verlassen die Engländer in Indien oftmals während der Nacht ihr Haus, um sich auf den Anstand zu begeben. In Tropen- oder Straßenkleidung erregt ein nächtlicher Spaziergänger Verdacht.

Die Weste, in deren Innentasche sich die Order befand, legte Carter nicht ab. Ehe sie in die Hände von etwaigen Verrätern fiel, wollte er lieber sein Leben lassen.

Doch es war ja kein Verrat zu befürchten.

Da öffnete sich die Seitentür. Kiong Jang, vollständig angezogen, stand im Rahmen. Der Chinese schlief leise, er hatte das Fallen des Steines vernommen.

»Wohin willst du, Herr?«

Carter zögerte nicht, ihm alles zu erzählen, denn Kiong Jang war treu, klug und wollte nur sein Bestes. Er zeigte ihm den Zettel.

Der Chinese las ihn und wiegte nachdenklich den Kopf.

»Du gehst?«

»Ja.«

»Gut, ich begleite dich!«

»Man dürfte Mißtrauen hegen, wenn wir zu zweien gehen.«

»Man wird mich nicht sehen.«

»Ah, du folgst mir heimlich?«

»Ja, ich bleibe dir auf den Fersen, warne dich bei einer Gefahr und stehe dir bei.«

Carter war es zufrieden; auf diesen Burschen, obgleich erst halbwüchsig, konnte er sich verlassen.

Kiong Jang wollte erst eine Minute später das Haus verlassen als sein Herr, womöglich gerade dann, wenn Carter mit dem Führer zusammenträfe, weil da jedenfalls niemand auf die Haustür achtete.

So geschah es denn auch.

Der Chinese schlüpfte hinaus; er ließ die Lampe brennen, um keinen Argwohn zu erregen, daß noch ein Mensch außer Carter im Zimmer gewesen.

Dieser schritt durch den Garten auf der Vorderseite, klinkte das unverschlossene Gittertor aus und sah sich um, konnte aber auf der von wenigen Landhäusern besetzten Straße niemanden sehen.

Doch da ertönte von einer Stelle, wo eine Sykomore ihre Zweige über den Weg breitete, ein zischender Laut; furchtlos ging der wohlbewaffnete Carter dorthin und stand einem halbnackten Kuli gegenüber.

»Bist du allein, Sahib?« flüsterte der Indier ängstlich.

»Ich bin's. Wer schickt dich?«

»Meine Herrin.«

»Wer ist das?«

»Das darf ich nicht verraten. Du wirst es selbst erfahren. Willst du mir folgen?«

»Ich traue dir nicht.«

»Trauen? O, Sahib, du kannst mir trauen. Sieh hier diesen Dolch, nimm ihn, hebe ihn auf, ich gehe dicht vor dir her, so daß mich deine Hand immer erreichen kann, und merkst du nur ein kleines, verdächtiges Zeichen, so sollst du mir diesen Dolch in den Rücken stoßen.«

Er gab ihm einen geschliffenen Dolch, dessen blauer Stahl trotz der finsteren Nacht blitzte. Diese Handlungsweise war allerdings geeignet, jeden Argwohn zu zerstören.

Carter wollte den Dolch einstecken, aber der Kuli hinderte ihn daran.

»Nein, Sahib, das darfst du nicht,« sagte er wieder mit ängstlicher Stimme. »Meine Herrin will haben, daß du mich auf der Stelle niederstößt, wenn du durch mein Verhalten argwöhnisch wirst. Ich bitte dich, setze mir die Dolchspitze auf den Rücken!«

Carter wußte, daß die indischen Großen von ihren eingeborenen Dienern den strengsten Gehorsam verlangen, und wenn ihre Befehle, selbst wenn diese nur im Übermut oder unbedachtsam gegeben sind, nicht buchstäblich befolgt werden, die unerbittlichste Strenge walten lassen.

Er hob wenigstens den Dolch.

»Gut, ich traue dir jetzt! Führe mich!«

Der Kuli ging, Carter folgte ihm auf den Fersen, den Dolch leicht erhoben. Er befand sich in einer seligen Stimmung, denn er zweifelte nicht daran, daß das, was auf dem Papier gestanden hatte, Wahrheit sei. Heute nacht also sollte er erfahren, wo sein Kind war oder doch wenigstens den Aufenthalt Isabels, dieses schändlichen Weibes.

Daß Kiong Jang ihn im Auge behielt, dessen war Charter sicher, und das diente erst recht zur Erhöhung seiner glücklichen Stimmung.

Es war ein langer Weg, durch Haine und Wälder, über Berg und Tal, und oft mußte der Führer große Umwege machen, denn Dschungeln durften bei Nacht, der Raubtiere wegen, gar nicht passiert werden. Der Weg war an sich schon gefährlich. In der einen Hand hielt Carter das Messer, die andere lag in der Rocktasche am Kolben des Revolvers.

Als nach einer Stunde – sie befanden sich eben in einem schier undurchdringlichen Walde auf schmalem Pfade – der Führer noch immer nicht hielt, fragte Carter: »Ist es noch weit? Ich sehe auch noch kein Haus, kein Anzeichen von einer bewohnbaren ...«

Das Wort erstickte ihm in der Kehle, er fühlte eine Schlinge sich um seinen Hals legen, sie mußte ihm von hinten über den Kopf geworfen worden sein. Verrat! konnte er nur denken, er zückte das Messer nach dem Indier, da zog sich die Schlinge zu, und gleichzeitig ward Carter mit einem so furchtbaren Ruck hintenüber zu Boden gerissen, daß ihn augenblicklich die Besinnung verließ –einem weniger stark gebauten Mann wäre das Genick gebrochen worden.

Was mit ihm weiter geschah, wie lange er bewußtlos gelegen, konnte er später Kiong Jang nicht sagen, ebensowenig wie dieser selbst, obgleich er es anfangs zu wissen glaubte. Als er wieder erwachte, fühlte er sich auf eine fürchterliche Weise gefesselt. Entweder hatte man ihn mit Stricken förmlich umsponnen oder ihn ganz in ein Netz eingehüllt. Kein Glied konnte er bewegen, nicht den Kopf, nicht einmal einen Finger – er lag wie in einer Gipsverpackung.

Es war nicht dunkel vor seinen Augen, aber auch nicht hell, es herrschte Zwielicht, und als er nach und nach völlig zum Bewußtsein gekommen war und sich an alles erinnerte, wußte er ungefähr, in welcher Situation er sich befand.

Gefesselt war er, und zwar lag er in einer Art von Sack, durch welchen Licht schimmerte.

Er lag auf dem Rücken und jedenfalls auf. einem Tier, entweder auf einem Elefanten oder Kamel, denn er wurde stark geschaukelt und gerüttelt.

Da es hell war, mußte er viele Stunden bewußtlos gewesen sein, vielleicht auch schon einige Tage, denn er fühlte einen entsetzlichen Hunger.

Wo befand er sich nur? Was hatte man mit ihm vor? Hatte man ihm die geheime Order geraubt? Er konnte nichts fühlen, nichts hören und nichts sehen, alles hatte man ihm unmöglich gemacht, kaum konnte er genügend atmen, so fest lag die rauhe Sackleinwand auf seinem Mund – eine entsetzliche Lage.

Viele, viele Stunden lang wurde er in dieser Weise transportiert, und wir wollen die verzweifelten Gedanken des unglücklichen Mannes nicht schildern.

Es mochte Abend sein – vor Carters Augen wurde es dunkler – als das Tier, auf dem er lag, stand; er hörte Stimmen undeutlich murmeln und fühlte, wie man an dem seinen Körper bedeckenden Überzug nestelte.

Zum ersten Male versuchte er, einen Laut von sich zu geben, er brachte es nur zu einem dumpfen Stöhnen, aber da erhielt er schon einen Schlag ins Gesicht, daß im sofort das Blut aus der Nase zu rieseln begann.

Carter unterließ es zum zweiten Male zu rufen, gierig saugten die brennenden Lippen das eigene Blut auf.

Dann wurde er von dem Lasttier gehoben und auf die Erde gelegt. Er hörte viele Stimmen summen und nahm an, daß er bei einem Trupp wandernder Indier sei. Aber was in alter Welt hatte man nur mit ihm vor? Gutes sicherlich nicht. Warum sonst der heimliche, grausame Transport? Nicht lange könnte er so gelegen haben, als er wieder auf das Tier geschnallt wurde. Es ging weiter, und zwar sehr schnell, denn er wurde stark gerüttelt, wie etwa auf einem schnell trabenden Kamel. Carter nahm aus der vor den Augen herrschenden Dunkelheit an, daß es Nacht oder doch später Abend war. Es fand also ein Nachtmarsch statt.

Es dünkte ihn eine Ewigkeit, ehe dieser nächtliche Ritt ein Ende nahm; auf sechs Stunden schätzte er ihn mindestens, und in dieser Zeit kann ein trabendes Reittier ein gutes Stück Weg zurücklegen.

Wieder hielt das Tier, Carter wurde abermals abgehoben und blieb vorläufig am Boden liegen, bis wieder ein Stimmengemurmel, diesmal viel lauter, sich ihm näherte. Doch verstehen konnte er nichts. Dann fühlte er, wie ein Messer um ihn herum sägte und schnitt; Stricke und Leinwand gerissen, sie fielen zur Seite, und Carter lag frei da, zum ersten Male wieder den Himmel erblickend, der mit funkelnden Sternen besät war. Sonst konnte er in seiner Rückenlage – einer Bewegung war er noch gar nicht fähig – bemerken, daß er in einem ganz engen Felsenkessel lag, dessen Wände wild zerklüftet waren. Einige Indier umstanden ihn, von den Transporttieren konnte er nichts mehr sehen.

Jetzt beugte sich ein Indier mit wilden, von Leidenschaften entstellten Gesichtszügen über ihn und zückte einen langen Dolch auf seine Brust.

»Verfluchter Faringi,« zischte der Mann zwischen den Zähnen hervor, »wage dich uns zu widersetzen, und dieser Dolch trifft dich, an dessen Gift du unter den höllischsten Qualen stirbst!«

Ach, Carter dachte an keinen Widerstand, die Glieder waren ihm wie abgestorben.

Obgleich völlig frei, konnte er sich doch nicht im geringsten bewegen.

Ein Tuch wurde ihm vor die Augen gebunden, dann wurde er emporgehoben, anscheinend nur wenige Meter getragen und wieder hingelegt. Er hörte noch ein seltsames, ihm unerklärliches Geräusch, etwa, als wenn große Steine einen Berghang hinabrollen, dann trat völlige Stille um ihn her ein.

Plötzlich fühlte er, wie eine Hand ihn betastete; das Tuch wurde ihm abgenommen, und obgleich völlige Finsternis herrschte, erkannten seine an die Dunkelheit schon gewöhnten Augen, wie sich eine Gestalt über ihn beugte.

»Sir Carter!« flüsterte da eine Stimme.

Carter konnte kaum einen Jubelruf unterdrücken, er hatte wenigstens einen Freund hier.

»Kiong Jang, bist du's?«

»Ich bin's. Man hat mich ebenfalls gefangen. Trotz aller meiner Gewandtheit konnte ich diesen Scheusalen nicht entgehen!«

»Jener Indier war also doch ein Verräter!«

»O nein, Herr!« entgegnete der Chinese mit trauriger Stimme. »Ich habe gesehen, daß auch über ihn eine Schlinge fiel, wie später über mich; auch er wurde zu Boden gerissen, aber er brach dabei, das Genick. Herr, wir sind in die Hände der Thags gefallen!«

Carter schauerte zusammen. Thags, ein entsetzliches Wort! Nach der brahmanischen Religion ist die Welt mit Göttern, Geistern, Kobolden, Gnomen, Hexen und anderen guten und bösen Wesen bevölkert. Aus dieser Religion ist die buddhistische hervorgegangen, viel reiner und edler als jene; sie hat alle Götter und Geister abgeschafft, aber die Buddhisten glauben trotzdem noch an alle diese Unholde und pflegen deren Kultus.

Ganz dasselbe ist es ja bei uns Deutschen. Wir sind Christen, haben die jüdische Religion akzeptiert, aber wir können die altgermanische Götterlehre doch nicht vergessen. Unzählige Gebräuche, Handlungen und Ausdrücke stammen noch von dieser her, der Glaube an Hexen, Feen, Nixen und so weiter ist nichts anderes, wir benennen die Wochentage mit Namen germanischer Götter, wir sprechen von der wilden Jagd, wir hören als Kinder von der Frau Holle erzählen, welche die Betten ausschüttelt, wonach es dann schneit – alles nichts weiter als Erinnerungen an die heidnischen Vorväter. Noch viel mehr an den heidnischen Kult erinnern die speziellen Gebräuche in gewissen Gegenden Deutschlands: die Osterfeuer, die Feuer zur Sonnenwende, das Radtreiben und so weiter.

Ähnlich verhält es sich auch in Indien; der Buddhismus konnte dem Unwesen der Thags nicht steuern. Die Göttin Kali haßt, wie unser Teufel, alles Bestehende und Lebendige, besonders alles Schöne, sie ist die Göttin der Vernichtung. Ihre Diener sind die Agnis, die Feuergeister, und die Menschen, welche sich ihrem Dienste weihen, heißen Thags. Diese machen es sich zur Lebensaufgabe, so viel Menschen wie möglich meuchlings zu ermorden, womöglich junge, starke, schöne. Die Vereinigung der Thags erstreckt sich über ganz Asien; selbst bis nach Armenien haben sie sich einmal fühlbar gemacht, und schließlich sind die Vadoux, eine unter den Negern in Texas und Mexiko verbreitete Sekte, welche möglichst viele Menschen heimlich mit Gift morden, nichts anderes als Thags, denn auch sie beten die Vernichtung an, nur unter anderem Namen, und auch ihr heiliges Symbol ist die Schlange.

Die Thags bestehen, soviel man bisher gehört hat, aus vier Klassen, deren niedrigste die der Phansigars ist, das heißt, die der Schlingenwerfer, und in die Hände solcher waren Carter und Kiong Jang gefallen.

Es dauerte lange, ehe Carter das lähmende Entsetzen überwunden hatte, das ihn bei dieser Mitteilung überfiel, nicht, weil er sich vor dem sicheren Tode fürchtete, sondern weil er sich schon vor dem ersehnten Ziele glaubte und nun alles wieder gescheitert sah.

»Was ist wohl unser Los?« fragte er endlich.

»Herr, noch niemand hat etwas erzählen können, der den Thags zum Opfer gefallen ist, und was sich die übrigen zuraunen, das weißt du selbst.«

»Ich kann es nicht glauben, daß sie ihre Gefangenen lebendig den Schlangen zum Fraße vorwerfen.«

»Man sagt so. Wir werden es bald selbst erfahren, ob es wahr ist oder nicht.«

»Die Thags sollen in Indien einen eigenen, in den Felsen gehauenen Tempel besitzen, wo sie ihre Orgien feiern, die Kali verehren und ihre Opfer martern.«

»Ich glaube fast, wir sind in diesem Heiligtum.«

»Das ist ja nur ein Loch.«

»Wahrscheinlich ein Verließ für die Gefangenen, wir werden nicht immer hierbleiben.

Doch ich habe ganz vergessen, dich zu fragen, ob du Hunger hast.«

»Hast du etwas zu essen?«

Kiong Jang kroch davon und brachte eine Schale mit Wasser und einige Brotfladen.

»Sieh,« sagte er dumpf, »dies ist ein Zeichen, daß wir nicht verkommen sollen. Man will uns nicht verhungern lassen, denn man braucht uns noch.«

Während Carter mit Heißhunger das Brot verschlang, erzählte Kiong Jang seine Geschichte.

Der Chinese war ihm immer nachgeschlichen. Im Walde, an der Stelle des Überfalles, sah er plötzlich, wie ein Mann geräuschlos hinter Carter sprang, und dieser im nämlichen Augenblicke auch schon wie sein Führer zu Boden stürzte.

Kiong Jang wußte sofort, daß er es mit Thags zu tun hatte; hier konnte nur Flucht helfen, da aber sah er sich schon umzingelt, auch ihm flog eine Schlinge um den Hals, und auch er wurde zu Boden gerissen.

Doch er war nicht bewußtlos geworden, und so sah er noch, wie Carter gleich einem Ballen in Packleinwand geschnürt wurde. Dasselbe Los erwartete ihn. Dann wurden sie erst getragen, später auf die Rücken von Kamelen gehoben.

»Den getöteten Indier haben sie wahrscheinlich an Ort und Stelle verscharrt, denn die Phansigars und die Buthotes, die Würger mit dem Tuche, haben stets einen Lugha, einen Totengräber, bei sich,« schloß der Chinese seine Erzählung. »Verraten hat er uns also nicht.

Mehr weiß ich nicht zu sagen.«

Carters Hunger war gestillt; nach dieser Befriedigung kam er aber nur zu einer um so schlimmeren Erkenntnis seiner Lage.

Das >spurlose Verschwinden< war jedenfalls auch ihr Los.

Lange Zeit kauerten beide nebeneinander auf dem feuchten Boden, ohne ein Wort zu sprechen. Um sie herum war stockfinstere Nacht, kein Laut schlug an ihr Ohr.

Der Chinese versuchte immer noch, seine gelähmten Glieder gelenkig zu machen. Carter war dessen noch nicht fähig; steif, wie ein Stück Holz lag er am Boden, nicht einmal die Hand konnte er rühren, und er mußte es doch durchaus.

Endlich, nach langer Anstrengung, gelang es ihm; er legte die Hand auf die Brust, und siehe da, nichts war ihm geraubt, außer allen Waffen; seine Brieftasche und auch die geheime Order waren noch vorhanden. Ohne Zögern setzte er nun den Chinesen von seinem diplomatischen Auftrage in Kenntnis.

Nach längerer Überlegung sagte Kiong Jang: »Hättest du mir das eher gesagt, dann wäre ich auf die Vermutung gekommen, jener Zettel sollte dich dorthin locken, wo man dir die Order abnehmen konnte.«

»Niemand wußte etwas davon,« entgegnete Carter.

»Das glaubst du, ich aber vermute das Gegenteil. Jedenfalls ist der Plan jener Schurken zuschanden geworden, denn wir sind unter die Thags geraten. Sie wollen nur unser Leben; um alles andere kümmern sie sich nicht.«

Das Gespräch stockte, ein dumpfes Schweigen trat ein.

Wieder mochten die beiden Unglücklichen viele Stunden so dagesessen haben, jeder nur mit seinen Gedanken beschäftigt, als im Hintergrunde der Höhle plötzlich Lichter auftauchten, die sich ihnen näherten.

Dann erkannten sie einige nackte Kulis mit brennenden Fackeln in den Händen, und zwischen ihnen einen großen, dicken Indier in reicher Kleidung. In dem mit Edelsteinen verzierten Gürtel trug er Dolche und Pistolen; die übrigen waren ohne Waffen.

»Verfluchte Faringis, eure Stunde ist gekommen!« herrschte der Große die beiden am Boden Liegenden mit rauher Stimme an. »Die heiligen Schlangen sind hungrig. Auf, ihr Hunde, sie warten auf euch!«

Die Unglücklichen wurden mit Fußtritten gezwungen, sich zu erheben, und da sie sich kaum auf den Füßen halten konnten, wurden sie von rohen Fäusten gepackt und fortgeschleppt.

Die Höhle, in der sie sich befunden hatten, war nur klein gewesen, das Wasser rann von den Wänden herab. Durch eine eiserne Tür gelangten sie in eine andere, geräumigere, deren Wände glatt gemeißelt und wie von weißem Marmor erschienen; aber überall waren Löcher angebracht, und mit Entsetzen sahen sie, wie aus denselben Schlangenköpfe mit schillernden Augen und spielenden Zungen hervorlugten, oder wie sich die schuppigen Leiber auch halb aus den Verstecken herauswanden, bis nur noch die Schwänze darin waren.

In dieser Höhle war es hell, das Licht mußte von hoch oben hereinfallen, denn man konnte weder die Decke noch die Lichtquelle sehen. Doch die beiden hatten jetzt keine Aufmerksamkeit für ihre Umgebung, sie bemerkten auch nicht, wie sich um den Hals des dicken Indiers eine Schlange, eine giftige Kobra, wand und ihm wie liebkosend die Wange leckte, sie sahen auch nicht die Holzfeuer, welche überall in Wandnischen brannten – in dumpfer Verzweiflung ließen sie sich fortschleppen.

So kamen sie noch durch mehrere solcher höhlenartigen Gewölbe, alle vom Tageslicht erhellt, bis sie eins erreichten, in welchem zwei mächtige Königstiger lagen und sie knurrend empfingen.

Hier blieben sie vielleicht eine halbe Stunde, ohne menschliche Gesellschaft, allein mit den Tigern, welche ihre funkelnden Augen nicht von ihnen wandten, sich aber sonst ruhig verhielten.

Da öffnete sich wieder die eiserne Tür, und die Gefangenen wurden in eine Grotte geführt, welche nur von Fackeln erleuchtet war. In wunderbarem Farbenspiel brach sich das zitternde Licht an den Wänden, es war, als beständen diese aus Diamanten, ebenso wie die Säulen, auf denen die Decke des Gewölbes ruhte.

Ringsherum in Nischen standen große, scheußliche Figuren, alle verschieden, bald Menschen mit zwei, drei und noch mehr Köpfen darstellend, bald zusammengesetzt aus Menschen- und Tierleibern.

Dies waren die Götter, welche der Kali gehorchten, und deren Bildnis selbst erhob sich in riesiger Dimension in der Mitte des Raumes. Sie zeigte ein schönes Gesicht, ganz schwarz, wahrscheinlich aus Erz, die Augen glühten wie feurige Kohlen, um den Kopf wanden sich statt der Haare eherne Schlangen, statt der Hände ruhten auf dem Postament Tigerklauen. Den unteren Teil konnte man nicht sehen, denn er verschwand in einer Vertiefung, und aus dieser ertönte ein greuliches Zischen.

Jetzt waren die beiden Gefangenen nicht mehr im Zweifel, was für eines Todes sie sterben sollten. In jene Grube wurden sie gestürzt und dienten dem giftigen Gewürm darin zum Fraße. Es schien nicht einmal eine heilige Zeremonie stattzufinden, die Schlangen wurden einfach mit Menschenfleisch gefüttert.

Diese mußten das ihrer wartende Mahl ahnen, ihr Zischen wurde immer stärker.

Jetzt erschien der dicke Indier wieder, er trug keine Waffen, aber dafür wanden sich ihm um Hals und Arme mehrere der giftigen Scheusale.

»Hört ihr, wie sie zischen?« sagte er höhnisch zu den Gefangenen. »Die Schützlinge der heiligen Kali wittern euch. Hinunter mit euch, daß sie sich am Fleische verfluchter Faringis ergötzen, denn zu etwas Besserem seid ihr doch nicht wert.«

Beide wurden von hinten ergriffen und der Tiefe zugedrängt. Wenn sie auch an Widerstand gedacht hätten, sie konnten sich nicht wehren, weil sie durch das lange Stilliegen in festgebundenem Zustande zu sehr geschwächt worden waren.

Da erscholl ein Ruf; der dicke Indier stieß einen anderen aus, und die beiden Gefangenen wurden wieder losgelassen. Schon standen sie am Abgrunde und sahen, wie sich unten die schillernden Leiber durcheinanderwanden, zu Klumpen ballten, und wie sich Hunderte von züngelnden Köpfen ihnen entgegenstreckten.

Durch eine Tür trat ein Mann in den Saal, bei dessen Anblick Carter sowohl, wie Kiong Jang auffuhren, als wären sie jetzt schon von Nattern gebissen worden – diese kleine schmächtige Gestalt war niemand anders als Timur Dhar.

»Er ist es,« flüsterte Kiong Jang; »so sah er schon vor fünf Jahren aus, als ich ihm entlief.«

»Er ist es,« hauchte auch Carter, »er hat mein Kind.«

Er mußte sich auf den Chinesen stützen, sonst wäre er vor Aufregung zusammengebrochen.

Der Dicke trat dem Gaukler entgegen und machte eben kein freundliches Gesicht. Es wurde ganz offen gesprochen, ein Zeichen, daß man einen Verrat hier nicht fürchtete.

»Timur Dhar,« sagte der Dicke mit einer Verbeugung, »betrittst auch du wieder einmal den Tempel der heiligen Kali? Schon lange ist es her, daß du dich nicht mehr an ihrem Anblick erfreut hast.«

»Ich habe jetzt andere Sachen zu tun, als betend vor ihrem Bildnis zu liegen und um dasselbe zu tanzen,« entgegnete der Indier mit seiner Fistelstimme. »Indien braucht mich, jede meiner Minuten ist gezählt.«

»Erst die Götter, dann die Menschen!«

»Meine Absichten haben nur den Zweck, dafür zu sorgen, daß Kali wieder zu früherem Ansehen kommt.«

Der Dicke schien hier der Erste zu sein, sonst jedoch mußte Timur Dhar wohl der Mächtigere sein, denn er bezeugte keine Ehrfurcht vor dem Priester, wohl aber dieser gegen ihn.

»So sprich, Timur Dhar,« sagte der Priester der Kali, »was führt dich hierher, wenn du zur Anbetung keine Zeit hast?«

»Jene Gefangenen.« »Sie sind den Schlangen verfallen.« »Ich brauche sie!« »Zu spät! Ich habe sie der Kali versprochen.« »Sie sollen ihr nicht entgehen. Jener dort,« Timur deutete auf Carter, »trägt ein Geheimnis bei sich, welches ich besitzen muß; ich sage, ich muß es haben. Es gelang mir, ihn von seinem Hause fortzulocken, in seinem Zimmer war das Gesuchte nicht zu finden, also muß er es bei sich tragen. Gib mir es, dann füttere meinetwegen mit ihm die Schlangen.« Der Priester lachte spöttisch.

»Du weißt so gut wie ich, daß die Opfer den Schlangen so hingegeben werden müssen, wie wir sie fangen.« »Sie sind oft vorher geplündert worden.« »Doch diese Entheiligten wurden stets den Tigern vorgeworfen,« entgegnete der Priester finster.

»Wahrscheinlich nicht alle. Genug davon! Willst du mir jene beiden Männer dort überlassen?« »Nein, ich darf nicht! Die Schlangen sind hungrig.« »Gib ihnen wie sonst Fleisch von Tieren.« »Wird die Göttin betrogen, so zürnt sie mir und dir.« »Unter welchen Bedingungen überläßt du sie mir?« »Gegen Ersatz.« »Gut denn,« sagte Timur Dhar langsam, »ich will dir einen Ersatz bieten. Diese Männer sind nur gut, den Hunger der heiligen Schlangen zu stillen, du aber möchtest ein Wesen haben, welches würdig ist, der Göttin. selbst geopfert zu werden. Lange Jahre sind schon verstrichen, und sie hat keins bekommen, doch nun endlich –« »O,« unterbrach ihn der Priester freudig, »wäre es dir gelungen, ein solches zu beschaffen?« »Ja.«

»Ein Mädchen?«

»Eine Jungfrau.«

»Ein Faringi?«

»Eine Faringi, wie du sie noch nie geschaut hast. So rein wie das Wasser, welches dem Berge entspringt, so weiß wie, der Schnee, der die Gipfel der Berge krönt, und so schön wie die Sonne, wenn sie am Morgen auftaucht.«

»Zeig sie mir!«

Schon war eine verschleierte Gestalt von einem Indier hereingeführt worden; Timur Dhar drehte sich um, zog den Schleier hinweg, und den erstaunten Blicken der Indier zeigte sich eine entzückende Erscheinung.

Es war ein Mädchen, höchstens sechzehn Jahre alt, ihre Hautfarbe weiß wie Schnee, die Wangen nur von einer leisen Röte angehaucht, das Antlitz von einer madonnenhaften Schönheit. Goldenes Haar wallte wie ein Schleier fast bis zur Erde herab und lag schimmernd auf dem schwarzen Kleid, das ihre zarte Gestalt umschloß.

Die großen, blauen Augen des Mädchens sahen sich ängstlich im Kreise um und blieben halb bittend, halb fragend auf Timur Dhar haften.

Der Priester war entzückt.

»Überlaß sie mir!« rief er. wiederholt. »Wie wird die Kali dir und uns gnädig sein, wenn dieses Mädchen auf ihrem Altar geopfert wirb.« »Sie gehört dir,« entgegnete Timur Dhar, »wenn du diese beiden mir überläßt.« »Nimm sie hin, nimm sie hin!« Die Indier umringten in tollem Jubel das Mädchen, welches vor Entsetzen zur Bildsäule erstarrte. Es schien, seine Lage noch gar nicht zu begreifen. Timur Dhar aber schritt auf die Gefangenen zu.

Carter hatte die ganze Unterredung nicht verstanden, weil sie im Idiom der Gaukler geführt worden war, wohl aber Kiong Jang. Dieser wußte jetzt alles.

Timur Dhar war es gewesen, der Carter von seinem Hause weggelockt hatte, und zwar wollte er sich der geheimen Order bemächtigen, die dieser bei sich trug. Die Thags aber hatten seinen Plan durchkreuzt, ohne sein Wissen und gegen seinen Willen hatten sie die einsamen Wanderer gefangen.

»Timur Dhar weiß von deinem Geheimnis, er will es haben,« flüsterte der Chinese seinem Gefährten schnell zu.

Da ging Carter das Verständnis auf.

Schnell wie der Blitz fuhr seine Hand in die Brusttasche, riß das Pergament heraus und warf dieses in das ihm zunächst stehende Becken, in dem ein großes Holzfeuer brannte.

Mit einem furchtbaren Schrei stürzte Timur Dhar vorwärts, die Hand ausgestreckt, um den Flammen ihr Opfer zu entreißen, aber gleichzeitig sprang ihm Carter entgegen, sie prallten zusammen und wieder auseinander, und dann standen sich beide gegenüber.

Carter wußte, was er getan hatte; er erwartete das Schlimmste, aber dennoch überkam ihn plötzlich ein wunderbar seliges Gefühl, jenes Gefühl, das nur der Held kennt, wenn er aus vollem Herzen eine gute Tat getan hat, gleichgültig, ob diese geräuschvoll und glänzend oder still, im Ertragen von Leiden, geschehen ist, gleichgültig, ob sie bewundert oder nie bekannt wird.

Mitten zwischen den menschlichen Unholden und Schlangen, im Felsentempel der Göttin der Vernichtung, wo ihm der Tob in tausenderlei furchtbarsten Gestalten drohte, fühlte sich Carter plötzlich als ein solcher Held; eine unnennbare Freude erfüllte sein Herz.

»Zu spät!« sagte er ruhig, die Arme über der Brust verschränkt. »Zu spät, Timur Dhar! Was auf jenem Pergament gestanden hat, wirst du nie erfahren. Wenn du aber wirklich Fürst aller Erdengeister bist, so kannst du ihnen ja befehlen, es so wiederherzustellen, daß du es lesen kannst. Ich glaube nicht an deine übernatürliche Kraft. Wisse, schurkischer Gaukler, daß ich ein Engländer bin, der lieber den hundertfältigen Tod erträgt, als daß er ein ihm anvertrautes Geheimnis verrät. Martere mich, quäle mich, wie du willst, laß mich von Schlangen auffressen, laß mich bei lebendigem Leibe verfaulen – nie wirst du von mir erfahren, was das Pergament enthielt!«

Timur Dhar schien über jede Leidenschaft erhaben. Kein Zorn, kein Haß, nicht die geringste Aufregung war in seinem runzligen Gesicht zu lesen. Er stand, die Arme ebenfalls über der Brust verschränkt, dem Engländer regungslos gegenüber und hatte seine kleinen Augen durchbohrend auf ihn geheftet.

Lange, minutenlang stand er so da, ohne ein Wort zu sprechen. Dann rief ein Wink den Priester zu ihm.

»Diese beiden gehören mir?« fragte er.

»Ja, für das Mädchen.«

»Ich gebe sie dir wieder.«

»So sollen sie von den Schlangen doch noch gefressen werden, und Kali wird dir danken.«

»Nein, sie sollen leben!« »Leben?« fragte der Priester erstaunt.

»Ja, sie sollen leben, bis sie von selbst sterben. Du beklagtest dich einst, weil du nicht mehr so viel Faringis bekämst, daß du nicht alle den Schlangen vorzuwerfen brauchtest, sondern einige als Gefangene behalten könntest, welche die Arbeiten verrichten, denen sich deine Diener nur ungern hingeben. Ich überlasse dir diese beiden unter der Bedingung, daß du sie als Gefangene behältst.«

»Wie du befiehlst. Sie werden leben bleiben!«

»Und du, wandte sich Timur Dhar wieder an Carter, »höre, was ich dir zu sagen habe: Du bleibst hier, als Tempelgefangener der Göttin Kali. Die Arbeiten, vor denen sich jeder Indier ekelt, sollst du verrichten, dein ganzes Leben lang. Ich lasse dich nicht martern, aber ich lege dir eine Qual ins Herz, welche dasselbe mehr zerfleischen soll, als Schlangen dies tun können.

Höre: Du sollst in deinem Vaterlande als Hochverräter gelten, so lange die Welt steht, jeder Engländer soll bei Nennung deines Namens ausspucken, denn alle glauben, du hast dein Geheimnis verraten. Ich habe die Mittel dazu, verlaß dich darauf. Du selbst sollst erfahren, daß es so ist. Wenn deine Gattin vom Wahnsinn geheilt ist, dann soll sie an dich als an einen Hochverräter nur mit Abscheu denken, sie mag deinen Namen nicht mehr tragen, und deswegen heiratet sie, wenn du lange genug als verschollen gegolten hast, einen anderen, und der, den sie freit ist der, welcher uns von deinem Geheimnis in Kenntnis gesetzt hat. Der ist der Hochverräter, du aber sollst für immer als solcher gelten. Höre ferner: Ich habe dir versprochen, du sollst deine Tochter wiedersehen, wenn die Zeit erfüllt ist. Ich habe sie auf Veranlassung deiner Schwägerin Isabel, die dich und Emily haßt, geraubt, und sie ist in meinen Händen. Ja, Sir Frank Carter, du sollst Eugenie wiedersehen, und dann sollst du sie auch erkennen, du wirst sie erst umarmen wollen, dann um Gnade bitten, du wirst ihr sagen, daß du ihr Vater bist, sie aber wird dir ins Gesicht spucken, dich verhöhnen und von ihren Dienern fordern, daß man dich wegen deiner wahnsinnigen Vermessenheit züchtigen soll.

Wie Isabels Flüche in Erfüllung gegangen sind, so sollen, es auch meine Prophezeiungen, und ich selbst werde dafür sorgen, daß du dies erkennst. Ja, Sir Frank Carter, zum Hochverräter gebrandmarkt, die Gattin heiratet bei deinen Lebzeiten einen anderen, der dich ins Unglück gestürzt hat, sie liebt deinen Feind und verachtet dich, und deine Tochter häuft über dein Haus Unglück auf Unglück, bis es zum Steinhaufen zusammenstürzt. Dies lasse ich dir als Andenken zurück!«

Carter hatte unbeweglich diese Drohungen angehört, sie vermochten ihn nicht niederzuschmettern.

»Noch lebt ein Gott,« antwortete er ruhig, als sich des Gauklers Flüche erschöpft hatten, »und dieser Gott ist mächtiger als du, Timur Dhar, er spottet deines Eigendünkels und wird dir und mir zeigen, daß er der Herr, und zwar der allgütige ist.«

Timur Dhar trat auf den Chinesen zu und blieb seitlich vor ihm stehen.

»Und nun zu dir,« begann er in leidenschaftslosem Tone. »Du warst einst mein Schüler, und ich hatte es gut mit dir vor. Anstatt mir zu folgen, bist du entlaufen und hast dich den Faringis angeschlossen, die unser Vaterland unterdrücken und ausbeuten, du hilfst ihnen dabei. Warum eigentlich nennst du dich noch einen Chinesen? Warum glaubst du noch nicht an den Judengott der Faringis?«

Der Chinese schwieg. Da zuckte des Gauklers Hand; wie ein blauer Funke fuhr ein Dolch durch die Luft, und zu des Chinesen Füßen lag dessen eigener Zopf – Timur Dhar hatte ihn abgeschnitten.

»Da, erst dies für dich! Du bist kein Chinese mehr, also sollst du auch keinen Zopf mehr tragen. Man wird dafür sorgen, daß er nicht wieder wächst. Auch du sollst, zur Strafe für Ungehorsam und Verräterei, Zeit deines Lebens als verachteter Sklave hier leben.«

Ein Wutschrei entfuhr den Lippen Kiona Jangs, er wollte sich auf Timur Dhar stürzen, beherrschte sich aber noch, denn er kannte die Kraft und Gewandtheit des indischen Gauklers.

Was aber in seinem Herzen in diesem Augenblicke vorging, vermag keine Feder zu schildern.

Es war ihm die furchtbarste Schmach angetan worden, die einem Chinesen nur zugefügt werden kann – der Zopf war ihm abgeschnitten worden; ohne Zopf aber ist der Chinese ein verachteter Mann, hier schon wie später auch im Jenseits, das heißt, ohne Zopf kann er nicht in den Himmel kommen. Jeder Chinese rächt das Abschneiden seines Zopfes mit dem Tode.

Doch Timur Dhar fürchtete Kiong Jangs Rache nicht, kalt wandte er den beiden den Rücken, sprach zu dem dicken Priester noch einige Worte und ging an der Gruppe vorüber, die sich um das Mädchen gebildet hatte, der Türe zu.

Das letztere hatte sich bis jetzt nur mit angstvollen Augen umgeschaut, es begriff noch nicht im geringsten, was sein Los sei.

»Sinkolin,« schrie es laut dem fortgehenden Gaukler nach, »Sinkolin, verlaß mich nicht! « Der Gaukler wandte sich noch einmal um.

»Törin!« rief er spöttisch. »Glaubtest du, ich rettete dich, um dich dem Leben zu erhalten? Du warst nur zu gut, den Menschen geopfert zu werden, den Göttern sollst du zum Opfer dienen!«

Die beiden Gefangenen wurden hinausgeführt, Kiong Jang sah noch, wie die Unglückliche nach den Worten des Gauklers mit einem Wehruf bewußtlos zusammenbrach, aber vom Boden wieder emporgerissen wurde. Ihr Schicksal blieb ihm unbekannt, wenigstens vorläufig.

Was der Chinese weiter den köpfschüttelnden Zuhörern in ganz ausführlicher Weise über seine siebzehnjährige Gefangenschaft erzählte, sei hier nur mit kurzen Worten wiedergegeben.

Carter und sein Gefährte wurden wie Sklaven behandelt, jeder durfte sie nach Willkür schlagen; sie mußten die Schlangen füttern, Reinigungsarbeiten verrichten und nach nächtlichen Orgien, denen sie nicht beiwohnen durften, die Spuren vertilgen, das heißt die Fleischüberreste, Gedärme, Blutflecke und so weiter entfernen. Nie kamen sie aus dem Felsen heraus, in dessen Gängen und Grotten sie eingeschlossen waren.

Was sonst in dem Felsentempel vorging, erfuhren sie nicht. Oftmals kamen des Abends oder Nachts zahlreiche Trupps an, und dann hallte er tagelang von wüstem, jubelndem Geheul wider. Es wurden Orgien abgehalten, durch welche die Göttin Kali verehrt werden sollte. Unter den Gästen befanden sich auch Frauen und Mädchen, und der Chinese erzählte, daß die meisten, Frauen, wie Männer, sehr reich gekleidet waren und überhaupt Reichtum und Ansehen verrieten.

Die blutigen Überreste der Opfer, welche die beiden Sklaven entfernen mußten, gehörten nach Aussage des Chinesen Tieren an, Rindern und Schafen, einigemal aber konnte er auch mit Bestimmtheit sagen, daß sie von Menschen herstammten. So zum Beispiel fand er auch einst zwei blanke Knöpfe, die zur Uniform eines englischen Soldaten gehört hatten. In der Nacht zuvor hatte Kiong Jang einen Menschen furchtbar schreien hören und ihn an einem Ausruf als Engländer erkannt.

Es war also kein Zweifel, daß zur Fütterung der heiligen Schlangen nicht nur Tiere, sondern auch ab und zu Menschen benutzt wurden, und ebenso, daß die Thags auf dem Altar der schrecklichen Kali wirklich Menschen opferten.

Bisher hatte man dies nur für Aberglauben gehalten, und war es auch noch nicht als eine Tatsache bewiesen, so gab die Erzählung Kiong Jangs doch den Grund dazu, daß man ernstliche Untersuchungen anstellte.

Wie schon gesagt, die beiden Gefangenen wurden in dem Felsentempel wie Sklaven behandelt.

Für eine Flucht schien keine Möglichkeit vorhanden, solange sie nicht den Weg entdeckt hatten, auf dem die Gäste heimlich des Nachts den Felsentempel betraten, und diesen fanden sie nicht, machten auch keinen Versuch, ihn zu entdecken, um keinen Argwohn zu erregen.

Überdies wurden sie scharf beobachtet, und waren keine Menschen in der Nähe – oft war alles wie ausgestorben – so befanden sich die beiden Tiger bei ihnen, die schon knurrten, wenn sie nur laut sprachen.

So vergingen fast siebzehn Jahre.

Kiong Jang hatte sich in sein Schicksal durchaus noch nicht ergeben, fortwährend dachte er – weniger an Flucht als an Rache, denn da sein Haar jeden Monat einmal völlig vom Kopf rasiert wurde, erinnerte er sich immer wieder der ihm angetanen Schmach. Dies wurde also auf Befehl Timur Dhars getan. Diesen selbst jedoch bekamen die Gefangenen nur einigemal zu sehen; er erschien nur Carters wegen in dem Felsentempel.

Aber Kiong Jang sah keine Möglichkeit, sich rächen zu können, denn dazu hätte er wenigstens im Besitz einer Waffe sein müssen, die er auf seinen Peiniger richtete. Doch alle, die im Tempel verkehrten, erschienen stets vollkommen unbewaffnet, man konnte ihnen also keine Waffen entreißen. Dagegen besaßen die indischen Tempeldiener in den Tigern einen mächtigen Schutz, und die Schlangen, die sie beständig mit sich herumtrugen, schienen ihre Herren mit den Giftzähnen verteidigen zu wollen.

Die Schlangen, welche in den Steinwänden ihr Dasein fristeten, waren nicht giftig, das konnte Kiong Jang vor seinen Zuhörern bestimmt behaupten, wohl aber jene, die in der das Standbild der Kali umgebenden Grube hausten, wie auch jene, welche die Priester mit sich trugen.

Der Chinese selbst hatte gesehen, wie einst eine solche Schlange einen Affen gebissen hatte, wonach dieser sofort gestorben war. Also mußte sie im Besitz ihrer Giftzähne sein. Da nun die Indier ganz sorglos mit den Giftschlangen umgingen, so durfte man annehmen, daß sie sich vor dem Schlangenbiß überhaupt nicht fürchteten.

Man sagte bis vor ganz kurzer Zeit, daß jene Geschichte mit der Pflanze, deren Saft das Schlangengift unschädlich mache, ein Märchen sei. Erst im Jahre 1895 hat ein französischer Gelehrter bewiesen, daß eine solche Pflanze wirklich existiert. Ihr Saft ins Blut gespritzt, hebt die tödliche Wirkung eines jeden Schlangengiftes auf; wenn man sich damit einreibt, so wird einen nie eine Schlange beißen, denn sie kann den Geruch nicht ausstehen, sie flieht ihn.

So waren also die Behauptungen, daß die Schlangenbeschwörer ein Mittel gegen das Schlangengift besäßen, keine Fabel. Diese Leute haben ihr Geheimnis nur sorgsam behütet.

Welche Gedanken den unglücklichen Carter beherrschten, ob er über Fluchtpläne grübelte, ob er alle Hoffnung aufgegeben, konnte Kiong Jang nicht sagen, denn der Unglückliche sprach fast gar nicht mehr zu seinem Leidensgefährten, obgleich dazu Gelegenheit vorhanden war.

Stumm verrichtete er seine Arbeit; geduldig ertrug er alle Mißhandlungen, und daß seine Verzweiflung nur immer wuchs, dafür sorgte Timur Dhar laut seiner Drohung.

Noch nicht lange waren sie gefangen, als Kiong Jang den Gaukler wieder einmal im Tempel sah. Gleich darauf rief Carter seinen Gefährten zu sich und zeigte ihm einige englische Zeitungen, in welchen Carter als Hochverräter gebrandmarkt wurde.

Von dem Vorhandensein des Briefes, der die Schuld auf Carter warf, hatten beide keine Ahnung gehabt. Er war ein Werk Timur's gewesen.

Carter ließ sich nicht weiter darüber aus, er verbarg die Berichte unter seinem Gewand und ertrug geduldig die ungeheure Beschuldigung.

So galt er also in seinem Vaterland als Hochverräter, er, der eher das Leben gelassen, als sein Geheimnis preisgegeben hätte.

Fünfzehn Jahre später erschien Timur Dhar zum zweiten Male im Felsentempel; wieder suchte Carter seinen Leidensgenossen auf, denn wieder hatte er durch Timur Dhar eine Zeitung erhalten, die eine für ihn niederschmetternde Nachricht enthielt: man wollte Carters Knochengerippe in einer Schlucht bei Akola entdeckt haben, der aufgefundene Trauring war der untrügliche Beweis, daß es wirklich die irdischen Überreste des Verschollenen waren.

Carter sagte nicht, was in ihm vorging, aber Kiong Jang sah es ihm an den schon halb erloschenen Augen an.

Leben, als ehrlicher, sich keiner Schuld bewußter Mann leben, und sich von der Welt tot und ehrlos gehalten zu, wissen – Timur Dhar verstand furchtbare Strafen zu verhängen über die, die seinen Zorn erregt hatten.

Und dann kam das schrecklichste für den vielgeprüften Mann: durch Timur erfuhr er die Verlobung seiner sich für verwitwet haltenden Gattin mit Westerly.

Carter kannte diesen nicht weiter. Was hatte aber Timur von ihm gesagt? Der, welcher das Geheimnis verraten, den Hochverrat also, für den Carter büßen mußte, wirklich begangen hatte, sollte seine Gattin freien. Carter verstand die Bedeutung dieser Worte nicht. Wie sollte denn Westerly das Geheimnis verraten haben? Aus welchem Grunde? Nein, das war nur eine Lüge gewesen, der Gaukler wollte sich für einen allwissenden Propheten ausgeben.

Aber die Verlobung seiner Gattin war Wahrheit – und er lebte! »Wir müssen fliehen,« flüsterte er seit jener Zeit bei jeder Gelegenheit dem Chinesen zu, hörst du, wir müssen! Ich oder du, einer von uns beiden muß von hier fort, nach England, zu meiner Frau, ehe noch ein Jahr verstrichen ist.«

Der treue Kiong Jang dachte seitdem weniger an sich und seine Rache, als vielmehr an das Los seines unglückseligen Herrn.

Was war aus diesem geworden? Das Haar gebleicht, das Haupt gebeugt, die Augen erloschen, die ganze Gestalt zusammengeschrumpft und abgemagert – ein Greis von vierzig Jahren, aber es kamen Augenblicke, da sich diese Gestalt reckte und dehnte, da sie ihre alte, markige Kraft wiedergewonnen zu haben schien, und da die Augen, wieder wie früher in feurigem Glänze strahlten.

In solchen Augenblicken gedachte Carter der Zeit, wenn er als Rächer auftreten würde, und das Lug- und Truggewebe vernichten wollte, das elende Schurken um ihn gesponnen hatten. Nur der Gedanke, die Hoffnung an das Kommen dieser Zeit hielten ihn von einem Selbstmord ab.

Eines Tages trafen die beiden Gefangenen zusammen, als sie vor den vielen Feuerplätzen Holz aufschichten mußten. Die sonderbaren Blicke des Chinesen machten Carter, so apathisch er auch sonst geworden war, doch aufmerksam. Er näherte sich dem Genossen in unauffälliger Weise.

»Herr, eine Entdeckung,« murmelte Kiong Jang, »wir sind gleich allein.«

Der Tempeldiener hatte in dem Räume zu tun, ging er, so konnten die beiden ungeniert sprechen, sonst war die Unterhaltung gefährlich. Der Chinese hatte bemerkt, daß der Indier gehen wollte, und machte Carter darauf aufmerksam, daß er den Raum nicht vor dem Indier verlassen sollte.

Carter hatte verstanden. Kaum konnte er erwarten, bis der Indier hinaus war.

»Was gibt's, was hast du entdeckt?« fragte er mit einer Lebhaftigkeit, wie er sie seit sechzehn Jahren nicht mehr gezeigt hatte.

»Einen Ausgang aus diesem Felsen.«

»Einen Ausgang?« schrie Carter fast.

»Nicht so laut, oder alles ist verloren! Höre, was ich gefunden habe! Du weißt, ich habe die Schlangen in dem hintersten, dunklen Gange zu füttern. Gestern abend legte, ich am letzten Schlangenloch Fleisch hin, ich wollte es nicht zurücktragen. Heute morgen war es fort, ich forschte nach und fand die Spuren eines Fuchses. Wo kommt der her?«

»Dann ist ein Ausgang da.« hauchte Carter. »Hast du ihn schon gefunden?«

»Noch nicht. Ich habe die Spur verfolgt, es wurde jedoch zu dunkel; ich mußte aufhören.

Heute verfolge ich sie weiter, und du kommst mit. Willst du?«

»Ob ich will! Kennst du den Gang?«

»Ja. Er endet glatt.«

»Wo sollte der Ausgang denn sein?«

»Einige der Schlangenlöcher sind sehr groß, nur durch ein solches kann der Fuchs gekommen sein.«

»Dann können wir nicht hindurch.«

»Wo ein Fuchs durchkommt, muß auch ich durchkommen. Ich muß, und sollte ich mir die Schultern abschneiden!«

Die beiden wurden getrennt.

Am Abend suchte der Chinese Carter wieder auf. Sein Auge glänzte vor Triumph.

»Ich habe das Loch gefunden, die Spur endet darin.«

»Werden wir durchschlüpfen können?«

»Ich muß!« wiederholte Kiong Jang. Als die Nacht anbrach, waren die Gefangenen sich selbst überlassen. Sie durften keinen Anspruch auf ein Bett, nicht einmal auf ein Lager machen, die einzige Freiheit war, daß sie sich die Ecke aussuchen durften, in welcher sie wie Hunde während der Nacht liegen konnten.

Dies war ihnen günstig.

Kiong Jang führte den vor Aufregung zitternden Carter in einen Gang, welcher in tiefem Dunkel lag, weil kein Tageslicht mehr in ihn fiel. Doch man konnte noch erkennen, daß hier ebenfalls Löcher in der Wand waren, und zwar größere als gewöhnlich. Auch in diesen hausten Schlangen.

Kiong Jang legte sich neben einem Loch auf den Steinboden.

»Hierhinein führt die Spur; die Schlange, die in dieser Höhle hauste, ist schon lange tot, das weiß ich« flüsterte er.

»Du konntest die Spur doch nicht erkennen, es ist Steinboden.«

»Was ist das?« fragte der Chinese, den Finger auf den Rand des Loches legend.

Carter erkannte rotbraune Haare, welche zwischen den spitzen Steinen des Randes eingeklemmt waren – Kiong Jang hatte recht, durch dieses Loch mußte ein Fuchs geschlüpft sein, vielleicht schon öfters. Doch es war nur einen Viertelmeter im Durchmesser.

»Hier kann ich mich nicht durchdrängen,« seufzte Carter, »nicht einmal mein Kopf wird durchgehen. Und du?«

»Mein Kopf geht hindurch, also auch mein ganzer Körper. Laß es dunkel werden, dann gehe ich.«

»Es sind noch andere, breitere Löcher da.«

»Sie alle sind nicht tief, ich habe sie untersucht, stets kann man mit der Hand das Ende erreichen. Nur bei diesem einen nicht. Es ist keine Höhle, es ist ein Gang, und ich werde den Schlupfwinkel des Fuchses ausspüren.«

Mitleidig blickte der Sprecher auf Carter; welcher den Kopf gesenkt hatte. Es war keine Möglichkeit, daß er diesen Gang benutzen konnte, Kiong Jang dagegen war bei einem Gaukler in die Schule gegangen, er konnte überall da durchschlüpfen, wo er den Kopf durch brachte.

Dennoch war es fraglich, ob er einen Ausgang erreichte, denn für einen Fuchs konnte der Gang wohl noch enger werden, doch nicht für den Chinesen.

Die beiden warteten, bis vollständig Dunkelheit herrschte. Dann ergriff Carter die Hand seines Leidensgefährten.

»Jetzt geh! Gott geleite dich!« sagte er. »Gelingt es dir, so eile nach England zu Lady Carter und sage ihr, daß ihr Gatte noch lebt.«

»Ach, konntest du mit!« seufzte Kiong Jang, niedergeschlagen.

»Es geht nicht, und ich muß mich fügen. Gern will ich es auch ertragen, wenn ich nur weiß, daß du noch rechtzeitig in meiner Heimat eintriffst. Versuche jetzt das Wagnis, ich will für dich beten!«

»Wenn mir diese Hunde nur meinen Gott nicht geraubt hätten. Ich bin ohne Schutz!«

»Ein anderer Gott wird über dich wachen, ein Gott, welchen niemand dem Menschen rauben kann. Er wird auf meine Bitte bei dir sein und dich zurückführen, mich zu befreien.«

Noch ein Händedruck, dann begann Kiong Jang seinen gefährlichen Schleichweg, der ihn in ein ungewisses Dunkel führte. Er hatte Mühe, die Schultern durch das Loch zu zwängen, nach Beseitigung dieser Schwierigkeit ging es aber leichter und schneller vorwärts; einmal konnte er sogar auf den Knien weiterkriechen, während er sonst auf dem Leibe rutschen mußte – ein mühseliger Weg.

Kiong Jang merkte deutlich, daß der Gang bergab lief, und schließlich fiel er sogar sehr schräg ab. Dann wurde er wieder enger und immer enger, der Chinese hatte immer größere Mühe, sich fortzuarbeiten und nach einigen Stunden solcher Anstrengung sah er seine Kraft erschöpft, er stak wie festgekeilt in der Enge, unfähig, auch nur die Arme zu rühren. Noch einmal raffte er alle Kraft zusammen und machte einen erneuten Versuch, hoffend, daß er einen geräumigeren Teil erreiche, arbeitete sich aber nur fester ein.

Endlich gab er seine Bemühungen auf. Was ihm nun bevorstand, war ihm klar genug.

Konnte er doch nicht einmal in die Tasche greifen, um sich an den wenigen, mitgenommenen Nahrungsmitteln zu sättigen! Nach einigen verzweifelten Anstrengungen, sich aus der Lage zu befreien, übermannte ihn die Erschöpfung, bis er endlich, in Schweiß gebadet, einschlief und so seine trostlose Situation für einige Stunden vergaß.

Als er wieder erwachte, wunderte er sich erst über die um ihn herrschende Dunkelheit, bei der ersten Bewegung, die er ausführen wollte, kam ihm indes alles in die Erinnerung zurück.

Erst wurde er von lähmendem Entsetzen erfaßt, er sah sich dem Hungertode ausgesetzt.

Mit verzweifelter Kraft machte er neue Anstrengungen, immer nach vorwärts, nicht zurück, denn hinter ihm wartete seiner Schlimmeres als der Tod, und siehe da, er konnte sich einen Fuß fortschieben, dann noch einen, es ging immer leichter, der Gang erweiterte sich, und endlich konnte er ganz bequem weiterkriechen.

Mit ungeschwächter Kraft setzte er seinen Weg fort, der wohl ungefähr acht Stunden in Anspruch nahm. Dann wurde der Gang so hoch, daß ihm das Gehen, wenn auch gebückt, möglich, war. Es zeigte sich Leben, er hörte es springen und rascheln, seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen erkannten langbehaarte Tiere, wahrscheinlich Wölfe oder Füchse, welche eiligst vor dem Eindringling flohen, und schließlich sah er in der Ferne etwas Helles schimmern – das Tageslicht.

Mit einem Freudenruf eilte Kiong Jang darauf zu, konnte es aber nicht so schnell erreichen, wie er geglaubt hatte, denn bald sah er sich genötigt, abermals auf den Knien zu kriechen, dann wieder auf dem Leib zu rutschen, und dann mußte er sich sogar äußerst anstrengen, um überhaupt vorwärtszukommen.

Endlich, endlich steckte er den Kopf aus dem Loch, welches noch enger war als das des Eingangs; eine gewaltige Anstrengung, und Kiong Jang lag im Scheine der untergehenden Sonne im Freien, die Haut an Gesicht und Händen zwar zerfetzt, der Kleidung fast entblößt, aber mit jubelndem Herzen.

Es war eine Art von Tal oder Schlucht, wo er sich befand, ohne jede Vegetation, steinig und unbewohnt. Die Hauptsache für ihn war, daß in der Nähe eine Quelle floß, aus der er seinen brennenden Durst löschen konnte.

Dann brach er ohne zögern auf, wanderte des Nachts und hielt sich am Tage in Wäldern oder in Höhlen oder in Reisfeldern versteckt, weil er sich fürchtete, von den Thags verfolgt zu werden.

Als Kiong Jang von den Zuhörern gefragt wurde, warum er sich nicht beim Erreichen der ersten Stadt an den englischen Konsul um Schutz gewendet hätte, gestand er selbst offen, er hätte damals an einer Art von Verfolgungswahnsinn gelitten, in jedem ihm begegnenden Menschen hätte er einen ihn verfolgenden Thag geglaubt. Erst während der Seereise legte sich diese fixe Idee. Aber er konnte auch bestimmt behaupten, daß sich mehrere Male Thags in seine Nähe schlichen und ihn zu töten suchten; einmal entging er nur durch Zufall dem Tode.

Nach zwei Monaten brachten ihn seine nächtlichen Wanderungen an die Südostküste Indiens, wo er sich auf einem Dampfer als Heizer nach England verdingte. Nur ein stählerner Körper wie der Kiong Jangs könnte alle diese Strapazen ertragen, und dann auch noch wochenlang auf einem Schiffe vor den Feuern arbeiten; wie er aber mitgenommen worden war, das bewies sein Aussehen.

Am Tage vor Lady Carters Hochzeit traf er in London ein und suchte sofort Wilkens, seinen früheren Vorgesetzten, auf.

Wie schon erwähnt, dauerte die Erzählung des Chinesen tagelang, weil sie oft durch lange Verhöre und Beantwortungen von Fragen unterbrochen wurde. Bevor wir nun sehen, wie Kiong Jang durch den Scharfsinn Reihenfels, unterstützt von Hira Singh, eines ganz gewaltigen Irrtums überführt wurde, ohne welche Aufklärung ein Wiederfinden des Felsentempels gar nicht möglich gewesen wäre, ferner, was die Erzählung noch für ein anderes Resultat lieferte, welches sich Kiong Jang bis zuletzt aufsparte, wollen wir erst nach der Kirche zu Wanstead zurückkehren.

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